Zwischen den Welten
Tokyo war das reinste Chaos.
Ich schwebte hoch über der Innenstadt und ließ meinen Blick über eingestürzte Häuser, zerbombte Straßen und völlig verlassene Stadtteile schweifen. Gerade rund um das ehemalige GHQ-Hauptquartier war die Zerstörung enorm, wofür vor allem Gais Angriff auf die UN-Flotte verantwortlich war.
Für den er mein Void benutzt hat.
Mein Magen krampfte sich bei diesem Gedanken schmerzhaft zusammen, doch ich versuchte gewissenhaft, die aufsteigende Übelkeit zu ignorieren. Auch wenn Nanashi mir versichert hatte, dass es mein Schicksal gewesen sei und ich gar nicht anders hätte handeln können, so würde ich doch niemals das Gefühl der Schuld ablegen können.
Und ich wollte es auch gar nicht.
Was auch immer die Ursachen gewesen waren, die Wirkungen meiner Taten waren Tod und Zerstörung. Und diese Schuld würde ich nicht leugnen. Deshalb war ich hier.
„Kann mich denn niemand hören …? Irgendjemand, bitte …", drang die Stimme einer Frau ganz leise an meine Ohren, was mich meinen Blick wieder zu Boden richten ließ. Trotz der Rückkehr meiner Erinnerungen hatte ich keine meiner früheren Fähigkeiten eingebüßt. Ich war immer noch ein Wesen, das von Raum und Zeit losgelöst war, und konnte mich daher immer noch nach Belieben teleportieren, auflösen oder Raum und Zeit auf andere Art verändern. Anscheinend hingen diese Fähigkeiten von der Macht des Königs ab, in deren Besitz ich nach wie vor war. Das war auch der Grund, weshalb ich trotz der großen Höhe problemlos die Person ausmachen konnte, die hinter ineinander verkeilten Holzbalken eingeschlossen war und nach Hilfe schrie.
Ich teleportiere mich etwas näher heran und erschuf zuerst ein Energiefeld dicht über ihr, damit Trümmer, die eventuell nachrutschten, sie nicht verletzten konnten. Dann hob ich mit einer kleinen Handbewegung die beiden schweren Holzbalken an, sodass ein kleiner Durchgang entstand. Als eine vorsichtig tastende Hand daraus hervorlugte, materialisierte ich mich schließlich am Boden.
„Hallo, ist da jemand?", rief ich gespielt ahnungslos und duckte mich dann, um in die dunkle Öffnung hineinzuspähen.
„Hilfe, bitte …", tönte es mir leise entgegen. Eine alte Frau kam mir auf allen Vieren entgegen und ich ergriff schnell ihre Hand, um ihr aus dem Trümmerhaufen herauszuhelfen, der bedrohlich ächzte und knarrte. Kaum war sie wieder auf den Beinen, fiel sie mir weinend um den Hals. „Danke, ich danke dir so …"
Ich blieb perplex stehen. Sie war nicht die erste Person, die ich aus solch ausweglosen Situationen befreit hatte, seit ich die Unterwelt verlassen hatte. Aber noch nie zuvor war die Reaktion so überwältigend gewesen.
„G-Gern geschehen", brachte ich schließlich hervor, während ich ihr hilflos die Schulter tätschelte. Da ich keine anderen Personen mehr unter diesem Schutthaufen wahrnahm, ließ ich die Holzbalken wieder in ihre ursprüngliche Position fallen. Da das einigen Staub aufwirbelte, bugsierte die Frau einige Schritte zur Seite. Ich wollte mich gerade erkundigen, ob sie verletzt war, als ich in der Nähe plötzlich Rufe vernahm.
„Wir teilen uns auf. Ihr da lang und ihr da lang!"
„Zu Befehl, Kommandant!"
„Da vorne ist jemand!"
Kaum sah ich die ersten Soldaten in der Ferne auf uns zulaufen, zog ich mich in den Schatten zurück. Ich hatte noch keinen Überblick über die aktuelle politische Lage und selbst wenn ich wüsste, ob diese Soldaten von der GHQ oder der UN wären, hätte ich nicht einschätzen können, welche Befehle sie ausführten. Bisher hatte der Staat Infizierte immer gnadenlos beseitigen lassen, jedoch gab es ja jetzt keine Infizierten mehr. Da mir nicht klar war, inwieweit diese Information bereits zu den leitenden Organisationen durchgedrungen war, beobachtete ich deswegen das Geschehen lieber aus der Ferne, immer bereit einzugreifen, falls die Soldaten wirklich schießen sollten. Zu meiner großen Erleichterung war das nicht nötig.
„Eine Überlebende in Sektor 9", hörte ich einen der Soldaten in sein Empfangsgerät sprechen. Kurz darauf nickte er und wandte sich an die alte Frau. „Sind Sie verletzt?"
