Blumenvase

Ich stand an die Wand gelehnt neben der geschlossenen Tür. Schon eine ganze Weile lang hatte ich den Mann im weißen Kittel beobachtet, der alleine im Raum und mit dem Rücken zur Tür an seinem Schreibtisch saß und arbeitete. Die ganze Szene erinnerte mich stark an meine Besuche bei Kurosu, obwohl dieser meine Anwesenheit sehr wohl bemerkt und mich nur strikt und einfach immer ignoriert hatte. Als ich mir sicher war, dass der Mann vor mir sich in nächster Zeit nicht umdrehen würde, gab ich mich schließlich zu erkennen.

„Hallo Shuichiro."

Er setzte sich stocksteif auf, als er meine Stimme hörte. Erst nach langen Sekunden drehte er sich schließlich um und starrte mich mit entsetzt aufgerissenen Augen an, als wäre ich ein Geist.

„Du existierst noch." Seine Worte waren eine Mischung aus überraschter Feststellung und ungläubiger Frage. Meine Vermutung traf wohl ins Schwarze.

„Es kommt auf die Definition von Existenz an, würde ich meinen" antwortete ich und teleportierte mich innerhalb eines Wimpernschlags auf die linke Seite der Tür. „Aber weshalb so überrascht?"

„Ich ging davon aus, dass nach den Ereignissen von Lost Christmas … Naja, es ist alles schief gelaufen, also dachte ich, dass Da'ath … also du … dich zurückgezogen hättest … oder aufgelöst …", antwortete er zögerlich und immer noch sichtlich erschrocken.

„Lost Christmas?", hakte ich mit hochgezogenen Augenbrauen nach.

Er nickte. „So wird der Vorfall vom 24. Dezember nun offiziell genannt. Was ist denn überhaupt passiert?", hakte er nach. Er schien sich langsam wieder von seinem Schrecken zu erholen, denn sein Gesicht nahm den üblichen gefassten und unerschütterlichen Ausdruck wieder an, den ich schon so gut kannte.

Ich seufzte tief. „Eva wurde an diesem Tag von ihrem gewählten Adam zurückgewiesen und der Gefühlsausbruch sorgte dafür, dass sie die Kontrolle über ihre Fähigkeiten verlor, die sie schlussendlich selbst zerstörten", fasste ich knapp zusammen. „Es hätte über kurz oder lang kaum verhindert werden können, Mana war einfach noch zu jung."

„Ich verstehe. Die Apokalypse ist also gescheitert, wie ich es vermutet hatte." Seine dunklen Augen bohrten sich in die meinen. „Weshalb tauchst du jetzt also nach über einem halben Jahr wieder bei mir auf?"

Ich erschrak bei diesen Worten, auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ. Ich hatte nicht die geringste Ahnung gehabt, dass ich mich so lange in der Unterwelt aufgehalten hatte. Anscheinend hatte mein Aufenthalt im Kokytos die Zeit viel schneller vergehen lassen, als ich vermutet hatte. Doch ich brauche mir keine Sorgen zu machen, beruhigte ich mich selbst. Der Wille der Menschheit leitet mich. Und dieser wollte anscheinend, dass sich die Dinge hier nach diesem unglücklichen Vorfall wohl erst wieder beruhigen.

„Ist das nicht offensichtlich?", antwortete ich leichthin. „Ich will dort weitermachen, wo wir damals aufgehört hatten." Ich stellte genüsslich fest, wie meine Worte Shuichiro erneut aus der Fassung brachten.

„Aber sagtest du nicht gerade, dass Mana Ouma an jenem Tag gestorben wäre?"

„Ja. Und?"

„Wie soll denn die Apokalypse ohne Eva stattfinden?"

Ich grinste breit, wohl wissend, wie Shuichiro reagieren würde. „Wir werden unsere verlorene Eva zurückholen und Mana Ouma wiederbeleben."

Shuichiro schwieg sehr lange, bevor er wieder ein Wort herausbrachte. „Dazu ist Da'ath wirklich fähig?"

