Vielen Dank für die Reviews, Tinschchen, Lara und Mortianna´s Morgana! Ich überlege noch, ob ich das letzte Kapitel noch einmal überarbeiten soll, da der Einwurf von Lara nicht ganz ungerechtfertigt ist. Ich hatte oft im Buch den Eindruck, dass irgendwie beides möglich ist, vielleicht irre ich mich.
Liebe Grüße Gaby
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Draußen herrschte trübes, graues Wetter. Einige Graupelschauer gingen nieder und verkündeten, dass der Winter nicht mehr fern war. Hermione starrte, wie so oft in letzter Zeit, aus einem der Fenster der Bibliothek. Man konnte von hier bis hinab zum See und einen kleinen Teil des Quidditchstadions sehen. Nur heute nicht. Schwere Nebelfelder, die vom dampfenden Boden aufstiegen, verhinderten das. Sie konnte gerade noch bis zum Ufer des Sees blicken. Alles dahinter war eine graue undefinierbare Masse und wirkte so unheimlich und bedrohlich auf sie.
War es das, was er fühlte? Sah so seine Welt jetzt aus? Und sie machte ihm Vorwürfe, weil er sich das ansah, was im Grunde ihm gehörte. Seufzend schlug sie das noch offene Buch, das sie in den Händen hielt, wieder zu. Es hatte keinen Sinn so zu tun, als hätte sie tatsächlich noch vor es zu lesen. Sie würde es ja doch nicht tun. Harry und Severus schienen sich gut zu verstehen. Eigentlich sollte sie das freuen, aber etwas tief in ihr drin hielt sie davon ab. Sie konnte es nicht benennen, noch sagen, was es war und doch es machte sie nicht hundert Prozent glücklich, die beiden so vertraut miteinander zu sehen.
Sie schämte sich auch dafür. Wusste sie doch, wie sehr Harry unter Severus Behandlung all die Jahre gelitten hatte. Wieso konnte sie sich dann nicht einfach für ihn, für sie beide, freuen? Sie war nicht normal. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie dieses an ihr nagende Gefühl als Eifersucht titulieren, aber davon war sie mit Sicherheit Meilen entfernt. Severus Snape war nicht mehr als eine Art Freund, ein zufälliger Bekannter mit dem sie einige Geheimnisse teilte, gezwungener Maßen. Immerhin hatte Severus ihr seine Erinnerungen förmlich aufgedrängt. Sie hatte sie gar nicht gewollt. Eigentlich wäre es sowieso besser gewesen er hätte sie Harry anvertraut. Diesen Vorschlag würde sie den Beiden heute noch machen. Harry war wahrscheinlich auch der bessere Lehrer und vermutlich verstand er auch besser, was dieser durchmachte.
Unter Harry hatte Severus mehr Fortschritte gemacht, als sie mit ihm alleine. Nein, eine große Hilfe war sie ihm bisher nicht gewesen. Sie konnte ihm nicht einmal beibringen, wie er richtig mit dem Zauberstab umgehen konnte. Das schaffte Harry mit Leichtigkeit an einem Nachmittag. Sie musste dieser Tatsache ins Auge blicken. Sie hatte versagt.
*
Unkonzentriert saß er neben Ginny auf der Couch im Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Sie erzählte ihm etwas, doch er hörte gar nicht zu. Es juckte ihn beinahe davon zu stürmen und Severus zu besuchen. Es war als würden sie einander genau verstehen. Seit Sirius hatte er sich oft so verloren gefühlt, doch jetzt war dieses Gefühl wie weggewischt.
„Hörst du mir überhaupt zu?", zischte ihm plötzlich jemand scharf ins Ohr. Erschrocken keuchte er kurz auf.
„Ich … es … tut mir leid", stammelte er benommen. Ginny konnte, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte, ganz schön energisch werden. „Wo bist du nur mit deinen Gedanken, verrätst du es mir?" Fragend blickte sie in seine grünen Augen und erkannte dort in dem traurigen, um Verständnis bittenden Blick, dass er es nicht tun würde. Das er es, aus einem ihr unbekannten Grund, nicht tun konnte. Ernst sah sie ihn an, dann legte sie ihm beide Hände um sein Gesicht und zog ihn dicht zu sich heran.
„Wehe es handelt sich um eine andere Frau!", drohte sie ihm scherzhaft und nahm so den Ernst von der Situation. Erleichtert lachte er auf.
„Niemals! Ich schwöre es!", versprach er wispernd und küsste sie rasch auf den Mund.
„Ich muss los. Frag mich bitte nicht wohin. Vertrau mir einfach." Langsam ließ sie die Hände sinken und genauso langsam erhob er sich. Ein Teil von ihm wollte bleiben, doch ein anderer in ihm drängte zum Aufbruch. Er fühlte sich zerrissen und schuldig. Fahrig strich er sich durch sein widerspenstiges Haar, sobald er das Porträt der fetten Lady hinter sich gelassen hatte. War es richtig, was er tat?
