Vielen Dank für die netten Reviews und lieben Worte, Larah und Tinschen!

Liebe Grüße Gaby

32 Bilder

Vorsichtig lugte er um die Ecke. Er fühlte sich in diesem riesigen Schloss immer noch nicht wohl, außerdem hasste er es, wie ihn alle hier anstarrten. Die Halle war leer. Scheinbar waren alle beim Frühstück. Dort wollte er auch hin. Das müsste eigentlich leicht zu finden sein, einfach dem Lärm nach. Severus richtete sich gerade auf und marschierte los. Er öffnete die Tür aus dem der Lärm kam und trat ein. Einen kurzen Moment hielt er inne, zögerte er. Was würde passieren? Würde er wieder alle Gespräche zum Verstummen bringen? Würden ihn wieder alle anstarren? Zuerst passierte gar nichts. Niemand nahm Notiz von ihm. Also lief er los. Oben auf dem Podest entdeckte er Minerva und die restlichen Lehrer. Dort war ein Platz frei. Noch immer schien ihn niemand entdeckt zu haben. Alle waren zu sehr mit Essen oder anderen Dingen beschäftigt. Doch dann begann es wieder. Zunehmend wurde es ruhiger um ihn, so als würde er mit jedem Schritt einen Schalter betätigen, der Stille über den Raum brachte.

Es war tatsächlich ein weiter Weg. Fest biss er die Zähne zusammen und bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Er hatte nichts getan, nur überlebt, irgendwie. Mit großen Schritten eilte er auf den Lehrertisch zu, er wollte es einfach hinter sich bringen. Minerva erhob sich und sah ihm entgegen. „Guten Morgen, Severus! Schön, dass Du hier bist!", sagte sie laut, sobald er den Tisch erreicht hatte. Die Aufregung um sein Erscheinen legte sich nach und nach wieder und die Schüler nahmen ihre zuvor unterbrochenen Gespräche wieder auf. Erleichtert ausatmend nahm Severus dies zur Kenntnis. Er war keine Monstrosität und hasste es, wenn man ihn so anstarrte. Unter halb geschlossenen Lidern ließ er seinen Blick durch die Reihen schweifen und entdeckte Hermione an einen der Tische. Sie sah ihn an. Neben ihr saß Harry auch er blickte zu ihm hoch. Auf der anderen Seite saß der Junge mit den roten Haaren. Gerade erhob er sich, das Gesicht verächtlich verzogen und verließ den Raum.

Dieser Junge hasste ihn, aus einem ihn unerfindlichen Grund. Schön das alle hier mehr über einen wussten als man selbst. Doch plötzlich ereignete sich etwas, was alles andere in den Hintergrund treten ließ. Severus blieb vor Staunen beinahe der Mund offen stehen. Die Morgenpost kam. Hunderte von Eulen schwebten in den Raum. Manche hatten Briefe bei sich, andere brachten die Zeitung und einige wenige schleppten sich mühsam an schweren Pakten ab. Eine besonders schöne Eule landete vor Minervas Teller und brachte ihr einen versiegelten Brief. Sie nahm in der Eule ab und gab ihr ihre Belohnung dafür. Sie ahnte bereits, woher er kam und nach dem sie ihn geöffnet und gelesen hatte, wurde dies zur Bestätigung. „Sie kommen!", rief sie freudig aus. Alle anwesenden Lehrer betrachteten sie neugierig. „Die Bilder! Sie kommen endlich wieder zurück." Minerva war ganz aufgeregt. Endlich würde auch der letzte Rest, der noch fehlte an seinen Platz zurückkehren.

*

„Wie kann er es wagen, dieser miese Bastard?", zischte Ron verächtlich, erhob sich und verließ den Raum. Bekümmert sahen ihm Harry und Hermione nach. „Lasst ihn. Er braucht einfach noch ein bisschen Zeit bis er sich daran gewöhnt hat.", meinte Ginny, aber auch in ihrem Gesicht stand Besorgnis. Ihr Bruder hatte sich sehr verändert. „Vielleicht müsste er Snape so sehen, wie ich ihn gestern kennen gelernt habe.", sagte er leise zu Hermione, doch diese schüttelte verneinend ihren Kopf. „Ich denke nicht, dass das so eine gute Idee wäre. Der Hass hat ihn momentan blind gemacht. Egal was Du ihm zeigst, er wird nicht dasselbe wie Du sehen.", erwiderte sie gepresst. Es machte sie traurig, dass Ron so leidet. Jetzt noch mehr, seit Severus von den Toten auferstanden war. Irgendwie nahm er das persönlich. „Ich werde zu ihm gehen und versuchen mit ihm zu reden.", schlug Harry vor und erhob sich. „Es gibt so viele Menschen, die ich jeden Tag schmerzlich vermisse und ich weiß euch geht es da nicht anders. Snape dafür zu hassen wird daran nichts ändern. Vielleicht kann ich ihm das klar machen?" Hermione und Ginny sahen ihm hinterher und hofften, dass er Glück hatte.

