Alles oder nichts

„Wie fühlst du dich heute, Mana?" Ich ging um den kristallähnlichen Kokon herum und betrachtete das darin schlafende Mädchen, das seine Augen noch nie geöffnet hatte.

„Mir ist schrecklich langweilig", antwortete sie. Ihre Stimme hallte durch den ganzen Raum, ohne dass eine konkrete Quelle ausgemacht hätte werden können. Der Mund des schlafenden Mädchens bewegte sich nicht. „Und es ist immer noch dunkel!"

„Es wird noch eine Weile dauern, bis die Verbindung zum Kokytos stabil genug ist, damit du den neuen Körper übernehmen kannst", antwortete ich sanft. „Hab bitte noch etwas Geduld, meine Liebe."

„Mir ist aber langweilig!", wiederholte sie gereizt. „Ich will endlich hier raus! Und ich will … Shu …" Ihre Stimme wurde zögerlich, beinahe weinerlich. „Ich will, dass Shu bei mir ist …"

Ich atmete tief ein. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie Shu ansprechen würde, doch ich war darauf vorbereitet. „Er weiß doch deine Liebe gar nicht zu schätzen", redete ich sanft auf sie ein. „Ich werde jemanden für dich finden, der deiner würdig ist, einverstanden?"

Eine lange Pause folgte, in der Mana zu überlegen schien. Ich ließ währenddessen meinen Blick durch den Raum schweifen, den Shuichiro für meine Zwecke hatte bauen lassen. Die lange Treppe war bereits fertiggestellt und erinnerte mehr denn je an die Tiefen des Kokytos, auch wenn Manas Projektion am Ende der Treppe noch fehlte. Der Raum wirkte so viel größer ohne Scrooge, Carol und ihre Dornenranke, die überall gewuchert hatte.

„Wenn Shu mich um Verzeihung bitten würde, würde ich ihm verzeihen", sagte Mana schließlich leise.

„Das ist wirklich sehr großzügig von dir", merkte ich an. „Aber ich denke –"

„Ich vermisse ihn so schrecklich …", redete sie weiter, als hätte sie mich nicht gehört. „Warum bist du nicht an meiner Seite, Shu? Ach Shu …" Ihre Worte wurden immer leiser und versiegten nach einem tiefen Schluchzer schließlich völlig. Die Verbindung war abgerissen.

Ich verharrte einen Moment an der Stelle, wo ich stand, dann teleportierte ich mich zur Treppe und setzte mich auf die oberste Stufe. Mein Blick fixierte das türkis leuchtende Behältnis am Fuße der Treppe, das aus dieser Höhe und Entfernung nur noch die Größe einer Murmel hatte. Im Moment konnte ich nichts weiter tun, als abzuwarten, bis Shuichiro die passenden Resonanzen in diesem Raum hergestellt hatte, damit Manas Bewusstsein sich hier manifestieren konnte. Erst wenn die Verbindung von diesem Raum in den Kokytos perfekt war, konnte ihr Bewusstsein mit dem hergestellten Körper verschmelzen.

Sie hängt immer noch stark an ihrem alten Adam … Das ist nicht gut. Ich fuhr mit beiden Händen durch meine strohblonden Haare und richtete meinen Blick dann nach oben, wo die Decke in tiefer Dunkelheit verschwand. Spontan erschuf ich ein paar helle Lichtpunkte, um die Eintönigkeit etwas aufzulockern. Worte werden nicht mehr ausreichen, um sie von ihrer festgefahrenen Meinung abzubringen. Ich brauche eine Alternative, einen neuen Adam, auf den sie sich fixieren kann. Die Decke ähnelte inzwischen beinahe einem Sternenhimmel – jeder Stern ein möglicher Adam. Ich schloss die Augen und horchte in die Stille hinein.

Schick noch ein paar Leute als Verstärkung mit, nicht dass sie uns in den Rücken fallen.'

Ich kümmere mich sofort darum.'

Überrascht riss ich die Augen wieder auf, als ich zwei verschiedene Stimmen klar und deutlich vernehmen konnte. Verschiedenste Gedanken fuhren mir durch den Kopf. Hatte ich mir bisher nie die Zeit genommen, in Ruhe in mich zu gehen, und die Stimmen bisher einfach überhört? Oder war das alles nur ein großer Zufall? Oder hat der Wille der Menschheit mir bewusst einen Weg aufgezeigt, als ich nach einem suchte …?

