Vielen Dank für die lieben Reviews, Tinschchen und Lena5972! Sorry, dass es solange dauert bis ein neues Kapitel kommt, aber ich habe gerade im RL zu meinem Leidwesen sehr viel Stress.

Liebe Grüße Gaby

33 Treuebeweis

Voller Entsetzten klammerte er sich an das Becken. Was er gesehen hatte, erschütterte ihn zutiefst. Der Mann der im Grunde er war Unterschied sich komplett von ihm. Er erkannte sich selbst kaum wieder. Er hatte den Hass und die Kälte in seinem Blick gesehen und auch das Verlangen sterben zu wollen. Wie leicht er das Gift getrunken hatte. Was war er vorher nur für ein Mensch gewesen? Hermione und Minerva hatten ihm längst nicht alles gesagt. Unwillkürlich musste er daran denken wie oft Hermione von hier völlig verstört Geflüchtete war und warum? Weil sie sein Leben gesehen hatte.

Fest presste er die Lippen aufeinander. Wer zur Hölle war er wirklich? Er hatte so ein Gefühl, dass er mit dem Menschen der er vor seinem beinahe Tod war und dem der er heute war nicht mehr viel gemeinsam hatte. Zum Unterschied von seinem damaligen Ich wollte er heute leben. Er wollte diese Welt kennenlernen. Er liebte den Geschmack und den Geruch von allem das ihn umgab. Diese Welt, das wusste er, hatte unglaublich viel zu bieten und schien förmlich auf ihn zu warten, aber er konnte sich erst wirklich darauf einlassen, wenn er wusste, wer er war. Dieser Severus, den er in der Erinnerung sah, dieser wollte er auf keinen Fall mehr sein. Er schloss die Augen und versuchte so zu einer Entscheidung zu kommen, aber hatte er überhaupt eine Wahl?

Mit zitternden Fingern langte er nach der nächsten Phiole. Ehrfurchtsvoll betrachtete er sie. Dieses kleine Ding hatte die Macht seine Welt, wie er sie jetzt kannte, für immer zu verändern. Wollte er das wirklich? Langsam öffnete er sie und schüttete den Inhalt ins Becken. Für einen Moment lang betrachtete er die weißen, wabernden Fäden wie sie unschuldig im Denkarium schwammen. Unentschlossen näherte er sich mit dem Gesicht, um einzutauchen, doch da pochte es an die Tür.

*

Warum war er hier? Er wusste es nicht, oder vielleicht doch? All die Jahre, seit er hier mit der Schule begonnen hatte, hatte er nur Verachtung und Ablehnung, ja sogar Hass von ihm erfahren, doch, seit er nicht mehr wusste, wer er zuvor gewesen war, war alles anders. Darum war er hier. Severus war seine Verbindung zu seiner Vergangenheit. Er hatte seine Mutter gekannt. Er hatte seine Mutter wirklich geliebt, auch wenn er es nicht mehr wusste. Zum ersten Mal in all den Jahren behandelte er ihn wie einen Menschen, fast so, wie jemanden den er mochte. „Dir ist schon klar, wenn er wieder weiß, wer er ist, wird er dich wie zuvor wie Dreck behandeln." Sagte ihm seine spöttische Stimme im Kopf. Vielleicht auch nicht, wenn er mich richtig kennenlernt und sieht, wie ich wirklich bin, vielleicht …

„Mag er dich dann? Willst du das damit sagen? Mach dich doch nicht lächerlich! Er wird dich hochkantig aus seinem Leben werfen, das wird passieren!" Nun dieses Risiko muss ich wohl eingehen. Entschlossenheit machte sich in Harrys Gesicht breit. So leicht würde er diese zweite Chance, die ihm das Leben so unverhofft zugeschmissen hat, nicht aufgeben. Es konnte sein, und das war mehr als wahrscheinlich, dass Snape sobald er aus seiner Vergangenheit wieder alles wusste mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte, aber es konnte auch ganz anders laufen. Nun stand er vor seiner Tür, hob die Hand und klopfte an. Beinahe genauso laut klopfte dabei sein Herz.

