Vielen Dank für die Kommentare, Lena5972 und Mortianna´s Morgana!

Lena5972 ich glaube, für Severus ist das die Schlimmste von all seinen Erinnerungen. Er hätte für Lily alles getan und dann hat es nicht gerreicht.

Mortianna´s Morgana ich gehe davon aus, dass er doch bis zu diesem Zeitpunkt einige Dinge getan hat, oder haben muss als Todesser, die ihn in Dumbleores Augen nicht gerade sympatisch machen und Dumbledore ist kein Narr der leichtfertig jedem glaubt der daher kommt.

Liebe Grüße Gaby

26 Umsonst

Und wartete umsonst.

Als er endlich kam, war sein Gesicht bleich und um seinen Mund lag ein angespannter Zug. Es war Nacht, doch ein klarer Mond stand am Himmel und tauchte alles in ein geheimnisvolles Licht. Und ließ ihn das alles sehen. „Es tut mir leid!" sagte er, als er vor ihm stand, doch in seiner Stimmer lag kein Mitgefühl. Severus wandte sich ab. Niemand sollte sehen, was er fühlte. Er war am Ende. Unbewusst stieß er heftig die Luft aus. „Wir kamen zu spät. Er war bereits dort gewesen. James…, dann Lily." erzählte Dumbledore tonlos. Severus Augen füllten sich mit Tränen. NEIN! Nicht sie! Alles nur nicht sie! Dachte er. Wusste er bisher wirklich was Schmerz war? Kannte er überhaupt die wahre Bedeutung dieses Wortes? Heute Nacht spürte er wahren Schmerz. Unerträgliches Leid. Er musste schwer an sich halten, um nicht erneut auf die Knie zu fallen. Ohne es zu merken oder sich dessen überhaupt bewusst zu sein, zückte er seinen Zauberstab. Er schloss die Augen, wollte nichts mehr sehen. Wollte, dass es aufhörte, wehzutun. Diese Welt hatte ihm nichts mehr zu bieten. Er wollte ihr entfliehen. Er ertrug es nicht. „Nein!" bellte Dumbledore ihn von hinten streng an. „Alles – du erinnerst dich? Ich habe dein Wort und ich werde dich davon nicht entbinden!" Er legte seine Hand auf den Arm, in dem Severus den Zauberstab krampfhaft in der Faust festhielt und umklammert ihn eisern. „Sie brauchen mich nicht mehr. Er ist tot, das Mal… ich fühle ihn nicht mehr." Er spürte bittere Galle in sich aufsteigen. Er hatte Angst, sich gleich übergeben zu müssen. „Der Junge hat überlebt." fügte Dumbledore leise an, seine Stimme war sanfter geworden, fast so, als spräche er zu einem Kind. „Was aus ihm geworden ist, kann ich nicht sagen, doch für den Fall… Alles!" Dumbledore forderte von ihm seinen Lohn und hinderte ihn so daran, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er sah nicht, dass in jener Nacht ein Teil von Severus Snape mit Lily starb.

*

Bleich tauchte Hermione aus dem Becken auf. Sie war den Tränen nahe. Ohne das Hologramm anzublicken, verließ sie mit einem knappen: „Gute Nacht." den Raum. Vor der Tür lehnte sie sich gegen die kalte Steinwand und ließ sich zu Boden gleiten. Solange war es ihr gelungen, ihre Selbstbeherrschung zu wahren. Hemmungslos erlaubte sie nun den Tränen zu fließen, hielt sie nicht länger zurück. Die Welt war ein schlimmer Ort des Schmerzes, der Trauer und des Elends. Sie legte ihr Gesicht auf die Knie und weinte solange, bis keine Tränen mehr kamen. Und das sollte sie ihm zurückgeben? Das konnte keiner von ihr verlangen. Wie alt mochte er damals wohl gewesen sein? Er war so alt, wie James und Lily, also so um die zwanzig. Eigentlich zu jung, um soviel Last auf seinen Schultern zu tragen.

Er wollte sterben – sie hatte es in seinen Augen gesehen. In seiner ganzen Haltung spiegelte sich dieser Wunsch wieder. Er sah keinen Grund mehr, noch länger zu leben, aber Dumbledore hatte ihn gezwungen. Er musste weiterleben. Es lag nicht in Dumbledores Natur, ein Leben leichtfertig zu opfern oder dass er zuließ, dass jemand seinem Leben einfach ein Ende setzte. In jener Nacht mochte er Severus nicht, was nicht weiter verwunderlich war. Er hatte gerade zwei seiner Freunde verloren und Severus war maßgeblich daran beteiligt gewesen, auch wenn er im letzten Moment alles dafür tat, um dieses Schicksal abzuwenden. Nur hatte es leider nichts genutzt. Hermione wischte sich die letzten Tränen vom Gesicht und kam schwankend wieder auf die Beine. Daran, dass es ihr nun so schlecht ging, war sie ganz alleine Schuld. Warum war sie auch hergekommen? Sie hätte nur auf ihrem Zimmer bleiben müssen und das wäre ihr erspart geblieben, aber nein. Sie musste hierher kommen und sich weiteres Leid antun. Seit sie damals das Schloss betreten hatte, um sein Erbe anzunehmen, seit dem befand sie sich auf einer Reise, ohne die Möglichkeit umzukehren. Dafür war es schon lange zu spät. Das Hologramm hatte sie damals gewarnt und sie, dumme Kuh, hatte die Warnung in den Wind geschlagen. Mühsam kämpfte sie sich die Stufen nach oben. Schweigend und ohne von ihr gesehen oder gehört zu werden, folgte ihr ein nachdenklicher Schatten.

