Gefallener Engel

Als Shu schließlich gegen Gai kämpfte, während gleichzeitig Mana auf einer Plattform über ihnen das Ende der Welt einläutete, ließ ich mich treiben. Auch wenn ich es gewollt hätte, hätte ich keine feste Gestalt annehmen können. Ich fühlte mich müde und ausgelaugt, als ob die zurückgekehrten Erinnerungen alle Kraft aus mir gesogen hätten. Ich kannte das Gefühl, keine feste Form zu haben, eigentlich nur allzu gut, immerhin hatte ich schon oft Leute aus dem Schatten heraus beobachtet. Doch diesmal fühlte es sich anders an. Als ob meine ganze Existenz zu schwach wäre, sich an einem Ort zu sammeln, breitete ich mich immer weiter im Raum aus – wie Wasser, das durch keine Schranken mehr gehalten immer mehr an Dichte verlor.

Ich war der Wind in Manas rosa Haar, als sie behutsam Schritt an Schritt reihte und in eleganten, tänzerischen Bewegungen die Apokalypse entfesselte.

Ich war die Luft, die von Evas Void zerschnitten wurde, als Gai das Schwert der Vernichtung auf seinen Gegner herabsausen ließ.

Ich war die Böe, die sie im freien Fall erfasste, als Shu schließlich Gai durchbohrte und damit auch Mana aufhielt.

Ich war nirgendwo und doch überall.

Sieht so aus, als hätte Gais Plan wirklich funktioniert …, drang der Gedanke irgendwann zu mir durch. Er und Mana leiten die Apokalypse ein, doch sterben beide, bevor die Welt vernichtet wird. Da Mana ihren Auftrag aber erfüllt hat, wird sie nicht wiedergeboren und geht als Eva für Da'ath verloren. Niemand kann mehr eine erneute Apokalypse einleiten. Es ist endgültig vorbei.

Klirr.

„Shu …"

Klirr.

In mir zog sich alles zusammen, als ich das klirrende Geräusch vernahm, das mit jedem von Inoris Schritten entstand. Ich konnte den Anblick kaum ertragen, als sie – immer noch in Manas altem Körper, da ihr eigener ja zerstört worden war – blind und von Kristallen fast vollständig überwuchert auf Shu zuging und schließlich in seinen Armen landete. Es war dieselbe Szene wie damals, als Nanashi in ihrer Situation gewesen war. Die Erinnerung an ihr Leid und meine Hilflosigkeit ließ mein Herz gequält aufschreien.

Doch Shu widerstand der Verzweiflung.

Als er seine Void-Hand hob und den Virus, die Kristalle und nicht zuletzt die Kristalle, die sich um die menschlichen Herzen gebildet hatten und nun in Form von Voids auf ihn zuströmten, in sich aufnahm, kam es mir so vor, als würde Nanashi sich ein letztes Mal an mich schmiegen. Ich spürte sie förmlich aufseufzen, als all ihre verstreuten Splitter, die sich als Viren auf der ganzen Welt verbreitet hatten, gebündelt und in Shu versiegelt wurden. Erstaunt konnte ich kurz darauf beobachten, wie der Kristall, der sich durch diesen Vorgang um Shu und Inori gebildet hatte, aufbrach und Shu wieder entließ. Inori musste es auf irgendeine Weise geschafft haben, seine Bürde auf sich zu nehmen, und hatte sich statt seiner geopfert.

Und ich werde dafür sorgen, dass dein Opfer nicht umsonst war, Inori.

Ich erschuf eine ähnliche Energiebarriere wie damals, als Manas gescheiterte Wiederbelebung ebenfalls das Gebäude hatte einstürzen lassen. Da sowohl die Statik als auch die Energiezufuhr des Hauptgebäudes zum größten Teil auf genomischen Resonanzen beruhte, die aufgrund des verschwundenen Virus nun zusammenbrach, stürzte es ein. Der Boden brach bereits ein und große Trümmerteile fielen von der Decke, die mein Energiefeld immerhin abfing, bevor sie Shu verletzen konnten. Ich warf einen letzten Blick auf den Jungen, der am Boden inmitten der letzten Überreste des Kristalls kniete und mit leerem Blick geradeaus starrte, als ich ihn schließlich in der schützenden Energiekugel außer Reichweite des zusammenstürzenden Gebäudes brachte. Wahrscheinlich würde die Menschheit nie erfahren, wie knapp sie ihrem Untergang entkommen war und welch großes Opfer Shu dafür gebracht hatte.

