Vielen Dank für die Reviews, Marylein, Dadevil und Mortianna´s Morgana! Vorerst kommt es noch nicht zu einem Gespräch zwischen Hermione, Severus, Minerva und Poppy. Irgendwie sagt keiner die Wahrheit. ;-)

Liebe Grüße Gaby

17 Wingardium Leviosa

Als sie am nächsten Tag auf das Schloss zuging, war alles so wie immer. Die Vögel sangen in den hohen Bäumen rund um das Schloss, der Kies knirschte wie immer unter ihren Schuhen und die Sonne lachte strahlend vom Himmel. Alles war wie immer und doch…Für sie war es als sähe sie das alles zum ersten Mal. Ihre Welt hatte sich über Nacht, eigentlich schon zuvor, komplett verändert.

Severus Snape lebte also, aber er war irgendwie nicht er. Er hatte keine Ahnung wer er war und er konnte nicht sprechen und was für sie noch schlimmer war – Poppy und Minerva wussten davon und hatten ihr nichts gesagt. Sie ließen sie mit diesen scheußlichen Erinnerungen alleine – sie hatte die Hölle gesehen, denn was ihr die letzte Erinnerung gezeigt hatte, genauso musste sie aussehen - die Hölle. Fest presste sie die Lippen aufeinander. Sie würde weitermachen müssen um Snape helfen zu können, denn wenn sie ihn mit diesen Bildern alleine ließ, schnappte er womöglich endgültig über.

Er war ohne seine Erinnerungen ein völlig anderer Mensch, aber wen verwunderte das?

Seine Welt war nur grauenvoll. Wie viele Erinnerungen hatte sie sich von ihm nun schon angesehen? Und nur eine einzige war ohne Hass, ohne Schrecken, ohne Furcht. Nun wenn er schon seit über drei Monaten ohne seine Vergangenheit lebte, vielleicht hatte er Glück und sie kam nicht zurück? Sie wünschte es ihm. Niemand sollte mit dieser Bürde leben müssen. Er war ein Mörder!

Seufzend stieß sie das schwere Schlossportal auf und trat in das kühle Innere. Heute fühlte sich die Kälte im Innern noch klammer, noch frostiger an als sonst, oder bildete sie sich das nur ein. Minerva erwartete sie am Treppenabsatz und sah ihr freundlich entgegen. Unwillkürlich versteifte Hermione sich. Sie hatte sie belogen. Kein Wort hatte sie gesagt.

„Hermione, mein Kind!" rief sie ihr freundlich entgegen. Hermione musste sich schwer beherrschen um sie nicht anzubrüllen.

„Ich bin kein Kind!" stellte sie kalt richtig und wich ihren Augen aus.

„Natürlich nicht!" kam es ob des schroffen Tons, spröde von der Schulleiterin. „Gehst du wieder in den Kerker?"

Hermione legte den Kopf leicht schräg. „Natürlich! Warum fragst du? Willst du mir vielleicht etwas erzählen?" Sie wollte ihrer einstigen Lehrerin, und wie sie gedacht hatte Freundin, eine Chance geben ihr doch noch die Wahrheit zu sagen.

„Ich…nein, ich habe keine Neuigkeiten für dich!" gespielt verwundert sah sie sie an. Sie war wirklich gut, das musste sie ihr neidlos lassen. Hätte sie die Wahrheit nicht schon längst selbst heraus gefunden, hätte sie Minervas Worte niemals als Lüge enttarnt. Bitter presste sie die Lippen aufeinander und ließ die ältere Frau einfach stehen. Sie hatte ihr nichts mehr zu sagen.

Wütend stapfte sie in den Kerker hinab. Als sie die Tür öffnen wollte, hielt sie kurz inne. Sie hatte keine Ahnung was sie dahinter erwarten würde. Entweder ein schweigender, echter Snape, oder ein redseliger Falscher. Eines war sicher, das Hologramm war im Augenblick mehr Snape, als der Echte. Seufzend stieß sie die Tür auf und sah hinein. Vor ihr stand ein schweigender, vor sich die Hände gefaltet dastehender Snape. Echt oder Hologramm?

„Guten Morgen!" sagte sie vorsichtig und wartete.

„Guten Morgen, Miss Granger!" kam sogleich höflich die Antwort. Also war er das Hologramm. Sie schloss die Tür und trat näher.