Ich zwang mich, diese Überlegungen vorerst hintenanzustellen, da es keine Zeit zu verlieren galt. Ich stand auf und streckte die Hand aus, auf deren Rücken das Zeichen der Macht des Königs bereits hell leuchtete. Dann trat ich durch das Portal.

Fast schon hatte ich befürchtet, dass Manas Partnerwunsch nicht nur ihr Wille, sondern auch der Wille der Menschheit war, und mich das Portal geradewegs zu Shu Ouma führen würde. Doch meine Zweifel wurden schnell zerstreut, als ich in einem kleinen dunklen Büro landete. Außer einem Schreibtisch, einem Eckschrank und wenigen Stühlen war der Raum leer. Ich hatte kaum die Zeit gefunden, mich darüber zu wundern, als ein schmaler Lichtstreifen auf den Boden fiel und immer breiter wurde – die Zimmertür wurde geöffnet. Ohne das Licht einzuschalten trat jemand ein und schloss die Tür wieder hinter sich.

Der Bruchteil einer Sekunde, in der das Licht von draußen auf das Gesicht der eintretenden Person fiel, als sie sich wieder zur Tür umdrehte, um diese zu schließen, genügte mir, um herauszufinden, wen ich vor mir hatte.

Natürlich.

Mir war nie in den Sinn gekommen, dass er auch überlebt haben könnte.

Die Tür fiel mit einem klickenden Geräusch ins Schloss. Fast gleichzeitig ging das Licht an.

„Hallo Triton."

In einer fließenden Bewegung wandte er sich um und zog gleichzeitig seine Pistole. Er reagierte so schnell, dass ich mir beinahe sicher war, dass er mich schon beim Eintreten bemerkt hatte. Seine blauen Augen bohrten sich in die meinen, während der Lauf seiner Waffe auf meinen Kopf gerichtet war. Sein Gesicht war völlig ausdruckslos, doch seine langen blonden Haare und sein entschlossener Blick verliehen ihm das Aussehen eines wilden Löwen, in dessen Territorium ich unbefugt eingedrungen war. Auch wenn bereits einige Jahre vergangen waren und sich sein Aussehen inzwischen geändert hatte, gab es keinen Zweifel, dass der Mann vor mir Manas kleiner Spielgefährte von damals war.

„So hat mich schon seit sehr langer Zeit niemand mehr genannt." Seine Stimme war ruhig, beinahe gelassen. „Wer bist du?"

„Du kannst mich Da'ath nennen. Da'ath Grabwächter, wenn du so willst", setzte ich scherzhaft hinzu, als ich daran dachte, dass meine Arbeit in letzter Zeit wirklich ausschließlich darin bestand, eine Verbindung vom Kokytos – Manas Grab – in diese Welt herzustellen und ich solange über ihr Bewusstsein wachte. Allzu schade, dass er diesen Witz nicht verstand. Zumindest noch nicht. „Es freut mich zu sehen, dass du Lost Christmas überlebt hast", redete ich munter weiter. „Ich muss gestehen, dass ich niemals auf den Gedanken gekommen bin, dass Past damals nicht nur Shu, sondern auch dich gerettet hatte, als Mana die Kontrolle verloren hatte." Als ich Manas Namen erwähnte, weiteten sich seine Augen fast unmerklich.

„Was weißt du von Mana? Woher –", begann er, als plötzlich eine dumpfe Stimme zu vernehmen war.

„Ich wollte noch was fragen, Gai …"

Jemand wollte eintreten, aber da Triton direkt vor der Tür stehen geblieben war, ließ diese sich nur einen Spalt breit öffnen. Er wirkte viel zu erfahren, als dass er sich von so etwas hätte ablenken lassen. Doch bereits der kurze Augenblick, in dem er überrascht blinzelte, als die Tür in seinem Rücken stoppte, genügte mir, um mich in den Schatten zurückzuziehen. Ohne seinen Kopf großartig zu bewegen, scannten seine Augen blitzschnell den Raum. Dann ließ er die Waffe sinken und trat einen Schritt vor, woraufhin die Tür noch etwas weiter geöffnet wurde. Der Kopf eines dunkelhaarigen Mädchens wurde hereingestreckt.