Leb, Shu Ouma. Leb, wie Inori es sich gewünscht hat.

Während weiterhin Trümmer herabstürzten und das Gebäude langsam in sich zusammensackte, starrte ich auf die Überreste des Kristalls, der Shu und Inori in sich eingeschlossen hatte. Es waren die letzten Fragmente des Virus, der die Welt hätte vernichten sollen, und gleichzeitig die letzten Spuren von Nanashi, die eins mit ihm geworden war.

Ich harrte so lange aus, bis auch noch der letzte Splitter in die Luft aufstieg, kurz aufleuchtete und dann für immer verschwand.

Nanashi war endlich erlöst.

Jetzt blieb nur noch eins zu tun.

. . .

. . .

„Du verdammter Mistkerl!"

Kaum hatte Akira mich entdeckt, ging sie wütend auf mich los. Ihre Augen leuchteten bedrohlich rot, als sie schließlich vor mir stand und weit ausholte. Ich hatte den Schlag schon längst kommen sehen, weshalb ihr Fausthieb ins Leere traf.

„Materialisier dich wenigstens, du Feigling!", schrie sie und holte erneut aus. „Lass mich dein hübsches Gesicht verunstalten, so wie du es verdient hast, du fieser kleiner …!"

„Das hat doch keinen Sinn, meine Liebe." Shin war hinter ihr erschienen und hatte ihr Handgelenk gepackt, bevor sie erneut zuschlagen konnte. „Wir sollten Yuu sich erst einmal erklären lassen."

„Lass mich sofort los", zischte sie wütend, woraufhin Shin leise seufzte und ihrer Aufforderung nachkam. Ich nutzte die Gelegenheit und teleportierte mich aus ihrer Reichweite, bevor sie abermals zum Schlag ausholen konnte. Ihrem finsteren Blick nach zu urteilen hätte sie es sicher getan.

„Na dann sprich!", forderte sie mich unwirsch auf. „Sag uns, warum du tatenlos zugesehen hast, wie Adam abgeschlachtet wurde und mit ihm dann auch Eva starb! Die Apokalypse wurde ausgelöst, aber die Menschheit existiert noch – weißt du überhaupt, was das für uns bedeutet?!", schrie sie wütend auf mich ein, als sie sich plötzlich stöhnend an den Kopf griff und sich langsam zu Boden sinken ließ. Sie tauchte eine Hand in den Lethestrom hinter ihr und kühlte sich damit die Stirn. „Wie konntest du die Kopfschmerzen überhaupt so lange ertragen? Die Stimmen schreien immer noch unaufhörlich durcheinander …"

„Das ist eine sehr gute Frage." Shin kniete sich an ihre Seite und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter, während er mich mit seinen dunklen Augen skeptisch musterte. Er ertrug in diesem Moment wahrscheinlich dieselben Kopfschmerzen wie Akira, ließ es sich jedoch nicht anmerken. „Wolltest du dem Willen der Menschheit nicht immer Gehör schenken und nach ihm handeln, Yuu? Warum hast du nicht eingegriffen?"

Ich schluckte krampfhaft. Ich hatte keine Ahnung, wie sie reagieren würden, aber ich war entschlossen, ihnen die Wahrheit zu sagen. Auch wenn die Menschheit nun sicher war und Da'ath nach dem endgültigen Tod von Adam und Eva kein neues Mitglied mehr rekrutieren konnte, wollte ich sie von den Ketten, die sie „Evolution" nannten, befreien. Sie mussten sich wieder an ihr altes Leben erinnern, damit sie wieder ein neues Ziel vor Augen haben konnten. Ein Ziel für sich selbst und nicht zum Wohl eines Systems.

„Ich kann mich wieder erinnern", brachte ich nach langem Schweigen schließlich hervor. „Ich kann mich an mein altes Leben erinnern."

Akira schnaubte verächtlich. „Das ist unmöglich. Und außerdem die schlechteste Ausrede aller Zei-"

„Nanashi", sagte ich laut und deutlich.