„Nein", antwortete sie, während sie sich immer noch erstaunt nach mir umblickte. „Ein Engel hat mich gerettet! Er war gerade noch hier …"
Der Soldat gab ein Zeichen und zwei weitere Männer traten an ihre Seite. „Wir werden Sie jetzt in ein Auffanglager bringen, wo sich um Sie gekümmert wird. Sie müssen sich keine Sorgen mehr machen. Haben Sie das verstanden?"
Sie nickte zögerlich und wurde dann von den Soldaten zu einem Wagen gebracht, der inzwischen angekommen war.
„Ein Engel, na klar." Ich hörte jemanden lachen. „Da hat sie aber etwas ganz schön am Kopf getroffen, was?"
„Ruhe!", befahl der erste Soldat, woraufhin das Lachen sofort wieder verstummte. „Wir suchen weiter nach Überlebenden. Los!"
Mit einem letzten Blick auf die davoneilenden Soldaten erhob ich mich wieder in die Lüfte und zog weiter meine Kreise über der Innenstadt. Doch die Worte der Frau ließen mir keine Ruhe mehr.
‚Ein Engel hat mich gerettet!'
‚Dann flieg, mein gefallener Engel!'
Ich kniff die Augen fest zusammen, als Hirokis höhnischen Worte in meinem Kopf widerhallten. Als ich sie kurz darauf wieder öffnete, befand ich mich mitten auf einem Gehweg. Ich konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite treten, bevor ich mit einem Mann und der Frau an seinem Arm zusammenstieß, die mir entgegenkamen.
„Pass doch auf!", beschwerte er sich, aber als sein Blick auf mich fiel, verstummte er sofort. Sichtlich erschrocken setzte er schnell seinen Weg fort und zog seine Partnerin mit sich.
„Der ist ja aus dem Nichts aufgetaucht …", hörte ich sie noch leise sagen, bevor die beiden um die nächste Ecke bogen und verschwanden. Ich runzelte die Stirn und machte einige Schritte in die entgegengesetzte Richtung, als mir zwei Mädchen entgegenkamen. Auch auf ihren Gesichtern zeichnete sich fast schon Furcht aus, als sie mich sahen. Zunächst blieben sie erstarrt stehen, dann gingen sie schließlich in weitem Bogen an mir vorbei. Als ich ihnen verständnislos nachblickte, fiel mein Blick auf die Spiegelung im Schaufenster zu meiner Linken, was mich augenblicklich den Grund für ihr seltsames Verhalten erkennen ließ.
In meiner schwarzen Robe und dem weißen Mantel musste ich für sie wie jemand von der Regierung wirken. Schließlich hatte gerade das Sonderkommando unter Shuichiro und nicht zuletzt unter Gai ganz ähnliche Kleidung getragen. Kein Wunder, dass mich die Menschen für einen gefährlichen Soldaten hielten.
Oder für einen Engel.
Ich starrte noch eine ganze Weile ausdruckslos auf mein Spiegelbild, dann zog ich den weißen Mantel aus und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. Ohne einen weiteren Blick zurück setzte ich meinen Weg fort.
In einer der Seitengassen, an denen ich vorbeikam, fand ich schließlich das, wonach ich suchte: einen großen Container mit weggeworfener Kleidung. Ich wühlte mich durch die meist sehr farblose Auswahl an Kleidungsstücken, bis ich schließlich etwas Passendes fand. Am Ende hatte ich meine eng anliegende, schwarze Robe gegen eine dunkle Hose, die etwas schmutzig, aber bequem war, ein schlichtes graues Hemd und einen ausgeleierten Pullover eingetauscht, dessen ehemals leuchtend hellblaue Farbe fast völlig ausgewaschen war. Er war mir sogar zu groß, doch das machte mir nichts aus. Immerhin besaß er sogar eine Kapuze, die ich mir sofort aufsetzte und tief ins Gesicht zog, sowie zwei große Taschen an den Seiten.
Ich lächelte leicht, als ich meine Hände tief in den Taschen vergrub.
Wenn das die einzige Angewohnheit ist, die mir aus meiner Zeit als Mitglied von Da'ath geblieben ist, dann kann ich mich wirklich glücklich schätzen.
Ich atmete tief durch, wandte mich dann um und ging auf die Straße zurück. Es war kaum ein Unterschied zu damals festzustellen, als ich in ebenso zerschlissenen Klamotten durch die Straßen gelaufen und von Tag zu Tag gelebt hatte. Ich schlenderte eine ganze Weile so entlang und immer stärker fiel mir auf, dass sich zusammen mit meinem äußeren Erscheinungsbild auch schlagartig das Verhalten der Passanten geändert hatte: Niemand gaffte mich mehr an, ja, kaum jemand schien überhaupt noch Notiz von mir zu nehmen.