Im Grunde forderte er von Severus Snape Antworten, die dieser ihm gar nicht geben konnte, da er keine Ahnung davon hatte, wie seine Welt aussah, bevor ihn Nagini so schwer verletzt hatte. Er wollte wissen ob er aufgehört hatte ihn zu hassen, nur alleine dafür, das er noch am Leben war und seine Mutter nicht. Tief in seinem Inneren wusste er sehr wohl, dass, wenn Severus damals die Wahl gehabt hätte, wenn er entscheiden hätte können, wer leben darf und wer sterben musste, er nicht mehr am Leben wäre, seine Mutter schon. In gewisser Weise konnte er ihm keinen Vorwurf daraus machen.
Er hat ihn nicht gekannt. Für ihn war er nichts weiter als ein namenloses Baby gewesen, aber Lily war die Frau, die er geliebt hatte. Er wollte so gerne wissen, ob der Tod von Voldemort für ihn etwas verändert hatte, aber auch darauf würde er keine Antwort bekommen. Keine einzelne verdammte Frage konnte Severus zurzeit, vielleicht auch niemals, beantworten und doch zog es ihn beinahe magisch hinab in den Kerker. Warum vermochte er nicht wirklich zu sagen. Vielleicht, weil ihn endlich dieser Mann wahrnahm, ohne Hass oder Vorurteile. Einfach ihn – Harry Potter. Nicht den berühmten Harry Potter, wie er ihn zu Anfang spöttisch genannt hatte, sondern nur einen Jungen, der hier zur Schule ging und den er zufällig kennengelernt hatte.
Insgeheim, und das wollte er sich nicht einmal selbst eingestehen, wollte er das, was er ihm all die Jahre verwehrt hatte. Das, was sich jeder Schüler von seinem Lehrer wünscht. Anerkennung und Lob. Wie oft hatte er versucht genau das zu erreichen und wie oft hatte Severus ihn am langen Arm verhungern lassen. Ihn verächtlich fallen gelassen wie fauliges Obst. In seinen Augen war er das mit Sicherheit auch gewesen.
*
Er war wieder alleine. Gedankenverloren starrte er in das Denkarium. Hermione hatte ihn gestern traurig angeblickt, aber mit keinem Wort versuchte sie ihn umzustimmen, ihn dazu zu bringen die Finger davon zu lassen. Sie hatte ihn verstanden. Sie hatte die Wichtigkeit seines Handelns erkannt. Nicht bewusst setzte er sich ihr zu wider, nein, ganz einfach weil er musste. Wie sonst sollte er wiederbekommen, was ihm gehörte? Doch dann, sie war einfach gegangen. Hatte kein Wort mehr gesagt und irgendwie berührte ihn das auf unerklärliche Weise. Hätte sie ihn geschimpft, dann wäre er wütend geworden. Er hätte sich in sich zurückgezogen und niemanden an sich heran gelassen, doch so … So war ihm das unmöglich. Mit beiden Händen umklammerte er den Rand des Beckens so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervorstachen. Etwas hatte sich seit gestern verändert, aber er wusste nicht was.
„Du kannst dich nicht immer verschließen und alle von dir wegstoßen!" Zornig umwölkte sich seine Stirn. So hatte Lily noch nie mit ihm gesprochen. „Verdammt ich bin deine Freundin und will dir nur helfen!", versuchte sie erneut zu ihm durchzudringen, aber aus einem ihm unerfindlichen Grund, konnte er sie in diesem Augenblick nicht an sich heranlassen. „Deine … diese Todesserfreunde, das sind keine richtigen Freunde. Sie tun anderen Menschen weh und sind böse." Unaufhaltsam begann seine Miene zu versteinern. Was verstand sie schon davon? Sie war von Anfang an beliebt gewesen. Vermutlich trieb sie ihr Mitleid zu ihm. Das hatten ihm auch schon seine neuen Freunde gesagt, denn wie sonst konnte es kommen, das sie mit James zusammen war und nicht mit ihm? Sie hatte ihn nur benutzt und belogen. Er war vermutlich in ihren Augen nur ein drolliges Spielzeug, oder einfach nur ein Narr der unfähig war richtige Freunde zu finden, aber er würde es ihr zeigen. Er hatte richtige Freunde gefunden. Nicht nur das sie ihn so annahmen, wie er war, sondern sie bewunderten ihn für seine Schlauheit und sein Wissen. Selbst Voldemort war immer voll des Lobes über ihn und dabei war er gerade mal 17 Jahre alt. „Severus das ist der falsche Weg, glaub mir doch." Verbittert lachte er heiser auf. „Dir glauben? Du bist nichts weiter als ein dreckiges Schlammblut", zischte er böse. Hinter ihm begannen seine Freunde wie Hyänen zu lachen. Traurig sah sie ihn an, dann drehte sie sich um und ging fort. Nie wieder würde sie mit ihm reden.