Akira runzelte nur die Stirn, verärgert darüber, dass ich ihr ins Wort gefallen war. Shins Augen weiteten sich jedoch deutlich. Er war damals Da'aths Gesandter gewesen, er hatte ihre Entwicklung zu Eva überwacht, er sie die Apokalypse einleiten lassen. Er wusste genau, wer Nanashi war.

„Ich erinnere mich an Nanashis violettes Haar, ihre grünen Augen und ihr freundliches Wesen", sprach ich entschieden weiter. „Ich erinnere mich an das Leben auf der Straße, an die Apokalypse und meine Ankunft in der Unterwelt. Ich erinnere mich an alles."

„Unmöglich!", stieß Shin erstaunt hervor. „Wie konnte das passieren?!"

„Der Angriff eines fusionierten Voids hat das bewirkt", antwortete ich ruhig. „Es wurde dabei viel Energie freigesetzt und die darin enthaltenen Gefühle haben mich einfach überwältigt. Auch wenn es eine schmerzhafte Prozedur war, fühle ich mich jetzt wie befreit."

„Das erklärt natürlich, weshalb du die Gefahr nicht so eindeutig hast erkennen können", entgegnete Shin stirnrunzelnd. „Doch warum hast du Adam dennoch nicht unterstützt, wenn du doch wusstest, wie wichtig er für uns ist?", fragte er lauernd.

„Ich möchte, dass ihr euch auch wieder an euer altes Leben erinnert", teilte ich ihm mit fester Stimme mit. „Damit dieser Unsinn hier endlich ein Ende findet."

„Du bist ganz schön vorlaut geworden, Kleiner …" Zwischen ihren Fingern leuchteten Akiras Augen rot hervor, als sie mich fokussierte. Sie saß immer noch am Flussufer im Sand und massierte sich Stirn und Schläfen. „Lass uns dieses unnötige Gespräch am besten gleich beenden, bevor wir noch mehr Zeit verschwenden." Sie seufzte tief. „Wie du deine Erinnerungen wiedererlangt hast, ist nicht von Belang. Trink einfach nochmal aus der Lethe, dann löst sich das Problem von allein."

„Das ist kein Problem!", widersprach ich heftig. „Ihr müsst euch wieder erinnern, um das wahre Problem zu erkennen – nämlich all das hier!" Ich breitete meine Arme aus. „Dieses ganze System beruhigt auf Tod und Vernichtung und uns macht es zu gewissenlosen Monstern, denen das egal ist!"

Akira richtete ihren Blick auf Shin neben ihr. „Hat er mich etwa gerade als gewissenloses Monster bezeichnet?"

„Das hat er."

„Gefällt mir." Mit einem fiesen Grinsen wandte sie sich wieder mir zu. „Auch wenn er „wunderhübsch" vergessen hat."

Ich starrte ihr grimmig entgegen. Mir war von Anfang an bewusst gewesen, dass es nicht einfach werden würde, sie zu überzeugen. Ich würde zu härteren Mitteln greifen müssen.

„Versuch, dich an dein altes Leben zu erinnern, Akira. Auch du warst einst ein Mensch, den jemand aufrichtig geliebt hat." Sie kniff die Augen zusammen, als ich langsam auf sie zuging. „Und diese Liebe war so stark, dass er dich bis in alle Ewigkeit an seiner Seite haben wollte und dich zu Eva gemacht hat. Aber du hast ihn für immer verloren, als du –"

„SEI STILL!" Sie hatte sich an den Kopf gegriffen und atmete schwer.

„– als du, gezwungen durch den Schmerz seines Todes, das Wasser der Lethe getrunken hast, um deine Erinnerungen zu löschen", sprach ich beharrlich weiter. „Versuch, dich zu erinnern, Akira!"

„Du willst, dass ich mich erinnere?", keuchte sie und richtete ihren Blick, den sie zuvor zu Boden gerichtet hatte, wieder auf mich. „Ich werde dir zeigen, wie ich mich erinnere!" Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse aus Schmerz und Zorn, als sie mit einer schnellen Bewegung beinahe brutal in ihre hell aufleuchtende Brust griff. Sie hatte ihren Arm schon fast wieder herausgezogen, als Shin abermals nach ihrem Arm griff und sie zurückhielt.

