Die Macht der Herzen

Ein lautes Splittern ertönte, gefolgt von einem schallenden Ruf.

„Alles in Ordnung, Shu?"

Selbst Shuichiro wandte sich nun überrascht um und ich hob meinen Blick ein Stück höher.

Am Ende des Raumes war in großer Höhe ein Loch in die Wand gesprengt worden. Gegen das grelle Tageslicht war deutlich der Umriss eines Endlave zu erkennen.

„Ayase!", rief Shu erleichtert. Der erschienene Endlave hatte mit einem gezielten Schuss Manas Kristallwaffe zerstört, kurz bevor sie Shu damit hatte verletzten können.

„Das ist der Grund, warum ich dich einfach nicht allein lassen kann!"

„Gai! Was ist mit deinen Verletzungen?!", rief Shu nicht minder überrascht, als ich es war, als ich Gai neben dem Kopf des Endlaves sitzen sah.

„Er hat keine lebenswichtigen Organe verletzt", erklärte er kurz angebunden. „Die Krebskristalle haben mich gerettet."

Tja, ich hatte auch nicht auf dich gezielt …, entgegnete ich in Gedanken. Ich fragte mich, wie Gai es geschafft hatte, diesen Raum zu finden, von dessen Existenz eigentlich niemand wissen konnte. Ich warf einen kurzen Blick auf Shuichiro neben mir. Wahrscheinlich hatte er in seinem Übermut jemanden seiner Untergebenen bis zum Eingangstor hierher mitgebracht, der ihn dann hintergangen hatte. Ich konnte mir auch gut vorstellen, wer das gewesen sein könnte.

„Gai Tsutsugami …" Shuichiros Gesichtsausdruck wurde ernst. Ich konnte ihm seine schlechte Laune nicht verübeln, immerhin hatte er wohl nicht damit gerechnet, seinen größten Erzfeind nach Kurosu jemals wiederzusehen.

„Ich habe lange auf diesen Moment gewartet", entgegnete Gai. „Auf den Moment, an dem ich endlich wieder auf dich und Mana treffe!"

„Trotzdem bist du zu spät. Du kannst das Schicksal nicht ändern."

Kaum waren Shuichiros Worte verklungen, feuerte Gai einige Pistolenschüsse auf ihn ab, doch Manas Kristallaugen warfen sich vor ihn, woraufhin die Kugeln von ihnen abprallten. Der Stein, der alles begann, entfaltete langsam seine Wirkung: Eva schien ihren neuen Adam anzunehmen und zu beschützen.

Es entbrannte ein kurzer, aber heftiger Kampf, der damit endete, dass der Endlave von Manas Kristallen durchbohrt wurde, nachdem er sich schützend vor Shu positioniert hatte. Als Shu und Gai schließlich von Manas wachsamen Augen umkreist und damit handlungsunfähig gemacht worden waren, wandten Shuichiro und ich uns wieder der Zeremonie zu.

Der Stein hatte sich inzwischen völlig aufgelöst und zwei violette Ringe erscheinen lassen.

„Ein Hochzeitsschwur für die Ewigkeit", fuhr ich feierlich fort. Ein roter Lebensfaden spann sich in Form einer liegenden acht um Shuichiro und das Mädchen. Meine Aufgabe als Da'aths Gesandter war hiermit erfüllt, für alles Weitere war nun Shuichiro verantwortlich.

Während dieser nach einem der Ringe griff und bedächtig auf Inori zuging, ließ ich das Buch in meinen Händen wieder verschwinden. Mit hinter dem Rücken verschränkten Armen beobachtete ich Gai, der konzentriert auf Shu einredete. Auch wenn er bisher sowohl den Virusausbruch als auch den Schwerthieb überlebt hatte, fragte ich mich, woher er überhaupt noch die Kraft nahm, aufrecht zu stehen. Er hatte viel Blut verloren, zudem war sein ganzer Körper mit Kristallen übersät. Insgeheim bewunderte ich es, zu was der starke Wille eines einzelnen Menschen doch fähig war. Die immer heftiger werdenden Kopfschmerzen mussten mich nicht erst daran erinnern, dass die derzeitige Situation – sozusagen mit zwei Königinnen und drei Königen – höchst heikel und gefährlich war. Der Wille der Menschheit schien sich selbst bislang uneins darüber zu sein, wer Evas Adam sein soll, und solange ich keine klare Anweisungen vernehmen konnte, würde ich den Dingen einfach ihren Lauf lassen. Das Schicksal würde letzten Endes auch dieses Problem selbstständig lösen.

