Vielen Dank für die netten Kommentare! Ich muss zugeben, dass ich doch sehr zu Kitsch neige, also nicht zu früh loben! ;-)
Liebe Grüße Gaby
42 In kleinen Schritten
„Er will uns verlassen!", seufzte Minerva und rieb sich mit den Fingerspitzen die Schläfen. Sie machte sich große Sorgen um Severus.
„Er hatte extreme Erfahrungen hinter sich … seine lange Krankheit, der Verlust seiner Erinnerung und seiner Stimme. Er hat einen weiten Weg hinter sich. Ich hatte eine Zeit lang die Hoffnung, dass er erkennt, wie schön das Leben sein kann."
„Noch ist nicht alles verloren.", erwiderte Dumbledore ernst.
Minerva schüttelte über seine Antwort den Kopf.
„Du denkst immer noch alles wendet sich zum Guten, aber diesmal irrst du dich. Leider."
Minerva ließ die Hände sinken und starrte auf das Porträt von Dumbledore. Ein mildes Lächeln lag wie immer auf seinen Zügen.
„Er braucht einfach nur Zeit, um mit der für ihn noch so neuen Situation fertig zu werden. Hab ein bisschen Vertrauen in unseren Zaubertränkemeister. Er wird erkennen, welch wertvolles Geschenk ihm das Leben gemacht hat. Er hatte das unglaubliche Glück sich selbst, sein Leben und die Menschen rund um sich völlig vorurteilsfrei kennenzulernen. Wenn er das einmal verarbeitet hat, wird er endlich zu sich selbst finden."
Tief holte Minerva Luft.
„Du bist unglaublich!", schnaubte sie.
„Ich weiß. Danke, meine Liebe!"
„Ich werde nicht gehen, denn ich habe das Gefühl du wurdest schon zu oft alleine gelassen", wagte sie sich noch ein Stück weiter vor.
Sie wollte nicht so einfach aufgeben. Sich nicht von ihm wegschicken lassen. Seine Miene wurde, sofern das möglich war, noch eine Spur härter. Einmal mehr wurde er sich der Tatsache bewusst, dass sie Dinge gesehen hatte, die sie nichts angingen. Dinge, die nur ihm, ihm ganz alleine gehörten. Seine Erinnerungen.
„Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht", erwiderte er kalt und machte von ihr einen Schritt fort.
Er zog sich innerlich und äußerlich zurück von ihr. Beherzt folgte sie ihm, in dem sie einen Schritt nach vorne tat.
„Du hast es dazu gemacht, dass es auch mich etwas angeht. Du hast sie mir in die Hände gelegt", sprach sie beruhigend auf ihn ein.
„Das war ein Fehler."
„Sag das nicht. Das war es bestimmt nicht."
Sie leckte sich über die Lippen, ehe sie weiter sprach.
„Trelawney würde es Schicksal nennen", versuchte sie zu scherzen. Leicht zogen sich seine Mundwinkel nach oben.
„Sybill ist …", setzte er an, wurde aber von ihr unterbrochen.
„Außergewöhnlich?", schlug Hermione vor.
„Gewöhnungsbedürftig würde ich sagen", kam es trocken von ihm.
Hermione bemühte sich nichts anmerken zu lassen, obwohl sie gerade den Drang verspürte laut aufzuatmen. Endlich sprach er wieder mit ihr.
„Kleine Schritte!", ermahnte sie sich selbst.
Sie hatte so viel von ihm gesehen, dass sie mit absoluter Sicherheit sagen konnte, in seiner Welt ging alles nur mit kleinen Schritten, auch wenn er immer so forsch ausschritt.
„Miss Granger, ich glaube nicht ans Schicksal. Mein … meinen Zustand verdankte ich einzig der Unfähigkeit eines Wahnsinnigen. Das hat nichts mit Schicksal zu tun", stellte er richtig.
„Würde es Ihnen etwas ausmachen mich eventuell jetzt alleine zu lassen? Ich muss mich noch auf den Unterricht vorbereiten."
Er wollte es zynisch sagen, aber es ging nicht.
„Du willst wieder unterrichten?", fragte sie ihn erstaunt.
„Natürlich. Was hatten Sie gedacht? Das ich brav auf meinem Zimmer bleibe und nichts tue, so wie bereits in den letzten Tagen?"
Nun schaffte er es, er klang wieder zynisch, untermalt mit einem Hauch Herablassung. Traurig wandte sie sich ab.
„Du hast nicht, nichts getan. Du hast Freunde gewonnen."
Ein Schnauben war seine Antwort. Hermione öffnete die Tür und trat nach draußen. Einmal noch drehte sie sich zu ihm um.
„Ich bin sehr froh, das Voldemort dich nicht getötet hat."
Lange blickte er auf die geschlossene Tür. Hermione war fort und doch war sie auch noch hier. Nicht als Person, sondern ihre Worte. Sie belebten den Raum, die Luft die ihn umgab, und vibrierten in seinem Inneren als Widerhall.
