Amy war verwundert. Um so eine Zeit, es war ja noch nicht einmal 10 Uhr morgens, riefen sonst keine Fremden an, die sie verlangten. Es konnte sich also nur um ein weiteres Pferd handeln, dass ihre Hilfe benötigte.
„Hallo, spricht da Amy Fleming?"
Eine Frauenstimme – also ganz sicher ein weiteres Pferd. Und das grade jetzt, wo sie schon mit einem Konzentrationsschwierigkeiten hatte! Sie beschloss, vorerst keine neuen Pferde mehr anzunehmen, jedenfalls solange nicht, bis Ty wieder gesund war. Die Entscheidung dazu fiel ihr nicht leicht, und sie musste auch noch mit Lou reden, aber es war das Beste so. Sie versuchte, der Frau eine nette Absage zu erteilen.
„Ja, aber falls Sie ein Problem mit einem Pferd haben, muss ich Sie leider bitten, in ein paar…" – „Nein, es geht nicht um ein Pferd. Hier spricht Dr. Johnston. Ich bin die Chefärztin von Ty."
Amy lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sie konnte nur eine Erklärung dafür finden, dass Dr. Johnston anrief. Und sie hatte Angst davor, Fragen zu stellen, Angst, an das unausweichliche zu denken. Da sich ihre Beine auf einmal sehr wackelig anfühlten, setzte sie sich an den Küchentisch.
„Ist…? Gab…? Was…?" Amy konnte nur stottern, und sie schnappte auch ein paar Mal nach Luft, aber dann nahm sie sich zusammen und fragte die Frage, die am meisten bedeutete: „Wie geht es ihm?"
Wenn sie ehrlich war, hatte sie eine Riesenangst vor der kommenden Antwort. Andererseits musste sie es einfach wissen. Es kann nur schlimmer werden, wenn sie die Wahrheit verleugnet und nicht versucht, sie zu verarbeiten. Es sind bereits einige Sekunden vergangen, als die Ärztin antwortet.
„Ihm geht es den Umständen entsprechend gut. Ich wollte sie nur informieren, dass es in der Nacht einige Komplikationen gab. Sein Herzschlag ist kurzzeitig sehr schlecht gewesen, und wir mussten ihn für 2 Stunden künstlich beatmen."
Ihr stockte der Atem. In der letzten Nacht hätte sie Ty verlieren können! Sie hat mit einem Pferd gearbeitet, hat „heile Welt" gespielt, während er um sein Leben kämpfen musste. Und sie war nicht für ihn da gewesen. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Sie machte sich Vorwürfe, viel zu früh gegangen zu sein, sie hätte stark sein müssen!
Sie beeilte sich zu sagen: „Ich bin schon auf dem Weg ins Krankenhaus. In einer halben Stunde bin ich da." Sie wartete nicht darauf, dass die Ärztin auflegte. Amy stürmte in ihr Zimmer, zog sich in Windeseile um und wollte schon aus dem Haus zum Stall laufen, als das Telefon erneut klingelte. Für eine Sekunde dachte sie darüber nach, nicht abzuheben, aber es könnte ihr Großvater oder ein Kunde sein. Widerstrebend nahm sie den Hörer ab.
„Heartland Equestrian Connection. Was kann ich für Sie tun?"
Sie hätte jeden erwartet, aber niemals hätte sie mit ihrer Gesprächspartnerin gerechnet. Auch wenn sie die Stimme nicht wieder erkannte, so erkannte sie jedoch den arroganten Klang, der bei jedem Wort mitschwang.
„Amy? Kerry – Ann hier. Hör mal, ich bin grad mal wieder in der Gegend, da wollt ich Ty besuchen kommen. Er arbeitet doch noch bei euch, oder? Hört sich ja verdammt vornehm an, eure Ranch mittlerweile. Habt ihr endlich einen ordentlichen Anstrich für den Stall bekommen? Tja, jedenfalls werde ich vorbeischauen, Ty wird sich sicher freuen."
„Hör zu, jetzt ist es grade sehr schlecht. Ich muss jetzt ins Krankenhaus, und ich denke mal nicht, das Ty sich so freuen würde, dich da zu sehen."
Unbewusst hatte Amy jetzt mehr Informationen preisgegeben, als sie wollte. Kerry – Ann hatte trotz ihrer schlechten Vergangenheit – schließlich kennt sie Ty nur, weil er im gleichen Heim wie sie gewesen ist – eine gute Menschenkenntnis und ein Gespür für unausgesprochene Dinge. Deswegen hatte sie auch mitbekommen, dass nicht Amy und Ty ins Krankenhaus fahren, sondern er bereits da ist, was nur eins bedeuten konnte. Er war Patient dort. Sie ließ es sich nicht anmerken, aber sie nahm sich vor, auch nach Hudson zu fahren.
Zu Amy sagte Kerry – Ann nur: „Oh, dann lass dich nicht aufhalten. Ich wollte mich ja nur anmelden, schließlich weiß ich inzwischen, wo Ty ist." Sie legte auf.
In der Zwischenzeit war so viel Zeit vergangen, dass Lou das Haus bereits betritt, als Amy zu ihr hinaus laufen will. Lou ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu nehmen, aber Amy hielt sie auf. In diesem Moment fiel Lou der Anruf wieder ein. Fragend sah sie zu Amy. „Sag mal, wer war das eigentlich am Telefon für dich? Eine neue Kundin?" Amy schüttelte nur energisch ihren Kopf und zog Lou hinaus zum Truck. „Nein, das Krankenhaus. Ich denke, es wäre gut, wenn wir hinfahren, jetzt gleich. Ich erklär es dir unterwegs", fügt sie noch hinzu. Zum Glück stellte Lou keine Fragen, sondern stieg in den Truck, startete ihn und fuhr los, mit Amy auf dem Beifahrersitz.