„Es ist der Wille der Menschheit, der Eva so lange wiederauferstehen lässt, bis sie ihre Aufgabe erfüllt und die Apokalypse ausgelöst hat", antwortete ich. „Euer sogenanntes Lost Christmas war keine richtige Apokalypse, da nur ein kleiner Umkreis um Tokyo betroffen war und Mana nicht einmal einen Adam an ihrer Seite hatte." Ich dachte unweigerlich an das Geschehen auf der Aussichtsplattform, von der aus Mana doch tatsächlich die Apokalypse ohne ihren Adam hatte einleiten wollen, wenn nicht … Ja, wenn Scrooge es nicht verhindert hätte. Ich atmete tief ein und sprach dann weiter. „Normalerweise dauert eine solche Wiedergeburt nicht lange, doch eines deiner erschaffenen Monster, Scrooge, hält sie mit der Macht des Königs im Kokytos gefangen."

„Scrooge ist auch in die Sache verwickelt?!"

„Ganz genau." Ich legte den Kopf schief. „Und deshalb komme ich wieder zu dir, Shuichiro. Abgesehen davon, dass wir so etwas wie Geschäftspartner sind, ist es deiner Unfähigkeit als Wissenschaftler zuzurechnen, dass Scrooge mit seiner unvollständigen Macht des Königs ein solches Chaos anrichten konnte." Fast erwartete ich, dass er sich heftig rechtfertigen würde, doch diese Genugtuung gönnte er mir nicht. Er starrte mich nur schweigend an, auch wenn ich die Wut in seinem Inneren förmlich brodeln hören konnte. „Doch auch wenn Scrooge ihre Wiederauferstehung behindert", fuhr ich schließlich fort, „kann er sie letzten Endes doch nicht verhindern. Wirst du mir helfen, Shuichiro?"

„Meine Ziele haben sich seither nicht geändert", erwiderte er nach kurzem Zögern. „Ich will die Apokalypse noch immer mit eigenen Augen sehen. Also ja, ich helfe dir. Was hast du vor?"

Statt zu antworten, teleportierte ich mich auf seinen Arbeitstisch, sodass er sich zu mir umdrehen musste. Entspannt lehnte ich mich zurück und schlug die Beine übereinander, um ihn schließlich mit meinen eisblauen Augen zu fixieren. „Erzähl mir zuerst, was sich seit dem Vorfall alles zugetragen hat. Das hier ist nicht dein altes Büro im Versuchslabor. Wurde es zerstört?"

„Es gab tiefgreifende politische Veränderungen." Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich ebenfalls in seinem Stuhl zurück. „Lost Christmas verteilte den Virus über ganz Japan und löste rund um Tokyo eine Epidemie aus. Unzählige Menschen starben sofort, viele andere entwickelten starke Symptome. Roppongi wurde vollständig vernichtet. Der nationale Notstand wurde noch am selben Tag ausgerufen und die UN, die Vereinten Nationen, traten auf den Plan. Sie haben finanzielle und personelle Mittel bereitgestellt und die sogenannte GHQ gegründet, eine Organisation mit uneingeschränkter Befehlsgewalt über jeden staatlichen und militärischen Bereich Japans." Er breitete die Arme aus. „Und wir befinden uns hier in ihrem Hauptquartier. Es ist noch lange nicht fertiggestellt, doch am Ende wird es als riesiger Komplex sowohl ein Militärgelände als auch mehrere Forschungseinrichtungen, ein Krankenhaus, einige …"

„Was ist deine Aufgabe?", unterbrach ich seine Ausführungen.

„Als hochangesehener Wissenschaftler wurde ich gebeten, die Leitung einer Quarantäneeinheit zu übernehmen, deren Mitglieder sich Anti Bodies nennen. Wir haben die Befugnis, jeden Infizierten sofort zu eliminieren."

Ich hob erstaunt die Augenbrauen. „Ich dachte, nach den Ereignissen von Lost Christmas wäre jeder infiziert?"

Shuichiro schüttelte den Kopf. „Es wurde schon bald ein Impf- bzw. Schutzstoff gefunden, der die Entwicklung von Symptomen unterdrückt, wenn man ihn sich regelmäßig spritzt und der Krebs nicht schon zu weit fortgeschritten ist. Die Forschungseinrichtung Sephira Genomics ist für seine Produktion und alle weiteren Untersuchungen bezüglich des Apokalypse-Virus zuständig und ebenfalls hier stationiert." Sein Blick wurde hart. „Haruka leitet diese Abteilung."

