Vielen Dank für dein Review, Mortianna´s Morgana! Ich freu mich immer sehr von dir zu lesen! Als Belohnung für die Engelsgeduld gibt es heute gleich zwei Kapitel.
Liebe Grüße Gaby
43 Ein Kuss
Lange fand sie keinen Schlaf. Irgendwann in den frühen Morgenstunden fielen ihr die Augen zu und sie schlummerte ein, doch durch ihre Träume geisterten schreckliche Gestalten und grauenhafte Bilder.
Aufkeuchend schrak sie wieder hoch. Unmöglich danach wieder einschlafen zu können. Sie stand auf und trat an das Turmfenster. Der Mond stand in einer dünnen Sichel am Firmament und dünne Wolkenfetzen zogen wie verlorene Seelen über den Himmel.
Plötzlich verspürte sie, den Gesetzen zum Trotz, den Drang nach Draußen zu gehen. Die Wiesen von Hogwarts lagen still und friedlich da und zogen sie beinahe magisch an. Sie warf sich ihren Umhang über und schlich leise nach unten. Dabei achtete sie sorgsam darauf nicht von Filch, oder wer auch immer sonst um diese Uhrzeit herumgeisterte, entdeckt zu werden.
Aber ihre Sorge war unbegründet. Sie begegnete niemandem. Sie schloss die Tür auf und huschte nach draußen. Die Luft war frisch und klar. Es war frostig und roch nach Schnee, aber das störte sie nicht. Sie sprang die wenigen Stufen hinab und trat auf den Kies. Leise knirschte er unter ihren Sohlen. Hermione schlang ihren Umhang fester um sich und ging los. Sie hatte es nicht eilig. Es gab kein Ziel, wo sie hin musste.
Sie schlenderte zwischen den Bäumen hindurch, lehnte sich an einen der dicken Baumstämme und schloss die Augen, um einen Augenblick zu vergessen. In ihr hallten die fürchterlichen Schreie von längst vergangenen Opfern Voldemorts wieder und seine Gräueltaten entstanden in den lebendigsten Farben vor ihren geistigen Auge. Unwillkürlich schüttelte sie sich leicht und versuchte diese Bilder so zu verdrängen.
Er sah noch, wie ein dunkler Umhang sich durch den Türrahmen schob. Irgendjemand fand außer ihm scheinbar auch keinen Schlaf in dieser Nacht. Bei ihm war die Ursache leicht geklärt. Er hatte in letzter Zeit genug geschlafen und war nun endlich wieder aufgewacht. Er war wieder er, wie konnte er da an Schlaf denken?
Noch so ein Problem, das zu ihm zurückgekehrt war. Alle dachten er würde nur aus reiner Boshaftigkeit nachts durch Hogwarts schleichen, aber die Wahrheit war, dass er einfach keinen Schlaf fand. Das er nie müde genug war, um in Morpheus Armen vergessen zu können. Außerdem musste sie ja Jemand wachrütteln.
Musste ihnen sagen, dass es nirgends sicher war. Es gab keinen Ort, keinen Menschen, der sie beschützen konnte. Vor ihm schützen konnte. Voldemorts Häscher waren überall und er würde jeden kriegen den er haben wollte. Er wusste das nur zu gut. Diese Kinder verließen sich seiner Meinung nach zu sehr darauf, dass Dumbledore sie, wenn Gefahr drohte, beschützen würde, aber das konnte er gar nicht.
Er selbst hatte zu viele sterben sehen, um etwas anderes glauben zu können. Severus war immer der Meinung gewesen, dass es besser war, für alle Fälle gerüstet zu sein. Das es besser war, die Angst zu kennen, wenn sie von einem Besitz ergriff und so zu verhindern, dass sie einen lähmte und man somit unfähig war sich zu verteidigen. Voldemort gab es nicht mehr. Er war tot und moderte in seinem Grab vor sich hin.
Die Gefahr war vorüber und alle konnten endlich in eine bessere Zukunft blicken. Nur er nicht. Die Neugierde trieb ihn aus dem Schloss. Er wollte sehen, wer außer ihm in dieser Nacht noch keinen Schlaf fand. Im schwachen Licht des Mondes konnte er gerade noch in der Ferne eine Bewegung ausmachen.