Sie fuhren erst eine Weile schweigend Richtung Stadt, weil Amy einfach nicht wusste, wie sie beginnen sollte. Lou war schlau genug, um keine Fragen zu stellen. Ihr war bewusst, dass es nichts nützen würde, ihre Schwester mit Fragen zu löchern. Amy musste bereit dazu sein, sich ihr mitzuteilen. Verständlicherweise zerbrach sie sich den Kopf darüber, warum sie den Anruf erhalten hatten. Es konnten kaum gute Nachrichten sein, sonst würde Amy nicht so unglücklich aussehen.
„Lou?" Amy wusste immer noch nicht, wie sie beginnen sollte, aber ihr war klar, dass ihre Schwester vollkommen ratlos war. Als Lou zu ihr sah, wusste sie, dass sie ihre volle Aufmerksamkeit hatte. Auch wenn sich Lou auf das Fahren konzentrieren musste, so nickte sie Amy doch zu, und machte eine Handbewegung, die Leg los! bedeuten sollte. „Also, du weißt ja, es war das Krankenhaus. Ich denke, Ty geht es wieder schlechter." Amy musste schlucken. Sie atmete tief ein, damit sie ihre aufsteigenden Tränen zurückhalten konnte. „Sein Herzschlag war schwach und er musste gestern Nacht wieder beatmet werden", murmelte sie noch.
Mit Tränen in den Augen sah sie Lou an. „Warum nur, Lou? Ich bin doch immer da gewesen! Er muss doch bemerkt haben, dass ich da war. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll Lou!" Sie schluchzte. Lou griff mit ihrer Hand nach der von Amy. Sie hielt sie und drückte beruhigend zu. „Shhh, Amy. Er wird wissen, dass du da warst." Sie spürte den ungläubigen Blick ihrer kleinen Schwester, deswegen sagte sie nur noch: „Schau mich nicht so fragend an. Ich weiß, dass ich Recht habe! Warte einfach noch ab, wir sind gleich im Krankenhaus."
Schweigend fuhr sie die noch fehlenden 5 Minuten. Amy kam es vor, als wären sie Stunden unterwegs gewesen, aber die Fahrt hat wie immer nur 30 Minuten gedauert. Als der Wagen endlich zum Stehen kam, hielt es Amy nicht mehr auf ihrem Sitz aus. Sie riss die Tür auf, sprang hinaus und wartete nicht einmal auf Lou, die dabei war, den Wagen abzuschließen.
Im Flur kam ihr Jane entgegen. „Oh, Amy! Gut, dass du da bist!", rief sie Amy zu. Diese blieb mit schreckensgeweiteten Augen vor der Schwester stehen. „Ja, ich habe einen Anruf von der Chefärztin bekommen! Sie sagte, dass es ihm in der Nacht sehr schlecht ging, er musste beatmet werden und sein Herz hatte auch Probleme…" Amy sprach viel zu schnell, die Worte überschlugen sich förmlich in ihrem Mund. Sie dachte gar nicht darüber nach, dass Jane die Fakten bereits alle kannte. Nachdem es ihr bewusst wurde, fügte Amy nur noch hinzu: „Ich musste einfach kommen. Ich werde ihn ab jetzt nicht mehr alleine hier lassen. Bis er aufwacht, werde ich jede Minute an seiner Seite verbringen."
Sie war entschlossen, und egal, welche Protestpunkte Schwester Jane jetzt anbringen würde, sie würde ein Gegenargument finden und sich nicht weg schicken lassen. Erst mit der Zeit fiel ihr das seltsame kleine Lächeln auf dem Gesicht von Jane auf. „Komm mit, ich bringe dich zu ihm", sagte sie und nahm ihren Arm, so als ob sie Amy zeigen müsste, in welchem Zimmer Ty lag.
An der Tür angekommen, wartete sie und sah durch die Glasscheibe. Amy sah sie verwirrt an. Als sie ihren Blick jedoch ins Zimmer schweifen ließ, stockte ihr der Atem. Ty lag zwar genauso wie immer in seinem Bett, aber eine Kleinigkeit hatte sich verändert. Seine Augen waren offen. Er war aufgewacht! Unsicher schaute sie zu Jane, und fragte sie leise: „Darf ich schon zu ihm oder ist das zu viel Aufregung für ihn?" Jane sah sie nur freundlich an und meinte: „Solange du ihm nicht um den Hals fällst und deine Freudenschreie nicht zu laut sind, darfst du gern zu ihm."
Vorsichtig öffnete Amy die Tür und ging grinsend ins Zimmer. Sie ging langsam, denn bisher hatte er sie nicht mitbekommen, und sie wollte ihn nicht erschrecken. Er schien ihre Schritte zu hören, denn plötzlich hob sich sein Blick und er sah sie an.
Etwas an seinem Blick störte sie. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber etwas daran war anders. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie trat an sein Bett, und lächelte auf ihn herunter. Er schaute zu ihr auf, sagte aber, genau wie sie, nichts. Sein Blick war fragend. „Hey Ty", flüsterte Amy. Sie hatte Angst davor, zu laut sprechen und flüsterte weiter: „Du hast mich ganz schön warten lassen." Wieder sagte er nichts, aber Amy erkannte nun die Wahrheit, die in seinem Blick lag: Er erkannte sie nicht.
Plötzlich öffnete sich die Tür. Amy drehte sich um, sie dachte, Lou würde ins Zimmer kommen, aber sie irrte sich. Vor ihr stand Kerry – Ann. Diese beachtete Amy nicht, sondern ging an die andere Seite des Bettes, und griff ohne zu zögern nach Tys Hand.
„Kerry – Ann?", brachte er mühsam hervor.
