Als sie sich zurücklehnte, meinte sie nur: „Okay, dann lass uns doch mal sehen, was du hier vor mir verbergen wolltest, hm? Deine letzte Chance, mich zu stoppen, indem du freiwillig aufwachst, ist dann jetzt." Sie versuchte ihre gute Laune zu behalten, auch wenn ihr absolut nicht zum Scherzen zu Mute war. Wie üblich kam keine Reaktion von Ty. „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt", sagte Amy nur und nahm das Buch in die Hand. „Okay, mal sehen, was du hier…" Ihre Stimme brach, als sie das Buch aufschlug und den Titel las.

Love of my life

Amy Fleming

I'll always love you

Amy schluckte hart. Es stellte sich heraus, dass Ty sie noch mehr liebte, als sie sich je vorstellen konnte. Er hatte ihre Geschichte aufgeschrieben, und während die Tränen ungehindert ihre Wangen hinunter liefen, fasste Amy den Entschluss, Ty seine (und auch ihre) Geschichte vorzulesen – der letzte Ausweg. Sollte ihn das nicht zurückholen, konnte sie sich auch nichts mehr vorstellen. Amy strich sich die Tränen aus den Augen, flüsterte ein „Ich liebe dich auch, immer" zu Ty und begann zu lesen:

„Ich weiß noch, wie ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Gott, ich habe dich gehasst damals – aber keine Angst, da habe ich alles gehasst, alles außer mein Motorrad. Ich habe Clint gehasst, deine Mutter (weil sie sich wirklich mit mir abgeben wollte!), und besonders, ich habe mich selbst gehasst – für meine Dummheit, mit Kerry - Ann abgehauen zu sein aus diesem Heim. Und dann fahre ich zu diesem gottverlassenen Ort, der jetzt zu meinem zu Hause geworden ist, und wem laufe (nun ja, ich bin ja eher gefahren) ich in die Arme(oder vor das Pferd)? Dem schönsten Mädchen, das ich je gesehen habe – ja, damit meine ich dich Amy. Und dann höre ich deine Stimme, und ganz ehrlich, ich kann dir nicht sagen, was du damals gesagt hattest – ich war zu fasziniert von dir. Ich weiß nur noch, dass du wahnsinnig wütend warst – und ich habe dich gleich zu Anfang verletzt, wie später auch so oft.

Es tut mir so leid, Amy. Jedes Mal, wenn ich dich verletzt habe, habe ich es in der nächsten Sekunde bereut und wollte dich einfach nur in meine Arme ziehen – aber weder du noch ich waren schon bereit dazu, damals!

Und dann stellt sich raus, dass ich bei euch arbeiten soll – Jack vertraute mir genau wie deine Mutter, die als erste an mich geglaubt hat. Es ist das erste Mal für mich, mit Pferden zu arbeiten, und dann auch gleich mit „Problem"pferden. Ich muss zugeben, ich hatte verdammt Angst, auch wenn ich das nie gesagt hätte, hättest du mich gefragt.

Und dann, erinnerst du dich an die Party von Ashley? Du warst mit Soraya und Jesse da und ich habe dich wegfahren gesehen und bin euch einfach hinterher – auch wenn ich mir Zeit gelassen habe, bevor ich aufgetaucht bin – ich wollte nicht zu schnell nach euch auftauchen, aus Angst, du könntest denken, ich hätte dich verfolgt. Genau das habe ich am Anfang oft gemacht. Ich wollte in deiner Nähe sein, dich in Sicherheit wissen – was an dem Abend genau richtig war, oder?

Du hattest diesen großen Streit mit Jesse und ich bin einfach außer Kontrolle geraten und, ganz ehrlich, ich wollte ihm in dem Moment verletzen – ich konnte nicht glauben, dass er das Risiko eingehen wollte, dich zu verletzen.

Und dann warst du wütend auf mich und ich konnte es nicht verstehen. Nein, ich konnte es verstehen, wollte es aber nicht, nicht zu der Zeit. Ich hoffe, du kannst mir heute verzeihen."

Amy erinnerte sich an diesen Abend, und in ihrem Kopf spielte sich die ganze Szene noch einmal ab.

