Amy wählte mit unsicheren Fingern die Nummer. Sie hatte Angst, dass man ihr keine genauen Informationen geben würde. Genau so kam es letztendlich dann auch. „Ich kann ihnen leider nichts Genaueres über die Flugroute oder den letzten Standort infolge des Signals sagen. Es ist gegen die Flughafenauffassung und außerdem würde ich meine Lizenz aus Versicherungsgründen verlieren." – „Soll das etwa heißen, dass Sie sich mehr für ihre Lizenz interessieren als für das Leben zweier Menschen?" – „Das heißt nur, dass ich den Standort aus dem Grund nicht preisgebe, weil sie von sich aus dort suchen gehen könnten, und wenn ihnen dann etwas zustößt, wäre es mein Problem, weil sie nie von alleine auf den genauen Absturzpunkt kommen würden. Ich werde mich täglich melden, haben sie eine Handynummer? Ich möchte sichergehen, dass sie jeden Tag etwas von mir hören." Amy seufzte auf, gab ihm aber ihre Handynummer durch, mit der Bitte, sie immer abends zwischen 7 und 8 anzurufen. Sie hatte schon damit gerechnet, dass sie keine Informationen erhalten würde, aber sie hatte mit wenigstens einem kleinen Hinweis gerechnet.

Sie legte auf und drehte sich zu Lou, kopfschüttelnd. „Er wollte mir nichts sagen. Wir werden einfach suchen müssen, ohne genauen Anhaltspunkt." Amy sah sie unsicher an, sie rechnete mit Ablehnung, aber Lou nickte und meinte nur: „Okay, wenn wir keine Hilfe bekommen, werden wir halt so suchen gehen. Aber lass uns bis morgen warten, es ist schon so spät am Nachmittag – lass uns heute einfach nur einen Plan für die nächsten Tage machen. Auch wenn ich hoffe, dass wir sie gleich morgen früh unverletzt und mit nur einem kleinen Schock finden werden." Amy dachte darüber nach, wollte schon etwas dagegen sagen, aber dann sah sie ein, dass Lou Recht hatte – es brachte nichts, sich selbst in Gefahr zu begeben.

Sie saßen noch bis spät in die Nacht, schmiedeten Pläne, wo sie beginnen sollten, überwarfen sie wieder, fingen wieder von vorne an – es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie sich auf einen Punkt für den Anfang geeinigt hatten, aber eigentlich waren nur 2 Stunden vergangen. Sie einigten sich dann relativ schnell auf eine Route – es war ein Nationalpark, da waren die Wege nur sehr spärlich, aber sie wollten eine Wanderung durch die Wälder und am Fluss entlang wagen, und dann nachts irgendwo im Freien schlafen. Ein Glück war es Sommer, so dass es warm genug war und für die nächsten Tage war zum Glück auch kein Regen vorausgesagt.

Kurz vor Mitternacht war endlich alles besprochen und die beiden Schwestern gingen ins Bett. Amy konnte jedoch einfach nicht schlafen, ihre Gedanken kreisten um Ty und um die Frage, ob sie ihn wirklich finden würden – und in welcher Verfassung. Sie warf sich in ihrem Bett herum und letztendlich stand sie auf, zog sich wieder an und ging hinüber in den Stall.

Sie schob die Stalltür leise zur Seite und ging hinein. Bei Spartan konnte sie entspannen und auf irgendeine magische Weise schien er ihr eine Geduld und Kraft zu schenken, die sie sich nicht erklären konnte. Sie konnte es einfach genießen und musste nicht dauernd an alles denken, was an diesem Tag nicht gut verlaufen war. Nach ein paar Minuten war sie so müde, dass sie an Ort und Stelle hätte einschlafen können. Der Gedanke, jetzt ins Haus zurück zu gehen, schreckte sie irgendwie ab. Sie entschloss sich, in Tys Zimmer zu gehen und dort zu schlafen. Amy kuschelte sich in die Kissen, an denen der Geruch von Ty haftete und war innerhalb ein paar Minuten eingeschlafen.