„Warum stehst du denn direkt vor der Tür, sag mal?!", beschwerte sie sich mit düsterem Blick. Dann trat sie ein, stemmte die Hände in die Hüften und holte gerade tief Luft, als sie bemerkte, dass er seine Waffe wieder einsteckte. „Ist alles in Ordnung?", fragte sie mit gerunzelter Stirn und ließ ihren Blick beunruhigt durch den Raum schweifen. „Ich dachte, dass ich Stimmen hier drin gehört hätte …"

„Alles in Ordnung", entgegnete er und setzte sich an seinen Schreibtisch. Auf dem Weg dorthin zuckten seine Augen ruhelos hin und her. Er stützte seine Ellbogen auf der Tischplatte auf und legte die Fingerspitzen aneinander. „Was gibt es, Tsugumi?"

Sie sah ihn kurz verwundert an, zuckte dann mit den Schultern und holte abermals tief Luft. „Ich wollte fragen, ob du Aya wirklich nicht als Verstärkung dabei haben willst. Immerhin sind dort auch Endlaves stationiert und wenn –"

„Diesmal nicht", unterbrach er sie knapp. „Das ist eine verdeckte Mission. Entweder sie bleiben unentdeckt und sind erfolgreich, oder sie werden entdeckt und sterben. Wir können es uns nicht leisten, in solch einer Mission unseren einzigen Endlave zu verlieren. Alles oder nichts, Tsugumi."

Das Mädchen machte zuerst Anstalten, etwas erwidern zu wollen, biss sich dann aber auf die Unterlippe und nickte. „Ich verstehe, Gai", sagte sie tonlos, drehte sich dann um und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.

„Alles oder nichts – eine sehr gewagte Taktik für einen Anführer, zu dem du dich anscheinend erkoren hast, Gai." Ich manifestierte mich an der Tür, kaum dass diese wieder geschlossen war. Mit den Händen in den Manteltaschen grinste ich ihn frech an. „Ist dir dein alter Name wieder eingefallen oder hast du ihn dir ausgedacht?"

„Du bist kein Mensch", stellte er nüchtern fest, ohne auf meine Frage einzugehen, kein bisschen überrascht, mich wiederzusehen. Entspannt lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und fixierte mich mit seinen blauen Augen. „Was bist du also dann, Da'ath Grabwächter?"

„Ich bin der personifizierte Wille der Menschheit und ich möchte dir ein Angebot machen, das dich zu einem wahren König erheben wird, sofern du es nicht ablehnst." Ich ging langsam um den Schreibtisch herum und blieb schließlich hinter ihm stehen. Seine Selbstbeherrschung war so groß, dass er sich nicht zu mir umwandte, sondern bewegungslos auf seinem Stuhl verharrte. Er schien wirklich der perfekte Ruhepol für Manas wildes Wesen zu sein.

„Ich habe kein Interesse daran, König zu sein", entgegnete er ruhig.

Ich lächelte und teleportierte mich vor ihn. Dann stützte ich mich mit beiden Armen auf der Tischplatte auf und beugte mich vor. „Selbst dann nicht, wenn deine Königin Mana wäre?" Genüsslich beobachtete ich zum ersten Mal eine echte Reaktion von ihm. Seine Augen weiteten sich ungläubig, während er sich stocksteif aufrichtete.

„Unmöglich!", presste er schließlich heraus. „Mana ist an Lost Christmas gestorben."

„Da'ath ist eine Organisation, die die natürliche Selektion und Evolution überwacht." Ich richtete mich ebenfalls wieder auf und legte den Kopf schief. „Wir werden Mana wiedererwecken, damit sie das zu Ende bringt, was sie an Lost Christmas begonnen hatte."

Es entstand eine lange Pause, in der wir uns nur stumm anstarrten. „Wie?", fragte er schließlich.

Lächelnd schnippte ich mit den Fingern. Mitten im Raum entstand eine Projektion, die das türkisfarbene Behältnis zeigte, in dessen Inneren schemenhaft das schlafende Mädchen mit den rosa Haaren zu erkennen war. Gai erhob sich langsam und trat wie in Trance an die Projektion heran. In seinen weit aufgerissenen Augen spiegelte sich das kristallene Behältnis.

„Wir haben aus Manas DNA einen neuen Körper erschaffen, in den wir in Kürze ihr Bewusstsein transferieren werden", erklärte ich und sah zu, wie er mit zögerlichen Schritten um die Projektion herumging. „Dein Vater, Shuichiro Keido, hat mir dabei geholfen, falls es dich interessiert", setzte ich hinzu und beobachtete, wie seine Augen zu mir huschten und sich zu Schlitzen verengten.

