Vielen Dank für die Reviews, Mortianna´s Morgana und Marylein!
Mortianna´s Morgana für Hermione ist es ein ziemlcher Brocken den sie zu schlucken hat. Auf der einen Seite diese Erinnerungen und auf der anderen Severus.
Marylein ganz sein Leben verschweigen können sie ihm nicht, aber vielleicht helfen es besser zu verstehen oder einfach besser damit umzugehen. Durch das er nichts von sich weiß, hat er die Möglichkeit ganz neu zu beginnen, ohne irgendetwas das ihn quält.
Liebe Grüße Gaby
16 Ich lebe
Hermione taumelte. Ihr schwanden die Sinne. Noch nie in ihrem ganzen Leben wurde sie ohnmächtig, doch jetzt klappte sie zusammen. Ihr Geist war schlicht mit allem, was in so kurzer Zeit auf sie eingestürmt war, überfordert. Dankbar tauchte sie ein in die Dunkelheit, die sie mit offenen Armen empfing.
Severus sah alles wie in Zeitlupe. In der einen Sekunde strich sie ihm zaghaft über seine Wange und in der nächsten stürzte sie zu Boden, aber nicht plötzlich, sondern langsam. Er konnte mühelos ihrer Bewegung folgen und schaffte es so ihren Sturz abzubremsen und zu mildern. Noch immer hielt er ihre Hand fest, gleichzeitig hatte er seinen anderen Arm um ihre Taille geschlungen und so ließ er sie sanft zu Boden gleiten. Ein paar wirre Strähnen ihres lockigen, langen Haares hatten sich über ihr Gesicht gelegt. Vorsichtig strich er sie zurück und studierte aufmerksam ihr Gesicht. Er wollte ihr so gerne etwas zurufen um sie aufzuwecken, aber er konnte nicht sprechen.
Verdrossen kniff er die Lippen zusammen. Blieb ihm nur noch eins zu tun. Sanft tätschelte er ihre Wange, bis sie wieder mit den Augenlidern zu flattern anfing. Langsam schlug sie die Augen auf. Ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig. Sie sah ihn an und nahm ihn doch nicht wahr. Sie brauchte noch ein paar Sekunden. Schön langsam sickerte die Erkenntnis, was sich wenige Augenblicke zuvor ereignet hatte, in ihr Bewusstsein. Der Mann, der vor ihr stand, nein eigentlich kniete und dabei immer noch ihre Hand in seiner hielt, war kein Hologramm.
Hatte sie nun doch den Verstand verloren? Es musste so sein, denn sie sah einen toten Menschen lebendig vor sich. Das kam wahrscheinlich von den vielen Erinnerungen und weil sie ständig an ihn dachte und an nichts anderes. Wie sonst sollte sie sich erklären, dass sie ihn atmend und voller Leben vor sich sah.
„Sind sie ein Geist?" stellte sie mit schwacher Stimme fest. „Aber wieso kann ich Sie berühren?" Verwirrt sah sie in sein schmales Gesicht.
Er schüttelte nur stumm seinen Kopf was eine neue Schmerzwelle auslöste. Kurz hatte er seine Kopfschmerzen vergessen, doch nun meldeten sie sich in voller Härte wieder zurück. Gequält verzogen sich seine Gesichtszüge. Mit geschlossenen Augen versuchte er ruhig zu atmen und hoffte so den Schmerz zu vertreiben.
„Was ist? Was fehlt Ihnen?" Da fiel es ihr wieder ein. Er hatte Kopfschmerzen. Eines nach dem anderen. Sprach sie sich selbst gut zu und erhob sich. Immer noch war ihr schwindelig, aber die Situation war auch zu seltsam. Sie nahm aus seinen Vorräten eine kleine Flasche, gab ein paar Tropfen auf einen Löffel und hielt ihn ihm vor den Mund.
