Alles auf Anfang
„Da bist du ja endlich!", begrüßte Kuro den Jungen mit dem violetten Haaren, der im Trabschritt auf uns zugelaufen kam. „Hier, nimm dir einen. Die sind heute noch viel saftiger als sonst!" Vergnügt warf er ihm einen Apfel entgegen, den Ao auch geschickt auffing. Ohne Zeit zu verlieren, biss er ein großes Stück davon ab und kaute zufrieden.
„Sehr lecker", stimmte er zu, kaum dass er hinuntergeschluckt hatte. „Wo treibst du die nur Tag für Tag immer wieder auf, Midori?!"
„Er will es uns nicht verraten", antwortete Kuro prompt, ohne mich überhaupt zu Wort kommen zu lassen. „Geheimnis eines Zauberers und so …" Er verdrehte genervt seine hellen Augen.
„Hey, ihr habt mich dazu ernannt", entgegnete ich schulterzuckend. „Also beschwert euch nicht."
„Wie dem auch sei", warf er ein. „Berichterstattung, Späher Ao!"
„Sehr wohl, Chef!" Bevor er laut schmatzend der Aufforderung nachkam, biss er nochmal in den Apfel. „Es sind immer noch keine Soldaten zu sehen, sie sind wohl endgültig abgezogen. Zwar ist auf den Straßen noch nicht viel los, aber es sollte schon bald wieder sehr viel einfacher werden, unbemerkt in der Menge unterzutauchen. Ach, und Herr Nakamura hat seinen Laden wieder eröffnet", fügte er wie nebenbei hinzu und versenkte seine Zähne wieder in der Frucht.
„Herr Nakamura ist wieder da? Ehrlich?" Freudestrahlend kam Aka auf allen Vieren angekrabbelt. Ihre langen roten Haare schleiften dabei über die Decke. Während sie Ao mit großen Augen anstarrte, begierig nach einer Bestätigung, nahm sie sich einen weiteren Apfel aus der Kiste.
„Wenn ich es doch sage! Wir sollen ihn bald besuchen kommen, meinte er."
„Herr Nakamura hat uns schon oft abgelaufene Lebensmittel geschenkt, die er in seinem Laden nicht mehr verkaufen kann", erklärte Kuro auf meinen fragenden Blick hin. „Von ihm hatten wir auch die Medizin für Shiro, als er einmal schwer krank war. Nicht wahr, Shiro?" Mit einem liebevollen Blick wuschelte er seinem kleinen Bruder durch die weißen Haare, die daraufhin in alle Richtungen abstanden. Jener nickte freudestrahlend.
„Lasst uns gleich gehen!" Nun hatte sich auch Kiiro zu uns gesellt.
„Ich weiß ja nicht …", zögerte Kuro. „Was meinst du, Shiro? Sollen wir Herr Nakamura besuchen?" Er neigte sich zur Seite, damit er ihm seine Antwort ins Ohr flüstern konnte, die diesmal verhältnismäßig lang ausfiel.
Da Shiro nicht stumm zu sein schien, hatte mich sein Verhalten schon immer gewundert. Wenn er etwas zu sagen hatte, flüsterte er es immer seinem großen Bruder ins Ohr, statt es laut auszusprechen. Als ich Kuro eines Tages nach dem Grund dafür gefragt hatte, war dieser ganz still geworden. „'Sprich niemals mit Fremden!' waren Mutters letzten Worte an ihn gewesen und er befolgt sie bis heute", hatte er mir damals traurig lächelnd geantwortet. Seitdem hatte ich das Thema nie wieder angesprochen.
„Also gut, lasst uns gehen!", rief Kuro schließlich, was Aka dazu bewog, begeistert in die Hände zu klatschen, und ein Strahlen auf das Gesicht aller übrigen zauberte. „Aber nicht alle auf einmal, das wäre unhöflich. Ao, du hast Herrn Nakamura ohnehin schon gesprochen. Du bleibst mit Kiiro hier."