„Keido …" Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Hatten die vielen Experimente mit dem Virus damals etwa auch mit all dem hier zu tun?"

Ich nickte. „Ganz recht. Mana ist dazu auserwählt, als Eva die Apokalypse über diese Welt zu bringen, und Shuichiro hat in meinem Auftrag versucht, einen passenden Adam für sie zu finden. Unnötig zu erwähnen, dass er kläglich gescheitert ist", setzte ich hinzu und teleportierte mich auf den Schreibtisch, wo ich die Beine übereinanderschlug und ihn weiterhin beobachtete. „Daher kümmere ich mich nun selbst darum. Aber wie du siehst, ist es kein blanker Zufall, dass ich bei dir auftauche. Dein Schicksal ist schon seit damals eng mit Manas verknüpft."

Er starrte noch eine Weile auf die Projektion, dann schloss er lächelnd die Augen und wandte sich ab. Die Arme vor der Brust verschränkt musterte er mich. „Ich soll dir also dabei helfen, die Welt zu vernichten", stellte er fest.

„Die Apokalypse hängt nicht von deiner Mithilfe ab", widersprach ich und zuckte mit den Schultern. „Die natürliche Selektion wird ihren Lauf nehmen, dafür wird Eva sorgen. Deine Aufgabe wird es lediglich sein, sie während der Apokalypse zu beschützen, und als König an ihrer Seite die Menschheit auf eine neue Evolutionsstufe zu erheben. Erwidere Manas Liebe." Ich grinste süffisant. „Sie hat so viel zu geben …"

„Das ist nicht Mana, von der du sprichst." Sein Blick wurde hart. „Der Virus hat Besitz von ihr ergriffen und sie verrückt gemacht. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sie damals Shu als ihren Adam wollte – oder nicht?" Nun war es an ihm, süffisant zu grinsen, was mir ein Schnauben entlockte.

„Manas Wünsche sind nicht mehr von Belang. Doch ist es nicht dein innerstes Bedürfnis, Mana zur Seite zu stehen? Bist du nicht derjenige, der sich damals um sie sorgte?" Ich sprang vom Tisch und schnippte erneut. Die Projektion änderte sich und zeigte nun Mana, wie sie schlafend in ihrem Kokon im Kokytos schwebte, von Dornenranken umschlungen. Gai wandte sich langsam um und ich konnte auf seinem sonst so ausdruckslosen Gesicht die verschiedensten Emotionen ablesen: Erleichterung, Sehnsucht, Zweifel, Angst. „Sie hat dir damals das Leben gerettet, als du deinem Schicksal entkommen wolltest und aus dem Versuchslabor geflüchtet bist", redete ich weiter. „Und sie hat dir abermals das Leben gerettet, als du sie in jener Nacht auf den Virus angesprochen hast." Er blickte mich erstaunt an. „Ja, ich war anwesend in jener Nacht", bestätigte ich und durchbohrte ihn mit meinem Blick. „Und ich wäre fast eingeschritten, wenn Mana mir nicht zuvorgekommen wäre. Denkst du nicht, dass du ihr etwas schuldig bist, Triton?" Mit diesen Worten ließ ich die Projektion wieder verschwinden.

Er starrte noch eine ganze Weile zu Boden, bis er sich schließlich umwandte und sich stumm wieder hinter den Schreibtisch setzte. Er stützte seine Ellbogen auf dem Tisch auf und bedeckte mit seinen behandschuhten Händen seine Augen, sodass ich nur ein leichtes Lächeln erkennen konnte. „Du hast recht", sagte er schließlich tonlos, aber ohne seine Position zu ändern. „Ich bin ihr sehr viel schuldig. Alles."

Ein dumpfes Geräusch ertönte, als ich etwas auf den Tisch legte und es unter meiner flachen Handfläche zu ihm hinschob. „Ich gebe dir eine Woche Zeit, dann erwarte ich deine endgültige Antwort." Ich zog meine Hand zurück. Das Licht der Zimmerlampe reflektierte sich spärlich an dem silbernen Kreuzanhänger, den Mana immer an einer Kette um den Hals getragen hatte. Gai rührte sich immer noch nicht, doch ich glaubte, genau zu wissen, was bei diesem Anblick in ihm vorging. Ich hatte nun schon so viele Jahre lang mit den verschiedensten Menschen zu tun gehabt, dass ich mir absolut sicher war, dass dieser junge Mann vor mir seine Schuld gegenüber Mana begleichen würde – was es auch kostete.