„Hier! Danach wird es Ihnen besser gehen!" Gehorsam machte er den Mund auf und schluckte die komisch schmeckende Flüssigkeit auf dem Löffel hinunter. In wenigen Augenblicken waren seine Kopfschmerzen komplett verschwunden. Ungläubig sah er sie an. Doch sie stand mit verschränkten Armen abwehrend vor ihm und betrachtete ihn äußerst misstrauisch.
„Wer sind sie?"
*
Der Tag schleppte sich dahin. Eigentlich sollte sie Severus einen Besuch abstatten und ihm vieles erklären, aber immer wenn sie sich auf den Weg machen wollte kam ihr etwas dazwischen. Nicht das sie diese Ablenkungen nicht begrüßen würde, enthoben sie sie doch so vor einer unangenehmen Unterhaltung. Sie hatte zwar zu Severus Schutz beschlossen ihm nicht die Wahrheit über sich zu erzählen, das heißt sie würde ihn belügen, aber sie tat es nicht gerne und sie war nicht gut darin.
Sie konnte nicht gut lügen. Es könnte durchaus sein, dass er sie durchschaute und dann würde er noch mehr darauf beharren die Wahrheit zu erfahren. Wenn sie einmal damit anfing Teile davon zu erzählen, wie lange würde es wohl dauern bis er ihr auch den Rest entlockt hatte?
Auch wenn er nicht wusste wer er war und keine Ahnung von seinen Fähigkeiten hatte, so war er immer noch er. Ohne Hilfe fand er heraus wie Legilimentik funktionierte und sie war sich ziemlich sicher, dass er auch wusste wie er seinen Geist davor schützen musste. In ihm zu lesen war sowieso unmöglich. Seufzend verband sie eine kleine Schnittwunde die sich ein Schüler beim Quidditchtraining zugezogen hatte. Der Unglückswurm war vom Besen gefallen, dabei dachte sie weiter darüber nach, wie sie vorgehen sollte. Mehrmals formulierte sie im Kopf, wie sie das Gespräch beginnen wollte.
Nicht zuviel sagen, war vermutlich das Klügste. Sie würde ihm einfach beiläufig erzählen wo er geboren war, wie seine Eltern hießen und das diese tot waren. Wenn sie es darauf beruhen ließ, müsste er dann nicht automatisch annehmen, dass er eine ganz normale Kindheit wie so viele andere Kinder hatte?
Sie erinnerte sich als er aus seinen ersten Ferien zurückkam. Es war sein zweites Schuljahr und er noch so klein und viel zu dünn. Ihr fiel auf das er sich so komisch bewegte. Er schlich vorsichtiger als sonst durch die Gänge und immer wenn er dachte es sah keiner hielt mit den Armen seinen Oberkörper umschlungen.
Drei gebrochene Rippen. Er war schlimm verprügelt worden. Er hatte ihr nie verraten wer das getan hatte, aber die Zeichen sprachen dafür, dass ihn sein Vater so zugerichtet hatte. Von diesem Zeitpunkt an wachte sie über ihn, mehr noch als über jedes andere Kind. Sie wollte für ihn da sein und ihn schützen so gut es ging und soweit es in ihrer Macht stand.
*
Schweigend setzte sie sich ihm gegenüber und sah ihn an. Sie widerstand dem Drang ihn erneut zu berühren. Versuchte so zu begreifen was hier passierte.
„Wer sind Sie?" Stellte sie erneut die Frage. Er saß still da und sagte nichts.
„Antworten Sie mir!" flehte sie. Er war er und doch wusste sie genau das war unmöglich.
„Sind Sie Severus Snape?" fragte sie ihn stockend und fürchtete sich zugleich vor seiner Antwort. Er sagte kein Wort, nichts, betrachtete sie nur.
Wie konnte sie ihm diese Frage stellen? Sie wusste doch wer er war? Und wenn sie es nicht wusste wie sollte er sich dann sicher sein?
