„Bitte nicht, Dad. Ich schäme mich," jammerte Laura, als sie zwei Stunden später wieder zu Hause waren von ihrer Einkaufstour in der Winkelgasse. Sie stand vor ihrem Vater, der auf einem Stuhl am Esstisch saß, und stützte sich mit einer Hand auf seinem Bein ab.
„Das ist der Sinn, dieser Strafe, Laura," sagte er unerbittlich und sah sie streng an.
„Aber die ist bestimmt sehr sauer auf mich!" flehte das Kind. „Und wenn ich mich bei ihr entschuldigen will, verwandelt sie mich in einen Käfer... ach nein, vor denen fürchtet sie sich ja..." Laura verzog den Mund bei der Vorstellung, wie sie vor die Frau treten würde, der sie für einen Tag schwarze Zähne beschert hatte.
„Und du hast mir ja schon eins auf den Hintern gehauen dafür," fügte Laura mit Dackelblick hinzu und rieb sich demonstrativ den Hintern. Natürlich beeindruckte das ihren Vater nicht. Er hob nur eine Augenbraue und gab ihr einen strengen Blick, woraufhin Laura seufzte, denn sie wusste, was das hieß. Sie würde sich wohl oder übel entschuldigen müssen. Außerdem hatte er sie dazu verknurrt, dass sie der Frau zwei Tage in dem Laden helfen musste. Das störte sie nicht weiter, aber was, wenn die Frau dann gemein war zu ihr, wegen des Streiches?
Laura dachte an den ereignisreichen Tag zurück und war so glücklich, da sie eine wunderschöne Zeit in der Winkelgasse mit ihrem Vater verbracht hatte. Sie waren sogar noch Eis essen gewesen und sie hatte nun mehrere Fotos von sich und Snape. Ihr Vater hatte sich ungerne fotografieren lassen, und es hatte sie erstaunt, dass er von Laura noch einige hatte anfertigen lassen. Diese standen jetzt zum Teil auf der Kommode und eines hatte Snape auf seinem Nachttisch.
Nur der Zwischenfall mit der Frau im Velenoladen war nicht so erfreulich gewesen. Aber das war nur die Schuld dieser aufgebrezelten Tussie gewesen, die sich an ihren Vater ran gemacht hatte. Aber der blöden Kuh hatte sie die Show ziemlich vermiest! Sie musste lächeln, als sie an die schwarzen Zähne der Frau dachte und an ihren Schrei, als die Käfer um sie herum gekrabbelt waren. Amélie hätte nie so doof reagiert, wie diese Ziege. Amélie war überhaupt ganz anders.
„Darf Emma morgen trotzdem zu mir kommen? Trotz des Streiches, meine ich?" Laura sah ihren Vater fragend an, konnte aber den Schalk in ihren Augen nicht ganz verbergen.
„Hmmm..." sagte Snape nachdenklich. „Ich kann ja Miss Thompson schlecht für deine Unartigkeit bestrafen, oder?" fragte er und sah sie prüfend an.
Laura nickte ernst: „Nein, Dad, sonst müsstest du ihr womöglich noch ein Pack Gummibärchen kaufen."
Ein Lächeln schlich sich in Snapes Mundwinkel.
„Ich geh Milly gute Nacht sagen, Dad," sagte Laura und ging davon Richtung Küche, wo Milly schon auf ihr übliches Abendritual mit dem Mädchen wartete, welches sie immer mehr als genoss. Dann gehörte Laura für ein paar Minuten nur ihr und sie waren sich so nah.
S s s s s s s s s s s s s
Lauras Augen leuchteten, als sie Milly erzählte, was sie sich so ausgedacht hatte, für Snapes Geburtstagsfeier. Sie lag in ihrem Bett und Milly stand daneben. Trotz Lauras ewigen Drängens, sich auf die Bettkannte zu setzen, war es der Elfe immer noch am wohlsten, wenn sie stehen konnte.
Milly hörte aufmerksam zu und es brach ihr fast das Herz, denn sie wusste, dass das, was das Mädchen für ihren Vater alles geplant hatte, wohl bei diesem nicht so gut ankommen würde.
Snape hatte sich zwar im letzten Jahr verändert, sehr sogar, aber er würde so viel Aufmerksamkeit nicht schätzen. Vor allem nicht vor anderen Leuten. Das war einfach zu viel, dachte Milly traurig, während Laura ihr glücklich erzählte, wie sie dann das Licht ausmachen würden und den Kuchen mit Funken sprühenden Kerzen drauf hinein bringen würden.