„Ich bin sehr froh … dich nicht getötet hat."
Warum nur schaffte sie es ihn zu berühren?
„Weil er sich vor ihr zum Narren gemacht hatte." , gab er sich selbst die Antwort, aber das war längst nicht alles.
Ein Teil von ihm mochte sie. Mochte den Menschen, der sie war. Alles, was sie ausmachte. Sie war aufrichtig, ehrlich, voller Wärme. Sie hatte ihr Wissen über ihn für sich behalten. Nicht einmal mit ihm hatte sie es geteilt. Stattdessen hatte sie auf anrührende Weise versucht seine Vergangenheit zu beschönigen. Sie hatte versucht ihn, eine erbärmlich tragische Figur, zum Helden zu machen. Ein Ding der Unmöglichkeit, aber für einen kurzen Augenblick hatte es geklappt. Er hatte ihr geglaubt, doch jetzt kannte er wieder die Wahrheit. Er war kein Held.
Zurück in ihrem Turm traf sie auf Harry. Er war alleine. Sie wollte diesen günstigen Umstand nutzen und ihn vorwarnen. Es würde ihn bestimmt hart treffen.
„Hast du mit Snape gesprochen? Wie es gelaufen?"
Betrübt betrachtete sie ihn.
„Komm! Setzt dich", forderte sie ihn auf.
Harry konnte bereits spüren, dass es scheinbar nicht so toll gelaufen ist. Er schluckte.
„Sag es einfach", bat er sie.
„Er kann sich wieder an alles erinnern", erwiderte sie tonlos.
„Das ist doch gut, dann kann ihn der Minister nicht vertreiben", freute er sich spontan, aber Hermiones Blick dämpfte Harrys Euphorie.
„Das ist nicht alles, oder?"
„Setzt dich und ich werde es dir erzählen", schlug sie ihm noch einmal vor und diesmal tat er es. Sie nahm an seiner Seite Platz.
„Er will uns nicht bei sich haben. Dich nicht und mich nicht. Er will wieder so sein, wie er vorher war."
Harry legte ihr einen Arm um die Schultern.
„Das tut mir leid."
Er sah, wie eng die Bindung zwischen den Beiden geworden war und da Hermione ein sehr empfindsamer Mensch war, musste sie Severus Zurückweisung sehr verletzen. Sie lehnte sich an ihn.
„Du kennst mich, so schnell gebe ich nicht auf", meinte sie gespielt zuversichtlich.
Harry legte sein Kinn auf ihren Kopf und blickte so über sie hinweg. Er war sich da nicht so sicher. Wenn Snape tatsächlich vorhatte so zu sein, wie er immer war, dann befürchtete er, dass Hermione eine herbe Enttäuschung erleben könnte.
„Pass auf, dass du nicht verletzt wirst.", sagte er ernst.
„Werd ich nicht", kam es kämpferisch, mit einem Hauch von Unsicherheit, von ihr.
Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Er dachte über sich, über sein Leben, aber vor allem über Hermione nach. Sie hatte seine Welt nachhaltig verändert. Er hatte es geleugnet. Wollte es einfach nicht wahrhaben, wollte es nicht sehen, aber so war es. Der Morgen kroch mit kaltem Sonnenlicht über den See herauf.
Feine Nebelschwaden schwebten wie Geister über den sanften Wiesenhügeln von Hogwarts. Die peitschende Weide schimmerte in der Halbdämmerung wie ein skelettartiges Mahnmal und wirkte so unheimlich und gespenstisch. In der Ferne konnte er mit Mühe Hagrids Hütte ausmachen.
Er folgte den ausgetretenen Pfaden, die das Schloss umgab. Forsch wie immer schritt er aus. War bemüht mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Alles lag friedlich da und verbreitete eine angenehme Ruhe. Das Konzert der Vögel hatte noch nicht eingesetzt und die Tiere der Nacht hatten sich bereits zurückgezogen.
So umgab ihn fast vollkommene Stille. Stille, die ihm über die Jahre ein vertrauter, willkommener Freund geworden war. Nur empfand er es hier und jetzt nicht mehr so. Er hatte sich verändert, auch wenn er sich noch so sehr dagegen sperrte, es war so. Hermione und ihre Freunde hatten ihn verändert. Sie waren, trotz allem was zwischen ihnen stand, freundlich zu ihm gewesen.
Aus Mitleid? Vielleicht. Wahrscheinlich. Es konnte aber auch sein, weil sie ihn tatsächlich so mochten, wie er war. Obwohl selbst ihm das unbegreiflich war. Er war eben kein Mensch, den andere mochten. Nicht einmal Voldemort konnte ihn sonderlich leiden. Gut er mochte niemanden wirklich. Er brauchte nur willige Handlanger für seine schmutzigen Aufträge.
Erst als es Zeit wurde, kehrte er ins Schloss zurück. Er wollte noch heute wieder mit dem Unterrichten beginnen. Er sah keinen Grund noch länger damit zu warten. Letztes Schuljahr unterrichtete er Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch jetzt würde er wieder Zaubertränke unterrichten.
