Amy fuhr so schnell wie möglich zu dem Flugplatz; Sie wollte sich gleich bei Ty für ihren dummen Streit entschuldigen – mittlerweile wusste sie schon gar nicht mehr, warum sie ihn überhaupt angefangen hatte. Sie stieg aus dem Auto und ging zu dem Platz, wo die anderen Flugzeuge standen. Ein Mann, der gleiche, den sie am gleichen Morgen schon gesehen hat, als sie los geflogen sind, kam auf sie zu. „Sie waren heute schon mal hier, oder?", fragte er. Sie nickte. „Es geht um das Flugzeug, mit dem der Tierarzt und der Junge weggeflogen sind. Wir haben das Signal verloren."
Sie stand da, versuchte zu verstehen, wollte, dass es nicht wahr ist. Sie schüttelte den Kopf, aber der Mann war schon wieder verschwunden in das Büro und versuchte, wieder ein Signal zu finden. Er bemerkte nicht, wie sie zu ihrem Auto wankte, stolperte, Probleme hatte, sich aufrecht zu halten.
Amy brauchte ein paar Versuche, die Tür zu öffnen, ihre Hände zitterten wie Espenlaub und sie konnte nicht glauben, was sie da grade gehört hatte. Wir haben das Signal verloren. Sie stieg in das Auto und legte ihren Kopf auf das Lenkrad. Sie musste sich zwingen, weiter zu atmen, nicht zusammen zu brechen – nicht, bevor sie nicht nach Hause gekommen ist. Sie zitterte am ganzen Körper, zwang sich aber dazu, ruhig zu bleiben und nicht nachzudenken. Tränen stiegen in ihren Augen auf, aber sie unterdrückte sie, genau so, wie sie den hilflosen Schrei unterdrückte, mit dem sie ihrer Verzweiflung Ausdruck verleihen wollte. Sie wusste, dass sie zurück fahren musste, die anderen mussten es auch erfahren, insbesondere Lou, da auch Scott mit im Flugzeug war. Mit immer noch zitternden Händen drehte sie den Zündschlüssel und fuhr langsam vom Flugplatz weg.
Sie konnte später nicht sagen, wie sie es nach Hause geschafft hat. Sie konnte sich nicht an die Fahrt erinnern, die etwas über eine halbe Stunde dauert. Es war niemand zu sehen, als sie am Haus ankam, aber es störte sie nicht. Erst später fiel ihr ein, dass außer Lou ja auch niemand da war, denn ihr Großvater war mit Lisa nach Frankreich geflogen, um dort ein paar Monate zu verbringen. Lou, ihre große Schwester, kam aus dem Stallbüro und wollte grade ein paar Aktenunterlagen ins Haus bringen, aber als sie Amy apathisch im Truck sitzen sah, rannte sie los und achtete gar nicht darauf, dass sie die Akten fallen gelassen hat. Sie erinnerte sich an den Blick, den Amy hatte, er erinnerte sie dramatisch an die ersten Wochen nach dem Tod ihrer Mutter Marion.
„Amy, was ist passiert?? Amy, Amy sag doch was!" Lou wurde panisch, Amy reagierte so gut wie gar nicht, sie drehte ihren Kopf ganz sacht zu Lou, aber sie konnte sich nicht dazu bringen, etwas zu sagen. Sie starrte einfach nur, und blieb stumm im Auto sitzen, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Im Inneren versuchte sie sich zu überzeugen, dass sie jetzt etwas sagen musste, aber sie konnte die Kraft nicht dazu aufbringen, die Worte laut zu sagen. Wir haben das Signal verloren. Amy wollte es nicht aussprechen, sie wusste, es würde das Ganze zu real machen. Lou stand hilflos vor ihr, sie wusste nicht, was sie tun sollte, also versuchte sie wieder, Amy zum reden zu bringen. „Amy, bitte, sag, was passiert ist! Schaffen es Ty und Scott heute nicht zurück?"