*

Sie hatte einen stillen Ort gefunden. Die Bibliothek. Heute erlaubte sie sich diesen Luxus und blieb für sich alleine. Nur sie und ihre Bücher. Die forderten nichts, stellten keine Fragen an sie und wurden von ihr auch nicht enttäuscht. Doch egal wie sehr sie es versuchte, kein Text mochte sie zu fesseln, noch konnte sie sich auf die Gesichte die ihr das Buch zu erzählen versuchte konzentrieren. Immerzu kreisten ihre Gedanken um Severus Erinnerungen. Er hatte so viel erleiden müssen, so viel Ertragen, mehr als ein Mensch sollte. Selbst sie litt darunter, obwohl es nicht ihr Leben war. Es tat ihr einfach in der Seele weh, was Menschen einander antun konnten und wofür?

Für die Gier nach Macht. Dafür opferten sie andere oder die eigene Menschlichkeit, obwohl sie stark bezweifelte, dass Voldemort Letzteres je besessen hatte. Er war so unmenschlich gewesen. Wie hatte Severus das nur all die Jahre ertragen? Nun sie kannte die Antwort. Für Lily hatte er alles auf sich genommen. Das war Liebe. Ob sie jemals das Glück erleben würde, dass ein Mann sie so sehr liebte, wie Severus Lily geliebt hatte? Schade, dass Lily es nie erfahren hatte. Aber vielleicht war es auch besser so. Lily und James waren füreinander bestimmt gewesen, das Schicksal hatte so entschieden, dadurch gab es Harry. Hätten die Beiden nicht zueinandergefunden, wäre ihre Welt vermutlich noch immer ein Ort der Dunkelheit, denn für Lily stellte sich Severus gegen Voldemort. Hätte er das auch getan, wenn sie nicht in Gefahr gewesen wäre? Durch ihren tot wuchs sein Hass gegen die Bestie Voldemort und er wurde ein verlässlicher Verbündeter im Kampf gegen ihn.

Nur mal angenommen, Lily hätte sich trotz Severus Todesserambitionen für ihn entschieden. Sie wäre niemals in die Schusslinie von Voldemort geraten, da sie niemals James geheiratet hätte und somit Harry niemals das Licht der Welt erblickt hätte. Doch so hatte Voldemort mit dem Angriff auf Lily seinen Untergang besiegelt, auch wenn er beinahe 18 Jahre auf sich warten ließ. Sie wünschte sich für Severus, dass er seine zweite Chance die er so unerwartet erhalten hatte, zu nutzen wusste. Vielleicht gelang es ihm, wo er doch alles vergessen hatte, ein neues besseres Leben zu beginnen. So wie er jetzt war, mochte Hermione ihn. Er war zwar manchmal noch immer ein klein wenig brummelig und wurde schnell wütend, von seiner Ungeduld ganz zu schweigen und doch war er anders, freundlicher, offener gegenüber seinen Mitmenschen. Seufzend brachte sie das Buch zurück an seinen Platz. Sie würde sich ja doch heute nicht darauf konzentrieren können. Besser sie gab ihrem Verlangen nach und ging hinab in den Kerker. Sie dachte die ganze Zeit sowieso nur an ihn und sein Leben.

*

Als er die Tür öffnete, hätte er ihn nicht erwartet. Nun eigentlich hatte er, außer Hermione, niemanden erwartet. Sie war die Einzige, die sich regelmäßig hier aufhielt. Er machte einen Schritt zurück und ließ ihn ein.

„Guten Abend, Professor!", murmelte Harry leise und trat ein. Unsicher sah er sich um. Wie sollte er seine Anwesenheit erklären, doch plötzlich lenkte ihn das Denkarium ab. Er sah selbst auf diese Entfernung, dass darin Erinnerungen herumschwammen. Er wandte sich zu Snape um und sah ihn fragend an.