Ich lächelte süffisant. „Hat dir deine Schwester den Mord an ihrem Gatten schon verziehen?" Shuichiro sah mich entsetzt an. Anscheinend hatte er nicht damit gerechnet, dass ich im Besitz dieser Information war. Ich sah ihn krampfhaft schlucken, seine Hände zitterten leicht.

„Woher … weißt du das?"

„Scrooge hat es damals erwähnt", antwortete ich knapp.

„Ich verstehe." Er schluckte erneut. „Und nein, Haruka kennt den Täter nicht. Sie hat sich freiwillig dort gemeldet, um … Kurosus Werk fortzusetzen."

Ich seufzte tief auf. Die Familie Ouma machte mir wirklich nur Probleme. Jeder einzelne von ihnen. Doch ich hatte gehört, was ich hören wollte, und war zufrieden. „Du bist also in einer leitenden Position – damit können wir gut arbeiten, denke ich." Ich teleportierte mich wieder zur Tür, vergrub die Hände in meinen Manteltaschen und ging im Raum auf und ab, während ich tief in Gedanken versunken war.

„Was hast du also vor?", fragte Shuichiro nach einer Weile. „Wie können wir Mana wiederbeleben, wenn sie sich doch selbst vernichtet hat?"

„Ich brauche einen Raum." Ich blieb stehen und fixierte ihn. „Einen sehr großen Raum, den nie jemand betreten wird." Er sah mich kurz erstaunt an, doch dann nickte er.

„Ich werde ihn in Auftrag geben unter dem Vorwand, ihn für streng geheime Forschungszwecke zu benötigen. Da die Bauarbeiten ohnehin noch in vollem Gange sind, sollte das kein Problem darstellen und auch nicht weiter auffallen."

„Gut." Ich setzte meinen Gang fort. „Ich werde eine Verbindung von dieser Welt in den Kokytos herstellen und somit Manas Bewusstsein hierher transferieren. Scrooge kann zwar ihren Körper festhalten, aber nicht ihre Seele."

„Reicht denn Evas Bewusstsein aus, um die Apokalypse zu beginnen?", hakte Shuichiro nach.

„Nein." Ich blieb abermals stehen und wandte lächelnd den Kopf zur Seite. „Und an dieser Stelle kommst du ins Spiel, Shuichiro. Du wirst einen Körper für Mana erschaffen."

Jeder andere an seiner Stelle hätte mich nur entsetzt angestarrt und stotternd versucht zu erklären, dass das unmöglich sei. Nicht so Shuichiro. Er hatte bereits lebenden Wesen weitaus schlimmere Dinge angetan, um einen Adam zu erschaffen, von daher war die Kreation eines menschlichen Körpers sicherlich keine große Herausforderung für ihn. Dennoch überraschte mich seine Seriosität in diesem Moment. Er musterte mich abschätzig, ehe er seine Frage stellte.

„Weshalb einen Körper neu erschaffen und keinen existenten verwenden?"

„Weil ein bereits existenter Körper ein Bewusstsein hat", erklärte ich sachlich. „Es ist bereits eine Person mit Erinnerungen, Gedanken und Gefühlen. Ein fremdes Bewusstsein könnte sich dort unmöglich einnisten. Und das führt uns zu einer weiteren Einschränkung …" Ich legte eine kurze Sprechpause ein und musterte ihn. „Wir müssen gewährleisten, dass der Körper ihr Bewusstsein nicht abstößt, sondern wieder perfekt mit ihm verschmilzt."

„Ein Klon also", führte Shuichiro meinen Gedanken zu Ende. „Ich habe Manas DNA von den damaligen Tests noch. Die Probe sollte für einen Klon reichen."

„Hervorragend."

„Gehe ich recht in der Annahme, dass der Körper das exakte Alter zum Zeitpunkt ihres Todes haben muss?"