„Lass das", wies er sie scharf an. „Du weißt doch, dass dir das nicht gut tut."

„Das ist mir egal", zischte sie hasserfüllt. Ihre Hand zitterte vor Anstrengung, sich gegen Shins festen Griff zu wehren. „Ich werde ihn bestrafen …"

„Du würdest dich im Moment mehr selbst damit bestrafen", entgegnete er, nun etwas milder. „Denk nur an das letzte Mal, als du dein Void extrahiert hast. Lass es los, ich bitte dich."

Es vergingen einige Sekunden, in denen sie mich bewegungslos weiterhin mit ihren Blicken durchbohrte. Von ihrem Handgelenk, das bereits wieder zum Vorschein gekommen war, lösten sich pechschwarze Kristalle und verschwanden, ehe sie auf dem Boden auftrafen. Schließlich ließ sie ihr Void los und zog ihre Hand heraus. Das Leuchten, das von ihrer Brust ausging, verschwand kurz darauf. Dann atmete sie tief durch und schloss die Augen.

„Du hast recht, Shin. Ich bin einfach erschöpft. Regle du das."

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie keinen erneuten Angriffsversuch mehr unternehmen würde, stand er schließlich auf. Seine dunklen Augen ruhten auf mir, sein Gesicht wirkte angespannt.

„Du musst im Moment ziemlich verwirrt sein", sprach er bedächtig, „deshalb werde ich über deine Unverschämtheit nochmal hinwegsehen. Trink jetzt das Wasser der Lethe und ich verspreche dir, dass es dir gleich wieder besser geht, Yuu." Mit einem letzten Blick auf mich wandte er sich um.

„Das werde ich nicht tun", entgegnete ich entschlossen. „Ich wer-"

Der Angriff traf mich so unvorbereitet, dass ich nicht rechtzeitig reagieren konnte. In einer fließenden Bewegung hatte Shin sich blitzschnell umgedreht und gleichzeitig sein Void gezogen. Die rötlich schimmernde Kugel traf mich so hart in der Magengegend, dass sie alle Luft aus meinen Lungen presste und mich weit zurückschleuderte. Mit einem platschenden Geräusch landete ich im seichten Wasser.

Die Lethe!, fuhr es mir durch den Kopf. Panisch presste ich die Lippen fest aufeinander, um auch ja keinen Tropfen von dem Wasser des Vergessens zu schlucken, und stemmte mich dann mit beiden Armen in eine sitzende Position. Das Wasser reichte mir auf diese Weise gerade einmal bis zum Ellbogen. Ich spürte, wie mein Mantel sich langsam vollsog und immer schwerer wurde, als wollte er mich mit aller Macht in die Tiefen des Flusses ziehen. Ich hielt mir mit einer Hand meinen schmerzenden Bauch, während meine Augen aufmerksam den Bewegungen der Void-Kugel folgten. Doch Shin hatte wohl keinen erneuten Angriff im Sinn, denn die Kugel sirrte auf direktem Weg wieder zu ihm zurück und verschwand in seiner leuchtenden Brust.

„Du wirst jetzt das Wasser trinken, Yuu." Auch wenn seine Stimme bedrohlich war, klangen seine Worte eher nach einer Feststellung als nach einem Befehl.

Immer noch in meiner Position verharrend sah ich zu, wie er Akira eine Hand anbot und ihr aufhalf. Ich konnte hören, wie sie sich leise unterhielten, als hätten sie mich bereits vergessen.

„Bist du dir sicher, dass Eva nicht mehr im Kokytos gelandet ist?"

„Ganz sicher. Leider."

„Aber was ist, wenn wir Überreste des Virus dazu verwenden, um …"

„Es gibt keine Überreste mehr. Das Void dieses Jungen hat einfach alles davon absorbiert und vernichtet."

„Nur wegen dir herrscht jetzt dieses verfluchte Chaos!", rief Akira wütend zu mir herüber. „Bist du jetzt zufrieden?! Und jetzt trink endlich das verdammte Wasser, sonst müssen wir dir alles zweimal erklären!"

„Ja, Yuu …" Auch Shin drehte sich wieder zu mir um. „Warum hast du immer noch nicht davon getrunken …?"