„Milly?" fragte Laura und setzte sich leicht auf im Bett. Ihr war aufgefallen, wie abwesend und traurig Milly sie ansah.
Milly wich Lauras fragendem Blick aus. Sie atmete tief ein. Natürlich stand es ihr als Hauselfe nicht zu, die Menschen zu kritisieren, aber sie würde es nicht ertragen, wenn Laura enttäuscht werden würde. Wenn Snape nicht so reagieren würde, wie sie es sich wünschte.
„Milly, was ist?" fragte Laura nochmals, als sie sah wie die Hauselfe herumdruckste und nichts raus brachte.
„Was ist los, Milly, findest du die Feier nicht gut? Sag doch bitte," bat sie eindringlich und Milly musste sich sehr überwinden, die Worte über die Lippen zu bringen. Sie schloss die Augen und sprach leise, während sie Lauras Hand nahm.
„Liebe Laura hat sich so wunderschöne Sachen ausgedacht," sagte sie vorsichtig, sah Laura aber nicht an. „Laura ist so ein gutes, liebes Mädchen. Meister Professor Snape würde sich bestimmt freuen. Aber Milly weiß nicht, ob Meister sich freuen wird, wenn andere Menschen hier sind. Meister Professor Snape mag viel Aufmerksamkeit nicht gerne." Milly überkam der große Wunsch, sich dafür den Kopf gegen die Wand zu rammen. Obwohl sie sich bei Snape nie hatte selbst bestrafen müssen, war ihr das scheinbar im Blut.
Sie sah nun vorsichtig zu Laura, die etwas geschockt aussah. Das Mädchen legte sich wieder im Bett hin und sah zur Decke.
Sie hatte sich alles viele Male im Kopf zurecht gelegt. Sie wollte ihrem Dad einen ganz schönen Geburtstag vorbereiten. Er hatte es verdient und bestimmt hatte das schon lange niemand mehr für ihn getan.
Sie wurde einen Moment ärgerlich über Millys Worte, aber sie wusste, das Milly ihr sowas nicht einfach so gesagt hätte, wenn es nicht so wäre.
Wenn sie jetzt ehrlich war, hatte die geliebte Elfe recht. Einen Augenblick war sie über Millys Worte so enttäuscht gewesen, dass sie sie beinahe angekeift hätte.
Milly kannte ihren Vater schon viel länger als sie. Snape mochte es nicht, das Ziel aller Aufmerksamkeit zu sein. Er hielt sich lieber dezent im Hintergrund.
Laura atmete tief aus.
„Es tut Milly so Leid, weil die liebe Laura sich solche Mühe gegeben hat und Milly will sich nicht einmischen. Aber Milly möchte nicht, dass Laura enttäuscht ist." Sie sah Laura so entschuldigend an, dass Laura sich vor beugte, und ihr einen Kuss gab.
Dann sah sie die geliebte Elfe an, die vor Rührung eine Träne weg blinzelte, und nickte: "Du hast Recht, Milly. Ich denke mir wohl besser etwas anderes aus. Etwas weniger Auffälliges, damit mein Dad sich wohl fühlt."
Als Milly gegangen war und auch Snape seiner Tochter gute Nacht gewünscht hatte, lag diese mit offenen Augen im Bett.
Sie war wirklich froh, dass Milly ihr das gesagt hatte. Sie war so gewillt gewesen ein perfektes Fest für ihren Vater zu organisieren, dass sie fast vergessen hatte, für wen dieses Geburtstagsfest eigentlich war.
Wie ihr Vater auf all diese Dinge reagiert hätte, wusste sie nicht, aber sie wusste, dass er es wohl nicht sehr genossen hätte. Und schließlich war es ja sein Fest und es musste ihm gefallen.
Sie hatte sich lange den Kopf zermartert, was sie ihm schenken könnte. Aber erstens hatte sie kein Geld und zweitens konnte er sich alles kaufen, was er wollte. So hatte sie sich entschieden, dass sie einfach ein Fest für ihn organisieren würde als Geschenk. Und all das Essen und Trinken würde sie zusammen mit Milly selber machen. Daran würde er sich bestimmt freuen.
Sie würde auch nur ein paar wenige Gäste einladen. Remus mit Harry, Amélie und die Ludwigs und noch ihren Großvater, Tobias Snape. Das wäre ihrem Dad bestimmt Recht so, dachte sie zufrieden.
Laura drehte sich zur Seite und zog die Beine an. Das Kissen war angenehm kühl und roch so gut nach ihrem Zuhause. Sie lächelte vor sich hin. Morgen würde Emma zu Besuch kommen.