„Ich…kann ich sie etwas fragen? Ich bräuchte in einer, sagen wir mal ungewöhnlichen Situation ihren Rat!" Sie sprach für ihn wie immer in Rätseln. Schweigend deutete er ihr am Schreibtisch Platz zu nehmen. Er setzte sich wie üblich ihr gegenüber.

„Erzählen Sie!" forderte er sie auf. Kurz sammelte sie sich, dann begann sie zu sprechen.

„Ein Freund von mir, eigentlich mehr ein Bekannter, wir lernen uns gerade erst so richtig kennen, hat ein großes Problem."

Seine Augenbrauen zogen sich bei ihren Worten finster zusammen, so dass sie stockte.

„Das wird doch jetzt nicht irgendein Liebeskram bei dem sie mich um Rat fragen, oder?"

Verdutzt zuckte sie zurück. „Werden Sie nicht lächerlich, bei so was würde ich sie niemals um Rat fragen. Ehrlich sie wären bestimmt der Letzte an den ich mich, wenn es um Liebesdinge geht, wenden würde!"

Wie kam er nur auf so was? „Mein Bekannter hatte einen schrecklichen Unfall, bei dem er gerade noch so mit dem Leben davon kam, aber seit dem kann er weder sprechen, noch sich an irgendetwas aus seinem Leben erinnern. Er weiß praktisch gar nichts." Erzählte sie weiter.

„Nun ist es so, dass in seinem Leben viele schlimme Dinge passiert sind. Ich selber steige da erst langsam durch…Meine Frage ist nun, soll ich ihm die Wahrheit über sich sagen? Aber würde die Wahrheit ihn nicht…"

„Den Verstand rauben?" schlug er vor, da ihr die Worte fehlten. „Da ich nicht weiß wie schlimm seine Vergangenheit war, oder in was für einer Verfassung ihr Freund sich zurzeit befindet, kann ich das nicht sagen, aber es wäre eine logische Schlussfolgerung."

Hermione senkte den Kopf und dachte an gestern. Wie er war. So unbedarft. So anders. „Er ist im Augenblick, da er sich an nichts erinnern kann, so gar nicht wie sonst. Fremd fast."

Beinahe hätte sie „freundlich" gesagt. In der Tat war der gestrige Severus Snape freundlich zu ihr gewesen. Er war ein ganz anderer Mensch ohne seine Erinnerungen.

„Nun wenn Sie meinen Rat hören wollen und das wollen Sie, sonst hätten sie mich nicht darum gebeten, würde ich vorschlagen ihn so langsam und so schonend wie möglich mit seinem Leben vertraut machen. Zuviel auf einmal kann schwere, irreparable Schäden verursachen."

Das hatte sie sich fast gedacht, aber es von ihm bestätigt zu bekommen, gab ihren Überlegungen noch mehr Gewicht. Was bedeutete sie würde ihn langsam an sein Leben gewöhnen müssen. Noch eine Bürde, mit der sie zurecht kommen musste. Auf der einen Seite das Leben des Severus Snape und auf der anderen der noch lebendige, aber völlig fremde Snape und sie konnte mit niemandem darüber sprechen, außer mit einem Hologramm. Ihre Welt war nicht mehr das was sie sein sollte.

Stumm nickte sie ihm zu und begab sich zu den Phiolen. „Lassen Sie uns hier weitermachen! Welche jetzt?"

Schweigend deutete er auf eine direkt über ihr. Ebenso schweigend nahm sie sie in die Hand und schüttete den Inhalt ins Becken. Zögernd stand sie vorne übergebeugt da. Sie hatte Angst. Merklich langsam tauchte sie mit geschlossenen Augen ein.

*

Ich krieg dich!" rief eine lachende Stimme und sie sah in diese Richtung. Severus lief über eine Wiese. Er lief. Aber das war nicht das Schockierende, nein was sie wirklich schockte, er verfolgte ein Mädchen. Ihr langes, rotes Haar wehte hinter ihr her und immer wieder drehte sie den Kopf zu ihm um und lächelte ihm zu.

Du bekommst mich nie! Ich bin schnell wie der Wind. Wie ein Reh!" Sie streckte die Arme in den Himmel so als könnte sie fliegen und rannte so schnell sie konnte weiter. Beide waren schon etwas außer Atem, doch keiner dachte daran aufzugeben. Das Mädchen lief auf den verbotenen Wald zu und verschwand zwischen den ersten Bäumen.

