Vielen Dank für die Reviews, Mila und Mortianna´s Morgana!
Liebe Grüße Gaby
40 Der alte Severus Snape
Die nächsten Tage mied sie den Kerker, aber vor allem dessen Bewohner. Sie tat alles, um ihm nicht zu begegnen. Sie hatte Angst vor dem, was sie in ihm sehen könnte, oder was sie tun könnte. Sie war verwirrt. Sie mochte ihn, aber nicht nur das, ihre Gefühle gingen tiefer. Alles, was ihn betraf, berührte sie.
Ob es an seinen Erinnerungen lag, die sie ungeahnte Schmerzen fühlen ließ, oder daran was für ein Mensch er jetzt war, konnte sie nur schwer sagen. Vielleicht war es beides. Der alte Severus Snape mochte böse und zynisch gewesen sein, aber sie hatte gelernt die Gründe dafür zu sehen. Was man ihm angetan hatte, hatte ihn dazu getrieben zu werden, wie er war. Liebe war ihm immer versagt geblieben.
Zuerst trennte sein Vater ihn von seiner Mutter und dann verlor er auch noch die einzige Freundin, die er je hatte. Es war ihm nichts, außer dem Hass und dem Zorn geblieben, was ihm eine zynische Sichtweise auf die Welt gab. Ungerechtigkeit und Schikanen gegenüber den ihm anvertrauten Schülern gehörten für ihn zur Tagesordnung. Wie stumpfsinnig muss er Hogwarts und den Unterricht empfunden haben, nach allem was ihm bei Voldemort widerfahren war.
Voldemort hatte ihn umgebracht um ihn dann zurück ins Leben zu holen. Eines von vielen seiner perversen Spiele, die er nur zu gern mit seinen Untertanen getrieben hatte. Man konnte sich in seiner Nähe niemals sicher fühlen. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie an das steinerne Gefängnis oder besser gesagt Grab zurückdachte, in das Voldemort Snape einfach so geworfen hatte. Er hatte getötet, er hatte mehr als einmal das Falsche getan. Unter ihm hatten viele Menschen gelitten.
Unter anderem auch Harry, ihr bester Freund. Eigentlich dürfte sie nach allem, was sie wusste, außer ablehnenden, gar keine Gefühle für ihn haben und dennoch war da mehr. Mehr an ihm, als man oberflächlich erkennen konnte. Sie hatte gelernt ihn zu verstehen. Warum er tat, was er tat. Sie wünschte, sie könnte ihn so sehen, wie sie ihn früher gesehen hatte. Als großen, bösen Lehrer, aber selbst das war eine Lüge.
Sie hat ihn nie so gesehen. Sie hatte schon immer versucht dahinter zukommen, wer er wirklich wahr. Ein Teil von ihr konnte nicht glauben, dass er auf der einen Seite Professor Dumbledores vollstes Vertrauen genossen hatte und auf der anderen ein Verräter sein sollte. Ihr Geist sträubte sich immer dagegen, was Harry und Ron von ihm dachten und manches hatte sich bestätigt. Er stand die ganze Zeit auf der richtigen Seite und war kein Verräter. Nein das war so auch nicht ganz richtig, er hatte Voldemort verraten.
Es hatte ihn viel gekostet das zu tun. Zum Schluss beinahe das Leben. Harrys Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie hatte nicht gehört, was er gesagt hatte, nur ein Name, den er erwähnte ließ, sie aufhorchen. Severus. Wo sie ihn gemieden hatte, suchte er seine Nähe. Geht es ihm gut? Hätte sie ihn beinahe gefragt.
Und hat er nach ihr gefragt? Diese und noch mehr Fragen lagen ihr auf der Zunge, aber sie stellte keine von ihnen. Es würde sie nur verdächtig machen. Er könnte merken, wie es um sie stand. Er könnte merken, dass sie im Begriff stand sich zu verlieben. In Severus zu verlieben. Den absolut falschesten Mann, denn es für sie nur geben konnte.