S s s s s s s s
Laura hatte einen unruhigen Schlaf in dieser Nacht. Sie war ein paar Mal aufgewacht und dann wieder halb eingedöst.
Nun kniff sie die Augen zusammen. Sie stand draußen und es regnete. Der Regen rann ihr übers Haar in den Umhang hinein. Nur, was trug sie da für einen seltsamen Umhang? Das war nicht ihrer!
Muggelkleider waren das ganz sicher nicht, aber so etwas hatte sie noch nie getragen.
Es war ziemlich hell, dafür das es mitten in der Nacht war und sie sah zum Vollmond hinauf. Ja, sie wusste, dass bald Vollmond war, aber war er jetzt schon?
Träumte sie oder war sie wach? Irgendwie wusste sie, dass es ein Traum war, aber er fühlte sich so seltsam echt an.
Sie drehte den Kopf, denn sie bemerkte eine Bewegung neben sich. Da stand jemand. Sie sah zu der Person auf. Es war eine Frau. Laura hatte diese Person noch nie gesehen. Sie trug eine Art Haube auf ihrem Kopf. Das schwarze Haar war streng zurück gebungen zu einem Knopf.
Lauras Hand griff automatisch an das Kleid der Frau. Das kam ihr irgendwie bekannt vor. Die fremde Frau sah zu ihr hinunter. Sie hatte kühle Augen. Sie machten ihr Angst. Aber Laura wusste, dass sie zu dieser Frau gehörte.
Laura sah sich um. Sie sah große Gestalten rund um sich und die wenigen anderen Leute, die hier versammelt waren, herum stehen. Wie ein großer Kreis standen die reglosen Gestalten stumm um die kleine Menschengruppe herum. Im Abstand von einigen Metern zu einander. Sie schienen alle zu den Menschen in der Mitte, die alle Zauberer waren, zu sehen.
Seltsame Musik erklang. Musik aus einer oder mehreren Flöten.
Was machten sie hier, Mitten in der Nacht, bei Regen?
Laura hörte einen lauten Schlag, als würde jemand mit einem Beil auf einen Stein schlagen. Sie sah sich erschocken um. Sie sah eine Echse. Blut lief ihr über den Rücken.
Laura blinzelte und merkte, wie sie schwitzte. Sie sah wieder zu der fremden Frau auf. Die Frau starrte in ein dunkles Loch in der Erde. Laura sah auch dort hinein und eine große Trauer überkam sie. Eine verzweifelte Trauer. Und sie fürchtete sich.
Laura wollte weg hier. Sie wollte aufwachen. Wieder sah sie die Gestalten an, die um sie herum standen. Sie fühlte, dass dies ein magischer Ort war.
Waren die großen Gestalten Steine?
Laura schrie.
Schweißgebadet wachte sie auf. Ihr Vater stand neben ihr und sah besorgt auf sie hinunter.
Laura klammerte sich an ihn. Sie würde heute ganz sicher nicht mehr hier alleine in ihrem Zimmer schlafen! Hundert Prozentig nicht! Sie würde lieber die ganze Nacht wach bleiben!
Zähneknirschend erlaubte ihr Snape nach einer längeren Diskussion, dass Milly bei ihr schlafen könne. Sie hatte ihm den Traum nicht erzählen wollen, aber er hatte gespürt, dass es für sie ziemlich schlimm gewesen sein musste.
S s s s s s s s s s s
Am nächsten Tag am späteren Nachmittag saß Severus auf dem Sofa und las in seinem Buch, das er vor längerem mal angefangen hatte zu lesen. Er hörte, wie die beiden Mädchen in Lauras Zimmer redeten und zwischendurch kicherten.
Er hörte nicht genau auf ihre Worte, bis eines seine Aufmerksamkeit erregte. Er war für seine gut ausgeprägten Sinne bekannt. Und sein scharfes Gehör trug ihm die Worte der Kinder bis ins Wohnzimmer. Sie schienen auch die Tür nicht ganz geschlossen zu haben.
„Wäh, also das find ich schon ein bisschen eklig," hörte er Laura sagen und Emma erwiderte etwas, das er nicht verstand.
„Ja, aber man kann ja auch verliebt sein, ohne das zu machen, oder?" fragte Laura und er hörte ihrer Stimme an, dass sie etwas äußerst unangenehm fand.
Nun wurde Severus hellhörig und er fragte sich, was die Kinder da taten. Emma hatte ein Buch dabei gehabt, als sie gekommen war und er bereute es jetzt, dass er nicht darauf geachtet hatte, was für eines es gewesen war.