LILY NEIN!" schrie er leicht panisch. Dieser Wald war alt und sehr gefährlich, aber nicht wegen der Kreaturen, die in ihm hausten, sondern wegen der Magier die sich dort herumtrieben. Anhänger von Voldemort. Lachend blieb sie stehen.

Mach dir nicht immer so viele Sorgen, Severus! Das ist nur ein Wald, was soll mir da schon passieren?"

Keuchend schloss er zu ihr auf. „Du hast keine Ahnung welche Gefahren hier lauern. Bitte, lass uns gehen!" stieß er eindringlich hervor und fasste sie am Ellbogen um sie mit sich zu ziehen. Doch sie stemmte sich dagegen.

Sieh nur!" Sie zeigte nach oben in den Himmel. Zwischen den Baumkronen brach das Sonnenlicht durch. Es wirkte magisch und verzaubert, so wie der ganze Wald.

Hier ist nichts Böses. Nur wir sind hier. Lass uns den Tag genießen und denk nicht immer so viel nach!" bat sie ihn eindringlich und sah ihm dabei tief in die Augen.

Er konnte gar nicht anders als ihr zu folgen, sie war sein Leben. Stumm ging er neben ihr her durch den Wald sah sie vor Entzücken stehen bleiben, weil vor ihr ein Kaninchen Klee zupfte, oder ein Eichhörnchen mit einem Zapfen im Geäst verschwand. Sie war ein Wesen, das sich an kleinen Dingen erfreuen konnte und darum liebte er sie. Er hatte diese Fähigkeit schon lange verlernt, wobei er sich nicht einmal sicher war, ob er sie jemals besessen hatte.

Er sah zuerst die schrecklichen Dinge die passieren konnte, alles andere nahm er schon gar nicht mehr wahr. Manchmal hatte er das Gefühl zwischen seinem immer währenden Abgrund und seiner Rettung stand einzig sie. Er beugte sich herab zu ihr und wollte sie küssen, doch sie wich zurück.

Können wir…Wir sollten zurückgehen." Schlug sie vor und lief schon los. Sie liebte ihn einfach nicht. Sie hatte ihn als Freund gern, er war klug und wusste viele Dinge, aber mehr war da einfach nicht.

Gedemütigt schlich er hinter ihr her.

*

Hermione tauchte wieder auf und sah noch einen Augenblick bekümmert auf die spiegelnde Oberfläche. Noch immer wirbelten die silbernen Fäden der Erinnerung im Becken herum, aber sie begannen bereits zu verblassen und verschwinden.

„Keine Freunde, keine Liebe, nichts! Nur der Tod!" sinnierte sie laut vor sich hin und drehte sich zu ihm um.

Aber es war nicht das Hologramm das hinter ihr stand, diesmal war es der Echte und fragend zogen sich seine Augenbrauen bei ihren Worten zusammen. Sie hob abwehrend die Hand.

„Vergessen Sie´s! Wie geht es ihnen heute?" Lenkte sie vom Thema ab. Er zuckte als Antwort mit den Achseln. Wie ging es ihm heute? Besser seit er den Raum betreten hatte und dabei sie, in einer für ihn merkwürdigen Position, entdeckte. Sie würde ihm als erstes beibringen mit seinem Leben zurecht zu kommen und ihn dann schön langsam an seine Vergangenheit heranführen, auch wenn sie dazu keine Lust verspürte.

Alles was seine Welt betraf war schrecklich und zehrte an ihren Kräften und doch kam sie jeden Tag wieder, sah sich weiter sein Leben an. Vielleicht war sie irgendwie abartig veranlagt? Unschlüssig zuckte sie mit den Achseln und wandte sich dem primären Problem zu – Severus Snape.

„Wo haben Sie ihren Zauberstab?" fragte sie ihn und erntete dafür einen ratlosen Blick. Sie holte ihren aus der Tasche und hielt ihn ihm vor die Augen.

„Ich meine so einen Stab!" Erkenntnis huschte über seine Züge und schnell machte er sich auf den Weg ihn zu holen. Er kam mit dem Zauberstab zurück und richtete ihn unbewusst auf Hermione. Schnell drückte sie seine Hand zur Seite.

