Auch jetzt noch, fast 2 Jahre nach dem Vorfall, ließ sie die Erinnerung nicht kalt. Sie wischte sich ein paar vereinzelte Tränen aus den Augen, und streichelte über das alte Holz des Treppengeländers. Verstohlen huschte ihr Blick zu der Tür, die oben in Tys Zimmer führte. Wie aus dem Nichts tauchte vor ihren Augen auf einmal Ty auf. Er kam durch die geschlossene Tür gelaufen, stoppte am oberen Teil des Geländers und beobachtete sie, wie sie regungslos vor ihm stand. Auf seinem Gesicht breitete sich sein kleines Lächeln aus, was so wunderschön war. Sie blinzelte kurz, und eine weitere Träne fiel über ihre Wange. Das Trugbild war verschwunden.

Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihn hier nie wieder zu sehen. Wieder konnte sie nur denken: Er wird wieder gesund. Er muss es einfach werden.

Auf einmal erklang ein Wiehern. Storm forderte ihre Aufmerksamkeit. Amy ging zu dem Wallach und führte ihn hinaus in den Round – Pen. Sie wollte erst einmal sein Vertrauen gewinnen, sodass sie mit dem Bonding anfing. Sie ließ ihn frei laufen, denn dann konnte er auf ihre Signale reagieren. Sie gab ihm einen Impuls zum Laufen, und nach dem sie 20 Minuten darauf bestanden hatte, dass er von ihr weg läuft, drehte sie sich ruhig um, und tat nichts mehr. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Storm bereit war, ihr zu vertrauen und zu folgen. Amy hatte Recht. Storm wurde langsamer, sobald sie sich umdrehte und blieb stehen. Sein Kopf schaute neugierig zu Amy, die in der Mitte des Kreises stand. Vorsichtig, mit nach vorne gestrecktem Kopf ging er zu ihr, bis er mit dem Maul ihre Schulter berühren konnte.

Erleichtert streichelte Amy Storms Nase. Sie war immer froh, wenn ein neues Pferd relativ schnell Vertrauen fasste, da es ihre Arbeit vereinfachte und ihr außerdem zeigte, dass es gut behandelt wurde in seinem Zuhause. Sie ging ein paar Schritte, um zu sehen, ob Storm ihr folgen würde, was er schließlich auch tat. Sie streichelte noch einmal seinen Hals, und beschloss, dass es spät genug war, und sie nicht zu viel von Storm verlangen wollte. Es ging nicht um Schnelligkeit bei ihrer Methode, sondern um Beständigkeit und Vertrauen. Die Pferde sollten nicht so schnell wie möglich gesund werden, sondern ohne Zwang ihre Ängste verlieren. Die meisten Probleme von Pferden gehen von Angst aus. Wenn man den Grund für eine Angst findet, kann man ihn in aller Ruhe bekämpfen, und es war Amy wichtig, den Pferden dabei die Zeit zu lassen, die sie auch brauchten.

Im Haus wartete Lou bereit auf ihre kleine Schwester. Sie hatte sich vor den Fernseher gesetzt – etwas völlig untypisches für Lou – und hatte neben sich 2 Teetassen stehen. „Hey kleine Schwester, komm her, genieß einen Tee und erzähl mir von deinem Tag." Eigentlich wollte Amy nicht reden. Reden würde bedeuten, darüber nachzudenken, was heute alles geschehen war. Sie wollte sich nicht schon wieder ihrer Hoffnung hingeben, und Lou erzählen, dass sich Ty vielleicht bewegt hatte. Stattdessen setzte sie sich einfach nur, nahm die Tasse in ihre Hände und schüttelte leicht den Kopf. „Wenn es dich nicht stört, mir ist nicht so wirklich nach reden", sagte sie entschuldigend zu ihrer großen Schwester. Die nickte verständnisvoll. „Okay, ich wollt dich nur wissen lassen, dass ich da bin und dir zuhöre, wenn du mich brauchst." Nach einer kurzen Pause fügte sie noch hinzu: „Ähm, auch wenn es vielleicht ein schlechter Zeitpunkt ist, heute Nachmittag hat jemand angerufen." Amy sah sie fragend an, doch Lou sprach nicht weiter. „Und? Wer hat angerufen? Es war doch nicht… LOU, es war doch nicht das Krankenhaus, oder?" Sie machte ein erschrockenes Gesicht, und es kam ihr vor, als ob Luft holen und atmen auch einmal einfacher gewesen war.

