Widerstand ist zwecklos

Unsere Schritte hallten laut von den kahlen Wänden wider, als wir Seite an Seite den Korridor entlanggingen. Den großen Hallen und der fehlenden Einrichtung nach zu urteilen, war das Gebäude früher wohl einmal eine Lagerhalle gewesen. Die heftig tobenden Kämpfe hatten auch hier ihre Spuren hinterlassen: eingestürzte Mauern und Schutthaufen machten ein Durchkommen an manchen Stellen unmöglich.

„Deine Leute haben ganz schön lange gebraucht, um sie aufzuspüren. Es ist immerhin schon einige Tage her, seit du den Thron bestiegen hast, Gai Tsutsugami." Während ich sprach, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln, doch er verzog keine Miene.

„Die Stadt ist groß", antwortete er kurz angebunden.

„Es ist mir ohnehin schleierhaft, wie sie hatte entkommen können", redete ich in unbekümmertem Tonfall weiter. „Hatten sie nicht sowohl die bewaffneten Schüler aus der Sperrzone als auch das Militär mit ihren Endlave umzingelt? Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast glauben, dass du sie absichtlich hast entkommen lassen, damit sie das Leben deines Freundes Shu Ouma rettet …"

„Ein König hat keine Freunde", antwortete er tonlos, was mich laut auflachen ließ.

„Das ist wahr …"

Und dennoch hast du ihm nur den Arm abgetrennt, anstatt ihn zu töten, ergänzte ich in Gedanken, sprach es aber nicht laut aus. Wir spielten beide unser Spiel. Solange aber der Ausgang derselbe blieb, konnte er die Regeln ruhig ein wenig verbiegen.

Wir hatten inzwischen das Ende des Korridors erreicht. Mit einer angedeuteten Verbeugung hielt ich ihm die Tür auf, hinter der uns eine Treppe ins obere Stockwerk führte. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, ging Gai an mir vorbei. Ich folgte ihm lächelnd.

„Und hast du dir die Macht des Königs so vorgestellt?", plauderte ich munter weiter, um mir die Zeit zu vertreiben, während wir einen weiteren langen Korridor entlanggingen. „Wie ich erfahren habe, hast du sogar schon Voids fusioniert und kannst außerdem dein eigenes Void zur Extraktion anderer benutzen, ohne es vorher materialisiert haben zu müssen! Sehr beeindruckend."

„Sie ist leichter anzuwenden als erwartet."

„Dein Vorgänger schien trotzdem mehr Probleme damit gehabt zu haben, nicht wahr?" Als Gai nichts mehr erwiderte, gab ich mich schließlich seufzend geschlagen und schwieg. Ich hatte gehofft, dass gerade Gai gesprächiger und unterhaltsamer sein würde als Shuichiro, doch es hatte sich zu meinem Bedauern herausgestellt, dass er genauso kurz angebunden und verschlossen war wie jener. Er besaß nach wie vor großes taktisches Geschick und einen scharfen Verstand, was man deutlich daran erkannte, wie er mit der Bedrohung durch die UN umging. Ich war froh, dass er nun Shuichiros leitende Position eingenommen hatte. Jener hatte einfach zu strikte Denkmuster für eine solch komplexe Bedrohung von außen und zudem nicht die nötige Macht, ihr etwas entgegenzusetzen.

Die Zusammenarbeit mit dir war wirklich nett, Shuichiro. Aber sie ist jetzt endgültig vorbei.

Ich lächelte bei der Erinnerung daran, wie ich ihm genau diese Worte ins Gesicht gesagt hatte. Wie immer hatte er keine Miene verzogen. Er hatte schon längst gewusst, dass seine Rolle mit der Wiederbelebung Gais beendet war. Nun blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als geduldig auf die Apokalypse zu warten, die Gai nun an seiner Stelle einleiten würde – und einen wachsamen Blick auf seine Schwester Haruka zu haben. Ich wurde nämlich das Gefühl nicht los, dass diese Frau noch etwas im Schilde führte. Sie hatte sich meiner Meinung nach einfach zu leicht von unseren Plänen überzeugen lassen. Und wenn es etwas gab, das mich beunruhigte, dann war das die Tatsache, dass jemand aus der Familie Ouma sich leicht überzeugen ließ.

Doch diese Kleinigkeit würde ich Shuichiro überlassen. Ich hatte Wichtigeres zu tun.

Wir waren inzwischen vor der letzten Tür angekommen, die uns nach draußen führen würde. Ich hatte bereits nach der Türklinke gegriffen, hielt aber noch so lange inne, bis Gai widerwillig seinen Blick auf mich richtete. Erst als ich mir seine Aufmerksamkeit gesichert hatte, begann ich zu sprechen.