„Ich glaube am besten verliebe ich mich gar nie," sagte Laura, worauf Snape lächelte. „Das Buch hat dir dein Dad gekauft? Und wieso bewegen sich die Bilder nicht?" wollte Laura wissen, und Emma redete wieder ziemlich leise, dass es auch für Snapes Ohren schwierig wurde. Wieder lachten die Mädchen.
Eigentlich hatte er Laura ja gelehrt, dass man nicht lauschte, aber ihm blieb ja nichts anderes übrig, wenn die Mädchen nicht mal die Tür schlossen.
„Meine Mum findet, ich bin noch zu jung dafür, aber..." hörte er Emma sagen, den Rest des Satzes verstand er nicht.
„Gestern wollte sich eine Frau in meinen Dad verlieben. Der habe ich die Suppe aber gehörig versalzen," sagte Laura stolz. „Die hat sich an meinen Dad ran gemacht, wie eine Maus an den Speck. Sogar auf den Hintern gestarrt hat sie ihm." Er hörte Lauras Stimme an, dass sie sich immer noch darüber ärgerte.
War das wirklich wahr? Hatte die Frau sich für ihn interessiert, fragte er sich erstaunt. Oder hatte Laura sich das eingebildet? Er hatte nichts davon bemerkt. Oder vielleicht hatte er es auch ignoriert, weil ihn die Frau ziemlich genervt hatte. Gab es also Frauen, die an ihm interessiert waren? Die Frau war bestimmt nicht älter gewesen als Amélie. Ob er bei dieser auch noch eine Chance hatte?
Er hatte in den letzten Jahren gar nicht auf Frauen geachtet, so dass er auch nicht wusste, ob sie auf ihn achteten.
Er war so vollkommen anders als die Enkelin von Edward, dass wohl ein Wunder geschehen müsste, dass sie Interesse an ihm bekommen könnte.
Frauen wollten gutaussehende, lockere und lustige Typen, und diese Beschreibung traf auf ihn wohl eher weniger zu. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
Er war so wie er war. Punkt.
Scheinbar hatte Laura ihren Streich erzählt, denn die beiden lachten und Emma fragte: "Da hast du bestimmt ne saftige Strafe kassiert? Dein Dad hat sicher spitz gekriegt, dass du das warst. Dem entgeht ja nie was."
„Ich musste mich bei der blöden Ziege entschuldigen. Das war vielleicht peinlich, aber sie hat mich leben lassen, was mich ehrlich gesagt wundert. Sie war ziemlich sauer...
Ich muss ihr nächste Woche zwei Tage im Laden helfen."
Ja, dachte Severus mit Genugtuung, nervte sich aber über die Ausdrucksweise seiner Tochter. Er hatte es natürlich durchgezogen, dass Laura sich entschuldigen musste und die Frau schien nicht begeistert gewesen zu sein, über die schwarzen Zähne. Aber Laura hatte ihren Charme spielen lassen und die Frau besänftigt. Bei ihrem Dackelblick war es eben sehr schwierig, ihr lange böse zu sein. Die junge Frau war auch sehr froh, dass Laura ihr zwei Tage mit den Viechern helfen würde, die sie so gar nicht mochte.
Dass Laura so vehement gegen die Frau vorgegangen war, hatte Severus erstaunt. Sie hatte jede Annäherung der Frau, die er selbst nicht einmal bemerkt hatte, sofort bekämpft.
Interessant war, dass Laura nichts derartiges bei Amélie versucht hatte. Vielleicht, weil Amélie kein Interesse an ihm hatte, kam Snape der ernüchternde Gedanke.
Er schloss kurz die Augen und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Nein, es war nicht Enttäuschung was er im Moment fühlte! Er hatte sich nie etwas vorgemacht wegen Amélie!
Er horchte dann wieder, was die Kinder sprachen. Er starrte weiterhin auf sein Buch, ohne aber nur einen Satz zu lesen.
„Nein! Das konnte ich nicht zulassen, Emma. Er würde blind werden vor Liebe und nur noch diese Kuh sehen und gar nicht mehr mich. Sie würde ihn den ganzen Tag für sich wollen und ihn zutexten ohne Ende und er würde sie heiraten und ich wäre dann plötzlich im Weg und er... er ist doch mein Dad..."
Falls Laura noch mehr sagte, hörte es Severus nicht, denn ihre Stimme war immer leiser geworden. Er hatte aber gehört, dass Laura sich wirklich Gedanken gemacht hatte und tatsächlich eifersüchtig gewesen war auf diese Frau. Das berührte ihn auf eine seltsame Weise.
Er hatte genug gehört und brauchte etwas frische Luft. Er würde sich für ein Gespräch mit seiner Tochter wappnen müssen.
