39 Der perfekte Trank

Er war perfekt. Er hatte einen perfekten Liebestrank gebraut. Provozierend schöpfte er einen Löffel voll aus dem Trank und hielt ihn Hermione zum Kosten hin. Eine Augenbraue hatte er fragend ihn die Höhe gezogen. Was würde sie tun? Hermione betrachtete zuerst den Löffel und dann den Mann, der ihn hielt.

„Ich brauche ihn nicht zu kosten, ich kann sehen, dass sie es geschafft haben."

Mit einem leichten Bedauern ließ er der die Hand mit dem Löffel sinken. Er war mit ihr alleine. Die Anderen waren schon vor einiger Zeit verschwunden. Irgendwann war es ihnen einfach zu langweilig geworden nur zu zusehen, wie er Zutat um Zutat in den neuen Trank verrührte und da er diesmal sorgsamer bei der Arbeit war, standen die Chancen schlecht, das der Kessel noch ein weiteres Mal explodierte und so kam es, dass Severus und Hermione alleine im Unterrichtsraum waren.

„Zu … zu wenig Mut? Keine Angst, ich … ich vergifte dich schon nicht."

Hermione machte einen Schritt zurück und wich seinem Blick aus. Sie würde sich nicht von ihm dazu hinreißen lassen und einen Liebestrank probieren. Sie kannte seine verheerende Wirkung. Zwar nicht am eigenen Leibe, aber sie hatte gesehen was er bei Ron angerichtet hatte.

Er war damals nicht mehr er selbst gewesen. Blind war er, blind vor Liebe und unsterblich in ein Mädchen verliebt, dass er gar nicht kannte. Er wäre beinahe gestorben deswegen.

Sie würde sich bestimmt nicht auf so einen Unfug einlassen. Noch dazu wo ihr Objekt der Begierde dann Snape heißen würde. Plötzlich sog sie scharf die Luft ein. Dieser Gedanke müsste sie doch in Panik versetzten und nicht ein Flattern in ihrem Magen auslösen. Und noch mehr - müsste ein Teil von ihr nicht Abscheu vor ihm empfinden nach alldem, was sie von seinen Erinnerungen gesehen hatte?

„Ich kenne dich …", sagte sie tonlos, immer noch hielt sie den Blick von ihm abgewandt. Er wusste, was sie meinte. Sie kannte sein Leben bevor …

„Ich bin mehr", erwiderte er schlicht.

In seinem Leben mochte vieles schief gelaufen sein, er hatte Menschen getötet. Aus welchen Gründen auch immer, er wusste es nicht mehr. Er konnte nur hoffen, dass es nicht einfach aus der Lust am Töten geschah, sondern dass ihn dieser Krieg, den es gegeben hatte, dazu gezwungen hatte.

„Ich bin hier und jetzt. Was davor war, besteht nur aus Erzählungen, aus Bildern, die mich zeigen, aber es fühlte sich nicht so an als hätte ich es erlebt. Verstehst du das?"

Hermione runzelte die Stirn und dachte über seine Worte nach. Konnte, durfte sie ihn wegen einer Vergangenheit, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, verurteilen? War er verantwortlich für Taten dessen er sich gar nicht mehr bewusst war?

Viele Fragen brannten in ihrem Herzen und zugleich wogen auch andere, sanftere Gefühle in ihr hoch. Sie mochte diesen Mann, so wie er jetzt war und fürchtete jenen, an den er sich nicht mehr erinnern konnte. Abwehrend hob sie ihre Hand so als wollte sie ihn dran hindern ihr nahe zukommen, obwohl er keinen Schritt getan hatte.

Es war nicht die körperliche Nähe, die sie fürchtete, sondern die Seelische. Ohne Zögern griff er nach ihrer Hand und hielt sie.

„Rede mit mir!", forderte er sie eindringlich auf.

Unwillkürlich tauchte das tote Mädchen in ihrem Geist auf und sah sie aus leblosen Augen anklagend an. Wie konnte sie Gefühle für diesen Mann haben?

Woher kamen sie nur? Sie hatte doch gesehen, zu was er fähig war. Verzweifelt versuchte sie ihm ihre Hand zu entziehen. Sie hatte ihm nichts zu sagen, denn alles was sie von sich geben würde, würde ihn verletzten.

„Du hast mir viel gegeben. Ohne dich wäre ich nicht hier." Kaum noch stolperte er über die Worte. Er lernte schnell.

„Du auch", kam es schwach von ihr.