*

„Begleitest Du mich nach dem Frühstück in mein Büro?", fragte sie Severus bittend. Neugierig runzelte er die Stirn. „Ich denke es wird endlich Zeit Dir jemanden vorzustellen", meinte sie geheimnisvoll. So beendete er rasch sein Frühstück. Er hatte sowieso nicht viel Hunger. Der Appetit war ihm spätestens als er den Raum betreten hatte vergangen. Er folgte Minerva in ihr Büro. Ein riesiges, aber noch verpacktes Bild lehnte dort an ihrem Schreibtisch. Daraus waren gedämpfte Unmutslaute zu hören.

„Tja er ist wie immer", meinte sie mit einem kleinen Grinsen im Gesicht. Hauselfen eilten herbei und befreiten das Bild von seiner Verpackung. Anschließend hängten sie es zurück an seinen Platz. Die Figur auf dem Bild rückte sich die Brille gerade und strich sich die anschließend die Robe glatt.

„Danke Minerva. Es wurde auch Zeit, dass ich an meinen Platz zurückkehre. Ah Severus, schön dich zu sehen." Wohlwollend ruhte der Blick des alten Schulleiters auf den Beiden. Durch das Feuer im Schloss hatten einige Bilder Schaden genommen, auch das von Dumbledore und mussten restauriert werden. Minerva war froh ihn wieder hier zu haben, aber Severus stand einfach wie gebannt da. Endlich bekam er den Menschen zu Gesicht, dessen Leben er genommen hatte. Er war ihm fremd und dennoch stellte sich sogleich eine alte Vertrautheit zu ihm ein. Sein Anblick löste eine wahre Flut von Bildern in seinem Geist aus. Er sah diesen Mann auf einem Turm stehen. Dem Astronomieturm, er erkannte ihn wieder und dann stürzte er in die Tiefe.

Severus schloss die Augen und sah noch mehr. Alle Bilder wechselten sich in einer raschen Folge ab. Wie bei einem Film der auf schnellen Vorlauf läuft, oder besser gesagt zurück. Er sah, wie sich dieser Mann in einem kreisrunden Saal schützend vor ihn stellte. Es sah aus wie bei einer Verhandlung. Ein windgepeitschter Hügel bei Nacht kam als Nächstes. Sie standen dort und hielten sich die Hände. Ihre Gesichter waren ernst und feierlich. Es schien als hätten sie einen Pakt geschlossen, aber es ging schon weiter. Sein Geist ließ ihn nicht verharren, gab ihm keine Zeit sich gründlich umzusehen, das musste er sich für später aufheben. Er sah diesen Mann auf sich zukommen und zu sich herabbeugen. Also war er da wahrscheinlich noch ein Kind. Er stellte sich ihm vor und nahm ihn mit. Eine wahre Explosion an Bildern war über ihn hereingebrochen und dann war es plötzlich wieder vorbei. Severus öffnete die Augen. Er wusste aus dem, was er gesehen hatte, dass er diesen Mann vor sich schon sehr lange kannte.

Wie unter Zwang trat Severus näher, die Hand ausgestreckt, als wollte er ihn berühren. Das war also der Mann, den er getötet hatte? Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er mochte diesen Mann, mit ihm verband ihn eine tiefe, lange Freundschaft.

*

Endlich hatte er ihn eingeholt. Sie hatten heute in der ersten Stunde Kräuterkunde mit Mrs. Sproud. Ron hatte sich bereits auf dem Weg zu ihren Gewächshäusern befunden.

„He warte!", rief er ihm leicht außer Atem zu, doch Ron ging unbeirrbar weiter.

„Weißt Du man könnte meinen alle hätten nur auf seine Rückkehr gewartet", schimpfte er los. „Er ist ein verdammter Todesser!" Heftig schwang er bei den Worten zu Harry rum. Harry machte auf seinen Freund einen Schritt zu.

„Darum geht's doch gar nicht."

