Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hatte schon länger nicht mehr an die ersten Zeiten gedacht, als sie sich kennen gelernt hatten. „Ja, es war gut, dass du da warst. Ich habe es damals nicht so gesehen – ich war so wütend auf Jesse und dann hab ich das Ganze auf dich übertragen. Und ich verzeihe dir natürlich – dass du dir wegen einer Kleinigkeit noch so lange danach Gedanken machst! Obwohl… Du hättest ihn nicht verprügeln müssen, weißt du?" Ihre Hand, die seine immer noch hielt, wanderte aus dem losen Griff, an seinem Arm hinauf, streichelte ihn. Sie bemerkte keine Veränderung an ihm, was ihre Hoffnung ein bisschen schwinden ließ, wie so oft in den letzten Wochen. Stück für Stück sank ihre Kraft, und sie wusste, dass sie es nicht mehr lange aushalten würde, ihn so unbewegt hier vor sich liegen zu sehen. Immerhin hatte sich sein Zustand nicht verschlechtert, in der letzten Zeit.

Sie musste in der letzten Zeit sagen, denn am Anfang hatte er Probleme mit seinem Herzschlag gehabt, der von Zeit zu Zeit immer wieder aussetzte. Sie hatte noch nie so viel Angst in ihrem Leben gehabt, wie in dem Moment, als Jane ihr sagte, dass Ty in der 2. Nacht wiederbelebt werden musste, weil sein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Es sei knapp gewesen, aber es würde schon wieder werden. Das war es jedenfalls, was man ihr gesagt hatte. Sie konnte sich ihre Welt nicht ohne ihn vorstellen, und zum Glück hatte er sich danach täglich etwas mehr stabilisiert. Aber das hatte vor 3 Tagen aufgehört, und sein Zustand ist einfach jeden Tag gleich. Sie würde es lieber sehen, dass sich sein Zustand wieder verschlechterte, so konnte sie wenigstens sehen, dass noch Leben in ihm war. Das monotone Heben und Senken seiner Brust war zwar auch schon Zeichen genug, aber es war, als ob er eingefroren wäre und sie hasste es, keine Veränderungen bei ihm zu erleben. Sie konnte es nicht aushalten, sie vermisste seine Art, wie er die Stirn hochzog, wenn sie wieder mal eine verrückte Idee hatte oder wenn er über etwas lachen musste, aber es zurückhielt – oder sein Lächeln, dass die ganze Welt erstrahlen ließ. Sie senkte ihren Kopf auf sein Kissen, gleich neben seinen und ließ ihren Tränen freien Lauf, wenigstens für ein paar Minuten. „Oh, Ty, was mach ich nur? Ich kann nicht ohne dich leben, das weißt du doch, oder? Du musst wieder aufwachen! Komm zu mir zurück, komm zurück… Ich liebe dich doch!"

Plötzlich spürte sie ein leichtes Zucken in ihrer Hand. Sie bemerkte es erst gar nicht, aber als es noch mal passierte, hob sie ihren Kopf. „Ty?" Amy sah auf ihn herunter, blickte auf ihre Hand, die immer noch seine hielt. Sie sah keine Bewegung, kein Anzeichen, dass das Zucken, das sie eben gespürt hatte, wirklich statt gefunden hat. Sein Gesicht war genau so unbewegt wie zuvor und auch sein Körper lag so entspannt da wie auch schon in den letzten 2 Wochen. Trotzdem könnte sie schwören, ein Zucken gespürt zu haben. Sie stand auf, und löste sich von ihm. Sie wollte zu Schwester Jane und ihr davon berichten – vielleicht hieß das ja, dass es langsam wieder bergauf ging mit seinem Zustand.

Jane hob ihren Kopf, als sie hörte, wie sich die Tür öffnete. Ty war der einzige, der jeden Morgen Besuch bekam, also wusste sie, dass es sich nur um Amy, seine Freundin, handeln konnte. Sie wunderte sich, warum sie schon wieder nach draußen kam, und bekam Angst, dass sich Tys Zustand verschlechtert hat. Erst nach einer Minute fiel ihr ein, dass er an einen Monitor angeschlossen war und sie sofort eine Meldung bekommen würde, wenn sich etwas veränderte. Sie stand fragend am Rande der Rezeption, bereit, sofort los zu laufen, sollte sie schnell von Amy benötigt werden.