„Warum muss ich auch hierbleiben?", beschwerte sich Kiiro. Die Enttäuschung darüber war ihm direkt ins Gesicht geschrieben. „Ich bin doch euer Beschützer, ich sollte mitgehen!"
„Du beschützt unser Lager hier", ordnete Kuro an, während er aufstand und sich die Hände an seinem schwarzen Mantel abwischte. „Ich will nicht, dass es geplündert wird, verstanden? Wir sind bald wieder zurück."
„Sieh es positiv", versuchte Ao den blonden Jungen aufzumuntern, während er es sich neben ihm bequem machte. „Wir haben die Äpfel für uns allein!"
Mit einem entschuldigenden Lächeln ließ nun auch ich die beiden Jungen zurück und folgte Kuro, Shiro und Aka aus der Gasse hinaus auf die Straße.
Es war ein sonniger Tag, wenn auch nicht gerade warm. Ein eisiger Wind wehte uns entgegen, der die Enden meines Schals beschwingt durch die Luft tanzen ließ. Mein Blick fiel auf Aka, die mit ihrem kurzen Kleid, der durchlöcherten Strumpfhose und den Sandalen von uns allen am leichtesten bekleidet war. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und zitterte sichtlich. Ich war gerade dabei, meinen Schal abzulegen, um ihn ihr umzuwickeln, als auch Kuro ihr Dilemma bemerkte.
„Du hättest dich wärmer anziehen sollen, Aka. Du hast ohnehin noch Glück, dass das Wetter so mild ist mitten im Winter."
„Halt die Klappe", gab sie unwillig zurück, zog einen Schmollmund und stapfte dann mit großen Schritten voraus.
„Hey, so spricht man nicht mit seinem Anführer!", rief Kuro ihr hinterher, was einen jungen Mann, der uns entgegenkam, dazu bewog, ihn stirnrunzelnd zu mustern. „Wo läufst du denn hin?!"
„Ich such mir was zum Anziehen, was sonst?", gab sie zurück, ohne sich zu uns umzudrehen. Kurz darauf blieb sie vor mehreren Containern am Straßenrand stehen. Einer von ihnen war so groß, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um überhaupt einen Blick hineinwerfen zu können. Ich hörte sie undeutlich vor sich hinmurmeln, als wir sie eingeholt hatten.
„Sei nicht so wählerisch …", wies Kuro sie ungeduldig an. An seiner Hand sprang Shiro vergnügt auf und ab, während er seinen Kopf interessiert hierhin und dorthin wandte. „Wir haben den anderen doch versprochen, bald wieder zurück zu sein, also komm jetzt!"
„Ja, gleich", ertönte es dumpf aus einem der Container, in die sie sich kopfüber gebeugt hatte. „Geht nur vor, ich hole euch schon ein."
Kuro verdrehte nur stumm die Augen und deutete mir dann, ihm zu folgen. „Normalerweise würde ich darauf bestehen, zusammenzubleiben", teilte er mir mit, als wir weitergingen, „aber der Weg ist nicht mehr weit und es scheinen wirklich keine Soldaten mehr unterwegs zu sein, genau wie Ao gesagt hat. Trotzdem trauen sich die Leute noch nicht recht auf die Straße, wie es aussieht." Ein erneuter Windstoß blies uns frontal entgegen, was Kuro dazu veranlasste, Shiros Hand loszulassen und seinen Mantel zuzuknöpfen. Jener hingegen begann zu kichern und rannte los, wobei er sich aber immer wieder auffordernd nach seinem Bruder umsah. Dieser verstand sofort und lief hinter ihm her. „Na warte, ich bin schneller! Gleich hab ich dich, gleich hab ich dich!"
Belustigt sah ich den beiden dabei zu, wie sie sich kreuz und quer über die Straße jagten, die wirklich wie leergefegt war. Wahrscheinlich war sie wegen der teilweise schwer beschädigten Häuser zu beiden Seiten immer noch abgesperrt. Auch sonst war gerade niemand zu sehen. Der junge Mann von gerade eben war schon längst um die nächste Ecke verschwunden.
