Vielen Dank für die netten Reviews, Polarkatze, Marylein und CaroloveSeverus! Es kommt noch so einiges auf Hermione und auch auf Severus zu. Während sie sich mit seiner Welt auseinandersetzen darf, versucht er verzweifelt seinen Platz wiederzufinden.

Liebe Grüße Gaby

6 Unendlich traurig

Ungeduldig wollte sie den wabernden Nebel beiseite schieben, aber andererseits war das klug? Was sie bisher gesehen hatte, müsste in ihr doch den gegenteiligen Effekt auslösen. In ihr müssten doch eigentlich Fluchtgedanken sein und weniger diese Suche nach mehr Wissen über sein Leben.

Endlich begann der Nebel sich zu lichten und gab somit den Blick frei auf ein kleines Zimmer. Auch hier waren die Möbel eher schlicht und einfach zu nennen. Sie wirkten bewohnt. An vielen Stellen zeigten sich Abnutzungen. Egal wer hier wohnte, er war mit Sicherheit nicht wohlhabend.

Eine junge Frau betrat den Raum. Irgendwie hatte Hermione das Gefühl sie kennen zu müssen. In ihren Zügen entdeckte sie eine Vertrautheit. Sie hatte dunkle, lange Haare, ihre Augenfarbe konnte sie nicht erkennen, aber sie strahlte eine gewisse Traurigkeit aus. Ihre Hände zeigten Spuren von harter Arbeit. Sie war vom Schicksal bestimmt nicht verwöhnt worden.

Hast du deine Hausaufgaben gemacht?"

Sie drehte sich zu ihr um und sprach sie an! Hermione starrte sie an und wollte schon Antwort geben, doch dann trat ein kleiner Junge von hinten an ihr vorbei. Überrascht blickte sie ihn an.

Ich habe heute einen Brief bekommen!" erzählte er der Frau voller Stolz.

Sie haben mich genommen." Er war so glücklich. Liebevoll strich sie ihm durch sein nachtschwarzes Haar.

Oh das ist ja wunderbar mein Schatz!" rief sie entzückt aus.

Was ist wunderbar?"

Erschrocken blickte Hermione hoch. Sie hatte den Mann gar nicht kommen gehört. Aufkeuchend wich sie ein Stück zurück. Vor ihr stand Snape und doch nicht Snape. Das musste sein Vater sein. Sein Sohn sah ihm verblüffend ähnlich. Auch er hatte schwarze Haare, ein fast fahl zu nennendes Aussehen, aber die bezeichnenste Ähnlichkeit waren die Augen.

Sie könnte schwören das Snape die schwarzen, stechenden Augen von seinem Vater geerbt hatte. Denn dessen Blick glich dem seines Sohnes aufs Haar, aber ab da endete die Ähnlichkeit auch.

Ich habe einen Brief aus Hogwarts bekommen. Ich bin aufgenommen." Berichtet der Junge seinem Vater stolz, aber statt Freude zu empfinden verdüsterte sich der Blick von Snapes Vater.

Das findet ihr wunderbar?" stieß er verächtlich hervor.

Du bist ein genauso verdammtes Monstrum wie deine Mutter!" polterte er los.

Konntest du nicht einmal etwas richtig machen? Ein einziges Mal nur? Aber nein, er muss auch so eine gottverdammte, magische Kreatur sein, so eine Missgeburt wie du!" schrie er, sein Zorn nahm mit jedem Wort zu und auch seine Stimme wurde immer lauter. Er wirkte furchterregend auf Hermione.

Tobias bitte er wird doch nur ein Zauberer, so wie ich." Versuchte sie ihren Mann zu beruhigen, erntete dafür aber nur einen verächtlichen Blick. Severus Snape zog sich Schritt für Schritt zurück. Den Brief aus Hogwarts hielt er fest an seine Brust gedrückt, so als könnte ihn dieser schützen. Automatisch stellte Hermione sich vor das Kind wohl wissend, dass das alles längst vergangen war und sie im Grunde nichts tun konnte. Tobias streckte die Hand aus und sah seinen Sohn finster an.

Gib ihn mir!" Wie kalt er klang, fast unmenschlich.

Hermione drehte sich zu Snape um. Da stand ein Junge, kaum elf Jahre alt und bemühte sich tapfer zu sein, dabei sah sie die Angst in seinen Augen.

Nein!" widersprach er fast tonlos. Er wagte es nicht seine Stimme gegen seinen Vater zu erheben.

Was hast du gesagt?" scharf wie ein Peitschenhieb kamen die Worte von Tobias.

Bitte Vater, das ist mein Brief. Bitte!" In seinen Augen sammelten sich Tränen. Tränen der Furcht. Er wusste was kommen würde.

Bring mir den Brief! Sofort!" zischte sein Vater vor Wut kochend.

Zögernd, als wäre der Brief auf seine Brust geklebt, löste er sich von ihm und gab ihn seinem Vater. Kurz überflog er den Brief, dann zerriss er ihn in kleine Stücke und warf ihn fort.

Vergiss diesen Unfug!" fuhr er ihn barsch an, doch sein Sohn beachtete ihn gar nicht. Seine Augen lagen auf den Papierstückchen, die einst sein Brief waren.