„Halten Sie das für klug?" Severus Miene verfinsterte sich. Klug? Vermutlich nicht, aber er hatte doch keine andere Wahl. Für ihn war es die einzige Möglichkeit sein Leben vielleicht doch noch zurück zu bekommen.

„Schon gut, es ist ihre Entscheidung!" Abwehrend hob Harry die Hände, bei Severus finsterem Gesichtsausdruck. Severus trat wieder an das Denkarium heran und blickte hinein. Es war seine Entscheidung und er musste es tun. Fragend sah er auf Harry. Er hätte ihn gerne dabei, vielleicht verstand er besser, was da geschah. Irritiert blickte Harry zurück. Was wollte Snape? Dieser deutete auf das Denkarium und dann auf ihn.

„Möchten Sie das ich es mir ansehe?", fragte er zögernd. Zustimmend nickte Severus. Harry trat an seine Seite und gemeinsam tauchten sie in eine längst vergangene Zeit ein.

*

Er war wieder wach. Nur wo war er? Dunkel begann er sich zu erinnern. Voldemort hatte ihn gezwungen Gift zu trinken, als Beweis seiner Treue. Dieser Narr, als könnte er das nicht voraussehen. Schon vor langer, langer Zeit hatte er begonnen sich gegen dieses Gift immun zu machen, natürlich blieb ein Restrisiko. Voldemort hätte die Dosis so hoch ansetzten können, dass es ihn tatsächlich umbrachte, aber das war ihm schlicht egal.

„Ich habe dir das Gegengift gegeben", ertönte hinter ihm eine vertraute Stimme. „Das hat noch niemand für mich getan. Du wärst als Treuebeweis für mich gestorben." Hörte er so etwas wie Achtung aus Voldemorts Stimme.

Gleichgültig schob er diesen Gedanken beiseite. Viel wichtiger war, was dieser jetzt mit ihm vorhatte und wo er sich bei Merlin befand. Er leckte sich über die trockenen Lippen und richtete sich mühsam auf. Seine Arme und Beine, sein ganzer Körper schmerzte ihn und fühlte sich unsäglich schwer an. Das waren die Nachwirkungen von dem Gift. Damit würde er die nächsten Tage leben müssen, aber auch das war ihm egal. Harry und Severus betrachteten voller Entsetzten die Szene vor sich. Keiner der beiden hatte geahnt, wie schlimm es um Severus damals wirklich stand. Tief holte Severus Luft.

„Ich lebe also noch?", fragte er gelassen, fast gleichmütig, genauso empfand er es. Auf Voldemort wirkten die Worte wie ein Peitschenhieb. Gab es tatsächlich, außer ihm noch jemand, der so war wie er? Genauso kalt?

„Überrascht dich das?" Gespannt wartete Voldemort auf seine Antwort, dabei schlich er neugierig um ihn herum. Er hatte Severus in die heulende Hütte gebracht. Von hier aus hatte er es nicht weit zurück nach Hogwarts. Gleichmütig zuckte Severus mit den Schultern. Es wäre vermutlich klüger etwas mehr Demut und Respekt zu zeigen, aber gerade jetzt fühlte er sich dazu außerstande.

„Danke", er mühte sich ab dieses Wort über die Lippen zu bringen, doch am liebsten wäre er diesem Monster an die Gurgel gesprungen. Voldemort neigte leicht sein Haupt, er wusste, er war großmütig gewesen, gut, wenn das seine Untergebenen zu schätzen wussten.

„Nachdem du dich erholt hast, habe ich einen Auftrag für dich", eröffnete ihm Voldemort. Severus spürte, wie er sich anspannte, das konnte nichts Gutes bedeuten. Was wollte diese Missgeburt nun schon wieder von ihm? „Ich möchte, dass du den jungen Malfoy unter deine Fittiche nimmst und ihn zu einem von uns machst. Ich denke, er braucht noch etwas Entwicklung in die richtige Richtung, es mangelt ihm noch an der richtigen Einstellung. Sein Vater hat, wie sooft, versagt." Wie emotionslos Voldemort klang.