„Etwas älter darf er ruhig sein", winkte ich leichtfertig ab. „Ihr Bewusstsein wird sich im Kokytos wohl noch etwas weiterentwickeln, doch diese zeitliche Differenz wird einer Fusion nicht im Wege stehen, obgleich sie ohnehin nicht exakt zu bestimmen ist." Shuichiro nickte und drehte sich zu seinem Arbeitstisch um, wo er sich einige Notizen zu machen schien. „Und misch Manas DNA mit der von Carol", fügte ich hinzu, woraufhin er sich mit hochgezogenen Augenbrauen zu mir umwandte.

„Weshalb? Wäre ein reiner Klon nicht besser geeignet?"

„Wir haben keine andere Wahl." Ich sah vor meinem inneren Auge die Szene von damals vor mir, als der Junge namens Triton Mana mit ihren Symptomen konfrontiert hatte. „Manas Körper war damals bereits selbst von dem Virus infiziert. Es wäre dumm, diesen schon halb zerstörten Körper nochmals zu züchten. Carol hingegen war gegen den Virus immun, weshalb sie als einzige von Scrooges rechter Hand berührt werden konnte, ohne sofort zu kristallisieren. Füg so viel von Carols DNA hinzu, bis Manas DNA nicht mehr vom Virus infiziert ist, nicht mehr."

„In Ordnung." Er wandte sich wieder seinen Notizen zu. Nach einer Weile stillen Arbeitens verkündete er schließlich sein Ergebnis. „Selbst wenn mir die Räumlichkeiten und Geräte bereits zur Verfügung stünden, die ich dafür bräuchte", betonte er, „und der beschleunigte Wachstumsprozess schon miteinberechnet ist, der ohne zu große genetische Veränderung angewandt werden kann, wird es zwischen sieben und neun Jahren dauern, einen neuen Körper mit diesen Voraussetzungen zu erschaffen."

„Für Da'ath spielt Zeit keine Rolle", entgegnete ich und lächelte. „Es zählen nur Ergebnisse. Kannst du uns Ergebnisse liefern, Shuichiro?"

Sein Blick wurde finster. Er drehte sich zu seinem Schreibtisch um und holte etwas aus einer der Schubladen, das er mir zuwarf. Es war ein schwarzes Notizbuch, auf dessen Einband in goldener Schrift „2022 – 2032" stand.

„Das ist Kurosus Notizbuch", erklärte er grimmig. „Darin ist detailliert aufgeführt, wie man das Void-Genom erschaffen kann, deine Macht des Königs."

Ich betrachtete das Notizbuch noch eine Weile, dann warf ich es ihm stumm zurück, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. „Dann hat Kurosu es also tatsächlich geschafft. Und du schmückst dich jetzt mit seinen Lorbeeren?" Zu meinem Erstaunen breitete sich ein leises Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Ich dachte, für Da'ath zählen nur Ergebnisse?"

Ich musste unwillkürlich grinsen. „Das ist wahr. Es liegt mir ohnehin fern, deine Methoden zu kritisieren, solange du schlussendlich die verlangten Resultate lieferst. Aber zuerst müssen wir uns um unsere Königin kümmern. Die Macht des Königs kann warten. Das Void-Genom ist ohnehin nur die Grundlage davon und hat darüber hinaus keinen Nutzen ohne einen passenden Kandidaten für Adam, und da Shu tot ist …"

„Er ist nicht tot", unterbrach er mich und ich hielt erstaunt inne. „Er hat die Apokalypse überlebt. Meine Schwester Haruka sorgt immer noch für ihn."

„Wie ist das möglich?", gab ich zurück, hatte ich ihn doch direkt vor Mana stehen sehen, kurz bevor sie sich selbst und alles um sie herum zerstört hatte.

„Er wurde damals unter den Trümmern einer eingestürzten Kapelle in Roppongi gefunden", antwortete er. „Unter den Trümmern konnten auch Teile von Pasts rotem Kampf-Endlave identifiziert werden, daher denke ich …"

„Der berühmte Mutterinstinkt", warf ich ein und lachte, auch wenn ich noch nicht wusste, ob Past mir einen Gefallen damit getan hatte, ausgerechnet den Jungen gerettet zu haben, der Evas Liebe zurückgewiesen hatte. Shuichiro schien meine Gedanken zu erraten.

„Er hat allerdings sein Gedächtnis verloren", ergänzte er. „Wahrscheinlich eine Schutzreaktion aufgrund des Traumas. Er weiß nicht einmal mehr, dass er eine Schwester hatte, hat Haruka mir mitgeteilt."