Bei der Erwähnung von Tys und Scotts Namen brachen die Tränen erst richtig aus Amy heraus. Sie hatte keine Kraft mehr, sie zurückzuhalten – was ihr auch vorher nicht wirklich gelungen ist - und ließ ihnen freien Lauf. Zwischen ihren Tränen schaffte sie es zu schluchzen „Sie haben das Signal verloren" und sie sah, wie Lou bleich wurde und ungläubig den Kopf schüttelte. Doch Amy schien es jetzt aus ihrer Leblosigkeit heraus geschafft zu haben. Sie drückte Lou von sich, stieß sie regelrecht aus dem Weg und rannte weiter in den Stall, in Tys Zimmer.
Dort blieb sie in der Tür stehen, und nahm jedes Detail in sich auf. Das Bett, das den Großteil des Zimmers einnahm – mit dem halb gepackten Koffer darauf, ein Zeichen, dass es sein letzter Tag gewesen wäre, bevor er sich auf zu einer Universität gemacht hätte. Sie hatte ihm unbewusst Vorwürfe gemacht, weil er sie auf Heartland zurück lassen wollte. Jetzt fühlte sie sich dumm und sie hatte unglaubliche Angst, dass sie ihn nicht wieder sehen würde, dass man das Flugzeug nicht finden würde. Er ist okay, er muss einfach okay sein. Sie würde es nicht überstehen, wenn ihm etwas Schlimmes passieren würde. Dann das Foto von ihr, das neben einem Buch stand. Auf ihm war sie auf Spartan zu sehen, ohne Sattel oder Zaumzeug. Sie hatten das Foto erst vor ein paar Monaten gemacht, mitten im Sommer, kurz bevor die Schule zu Ende war für sie. Sie lag auf dem Rücken von Spartan und lachte verliebt auf Ty hinunter, der gerade seine neue Digitalkamera austesten wollte. Es war ein heißer Tag voll Sonnenschein, und die Sonne schien am Spätnachmittag durch die Zweige der Bäume und tauchte alles in einen warmen und unglaublich schönen Goldton, der ihre Haare schimmern ließ. Sie liebte dieses Foto, wusste jedoch nicht, dass Ty es auch entwickeln ließ. Erneut brachen Tränen aus ihr heraus. Sie trat näher, um das Foto in die Hand zu nehmen. Dabei fiel ihr Blick auf das Buch. Es war unscheinbar, einfach nur ein gebundenes, schwarzes Buch. Amy hob es hoch, um nach einem Titel auf dem Einband zu suchen, aber sie konnte nichts entdecken. Sie drehte das Buch um, und auf einmal fiel ein kleiner Notizzettel hinaus. Sie las ihn.
18.07. Nicht vergessen!
Sie runzelte die Stirn, der 18. Juli war ihr Geburtstag – was wollte er nicht vergessen? Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, und wollte grade das Buch öffnen, als Lou sie fand. „Oh Amy, wir werden sie finden, ich bin mir sicher, wir werden sie finden!" Die Worte brachten die Tränen wieder hervor, und Amy ließ das Buch auf das Bett fallen und stürzte in Lous offene Arme. Die beiden Schwestern lagen sich weinend in den Armen.
Nach ein paar Minuten schien sich Amy gefasst zu haben, sie zog sich aus der Umarmung zurück, strich sich mit der hand über die Wangen und meinte nur: „Komm, wir müssen etwas tun, wir können hier nicht nur rum stehen und warten, dass die sie finden! Wir müssen sie suchen gehen! Ich kann hier nicht einfach nichts tun, ich würde es mir NIE verzeihen, wenn wir…." Ihre Stimme brach weg. Sie wollte sagen wenn wir sie nicht rechtzeitig finden, aber sie wagte nicht einmal daran zu denken. Sie war nur so ruhig, weil sie den Umstand, dass es um Ty und Scott ging, ausblendete. Sie versuchte sich einzureden, dass es nur um irgendwelche Fremde ging, die verloren gegangen sind, kein Gedanke ging um einen Unfall bzw. einen Flugzeugabsturz.