Während ich so in Gedanken versunken war, drang plötzlich Gais Stimme an meine Ohren.

„Sie haben sie gezwungen zu erwachen, also muss sie durch uns wieder in ihren Schlaf fallen. Benutz die Kraft der Voids, um sie mit ihren teuflischen Begierden wieder ins Vergessen zu stürzen!"

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, bildeten sich unter Shu hellblau leuchtende Kreise, die sich schnell ausbreiteten. Eine von ihnen ausgehende Energiewelle ließ alle von Mana kontrollierten Kristalle um ihn herum zerspringen.

Ich war erstaunt von dieser unerwarteten Wendung. „Die Ketten der Erinnerung sind gelöst", sagte ich leise zu mir selbst, „und du bist im neuen Königsmodus - nicht wahr, Shu Ouma?" Nachdem ich dann sogar beobachten konnte, dass er nun dazu fähig war, Gais Void zu entnehmen und es ihm zu übergeben, ohne dass dieser ohnmächtig wurde oder sich das Void wieder auflöste, wurde mir bewusst, was das bedeutete. Mit einem Blick auf Gais Void – das Gewehr des Führers – war offensichtlich, was als nächstes passieren würde. Ich sah zu Shuichiro, der Inori gerade mit einem begierigen Blick den Ring an den Finger steckte und sich der drohenden Gefahr nicht im Geringsten bewusst war.

Mit einem Lächeln auf den Lippen verschmolz ich mit dem Schatten und überblickte das Szenario von oben. Während Shu Manas Kristallaugen ablenkte, drang Gai bis zum Treppenaufgang vor. Mit einem gezielten Schuss aus seinem Gewehr traf er Inori direkt in die Brust, woraufhin sich ihr Void-Schwert materialisierte.

„Ein Void, das das Erscheinen von anderen Voids erzwingt?!", rief Shuichiro fassungslos. „Eine Waffe, die anderer Leute Herzen erscheinen lässt …!"

Noch ehe er reagieren konnte, stürmte Shu die Treppe bis zu ihm hinauf und griff nach dem Schwert. Mit einem einzigen, kraftvollen Hieb zerstörte er die Kristallranken, die Inori fesselten, und fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzte. Shuichiro hatte dem Angriff gerade noch ausweichen können und stolperte nun zurück.

Der Brautschleier schwebte langsam zu Boden.

Die Verbindung von Inoris Körper zu Manas Bewusstsein brach augenblicklich ab.

Es war alles vorbei.

Zu meiner Überraschung sah Shuichiro das nicht so.

„Stopp!"

Während Shu ihn mit dem Void-Schwert in Schach hielt und Gai an ihm vorbei zu Mana am Ende der Treppe lief, rief er Gai lauthals nach. Als er sogar Anstalten machte, ihm nachzulaufen, beschloss ich, einzuschreiten. Er konnte nicht das Geringste gegen zwei Leute ausrichten, die mit solch starken Voids bewaffnet waren. Und tot nützte er mir nichts mehr.

Ich materialisierte mich direkt vor ihn, was ihn erstaunt zurückfahren ließ. Erstarrt stand er vor mir, seine vor Schrecken geweiteten Augen teilten mir mit, dass er wusste, was ihm blühte.

„Tritt zurück, Shuichiro", sagte ich ruhig. „Du hast versagt."

Mit diesen Worten tippte ich ihm mit dem Zeigefinger meiner rechten Hand auf die Stirn. Er fiel augenblicklich bewusstlos zu Boden. Mit einem kurzen Blick auf Shu, der mich ebenso überrascht anstarrte wie Shuichiro eben, verschwand ich wieder in den Schatten. Ich konnte Gai die lange Treppe hinauflaufen sehen, während er mit gezielten Schüssen die Kristallaugen zerstörte, die ihm den Weg versperren wollten.

Aber er hatte Eva unterschätzt.

Kaum hatte er Manas Kokon am Ende der Treppe erreicht, schossen plötzlich zahlreiche Kristalle daraus hervor, durchbohrten seinen Körper und machten ihn völlig bewegungsunfähig.

