Plötzlich öffnete sich die Tür des Cockpits, und Scott erschien. Lou dachte noch daran, zu rufen: „Amy, es ist okay, wir haben sie endlich!! Komm her!" bevor sie einfach nur losrannte und den etwas wackeligen Scott in ihre Arme schloss. Sie drückte ihr Gesicht fest in seine Brust und atmete tief ein, bevor sie ihn freudestrahlend, da er offensichtlich nicht verletzt war, ansah. Als sie jedoch seinen ernsten Gesichtsausdruck sah und die Trauer, die sich in seinen Augen befand, verwischte ihr Lächeln und bevor sie auch nur daran dachte, Amy aufzuhalten, hörte sie deren entsetzten Aufschrei.

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Amy wusste nicht mehr, was sie noch machen sollte. Sie hatte in den letzten 2 Wochen alles getan, was ihr in den Sinn kam, um Ty aus dem Koma zu wecken. Sie wusste, dass sie an sich nicht viel tun konnte, aber sie hatte gehofft, dass er es auf irgendeine unerklärliche Weise spüren könne, dass sie für ihn da war. Sie lehnte sich mal wieder über sein Bett und küsste seine Stirn zum Abschied – die Besuchszeiten waren vorüber, und es machte keinen Sinn, länger zu bleiben, selbst wenn man es ihr erlaubt hätte.

Sie ging den inzwischen vertrauten Weg an der Rezeption vorbei und versuchte sich an ein kleines Lächeln in Richtung von Schwester Jane, mit der sie sich am Besten verstand. Es wollte ihr nicht recht gelingen. „Gibt es noch immer keine Veränderung?", fragte sie, auch wenn sie als medizinisches Personal natürlich genau Bescheid wusste. Amy schüttelte den Kopf: „Nein, nichts." Jane schenkte ihr ein aufmunterndes, zurückhaltendes Lächeln. „Nur nicht aufgeben, ich bin sicher, er weiß, dass du jeden Tag da bist. Gibt es vielleicht irgendetwas, das ihn besonders an sein Leben erinnert, vielleicht ein Buch oder bestimmte Musik, die er immer gehört hat? Bring doch morgen was mit, das soll helfen, habe ich neulich gelesen", wandte sie sich an Amy. Doch etwas an dem Ausdruck auf Amys Gesicht ließ sie zögernd nachfragen: „Du kommst doch morgen wieder, oder? Du hast doch nicht vor, jetzt aufzugeben?" Amy kämpfte ihre Tränen zurück, konnte aber keine klare Antwort finden, deswegen zuckte sie nur mit den Schultern. Sie schien schon gehen zu wollen, aber auf einmal drehte sie sich noch einmal um. Eine Träne rann über ihre Wange, als sie sagte: „Es bringt doch nichts. Er weiß nicht, dass ich da bin – ich kann das nicht mehr." Und obwohl sie sah, dass Jane noch etwas sagen wollte, schüttelte sie nur ihren Kopf und eilte hinaus zum Truck.

Sie fuhr nach Hause, und als sie an Lou vorbei in ihr Zimmer ging, ignorierte sie die übliche, immer noch hoffnungsvolle Frage: „Und, wie geht es Ty?" einfach und schloss die Tür fest hinter sich. Nun endlich erlaubte sie es sich, ihrer Verzweiflung freien Lauf zu lassen, gemeinsam mit ihren Tränen. Sie lag die ganze Nacht über wach, größtenteils darüber nachdenkend, was sie jetzt machen sollte. Sollte sie weiterhin jeden Tag ins Krankenhaus fahren, und dabei immer hoffnungsloser darauf warten, dass Ty wieder aufwacht? Oder sollte sie einfach auf den Anruf aus dem Krankenhaus warten, mit welcher Mitteilung auch immer? Aber diese Möglichkeit schloss Amy relativ schnell wieder aus. Was auch immer mit Ty passieren würde, sie würde bei ihm sein. Trotzdem hatte sie Angst, dass sie keine Kraft mehr hat, dass die Hoffnung stirbt und sie am Ende völlig zusammenbricht. Sie hatte sich vorgenommen, stark zu sein, für die Zeit, wenn Ty wieder wach ist – die Mediziner haben ihr gesagt, dass er wahrscheinlich nicht mehr der Gleiche wie vorher sein wird, er vielleicht Gedächtnislücken haben wird. Tief im Inneren hatte sie große Angst davor, dass er sich nicht an seine Gefühle für sie erinnern würde – sie hatten nur eine so kurze Zeit miteinander.