„Jane, gut, dass du da bist! Ich glaube… ich glaube…" Amy konnte nicht weiter sprechen. Die Tränen fingen wieder an, über ihr Gesicht zu laufen. „Amy, was ist los? Hat sich sein Zustand verschlechtert?" Mit einem Auge blickte Jane schnell auf den Monitor hinter sich, aber die Anzeige der Werte war normal – es sollte sich nichts verändert haben. Trotzdem eilte sie an Amy vorbei zu dem Krankenzimmer. „Nein, nein. Es geht ihm gut – ich glaube, er hat sich bewegt!" Jane stoppte auf ihrem Weg – sie war überrumpelt von der Nachricht, er habe sich bewegt. Sie drehte sich langsam zu Amy um. „Bist du dir sicher?", fragte sie, wobei sie ihre Unsicherheit mit professioneller Stimme verbarg. Amy hatte einen unsicheren Ausdruck im Gesicht, aber sie sagte mit fester Stimme: „Ich weiß nicht genau. Ich denke, ich habe ein Zucken in seiner Hand bemerkt, aber als ich ihn ansprach und genau hinsah, habe ich keine Veränderung mehr gesehen."

Jane nickte langsam. „Weißt du… ich will dir deine Hoffnung nicht nehmen, aber… Nun ja, manchmal wünschen wir uns einfach so sehr, dass es besser wird, dass wir eine Bewegung spüren, dass… Also, dass wir es uns nur einbilden" Sie sagte es vorsichtig, weil sie Amy nicht verletzen wollte, aber natürlich fasste sie es nicht gut auf. Amy schüttelte verzweifelt ihren Kopf. „Nein, dass kann nicht sein! Ich bin mir sicher, da war ein Zucken. Es war da!" Sie wirbelte herum und eilte zurück ins Zimmer, aber auch Jane folgte ihr. Sie überprüfte Tys Reaktionen und seine Pupillen, aber es war das übliche – keine aktive Reaktion.

Amy saß auf ihrem üblichen Stuhl neben seinem Kopf, und sah hoffnungsvoll hinauf in das Gesicht der Krankenschwester, doch diese schüttelte nur langsam und traurig ihren Kopf. Sie hatte dieses Pärchen wirklich in ihr Herz geschlossen und hoffte wirklich, dass Ty bald wieder aufwachen würde, aber die Chancen sanken mit jedem Tag mehr. Es käme einem Wunder gleich, wenn er sich bewegt hätte, aber sie fand kein Anzeichen dafür. „Tut mir leid, es hat sich nichts verändert. Er zeigt immer noch keine Reaktion." Sie streichelte über Amys Schulter, die ihren Kopf wieder neben Tys auf das Kissen gelegt hatte. Jane ging zur Tür, und kurz bevor sie die Tür öffnete und hinaustrat, wandte sie sich noch mal um, und meinte leise zu Amy: „Tut mir wirklich leid. Wenn du mich brauchst, du weißt, ich bin da."

Aber Amy interessierte sich nicht für die Worte der Krankenschwester. Sie hatte ihr gerade alle Hoffnung genommen, dass das Zucken, das sie mit Sicherheit gespürt hatte, wirklich stattgefunden hatte. Sie weinte eine lange Zeit, aber irgendwann fand sie die Kraft zu stoppen. Sie richtete sich wieder auf, und schniefte noch einmal kurz. „Sorry, Darling. Ich wollte hier nicht weinen – ich wollte stark für uns sein. Aber ich kann heute nicht. Ich schaffe es nicht. Ich will nicht, dass du mich so erlebst – du musst gesund werden, da kann ich dir nicht noch Sorgen machen. Du musst den Rest des Tages ohne mich verbringen – aber keine Angst, du weißt, ich komme immer wieder. Ich liebe dich" Sie stand auf, beugte sich noch einmal vor, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben und verließ den Raum.