„Ich hoffe doch sehr, dass du mir die Ehre erweist, mit meinem Void deine geliebte Braut einzufangen, großer König …"

Wir starrten uns lange stumm an, bis Gai schließlich abfällig schnaubte und seinen Blick abwandte.

„Wie du willst."

Mit einem süffisanten Grinsen öffnete ich die Tür und ließ ihn hinaus.

Wir befanden uns auf einem sehr breiten Balkon ähnlich einer Aussichtsplattform. Eine lange Häuserreihe verlief zu beiden Seiten der Straße unter uns, die gerade an diesem Gebäude endete, in dem wir uns gerade befanden. Einige Endlaves hatten sich davor postiert, die sich nun aber nach und nach in Bewegung setzten. Schüsse waren zu hören und in der Ferne explodierte etwas. Gegen den grellen Feuerschein konnte ich deutlich eine Gestalt ausmachen, die sich gerade wieder aufrappelte.

„Unglaublich …", entfuhr es mir leise.

Die rosa Haare, die roten Augen und die zierliche Gestalt ließen keine Zweifel daran, dass dies das Mädchen war, das wir suchten. Allerdings war dies nicht dieselbe Inori Yuzuriha wie damals. Ihr Gesicht hatte einen zutiefst entschlossenen Ausdruck angenommen und mit einem wütenden Kampfschrei preschte sie wie ein Engel des Todes durch die Reihen der Endlave und zerstörte sie mit Kristallklingen, die aus ihren Armen wuchsen. Ein Endlave nach dem nächsten fiel ihr zum Opfer, während sie sich offenbar einen Weg bis zu uns hindurch bahnte.

Sie hat tatsächlich Evas Fähigkeit, Kristalle zu erschaffen, kontrolliert eingesetzt und nutzt das jetzt zu ihrem Vorteil, fuhr es mir durch den Kopf. Unglaublich, dass sie Manas Bewusstsein verdrängen und sich selbst eines erschaffen konnte …

Nachdem sich mein Erstaunen wieder gelegt hatte, wandte ich mich Gai zu und streckte auffordernd die Arme zur Seite. Nicht gerade sanft versenkte er seinen rechten Arm bis über den Ellbogen in meiner Brust und zog mein Void heraus. Mit den Händen in den Manteltaschen beobachtete ich daraufhin in Ruhe, wie er den Bogen spannte und das Mädchen anvisierte. Als der Pfeil ihr Herz durchbohrte, schleuderte der Rückstoß sie nach hinten. Ihr ganzer Körper wurde von silbernen Strängen fest umschlungen, wodurch sie völlig bewegungsunfähig am Boden liegen blieb.

Die Königin wurde endlich gefangen.

. . .

. . .

„Sag das nochmal."

„Ich finde doch nur, dass wir –"

„Nein, sag das nochmal", beharrte Akira, während sie sich die Schläfen massierte, als hätte sie Kopfschmerzen. „Ich muss mich nämlich eindeutig verhört haben!"

„Ganz ruhig, Akira", redete Shin auf sie ein. „Es ist ja nicht so, dass das unbedingt eine schlechte Nachricht wäre."

„Ich fasse es nicht!", rief sie nun ungehalten und trat mit energischen Schritten auf mich zu. Ich erschrak fürchterlich, als sie ihre rechte Hand hob, da ich davon ausging, dass sie mein Void extrahieren wollte. Stattdessen bohrte sich ihr Zeigefinger nur schmerzhaft in meine Brust, während sie mich mit zu Schlitzen verengten Augen fokussierte. „Erst findest du eine Ewigkeit lang keinen Adam und jetzt hast du gleich zwei?!"

„Ich kann doch nichts dafür", verteidigte ich mich und teleportierte mich im selben Moment neben Shin, weg aus ihrem Aktionsradius. „Haruka hat das verbliebene Void-Genom gestohlen, das dann irgendwie in Shus Hände geriet und –"

„Warte", unterbrach sie mich mit erhobener Hand. „Ist das nicht der Junge, den sich Eva eigentlich als Adam ausgesucht hatte, dem du dann aber seine Macht des Königs genommen und sie auf jemand anderen übertragen hast, damit der ihr neuer Adam wird?"

„Genau."

Sie starrte mich stumm an, während sie anscheinend nach den passenden Worten suchte, um ihrem Unmut angemessen Luft zu machen. Und sie fand sie schließlich auch.

„Du willst mich doch verarschen …!"

