Die schlafende Braut
Die künstlich erschaffene und verstärkte Resonanz, die Manas Gesang so perfekt imitierte, war schon längst verstummt, doch ich saß immer noch auf dem Fenstersims und sah durch die Glasscheibe auf die Stadt unter mir hinab. Auch die violetten Energiewellen waren verschwunden, als Shuichiro den Stein mit sich nach Roppongi genommen hatte, und ließen den Himmel pechschwarz zurück. So sehr ich den Anblick der untergehenden Welt auch genoss, es wurde langsam Zeit, mich auf den Weg zu machen.
Seit geraumer Zeit pulsierte mein ganzer Körper im Takt von Manas Herzschlag.
Die schlafende Braut wollte geweckt werden.
Voller Tatendrang sprang ich vom Fenstersims und streckte meine Hand aus. Während das Symbol auf meinem rechten Handrücken bereits hell aufleuchtete, warf ich einen letzten Blick aus dem Fenster. Zu meiner großen Verwunderung stellte ich fest, dass plötzlich leuchtend hellblaue Kreise den schwarzen Himmel durchzogen, die sich immer weiter ausbreiteten. Gleichzeitig schwebten kleinste Partikel derselben Farbe wie Schneeflocken zu Boden, bis schließlich der Himmel wieder hell und klar war.
„Was geht hier vor …?", murmelte ich gerade stirnrunzelnd, als ganz leise ein Lied an meine Ohren drang. Ich hatte kaum Zeit, diese Stimme jemandem zuzuordnen, als augenblicklich ein heftiger Schmerz wie eine Flutwelle über mich hereinbrach und mir die Luft zum Atmen nahm.
Um mein Gleichgewicht ringend stützte ich mich mit einer Hand an der Fensterscheibe ab, doch die Schmerzen zwangen mich schon kurz darauf in die Knie. In meinem Inneren krampfte sich alles zusammen und ließ mich gequält aufschreien. Mein Kopf wollte bersten, meine Lunge brannte, meine Innereien verzehrte ein loderndes Feuer. Obwohl ich mich kaum rühren konnte, fuhr mir doch ein klarer Gedanke durch den Kopf.
Das war nicht Manas Schmerz allein, den ich hier spürte.
Bereits an Lost Christmas hatte ich damals erleben müssen, wie es sich anfühlte, wenn Eva in akuter Gefahr war. Und damals stand sie sogar kurz vor ihrem Tod, was jetzt gar nicht der Fall sein konnte. Das Lied löste anscheinend eine Resonanz aus, die der vorherigen Resonanz entgegenwirkte und sie aufhob. Der Kristallisierungsprozess wurde dadurch rückgängig gemacht und Manas Aufwachen letztendlich verhindert, was ihr verständlicherweise gar nicht gefiel.
Trotz der scheinbar geringeren Gefahr war der Schmerz viel intensiver und überhaupt ganz anders als damals. Hatte ich etwas übersehen?
‚INORI …!'
In einem kurzen Moment der Stille hörte ich Shus Ruf laut und deutlich in meinem Kopf widerhallen. Dann wurde der Gesang noch intensiver und brachte eine neue Welle des Schmerzes mit sich. Keuchend kniff ich die Augen zusammen, als sich plötzlich ein gänzlich anderes Gefühl in mir ausbreitete, das ich noch nie gespürt und auch nicht zuordnen konnte. In der Dunkelheit sah ich in weiter Ferne ein Paar grüne Augen wie Smaragde leuchten und hörte eine Stimme, deren geflüsterte Worte ich kaum verstand.
… an meiner Seite …
Ich riss die Augen auf.
Das Lied war verstummt und der Schmerz so schnell vergangen, wie er gekommen war.
Ich blieb noch einige Atemzüge lang kniend am Boden und versuchte, diese drei zusammenhanglosen Worte irgendjemandem zuzuordnen, was mir aber nicht gelang. Schließlich stand ich auf und streckte meine rechte Hand aus. Ich durfte keine Zeit mehr verlieren. Wenn der Gesang erneut einsetzte und mich wieder handlungsunfähig machte, konnte das Manas Wiederbelebung gefährden. Was auch immer das gerade Geschehene zu bedeuten hatte – es konnte warten.
Ein Spalt bildete sich in der Luft, der Eingang in die schwarz-violette Zwischendimension. Das Portal, das mich daraus wieder entließ, führte mich direkt hinter die Person, die ich suchte. Ihr rosa Haar war zu zwei Zöpfen gebunden und ähnelte nur allzu sehr der Frisur von Mana. Das Mädchen schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken, der braunhaarige Junge ihr gegenüber jedoch sehr wohl.