Schließlich blieb ich stehen und warf einen Blick zurück. Die Entfernung zu Aka war bereits beträchtlich und obwohl Kuro das anders sah, hatte ich selbst ein mulmiges Gefühl dabei, sie zurückzulassen. Kurzerhand drehte ich mich um, vergrub meine Hände in den Taschen meines ausgeleierten Pullovers und schlenderte zu ihr zurück. Als sie mit einem schwarzen Stoff in den Händen, was wahrscheinlich eine Jacke war, aus dem Container auftauchte und mich sah, winkte sie mir lächelnd zu, bevor ihr Kopf abermals im Container verschwand. Schmunzelnd beobachtete ich ihr Treiben, während ich die Schultern noch ein wenig weiter hochzog und meine Nase so tief wie möglich in meinem weichen Schal vergrub. Der Wind zerrte an meinen Kleidern und trug Kuros und Shiros ausgelassenes Lachen in meinem Rücken bis an meine Ohren.
Plötzlich lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, der keinesfalls der Kälte geschuldet war. Gleichzeitig ließ der Wind nach und eine unnatürlich tiefe Stille legte sich über alles.
„Lange nicht gesehen, Yuu."
Ich blieb stehen.
Wie in Zeitlupe drehte ich mich um, auch wenn ich ganz genau wusste, was ich gleich sehen würde. Mein Puls raste, meine Kehle wurde trocken und all meine Muskeln spannten sich an, als ob mein Körper sich auf einen Kampf einstellte, noch bevor mein Verstand sich der Gefahr überhaupt bewusst wurde.
„Das ist nicht möglich …", flüsterte ich.
„Und doch bin ich hier!", erwiderte Akira vergnügt. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und stand nur wenige Schritte von mir entfernt, während ihre roten Augen mich eiskalt fixierten.
„D-Du kannst nur eine Projektion sein", brachte ich stotternd hervor. Meine Gedanken überschlugen sich und ich begann unwillkürlich zu zittern. „Ihr habt mir selbst erzählt, dass ihr … weil der Virus euch …" Meine Worte verliefen sich im Nichts, als mich die Erkenntnis wie eine Flutwelle überrollte.
Akira lachte leise.
„Welcher Virus denn? Hast du uns nicht höchstpersönlich erzählt, dass es auf dieser Welt keinen Virus mehr gibt?"
Sie haben mich getäuscht. Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Sie wussten von Anfang an, dass sie mir hierher folgen konnten, nachdem Shu den Virus vernichtet hatte!
Akira gab einen zufriedenen Laut von sich. „Ja, genau diesen Blick wollte ich sehen. Voller Angst, Verzweiflung und Schuldgefühle. Genau deswegen bin ich dir nicht damals schon gefolgt."
„Midori, wo bleibst du denn so la-" Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Kuro lachend auf mich zulief, aber sofort stehen blieb, als er Akira bemerkte, die sich nicht einmal zu ihm umwandte. Shiro folgte hinterdrein.
Verdammt, nein …! Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich nicht allein hier war. Akira war unberechenbar, ich musste die anderen schnellstmöglich in Sicherheit bringen. Ich muss etwas tun, irgendetwas …! Ich wollte schreien, ihn warnen, doch ich brachte kein einziges Wort heraus. Stumm beobachtete ich, wie Kuro Akiras weißen Mantel musterte und sich dann mir zuwandte.
„Gehören die zu dir?", fragte er misstrauisch und nickte in Richtung Akira, während er gleichzeitig mit einer kleinen Handbewegung hinter mich deutete.
Mit einem Ruck wandte ich mich um. Shin stand mit gezogenem Void neben Aka, die ihn nur stumm anstarrte, sichtlich verängstigt von dem Mann in der weißen Robe. Seine Augen waren ebenfalls auf sie gerichtet, als würde ich gar nicht existieren. Hektisch fuhr ich wieder herum.