Sie ging abermals wütend auf mich los, doch Shin stellte sich zwischen uns, bevor ich mich wieder wegteleportieren hätte müssen. Ich konnte Akira ihre Wut nicht einmal übelnehmen. Die Situation war wirklich … unvorhergesehen. Beinahe ironisch. Selbst ich hätte niemals damit gerechnet, dass ausgerechnet Shu wieder in den Besitz der Macht des Königs käme.

„Warum bist du nun mit dieser Angelegenheit zu uns gekommen?", wollte Shin wissen. Seine Augenbrauen hatte er so weit hochgezogen, dass sie völlig unter seinen weißen Haaren verschwanden.

„Ich wollte mich bei euch erkundigen, was ich jetzt tun soll", entgegnete ich schulterzuckend. „Es wäre meiner Meinung nach nämlich ziemlich unklug, es auf einen Kampf zwischen den beiden Königen ankommen zu lassen. Am Ende verlieren wir noch beide."

„Du willst meinen Rat wissen?", schnaubte Akira, während sie ein Stück hochschwebte und in einer sitzenden Position die Beine übereinander schlug. „Schnapp dir den, der besser aussieht, und schick den anderen zum Teufel. Nichts für ungut, aber die Auswahl an gutaussehenden Männern ist hier unten wirklich nicht sehr groß", fügte sie dreist hinzu.

Ich seufzte leicht genervt auf. „Wenn es so einfach wäre, hätte ich es schon längst getan. Aber der Wille der Menschheit gibt mir einfach keine klare Anweisung …" Während Akira abermals ein abfälliges Schnauben von sich gab, wurde Shins Blick hingegen ernst. Wenigstens gab es einen, der mein Problem zu verstehen schien. „Wenn du unbedingt die Entscheidung treffen willst, dann geh raus und tu das – ich werde dich nicht aufhalten", richtete ich meine Worte an Akira, die mir nur einen weiteren zornigen Blick zuwarf.

„Sie könnte nicht, selbst wenn sie wollte", entgegnete Shin zu meiner Überraschung mit ruhiger Stimme. „Niemand außer dir kann die Unterwelt verlassen. Warum glaubst du, würde Da'ath wohl sonst einen Gesandten schicken?"

„Wenn ich es könnte, hätte ich die Sache schon vor einer Ewigkeit geregelt", warf Akira mürrisch ein.

„Nur du bist immun gegen den Virus wegen deiner besonderen Verbindung zu ihm", erklärte er mir auf meinen fragenden Blick hin. „Wir anderen tragen eine modifizierte Form des Virus in uns, würden uns aber sofort mit dem derzeitigen infizieren und zusammen mit der Apokalypse zugrunde gehen."

Ich stutzte. „Habt ihr dann … überhaupt Voids …?", hakte ich zweifelnd nach.

Statt einer Antwort führte er seine rechte Hand an seine Brust, die augenblicklich hell aufleuchtete. Das Symbol auf seinem Handrücken bestand aus mehreren kleinen Zeichen, die wie weiße Sterne aussahen. Als er seinen Arm wieder herauszog, hielt er einen Gegenstand in der Hand, der mit roten Kristallen übersät war. Erst als diese sich kurz daraufhin auflösten, war die Gestalt seines Voids klar erkennbar.

Es war eine kleine Kugel, die rötlich schimmerte.

„Die Kristalle haben eine rote Farbe, keine violette wie bei dir. Und Akiras Void hat wieder eine andere Farbe", teilte Shin mit mir, während er die kleine Kugel in seine linke Hand schweben ließ, sie einen Moment lang betrachtete und dann hochwarf. Bevor sie wieder in seiner Hand landen konnte, löste sie sich in silberne Stränge auf, die in Shins leuchtender Brust verschwanden.

Neugierig geworden wandte ich mich an Akira, die immer noch in der Luft verharrte und das Geschehen desinteressiert mitverfolgt hatte.

„Was ist eigentlich dein Void?"

„Das geht dich nichts an", fauchte sie und ließ sich wieder zu Boden gleiten, wo sie die Arme in die Hüfte stemmte und mich mit ihren Blicken durchbohrte. „Aber wenn du mir weiterhin so auf die Nerven gehst, wirst du es noch herausfinden – und glaub mir: das willst du nicht!"

„Um wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen", warf Shin schlichtend ein, „müssen wir nun einen König loswerden, da nur einer benötigt wird. Wären denn beide gewillt, die Rolle des Adam zu übernehmen, Yuu?"

Ich nahm mir einen Augenblick Zeit, um darüber nachzudenken, doch die Antwort war eindeutig.