„Nein?" Fragend blickte Ron ihn an.

„Nein", erwiderte Harry fest. „Es geht darum, dass Du wütend bist, weil er lebt und dein Bruder tot ist. Dafür gibst Du ihm die Schuld, aber das ist nicht richtig", redete er beruhigend auf ihn ein, aber das brachte Ron nur noch mehr auf. Es war als hätte Harry mit seinen Worten Öl ins Feuer gegossen.

„Du hast verdammt noch mal keine Ahnung!", brüllte er Harry an. „Du denkst bestimmt der dumme Ron versteht mal wieder gar nichts, aber du irrst dich!" Schön langsam wurde auch Harry wütend. Ron war so stur und uneinsichtig.

„Dann sag mir, was los ist!", schrie er zurück, doch da kamen bereits die anderen Schüler und machten ein weiteres Gespräch unmöglich.

„Wir klären das später", zischte er Ron noch zornig zu, ehe er den Schülern ins Gewächshaus folgte. Grimmig nickte dieser hinter ihn und mache sich ebenfalls auf den Weg zum Unterricht. Hermione hatte, dass Ganze aus sicherer Entfernung beobachtete. Sie hatte überlegt, ob es helfen würde, wenn sie näher kam und sich einmischte, es aber dann gelassen. Weder Ron noch Harry würden es ihr danken. Außerdem hatte sie mit Severus schon genug zu tun, fand sie zumindest.

*

Minerva rückte ihm einen Stuhl zurecht. Sie hatte das Gefühl er würde gleich zusammenklappen. Das Porträt von Albus Dumbeldore setzte ihm ziemlich zu.

„Kannst Du dich an etwas erinnern?", fragte sie ihn leise. Schwach nickte er mit dem Kopf. Es waren nur Bilder, aber es war ein Anfang. Doch viel mehr interessierte ihn der Mann vor ihm. Die funkelnden Augen hinter der Brille mit den Halbmondgläsern zeugten von einem Wissen und einer Intelligenz, aber auch von einer Härte, die ihn das Leben gelernt hatte. Er hatte so viele Fragen an diesen Mann, und ohne dass er etwas sagen, musste, bekam er Antworten.

„Mein Freund, wir sind einen langen Weg zusammengegangen, nur das letzte Stück musstest Du alleine bewältigen, doch am Ende haben wir gesiegt." Lächelnd zwinkerte Albus ihm zu und genau das war es. Egal was noch kam, sie hatten gewonnen.

„Voldemort hat Dir ziemlich zugesetzt, aber das war zu erwarten. Er war schon immer ein schlechter Verlierer, aber das soll uns nicht länger bekümmern. Viel wichtiger ist jetzt, wie es hier mit der Schule weitergeht und natürlich mit den einzelnen Menschen, die hier leben und einer davon bist Du. Hast Du dir schon überlegt, was Du machen möchtest, wo Du nicht mehr länger für Voldemort spionieren musst?" Was sollte er mit seinem Leben anfangen? Er hatte keine Ahnung. Eigentlich hatte er schon genug damit zu tun im Hier und jetzt zurecht zu kommen.

„Alle Gefahren sind vorüber. Es kann endlich Frieden einkehren in Hogwarts. Sicher wird es immer wieder Abtründige geben. Jede Zeit hatte ihre großen Feinde. Nur ich denke mir es müsste schon sehr viel schief gehen, wenn die magische Welt noch so ein Monster wie es Voldemort war, hervorbringen würde."

*

Später nach dem Gespräch mit Dumbeldore lief er alleine durch das Schloss. Er achtete darauf in möglichst abgelegene Bereiche des Schlosses zu bleiben. Er wollte niemanden sehen, sondern für sich alleine all die neuen Eindrücke und Erinnerungen. All die Bilder, die auf ihn eingestürmt waren, noch einmal für sich durchgehen. Es war als hätte jemand in seinem Kopf eine Tür aufgestoßen und rausgekommen waren diese unterschiedlichen Begegnungen mit Dumbledore. Er achtete diesen Mann wie keinen Anderen auf dieser Welt, aber das war nicht immer so gewesen.