Eva, du Biest … Ich musste unwillkürlich grinsen. Immer noch so hartnäckig, obwohl du dein Schicksal nicht mehr ändern kannst – ebenso wie Gai Tsutsugami. Bleibt nur noch …

Ich richtete meinen Blick auf Shu. Trotz seiner erstarkten Macht des Königs, die meiner Kraft nun nach der Rückgewinnung seiner Erinnerungen ein Stück ähnlicher geworden war, hatte er keinesfalls die Gesinnung eines Königs. Selbst jetzt noch war Gai der Stärkere von beiden und musste ihm gut zureden, damit er das Unvermeidliche zu Ende brachte.

Mit einem Verzweiflungsschrei stürzte Shu schließlich nach vorn. Das Void-Schwert durchbohrte in einem Zug sowohl Gai als auch Mana. Die entfesselte Energie ließ die lange Treppe in weißem Licht zerbersten. Das Becken darunter brach auseinander, woraufhin das rote Wasser wie in einem Strudel nach unten gesogen wurde und wieder zu seinem Ursprung in der Unterwelt zurückkehrte.

Der ganze Raum stürzte in sich zusammen.

Mit einer Handbewegung erschuf ich eine Energiebarriere, die sowohl Shu als auch Inori, die er nun wieder in seinen Armen hielt, vor herabstürzenden Trümmerteilen schützte und sie beide wie eine sanft leuchtende Kugel umgab. Eine erneute Handbewegung brachte sie zügig aus dem Gefahrenbereich – immerhin brauchte ich das Mädchen noch. Dasselbe tat ich für Gai und Mana, doch es konnte ihr Schicksal nicht mehr abwenden. Bevor ich für mich und Shuichiro, der immer noch bewusstlos am Boden lag, ein Portal erschuf, das uns von hier wegbrachte, folgte mein Blick den beiden, wie sie in enger Umarmung langsam nach unten schwebten, bis sie sich schließlich in Kristalle auflösten.

Ich spürte den Kokytos erzittern, als ihre Seelen an seinem Grund ankamen.

. . .

. . .

„Du starrst in den falschen Fluss, Kleiner." Akira stemmte eine Hand in die Hüfte, während sie mit der anderen über ihre Schulter zurückdeutete. „Die Lethe ist dort hinten. Hast du das etwa auch vergessen?"

„Bewundernswert, wie du zu jeder Zeit ein spöttisches Wort für mich übrig hast", entgegnete ich trocken und wandte meinen Blick wieder von der jungen Frau ab, deren rote Augen mich angriffslustig anfunkelten. „Hast du nichts Besseres zu tun?"

„Da ist wohl jemand griesgrämig, weil er die Vierte Apokalypse vermasselt hat – schon wieder", betonte sie hämisch. Als ich nicht reagierte, teleportierte sie sich hinter mich. Gelangweilt blickte sie mir über die Schulter. „Was starrst du denn die ganze Zeit in den Kokytos? Solltest du dich nicht besser darum kümmern, den Schaden deines Versagens zu begrenzen?"

„Ich habe Shuichiro bereits Anweisung gegeben, während meiner Abwesenheit den nationalen Notstand auszurufen und die Innenstadt abzuriegeln. Auf diese Weise halte ich Inori in einem Käfig, bis Mana bereit ist."

„Ich habe keine Ahnung, von was du da redest", bemerkte sie nach einem Moment der Stille, was mich tief aufseufzen ließ.

„Verfolgst du gar nicht, was sich in der Außenwelt abspielt?"

Akira schnaubte abfällig. „Es interessiert mich nicht im Geringsten, was du dort treibst. Ich habe meine Pflicht als Gesandte Da'aths bereits erfüllt und werde nie wieder in diese öde Welt hinausgehen, wenn es sich vermeiden lässt. Shin war ein wirklich unkomplizierter Adam und Eva hat mir noch weniger Probleme bereitet, aber der ganze Schnee und diese Kälte!" Sie erschauderte, als ob die bloße Erinnerung daran sie in der Zeit zurückversetzen würde. „Abgesehen von dem, was der Wille der Menschheit mir mitteilt, bekomme ich also nicht mit, was draußen geschieht." Sie teleportierte sich unter mich, wo sie, dicht über dem Wasser schwebend, im Liegen zu mir aufsah. Gerade dort, wohin ich meinen Blick gerichtet hatte, befand sich nun ihr lächelndes Gesicht. „Und genau deshalb weiß ich auch, dass du versagt hast – schon wieder", betonte sie abermals, was mir nun doch ein genervtes Augenrollen entlockte.