Er war sich sicher, dass sie Fragen haben würde. Ziemlich unangenehme Fragen, wie er befürchtete.
Er verzog leicht das Gesicht und wollte nach draußen gehen, als er plötzlich eine bekannte Stimme aus dem Kamin hörte.
S s s s s s s s s s s s s s s s
Amélie redete über eine halbe Stunde mit Snape, bis Laura und ihre Freundin bemerkten, dass er Besuch hatte.
Sie kamen gerade die Treppe hinunter, als Laura Amélies Stimme erkannte. Sie wollte eben die Treppe hinunter stürzen zu der jungen Frau, als hörte, wie Snape sagte: "Die Echse war etwa zwei Meter lang. Ich denke sie diente dem Zweck, den Gang zu bewachen."
Laura hielt inne und deutete Emma still zu sein. Sie horchte gespannt, mit einem klein bisschen schlechtem Gewissen, weil sie nicht das erste Mal unerlaubterweise lauschte.
„Aber wohin mag der Gang geführt haben?" hörten die Mädchen Amélie fragen.
Snape überlegte einen Moment und antwortete dann: "Auf einem Stein im Schacht waren die Worte 'Orbis lapideum' eingemeißelt."
„Kreis aus Stein," sagte Amélie erstaunt. „Vielleicht zu einem alten Steinkreis," fügte sie hinzu.
Laura sog die Luft ein. Steinkreis? Sie dachte an ihren seltsamen Traum und ihr wurde ganz heiß.
„Diese Steinkreise sollen starke Energien haben und es werden häufig Rituale darin abgehalten. Meistens von Zauberern aber auch manchmal von etwas durchgeknallten Muggeln," lachte die junge Frau.
Laura setzte sich auf die Treppe. Emma sah auf die nachdenkliche Freundin hinunter und setzte sich leise neben sie.
„Was ist?" flüsterte sie so leise, dass es nur Laura in ihrer unmittelbaren Nähe hören konnte.
Sie starrte einen Moment weiter vor sich hin, winkte dann aber ab und setzte ein Lächeln auf.
Sie stand auf und straffte die Schultern. Zusammen gingen die Mädchen nun weiter die Treppe hinunter, wobei Emma das kleinere Mädchen skeptisch ansah.
„Amélie!" rief Laura erfreut und umarmte die junge Frau glücklich, als sie mit Emma ins Wohnzimmer kam.
„Hallo, Laura, ich hab dir das Buch gebracht," sagte die Besucherin fröhlich und Emma sah sie neugierig an. Was war das bloß für eine Frau? Von der hatte Laura noch gar nicht erzählt. Das konnte unmöglich die Quasselstrippe sein, von der sie vorhin erzählt hatte.
Amélie hätte das Buch natürlich problemlos per Eule schicken können. Seltsamerweise waren ihr aber in den letzten Tagen Snapes schwarze Augen immer wieder in den Sinn gekommen. Seine ruhige, geradlinige Art und seine tiefe Stimme. Das etwas Unheimliche und Verschlossene an ihm fand sie irgendwie spannend.
Und sie hatte das aufgestellte, lustige Kind, welches nun vor ihr stand, vermisst. Deshalb hatte sie sich entschieden, selber vorbei zu kommen.
Natürlich hatte das Grinsen ihrer Großmutter sie genervt, als sie gesagt hatte, sie sei dann mal kurz weg, sie müsse Laura etwas bringen.
Aber ihr tat die Abwechslung im Moment einfach gut. Hier fühlte sie sich… irgendwie willkommen und einfach wohl und sicher. Dieser Ort strahlte eine Sicherheit aus, die sich Amélie nicht erklären konnte. Snapes selbstbewusste Art gab ihr eine seltsame Ruhe.
Sie hatte in den letzten Tagen wirklich gemerkt, dass die Ausrutscher von Julien sie immer mehr kalt ließen. Es war ihr egal, ob er sich den Kopf zudröhnte. Wenn er es brauchte, sollte er doch! Sie hatte sich den Mund genügend fusselig geredet mit Null Erfolg.
Vielleicht war der jüngste Absumpfer ihres Freundes nun nur noch die letzte Bestätigung gewesen, die sie für sich selber gebraucht hatte, um sich einzugestehen, dass sie sich auch gefühlsmäßig von ihm distanziert hatte. Ihr Verstand hatte ihr natürlich das schon lange gesagt. Mit den Gefühlen war das eben immer eine andere Sache. Die waren nicht durch Menschenverstand lenkbar. Und Julien hatte ja auch seine positiven Seiten.