Shu Ouma.
Er besaß das Void-Genom und Manas Zuneigung, er hätte mit Leichtigkeit seinen Platz als König einnehmen können. Stattdessen stand er hier oben, Seite an Seite mit diesem Mädchen, das sich eigenmächtig zur falschen Königin gekrönt hatte, und half ihr dabei, Da'aths Pläne zu vereiteln.
Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem er die Konsequenzen dafür tragen musste.
Mit einem süffisanten Lächeln streckte ich meine rechte Hand nach dem Mädchen aus. Die Macht des Königs reagierte sofort darauf und ließ ihren Brustbereich hell aufleuchten. Auch wenn ich noch nie ein Void extrahiert hatte, wusste ich instinktiv, was zu tun war. Während ich mit meiner rechten Hand tief in das Leuchten griff, stützte meine linke Hand ihren Rücken, der sich aufbäumend nach hinten bog, als sie sich gequält aufschreiend gegen meine Kraft wehrte.
„Inori!"
Shu, der seit meinem Erscheinen alles mit weit aufgerissenen Augen beobachtet hatte, schien nun aus seiner Starre zu erwachen, als er bemerkte, was ich vorhatte. Entschlossen lief er einige Schritte auf uns zu, doch ich hatte bereits eine unsichtbare Energiebarriere erschaffen, die ihn abprallen ließ und wieder zurückschleuderte.
Meine rechte Hand tastete indes in all der Leere nach einem mehr oder weniger festen Gegenstand, der meinen Fingern auswich und sich immer wieder meinem Griff entzog. Schließlich jedoch bekam ich es zu packen und hielt es fest. Dann wandte ich mich dem braunhaarigen Jungen zu, der am Boden liegend entsetzt zu mir aufblickte.
„Ich bin zutiefst enttäuscht von dir." Ohne meinen Blick von ihm abzuwenden, zog ich meine rechte Hand aus dem Körper des Mädchens und hob meinen Arm. Zuerst bedeckten ihn nur violette Kristalle, doch als diese zersprangen, gaben sie das riesige Void-Schwert frei, das ich bereits damals gesehen hatte, als Shu es extrahiert hatte. Es war von Energie so durchflutet, dass es einen hellblauen Lichtstrahl senkrecht in den Himmel schoss.
„Du hast das erhalten, was dein Thron hätte sein können – und doch lässt du ihn nach wie vor leer …" Mit Genugtuung nahm ich wahr, dass sich inzwischen Angst auf seinem Gesicht abzeichnete, als sein Blick von dem bewusstlosen Mädchen, das ich mit meinem linken Arm festhielt, zu mir wanderte. „Das ist der Moment, an dem sich unsere Wege trennen", sprach ich weiter. Einen kurzen Augenblick lang zögerte ich noch, horchte ich mich hinein, ob der Wille der Menschheit nicht doch etwas anderes wollte, doch die Stimmen in meinem Kopf blieben stumm. Ich dachte an Shuichiro, doch es sah alles danach aus, als ob er seine Aufgabe als Adam erfüllen könnte. Nichts würde unsere Pläne nun noch durchkreuzen.
Mana würde erwachen. Shuichiro würde ihr Adam sein. Der Junge war überflüssig.
Das Schicksal entscheidet.
„Leb wohl, Shu Ouma!"
Mit einem kraftvollen Hieb ließ ich das Schwert auf ihn niedersausen. Blut spritzte und verteilte sich auf den Betonboden, doch es war nicht sein Blut.
„Gai!", rief Shu, als der blonde Anführer von Funeral Parlor blutüberströmt hintüber und in seine Arme zu Boden fiel. Im letzten Moment hatte er sich vor seinen Freund geworfen und den Hieb mit seinem Körper abgefangen.
„Deshalb … kann ich dich … niemals allein lassen …", presste Gai schwer atmend heraus, während die Blutlache auf dem Boden beständig größer wurde.
„Gai! Halte durch!", rief Shu besorgt, doch vergebens. Gai keuchte unter Schmerzen auf und wurde dann in seinen Armen ohnmächtig. „Gai?" Shu rüttelte ihn vorsichtig, doch er bewegte sich nicht mehr. "Gai … Gai …!"
Während ich seinen immer verzweifelter werdenden Schreien lauschte, blickte ich auf das Void in meiner Hand. Mit einem einzigen Hieb hätte ich allem ein Ende setzen können, aber etwas in mir sträubte sich dagegen.
