An deiner Seite
Öffne deine Augen, Yuu.
Die Stimme klang sanft und irgendwie vertraut. Ich hatte Angst, der Aufforderung Folge zu leisten, da ich das Gefühl der inneren Ruhe zu sehr genoss, um es jetzt schon wieder zu verlieren. Ich verharrte daher noch eine Weile reglos und ließ mich treiben. Auch wenn die Person ihre Worte nicht mehr wiederholte, spürte ich doch ihre Anwesenheit, als würde sie geduldig warten, bis ich bereit war.
Schließlich öffnete ich langsam meine Augen.
Ich schwebte in hellem Licht, das mich umflutete wie warmes Wasser. Nicht weit von mir entfernt befand sich ein Mädchen in einem weißen Kleid, das sich eng an ihre schlanke Gestalt schmiegte. Der weite Rock flatterte leicht, als würde ein Windstoß ihn immer und immer wieder erfassen. Ihre langen violetten Haare umspielten sie wie von einer leichten Strömung angetrieben, ihre grünen Augen waren voller Intensität und ruhten auf mir. Sie lächelte.
In all dieser Farblosigkeit stach das Mädchen hervor wie eine blühende Blume im Schnee.
„Du kannst dich nicht an mich erinnern", stellte sie fest, aber ohne den Hauch eines Vorwurfs. Sie legte neckisch den Kopf schief und verschränkte die Arme hinter dem Rücken, während sie mich aufmerksam musterte. „Aber wie soll man sich auch an den Namen einer Namenlosen erinnern, nicht wahr?"
‚Nanashi!', hörte ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf freudig rufen. ‚Mein Name ist ab heute Nanashi!'
„Nanashi …", flüsterte ich wie in Trance und das Mädchen nickte lächelnd.
„Ich habe lange auf dich gewartet, Yuu …" Sie trat auf mich zu, während ich unfähig war, mich zu bewegen. Dann schlang sie sanft ihre Arme um mich. „… und jetzt bist du endlich wieder an meiner Seite …"
… an meiner Seite …
Die Erinnerungen brachen wie eine Flutwelle über mich herein.
All die vergessenen Dinge über mein altes Leben, mein früheres Wesen und nicht zuletzt Nanashi füllten die Leere in mir mit abertausenden von Gefühlen. Und sie waren nicht flüchtig und dumpf wie Nebelschwaden – sie waren intensiv wie ein Sonnenstrahl, der durch die tiefste Finsternis brach, und setzten sich in mir fest, machten mich wieder zu dem, was ich einst war und nun wieder sein konnte.
Ich erinnerte mich daran, wie ich Nanashi zum ersten Mal begegnet war. Ich erinnerte mich an unsere gemeinsame Zeit voll Sorgen über den nächsten Tag, aber auch voll Freude über die Nähe des jeweils anderen. Ich erinnerte mich an die Wut gegenüber denjenigen, die auf uns herabgesehen oder uns Leid angetan hatten. Ich erinnerte mich an die Verzweiflung und Hilflosigkeit, mitansehen zu müssen, wie sie sich gegen ihren Willen immer mehr von mir entfernt hatte. Ich erinnerte mich an unseren Zusammenhalt und unsere Zuneigung, die ein ewig währendes Band zwischen uns geknüpft hatte.
Ich erinnerte mich an alles.
„Es tut mir … so leid …" Verzweifelt drückte ich sie an mich, während mein Körper vor Schluchzern nur so durchgeschüttelt wurde. Es war mir kaum möglich zu atmen, so stark schnürte das Schuldgefühl meine Kehle zu. Ich presste mein Gesicht in ihr Haar und weinte.
„Du hast alles für mich aufgegeben, dir muss überhaupt nichts leidtun, Yuu", sagte sie sanft. Ich spürte ihre warme Hand an meiner Wange.
„Ich bin … ein Monster …", stieß ich unter Schluchzern hervor. „Was ich anderen angetan habe, war so … grausam, dass ich niemals … Ich werde niemals …!"
„Bitte hass dich nicht", redete sie leise auf mich ein. „Es ist nicht deine Schuld, es war dein Schicksal. Du hast dich so gut es ging, dagegen gewehrt. Ich weiß es. Ich war immer in deinem Rücken und habe auf den Tag gewartet, an dem du dich endlich zu mir umdrehst."