„Ich habe sie sterben sehen in dieser schäbigen, verdammten Hütte. Sie lagen da, schwer verwundet…" ohne es zu merken tastete sie ihren Hals entlang. In Gedanken sah sie alles wieder vor sich. Eine Träne kullerte über ihr Gesicht.
„Es war so schrecklich still und einsam dort und um uns tobte der Krieg. Ein schrecklicher Krieg. So viele Menschen sind an diesem Tag gestorben. Vielleicht bin ich deshalb so gerne hier. Hier kann ich diesen Schrecken vergessen, nicht das der Tausch unbedingt besser wäre."
Ihr Blick glitt hinüber zu den Phiolen, von denen er ihr eine gegeben hatte. Er streckte seine Hand aus und wischte ihr die Träne fort. Warum dachte sie er wäre tot, wenn er doch vor ihr saß? Törichtes Mädchen! Wahrscheinlich war sie noch ein bisschen verwirrt immerhin war sie vor ein paar Minuten in Ohnmacht gefallen.
Plötzlich traf ihn eine Erkenntnis! Sie war ihn Ohnmacht gefallen, weil sie ihn gesehen hatte! Sie glaubte das wirklich! Sie glaubte er wäre tot! Seine Geste zog ihren Blick wieder auf ihn und das war gut so, denn er wollte ihr zu verstehen geben, dass er verletzt worden war, aber immer noch lebte. Er hatte überlebt!
„Bitte wer sind Sie?" verlangte sie erneut zu wissen. Sie traute ihren Augen nicht, ihn zu sehen reichte ihr nicht, sie brauchte Beweise. Er deutete ihr sitzen zu bleiben und zu warten. So schnell er konnte eilte er in sein Zimmer und holte die kleine Tafel. Stirnrunzelnd sah sie ihm nach und wartete. Er kam zurück und schrieb schon im gehen auf die Tafel. Kaum stand er vor ihr, hielt er sie ihr so vor die Augen, damit sie lesen konnte was da geschrieben stand.
Ich bin Severus Snape. Ich lebe!
Ungläubig schlug sie ihre Hand vor den Mund. In ihrem Gesicht standen tausend Fragen und er wünschte er könnte sie alle beantworten.
„Weiß das wer? Ich meine weiß jemand das sie noch am Leben sind, außer mir?" Schnell wischte er die Tafel ab und ließ die Kreide mit raschenBewegungen darüber gleiten.
Ja! Poppy und Minerva. Stand da zu lesen.
„Sie kennen also die Wahrheit und haben mir nichts gesagt. Sie haben mich angelogen!" Wie schmerzlich ihre Stimme klang. Er hätte sie so gerne irgendwie getröstet, aber er wusste nicht wie.
„Diese Tafel…warum? Was ist mit ihrer Stimme?" Es war schon merkwürdig, das er alles aufschrieb. Auch wenn von seinen Lippen zuweilen, eher zumeist, nur gemeine Dinge kamen, so vermisste sie ihren Klang trotzdem. Wahrscheinlich musste er sich noch schonen. Die Wunde die ihm Nagini zugefügt hatte war schlimm und sehr tief gewesen. Traurig senkte er bei ihrer Frage seinen Kopf. Er würde nie wieder sprechen können. Nie wieder, das haben sie ihm gesagt.
Ich kann nicht mehr sprechen. Traurig standen diese Worte auf der Tafel und rührten Hermione.
„Ist das wahr?" fragte sie leise. Sie legte den Kopf leicht schräg und sah ihn voller Mitgefühl an, was in ihm witzigerweise eine unerklärliche Wut auslöste. Er sah zur Seite, er konnte ihren Blick nicht länger ertragen.
Lassen sie das! Befahl er ihr streng über die Tafel. Er war es wirklich! War alles was sie denken konnte. Plötzlich legte sie den Kopf zwischen ihre Knie und begann leise zu zählen. Besorgt musterte er sie, irgendetwas ging mit ihr vor, das er nicht verstand. Sachte tippte er mit dem Finger auf die Schulter, doch sie hob abwehrend ihre Hand.