„Kuro, du nimmst jetzt sofort deinen Bruder und verschwindest von hier", sagte ich so ruhig wie möglich, während mich Akiras Grinsen fast in den Wahnsinn trieb.
„Aber was ist mit …?"
„Lauf", setzte ich leise hinzu, als mir schließlich die Stimme wegbrach. Zu meiner Erleichterung schien Kuro den Ernst der Lage zu verstehen. Mit einem kurzen Kopfnicken, drehte er sich um, nahm Shiro an der Hand und rannte mit ihm davon.
„Was habt ihr hier zu suchen?", fragte ich, wobei ich Akira keine Sekunde aus den Augen ließ. Ich musste sie ablenken und Zeit schinden, bis die beiden Jungen außer Gefahr waren. Gleichzeitig überlegte ich fieberhaft, wie ich Aka von hier wegbringen konnte. Wenn ich es schaffe, ein Portal zu öffnen, bevor …
Akira lachte plötzlich so laut auf, dass ich zusammenzuckte. „Weißt du, warum du so schrecklich schwach und jämmerlich bist, Yuu?" Ihre roten Augen blitzten boshaft auf. „Weil du dich von Anfang an auf diese niederen Spezies Mensch eingelassen hast!"
Es geschah alles ganz schnell.
Im gleichen Moment, in dem sie ihre rechte Hand hob, wollte auch ich mein Void extrahieren. Allerdings war das gar nicht Akiras Absicht. Anstatt ihre Hand an ihre Brust zu führen, streckte sie sie mir entgegen, und noch bevor ich irgendwie reagieren konnte, schoss aus ihrer Handfläche eine schwarze Masse. Sie traf mich hart an der linken Schulter und ließ mich einige Schritte nach hinten stolpern. Ich schrie vor Schmerz auf, als sich die zähe Flüssigkeit durch meine Kleider fraß und meine Haut verätzte.
Wie Gai, fuhr es mir durch den Kopf, während ich nur hilflos dabei zusehen konnte, wie die Haut an der getroffenen Stelle rote Blasen schlug und stellenweise aufplatzte. Sie kann ihr Void benutzen, ohne es zu extrahieren! Trotz der Schmerzen, die mein Sichtfeld vernebelten, nahm ich noch wahr, dass Kuro und Shiro schon fast die nächste Seitengasse erreicht hatten. Nur noch ein paar Schritte und sie waren um die nächste Ecke verschwunden …
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich sie entkommen lasse, oder?" Kaum hatte Akira zu Ende gesprochen, wandte sie sich um. Noch in der Bewegung streckte sie den Arm aus und obwohl ich sofort auf sie zustürzte und sie mit meinem vollen Gewicht beiseite stieß, traf die Attacke ihr Ziel.
Kuro schrie gequält auf, als er, im Rücken getroffen, von der Wucht des Angriffs nach vorne geschleudert wurde und noch im Fall Shiro mit sich riss. Während Akiras höhnisches Lachen in meinen Ohren dröhnte, sah ich Kuro sich langsam wieder aufrichten.
Nur Shiro bewegte sich nicht mehr.
„Shiro?" Ich hörte Kuros gepresste Stimme so deutlich, als kniete er direkt vor mir. Ich wusste genau, welche Schmerzen er gerade haben musste, ich durchlitt sie ja gerade selbst. „Shiro …? SHIRO!" Als er sich über den zierlichen Körper seines jüngeren Bruders beugte, konnte ich es schließlich auch sehen.
Eine Blutlache breitete sich auf dem dunklen Asphalt aus, die den weißen Haarschopf allmählich rot färbte.
„Shiro! Wach auf, Shiro! Bitte wach auf!", rief Kuro immer wieder verzweifelt, während er hilflos über das Gesicht seines Bruders strich und ihn sanft an der Schulter rüttelte.
„Diese Jammerei ist ja unerträglich!" Als Akira abermals den Arm hob, war ich vorbereitet.