Es verging eine Ewigkeit, in der wir in inniger Umarmung dicht beieinander standen und schwiegen. Wir brauchten keine Worte, um auszudrücken, was wir in diesem Moment für den jeweils anderen empfanden. Ihre friedliche Ausstrahlung und ihre Nähe, nach der ich mich so lange gesehnt hatte, ohne es zu wissen, ließen mich ganz langsam wieder zur Ruhe kommen. Schließlich atmete ich einmal tief durch und löste mich behutsam aus ihrer Umarmung.
„So fühlt es sich also an, wenn man tot ist?" Mit einem Lächeln fuhr ich mir über die Augen, um auch noch die letzten Tränen wegzuwischen. „Ziemlich aufwühlend!"
Nanashi trat einen Schritt zurück und sah mich an. „Du bist nicht tot", widersprach sie lächelnd. Dann breitete sie die Arme aus. „Das hier ist nur eine Erinnerung. Die letzte, die ich dir hinterlassen habe, als wir zu einem Kristall wurden. Ich konnte einen winzigen Teil meines Bewusstseins hier einschließen und warte seither auf den Tag, an dem du mich endlich finden würdest."
„Du bist nur eine Erinnerung …?", flüsterte ich, als mein Herz sich plötzlich zusammenkrampfte, als mir bewusst wurde, was das bedeutete.
Nanashi nickte. Ihr Lächeln wurde eine Spur trauriger. „Ich werde mich nach unserem Gespräch für immer auflösen."
„Das darfst du nicht!", rief ich entsetzt und schloss sie wieder fest in meine Arme, als könnte ich sie damit bei mir halten. Ich fühlte mich, als wollte mir jemand meinen wertvollsten Schatz, den ich gerade erst wieder gefunden hatte, mit aller Gewalt entreißen. Aber ich würde verbissen darum kämpfen. „Wenn dich nur diese eine Erinnerung am Leben erhält, dann werde ich einfach nicht mehr daraus erwachen!"
Ich hörte sie leise an meiner Brust seufzen. „Diese Reaktion hatte ich bereits erwartet. Du bist noch genauso wie damals." Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange, wand sich dann geschickt aus meiner Umklammerung und hakte sich stattdessen bei mir unter. Noch ehe ich wusste, was geschah, zog sie mich mit sich.
Wir gingen durch das helle Licht, als wären es die schmalen Straßen und Gassen von damals. Seite an Seite spazierten wir ohne festen Boden unter den Füßen hierhin und dorthin, was mir nach einiger Zeit fast das Gefühl vermittelte, gleich denselben adligen Leuten von früher zu begegnen, so vertraut war alles.
„Ich wünschte, du könntest bleiben. Wirklich", begann Nanashi schließlich zu erklären. „Aber ich habe eine Bitte an dich, die mir sehr am Herzen liegt."
Ich sah zur Seite. Ihr Blick war zu Boden gerichtet, sie wirkte zutiefst betrübt. Statt nachzufragen, um was es sich denn handle, wartete ich solange, bis sie von allein weitersprach.
„Es fällt mir nicht leicht, weil ich weiß, dass es grausam ist, das zu verlangen, und es dir alles abverlangen wird …" Ihre Stimme zitterte leicht, doch sie fuhr dennoch fort. „… vielleicht sogar mehr, als du ertragen kannst … Vielleicht ist es sogar unmöglich, keine Ahnung …"
Noch während sie stockend nach den richtigen Worten suchte, blieb ich stehen. Sie ging noch einen Schritt, bevor sie sich verwundert zu mir umwandte.
„Ich werde es tun", sagte ich mit fester Stimme. Sie musste nicht erst laut aussprechen, was wir beide uns tief in unserem Herzen herbeisehnten. „Ich werde diesen Kreis des Todes und der Vernichtung durchbrechen, den Da'ath Evolution nennt. Und ich werde es schaffen."
Ein tiefer Seufzer entwich ihrer Brust, als sie sich mit einem letzten Blick in meine eisblauen Augen stürmisch wieder in meine Arme warf. „Es ist so schrecklich", schluchzte sie, während ich ihr beruhigend über den Rücken strich. „Ich höre immer noch die Stimmen der Leute in meinem Kopf, die wie ich in diesem Stein eingeschlossen – nein, vielmehr der Virus selbst waren … Sie alle haben Ähnliches durchgemacht wie wir und auch sie haben sich verzweifelt gegen ihr Schicksal gewehrt, Yuu! Ich höre ihre Klagen, ich spüre ihren Schmerz und teile ihre Verzweiflung … Und es wird niemals ein Ende finden!"