„Lassen Sie mir einen Augenblick, Sir. Das war ein bisschen viel auf einmal."
Sir?
Er setzte sich ihr wieder gegenüber und wartete. Sie war so anders als Minerva und Poppy. Die beiden versuchten ihn ständig zu bevormunden und das ging ihm ziemlich auf die Nerven. Sie tat das nicht. Er wollte so vieles von ihr wissen. Nun kannte er schon drei Menschen in seiner kleinen Welt. Schier nach einer Ewigkeit richtete sie sich wieder auf.
„Ich glaube ich werde, dank ihnen, nie wieder normal sein!" meinte sie sarkastisch. Fragend blickte er sie an, aber sie winkte ab. „Das müssen Sie nicht verstehen."
Tief atmete sie noch ein paar mal durch dann hatte sie sich soweit gefasst, dass sie die Wahrheit, die vor ihr saß und auch atmete akzeptieren konnte.
„So und nun erzählen Sie mir einmal wie das gekommen ist!" verlangte sie eine Spur zu streng von ihm.
Ich weiß es nicht! War seine Antwort. Stück für Stück erfuhr sie von ihm die ganze grausame Wahrheit. Nicht nur das er nicht mehr sprechen konnte, so hatte er auch keine Erinnerung mehr von seinem Leben. Hinter ihr chronologisch aufgereiht standen sie, seine Erinnerungen. Sie bräuchte es ihm nur zu sagen und er konnte für sich alleine seine Welt neu entdecken, aber… Sie hatte gesehen wie er quälte, vergewaltigte und mordete. Er tat es auf Befehl. Er tat es um sein Leben zu retten. Er tat es. Sie wandte ihr Gesicht ab. Sie konnte seinen Anblick nicht länger ertragen.
„Ich sollte gehen…" Sie erhob sich. Er fasste nach ihrem Arm. Ihm war ihre Veränderung nicht entgangen. Sie wusste etwas und sie wollte es ihm nicht sagen. Kurz ließ er sie los.
Hilf mir! Schrieb er schnell auf seine Tafel und hoffte sie würde diese Bitte nicht ausschlagen. Sie sollte davon laufen und nie mehr einen Fuß in diesen Raum setzen. Sie sollte vergessen, dass es ihn gab. Sie sollte… Zustimmend nickte sie mit dem Kopf.
„Ich komme morgen wieder…versprochen!" meinte sie leise. Erneut machte sie Anstalten zu gehen, diesmal hielt er sie nicht auf. Neben den Phiolen hielt sie inne und drehte sich noch einmal zu ihm um.
„Ach ja und tun Sie mir einen Gefallen…" Abwartend betrachtete er sie. „Fassen Sie nichts an!" Sie sah die Neugierde in seinen Augen aufblitzen. Sie musste verhindern, dass er dieser erlag. Es war einfach zu gefährlich. Sie trat auf ihn zu.
„Ich werde Ihnen alles erklären was sie wissen wollen. Ich werde wiederkommen, dass verspreche ich Ihnen, aber nur wenn Sie mir versprechen nichts anzufassen, solange ich nicht dabei bin!"
Er rang einen Augenblick mit sich, doch dann gab er nach. Vorerst. Was sie ihm anbot war auch zu verlockend. Er würde endlich alles erfahren was er wissen wollte. Er würde alles über sich erfahren. An der Tür drehte sie sich ein letztes Mal zu ihm um.
„Treffen wir uns morgen hier um dieselbe Zeit?"
Er stand auf gleicher Höhe mit den Phiolen als er zustimmend kurz nickte. Alles was er wissen wollte war zum greifen nahe neben ihm und doch wusste er es nicht. War das falsch oder richtig?