„Zielen Sie niemals auf einen Menschen, außer Sie wollen es! Sie haben keine Ahnung welchen Schaden sie damit anrichten können!" fuhr sie ihn grob an.

Verdutzt blickte er auf sie. Auf einmal wurden seine schwarzen Augen noch um eine Nuance dunkler. Er wurde wütend. Unerklärlich wütend. Finster blickte er sie an, doch unerschrocken hielt sie seinem Blick stand. Er konnte ihr im Moment herzlich wenig tun, da er keine Ahnung hatte wie.

„Lassen Sie das, wenn sie etwas lernen wollen! Ich werde mich nicht von Ihnen einschüchtern lassen!" meinte sie beherrscht, aber ihr Herz schlug ihr dabei bis zum Hals. Früher hätte sie es nie gewagt ihm die Stirn zu bieten. Auch wenn sie wusste er war zurzeit etwas hilflos, so war er noch immer er. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus und entspannte sich kaum merklich. Hermione spürte die Veränderung und auch sie wurde wieder etwas lockerer.

„Gut! Dann können wir beginnen! Sie müssen im Geiste meine Worte wiederholen. Es kann vielleicht etwas dauern, aber sie können Magie bewirken, ohne dabei laut sprechen zu müssen. Zumindest konnten Sie es vor ihrem Unfall!"

Warum nannte es eigentlich jeder Unfall? Er wurde scheinbar von einem riesigen Biest von Schlange angefallen und das absichtlich! Hermione legte eine weiße Daunenfeder vor ihm auf den Tisch. Mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete er diese und war sich dabei nicht ganz sicher was er davon halten sollte.

„Sprechen Sie mir nach Wingardium Leviosa und dabei schwingen Sie den Zauberstab so!" Sie demonstrierte es ihm und er konnte es kaum fassen, die kleine Feder schwebte in der Luft.

„Sehen Sie so geht das. Und nun sind Sie dran!" Hermione hatte unbewusst einen belehrenden Tonfall angenommen. Jenen Ton, den Harry und Ron früher so an ihr gehasst haben und den nun Severus mit ihnen teilte. Er konnte ihn auch nicht ausstehen. Genervt sah er sie an. Er wollte etwas Vernünftiges lernen und nicht wie man Federn, die wenn sie noch an einem Vogel hingen das von Haus aus konnten, fliegen ließ. Hermione blickte abwartend auf ihn.

„Na los! Versuchen Sie es!" spornte sie ihn an, aber er dachte gar nicht daran. Das war albern! „Sie wollen also nicht! Bockig wie ein Dreijähriger!" rutschte es ihr heraus, ehe sie es verhindern konnte. Warum musste sie auch in diesem Moment an die Erinnerung mit seiner Mutter denken? Er wurde wieder wütend und wollte schon davon stapfen. Er hatte genug für heute.

„Warten Sie! Es tut mir leid!" rief sie hinter ihm her. „Das mag alles für Sie sehr langweilig sein, aber so fängt es nun mal an und irgendwo müssen wir beginnen. Bitte! Versuchen Sie es – es kann nicht schaden. Bitte!"

Unschlüssig blieb er stehen, dann gab er sich einen Ruck und kam wieder zurück. Er stellte sich so hin wie er es von Hermione gesehen hatte und konzentrierte sich auf die Feder. Sanft und gefühlvoll schwang er den Zauberstab über der Feder, er war ein Naturtalent das wusste Hermione, und dachte dabei an die Worte die Hermione ihm gesagt hatte. Zuerst passierte nichts, die Feder blieb liegen wo sie war, aber sein Ehrgeiz war erwacht. Er probierte es noch einmal und noch einmal. Bei dem zwanzigsten, oder fünfundzwanzigsten Versuch, er hatte aufgehört zu zählen, begann sich die Feder leicht zu regen, noch erhob sie sich nicht. Erneut versuchte er es und dann plötzlich schwebte sie für eine halbe Sekunde in der Luft, ehe sie wieder sanft auf den Tisch zurück fiel.

Übermütig vor Freude lächelte er Hermione an. Er freute sich wie ein kleiner Junge, er hatte es geschafft. Verblüfft starrte Hermione zurück. Sie hatte ihn bisher noch nie lächeln sehen und nun strahlte er regelrecht und das veränderte sein ganzes Gesicht.