„Ich versuche ausschließlich die Person zu finden, die sich am besten in Da'aths Reihen eingliedert. Ist das so falsch?"

„Und dafür musst du in den Kokytos starren, verstehe", entgegnete sie ironisch, während sie eine Handvoll Wasser schöpfte und es langsam wieder zurückrinnen ließ. „So schwarz, wie das Wasser hier ist, wirst du aber nicht viel erkennen können, oder? Aber ich will deine Methoden nicht anzweifeln …"

„Ich warte auf die Wiederauferstehung des Mannes, den ich zu Adam machen will."

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass ihre Augen wie zwei leuchtend rote Striche in der Dunkelheit wirkten. Sie teleportierte sich direkt vor mich und starrte mich mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Ernsthaftigkeit an. „Nur die Person, die vom Stein als erstes infiziert wurde und der es damit vorherbestimmt ist, die Apokalypse auszulösen, kann im Kokytos wiedergeboren werden. Und das auch nur solange, bis sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Wie kommst du dazu, zu glauben, dass einem gewöhnlichen Menschen diese Ehre vergönnt sein könnte?!", fuhr sie mich an.

Ich lächelte süffisant. Es war zwar leicht, Akira wütend zu machen, aber sie aufrichtig zu erstaunen, gelang mir nicht oft. „Ich habe für Manas Auferstehung eine Verbindung zwischen der Außenwelt und dem Kokytos herstellen müssen, um die Fesseln zu sprengen, die Scrooge ihr auferlegt hatte", erklärte ich knapp. „Ich bin mir nicht sicher, ob auch Gais Seele vom Kokytos aufgenommen wurde, aber ich habe ihn zumindest zusammen mit Mana hinabsteigen sehen. Wegen der geschaffenen Verbindung der beiden Welten könnte hier eine außergewöhnliche Situation entstanden sein, die ich nutzen will. Deshalb warte ich geduldig."

Akira starrte mich weiterhin stumm an. Es war mir unmöglich zu erraten, was sie gerade dachte, so ausdruckslos war ihr Blick.

„Du bist wirklich schwer einzuschätzen. Undurchschaubar", stellte sie schließlich fest.

Noch bevor ich reagieren konnte, streckte sie plötzlich ihre rechte Hand nach mir aus griff tief in meine hell aufleuchtende Brust. Ich fühlte, wie ihre Finger sich um etwas schlossen und sie es mit einer kraftvollen Bewegung ihres Armes aus mir herauszog. Aufgrund dieses ungewohnten Gefühls sog ich scharf die Luft ein, empfand jedoch sonst nichts weiter dabei und wurde auch nicht ohnmächtig. Die Void-Extraktion hatte für Inori wesentlich unangenehmer ausgesehen. Wahrscheinlich lag es an der Evolution, die ich im Gegensatz zu gewöhnlichen Menschen bereits durchlaufen hatte.

Mit Interesse begutachtete Akira den überdimensional großen Bogen in ihrer Hand. Er war kunstvoll verziert und besaß eine leuchtend rosa Sehne, auf die ein langer Pfeil gespannt war.

„Der Pfeil der Verstrickung", stellte sie schließlich fest, während sie den Void-Bogen in ihre andere Hand wechselte. „Kein Wunder, dass du alles immer komplizierter machst, als es eigentlich sein müsste. Du verstrickst dich zu sehr in die Angelegenheiten anderer. Jedoch ist dieses Void hier äußerst praktisch", gestand sie zu. Ich meinte sogar einen Hauch von Bewunderung in ihrer Stimme zu vernehmen. „Du kannst einfach jeden zu Fall bringen, der Pfeil trifft immer sein Ziel." Sie spannte den Bogen und ich konnte das hell leuchtende Symbol auf ihrem Handrücken erkennen. Es hatte die Form eines weißen Halbmonds.

Als schräg über uns plötzlich etwas zu leuchten begann, lächelte Akira und zielte. Der Pfeil zischte mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Luft und durchbohrte das Objekt innerhalb eines Sekundenbruchteils. Bevor der Apfel zu Boden fallen konnte, löste er sich in silberne Stränge auf. In ausschweifenden Windungen kehrten diese daraufhin in die Hand ihres Besitzers zurück, der aus dem Schatten auf uns zutrat.

„Du hast ein sehr mächtiges Void, Yuu", sagte Shin mit seiner ruhigen, dunklen Stimme. Er blieb am Ufer des Flusses stehen und sah zu uns beiden hoch. „Es erinnert mich an Hirokis Void. Es ist genauso zielsicher wie deines."