Als das heiße Pech mich am Oberschenkel traf, knickte ich stöhnend ein, doch ich konnte mich auf den Beinen halten. Innerhalb eines Sekundenbruchteils hatte ich mich zwischen Akira und die beiden Jungen teleportiert und die Attacke mit meinem Körper abgefangen.
„Lass sie in Ruhe, sie haben nichts damit zu tun!", presste ich hervor. Hinter mir konnte ich Kuro schluchzen hören, während er immer und immer wieder den Namen seines Bruders wiederholte.
„Ach wie süß!", rief Akira gekünstelt gerührt. „Du fühlst dich für diese Bälger verantwortlich!" Sie warf ihr langes Haar zurück und legte neckisch den Kopf schief. „Du könntest mühelos deine Gestalt auflösen und jeder meiner Attacken entgehen, doch stattdessen spielst du den Beschützer …" Sie feuerte drei weitere Schüsse in schneller Aufeinanderfolge auf mich ab, die mich allesamt in der Magengegend trafen und einige Schritte zurückdrängten. Ich brüllte vor Schmerz auf, während ich krampfhaft versuchte, nicht ohnmächtig zu werden. Der Gestank von verbranntem Fleisch drang in meine Nase und ließ mich würgen.
„Hör … auf …" Ich bekam kaum noch Luft, vor meinen Augen sah ich immer mehr helle Lichtpunkte, unter denen Akiras rote Augen grell herausstachen. „Ich tu alles, aber … bitte …"
Sie schnalzte tadelnd mit der Zunge. „Für Verhandlungen ist es zu spät, mein Lieber. Du hast Da'aths Güte mit Füßen getreten und jetzt musst du nun einmal die Konsequenzen dafür tragen." Sie beobachtete mich einen Augenblick lang, wie ich um mein Gleichgewicht ringend dastand und mich vor Schmerz, der kaum mehr auszuhalten war, zusammenkrümmte. „Hey Shin, willst du nicht auch deinen Spaß haben?", fragte sie laut, ohne sich von mir abzuwenden. Erst als sie keine Antwort erhielt, drehte sie ihren Kopf zu ihm um. Ich folgte ihrem Blick.
Shin stand immer noch wie angewurzelt vor Aka, die inzwischen so weit wie möglich vor ihm zurückgewichen war und ihren Rücken gegen den Container presste. Ihre rosa Augen waren vor Schrecken weit aufgerissen und folgten jeder Bewegung der schimmernden Void-Kugel, die über Shins rechter Hand langsam mal hierhin, mal dorthin schwebte. Jener starrte nicht weniger gebannt auf das Mädchen vor ihm und öffnete ab und an den Mund, als wollte er etwas sagen, blieb jedoch stumm.
„Ach verdammt, das hatte ich ganz vergessen", hörte ich Akira murmeln. „Hey, du rothaariges Gör!", rief sie laut, woraufhin Aka sich zu ihr umwandte.
Als das schwarze Pech sie mitten ins Gesicht traf und nach hinten schleuderte, schrie ich so gequält auf, als hätte es mich getroffen. Durch die Wucht fielen die Container lärmend um und Aka verschwand lautlos zwischen ihnen. Nachdem alles wieder zur Ruhe gekommen war, lugten zwischen den umgestürzten Containern nur noch ihre Füße heraus. Sie bewegten sich nicht.
„Aka!" Ich schluchzte aus tiefster Kehle, Tränen verschleierten meinen Blick. „Nein … Hör auf … bitte …" Ich hörte Kuro laut hinter mir weinen und hätte mich am liebsten zu ihm umgedreht, wenn ich noch die Kraft besessen hätte.
Ich konnte nichts tun …
Mit jedem Atemzug wurde mein Körper schwerer. Der Schmerz war so überwältigend, dass es mir den Verstand raubte. Ich sehnte mich schon fast nach der wohltuenden Bewusstlosigkeit, doch ich zwang mich stehenzubleiben.
Kuro, Shiro, Aka … Wegen mir werden alle …
„Du bist ziemlich stur", bemerkte Akira trocken, als hätten wir gerade ein Gespräch geführt, das kurz unterbrochen worden war. „Du kannst sie nicht retten, also was soll das alles noch?"