Dieser Jemand schlich bei den Bäumen, die Hogwarts säumten, herum. Ohne Zögern schritt er auf die Bäume zu und folgte dieser Person. Zwischen den Bäumen war das Licht noch schlechter, er konnte kaum die Hand vor Augen erkennen, wie sollte er so den Anderen finden können? Ein leiser Seufzer ließ ihn herumfahren. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte er den Zauberstab gezückt und richtetet ihn in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Eine zierliche, schmale Gestalt lehnte an einem der Baumstämme.
Seltsam vertraut kam sie ihm vor. Sie erinnerte ihn an jemanden. Sie schien ihn noch nicht bemerkt zu haben. Langsam trat er näher, dabei achtete er sorgsam darauf kein Geräusch zu verursachen. Ihr Gesicht lag beinahe vollkommen in den Schatten und doch erkannte er, wer es war, er brauchte ihr Antlitz nicht zu sehen, um zu wissen, dass sie es war. Er wusste, ohne Erklären zu können warum, dass es Hermione war.
Stark und mächtig stieg in ihm das Verlangen, sie vor allem Leid der Welt zu beschützen, auf. Alles Böse wollte er mit aller Macht von ihr fernhalten. Er konnte nicht länger dagegen ankämpfen. Sie stand ihm auf unerklärliche Weise nahe und berührte ihn bis tief in die Seele. Hier in der Dunkelheit erlaubte er es sich seine Gefühle für sie einzugestehen.
Sie war immer für ihn da gewesen. Hatte ihm geholfen und ihn unterstützt. Sie hatte an ihn geglaubt, auch dann noch, als ihn alle bereits aufgegeben hatten. Sie trug seine Bürde mit ihm. Er ließ den Zauberstab sinken. Eigentlich sollte er etwas sagen.
Sie so anzustarren, auch wenn er kaum etwas erkennen konnte, war unhöflich, aber er brachte es nicht über sich die friedliche Stille, die sie beide umgab, zu stören. Gerade als er sich wieder zurückziehen wollte, öffnete sie die Augen. Überrascht keuchte sie auf. Sie brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, wer vor ihr stand.
„Severus?", flüsterte sie heiser und jagte ihm so einen Schauer über den Rücken.
„Es tut mir leid. Ich sollte nicht hier sein. Ich werde dich wieder alleine lassen."
Automatisch zog er sich wieder zurück und wollte gehen, doch Hermione hatte die Hand nach ihm ausgestreckt und umschloss die Seine. Noch immer lag der Zauberstab in seiner Hand, sie konnte es fühlen.
„Bleib", bat sie ihn. Sie spürte, wie er mit sich rang und dann war der Kampf vorbei. Er würde bleiben, vorerst.
„Es ist verboten nachts das Schloss zu verlassen …", begann er, wurde aber von Hermiones Schmunzeln unterbrochen.
„Du bist wirklich wieder ganz der Alte", brach es halb scherzhaft aus ihr heraus. Unbewusst runzelte er die Stirn.
Was war es nur? Was hatte sie nur an sich, dass er wieder zu leben anfing? Er dachte an die Zeit, als er ohne Gedächtnis und so hilflos wie ein neugeborenes Kind war. Sie war da gewesen, sah sich seine Welt an und beschütze ihn zugleich davor.
„Warum bist du hier?", fragte er sie geradeheraus.
„Ich … konnte nicht schlafen", gestand sie ihm.
„Schlecht geträumt?", riet er ins Blaue hinein und traf mitten ins Schwarze.
Es war sein Leben, das ihr den Schlaf raubte, da war er sich ganz sicher.
„Ich kann sie dir nehmen … die Träume", schlug er ihr vor.
Wenn sie es erlaubte, würde er ihr seine Erinnerungen nehmen. Sie wäre frei von dieser Bürde, die sie eigentlich gar nicht tragen sollte.
„Das will ich nicht", widersprach sie leise, aber heftig.
„Warum nicht?" Er verstand sie nicht.