Es war der Tag, als sie das erste Mal mit Spartan Erfolg hatte bei der Arbeit – er hatte sie akzeptiert und sie und Jack, ihr Grandpa, waren grade dabei, die Stalldecke über seinen Rücken zu legen, als Jesse und Soraya mit seinem roten Truck auf die Farm fuhren. Er hielt gleich nachdem er durch den Torbogen gefahren war, so dass er Amy nicht störte.

Jesse öffnete die Tür und stand im Auto, rufend: „Amy, komm, Poolparty bei mir zu Hause, Mom ist verreist." Aus der Beifahrertür lehnte sich ihre beste Freundin Soraya, die nur zustimmend rief: „Amy, hör auf dich mit diesem Pferd verrückt zu machen, alle kommen und du musst auch kommen!"

Amy hielt Spartan immer noch fest, aber sie drehte sich zu ihren Freunden, mit einem etwas unwilligen Blick. Sie wusste, dass sie viel erreicht hatte, und eigentlich wollte sie mit ihren Freunden gehen, aber sie hatte das Gefühl, sie sollte noch etwas länger mit ihrem Pferd arbeiten. Aber Jack stand hinter ihr und meinte nur leise zu ihr: „Das Pferd kann eine Pause gebrauchen, und ich denke, du auch." Sie drückte ihr Gesicht an den Kopf des Pferdes, und langsam breitete sich ein großes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie reichte ihrem Grandpa den Führstrick und sagte nur fröhlich: „Okay."

Sie rannte erleichtert zu Jesses Auto und sie fuhren los, an Ty vorbei, der gerade auf der Ladefläche eines Trucks stand und Heu in einen Schuppen trug. Amy bemerkte Tys Blick nicht, mit dem er dem Auto folgte, und ihrem lächelnden Gesicht, auch wenn sie einen kurzen Blick zu ihm warf.

Bei Ashley war viel los, es schienen wirklich alle aus der Schule da zu sein, und noch ein paar mehr, die Amy nicht kannte. Aber sie fühlte sich nicht unwohl, sie genoss den Abend, an dem sie einfach mal Teenager sein konnte und sich keine Gedanken über die Pferde, oder Geld oder die Schule machen musste. Jesse trank, aber sie machte sich im ersten Moment noch keine Gedanken darüber.

Sie saß auf der Couch, als sich Jesse neben sie auf die Lehne setzte, und ein Gespräch anfing. „Darf ich dir was sagen? Deine letzte Nacht im Krankenhaus. Es klingt blöd, aber, ich wollte dich ständig auf dem Handy anrufen." „Oh, das ist ja so was von süß", warf Soraya von der Seite ein. Sie saß hinter Jesse auf der nächsten Couch. Amy lehnte sich nur vor und grinste zu ihrer besten Freundin hinüber. Sie meinte nur: „Das Problem ist nur: Ich habe gar kein Handy." – „Ach, was du nicht sagst. Deshalb hab ich was für dich." Während er sprach, holte er etwas aus seiner Hosentasche, dass er Amy hinhielt. Es war ein nagelneues Handy.

Im gleichen Moment betrat Ty den Raum – er kannte niemanden, er war nicht eingeladen, aber er wollte Amy sehen. Und es störte ihn nicht, dass er von allen Leuten von der Seite angestarrt wurde. Amy, der Jesses erstaunter Blick zur Tür natürlich nicht entging, drehte sich um, und auf Jesses Frage: „Kennst du den Kerl?" antwortete sie nur: „Ja, er arbeitet für uns." Was Jesse allerdings entging, was das schüchterne Lächeln, dass sich auf Amys Gesicht bildete und die Art, wie sie ihren Kopf senkte, als sie den Blick von Ty auf sich spürte. Sie fühlte sich irgendwie unwohl, so neben Jesse zu sitzen, und dass der ihr grade ein Handy geschenkt hatte, machte die Sache nicht einfacher. Genauso wenig, wie der Kommentar, den Jesse anbrachte: „Der Knacki von deiner Mutter?"