Ich biss die Zähne zusammen und schaffte es unter größter Kraftanstrengung, meinen Kopf zu heben, während ich meine Hände fest gegen meinen Bauch presste, der von der pechartigen Substanz völlig verätzt worden war. Ich vermied es hinzusehen, fühlte aber nichts weiter als weiches, blutiges Fleisch unter meinen Fingern.
„Ich werde … solange hier stehen … bis du mir auch noch das letzte bisschen Fleisch … von den Rippen gebrannt hast … wenn es sein muss …!"
„Schluss jetzt mit den Spielchen, Akira."
Kaum hatte ich Shins dunkle Stimme in meinem Rücken vernommen, spürte ich, wie sich etwas Hartes in meinen Rücken bohrte – wahrscheinlich seine Void-Kugel. Ich stolperte zwei, drei Schritte vorwärts und fiel direkt in Akiras ausgestreckten Arm, die sich mir zur gleichen Zeit näher an mich heranteleportiert hatte. Als sie ihre rechte Hand tief in meiner aufleuchtenden Brust versenkte und mit einer groben Bewegung meinen Void-Bogen herauszog, keuchte ich heiser auf. Es kam mir so vor, als würde sie das einzige, was bisher noch unversehrt geblieben war, nun auch noch besudeln.
„Ich bin hier diejenige, die die ganze Arbeit macht, also beschwer dich nicht!", gab sie unwirsch zurück, wobei sie mein Void lässig in der Hand hielt. „Schau mich nicht so zornig an, Yuu", richtete sie ihre Worte dann mit einem freundlichen Lächeln an mich. „Es ist ja nicht so, dass es allzu überraschend war. Ich habe mit dir doch über Vergänglichkeit gesprochen, erinnerst du dich nicht mehr? Und ich habe dir noch etwas gesagt …" Mit einem genüsslichen Grinsen beugte sie sich zu mir und flüsterte mir ihre letzten Worte ins Ohr. „… nämlich dass du mir wirklich sehr am Herzen liegst."
Dann ließ sie mein Void in ihrer Hand in tausend Splitter zerbersten.
Es fühlte sich an, als ob ein Dolch mein Herz durchbohren würde. Ich blieb noch einen Atemzug lang stehen, dann sackte ich kraftlos zu Boden. Während ich das Gefühl in meinen Arme und Beinen bereits verlor, wandte ich mich mit aller Kraft, die ich noch aufbringen konnte, um.
Kuro saß still auf dem Asphalt und hatte Shiros Kopf auf seinen Schoß gebettet. Mir war gar nicht aufgefallen, dass seine Schreie inzwischen verstummt waren. Immer wieder strich er mit der Hand über das blutverklebte, weiße Haar seines Bruders, der so friedlich aussah, als würde er nur schlafen.
Ich wollte ihm sagen, wie leid mir alles tat, doch ich konnte nicht. Die hellblaue Kristallschicht hatte bereits meinen ganzen Körper überwuchert und hatte nun auch mein Gesicht erreicht. Das letzte, was ich sah, war Kuros tränenüberströmtes Gesicht, das er mir im letzten Augenblick zuwandte. Der Blick seiner hellen Augen war völlig leer, als würde er nicht mich, sondern irgendetwas in weiter Ferne ansehen.
Wieder starb jeder, der mir etwas bedeutete. Wieder wurde mir alles genommen. Wieder hatte ich nur hilflos zusehen können.
Wieder und wieder und wieder …
Kurz bevor ich mich wie mein Herz in hellblaue Kristallsplitter auflöste, fuhr mir nur dieser eine Gedanke durch den Kopf, der mich innerlich so laut aufschreien ließ, wie es kein körperlicher Schmerz jemals vermocht hätte.
Ich hatte vielleicht einen Kreislauf durchbrochen, doch ein anderer begann trotzdem erneut.
Alles auf Anfang.