Sie dachte an die Worte von Jane. Etwas, das ihn an sein Leben erinnert. Im gleichen Moment fiel ihr das mysteriöse Buch, das sie an dem Tag entdeckte, als sie von dem verschwundenen Flugzeug gehört hatte, wieder ein. Vielleicht war darin ja etwas, das ihn erreichen könnte, wo immer er jetzt auch war?!

Nachdem ihr das Buch eingefallen war und sie den Entschluss gefasst hatte, es morgen einfach mit ins Krankenhaus zu nehmen und dort zu sehen, ob es hilfreich ist oder nicht, schlief sie im Morgengrauen erschöpft ein. Sie war froh, dass sie mittlerweile mit der Schule fertig war, sodass sie sich keine Sorgen machen musste, dass sie verschläft oder zu viel Stoff verpasst – obwohl sie das nicht interessiert hätte, da es hier um Ty ging und da gab es nichts wichtigeres in ihrem Leben.

Nachdem sie nach ein paar Stunden Schlafs aufgewacht war, fuhr sie mit dem Buch in der Hand, das sie immer noch nicht geöffnet hatte, wieder ins Krankenhaus. Als Jane sie durch die Eingangstür kommen sah, schenkte sie ihr ein erleichtertes Lächeln. „Es ist gut, dass du doch wieder gekommen bist. Es wird ihn freuen." Amy sah sie fragend an, aber nach einer Sekunde war ihr klar, dass er immer noch im Koma lag und Jane es nur so gemeint hatte. Sie lächelte leicht zurück. „Ja ich konnte einfach nicht nicht kommen, weißt du? Und ich habe ein Buch mitgebracht, ich weiß zwar nicht, was drin steht, aber es war neben einem Bild von mir, also wird es irgendeine Bedeutung für ihn haben." Jane nickte zustimmend. Auch wenn sie Amy und Ty nicht kannte, so war es ihr doch schon nach den ersten paar Tagen klar geworden, dass die beiden eine ganz besondere Verbindung zueinander hatten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Ty ohne die Hilfe von Amy wieder aufwachen würde, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, zweifelte sie daran, dass er überhaupt wieder aufwachen würde. Es war schon ein Wunder für sie, dass er es die 4 Tage in der Wildnis überlebt hatte und dann noch die letzten 2 Wochen im Koma. Sie hatte schon etliche Patienten gesehen, deren Chancen besser standen und die am Ende dennoch gestorben sind.

„Kann ich schon zu ihm?" Amys Frage riss Jane aus ihren eher trüben Gedanken. „Ja, natürlich! Ich habe meine Runde heute schon früher gemacht, ich dachte schon fast, dass du doch kommen wirst." Mit einem letzten kurzen Kopfnicken ging Amy an ihr vorbei, zu Zimmer 207. Sie hasste die Zahl jetzt schon – es war eine Schicksalszahl für sie und Ty, insbesondere für Ty. In diesem Raum wird sich seine Zukunft entscheiden, und teilweise auch ihre eigene. Sie konnte natürlich nicht in die Zukunft sehen, aber sie wusste, wenn es um sie ging, würde sie Ty nie verlassen – nicht freiwillig.