Sie senkte den Kopf, lächelte über die Dummheit dieses Satzes und wurde zum Glück von Soraya gerettet, die ihr gerade das Handy überreichen wollte, und dabei entdeckte, dass es ein Fotohandy ist – „Das kann alles!" Als sie jedoch keine Reaktion von Amy oder Jesse kam, hob sie ihren Kopf und lenkte ihren Blick in die Richtung, in die alle starrten, zur Tür. „Hey, ist das nicht…? Der sieht echt scharf aus!" Amy schüttelte kichernd den Kopf. „Und der ist so allein." Sorayas Aussage kam genau im richtigen Augenblick, denn in dem Moment ging Ashley zu ihm rüber. „Nicht mehr lange. Da ist Ashley", bemerkte Amy trocken. Sie grinste kurz zu Soraya hoch, und senkte dann ihren Blick wieder auf Ashley und Ty, mit einem leicht traurigen Lächeln auf dem Gesicht. Irgendwie mochte sie Ty, und sie wollte nicht, dass er sich mit Ashley abgab, aber was konnte sie schon dagegen tun?

Später am Abend posierte sie für ein Foto, dass Soraya von Jesse und ihr machen wollte, als ihr Blick mal wieder hinüber in die Ecke schweifte, wo Ty neben Ashley saß, die ihm grade etwas ins Ohr flüsterte. Es war ein geschickter Schachzug, denn außer einem Bikini und einem Minirock hatte sie nichts an, und man musste sagen, sie hatte eine perfekte Figur – was sie nur zu gut wusste. Es schien ihn aber nicht weiter zu beeindrucken, denn auch sein Blick schweifte immer wieder zu Amy und ihren Freunden. „Und jetzt eine NAH – Aufnahme", lallte Jesse ihr ins Ohr und schreckte sie aus ihren Beobachtungen hoch. Sie konnte sich gerade noch rechtzeitig nach hinten weglehnen, bevor er sie geküsst hätte – sie war wütend. „Jesse, lass mich los, du bist betrunken!" Sie schob ihn energisch von sich, und drehte ihren Rücken zu der ganzen Ty/Ashley – Szene. Jesse war genervt, er meinte nur zu ihr: „Ach komm, hier läuft ne Party!" Auf einmal wurde ihr etwas klar, und sie begann nur zu sagen: „Toll, ich will nach Hause. Sag mir, wie ich jetzt nach Hause kommen soll!" Amy war wirklich wütend, und Jesses Antwort: „Ist doch kein Ding. Betrunken fahr ich erst richtig gut!" machte es nicht besser.

Beim Reden hatte er die Schlüssel aus seiner Hosentasche genommen, die sie ihm jetzt wegnahm. Auf keinen Fall würde sie jetzt in sein Auto steigen bzw. fahren lassen. Natürlich versuchte er, die Schlüssel wieder zu bekommen, und das Ganze sah einem Kampf ziemlich ähnlich. Amy rief nur wütend aus: „Jesse, lass mich los!"

Durch den Ausruf aufmerksam geworden, sah Ty zu den beiden hinüber, Ashley ignorierend, die neben ihm saß. „Jesse! Das ist nicht witzig!" Amy stieß ihn von sich, und er sah sie einen Moment an. In dem Augenblick war Ty aufgestanden und zu ihnen gelaufen, und er drehte Jesse an der Schulter herum. Dieser sah den für ihn fremden Ty nur fragend an. „Was willst du?", fragte er provozierend, was er lieber nicht getan hätte, denn Ty stieß ihn nur von sich und fing an, auf ihn einzuschlagen. Amy stand verzweifelt daneben. Sie rief „Aufhören!" und auch ein paar andere Partygäste, die sich nicht in die Nähe trauten, versuchten ihn verbal zu stoppen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis andere aufmerksam wurden und ihn von Jesse herunter zogen, so dass er keine Chance hatte, weiter auf Jesse einzuschlagen.

Er stand alleine in der Mitte des Raumes, schnaufend, aber wieder soweit beruhigt, dass er nicht sofort wieder auf Jesse losgehen würde. Er sah Amy an, die hinter dem immer noch am Boden liegenden Jesse stand. Er fragte besorgt: „Bist du okay?", aber er bekam nur die wütende Antwort: „Nein, ich bin nicht okay. Was ist los mit dir?" Amy blieb nicht lange genug stehen, um eine Antwort zu erhalten, und er hatte auch keine darauf. Sie schnappte ihre Jacke, die neben der Tür lag, und ging hinaus in die kalte Winternacht.