Etwas was ihm, wider erwarten, viel besser gefiel. Es war ihm so vertraut. Wie auch seine alten Verhaltensmuster. Wie Freunde waren sie zu ihm mit den Erinnerungen zurückgekehrt.
Er ließ das Frühstück aus und begab sich sofort in sein Klassenzimmer. Die Schüler würden schon bald kommen. Leicht zitterten seine Hände. Er wollte so gerne über den Dingen stehen, aber das hatte er nie geschafft. Nicht wirklich.
Er konnte lediglich den Schein das es so ist aufrechterhalten und alle würden ihm wie immer glauben. Mit Arroganz und herablassender Art konnte man die Menschen einerseits auf Distanz halten und ihnen andererseits die Möglichkeit nehmen genauer hinzusehen. Sie sahen nur, was er sie sehen ließ – eine Illusion und darin war er Meister.
Er stellte sich vor seinen Lehrertisch, presste die Fingerspitzen gegeneinander, schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief ein und aus. Er fühlte, wie er sichtlich ruhiger wurde. Die erste Stunde hatte er mit Hermione und ihren Freunden. Er musste es schaffen so zu tun, als hätte es die vergangenen Wochen nicht gegeben.
Wenn sie ihm glaubten, dann würde auch er es glauben können. Vielleicht. Irgendwann. Er hörte sie bereits, wie sie die Treppe herunterkamen. Eine Flut aus Schritten und Stimmengewirr bewegte sich gleichmäßig die Stufen herab und auf seine Tür zu. Nach und nach erschienen sie. Blieben verblüfft stehen, um dann hastig ihren Platz einzunehmen.
Professor Slughorn war bereits gestern von Minerva über die veränderten Umstände informiert worden. Er war mehr als erleichtert darüber nicht mehr unterrichten zu müssen und endlich wieder in seinen wohlverdienten Ruhestand zurückkehren zu können. Starr stand er da und wartete, bis Ruhe eingekehrt war. Die Hände hat er vor seiner Brust gefaltet, sie waren eiskalt.
„Schlagen Sie Seite 319 in ihrem Zaubertränkebuch auf."
Er hörte, wie hastig geblättert wurde, dabei musterten ihn die Schüler verstollen. Sie wussten nicht so recht, was los war. Instinktiv fühlten sie, dass vor ihnen nicht mehr der nette, zugängliche Mensch, der er nach seinem Erwachen gewesen war, stand, sondern jener, den sie alle fürchteten. Alle bis auf eine – Hermione!
Sie sah ihm offen ins Gesicht und schien zu warten. Ein Blick auf ihren Tisch bestätigten seine Befürchtungen. Ihr Buch war längst aufgeschlagen. Sie war eine Musterschülerin. Auch Harry sah ihn eher neugierig und abwartend an. Weder Abneigung noch Angst konnte er in seinem Blick erkennen.
Ganz anders bei Ron. In seinen Augen glomm Wut auf. Wut über sein Verhalten. Wut, die er zurecht empfand und genau das war es auch, was er auslösen wollte.
„Sie können nun beginnen den Trank nach Anleitung zu brauen. Ich werde ihre Fortschritte genau überwachen. Am Ende wird sich zeigen, wie viel Sie bereits dieses Jahr gelernt haben."
„Nicht so viel wie Sie."
Er hörte es. Ron hatte es bewusst halblaut gemurmelt, damit er sicher sein konnte, dass er es hörte.
„Ja? Mr. Weasley?"
Provozierend blickte er ihn an. Ron stand auf und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Nichts, Sir!", erwiderte er kalt, dabei zog er das Wort Sir unnötig in die Länge.
„Dann machen Sie sich an die Arbeit, oder haben Sie die Aufgabe nicht verstanden?"
Severus hob fragend eine Augenbraue in die Höhe und blickte ihm herausfordernd in die Augen.
„Ich habe verstanden, Sir!"
Ron kniff die Lippen zusammen und setzte sich wieder. Der Unterricht verlief ohne Störungen. Alle arbeiteten schweigend und konzentriert an ihrem Trank. Als die Stunde zu Ende war, packten alle ihre Sachen und verschwanden.
Alle bis auf drei. Harry, Ron und Hermione blieben noch hier. Severus räumte sein Lehrerpult auf und tat so als würde er sie nicht sehen. Harry räusperte sich laut.
„Sir?"
Er spürte ihre Blicke, spürte ihr warten auf eine Antwort, aber hatte keine.
„Sie sollten gehen. Die nächste Stunde hat bereits begonnen!", kam es barsch von ihm, dann rauschte er an den Dreien vorbei und verließ ohne das er sie eines weiteren Blickes würdigte das Klassenzimmer.
„In kleinen Schritten!", ermahnte sich Hermione und versuchte nicht wütend auf Severus zu sein.