Ich hatte das Schicksal entscheiden lassen – und es hatte sich entschieden.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder nach vorn, wo Gai anscheinend wieder zu Bewusstsein gekommen war. Ich hörte ihn schwer atmen. Dann nahm ich wahr, wie Shus Augen sich vor Entsetzen weiteten: Er sah den Kreuzanhänger im Blut liegen, der Mana gehörte und den ich damals Gai mitgebracht hatte, noch bevor er mein Angebot, ihr Adam zu werden, so unhöflich ausgeschlagen hatte.
„Sag mir nicht, du bist …?!", hörte ich ihn leise flüstern.
„Also erinnerst du dich endlich?", presste Gai unter Schmerzen hervor. „Du bist genauso schwer von Begriff … wie damals … Shu …"
„Du bist …!", stotterte er abermals und erst jetzt begriff ich, dass nicht einmal Gai ihm mitgeteilt hatte, dass er in Wahrheit sein Kindheitsfreund Triton war. Auch wenn ich wusste, dass Shu seine Erinnerung an damals verloren hatte, war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Gai ihm alles über Mana und Lost Christmas erzählt hatte.
Ich lächelte leicht, als mir klar wurde, welche Auswirkungen diese Erkenntnis hatte. Natürlich hatte Shu niemals den Thron für sich beansprucht, da er wahrscheinlich nicht einmal mehr von Mana wusste. Wenn er sich nun erinnern würde …
Gais Worte unterbrachen mich in meinen Gedankengängen.
„Also zeigst du dich nun endlich, Da'ath Grabwächter …"
„Grabwächter?", wiederholte Shu erstaunt und wandte mir ebenfalls wieder seine Aufmerksamkeit zu.
„Shuichiro hat so hart gearbeitet, dass wir beschlossen haben zu kooperieren", erklärte ich ruhig. Auch wenn es mich wunderte, dass Gai den herbeigeführten Virusausbruch bisher überlebt hatte, amüsierte es mich aufrichtig, dass er sich immer noch an den Namen erinnerte, den ich ihm damals genannt hatte. Jetzt, da der Gesang des Mädchens aufgehört hatte, erstarkte Manas Bewusstsein wieder und erinnerte mich daran, dass genug Zeit vergeudet worden war. Mit geschlossenen Augen, aber einem nicht vergänglichen Lächeln auf den Lippen, ließ ich mich und das bewusstlose Mädchen in das Portal zurückschweben, das nach wie vor hinter mir geöffnet war.
„Folge ihm, Shu …", drang Gais Stimme leise an meine Ohren. „Sie planen … Inori zu opfern, … um Mana wiederzuerwecken!"
„Mana?", hakte Shu ratlos nach.
Ich hatte also recht, fuhr es mir durch den Kopf. Er hatte sein volles Potential aufgrund der Barrieren des Vergessens noch nicht entfalten können …
„Wohin bringst du Inori?!", rief Shu wütend und stürmte wie erwartet auf Gais Worte hin auf mich zu. Das Portal hatte sich schon fast wieder geschlossen, doch als er es mit seiner rechten Hand berührte, reagierte seine Macht des Königs darauf und ließ ihn passieren.
Schwarz-violette Dunstschwaden umgaben uns in der sonst farblosen Zwischendimension. Während ich diese Art von Schwerelosigkeit bereits gewohnt war, haderte Shu mit seinem Gleichgewicht und machte völlig nutzlose Bewegungen, die Schwimmzügen ähnelten, um näher zu mir zu gelangen. Dabei funkelte er mich unentwegt zornig an.
„Inori …!"
Mich beeindruckte sein starker Wille. Ihm musste wirklich viel an diesem Mädchen liegen, wenn er sogar bereit war, seinen sterbenden Freund zurückzulassen, nur um sie wieder zurückzuholen.
Und es besteht nach wie vor die Chance, dass er diese Gefühle auch Mana entgegenbringen kann … Natürlich hatte ich Shuichiro, der stets sein Bestes gegeben hatte, aber wenn es einen stärkeren Adam gäbe, der besser zu Eva und schlussendlich auch zu Da'ath passte, würde ich keinen Augenblick lang zögern, ihn zu ersetzen.
„Shu Ouma", redete ich ihn an. „Wenn du um jeden Preis mit uns kommen willst, dann tu das, nachdem du wieder in Besitz all deiner Erinnerungen gekommen bist – Erinnerungen an Mana, die du so lange versiegelt hast …" Ich schnippte mit den Fingern und sah zu, wie Shu in den Tiefen seiner Erinnerungen versank.
. . .
. . .
„Und was ist mit dem Jungen?" Shuichiro deutete mit einem Kopfnicken auf Shu, der bewegungslos am Fuße der hohen Treppe stand und mit leeren Augen geradeaus starrte.