Ja, Severus Snape war so ganz anders als ihre verflossenen Freunde.
Aber – wieso verglich sie denn bloß den strengen Tränkemeister mit ihren Ex-Freunden? Die waren wirklich nicht vergleichbar, allesamt!
Egal, nun war sie hier und sie hatte sich gut mit ihm unterhalten. Mehr nicht!
Laura hatte sich mit ihrer Freundin aufs Sofa gesetzt und sie durchblätterten interessiert das Buch.
Amélie setzte sich dazu und Snape sah zu Milly, die ihn fragte, ob sie etwas zu trinken möchten.
„Für mich bitte einen Kaffee," antwortete Severus und sah seine Besucherin an. „Was möchten Sie, Amélie?"
Lauras Kopf schnellte hoch. Amélie? Seit wann nannte er die Frau denn beim Vornamen? Amélie lächelte und bat Milly um einen Tee.
Snape, der sich auf den Sessel gegenüber gesetzt hatte, beobachtete die Drei. Amélie war so jung und doch so weiblich. Er fragte sich, ob Amélie schon wieder hier aufgetaucht wäre, wenn er keine Laura hätte. War sie auch ein kleines bisschen seinetwegen hier?
„Dad, dürfen wir etwas Süßes?" fragte Laura als sie das Buch fertig hatten. Sie sah ihn hoffnungsvoll an, doch Snape schüttelte den Kopf.
„Nein, Laura, Milly hat bestimmt etwas Gesünderes vorbereitet," sagte er. Er gab ihr einen strengen, vielsagenden Blick, als Laura ihm widersprechen wollte, der sie sofort verstummen ließ.
Sie fragte Emma, ob sie ein bisschen raus gehen wollte und die Mädchen gingen hinaus, wo sie sich vor Lauras Bäumchen hin knieten und die größer werdenden Früchte bestaunten.
Amélie war beeindruckt, wie konsequent Snape immer war mit Laura.
Das war etwas, das sie an ihm schätzte. Er hatte seine klaren Regeln und ein strukturiertes Leben. Er wusste genau, was er wollte und hatte eine ganz klare Linie mit Laura.
Sie fragte sich, ob er auch als Lehrer so streng war, aber eigentlich konnte es gar nicht anders sein, dachte sie.
Wieso er eine Laura, aber keine dazu gehörige Mutter hatte, wusste sie nicht. Sie würde ihn später mal danach fragen.
Sie wusste genau, dass ihr Großvater mit solchen Sachen nicht raus rückte und ihrer Großmutter würde Snape keine solchen privaten Dinge erzählen. Er war nicht der Typ, der über private Angelegenheiten plauderte. Außerdem würde dann ihre Großmutter wieder dieses gewisse Lächeln auf dem Mund haben und sie würde bestimmt sofort denken, dass Amélie an dem Mann interessiert war.
Als die Kinder außer Hörweite waren, fragte Emma sofort nach der Besucherin. Laura lächelte: „Das ist Amélie Dalas oder sowas ähnliches. Sie ist übrigens die Cousine von Steve." Laura rümpfte die Nase und die Mädchen lachten.
„Sie ist aber wirklich ganz nett," fügte sie hinzu und Emma nickte zustimmend.
„Meinst du, sie und dein Dad sind verliebt?" flüsterte sie, denn irgendwie war ihr aufgefallen, dass Snape ungewohnt freundlich war zu der Frau. Sie erkannte den gefürchteten Lehrer kaum wieder. Der konnte sich ja ganz normal unterhalten.
Sie erinnerte sich an den Besuch von Laura und Snape, bei ihnen zu Hause. Da war er so steif und zurückhaltend gewesen wie immer, aber das konnte natürlich auch an ihrer Mutter gelegen haben, die sich so schrecklich aufgeführt hatte.
Laura sah ihre Freundin fragend an und rümpfte die Nase. „Glaub ich kaum," sagte sie nur, war sich aber dabei nicht so ganz sicher. Sie mochte Amélie, aber dass sich ihr Vater für eine junge Frau interessierte, konnte sie sich nicht vorstellen. Amélie war ja auch so ganz anders als er.
„Dein Vater war so nett mit ihr. Und es könnte ja gut sein, dass er wieder eine Frau möchte, oder?" fragte Emma weiter.
Laura gefiel dieser Gedanke irgendwie nicht besonders.
Amélie bemerkte die Blicke, mit der sie das größere Mädchen durch die Scheibe der Glastüre musterte und sie wusste, dass die Kinder über sie sprachen.