„Nein, sicher nicht. Shu hat Mana schon zweimal zurückgewiesen. Er wird es wieder tun."

„Dann ist die Sache eindeutig", sprach er weiter und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „Stell ihm einfach diese Frage. Wenn er sie verneint und die Position des Adams wirklich zurückweist, hat das Schicksal die Entscheidung getroffen."

„Aber selbst wenn: Wie soll ich ihn dann aufhalten?", gab ich zweifelnd zurück.

„Schieß ihm eine Kugel durch den Kopf, das hilft garantiert", redete Athyra ungefragt dazwischen. Genervt verdrehte sie die Augen. „Warum müsst ihr alles immer so kompliziert machen …"

„Der Wille der Menschheit wird durch den Willen einzelner Menschen repräsentiert", entgegnete Shin, ohne ihrem sarkastischen Kommentar Beachtung zu schenken. „Weißt du, auf was ich damit hinaus will?"

Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus, als ich bestätigend nickte.

Ich hatte verstanden.

. . .

. . .

Als ich erwachte, lag ich auf dem Rücken und starrte in einen wolkenverhangenen Himmel. Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich wieder in die Realität einfand. Schließlich setzte ich mich auf und blickte auf die Plattform unter mir, wo Gai bewegungslos in die Ferne starrte. In der Hand hielt er eine riesige Waffe, die meinem Bogen sehr ähnelte. Er hatte mein und zwei weitere Voids fusioniert, um mit der daraus entstandenen Waffe die Flotte der UN unschädlich zu machen, die im Begriff gewesen war, das Hauptgebäude zu stürmen. Der Stille um uns herum nach zu urteilen, hatte es wohl funktioniert.

Ich sprang von dem Balken herab, auf den ich mich gesetzt hatte, und kam sanft auf dem Boden auf. Die freigesetzte Energie, die für die Fusion nötig gewesen war, hatte selbst mich für kurze Zeit in Ohnmacht fallen lassen. Ich ließ meinen Blick über die zwei bewusstlosen Personen am Boden schweifen, bis ich mich schließlich an Gai wandte.

„Hast du sie alle erwischt?", fragte ich gutgelaunt und vergrub meine Hände in den Taschen.

„Die Zerstörungsrate liegt bei 87%", entgegnete er tonlos. Das fusionierte Void in seiner Hand löste sich währenddessen wieder auf und ließ jedes der drei verwendeten Voids wieder zu seinem Besitzer zurückkehren. Nachdem es schließlich vollständig verschwunden war, wandte er sich um und ging ins Gebäude zurück, ohne die beiden Personen weiter zu beachten, die wohl noch einige Zeit bewusstlos sein würden. Ich folge ihm stumm.

Als wir schließlich wieder im Inneren des Gebäudetrakts angekommen waren, teleportierte ich mich vor ihn. Er blieb stehen und sah mich an.

„Hast du die Leute ausgewählt, um die ich dich gebeten hatte?", fragte ich ohne Umschweife. Er nickte.

„Sie warten bereits dort, wo du sie haben wolltest."

„Und ihre Voids?"

„Sind alle bestens für einen Kampf geeignet", antwortete er.

„Ausgezeichnet." Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Dann zog ich meine rechte Hand aus der Manteltasche und hielt ihm den Kristallring entgegen, den ich vor kurzem in dem Trümmerfeld aufgelesen hatte. Er schimmerte nun gänzlich violett. „Die Zeit ist reif. Mit diesem Ring löschst du Inori Yuzurihas Erinnerungen und Gefühle, damit sie wieder das wird, was wir erschaffen haben: ein leeres Gefäß für Manas Bewusstsein."

Gai starrte einen Moment lang schweigend auf den Ring, bis er ihn schließlich nahm und ihn sich an den Finger steckte. Ich musterte ihn aufmerksam.

„Bereust du deine Entscheidung, Gai Tsutsugami?"

„Nein", erwiderte er ohne Zögern. „Für Reue ist kein Platz in dieser Welt."

Ich lachte laut auf. „Das sind die Worte eines wahren Königs!" Während ich sprach, versuchte ich entschlossen, die immer stärker werdenden Kopfschmerzen zu ignorieren, die mich seit meiner Bewusstlosigkeit quälten. „Ich vertraue darauf, dass du dich gut um Eva kümmerst. Wir wollen sie schließlich nicht noch einmal verlieren, nicht wahr? Und nun entschuldige mich bitte …" Mit einem letzten Blick auf Gai wandte ich mich von ihm ab. „Ein hoher Gast hat soeben das Gebäude betreten und ich möchte ihn so empfangen, wie es eines abgesetzten Königs würdig ist …"