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Eine Woche war vergangen und er hatte sie nicht gesehen. Nicht in der Schule oder im Speiseraum, nicht in der Halle und auch nicht draußen. Er hatte sie gesucht, aber scheinbar wollte sie nicht gefunden werden. Nicht von ihm.
Sie nicht bei sich zu haben, lähmte ihn auf eine ungeahnte Weise. Dadurch, dass er sie nicht aus dem Kopf bekam, kümmerte er sich auch um nichts anderes mehr. Schon bald würde der Zaubereiminister wiederkommen und einen neuen Beweis für seine Befähigung als Lehrer verlangen und dafür musste er im Brauen von Zaubertränken noch viel besser werden.
Zurzeit hatte er gerade mal das Können eines Zweitklässlers, höchstens Drittklässlers und damit konnte er ihn bestimmt nicht überzeugen. Minerva lag ihm deswegen fast jeden Tag in den Ohren und es war nicht so das er nicht wollte, aber er konnte nicht. Nicht ohne sie. Was hätte das Ganze für einen Sinn, wenn es sie nicht gab?
Heftig atmete er ein und versuchte sich erneut in das Buch in seinen Händen zu vertiefen. Dabei ertappte er sich wie seine Gedanken bereits wieder auf Wanderschaft gingen. Wo sie nur war? Sie hatten nicht darüber geredet. Hermione wollte nicht … Vielleicht war sie klüger als er?
Vielleicht war es besser es ruhen zu lassen, was auch immer es war. Er legte das Buch fort und erhob sich. Eine innere Unruhe machte ihn rastlos. Er sollte, er musste raus hier. Frische Luft würde ihm bestimmt gut tun. Auf dem Weg nach oben begegnete ihm Harry. Ungeahnt verriet er ihm genau das, wonach er nicht gefragt hatte und ihn doch nichts anderes brennender interessierte.
„Gehen sie raus? Ich habe mich gerade erst von Hermione verabschiedet, sie wollte auch spazieren gehen."
Er erzählte ihm noch mehr, aber er hörte es nicht mehr. Er murmelte etwas Unverständliches und ließ Harry stehen. Er könnte sie noch erreichen und mit ihr reden. Eine Woche ohne sie in einem für ihn überraschend neuen Leben war eine verdammt lange Zeit.
Ohne nach links oder rechts zu sehen, eilte er auf den Ausgang zu und stieß die Tür auf. Suchend glitt sein Blick über das Gelände, bis er sie fand. Abseits von den Anderen stand sie, die Arme um sich selbst geschlungen, da und starrte ins Leere. Hatte er ihr das angetan?
Sonderte sie sich wegen ihm ab? Sie wirkte so verloren auf ihn. Er sollte sie in Ruhe lassen. Sie war noch so jung sie hatte ein Recht auf ihr Glück. Ohne es zu merken, schritt er die wenigen Stufen hinunter und ging auf sie zu. Sie hatte ihn noch nicht gesehen. Was würde sie tun, wenn sie ihn entdeckte? Warten oder davonlaufen?
Er befürchtete eher Letzteres. Er hatte Glück, sie drehte sich nicht um, sah ihn nicht an und so erreichte er sie, bevor sie ihm ausweichen konnte. Flucht war praktisch unmöglich.
„Hermione?", flüsterte er leise und sah wie sie heftig zusammenzuckte. Er hatte sie erschreckt.
Sie drehte sich zu ihm um und leckte sich nervös über die Lippen.
*
Letztendlich war es unausweichlich gewesen. Sie hatte gewusst früher oder später würde sie sich ihm stellen müssen. In diesem Fall wäre ihr später lieber gewesen. Sie war noch nicht so weit. Vielleicht niemals. Sie wandte sich ab und ließ den Blick wieder in die Ferne schweifen. Er sollte nicht sehen, was sie vor ihm verbarg.