„Er taucht gerade in die Tiefen seines Unterbewusstseins ein und erinnert sich an all das, was er über Mana verdrängt hatte", antwortete ich wahrheitsgemäß. „Er sollte bald aufwachen."
„Ich meinte, warum du ihn hierher gebracht hast", fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen, während sein Blick den Raum nach mir absuchte. Da ich keine feste Gestalt angenommen hatte, seitdem ich aus der Zwischendimension hier aufgetaucht war, hallte meine Stimme von überall her auf ihn ein, wodurch er mich nicht lokalisieren konnte.
„Ich hatte dir damals mitgeteilt, dass du nur eine einzige Chance bekommst", erwiderte ich ruhig. „Und falls du versagen solltest, brauche ich einen Nachfolger. Eventuell ist er sogar geeigneter als du. Hältst du das für einen Verrat an dir, Shuichiro?"
„Nein", antwortete er nach kurzem Schweigen. Seine Stimme klang ernst. „Das natürliche Vorrecht des Stärkeren. Ich akzeptiere das."
„Welch verständnisvoller Mann du doch bist. Da'ath kann sich glücklich schätzen, dich bald als neues Mitglied empfangen zu können …" Während ich sprach, sah ich mich in dem gewaltigen Raum um, den wir gemeinsam erschaffen hatten. Eine lange, gläserne Treppe führte bis zu Mana hinauf, die durch ihren Kokon geschützt dort immer noch ruhig schlief. Auf halber Höhe war ein Podest angebracht, auf dem Shuichiro neben dem Mädchen stand, das wir als Hülle für Mana erschaffen hatten. Kristallranken hatten sich um ihren Körper gewunden und hielten sie aufrecht, während sie bereits in einen Bewusstlosigkeit ähnelnden Zustand gefallen war. Die Ranken indes speisten diese Ebene mit dem Wasser des Kokytos, das in einem großen runden Becken unter der Treppe hervorquoll. Eben jenes Wasser war als Verbindung von dieser Welt in die Unterwelt nötig für Manas Wiederauferstehung. Obwohl es in der Unterwelt eine gänzlich klare Flüssigkeit war, hatte es hier eine leuchtend rote Farbe, die mehr wie Blut als wie Wasser aussah. Ein holographisch anmutender Brautschleier beförderte das Wasser des Kokytos direkt zu dem Mädchen und von ihr aus über die Treppe zu Mana, womit auch die Verbindung zu ihrem Bewusstsein hergestellt war.
Alles war perfekt. Die Braut konnte endlich erwachen.
„Endlich aufgewacht?", drang Shuichiros Stimme an meine Ohren, woraufhin ich meinen Blick wieder zu Boden richtete.
„Wo bin ich hier?", hörte ich Shu flüstern, während er sich verwirrt umsah. Er erstarrte vor Schrecken, als er das rosahaarige Mädchen sah. „Inori!"
Er wollte zu ihr laufen, doch ich hatte dies bereits vorausgeahnt und Kristalle erschaffen, die seine Füße fest am Boden verwurzelten. Im Gegensatz zu seiner Kraft war meine Macht des Königs bereits perfektioniert, was es mir erlaubte, den Virus nach meinem Gutdünken zu kontrollieren, ebenso wie Eva es konnte.
Er kämpfte gegen seine Fesseln an, sah jedoch schnell ein, dass es zwecklos war. „Was soll das alles? Bitte gebt mir Inori wieder!"
„Dieses Mädchen war nie mehr als eine leere Hülle, die wir geschaffen haben, um mit Mana zu kommunizieren. Wiedergeben ist somit an dieser Stelle gänzlich ungeeignet", entgegnete Shuichiro nüchtern.
„Geschaffen?", flüsterte der Junge erstaunt.
„Und als erste Person, die den Stein, der alles begann, berührt hat, war Mana auch die erste, die mit dem Apokalypse-Virus infiziert wurde", erklärte er weiter. „In anderen Worten: Eva. Ihre Seele, die ihren Körper verloren hat, wird nun in einen neuen verpflanzt und dank unserer Arbeit wird sie noch einmal in dieser Welt Fuß fassen. Ihre Wiedergeburt bedeutet die Wiederkehr von Lost Christmas." Ihm war nun deutlich anzumerken, wie sehr ihn diese Vorstellung erregte. „Der Apokalypse-Virus soll auf der ganzen Welt um sich greifen. Ich muss dieses Ereignis einfach mit eigenen Augen sehen …" Er hielt einen kurzen Moment inne, als ob er erst wieder in die Realität zurückfinden müsste, dann fokussierte er Shu. „Da'ath scheint noch Hoffnung für dich zu haben, aber meiner Meinung nach bist du nur ein Kind. Also verhalte dich ruhig …" Er wandte ihm den Rücken zu und trat durch das flache Wasser vor das bewusstlose Mädchen. „… und sieh aus der Distanz zu."