Lou wusste das natürlich nicht, und war erstaunt, wie ruhig ihre kleine Schwester die Situation handelte. Sie war kurz vor dem Zusammenbruch, denn obwohl sie nicht mit Scott zusammen war, empfand sie doch mehr für ihn, als sie zugeben wollte. Gerade jetzt ging es ihr durch den Kopf, dass sie vielleicht nie die Chance haben wird, es ihm zu sagen. Sie kämpfte die Tränen zurück und musste auch den Klumpen, der sich langsam in ihrer Kehle bildete, herunter schlucken. Sie war unglaublich stolz auf Amy, die Ty ihre Gefühle gestanden hatte. Es war so mutig von ihr gewesen – jedenfalls dachte Lou das, die ja nicht wusste, dass Amy genau wusste, dass Ty ihr schon zuvor ein paar Mal klar gemacht hatte, wie viel er für sie empfindet.
Sie nickte Amy zu. „Ja, wir werden etwas unternehmen. Komm. Lass uns ins Haus gehen, ich werde ein paar Anrufe machen, und dann planen wir, was wir tun können." Sie ging los, und Amy folgte ihr langsam ins Haus.
Als erstes rief Lou in Frankreich an – es war zwar mitten in der Nacht dort, aber sie hatte das Gefühl, das Jack dennoch wissen sollte, dass es einen Unfall gab. „Hey Grandpa, ich bin's, Lou. – Ja, ich weiß, es ist mitten in der Nacht. – Nein, nein, mir und Amy geht es gut. Es ist nur… – Du weißt doch, dass Scott und Ty in diesem Flugzeug nach … geflogen sind. – Ja, genau. Amy war eben auf dem Flugplatz, weil sie sie abholen wollte. – Ja, ihr geht es gut, nein, sie hatte keinen Unfall mit dem Truck. – Nun ja, sie haben das Signal des Flugzeuges verloren! Ich weiß nicht, was wir machen sollen, Grandpa. – Nein, sie kann mich nicht hören, sie hockt im Wohnzimmer über eine Karte der Gegend. – ich weiß nicht, ich kann es wirklich nicht sagen. Ja, mir ist klar, dass die Hoffnung sehr gering ist. – Ich will nicht daran denken, ich kann nicht. – Nein, bleib, wo du bist. Ich melde mich, wenn wir was wissen. – Ja. Danke dir Grandpa."
Sie legte den Hörer auf und ging hinüber zu Amy, die gerade ihren Kopf hob und meinte: „Also, ich denke, wir müssen zuerst am Flughafen anrufen, und herausfinden, wo das letzte Signal herkam und dann fangen wir einfach an zu suchen. Was meinst du, Lou?" Sie hatte ihren Blick wieder gesenkt, und starrte konzentriert auf die Karte. Lou stand vor ihrer kleinen Schwester und war sprachlos. Sie konnte sich nicht vorstellen, woher Amy die Kraft nahm, nicht zusammen zu brechen, und musste selbst ein paar Tränen zurück drängen. Sie wollte eigentlich etwas sagen, zustimmen und sofort das Telefon nehmen, aber sie konnte nicht. Amy schaute zu Lou, und sah, wie schwer sie zu kämpfen hatte. Sie sprang auf, und zog Lou schnell in ihre Arme. Sie fest drückend, flüsterte sie nur: „Es ist auch schwer für mich, weißt du?" Lou nickte. Ihre und Amys Tränen vermischten sich und die beiden hielten sich einige Minuten, bevor sich Lou aus der Umarmung löste.
„Okay, so langsam sollte ich wirklich bei dem Flughafen anrufen, wir wollen doch keine Zeit verlieren, oder?" Sie war schon auf dem Weg zum Telefon, als Amy sie aufhielt. „Nein, Lou. Ich werde mit denen telefonieren, ich habe mir die Karte schon genauer angesehen und kann mir vorstellen, wo sie entlang geflogen sind."