Ein Herz das für ihn, trotz allem was er war, was er getan hatte, schlug.
Er ballte die Hände zu Fäusten, um so zu verhindern, dass er sie festhielt, sie schüttelte, sie anbrüllte: „Sieh mich an!" und zugleich darum bettelte.
„Wirst du jemals wieder mit mir reden?", fragte er stattdessen.
In der Dunkelheit, in der er seit seinem Erwachen lebte, war sie sein Licht.
„Ich … ich hatte viel zu tun. Die Schule …" Selbst in ihren Ohren klang das schwach. Stumm nickte er.
„Ja das Leben geht weiter."
Tränen brannten in ihren Augen, sie wollte ihm so vieles sagen, wusste aber nicht wie.
„Denkst du … hältst du es für so unmöglich, dass ein Mensch sich ändern kann. Dass ich mich ändern kann?"
Diese Frage lag ihm schon die ganze Woche, seit sie von ihm davongelaufen war, auf der Seele und er musste die Antwort wissen. Denn wenn sie es für unmöglich hielt, dann gab es keine Zukunft für ihn.
Lange sagte sie nichts und er musste genau hinhören, als sie endlich zu sprechen begannen, denn ihre Antwort kam leise.
„Du hast dich nicht verändert."
Diese Worte trafen ihn wie ein Peitschenhieb.
„Du hast nur vergessen zu sein, wie du bist!"
Er hatte es geahnt. Im Grunde hatte er es die ganze Zeit über gewusst. Niemals. Lily nicht und sie nicht. Keine von ihnen. Er war nicht gut genug. Mühsam schluckte er, dann drehte er sich um und ging zum Schloss zurück.
Er hatte seine Antwort.
Hermione streckte die Hand nach ihm aus. Sie war noch nicht fertig gewesen. Sie wollte ihm doch noch so viel sagen, aber er war fort. Was hatte sie nur getan?
*
Diesmal war er nicht fort. Diesmal saß er wartend in seinem Bild und betrachtete ihn durch die halbmondförmigen Gläser seiner Brille scharf. Er kannte ihn und wusste das etwas nicht in Ordnung war. Etwas hatte ihn vollkommen aus der Bahn geworfen und dieses etwas war nicht der Verlust seiner Erinnerungen.
Severus neigte den Kopf. Er wollte Dumbledore nicht länger in die Augen sehen. Schnell stellte er seine Fragen und wie gehofft hatte Dumbledore die Antworten für ihn. Aber er bekam noch mehr. Dumbledore gab ihm einen guten Rat mit auf dem Weg.
„Vergiss nicht, egal was du über dich erfährst, das ändert nichts daran, was für ein Mensch du bist."
Heftig presste er die Lippen aufeinander. Hermione hatte vor ein paar Minuten fast dasselbe zu ihm gesagt. Er war ein Monster und blieb es auch.
„Du bist einer der tapfersten und mutigsten Menschen, die ich das Glück hatte kennenzulernen."
Bei diesen Worten stutzte er. Er war schon fast bei der Tür gewesen. Dumbeldore hielt ihn nicht für ein kaltblütiges, mordendes Monster?
„Ich habe viel von dir verlangt und du hast mehr gegeben, als gut für dich war."
Severus blickte seinen Mentor fragend an.
„Der Krieg verlangte von uns allen Opfer. Auch ich war gezwungen Dinge zu tun, die dir und anderen grausam erscheinen müssen, aber ich habe es zum Wohle für alle getan."
Es war keine Entschuldigung, denn Dumbledore konnte sich nicht für etwas entschuldigen, was er bereit war wieder zu tun, wenn es sein musste. Er war dazu fähig Einzelne zu opfern, wenn es dem Frieden und der Freiheit aller diente.
Er wollte nur, dass Severus verstand und irgendwie tat er das sogar. Er nickte Dumbledore zu und verließ Minervas Räume. Hastig begab er sich hinab in den Kerker. Es war so weit. Bald schon würde er alle Antworten, die er brauchte, bekommen.