Sein Erbe wurde es zu einem Fluch? Einer Hürde die zwischen ihnen, wie eine Mauer stand? Unüberwindbar und ohne die Möglichkeit sie einzureißen?

„Nein! Das kam nicht von mir." Abwehrend schüttelte er seinen Kopf.

„Als ich dir das gegeben habe, lag ich im Sterben. Ich hörte auf zu sein. Unerwartet hat man mir eine zweite Chance gegeben und wofür?"

Die Wärme seiner Hand übertrug sich auf ihre. Sich über ihn Gedanken zu machen, wenn sie ganz für sich alleine war, war eine Sache. Es bewusst in seiner Nähe zu tun, eine ganz andere. Sie fühlte und spürte ihn viel intensiver.

„Sieh mich an!", bat er eindringlich.

Fest fixierte er sie mit seinen Augen. Sah an ihrer Haltung, wie die unterschiedlichsten Gefühle in ihr tobten. Gefühlte die noch keinen Namen hatten. Leicht schüttelte sie ihren Kopf, sie wollte ihn nicht sehen. Wollte nicht in seine dunklen, unergründlichen Augen blicken und sich am Ende selbst sehen.

„Was denkst du?"

War es wichtig, was sie dachte?

„Ich verstehe das alles nicht. Wir … das ist nicht möglich. Niemals!"

Das letzte Wort kam nur noch als Flüstern aus ihrem Mund und doch ließ es ihn zusammenzucken. Er streckte seine andere Hand aus, legte sie ihr unter das Kinn und drehte den Kopf zu sich.

„Eines Tages, das verspreche ich dir, nehme ich sie von dir. Diese Last, die durch mich erhalten hast."

Tränen brannten in ihren Augen und liefen über ihr Gesicht.

„Liebe ist wohl das Letzte, das ich verdient habe." Er ließ sie los, wandte sich seinem Kessel zu und begann aufzuräumen.

Hastig wischte sie sich mit der Hand über die Wangen.

„Komisch genau das dachte ich würde dir fehlen." Sie drehte sich um und verließ eiligst den Raum.

Draußen lehnte sie sich erschöpft an die Wand. Nach ein paar Atemzügen stieß sie sich ab und eilte rasch zu seinen Räumen. Es gab nur einen der ihr helfen konnte und sie musste sich beeilen.

*

Traurig sah er auf die geschlossene Tür. Sie würde ihn immer verachten, immer fürchten. In ihrer Welt blieb er, egal was er tat, ein Monster. Eine Scheußlichkeit der Natur. Er hatte ein Buch gefunden, das es ihm vielleicht ermöglichte mit dem von ihm erschaffenen Hologramm zu sprechen. Es gab nur ein Problem.

Nur er konnte den Zauber ändern, den er bewirkt hatte, um es herbei zu beschwören, aber er hatte keine Ahnung mehr davon, wie das ging. Dumbledore. Das Porträt konnte ihm sicher helfen. Er würde ihn fragen. Er brauchte Antworten, ansonsten gab es keine Zukunft für ihn.

Verdammt! Vermutlich würde ihn das Ministerium und allen voran der Minister von hier sowieso verjagen. Gründlich säuberte er den Kessel. Stellte die Zutaten wieder ordentlich in die Regale und brachte das Messer, Scheidebrett und Kochlöffel zurück an seine Plätze. Zum Schluss wischte er noch energisch den Tisch, auf dem er gearbeitet hatte, ab.

Er hatte sie zu seiner Erbin gemacht und nun war sie in seinem Herzen. Hermione.

Er löschte die Fackeln an der Wand und verließ, nach einem letzten kontrollierenden Blick, den Raum. Schwer wogen seine Schritte, als er die Stufen nach oben zu Minervas Büro stieg. Angespannt klopfte er an ihre Tür, doch niemand rief ihn herein. Scheinbar war sie nicht hier. Unentschlossen stand er einen Augenblick da.

Was sollte er tun? Bleiben oder gehen? Nein, er musste mit Dumbledore sprechen. Entschlossen stieß er die unverschlossene Tür auf und trat ein. Schnell trat er vor das Porträt von Dumbledore, doch es war leer. Dumbledore war nicht da.

Er würde einen weiteren Tag warten müssen. Er hasste warten. Er könnte auch Minerva fragen. Alles in ihm begann sich zu sträuben. Nein, das konnte er mit ihr nicht bereden. Er warf einen drängenden Blick auf das leere Bild, so als könnte er damit Dumbledore zum Erscheinen zwingen, aber nichts tat sich. Langsam verließ er das Büro und begab sich auf dem Weg nach unten.