„Ganz ruhig", redete ich sanft auf sie ein, während ich sie fest an mich presste. Es brach mir das Herz, sie so leiden zu sehen, da ich völlig nachvollziehen konnte, was sie alles durchgemacht hatte und noch immer durchmachte. In eben diesem Moment war der Virus nämlich dabei, durch Eva wieder in dieser Welt Fuß zu fassen und damit die Apokalypse einzuleiten.
„Jeder einzelne von uns musste hilflos mitansehen, wie eine neue Welt vernichtet wurde und das durch unsere Schuld!", fuhr sie verzweifelt fort. „Das einzige, was wir tun konnten, war, den Fund des Steins so lange wie möglich hinauszuzögern – und das haben wir mit allen Mitteln versucht, Yuu, mit allen Mitteln!" Sie sah zu mir hoch. Trotz all der Tränen hatte ihr Blick einen beinahe grimmigen Ausdruck angenommen. „Eine abgeschottete Insel, ein verlassenes Waldstück, der schneebedeckte Gipfel eines Berges, eine Wüste … Aber es half alles nichts. Früher oder später wurden wir gefunden und das Übel begann von neuem. Wie können sie die Liebe zweier Menschen nur für so etwas Schreckliches missbrauchen, Yuu? Wie?!", schrie sie verzweifelt und sank dann weinend auf die Knie. Ich tat es ihr gleich, während ich sie keine Sekunde lang losließ.
„Ich weiß es nicht", antwortete ich leise. „Aber ich werde es herausfinden, das verspreche ich dir. Ich bin mir sicher, dass Shin, Akira und Hiroki ihre Fehler einsehen und ihre schrecklichen Evolutionspläne fallen lassen werden, sobald sie sich wieder an ihr früheres Leben erinnern können. Genauso, wie es bei mir jetzt ist. Wenn ihre Liebe damals wirklich so stark war, wie du es beschreibst, dann werden sie es tun, glaub mir", versicherte ich ihr. Ich spürte sie an meiner Schulter mehrmals nicken. „Das Vergessen hat einfach alles verändert. Aber es war nicht nur das Vergessen …", versuchte ich zu erklären, auch wenn ich selbst nicht genau wusste, was es weiter damit auf sich hatte. „Es war, als hätte diese sogenannte „Evolution" mich zu einem völlig anderen Menschen gemacht. Zu einem Menschen, der ich nie sein wollte …" Ich schluckte krampfhaft, als ich mich an all die Situationen zurückerinnerte, in denen ich mich am Leid anderer ergötzt hatte. Wie ich alles als Spiel angesehen und mit Leichtigkeit über Menschenleben entschieden hatte, amüsiert ihren schweren Kampf beobachtet und dabei geringschätzig auf sie hinabgeblickt hatte.
„Jetzt kannst du wieder du sein", flüsterte Nanashi mit geschlossenen Augen.
Ich nickte stumm, während eine einzelne Träne meine Wange hinunterrann, die ich trotz aller Anstrengungen nicht hatte zurückhalten können. Sie wischte sie lächelnd mit ihrem Handrücken beiseite – wie damals, als sie mich mit den Apfelstückchen gefüttert hatte. Wir verharrten noch einen Moment am Boden, dann stand ich auf und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie ergriff sie entschlossen und ich zog sie hoch.
„Weißt du, dass Mana eigentlich ein liebes Mädchen ist?", fragte sie nach einer Weile, als wir wieder ein Stück gegangen waren. „Ein kleines Stück von ihr existiert immer noch, irgendwo ganz tief in diesem Bewusstsein, das von dem Virus völlig zerfressen ist."
„Ja, ich erinnere mich an sie", antwortete ich. „Und wie es aussieht, tut Gai das auch. Sein Ziel war es von Anfang an, Mana wieder … in seine Arme zu schließen …" Ich stockte und blieb stehen.
„Was ist los?", fragte sie verwundert nach.
Ich schüttelte lachend den Kopf. Wie hatte ich nur so blind sein können?
Ich verstehe. Das hast du also vor, Gai.
Er hatte den Schwachpunkt von Da'aths Plänen schon lange im Voraus entdeckt. Wahrscheinlich war sich nicht einmal Da'ath selbst im Klaren darüber, dass ihr ganzes Evolutions-System extrem angreifbar war. Oder sie wussten es, gingen aber davon aus, dass jeder ihrer Gesandter im Notfall eingreifen würde, bevor es in sich zusammenbrach. Doch das würde diesmal nicht der Fall sein.
„Shus Wille ist extrem stark", sprach ich weiter. „Er wird es schaffen, Mana von ihrer Aufgabe zu entbinden und dich zu erlösen. Ich kenne sein Herz, seine Entscheidung steht bereits fest. Wir müssen auf ihn vertrauen."