Er würde für immer hier bleiben. Nie die Macht der Magie spüren. Vor Schmerz ballte er die Hände zu Fäusten. Er hasste seinen Vater. Er hasste ihn von ganzem Herzen. Wie konnte er das nur tun?

Komm her!" brüllte dieser ihn an.

Grob packte er den Jungen am Kopf und zerrte ihn dicht zu sich heran. Er beugte sich herab zu seinem Sohn, dicht über seinem Gesicht hielt er inne.

Wage es nie wieder mir zu widersprechen!" Bedrohlich prasselten die Worte auf Severus nieder.

Eingeschüchtert sah er hoch zu ihm. Er wirkte wie ein Tier, das in einer Falle gefangen war. Einer tödlichen Falle. Vor Angst brachte er keinen Ton heraus.

Hast du mich verstanden?" Er schüttelte ihn wie eine Ratte durch, ließ ihn dabei nicht eine Sekunde aus den Augen.

Man konnte fast meinen, er genoss diese Macht über seine Familie. Ein Blick auf Snapes Mutter zeigte ihr, dass auch sie Angst hatte und es nicht wagte ihr einziges Kind zu schützen. Was für ein trostloses Bild. Es gab für alle Beteiligten kein Entkommen.

Sie alle waren aneinander gebunden. Der Tyrann und seine Opfer. Warum hat Severus Mutter ihren Sohn nicht gerettet? Aber vielleicht hat sie das getan. Sie hat ihn nach Hogwarts geschickt. Weg von seinem Vater. Weg von der Angst.

Ja Vater! Ich habe dich verstanden."

*

Sie war wieder zurück, nicht mehr länger Teil dieser unendlich traurigen und doch so gewaltsamen Geschichte. Snapes Elternhaus war scheinbar kein Ort der Geborgenheit. Jedenfalls in ihren Augen kein Ort, an dem man sich wünscht ein Kind würde dort aufwachsen.

Mit vor der Brust verschränkten Armen stand das Hologramm da. Ohne ein Wort zu sagen verließ sie Snapes Räume.

Sie kehrte in ihr Zimmer bei ihren Eltern, die sie sehr liebten, zurück und wusste diesen Umstand zum ersten Mal wirklich zu schätzen. Nicht das ihr das nicht schon vorher bewusst war, aber dieses Ereignis hatte ihr deutlich vor Augen geführt wie viel Glück sie gehabt hatte. Man konnte sich nicht aussuchen in was für eine Familie man hineingeboren wurde.

Manchmal hatte man eben Glück, so wie sie, und manchmal hatte man Pech, so wie er. Sie beschloss ihre Mutter zu suchen um bei ihr zu sein.

*

Unentschlossen lag er da. Er hatte keine Lust mehr alleine zu sein. Warum kam sie nicht wieder zurück. Er langweilte sich hier noch zu Tode. Vielleicht konnte er aufstehen? Er mochte keinen blassen Schimmer haben wer er war, aber er wusste witziger, oder eher entsetzlicher Weise banale einfache Dinge. Er wusste wann er Hunger hatte und was er dagegen tun konnte. Er wusste wie man liest und was man mit Büchern machen konnte. Ja er hatte in den letzten Tagen unzählige Zaubertränke neu geschrieben und er war sich tausendprozentig sicher, dass all seine Veränderungen auch tatsächlich funktionierten.

Aber so Kleinigkeiten wie er hieß, wer seine Eltern waren, was er beruflich machte, wer er war - die konnte er nicht beantworten. Frustriert schlug er mit der Faust auf die Decke ein. Er musste etwas tun. Gehen! Dieser Gedanke drängte sich ihm auf. Er wusste eigentlich noch gar nicht ob außer seinem Hals und seiner Stimme ihm noch etwas fehlte.

Zögerlich schlug er die Decke zurück und betrachtete seinen Körper. Nichts! Erleichtert schloss er die Augen. Seine Beine waren unverwundet und auch der Rest seines Körpers wirkte unverletzt. Er starrte auf seine Zehen, wackelte mit ihnen und stellte zu seiner Freude fest, dass das problemlos funktionierte.

Entschlossen schob er seine Beine zur Kante des Bettes. Ein bisschen merkwürdig fühlte sich das für ihn an. Es war so, als hätte er das seit einer Ewigkeit nicht mehr gemacht. Er tastete mit seinen bloßen Füssen nach dem Boden und verlagerte vorsichtig sein Gewicht auf sie. Es war als würden seine Beine aus Pudding bestehen. Wackelig kam er auf die Beine. Schwindel erfasste ihn und rasch stützte er sich am Bett ab.

Die Anstrengung raubte ihm fast seine ganz Kraft und viel schien er davon nicht zu haben. Sich selbst über diese Schwäche verachtend schnaubte er durch die Nase. Er zwang sich, sich aufzurichten und gerade, ohne Halt, zu stehen. Mit zusammengebissenen Zähnen stand er da, der Schweiß brach ihm aus. Jetzt müsste ihm nur noch ein Schritt gelingen.

Ein Schritt und er könnte diesen Ort, wo immer er auch war, verlassen. Er könnte aus eigener Kraft feststellen wo er sich befand. Ob es noch andere Menschen hier gab und vielleicht fand er so etwas über sein Leben heraus.

Das Leben von Severus Snape.