Einst als Kind liebte er ihn wie einen Vater, dann verachtete er ihn. Es gab sogar eine Zeit, wo er ihn fürchtete, geblieben war eine tiefe Freundschaft, die sie miteinander immer noch verband, auch wenn sie sich und da war, er sich sicher, auch ohne das er sich an alles erinnern musste, nicht immer einer Meinung waren. Dieser Tag schürte in ihm die Hoffnung, dass er auch bald den Rest seines Lebens zurück bekam. Severus blieb stehen und holte tief Luft. Einmal noch. Einmal konnte er es doch noch versuchen. Er öffnete den Mund und probierte, doch wieder drang kein Laut über seine Lippen. Verdammt! Aber er würde nicht aufgeben. Eines Tages das schwor er sich, eines Tages bekam er seine Stimme zurück.

Nie wieder sprechen zu können, so stellte er sich seine Zukunft auf jeden Fall nicht vor. Plötzlich kam ihm noch ein Gedanke. Wenn Dumbeldore so viele Erinnerungen in ihm auslösen konnte, müssten dann seine eigenen Erinnerungen, die er unten im Kerker gespeichert hatte, nicht die gleiche Wirkung zeigen? Schnell eilte er hinab in den Kerker und blieb erst direkt vor dem Denkarium stehen. Es sind keine schönen Erinnerungen, das wusste er. Er würde Dinge über sich sehen, hässliche Dinge, aber das musste er einfach riskieren. Severus schluckte, dann gab er sich einen Ruck und nahm wahllos eine der Phiolen, schüttete den Inhalt ins Denkarium und wie sogleich feine Silberfäden darin herumschwammen. Beherzt tauchte er ein, in ein Stück von seiner alten Welt.

*

Dunkelheit. Das war alles, was er sehen konnte. Das war nicht einfach die Schwärze der Nacht, das war absolute Finsternis. Er war an einem Ort gelandet, wo es kein Licht gab.

„Erinnerst Du dich, warum ich dich hier herbringen ließ?", fragte eine kalte unmenschliche Stimme.

„Ja mein Gebieter!", antwortete eine andere, ihm vertraute Stimme. Das war seine Stimme. Furcht bemächtigte sich Severus. Was hier gleich geschah, würde schlimm für ihn werden, das wusste er mit absoluter Sicherheit. Schuppen kratzen über Stein und in der Ferne hörte man das Wasser rauschen. Plötzlich flammte Licht auf und warf bizarre Schatten in den kleinen in Stein gehauenen Raum. Er sah sich selbst in einer Ecke kauern. Verwahrlost, abgemagert, ausgezehrt, die Lippen waren ihm aufgesprungen und die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Es kostete ihn viel Kraft den Kopf vom Licht abzuwenden, es schmerzte ihn wie tausend lange war er schon hier? Dann sah er den anderen – Voldemort.

Er trug ein blütenweißes Gewand und war barfuß. Erschrocken wich er einen Schritt zurück. Eine riesige Phyton schlängelte sich über den Boden. Das musste das Biest sein, das versucht hatte, ihn umzubringen. Voldemorts Fackel warf das Licht, er beugte sich hinab zu Severus und leuchtete ihm damit mitten ins Gesicht.

„Sag mir, hast Du mich verraten?" Er wollte seine Hand heben und sie zwischen das Licht und seine Augen schieben, aber ihm fehlte die Kraft dazu. Ein stechender Schmerz in der Hüfte entlockte ihm einen heißeren Schrei. Voldemort hatte ihn dort mit seinem Zauberstab berührt. Vor seinen Augen baumelte ein kleines Fläschchen.

„Darin befindet sich ein tödliches Gift", offenbarte ihm Voldemort. „Ein letztes Mal noch. Bist Du der Verräter?"

„Nein, mein Gebieter" Seine Stimme klang gebrochen. Er war am Ende und der Tod längst nicht mehr die schlimmste Strafe.

„Ich möchte Dir glauben, deshalb bekommst Du noch eine Chance." Das Licht erlosch und der Raum war wieder in Finsternis getaucht. Man hatte ihn rausgezehrt aus der Finsternis und in einen anderen Raum gebracht. Unsanft hatten sie ihn auf einen Stuhl gesetzt. Da saß er völlig apathisch und hielt noch immer die kleine Flasche fest in seiner Hand.

„Trink es und ich glaube Dir!" Voldemort zischte ihm scharf die Worte zu. Ohne zu zögern, öffnete er die Flasche und trank sie in einem Zug leer. Es gelang ihm noch die Flasche von den Lippen zu nehmen, dann sank er leblos in sich zusammen. Severus musste seinen eigenen Tod mit ansehen. Voller Entsetzten wich Severus zurück und tauchte aus dem Denkarium auf.

„Nein!"