Vor seinem Büro blieb er stehen. Vielleicht sollte er es noch einmal selbst versuchen? Als er durch die Tür schritt, erwartete ihn ein unerwartetes Bild. Hermione war hier. Leise schloss er die Tür hinter sich und sah sie abwartend an.

*

„Sind sie hier? Ich könnte ihren Rat gebrauchen."

Hermione ging auf den Stuhl vor dem Schreibtisch zu, überlegte es sich aber dann anders und blieb einfach stehen. Sie wollte nicht sitzen, sie war viel zu durcheinander, um still sitzen zu können.

„Was haben sie angestellt und warum sollte ausgerechnet ich ihnen helfen?"

Beinahe knurrend kam die Frage von dem Hologramm. Lange starrte sie auf ihn. Wie hatte sie jemals Severus Snape mit dem Hologramm verwechseln können? Wirkten sie auf den ersten Blick vollkommen gleich, so sah man beim Näherem hinsehen, dass sie grundverschieden waren.

Bis auf eine gewisse oberflächliche Ähnlichkeit hatten sie nichts gemeinsam. Laut räusperte er sich.

„Nun sind sie nur hergekommen um mich anzustarren, oder haben sie noch vor etwas zu sagen?"

Verlegen sah sie auf den Boden.

„Vielleicht war es falsch von mir hier her zukommen?", erwiderte sie schüchtern.

„Das sage ich ihnen bereits seit Wochen, aber sie weigern sich vernünftig zu sein", stellte er trocken fest.

Genervt blicke sie wieder hoch zu ihm.

„Das habe ich nicht gemeint", meinte sie patzig.

„Das war mir schon klar. Also was wollen sie?", fragte er in beleidigendem Tonfall und machte damit zugleich deutlich sie möge sich mit dem was sie wollte beeilen.

„Ich weiß es nicht."

Sie sehnte sich plötzlich satt dem Hologramm den richtigen Severus Snape vor sich zu sehen, obwohl sie ihn erst vor ein paar Minuten verlassen hatte.

„Sie kommen hier her und sehen aus, wie ein scheues Reh das den bösen Wolf gesehen hat, und wissen nicht warum? Haben sie was getrunken?"

Seine Stimme triefte vor Sarkasmus, was Hermione den anfänglichen Gedanken sich ihm anzuvertrauen endgültig auslöschte.

„Es war ein Fehler herzukommen. Ich werde gehen", erklärte sie hart und wandte sich ab.

„Gut, dann verplempern sie wenigstens nicht länger meine Zeit!"

Wutentbrannt fuhr sie herum.

„Was hat den ein Hologramm so wichtiges zu tun, das man seine Zeit verplempern kann?", schnauzte sie ihn zornig an. Sie hatte ihre Hände in die Hüften gestützt und machte so einen kampfbereiten Eindruck.

Leicht bebten seine Nasenflügel. Er hatte sie fast schon so weit gehabt und sie wäre gegangen.

„Das tut hier nichts zur Sache!", schnauzte er grob zurück.

Ohnmächtig vor Wut starrte sie ihn an, ohne etwas sagen zu können.

„Jetzt seien sie vernünftig, gehen zurück in ihren Turm und vergessen das alles hier", schlug er ihr ruhig vor.

„Sie wissen genau, dass ich das nicht kann."

Müde winkte er ab.

„Ich habe mit dieser Antwort gerechnet. Tun sie was sie nicht, lassen können." Resigniert zuckt er mit den Schultern und löste sich auf.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Severus kam herein. Fragend sah er sie an und schloss die Tür. Langsam kam er auf sie zu, ohne sie dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

„Du redest mit ihm?"

Stumm nickte sie.

„Warum?"

„Er weiß viel und egal was ich ihm anvertraue, er kann es niemandem weitersagen."

„Und was war so wichtig, dass du von mir davon gelaufen und hierher geeilt bist?"

Hermione öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Was sollte sie ihm sagen?

„Nichts!", antwortete sie leicht heiser.

„Nichts?"

Nervös leckte Hermione sich über die trockenen Lippen.

„Ich möchte gehen", sagte sie kaum hörbar und wollte an ihm vorbei zur Tür, doch er hielt sie am Arm fest.

„Lauf nicht von mir fort", bat er leise.

Hermione sah zu ihm hoch, sah ihn seine Augen und rasch wieder weg. Heftig riss sie sich los.

„Ich … es tut mir leid." Eilig lief sie aus dem Raum und rannte die Stufen hoch.