Obwohl ich meine sichtbare Gestalt angenommen hatte, war ich unsichtbar.
Was mache ich hier eigentlich?
Ich bog abermals in eine kleine Seitengasse ein und blieb bereits direkt an der Ecke stehen. Ich presste meinen Rücken an die Hausfassade und ließ mich zu Boden gleiten, bevor ich meinen Kopf zwischen den angezogenen Knien vergrub.
Du bist kein Mensch. Du gehörst nicht einmal in diese Welt! Glaubst du wirklich, dass andere Kleidung daran etwas ändert? Du bist nicht wie sie und du wirst es niemals sein.
Ich verharrte lange in dieser Stellung, bis ich schließlich wieder die Kraft aufbrachte, den Kopf zu heben. Es verstörte mich am meisten, dass es mir plötzlich so viel ausmachte, allein zu sein. Ich kannte das Gefühl der Einsamkeit nur allzu gut, ich war mein ganzes Leben lang allein gewesen, bis …
Ja, bis ich Nanashi gefunden hatte.
Nur wegen ihr wusste ich jetzt, was wahrer Verlust bedeutete – und Einsamkeit.
Und Shu hat mich mit den ganzen Gefühlen, die er mir entgegengeschleudert hat, anscheinend noch sensibler gemacht für sowas – na vielen Dank auch!, schimpfte ich innerlich, während ich gegen meinen Willen lachen musste. Entschlossen wischte ich mir mit dem Ärmel über die Augen und atmete tief durch. Ich war nicht hier, um mir über meine eigene Zukunft Gedanken zu machen. Dazu hatte ich noch alle Zeit der Welt. Im Moment musste ich mir überlegen, wie ich Shin, Akira und Hiroki die Erinnerungen an ihr altes Leben wieder zurückbrachte. Das war ich all den vergangenen Adams und Evas schuldig, deren Liebe zu ihnen so stark war wie eh und je.
Na gut, was weiß ich denn bisher überhaupt von jedem einzelnen?, fragte ich mich in Gedanken, während ich mich im Schneidersitz hinsetzte, den Kopf gegen die Wand lehnte und die Augen schloss. Ich weiß, dass Shin der Gesandte von Da'ath in meiner Welt war, aber das hilft mir nicht weiter. Außerdem ist sein Void eine kleine, rot schimmernde Kugel, deren Bewegungen er anscheinend nach Belieben kontrollieren kann. Als ich mir sein Void vor Augen führte, hielt ich in meinen Überlegungen inne. Da sein Void sich aus roten Kristallen zusammensetzte, bedeutete das, dass alle Kristalle in seiner Welt rot gewesen waren. Weil die jeweils letzte Eva bzw. der jeweils letzte Adam mit dem Virus verschmolz, veränderte sich dadurch wahrscheinlich auch die Kristallfarbe. Jedenfalls hatte das auf Nanashi und ihr violettes Haar zugetroffen.
Da die Kristalle in meiner Welt hellblau waren, bedeutet das im Umkehrschluss, dass Shins Eva wahrscheinlich hellblaue Haare hatte, überlegte ich weiter. Und Akiras Adam rote, da Akira bei Shin die Apokalypse überwacht hatte. Und Hirokis Eva … Ich stockte erneut, als ich angestrengt überlegte, ob ich jemals etwas darüber erfahren hatte. Dann kamen mir die schwarzen Kristalle in den Sinn, die gerade noch zu sehen gewesen waren, als Akira ihr Void doch nicht extrahiert und es stattdessen wieder losgelassen hatte. … schwarze Haare, endete ich, wenn auch nicht ganz überzeugt. Das ganze Apokalypsen-System war ein einziger Kreislauf, der in sich zusammenbrach, sobald man auch nur einen Baustein entfernte. Allerdings hatte auch dieser Kreislauf irgendwann einmal beginnen müssen …
Ich seufzte tief, nahm die Kapuze ab und fuhr mir in derselben Bewegung mit beiden Händen durch meine blonden Haare. Hiroki war bisher noch das größte Rätsel. Er hatte nie viel von sich verlauten lassen und weder Shin noch Akira hatten etwas über ihn erzählt. Ich konnte mich nur vage daran erinnern, dass er aus einer sehr fortgeschrittenen Welt kam, die die Macht des Königs erst entwickelt hatte. Und gerade diese Gesellschaft hatte ihn wohl zum Sündenbock gemacht und ihn mit dieser Macht in die Unterwelt geschickt, um ihre sogenannte „Evolution der Menschheit" zu beginnen und fortzuführen.