Snape sprach ruhig über seinen Beruf als Lehrer in Hogwarts und fragte sie dann, was sie selber beruflich mache. Amélie erzählte, dass sie einen kleinen Kleiderladen besitze und selber Kleider kreiere. Das, welches sie im Moment trage, habe sie auch selber gemacht.
Snape gefiel das Kleid und es passte so gut zu Amélie. Es hatte einige Rüschen und Spitzen und war hell mit kleinen feinen Blümchen. Der Schnitt war sehr verspielt und sie sah einfach hinreißend aus.
Nach einer Weile gingen sie auch in den Garten und spazierten ein wenig herum. Snape zeigte ihr verschiedene Pflanzen und Bäume, die er selber gezogen hatte.
Laura sah ihm an, wie sehr ihm der Besuch von Amélie gefiel und sie wusste selber nicht recht, was sie davon halten sollte.
Sie hatte sehr gemischte Gefühle und war froh, als Emma nach Hause musste. Sie brauchte jetzt Zeit für sich.
S s s s s s s
Emma und Laura würden sich am nächsten Tag für Harrys Party im Fuchsbau treffen. Als sie sich verabschiedet hatten, ging Laura duschen und legte sich dann eine Weile auf ihr Bett um nachzudenken. Sie freute sich auf den Sonntag, denn dann durfte sie zu ihrem Großvater. Snape hatte etwas widerwillig eingewilligt und Laura wusste, dass ihr Großvater sich mindestens genau so darauf freute wie sie selbst.
Ihr sonderbarer Traum geisterte ihr schon den ganzen Tag im Kopf rum und nun, da sie einen Moment ihre Ruhe hatte, versuchte sie sich wieder darauf zu konzentrieren.
Sie sah den Stoff des Kleides der dunklen Frau, die neben ihr gestanden hatte, wieder vor ihren Augen. Irgendwo hatte sie dieses Kleid schon mal gesehen! Aber wo konnte sie sich einfach nicht erinnern. Es war ein komisches Gefühl, so einen realen Traum geträumt zu haben.
Sie hatte Emma davon erzählen wollen, hatte sich dann aber dagegen entschieden. Schließlich war es ja nur ein Traum!
Sie war ziemlich froh gewesen, dass Emma nicht mehr nachgefragt hatte, wegen der Sache auf der Treppe.
Im Pyjama ging sie dann nochmals hinunter ins Wohnzimmer, wo ihr Vater auf dem Sofa saß und einer speziellen Musik horchte.
Als Laura sich zu ihm setzte und sich an seine Seite lehnte, stellte er die Musik mit einem Wink seines Zauberstabes leiser.
Er hatte ein ganz altes Gramophon gefunden auf den Dachboden und ein paar alte Platten. Er würde da oben bald mal räumen müssen, dachte er.
„Dad?" fragte Laura und umschlang den Arm ihres Vaters mit ihren und drückte ihn an sich.
„Muss man unbedingt Sex machen, wenn man Kinder will. Ehmm... gibt es da nicht einen..."
„Zaubertrank?" beendete Snape die Frage und hob eine Augenbraue. Er hatte bemerkt, dass Laura für alle Dinge im Leben einen Zaubertrank wollte.
Laura sah ihn höchst erstaunt an. „Wieso weißt du, was ich sagen wollte?" fragte sie und Snape musste lächeln. Laura fiel auf, dass er das in letzter Zeit öfter getan hatte und sie freute sich darüber. Er war immer viel zu ernst.
„Ich kenne die junge Frau, die neben mir sitzt, per Zufall." sagte er. „Wieso brauchst du für alles einen Zaubertrank?" wollte er wissen.
Laura kratzte sich an der Nase. „Also wenn ich sowas machen muss, dann will ich lieber keine Kinder. Und dann muss das Kind zu alle dem auch wieder da unten raus..."
Laura verzog das Gesicht und als ihr Vater sie fragend ansah, erklärte sie: "Emma hat von ihrem Dad ein Buch bekommen, wo alles über Sex und Kinderkriegen und solche Sachen drin steht. Für den Fall, dass sie sich verlieben würde. Damit sie Bescheid weiß. Du solltest mir vielleicht auch eins kaufen!" Laura lächelte verschmitzt. Sie mochte es, ihren Vater ein wenig zu 'kitzeln' mit diesem Thema, denn sie wusste ja genau, dass ihm das peinlich war.
Snape hob eine Augenbraue. Er stellte sich vor, wie seine Laura wohl in ein paar Jahren über dieses Thema denken würde. Wahrscheinlich käme sie dann aber nicht mehr zu ihm mit ihren Fragen. Es würde ihr dann oberpeinlich sein.