„Eine Woche", wiederholte ich nachdrücklich. „Ja oder nein. Alles oder nichts." Mit diesen Worten zog ich mich in den Schatten zurück. Ich wartete noch eine Weile unerkannt im Raum, um seine Reaktion abzuwarten, doch selbst nach einigen Minuten verharrte er reglos in dieser Position. Mit einem Kopfschütteln und einem letzten Blick ließ ich ihn schließlich allein.

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„Ich werde umgehend General Yan in Kenntnis setzen. Es muss eine Spezialeinheit gebildet werden und Endlaves rund um –"

„Nur nichts überstürzen, Shuichiro", beruhigte ich den in die Jahre gekommenen Mann mit grauem Haar und Schnauzbart. „Du willst doch nicht wirklich die GHQ in deine kleinen illegalen Machenschaften einweihen, die in ihrem eigenen Hauptgebäude vonstattengehen, oder?"

„Aber irgendetwas müssen wir tun!", rief er aufgebracht. Ich konnte ihm seine Wut kaum verübeln, sah er sich doch kurz vor seinem Ziel nun abermals scheitern und seine jahrelange Arbeit in nur einem Augenblick in Scherben vor sich liegen.

Ich richtete meinen Blick nach schräg oben, wo ein gewaltiges Loch in die Außenwand gesprengt worden war. Ich konnte ein Stück hellblauen Himmels sehen. Es war unsinnig, einen Raum bewachen zu lassen, von dem niemand wusste, weswegen der Einbruch und die darauf folgende Flucht ein Leichtes gewesen sein mussten. Schließlich näherte ich mich dem kristallenen Behältnis, dessen inneres Leuchten vollständig verschwunden war. Ein großes Loch klaffte in der der Raummitte zugewandten Seite, dessen Rand zackig und gefährlich scharfkantig schien. Scherben und Kristallsplitter knarzten unter meinen Schuhen, als ich direkt davor trat und hineinspähte.

Das Behältnis war leer.

„Was sollen wir nur tun?" Shuichiros Stimme klang nun mehr verzweifelt als wütend. „All die jahrelange Arbeit … alles umsonst …"

„Ohne den Körper können wir nicht mehr mit Mana kommunizieren", sagte ich und musterte nebenbei die Innenfläche des Behältnisses, die im Gegensatz zur glatten Außenfläche wirklich mehr die kantige Struktur eines Kristalls hatte. „Doch das ist kein großer Verlust. Ich bin ihre Jammerei ohnehin inzwischen leid, du nicht auch?"

„Aber ihre Wiedergeburt!", warf er ein, doch ich unterbrach ihn sofort.

„Sie wird wie geplant stattfinden. Zu gegebener Zeit werde ich den Körper wieder hierher bringen. Es ist jetzt wichtig, Ruhe zu bewahren und den Raum weiter vorzubereiten. Und das Loch in der Wand zu reparieren", fügte ich hinzu und deutete darauf, ohne mich umzuwenden. Am Boden des Behältnisses hatte etwas meine Aufmerksamkeit erregt und ich bückte mich danach.

Es war ein zusammengefaltetes Stück Papier.

Ich richtete mich wieder auf und faltete es auseinander. Mit jeder neuen Zeile, die ich las, wurde mein Grinsen breiter. Schließlich lachte ich laut auf, was Shuichiro hinter mir zusammenzucken ließ.

„Was ist bitte so lustig?", fragte er mit düsterer Stimme.

„Ein neues Spiel hat begonnen, Shuichiro." Ich drehte mich mit funkelnden Augen zu ihm um. Ich war genauso aufgeregt wie damals, als Kurosu mein Angebot einer Zusammenarbeit ausgeschlagen hatte. Nach so langer Zeit wurde es endlich wieder interessant. „Auch der zweite Kandidat hat seine Krönung zum König verweigert. Dein Sohn hat uns eine Kriegserklärung hinterlassen", teilte ich ihm mit und ließ mit einer kleinen Handbewegung das Stück Papier zu Shuichiro schweben. Dieser sah mich stirnrunzelnd an, bis er es schließlich entgegennahm und die in elegant geschwungenen Buchstaben verfasste Nachricht las.

Ich werde meine Pflicht erfüllen und Mana zur Seite stehen.

Ich sorge dafür, dass sie weiterhin in Frieden ruhen kann.

Ich wähle alles und lasse euch nichts.

Meine Antwort ist nein.

Gai T.