*

Ruhe. Es war wieder Ruhe eingekehrt. Scheinbar war Hermione wieder gegangen. Was wollte sie um diese Uhrzeit hier? Und mit wem hatte sie sich unterhalten? Wollte er die Antworten tatsächlich wissen? Eigentlich nicht. Er wollte Antworten auf seine Fragen. Wollte wissen, warum es ihm jetzt so schlecht ging. Warum er den Gedanken an sie, Lily, nicht mehr loswurde. „Sie haben sie sehr gemocht!" Hermione wusste mehr, als sie ihm verraten hatte. Er hatte sie nicht einfach nur gemocht. Er hatte sie geliebt. Bereits als er das dachte, wusste er, dass es wahr war. Alles in ihm war wie eine einzige große, entzündete Wunde.

Ich sehe mir deine Hölle an! Das hatte Hermione gedacht, als sie ihm von seinen Erinnerungen erzählte. Er spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und er gleichzeitig keine Luft mehr bekam. Er musste hier raus. Er brauchte den freien Himmel über sich, sonst würde er ersticken. Keine Minute länger ertrug er die Enge des Raumes. Vorsichtig befeuchtete er mit der Zungenspitze seine trockenen Lippen. Konnte er es wagen? Er hatte Minerva sein Wort gegeben. Es war Nacht. Niemand war um diese Zeit vermutlich im Schloss unterwegs. Er war bestimmt ganz alleine und er würde vorsichtig sein. Nur einmal. Nur dieses eine Mal. Mit klopfendem Herzen schlich er zur Tür und öffnete sie einen kleinen Spalt. Draußen war es still und niemand war zu sehen. Leise zog er hinter sich die Tür zu und ging, sich immer wieder umblickend, den Gang entlang. Er war nervös und aufgekratzt und das waren gute Gefühle, besser als die, die ihn in seinem Zimmer gequält und gepeinigt hatten. Der Weg nach oben erschien ihm so endlos, so weit. Er kannte bisher nicht viel von seiner Welt. Eigentlich nur zwei Räume, wenn er das Bad nicht mitzählte und nun… Er hatte das Ende der Treppe erreicht und stand in einer riesigen Halle mit mächtigen Säulen. Andächtig durchschritt er sie und vergaß dabei vollkommen, dass er vorsichtig sein wollte. Er sah nach oben an die Decke. Sie war unendlich weit oben. Schließlich erreichte er eine große, massive Tür. Er öffnete sie, trat hindurch und blieb überwältigt stehen. Kühl schlug ihm der Nachtwind entgegen und machte ihn atemlos. Wie sehr er all das vermisst hatte. Er schloss die Augen und spürte den Wind auf seinem Gesicht. Er mochte alles vergessen haben, aber das nicht. Er breitete die Arme aus und machte einen Schritt nach vorne. Nie wieder! Und wenn er sich wie ein Nachtgespenst aus seinen Räumen stehlen musste. Niemand würde ihn noch einmal einsperren. Er betrat den kiesgesäumten Weg und folgte ihm in die Dunkelheit. So konnte er sicher sein, dass ihn keiner sah. Er würde die Nacht draußen verbringen.

Schlaf? Wer brauchte schon Schlaf? Er hatte für sein Empfinden schon zu lange geschlafen. Plötzlich fing er an zu laufen. So schnell er konnte. Nach wenigen Metern brach er fast zusammen. Solch einer Anstrengung war er nicht gewachsen. Noch nicht! Aber er würde von nun an jeden Tag trainieren. Erschöpft ließ er sich ins feuchte Gras fallen. Hier zeigte ihm sein Körper seine Grenzen. Das bisschen Hin- und Herlaufen in seinen Räumen strengte ihn kaum noch an. Er fühlte sich fit. Doch hier... Soweit war er noch nie gegangen. Vermutlich vor seinem Unfall schon, aber bewusst erinnern konnte er sich nur an das Hier und Jetzt. Hier und jetzt! Das war alles, was zählte. Er hatte nichts anderes. Schwer atmend sah er zurück zum Schloss. Hinter einigen Fenstern brannte noch Licht. Welches wohl ihres war? Was würde sie von ihm denken, wenn sie ihn so sehen könnte? Vermutlich würde sie mit ihm schimpfen und ihn notfalls mit Gewalt in seine Kammer zurückschleppen. Gut, dass sie ihn nicht sah! Ein Grinsen legte sich um seine Züge. Und sie würde es nie erfahren, weil er es ihr nicht erzählen würde. Hermione Granger, was für ein seltsamer Name, was für ein außergewöhnlicher Mensch.