Lou schüttelte nur ihren Kopf. „Nein, das Krankenhaus war es nicht, Ty muss es also gut gehen. Es war…" Sie machte wieder eine Pause, die Amy langsam in den Wahnsinn trieb. Lou holte tief Luft. „Es war Kerry – Ann." Amy sah sie nur entsetzt an. „Kerry – Ann? Du redest doch nicht etwa über die Kerry – Ann, die mit Ty zusammen im Heim war, und dann hier auftauchte und meinte, sie sei immer noch mit ihm zusammen?" Selbst ein Blinder hätte gesehen, das es Lou sehr unangenehm war, jetzt nicken zu müssen und zu sagen: „Ich muss leider ja sagen. Sie hat nicht wirklich viel gesagt, nur gefragt, ob Ty noch bei uns ist und … Na ja, an sich hat sie sonst nichts wissen wollen." Schnell fügte sie noch an: „Ich hab ihr natürlich nicht von dem Unfall erzählt, also weiß sie nicht, dass er im Koma liegt." Amy fasste sich an ihre Stirn. Es fühlte sich an, als ob sie demnächst eine Migräne bekommen könnte. „Aber… Hat sie gesagt, wo sie ist? Sie will doch nicht hierher kommen, oder? Warum hat sie bloß angerufen?" Lou fand darauf keine Antwort, also zuckte sie nur mit ihren Schultern.

Amy stand auf. „Sorry, Lou, ich fühle mich nicht so gut. Ich glaube, es ist besser, wenn ich ins Bett gehe." Sie war schon fast aus dem Raum, als Lou ihr nachrief: „Ach, Amy! Ich fände es gut, wenn du morgen nicht in aller Frühe ins Krankenhaus fährst. Du solltest dich in den nächsten Tagen vorrangig um Storm kümmern." Amy drehte sich noch mal zu ihrer Schwester und nickte nur. „Klar, das Pferd geht vor."

Im Inneren hätte sie am liebsten laut aufgeschrien. Wieso sollte sie ein Pferd über Ty stellen, der um sein Leben kämpfte? Sie wusste, dass Lou auf die Finanzen achten musste und dass sie nicht grade übermäßig reich waren – aber wenn man sie vor die Wahl stellen würde, ob sie Ty beistehen oder sich um ein Problempferd kümmern sollte, würde ihre Wahl immer auf Ty fallen. Sie schüttelte ihren Kopf. Das würde Lou nicht verstehen, und das war auch der Grund, warum Amy nachgegeben hatte. Sie würde also morgen zuerst mit Storm arbeiten, und um die Mittagszeit ins Krankenhaus fahren.

Sie warf sich auf ihr Bett, und dachte jetzt erst richtig über Kerry – Ann nach. Ty war noch nicht sehr lange bei den Flemings gewesen, und wie es so seine Art war, hatte er nicht wirklich viel über sich erzählt. Während sie still auf ihrem Bett lag, drängten sich die Erinnerungen wieder hoch.

Ty hatte ihr grade den Brief von Clint gezeigt, seinem Bewährungshelfer. Dieser wollte vorbeikommen, um sich zu vergewissern, dass alles gut lief. Sie hatten sich gestritten, weil er nervös war und es nicht verstand, warum sie so ruhig blieb. Amy nahm es dann mit Humor, was die Situation entspannte. Sie kamen beide aus dem Stall, als ein Auto auf die Farm fuhr. Amy kannte es nicht, und war deshalb verwundert, als ein Mädchen in ihrem Alter ausstieg und beim Anblick von den beiden breit grinste und rief: „Ty!" Noch erstaunter war sie allerdings als er neben ihr meinte: „Kerry – Ann." Sie fragte sich, woher er sie kannte, bezog sie jedoch auf seine unbekannte Vergangenheit. Ty schaute kurz zu Amy, die etwas hinter ihm stand, und ging dann auf Kerry – Ann zu, fragend: „Was machst du denn hier?"

Den ersten Schock bekam Amy allerdings erst, als sie erwiderte: „Ich gebe dir als erstes einen Kuss." Sie nahm sein T-Shirt in ihre Hände, zog ihn an sich und küsste ihn dann auch wirklich. An sich wäre es nicht schlimm gewesen, aber Amy konnte sich gut daran erinnern, dass er sie vor einigen Tagen küssen wollte, und ihn jetzt zu sehen, wie er den Kuss erwiderte, verletzte sie. Sie hatte zwar gesagt, dass sich zwischen ihnen nichts ändern sollte, aber wenn sie ihn so sah, hatte sie das Gefühl, vielleicht vorschnell reagiert zu haben.

Amy dachte darüber nach, welche Schwierigkeiten Kerry – Ann ihnen dann noch bereitet hatte. Sie hatte eine Kette von Ashley gestohlen, und Ty hätte beinahe Ärger mit Clint bekommen, weil er nicht rechtzeitig da war. Sie machte sich Sorgen über den Anruf von Kerry – Ann an diesem Nachmittag. Wenn sie wieder nach Heartland kommt, würde sie nur Ärger mitbringen, etwas, was sie ja noch nicht genug hatten seit Ty im Koma lag. Es war unglaublich, dass der Unfall erst 3 Wochen her sein sollte. Unruhig, aber todmüde, schlief sie schließlich ein.