Am Morgen erwachte sie mit einem unruhigen Gefühl, dass sie zuerst nicht einordnen konnte. Verschlafen blickte sie sich um, und versuchte heraus zu finden, wo genau sie sich eigentlich befand. Als ihr Blick das Foto von ihr streifte, dass neben dem Bett stand, und sie realisierte, das sie sich in Tys Zimmer befand, fiel ihr alles wieder ein, und sie musste erst einmal tief durchatmen, um die Tränen zurück zu kämpfen. Es wollte ihr nicht recht gelingen, sie vergoss ein paar, ging aber dann schnell in den Stall hinunter – sie wusste zwar nicht, wie spät es war, aber sie und Lou wollten sich in aller Frühe auf die Suche machen, auch weil sie einen weiten Weg zu fahren hatten.

Sie ließ die Pferde hinaus auf die Koppel – Lou hatte gemeint, es sei besser so, und die Pferde hatten genug Gras und Wasser, um die nächsten Tage alleine zu überstehen. Im Haus fand sie Lou am Küchentisch, ein dampfender Kaffee vor sich. „Morgen", murmelte sie und nahm sich auch eine Tasse. Als sie sich hinsetzte, warf sie einen Blick auf die Uhr – es war 6:30 Uhr morgens.

Die Schwestern saßen ein paar Minuten still zusammen, bevor Lou aufstand und meinte, dass sie sich besser aufmachen sollten, sie hätte schon alles ins Auto gepackt. Amy konnte nur raten, wann Lou aufgestanden war und insgeheim hatte sie die Vermutung, dass ihre große Schwester überhaupt nicht geschlafen hatte. Sie nickte nur und stand auch auf. Sie spülte schnell die 2 Tassen und eilte dann nach draußen, wo Lou schon ungeduldig wartete. Sie sagte nicht ein Wort, aber Amy wusste, sie wollte keine Zeit verlieren und je schneller sie Scott und Ty fanden, desto besser – sie wussten ja nicht, wie schwer beide verletzt waren. Verständlicherweise wollte sie, dass sie unverletzt waren, aber eine dunkle Ahnung sagte ihr, dass ein Absturz auf jeden Fall schwerere Verletzungen nach sich zog.

Sie fuhren zu dem 2 Stunden entfernten Nationalpark und mussten darin noch mal eine halbe Stunde fahren, bis sie an ihrem Ziel angelangt waren – ein Fluss, der sich durch Wälder und an Bergen vorbei seinen Weg zog. Sie hatten beschlossen, diesem Fluss in Richtung Heartland zu folgen und dabei in größeren Serpentinen zu laufen, sodass sie sich nicht verlaufen würden und ein möglichst großes Terrain absuchten. Beide trugen einen großen Rucksack, in dem sich eine Decke, eine Taschenlampe und ein Erste – Hilfe Set befand. Essen hatten sie im Auto, genau so wie einige Liter Wasser und Schlafsäcke. Eine Schwester würde das Auto ein Stück den Fluss herunterfahren, und die andere würde am Anfangspunkt warten, so dass sie ohne größere Schwierigkeiten den ganzen Tag suchen konnten.

Zu ihrer großen Enttäuschung gab es in den ersten 3 Tagen kein Anzeichen von einen Absturz oder Scott und Ty, die unverletzt durch den Wald irrten – auch wenn bei beiden immer größere Zweifel in Bezug auf die letzte Möglichkeit aufkamen. Auch der offizielle Suchtrupp, der ja nicht wusste, dass sie auch unterwegs waren, aber jeden Abend bei Amy auf dem Handy anriefen, hatte nichts entdeckt. Die ganze Situation schien hoffnungslos, und am Abend des 3. Tages teilte der Suchtrupp den Schwestern mit, dass sie die Suche nach einer Woche abbrechen würden, weil die Wahrscheinlichkeit, die beiden zu finden dann zu gering wäre. Obwohl sie es nicht laut ausgesprochen hatten, wusste Amy, dass der Kopf der Suchtruppe ein wichtiges Wort ausgelassen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, die beiden lebend zu finden.