*

Er war am nächsten Morgen einer der Ersten, der auf den Beinen war. Er wollte mit ihr, bevor die Anderen kamen, in Ruhe reden. Nein. Er wollte sie zur Rede stellen. Keine Ausflüchte mehr. Er wollte die Wahrheit wissen. Sie hatte geweint. Sie hatte ausgesehen, als läge unermessliches Leid auf ihr. Das konnte er… Er konnte doch nicht einfach zusehen, wenn es ihr schlecht ging. Ungeduldig setzte er sich in einen der bequemen Sessel und wartete. Draußen vor den Fenstern hatte gerade der Tag begonnen. Die ersten Sonnenstrahlen kämpften um ihre Vorherrschaft und vertrieben schön langsam die letzten Schatten der Nacht. Müde seufzte er. Er hatte nicht gut geschlafen. Die Sorge um sie hatte ihn wach gehalten. Leise Schritte näherten sich ihm und blieben kurz vor ihm erschrocken stehen. „Was machst du hier?" stirnrunzelnd betrachtete sie ihn. Er erwiderte ruhig ihren Blick. „Ich habe auf dich gewartet." sagte er schlicht. „Setz dich einen Augenblick zu mir, bevor die Anderen kommen." Er wirkte so ernst, so erwachsen auf sie. Er wirkte, als wüsste er etwas. Widerwillig nahm sie Platz. Sie hatte letzte Nacht kaum ein Auge zugetan. Was sie gesehen hatte, schmerzte sie immer noch. „Ich beobachte dich." begann er und fing sich so einen neugierigen Blick von ihr ein. „Du verbirgst etwas und ich mache mir Sorgen um dich. Letzte Nacht…" Hermione schnappte heftig nach Luft. „Ich war dort. Unten vor Snapes ehemaligem Büro." offenbarte er ihr, um dann zu schweigen. Nun war es an ihr, sich ihm anzuvertrauen oder ihn anzulügen. „Harry, ich…" Sie würde es ihm so gerne erzählen, aber sie wusste nicht, ob es richtig war. Sie senkte ihren Kopf. „Gib mir etwas Zeit. Es ist nicht mein Geheimnis, das ich hüte." Harry runzelte die Stirn. Sie sprach in Rätseln. „Du bist neben Ron der Mensch, dem ich am meisten vertraue. Was immer es ist, du kannst es mir sagen, wenn du es möchtest." bot er ihr an. Hermione entspannte sich sichtlich. Auch sie vertraute niemandem mehr, wie ihm oder Ron. „So, du bist mir also gestern gefolgt, ohne dabei über deine eigenen Füße zu stolpern?" zog sie ihn auf und zwang sich zu einem Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte. Harry sah es, spielte aber ihr zu Liebe mit.

*

Im großen Speisesaal herrschte der übliche Tumult. Minerva schloss ihre Augen und genoss den Klang. Tausende Stimmen von Kindern und Jugendlichen mischten sich mit denen von den Erwachsenen und das Ganze mischte sich somit zu einem einheitlichen Stimmenbrei zusammen. Es gefiel ihr. Wie sehr hatte sie das vermisst. Sie warf ihren Kollegen einen freundlichen Blick zu und nickte höflich lächelnd einigen bekannten Gesichtern zu. Kurz blieb ihr Blick auf Hermione haften. Sie schien schlecht geschlafen zu haben. Es wurde ihr zu viel. Seufzend grübelte sie darüber nach, wie sie ihr am besten helfen konnte. Sie würde noch einmal mit ihr reden und sehen, was sie für sie tun konnte. Dicht an ihrer Seite ging Harry und sah sie immer dann, wenn es keiner merkte, besorgt an. Harry Potter war ein sehr aufmerksamer junger Mann. Ihm entging so schnell nichts. Ohne diese Eigenschaft hätte er vermutlich nicht überlebt, auch wenn er manchmal die falschen Schlüsse daraus gezogen hatte. Überhaupt gegen Severus Snape. Wie würde er auf diese Neuigkeit reagieren? Seufzend wandte sie sich wieder ihrem Frühstück zu. Später würde sie sich damit auseinandersetzen, doch vorerst genoss sie einfach diesen ersten Schultag. Sie nahm sich vor, es ihnen heute Nachmittag zu sagen. Sie würde sie alle hier zusammenrufen und ihnen sagen, dass Severus noch lebte und dann konnte er endlich heraus. Sie dachte nicht, dass sie ihn noch allzu lange unten festhalten konnten. Eine neue Idee keimte in ihr auf. Vielleicht? Sie würde es ihm vorschlagen. Warum eigentlich nicht? Es wäre für ihn der beste Weg, so viel wie möglich zu erfahren. Und da er noch nicht wusste, wer er wirklich war, dürfte das kein so großes Problem sein. Wenn er sich erinnerte, dann… ja dann wäre er mit absoluter Sicherheit stocksauer, doch dieses Risiko war sie bereit einzugehen, wenn er ihrem Vorschlag zustimmte. Sie musste nur gut auf ihn Acht geben. Er war immerhin vorher Lehrer hier gewesen. Gedankenverloren tippte sie sich mit dem Zeigerfinger auf die Lippen.