„Aber warum ist es ein Bogen?", fragte ich nachdenklich. Ich war mir bewusst, dass auch die Form eines Voids etwas über die Persönlichkeit seines Besitzers ausdrückte.

„Jedenfalls nicht, weil du so schnell wie ein Pfeil deiner Pflicht nachkommst, du Faulpelz", antwortete Akira spöttisch und warf den Bogen achtlos zur Seite, als ob sie jegliches Interesse daran verloren hätte, nachdem sie seine Funktion getestet hatte. Das Void löste sich augenblicklich auf und kehrte in meine Brust zurück. Dann teleportierte sie sich neben Shin, lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und schielte zu mir hoch. „Was machen wir jetzt mit ihm? Er ist ganz offensichtlich mit seiner Aufgabe überfordert und wenn du mich fragst …"

„Du hast doch eben sein Void gesehen", antwortete er. „Yuu wird immer das erreichen, was er will – der Pfeil trifft immer sein Ziel. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen."

„Auch wenn Evas Wiedergeburt sich nun weiter verzögert als zuerst angenommen", ertönte Hiroshis Stimme, noch bevor er neben Akira und Shin trat.

Als ich die drei Da'ath-Mitglieder so versammelt unter mir stehen sah, fühlte ich mich an das Gespräch nach den Vorfällen von Lost Christmas erinnert. Und auch dieses Mal würde ich in den Kokytos hinabsteigen in der Hoffnung, dieses Mal nicht enttäuscht zu werden.

„Weshalb sollte sich ihre Wiedergeburt verzögern?", hakte ich nach und teleportierte mich nach unten, damit wir auf Augenhöhe miteinander kommunizieren konnten. „Die Übertragung ihres Bewusstseins war ja schon fast vollständig abgeschlossen."

„Damals, am sogenannten Lost Christmas, zersprang Evas Herz, als ihre unkontrollierbare Macht ihren Körper zerstörte", erklärte Hiroki und streckte seine rechte Hand aus, über der sich aus silbernen Strängen eine violette Kugel formte. „Die Splitter ihres Herzens verstreuten sich im weiten Umkreis und mischten sich mit den Voids anderer Personen. Erst wenn ihr Herz vollständig ist, kann sie wieder erwachen und die Apokalypse einleiten." Während er sprach, schwebte die erschaffene Kugel hoch in die Luft und zersprang dann in winzige Scherben, die sich in der Dunkelheit weit ausbreiteten. Jede einzelne funkelte hell wie ein Stern, bis Hiroki sie mit einer einzigen Handbewegung wieder verschwinden ließ.

„Ich nehme an, die Splitter lösen sich von den Voids, sobald diese aus den betroffenen Personen extrahiert werden …?", fragte ich nach dieser kleinen Demonstration, woraufhin Hiroki nickte.

„So ist es."

„Also hätte ich Mana auf meine Weise gar nicht vollständig wiedererwecken können?"

„Wahrscheinlich nicht." Der kaum erkennbare Anflug eines Lächelns deutete sich auf seinem Gesicht an. „Doch dir wäre es sicher noch selbst aufgefallen, wenn dein Plan nicht schon vorher vereitelt worden wäre."

Ich fixierte ihn mit meinen eisblauen Augen, doch ich blieb stumm und verzog keine Miene. Er spielte mit mir, dessen war ich mir bewusst. Aber ich würde mich nicht zu einer Erwiderung hinreißen lassen, die ohnehin sinnlos war. Immerhin war er im Recht, mein Plan war gescheitert.

„Der Kokytos erzittert, es sollte gleich soweit sein", sagte Shin plötzlich mit geschlossenen Augen. „Und es fühlt sich fast so an, als hätte das nicht Manas Wiedergeburt bewirkt."

„Unglaublich", schnaubte Akira unverhohlen missmutig. „Gewöhnliche Menschen in der Unterwelt …"

Ich ließ mich weder von spöttischen Bemerkungen noch von Kritik beeindrucken. Ich spürte instinktiv, dass ich dieses Mal den passenden Adam gefunden hatte, nach dem ich schon so lange gesucht hatte.

Mit einem Lächeln trat ich in das eisige Wasser des Kokytos.

„Dann entschuldigt mich bitte. Ich muss unserem zukünftigen König einen angemessenen Empfang bereiten."