Ich muss mich vor ihm hüten, schoss es mir durch den Kopf, als sich seine dunklen Augen in die meinen bohrten. Von ihm ging eine solch gefährliche Aura aus, dass ich erschauderte. Trotz Akiras leichter Reizbarkeit und offen gezeigter Aggressivität beunruhigte mich Shins Undurchschaubarkeit weit mehr.

„Er wird es nicht trinken." Hiroki tauchte unvermittelt neben ihnen auf. Seine Hände waren hinter dem Rücken verschränkt, seine eisblauen Augen fixierten mich ausdruckslos. „Du willst nicht mehr vergessen, nicht wahr, Yuu?"

Statt zu antworten, rappelte ich mich auf und teleportierte mich ein Stück in die Luft. Aufmerksam beobachtete ich die drei Da'ath-Mitglieder, während der Lethestrom glatt wie eine Eisfläche unter mir dahinfloss. Dann nickte ich. Der alte Mann lachte daraufhin laut auf, was Akira und Shin erstaunt zur Seite blicken ließ.

„Du hältst das System für grausam und uns, die es ausführen, für unmenschlich, nicht wahr?", fragte Hiroki amüsiert. „Aber natürliche Selektion ist nun einmal ungerecht, Junge. Und Evolution kann nicht ohne gewisse Opfer stattfinden."

„Diese Opfer sind ganze Welten, die ihr dafür vernichtet!", rief ich wütend. „Dieser Preis ist viel zu hoch für diese sogenannte „Evolution"! Was bewirkt sie denn schon? Wir erlangen übernatürliche Fähigkeiten, verlieren dafür aber unsere Menschlichkeit!"

„Menschen sind schwach und unnütz."

Hiroki hatte sich innerhalb eines Sekundenbruchteils direkt vor mich teleportiert, was mich trotz meiner Achtsamkeit erschrocken zurücktaumeln ließ. Ich löste meine feste Gestalt sofort auf, ohne jedoch meine Konturen zu verlieren, sodass er sich nunmehr einem Hologramm gegenüber sah. Falls er mich in dieser Form angreifen sollte, würde er mich nicht treffen. Allerdings machte er nicht die geringsten Anstalten dazu. Stumm schwebte er nicht weit von mir entfernt in der Luft und sah mich an.

„Ihr seid auch alle Menschen", erwiderte ich ruhig. „Ihr habt es nur vergessen. Und ich werde euch eure Erinnerungen wieder zurückbringen, das schwöre ich."

„Lasst mich die Sache regeln", forderte Akira und begann, einen Ärmel ihres weißen Mantels hochzukrempeln. „Ich werde ihm diesen Unsinn ein für alle Mal aus dem Leib prügeln!"

„Schon gut, Akira", entgegnete Hiroki und hob abwehrend eine Hand. „Es bringt nichts, hier und jetzt zu kämpfen. Wir haben alle dieselben Fähigkeiten, es würde keinen Gewinner geben." Er richtete seinen Blick wieder auf mich. Ein genüssliches Grinsen umspielte seine Lippen, das ich nicht so recht deuten konnte. „Dir steht es frei, die Unterwelt zu verlassen, Yuu. Aber bedenke, dass wir dich als unseren Feind betrachten, wenn du uns jetzt hier zurücklässt. Du bist in diesem Zustand weder ein vollwertiges Mitglied Da'aths noch kannst du jemals wieder ein normaler Mensch werden. Du hast keinen Platz, an den du gehörst. Ist es dir das wirklich wert?"

„Nicht unsere Fähigkeiten machen uns zu Menschen, sondern unsere Taten und Gefühle." Ich streckte meinen rechten Arm aus, woraufhin das Sonnensymbol auf meinem Handrücken hell aufleuchtete. Als das Portal sich langsam öffnete, warf ich noch einen letzten Blick auf Akira und Shin, die mit versteinerten Mienen zu mir hochsahen. „Ihr werdet es eines Tages wieder verstehen", endete ich mit einem leichten Lächeln, dann trat ich durch das Portal.

„Dann flieg, mein gefallener Engel!", rief Hiroki mir hinterher. „Flieg, soweit deine gebrochenen Flügel dich noch tragen …!"