Keuchend hielt er sich die Brust. Was war das gewesen? Wo kam auf einmal diese Erinnerung her? Er war so stark an sie gebunden, selbst jetzt, wo er sich gar nicht sicher war, was er gesehen hatte, schmerzten ihn diese Bilder, ihr Gesicht. Dieser Ausdruck purer Enttäuschung. Das hatte er nie gewollte. Tausendmal hatte er sich gewünscht er könnte jedes einzelne Wort zurücknehmen, aber es ging nicht. Kein Zauber der Welt konnte ihm helfen. Er hatte gebettelt, er hatte gefleht, doch egal was er tat, mit nichts konnte er es ungeschehen machen. Seine Welt war von diesem Tage an eine Spur dunkler geworden und hatte sich unweigerlich in die falsche Richtung geneigt. Schwer ließ er sich in seinen Stuhl vor dem Schreibtisch fallen. Was hatte er nur getan?
*
Zögerlich stand sie vor der Tür. Sollte sie klopfen, oder einfach hineingehen? Sie entschied sich für Letzteres. Das Schlimmste, das sie erwartete zu sehen war, das er sich wieder Bilder aus seiner Vergangenheit ansah, aber davon würde sie ihn sowieso nicht mehr abhalten. Eigentlich war sie gekommen um sich zu verabschieden. Sie kam, um ihn zu bitten, sie aus ihrem einst gegebenen Versprechen zu entbinden. Er hatte die falsche Entscheidung getroffen, das würde er bestimmt einsehen. Wer weiß, vielleicht war er ihr sogar dankbar. Sie fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Krampfhaft schluckte sie diese wieder hinunter. Leise öffnete sie die Tür und hielt überrascht inne. War Severus ausgegangen? Vor ihr saß das Hologramm und starrte ihr schweigend entgegen. Mit ihm hatte sie überhaupt nicht gerechnet. Aber vielleicht war es so sogar besser. Das Hologramm konnte ihr sicher einen guten Rat geben. Obwohl wie hoch lag die Wahrscheinlichkeit, dass das Hologramm Harry genauso sehr hasste wie der Mann, der es programmiert hatte? Bei sicher Tausendprozent. Sie musste es vorsichtig angehen. Am Besten sie erwähnte Harrys Namen erst gar nicht. Umschrieb ihn nur weitläufig. Das Hologramm war schlau und würde es ihr bestimmt nicht leicht machen es hinters Licht zu führen.
„Ich könnte ihren Rat gebrauchen", begann sie und ließ sich ihm gegenüber in den anderen Stuhl fallen.
„Wieder einmal oder wie so oft in letzter Zeit." Sie starrte hinab auf ihre Hände um ihn nicht länger ansehen zu müssen, denn sie glaubte nicht alles, was sie sagen wollte, sagen zu können, solange sie in seine Augen blickte.
„Er und ein junger Mann haben sich kennengelernt und scheinen sich ausgesprochen gut zu verstehen. Ich … das freut mich natürlich …" Stotternd brach sie ab. Severus runzelte seine Stirn. Warum redete sie so komisch mit ihm. So als wäre er nicht er und doch er. Zugleich wartete er darauf, dass sie weiter sprach, dass sie das berühmte aber einfließen ließ, doch es kam nicht. Nervös strich sie sich mit der Zunge über die Lippen.
„Ich möchte, dass er mich freigibt. Ich will, dass er diesen Fluch von mir nimmt."
Gab es jemals ein falscheres Wort seit seinen, die er Lily so grob ins Gesicht geschleudert hatte? Wohl kaum. Fluch nannte sie sein Erbe, eigentlich ein Geschenk. Betrübt blickte er auf ihr lockiges Haar.
„Er muss doch einsehen, dass ich nichts für ihn tun kann. Harry … Harry würde viel besser … egal. Wie bringe ich ihn dazu, das mir auferlegte Versprechen zurückzunehmen? Bitte helfen Sie mir. Sagen Sie es mir!", flehte sie und sah dann hoch.
Unbewusst hatte sie doch Harrys Namen erwähnt, aber es fiel ihr gar nicht auf, es war bereits vergessen, bevor sie ihren Fehler merkte. Einen Augenblick lang schien die Zeit stillzustehen. Zwei Dinge erkannte sie im Bruchteil einer Sekunde. Das war nicht das Hologramm. Vor ihr saß der echte Severus Snape. Was hatte sie getan?
*
Ein Klopfen an der Tür riss Hermione aus ihrer Starre. Wie von der Tarantel gestochen sprang sie in die Höhe und riss die Tür auf. Davor stand Harry.
„Oh! Störe ich gerade?", fragend blickte er abwechselnd von einem zum anderen. Stumm schüttelte sie den Kopf, doch dann fasste sie sich wieder.
„Nein. Ich wollte sowieso gerade gehen." Sie ließ ihn ein und wollte schnell an ihm vorbei nach draußen stürmen, doch eine Stimme hielt sie zurück.
„Her … Her … Hermione!"