Am Morgen des 4. Tages war der Himmel bedeckt, und die dunklen Wolken versprachen ein Gewitter, wenn nicht gar einen Sturm. Amy und Lou waren besorgt – sie hatten keine Spur von dem Flugzeug gefunden, und ein Sturm könnte sie vom Suchen abhalten. Dennoch machten sie sich auf den Weg. Sie sprachen kein Wort, während sie im Wald unterwegs waren, immer in der Hoffnung, einen Ruf von Ty oder Scott zu hören – und deswegen auch immer in der Angst, etwas zu überhören. Abends saßen sie dann immer zusammen und schenkten einander Trost und Hoffnung, auch wenn sie größtenteils weinten, weil ihre Hoffnung einfach verschwunden war und sie sich selbst nichts mehr vormachen konnten. Sie konnten sich selbst ausrechnen, dass die Überlebenschance hier mit jedem Tag sank, und mittlerweile wahrscheinlich mit jeder Stunde, die sie alleine und unentdeckt in der Wildnis waren.

Lou machte sich grade mal wieder zum Auto, um es umzuparken, so dass Amy einen Moment alleine im Wald stand. Sie sah sich weiterhin um, um vielleicht etwas zu entdecken, dass sie vorher übersehen hatten – es war so wichtig, dass sie alles sehen, was um sie herum ist. Sie drehte sich ein paar Mal, als sie aus ihrem Augenwinkel auf einmal eine Bewegung wahrnahm. Ihr stockte der Atem – sollten sie sie endlich gefunden haben? Sie fing an, laut zu rufen: „Hallo?? Scott? Ty? Ist da jemand? Hallo?" Aber sie bekam keine Antwort, und auch die Bewegung war nicht mehr zu sehen. Sie starrte angestrengt in die Richtung, aber es blieb ruhig und unbewegt.

Nach einigen Minuten kam Lou zurück, die Amy immer noch in der starrenden Position fand. „Alles okay, Amy? Hast du was entdeckt oder gesehen?" Lou hörte sich nicht sehr hoffnungsvoll an, sie konnte ihre Gefühle in den letzten Tagen nicht so gut verbergen, und mittlerweile wollte sie einfach nur noch aufgeben und sich Tränen überströmt ins Bett werfen und auf den Anruf warten, dass man Scott und Ty gefunden hatte. Aber Amy nickte energisch, und schien Kraft gewonnen zu haben, während Lou nicht da war. „Ja, da hinten habe ich definitiv eine Bewegung gesehen – wir sollten so schnell wie möglich da rüber, wahrscheinlich sind wir näher, als wir denken!"

Sie gingen los, zielstrebig diesmal, ihre üblichen Drehungen und Wendungen auslassend, um zu der Stelle zu gelangen. Lou ging voran, sie versuchte stark für Amy zu sein – und sie wollte nicht, dass Amy irgendetwas sah, was es ihr noch schwerer machen würde, sollten sie sie… in nicht so guter Verfassung vorfinden. Sie deutete Amy an, stehen zu bleiben und schob sich unter einen breiten Ast durch, der eine komplette Sichtsperre war. Sie hob ihren Blick und stöhnte erleichtert auf. Sie hatten das Flugzeug gefunden! Der Absturzplatz sah furchtbar aus, genau so wie das, was vom Flugzeug übrig war. Die Bäume waren umgestürzt und teilweise entwurzelt, und überall lagen kleinere Flugzeugteile auf dem Boden. Der Hauptkörper und das Cockpit waren noch relativ intakt, aber sie konnte nicht sagen, wie es von innen aussah. Sie erkämpfte sich ihren Weg über Wurzeln, Metallteilen und Bäumen, die halb entwurzelt über der kleinen Lichtung lagen, zu dem Cockpit. Sie rief dabei ständig den einen Namen, auf den es ihr ankam: „Scott!! Bist du hier? Scott! Kannst du mich hören? Scott!"

Plötzlich öffnete sich die Tür des Cockpits, und Scott erschien. Lou dachte noch daran, zu rufen: „Amy, es ist okay, wir haben sie endlich!! Komm her!" bevor sie einfach nur losrannte und den etwas wackeligen Scott in ihre Arme schloss. Sie drückte ihr Gesicht fest in seine Brust und atmete tief ein, bevor sie ihn freudestrahlend, da er offensichtlich nicht verletzt war, ansah. Als sie jedoch seinen ernsten Gesichtsausdruck sah und die Trauer, die sich in seinen Augen befand, verwischte ihr Lächeln und bevor sie auch nur daran dachte, Amy aufzuhalten, hörte sie deren entsetzten Aufschrei.