Man könnte meinen er spräche nicht über einen Menschen, sondern über irgendein Ding. Severus mochte den jungen Malfoy nicht, er war genauso arrogant und dumm wie sein Vater. Er glaubte, was er natürlich von Lucius eingeimpft bekam, der Name Malfoy reichte aus um etwas Besseres zu sein und mit diesem stumpfsinnigen Jungen sollte er seine kostbare Freizeit verbringen. Im letzten Moment gelang es ihm ein verächtliches Schnauben noch zu unterdrücken. Reichte es nicht, dass er ihn während des Unterrichts ertragen musste? Jetzt sollte er ihm auch noch etwas fürs Leben beibringen? Krampfhaft bemühte er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, Voldemort sollte nicht merken, was er von seinen Ideen hielt.

Warum hatte er ihn nicht einfach tot sein lassen können? Dieser Mistkerl hatte ihn nur zurückgeholt, um ihn weiter quälen zu können. Schwerfällig kam Severus auf die Beine. Letztendlich hatte er es doch geschafft, sein Gesicht wirkte wie versteinert. Nichts mehr war von seinen Gedanken und Gefühlen darauf zu erkennen. Dabei musste er die Zähne fest aufeinander beißen, um nicht vor Schmerzen laut aufzustöhnen. Hass flackerte in seinem Blick auf und er musste seine Augen senken. Voldemort wäre das bestimmt nicht entgangen.

„Geh nach Hause. Ruh dich aus. Ich habe noch viel mit dir vor." Voldemort rieb sich zufrieden seine Hände und verschwand. Er überließ Severus sich selbst. Wie sollte er nur den weiten Weg zurück nach Hogwarts schaffen? Plötzlich aller Kräfte beraubt, sank er auf die Knie und fiel vorn über. Er würde hier liegen bleiben und noch etwas ruhen. Später, irgendwann, hatte er bestimmt die Kraft um den weiten Weg nach Hogwarts zu schaffen.

*

Betroffen tauchte Harry aus dem Becken auf. Er wusste, dass Snape ein Doppelagent war, aber im Grunde, wie sein Leben aussah, davon hatte er keine Ahnung. Kein Wunder, dass Snape ständig schlechte Laune hatte, die hätte er bestimmt auch gehabt. Bevor er noch etwas sagen konnte, sprang die Tür auf und Hermione erschien. Fassungslos betrachtete sie das Bild vor sich. „Was treibt ihr den da?", fragte sie leicht gereizt und sah beide scharf an. Vor allem Harry. Harry machte einen Schritt auf sie zu.

„Du weißt, was wir hier tun. Es ist sein gutes Recht es zu sehen und du weißt es auch." Mit seiner Antwort nahm er ihr allen Wind aus den Segeln.

„Ja, aber …" Seufzend nahm sie Platz. „Sie wissen doch gar nicht, was auf sie zukommt." Bittend sah sie auf Severus, er musste doch verstehen, dass es nicht gut war, wenn er sich das alles jetzt ansah. So unvorbereitet. Manches würde ihm einen Schock versetzten, da war sie sich sicher. Severus trat einen Schritt nach vorne. Automatisch öffnete er der den Mund, doch es war wie immer, kein Ton verließ seine Lippen. Zorn und tiefe Niedergeschlagenheit lagen im Wettstreit in ihm. Er musste wieder sprechen lernen, er brauchte seine Stimme. So konnte er sich ein Leben nicht vorstellen.

„Ich muss wissen, wer ich bin. Ich kann so nicht leben." Schrieb er einzig für sie. Sie musste verstehen, warum er sein Versprechen nicht halten konnte.