Sie öffnete die Tür leise – es war ein Einzelzimmer, aber trotzdem betrat sie das Zimmer immer vorsichtig, als ob sie Ty sonst erschrecken könnte. Sie schloss sie leise hinter sich und ging zu ihrem üblichen Platz, der Stuhl gleich neben seinem Kopf. Sie legte das Buch auf seinen Nachttisch, neben einem Foto von der Familie vor der Farm und einem Blumenstrauß, den Lou das letzte Mal mitgebracht hatte. Sie kam vor 3 Tagen mit, allerdings nur für ein paar Minuten – sie wollte Amy nicht stören. „Hey Honey, ich bin wieder da", sagte Amy und lehnte sich vor, um seine Wange mit ihren Lippen zu streichen. Sie nahm seine Hand in ihre und setzte sich. „Ich kann nicht glauben, dass du mich immer noch warten lässt. Du solltest langsam mal wieder aufwachen, du willst doch nicht wirklich meinen Geburtstag verpassen in 2 Wochen, oder?" Sie streichelte seine Hand, drückte sie leicht mir ihrer eigenen – immer in der Hoffnung auf eine Reaktion von ihm, auch wenn es nur eine winzige wäre, ein Zucken, ein minimaler Gegendruck, etwas, dass ihr zeigen würde, dass er wusste, dass sie da ist. Aber wie so oft, nichts.

„Ich habe dir heute etwas mitgebracht, das freut dich doch, oder, Schatz? Ich hab es neulich gefunden", Amy stockte. Sie vermied es, von dem Unfall zu reden, auch wenn sie nicht sicher war, ob er sie versteht. Sie wollte es ihretwegen nicht erwähnen, sie wollte hoffnungsvoll erscheinen – wenn er auch nur ein bisschen von dem mitbekam, was sich um ihn herum abspielt, so sollte er nicht eine trauernde, hoffnungslose Amy vorfinden, sondern eine ungeduldige, voller Hoffnung, dass er jeden Moment aufwachen könnte. Sie lächelte auf sein Gesicht hinunter, auf die geschlossenen Augenlider, ein Gesicht, das voller Kratzer und Platzwunden war. Die meisten Kratzer waren verheilt, aber es gab einige größere, die immer noch sichtbar waren. Schlimmer hatte es seinen Körper erwischt – am schlimmsten waren der Milzriss und die eine seiner 4 gebrochenen Rippen, die sich in seinen linken Lungenflügel gebohrt hatte. Außerdem hatte er noch eine schlimme Hirnquetschung erlitten – der Grund für sein jetziges Koma.

„Ich weiß selbst noch nicht, was darin steht – du hattest doch etwa keine Geheimnisse vor mir, oder? Ich glaube ja eher nicht, ich meine, es war ja dieser Zettel dabei, der dich an meinen Geburtstag erinnern sollte – wieso brauchst du da eigentlich einen Zettel für? Du hättest doch Mallory fragen können." Sie dachte kurz darüber nach, und lachte dann lauthals los. „Oh, nein, hättest du nicht! Sie wäre natürlich gleich zu mir gekommen – du weißt ja, wie sicher Geheimnisse bei ihr sind... Selbst wenn sie es nicht mir gesagt hätte, irgendwem hätte sie es erzählt, und dann wäre es doch irgendwie zu mir gekommen!" Sie schüttelte den Kopf vor Lachen. „Trotzdem, was hast du nur wieder geplant gehabt, Ty? Du kannst mir nicht immer alles schenken – du hast mir schon eines der größten Geschenke gemacht, erst hast du mir deine Liebe geschenkt und dann der Promise Ring zu meinem Abschlussball… Das Einzige, was ich jetzt noch von dir will, ist das du wieder zu mir zurückkommst. Wach auf, Ty, bitte." Sie schluchzte und musste die Tränen mal wieder zurück halten. „Siehst du, du liegst hier im Koma und schaffst es immer noch, mich zum weinen zu bringen!", versuchte sie zu scherzen. Sie beugte sich nochmals vor, und küsste ihn sacht.