„Wieso? Möchtest du dich verlieben?" fragte er etwas besorgt.
„Natürlich nicht," sagte Laura empört. „Ich habe ja noch nicht mal Brüste!" fügte sie erklärend hinzu und schüttelte leicht den Kopf.
Snape zog die Augenbrauen zusammen. „Das ist also die Voraussetzung, um sich zu verlieben?" fragte Snape amüsiert. Die Logik der Kinder war ihm manchmal einfach zu hoch.
Laura zuckte die Schultern.
„Dad, möchtest du dich denn verlieben? Zum Beispiel in eine Frau, wie die bei Velenos Laden? Oder vielleicht in Amélie?" fragte sie nach einer Weile und drückte seinen Arm wieder fester an sich. Snape dachte an die Unterhaltung, die er vorhin belauscht hatte, zwischen Laura und Emma. Laura schien sich ziemlich zu sorgen, dass er sich verlieben könnte und sie ihm dann nicht mehr so wichtig wäre.
„So etwas kann man nicht planen, Laura.
Wenn es einmal dazu kommen würde, dann bist und bleibst du trotzdem immer mein Kind. Nichts würde sich an meinen Gefühlen zu dir ändern.
Es gäbe aber auch nichts, das du tun könntest, um es zu verhindern. Alle Versuche, mit frechen Unarten und Streichen, wären vergebens und würden dir nur selber schaden."
Laura sah ihn nasenrümpfend an. Snape wollte ihr die Angst nehmen, dass sie je in den Hintergrund rutschen könnte, für ihn. Aber er wollte auch klar stellen, dass er selber über sein Leben entscheiden würde.
Er spürte, wie Laura nickte, denn ihr Kopf lag an seinem Oberarm, den sie immer noch mit ihren Armen umschlossen hatte.
„Amélie ist nett und sie ist keine Tussie," sagte sie und merkte gleich, dass sie ein Wort benutzt hatte, dass ihr Vater wohl nicht so gerne hörte.
Er gab ihr einen mahnenden Klaps aufs Bein und sie vergrub schnell ihr Gesicht in seinem Gewand. „Tschuldigung," murmelte sie.
Warum sie das mit Amélie gesagt hatte, wusste sie nicht, aber wahrscheinlich wollte sie ihrem Vater damit sagen, dass wenn er sich unbedingt verlieben musste, was sie nicht wirklich gutheißen würde, dann wenigstens in eine richtig Frau und nicht in eine… solche wie in Velenos Laden.
„Komm mal her," sagte Snape, denn der Wunsch, Laura an sich zu drücken, war gerade sehr stark.
Er schloss sie in die Arme, was sie sichtlich genoss. Sie saß auf seinem Schoß und drückte ihren Vater an sich.
„Nath hat geschrieben, dass sie es ziemlich krass findet, dass sie zu mir kommen darf," sagte Laura glücklich und strahlte ihren Dad an.
Er hatte ihr erlaubt, ihre Cousine für einen Tag hierher einzuladen, da Laura ein wenig Sehnsucht hatte nach dem Mädchen. Aber nur für einen Tag, hatte er betont.
Ob er es allerdings auch 'krass' fand, einen Tag in seinem Zuhause mit einem Teenager zu verbringen, wusste er nicht so recht. Aber er würde sich wohl bald selber daran gewöhnen müssen, denn lange würde es nicht mehr dauern, bis Laura auch soweit war.
„Dad, ich bin so froh, dass ich dich habe," sagte sie leise, während sie sich wieder an ihn lehnte.
„Ich bin auch froh, dich zu haben," antwortete er und Laura grinste in seinen dunklen Umhang hinein.
Severus drückte sie an sich. Ja, es war gut, dass Laura in seinem Leben aufgetaucht war und es komplett verändert hatte. Gut, dass er ein Kind hatte, das er liebte. Und das ihn die nächsten Jahre auf Trab halten würde.
ENDE
Allen ein riesiges Dankeschön, die meine Geschichte gelesen haben!
Und all denen , die mich mit ihren tollen Reviews belohnt haben, meinen ganz speziellen Dank! Wie sehr mich eure Worte immer gefreut und motiviert haben , kann ich wohl nicht oft genug sagen. DANKE VIEL MAL!
Meiner super tollen Betaleserin scientific ida kann ich gar nicht genug danken! Sie hat fleissig alle Kapitel für mich ( und euch) korrigiert und mich super unterstützt . Ihre Kommentare und Vorschläge waren für mich eine riesige Hilfe! Danke vielmals liebe Ida!
Liebe Grüsse , Sally