In seinem Büro angelangt murmelte er den Spruch, den er von Dumbledore erhalten hatte. Dieser müsste den Bann, den er über das Hologramm gelegt hatte und es nur für Hermione sichtbar machte, lösen. Leichter Nebel wabberte über den Boden und dann stand er da. Kalt und hart blickte ihn sein selbst an.
„Ich habe drauf gewartet, dass du kommst."
*
Der Blick auf sich selbst machte alle Fragen überflüssig. Plötzlich war alles da. Selbst die kleinste Erinnerung. Es war als hätte das Hologramm eine Tür in seiner Seele aufgestoßen und den Blick auf seine Vergangenheit freigegeben. Schmerzhaft fasste er sich an die Brust und ging in die Knie.
Die Bilderflut drohte ihn zu ersticken. Es war soviel, mehr als er beinahe ertragen konnte. Er hatte großes Leid verursacht, aber auch er hatte leiden müssen. Das war also sein Leben? Mühsam kam er wieder auf die Beine. Jede Freundlichkeit war aus seinem Gesicht gewichen. Mit einem kurzen Wink brachte er das Hologramm zum Verschwinden, er brauchte es nicht mehr, dann glitt sein Blick zu den Phiolen.
Sie enthielten alles, was vergessen werden sollte. Plötzliche Wut flammte in ihm auf und er fegte sie mit der Hand alle zu Boden. Glas zerbarst in tausend Stücke und leichter Nebel stieg vom Boden empor. Seine Erinnerungen waren fort. Niemand mehr würde neugierig in seinem Leben herumschnüffeln können.
Keine Hermione … kurz stockte er und er schloss die Augen. Es wurde Zeit sie zu vergessen und auch kein Potter mehr. Mit einem Schwenk seines Zauberstabes ließ er die Scherben verschwinden.
Er setzte sich in seinen Stuhl gegenüber vom Kamin, entfachte aber kein Feuer in ihm, sondern starrte finster auf die schon längst erkaltete Asche. Die Stunden vergingen und die Schwärze der Nacht brach herein. Sie war ihm mehr als Willkommen. Verbarg sie doch alles, was er mit den Augen sehen konnte, so blieb ihm nur die Erinnerung.
*
Sie hätte das nicht sagen dürfen. Sie musste es richtigstellen. Sie hatte ihn verletzt. Hermione erinnerte sich wie gebeugt seine Schultern gewesen waren, als er zurück zum Schloss lief. Nun stand sie hier. Im Schutze der Dunkelheit war sie die Stufen herab geschlichen, getrieben von ihrem Gewissen wieder gut zumachen, was sie ihm angetan hatte. Was musste er nur von ihr denken?
Vorsichtig klopfte sie an seine Tür und wartete. Obwohl sie sich ganz sicher war, das er in seinem Büro war, erhielt sie keine Antwort. Zögernd öffnete sie die Tür. Sie hatte erwartet ihn zu sehen, doch stattdessen empfing sie vollkommene Dunkelheit. Sie wollte schon wieder gehen, in der festen Meinung, dass er nicht hier war, als sie eine kleine Bewegung nahe beim Kamin wahrnahm.
„Lumos!", flüsterte sie, sobald sie den Zauberstab aus den Falten ihres Umhangs gezogen hatte und schloss hinter sich die Tür. Er saß vor dem Kamin und wirkte so unnahbar, beinahe kalt auf sie.
„Ich …", begann sie, wurde aber von ihm rüde unterbrochen.
„Ich gratuliere Ihnen, Miss Granger!"
Bei seinen Worten zuckte sie wie unter einem Schlag zusammen. Das war nicht mehr der Mann, den sie in den letzten Wochen kennenlernen durfte. Das war der, der er vorher war.
„Es wird sie freuen zu hören, dass sie recht hatten und nun verschwinden sie!"