Sie ging ohne stehen zu bleiben, und auch ohne ein Wort vorbei am Empfang und fuhr langsam nach Hause. Es war erst 3 Uhr nachmittags, so dass sie noch Zeit hatte, mit den Pferden zu arbeiten. Das Pferd, das heute auf Heartland ankommen sollte, hatte Angst davor, alleine ins Gelände zu gehen. In der Gruppe sei es kein Problem, aber sobald man alleine ausreiten wolle, flippe es vor Angst fast aus. Soweit hatte sie es jeweils von den Besitzern gehört. Eigentlich war sie dagegen, schon jetzt wieder zu arbeiten – sie wollte die ganze Zeit mit Ty verbringen und dachte sich, dass es einfach noch zu früh wäre und sie sich nicht voll konzentrieren könnte bei der Arbeit.

Dennoch hatte sie den Besitzern eine Zusage erteilt, da sie eine 13 – jährige Tochter hatten, der dieses Pferd gehörte. Sie spürte ihre Verantwortung und hat zugesagt, damit sie sicher sein konnte, dass das Pferd keine Gefahr für das junge Mädchen darstellte. Sie könnte sich nicht verzeihen, wenn sie sich verletzen würde, nur weil Amy sich unsicher war und die Arbeit abgelehnt hat. Sie kam kurz vor dem Transporter an, mit dem die Besitzer gekommen sind. Sie sammelte sich, atmete tief durch und versuchte, die Gedanken an Ty zu verdrängen. Lächelnd stieg sie aus dem Truck und wartete darauf, dass das Auto der Smiths zum stehen kam, damit sie sie begrüßen konnte und sich einen ersten Eindruck über das Pferd verschaffen konnte.

Catherine Smith stieg als erste aus dem Auto und ging unsicher zu Amy. „Entschuldigen Sie, wissen Sie, wo ich eine gewisse Amy Fleming finde?" Amy grinste zurück: „Ja, Sie stehen genau vor ihr. Ich bin Amy." Sie streckte ihre Hand aus, die Catherine staunend ergriff. „Wow, entschuldige, ich hatte mich dir älter vorgestellt." Sie drehte sich zum Auto um: „Komm, Sam! Du brauchst nicht schüchtern sein", rief sie ihrer Tochter zu, die immer noch im Auto saß. Diese öffnete nun die Tür, stieg aus und kam zielstrebig zu ihnen herüber. „Hey", sagte sie zu Amy, die eigentlich eine schüchterne Person erwartet hatte – so hatte sie es dem Telefongespräch mit Catherine entnommen. „Hey Samantha – oder ist dir Sam lieber? Wie geht es dir? Willst du mir vielleicht Storm zeigen?" „Sam ist klasse. Mir geht's gut, es war nur eine lange Fahrt", sagte die kleine Rothaarige, nickte lächelnd und ging ohne auf jemanden zu warten zu dem Anhänger, in dem ihr Pferd war.

„Warte, Schätzchen, du solltest das nicht tun! Vielleicht könnte Amy – ich meine, es ist doch gefährlich und dann ist er ja auch so groß und du könntest dich doch verletzen!", rief Catherine sofort aufgeregt, als sich ihre Tochter auf den Weg zum Anhänger machte. Samantha drehte sich jedoch nur um, sah ihre Mutter mit einem zweifelnden Blick an, und meinte: „Mom, wie oft soll ich es dir noch sagen: Pferde sind keine gefährlichen Ungeheuer, und Storm ist nicht gefährlich! Er würde mir nie etwas tun." Amy beobachtete die Szene, beschloss aber, nur dann einzuschreiten, wenn die Situation außer Kontrolle geriet. Da sie aber keine Gefahr sah, dass Samantha ihr Pferd aus einem Anhänger holte, stoppte sie das Mädchen nicht. Als sie den Anhänger öffnete, konnte man erst nicht viel von dem Pferd erkennen, aber als Storm dann von seiner Besitzerin heraus geführt wurde, staunte Amy nicht schlecht.