Ausgeruht wachte sie früh am nächsten Morgen auf. Sie drehte sich in ihrem Bett und gähnte lange, bevor sie auf ihren Wecker schaute. Es war halb 8. Normalerweise würde sie noch eine Weile im Bett bleiben, aber da sie heute zuerst mit Storm arbeiten musste, bevor sie zu Ty fahren durfte, stand sie auf, zog ihre alte Jeans an und ein Hemd, was sich gut bei der Arbeit machte. Sie schlurfte zur Küche, um sich dort einen Kaffee zu machen. Lou war noch nicht wach, was ungewöhnlich war, aber es waren schwere Zeiten für sie beide, solange sie nicht wussten, ob und wann es Ty besser gehen würde.

Sie saß auf einem Küchenstuhl, und trank ihren Kaffee, als Lou aus ihrem Zimmer kam. Sie war ein Morgenmensch, und deswegen schon unausstehlich wach, im Gegensatz zu Amy, die immer noch mit der Verlockung ihres Bettes kämpfte. Trotzdem versuchte sie ein Lächeln aufzusetzen. „Morgen, Lou. Ich werde gleich mit Storm arbeiten, und dann ins Krankenhaus fahren. Willst du mitkommen heute?" Lou lächelte zurück. „Morgen, Amy. Ich glaube kaum, dass ich eine große Hilfe sein werde im Krankenhaus. Ich werde demnächst mal mitkommen, ja?" Amy nickte. Sie wollte es zwar nicht verstehen, aber sie wusste so gut wie Lou, dass es noch Tage, wenn nicht gar Wochen dauern könnte, bis Ty endlich aufwachte. Etwas anderes wollte sie gar nicht denken, auch wenn tief in ihrem Unterbewusstsein sich ein Satz endlos wiederholte. Wenn er überhaupt wieder aufwachte.

Sie stand auf, abrupt, und lief nach draußen, zum Stall. Sie wollte nicht, dass Lou ihre Tränen sah. So stark sie auch sein wollte, in den letzten Tagen fiel es ihr immer schwerer, es auch zu sein. Immer öfter übernahmen ihre Gefühle die Kontrolle und nur zu selten konnte sie sie noch zurückhalten. Sie öffnete die große Stalltür, und wurde von einem freudigen Wiehern begrüßt. Spartan war da, wenn sie ihn brauchte, dass wusste sie. Sie ging zu dem schwarzen Wallach und strich ihm über den Hals. Sie ging zu ihm in die Box und vergrub ihre Finger in seine dichte Mähne, lehnte sich vor und roch den vertrauten und beruhigenden Geruch nach Pferd ein. Nur ungern riss sie sich von ihm los, aber sie hatte noch ihre Pflichten zu erledigen. Sie musste die Pferde versorgen, die Boxen ausmisten und dann konnte sie mit der eigentlichen Arbeit anfangen. Nachdem sie über eine Stunde damit verbracht hatte, alles im Stall zu erledigen, führte sie Storm in den Round – Pen.

Sie führte wieder ein Bonding durch, was schneller ging als am Vortag, da er sie mittlerweile schon kannte, und sie ging dazu über, ihn zu satteln. Sie wollte nichts riskieren, auch wenn sie nach wie vor dachte, dass dem Pferd nichts fehlte, sondern dass die Mutter einfach zu übervorsichtig war. Weder beim Satteln noch beim Trensen machte der Wallach Probleme, so dass sie aufsetzte und ihn ein wenig ritt. Er lief gut, und da die Smiths erwähnt hatten, dass er ein Springpferd war, beschloss sie, auf den Platz zu gehen und ihn ein wenig springen zu lassen. Sie saß ab, damit sie das Tor öffnen konnte, und führte ihn zum Platz hinüber. Dort angekommen saß sie wieder auf und trieb ihn in einen weichen Trab. So weit sie das beurteilen konnte, war das Pferd gut ausgebildet, und als sie ihn zum ersten Hindernis lenkte, spitzte er aufmerksam die Ohren und sprang sauber über den kleinen Steilsprung.

Auch nach einer halben Stunde lief Storm noch immer konzentriert und sprang die Hindernisse sauber, was für Amy ein Zeichen war, dass er ein richtig gutes Turnierpferd werden könnte. Allerdings wollte sie ihn nicht überfordern, und hörte für diesen Vormittag auf. Sie war gerade dabei, mit der Bürste das leicht verschwitzte Fell zu glätten, was unter dem Sattel hervorkam, als auf einmal Lou in den Stall gehetzt kam. Sie machte große Augen, auch damit diese sich an das dunklere Licht im Stall gewöhnen konnten, blickte dann Amy an und sagte: „Da ist ein Anruf für dich. Ich mach Storm fertig. Kann er dann raus auf die Koppel?" Amy nickte. Verwundert ging sie ins Haus, um in der Küche ans Telefon zu gehen.

„Hallo?"