Ob Hiroki dann überhaupt eine Eva hatte? Aber wie hätte sonst der Virus entstehen sollen? Ich seufzte erneut und schüttelte dann heftig den Kopf, wie um diese wirren Gedanken zu vertreiben. Es machte keinen Sinn, jetzt über den Ursprung des Übels nachzudenken, wenn ich ohnehin kaum etwas darüber wusste. Ich würde mich zuerst auf Shin und Akira konzentrieren. Nachdem ihre Erinnerungen zurückgekehrt wären, würden sie mich sicher bei meinem Vorhaben unterstützen und mir die Informationen geben, die ich brauchte.
Ob es wohl in irgendeiner dieser vielen Welten noch jemanden außer Shu gegeben hat, der die Rolle des Adam oder die der Eva abgelehnt hat? Gedankenversunken hob ich meine rechte Hand und ließ den rot glänzenden Apfel erscheinen, den ich als Gesandter schon so vielen Personen angeboten hatte. Auch wenn die Situation bei Shu eine gänzlich andere gewesen war, hatte ich jetzt im Nachhinein das Gefühl, mich viel zu wenig gegen die Rolle gewehrt zu haben, in die ich gedrängt worden war. Hätte ich mich damals geweigert, Adam zu sein, wäre Nanashi vielleicht nicht …
„Unsinn", murmelte ich, warf den Apfel dabei in die Höhe und fing ihn wieder auf. Ich weiß doch wohl am besten, wie man Eva dazu bringen kann, das zu tun, was Da'ath von ihr will. Es hätte nichts geändert …
Als ich den Apfel abermals hochwarf, sah ich aus den Augenwinkeln, dass ich nicht mehr alleine war. Ein kleiner Junge mit weißen Haaren, der kaum älter als sechs Jahre alt sein konnte, lugte nur wenige Schritte von mir entfernt hinter der Hausecke hervor. Er trug ein viel zu großes, rotes Hemd, das ihm bis über die Knie reichte, aber seine Hände gerade noch freiließ. Seine braunen Augen musterten mich kurz und schwenkten dann auf den Apfel in meiner Hand.
„Du hast wohl Hunger, Kleiner. Hab ich recht?", fragte ich freundlich. Nach langem Zögern nickte er stumm, ließ den Apfel aber keinen Moment lang aus den Augen. „Es tut mir sehr leid, aber dieser Apfel wird dir nicht viel nützen", sprach ich weiter. „Man kann ihn nicht essen." Es machte mich traurig, dieses Kind wieder wegschicken zu müssen. Ich wusste nur allzu gut, zu welch großer Qual Hunger werden konnte. Der Junge ließ sich von meinen Worten allerdings nicht im Geringsten beeindrucken und verharrte weiterhin an Ort und Stelle. „Du glaubst mir nicht, hm?", fragte ich. Er schüttelte entschieden den Kopf. Mit einem tiefen Seufzer streckte ich ihm schließlich den Apfel entgegen. „Dann komm und überzeug dich selbst."
Der Junge zögerte eine ganze Weile, doch schließlich siegte die Neugierde – oder der Hunger. Vorsichtig macht er Schritt um Schritt auf mich zu, bis er nahe genug war. Mit beiden Händen griff er nach dem wirklich schmackhaft aussehenden Apfel und entriss ihn meiner Hand. Er wollte sich gerade mit seinem Schatz aus dem Staub machen, als dieser plötzlich aufleuchtete. Mit einem erschrockenen Laut ließ er den Apfel los, der sich augenblicklich in silberne Stränge auflöste. Diese waren noch gar nicht wieder vollständig in meiner rechten Hand verschwunden, als sich der Junge mit vor Schrecken geweiteten Augen umwandte und davonlief. Kurz darauf war er nicht mehr zu sehen.
Ich blickte ihm lange nach. Es war nicht meine Absicht gewesen, ihm Angst einzujagen, aber wahrscheinlich hätte das jede meiner Handlungen getan. Mit einem traurigen Lächeln richtete ich den Blick auf meine rechte Hand.
Die Macht des Königs erhob den Menschen auf die nächste Evolutionsstufe.
Doch was nützte diese Macht, wenn sie nicht einmal den Hunger eines einfachen Straßenkindes stillen konnte?
Ich ballte meine Hand zur Faust. Es musste eine Möglichkeit geben, diese Kraft für etwas Nützliches einsetzen zu können. Es musste sie einfach geben. Und ich würde sie finden.
Ich werde dir deinen Apfel bringen, Kleiner!
Entschlossen stand ich auf, doch noch ehe ich ein Portal erschaffen konnte, das mich von hier wegbrachte, ließ mich eine laute Stimme innehalten.
„Bleib gefälligst stehen, Zauberer!"