„Das tu ich. Wir alle tun es." Sie ergriff plötzlich meine beiden Hände und stellte sich vor mich. Ihre grünen Augen fixierten mich vergnügt, während ich mich ganz in ihrem wundervollen Lächeln verlor. „Ich danke dir, Yuu. Für alles."
„Sag das nicht", entgegnete ich. Mein Mund wurde trocken. „Es klingt zu sehr nach Abschied."
„Es ist ja auch einer", erwiderte sie sanft und drückte meine Hände noch ein bisschen fester. „Ich bin so froh, dass ich dich noch einmal sehen durfte … Aber die Zeit ist jetzt um. Du musst zurück."
„Bitte verlass mich nicht", flüsterte ich, obwohl ich es gar nicht vorgehabt hatte. Ich hatte von Anfang an gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde, doch trotzdem überrollte er mich nun wie eine Flutwelle. „Ich will dich nicht verlieren – nicht schon wieder."
„Du verlierst mich nicht." Sie trat auf mich zu und presste ihre Lippen auf die meinen. Ich schloss die Augen und spürte zum letzten Mal die Wärme ihres Körpers, der sich eng an mich schmiegte und mir das Gefühl gab, endlich wieder vollständig zu sein.
Ich bin für immer an deiner Seite.
Als ich die Augen aufschlug, kaum dass ihre Worte verklungen waren, war das helle Licht zusammen mit ihr verschwunden. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich geradeaus in die Ferne, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Fast hatte ich befürchtet, dass alles nur ein Traum gewesen und ich jetzt wieder das Scheusal war, zu dem Da'ath mich gemacht hatte, doch schon allein diese Sorge darüber bewies mir das Gegenteil. Erst allmählich drang in mein Bewusstsein, dass Shu immer noch am anderen Ende des Raums stand und mich ansah. Sein Blick war nach wie vor ernst, die Voids waren inzwischen verschwunden, ebenso wie die freigesetzte Menge an Energie. Ruhig stand Shu dort und wartete meine Reaktion ab. Sicherlich war für ihn noch nicht viel Zeit seit seinem Angriff vergangen, da sich keine Verwunderung auf seinem Gesicht abzeichnete. Nur pure Entschlossenheit.
Ich lächelte.
Mit einer aufwärts gerichteten Armbewegung öffnete ich zu meiner Linken einen verborgenen Durchgang, der direkt in den Thronsaal führte, wo Evas Wiederauferstehung kurz bevorstand. Und dort würde er auch auf Gai treffen.
Shu warf einen kurzen Blick auf den freigelegten Durchgang, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich. Seine roten Augen durchbohrten mich förmlich, als wollten sie mein Innerstes freilegen und nach außen kehren – ganz wie es die Macht des Königs mit Herzen tat, die sie als Void sichtbar machte.
Wir starrten uns lange Zeit stumm an. Dann wandte sich Shu ohne ein Wort von mir ab und ging mit bedächtigen Schritten an mir vorbei zum Durchgang. Er hatte auch ohne Worte verstanden, dass ich seinen Willen respektierte, der stärker gewesen war als der von Da'ath, und daher ihm nun alles Weitere überließ. Ich hätte nur allzu gern gewusst, was in diesem Moment in seinem Kopf vorging. Stumm sah ich ihm so lange nach, bis er nicht mehr zu sehen war.
„Dann geh und versuch es, Shu Ouma …", sagte ich leise zu mir selbst. Ich wusste genau, was ihm bevorstand, sollte Manas Wiederbelebung bereits vollendet sein. Selbst wenn er es irgendwie schaffen würde, Inoris und Manas Bewusstsein wieder voneinander zu trennen, hatte sie immer noch keinen eigenen Körper. Und wenn Mana die Apokalypse zu diesem Zeitpunkt bereits eingeleitet hätte …
Unter größten Anstrengungen zwang ich mich, das Bild von Nanashi zu verdrängen, wie sie mit ihrem von Kristallen überwucherten Körper und ohne ihr Augenlicht auf mich zu stolperte. Shins Worte kamen mir wieder in den Sinn, deren Tragweite ich erst jetzt langsam zu verstehen begann. Doch ich wusste, dass sie nun eine ganz neue Bedeutung bekämen, als ich sie leise an Shu richtete.
„Versuch, der Verzweiflung zu widerstehen."
Wir vertrauen auf dich, Shu.
Mit diesem Gedanken in meinem Kopf und Nanashis Bild vor Augen löste ich meine feste Gestalt auf.