„Nun gut, dann müssen wir uns wohl nicht mehr weiter um ihn kümmern", entgegnete ich leichthin. „Er scheidet definitiv als Adam aus. Ich werde mich zu gegebener Zeit um einen neuen kümmern." Ich wollte mich schon zur Tür wenden, als mir noch etwas einfiel. „Es scheint so, als ob all meine Geister entweder tot oder für immer im Kokytos gefangen sind. Was ist aus deinen anderen Versuchsobjekten geworden?" Da nun die Formel zur Konstruktion des Void Genoms gefunden war, war die damalige Forschungseinrichtung nun kaum mehr von Nutzen. Allerdings wollte ich sichergehen, dass es in Zukunft keine weiteren Zwischenfälle mit ungebetenen Monstern geben würde. Scrooge hatte genug Chaos angerichtet.

„Ich habe mich schon lange darum gekümmert." Shuichiros Augen blitzen kurz auf. „Oder denkst du wirklich, dass die UN mich in eine leitende Position beordert hätte, wenn sie von meinen kleinen Experimenten erfahren hätte? Ich habe alle Spuren beseitigt."

Ich nickte zufrieden. Welch eiskalter Mann du doch bist, Shuichiro.

„Dann überlasse ich dir die Dinge hier für eine Weile." Ich ging entspannt auf die Zimmertür zu, als ob ich wirklich vorhätte, sie auch zu benutzen, als mir plötzlich noch etwas einfiel. Auf der Stelle blieb ich stehen und wandte meinen Kopf nur soweit zur Seite, dass er mich gut verstehen konnte. „Auch wenn Kurosu nicht mit uns kooperieren wollte, lass dir eins gesagt sein, Shuichiro: Beseitige nie wieder jemanden in Eigeninitiative, für den Da'ath etwas übrig hat, verstanden?" Ohne seine Antwort abzuwarten, teleportierte ich mich weg und ließ ihn erstarrt allein zurück.

. . .

. . .

Das Material unter meinen Fingern fühlte sich kalt und hart an. Obwohl die Außenfläche des Behältnisses völlig glatt war, schien es innen kantig und uneben zu sein. Türkisfarbene Lichtpunkte zuckten wie Blitze über die Oberfläche und ließen den Anblick fast surreal wirken. Die durcheinanderwirbelnden Sphären und das helle Licht, das von innen nach außen strahlte, ließen die Gestalt im Inneren des Behältnisses nur verschwommen erkennen.

„Wie alt ist das Gefäß bereits?", fragte ich den Mann hinter mir, ohne meine Augen von den rosa Haaren abzuwenden.

„Schwer zu sagen", antworte Shuichiro und blätterte einige Unterlagen auf seinem Klemmbrett durch. „Der Wachstumsbeschleuniger wirkt nicht konstant und verfälscht daher die Ergebnisse. Etwa 12 oder 13 Jahre."

„Sehr gut." Zufrieden lächelnd warf ich einen letzten Blick auf das schlafende Mädchen, das in dem Behältnis wie in einem schützenden Kokon schwebte, und wandte mich dann Shuichiro zu. „Gab es irgendwelche Probleme bisher?"

„Keine."

„Ihre Haarfarbe scheint etwas heller zu sein als die von Mana."

„Das liegt an Carols Genen", entgegnete er. „Doch die Übereinstimmung mit Manas DNA beträgt über 93 Prozent."

Ich nickte. „Das ist ausreichend. Ich denke, das Gefäß ist nun soweit, dass wir demnächst einen ersten Kontakt mit Manas Bewusstsein aufnehmen können. Der Raum ist vorbereitet?"

„Schon seit einer ganzen Weile."

Ich nickte erneut stumm und wandte mich wieder dem Behältnis zu. Ich wollte zuerst erneut die Hand ausstrecken, entschied mich dann aber doch dazu, sie in den Tiefen meiner Manteltaschen zu vergraben. „Dann können wir unserer wunderschönen Königin also mitteilen, dass wir eine passende Vase für sie gefunden haben, durch die sie bald wieder in dieser Welt erblühen kann. "