„Inori!"
Da Shu anscheinend nicht fähig war, Shuichiros Bitte nachzukommen, und mich seine ständigen Rufe langsam störten, beschloss ich, einzugreifen. Aus den bereits erschaffenen Kristallen am Boden ließ ich deutlich größere emporschießen, die ihn wie in einem Käfig einsperrten und bewegungsunfähig machten. Gleichzeitig materialisierte ich mich neben ihm.
„Du wirst dich nicht einmischen", teilte ich ihm ruhig mit und er wandte mir erstaunt den Kopf zu. „Er macht gerade Mana durch Inori einen Antrag."
„Einen Antrag?!", wiederholte er fassungslos, was mir ein Lächeln entlockte.
Ich verschränkte die Arme hinter dem Rücken und stieg gemächlich die Stufen zu Shuichiro empor. „Der Partner, den sie auswählt, wird der Stammvater einer neuen Generation, einer neuen menschlichen Rasse. Selbst die egoistische Eva kann kontrolliert werden, wenn man den Stein dafür verwendet." Während ich sprach, holte Shuichiro den violetten Stein hervor, den er vom Flughafen Haneda hierher gebracht hatte. Als er ihn auf eine zylinderförmige Konsole vor Inori legte, löste er sich langsam in feine, silberne Stränge auf. „Wir können doch wohl auf deinen Segen für ihre gemeinsame Zukunft zählen, nicht wahr?", fügte ich spöttisch hinzu.
„Das kann nicht sein …", flüsterte Shu bestürzt.
Ich ließ ein Buch in meinen Händen materialisieren, um dem Ganzen den Anschein einer vergnüglichen Hochzeitszeremonie zu geben, und stellte mich zwischen die Braut und den Bräutigam. „Das auserwählte, rechtmäßige Paar mischt nun sein Blut miteinander, woraus eine neue Rasse entstehen wird." Ich hielt kurz inne, als Shuichiro sich mit einem kleinen Dolch in den Daumen schnitt und ihn dann auf die Lippen des Mädchens presste, die sich daraufhin blutrot färbten. Ich wollte gerade fortfahren, als ein Schrei die Stille durchbrach.
„AUFHÖREN!"
Unmöglich!, fuhr es mir durch den Kopf, als ich sah, dass meine Kristalle, die Shu gefesselt hatten, sich durch seinen verzweifelten Schrei augenblicklich aufgelöst hatten und er nun einige Schritte vorwärts stolperte. Nur durch die Kraft der Gefühle zu diesem Mädchen ist seine Kraft stärker geworden …?
Doch es war bereits zu spät.
„Unartig, Shu."
Noch bevor ich mir weitere Gedanken darüber machen konnte, hatte Mana sich der Sache angenommen. Ihr Bewusstsein war nun so weit erstarkt, dass ihre Präsenz deutlich spürbar war und sie sogar eingeschränkt handeln konnte. Mit Hilfe ihrer Macht als Eva hatte sie zahlreiche Kristallarme erschaffen, an deren Enden große Augäpfel alles um sie herum beobachteten. Und einer davon fokussierte Shu.
„Du hast kein Recht, wütend zu werden", stellte sie mit ihrer gewohnt süßlichen Stimme klar, die durch den ganzen Raum hallte. „Du hast mich doch zurückgewiesen, oder nicht?" Immer mehr Kristallaugen richteten sich auf Shu, der erschrocken am Fuße der Treppe stand und auf Manas seltsame Gebilde starrte. „Ich war doch direkt vor dir, oder nicht, Shu?"
„Wovon redest du?!", fragte er zurück, woraufhin Mana augenblicklich hinter ihm einen weiteren Kristallarm erschuf, der seinen Kopf packte und festhielt. Dann fokussierte ihr Auge ihn aus nächster Distanz.
„Erinnerst du dich an gar nichts mehr? Hast du alles vergessen?" Aus ihrer Stimme war Überraschung, aber zum größten Teil Enttäuschung herauszuhören, die – wie von Eva zu erwarten – sofort in Wut umschlug. Ein spitzer, dünner Kristall bildete sich neben ihr, der sich grausam langsam Shus Gesicht näherte.
Ihre Stimme war eiskalt, ihre Worte gnadenlos.
„Dann werde ich dich bestrafen …"