„Weil sie ein Teil von mir sind."
Ihre Antwort kam ohne Zögern und versetzte ihn in Erstaunen. Wie konnte jemand die Hässlichkeit seines Lebens als Teil von sich akzeptieren? Nicht einmal er konnte das. Sie war in der Tat ein außergewöhnlicher Mensch.
„Wir sollten zurückgehen", schlug er ruhig vor.
In ihm tobte ein Sturm der Gefühle und darüber wollte er in Ruhe, ohne Ablenkung, nachdenken. Hermione löste sich vom Baumstamm und ging dicht an ihm vorbei auf das Schloss zu. Sie war sich dabei seiner Nähe auf aufregender Weise bewusst.
Groß, breit, wie immer in schwarzen Stoff gehüllt stand er unnahbar da und doch verspürte sie den starken Drang sich an ihn anzulehnen. Seine Wärme zu suchen und nach seinem Herzschlag zu lauschen.
Unbewusst hatte sie den Atem angehalten, doch ihre Lungen verlangten nach Luft. Hektisch atmete sie ein und machte einen Satz nach vorne, weg von ihm. Severus runzelte die Stirn. Ihr Verhalten gab ihm Rätsel auf. Sie wirkte aufgelöst und unbeherrscht.
So hatte er sie noch nie gesehen. Es war als würde sie … Nein, das war unmöglich.
Langsam und bedächtig folgte er ihr. Sie setzte hastig einen Fuß vor den anderen, wenn sie so weiter machte, würde er schon bald laufen müssen, um ihr folgen zu können.
„Hermione bist du auf der Flucht vor irgendetwas?"
Seine Stimme jagte ihr Schauer über den Rücken und beinahe wäre sie tatsächlich davon gelaufen. Sie zwang sich stehen zu bleiben.
„N … nein. Ich …" Sie schluckte.
„Mir ist nur kalt und ich wollte schnell ins Schloss zurück", erwiderte sie lahm.
Sie war auf der Flucht. Vor sich, vor ihm, aber vor allem vor den erschreckenden Gefühlen. Severus schloss zu ihr auf und blieb neben ihr stehen. Langsam hob er die Hand und strich über ihren Arm.
„Fühlt sich nicht kalt an" widerstrebend kamen die Worte von ihm.
Hermiones Herz schlug ihr bis zum Hals. Ihr war nicht kalt, nicht länger. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber nichts kam heraus. Er hob die Hand und schob sanft ihr Kinn nach oben, sodass sich ihr Mund wieder schloss. Einmal, vor langer, langer Zeit war er einer besonderen Frau so wie jetzt so nahe gewesen.
Auch sie wollte er küssen, aber dieser Wunsch war einseitig gewesen. Unbewusst beugte er sich herab zu ihr, näherte sich mit seinem Mund den Ihrigen. Kurz bevor sich ihre Lippen trafen, wurde er sich seines Tuns bewusst und zuckte zurück.
Das konnte er nicht tun. Er war Lehrer, sie Schülerin. Er durfte sie nicht küssen, er durfte nicht einmal daran denken es zu tun. Er räusperte sich und trat schnell einen Schritt zurück. Schnell genug, bevor er sich noch zum Narren machen konnte.
„Wir sollten weitergehen", schlug er vor und machte sich bereits auf den Weg.
Ihre Hand auf seinem Arm hielt ihn zurück. Hermione lief um ihn herum und blieb dicht vor ihm stehen. Sie hob ihre Arme und legte behutsam die Hände auf sein Gesicht. Unsicher sah sie ihn an, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, drückte ihre Lippen auf seine und schloss die Augen.
Niemand von ihnen beiden bewegte sich. Die Sekunden verstrichen, Hermione kam sich albern vor. Sie hatte geglaubt, tatsächlich gedacht er würde sie küssen wollen. In dem Moment, wo sie sich von ihm lösen wollte, kam Leben in ihm. Automatisch schlossen sich seine Arme um Hermione und drückten sie fest an sich.
Seine Lippen, die zuvor leblos auf ihren lagen, strichen bittend und fordernd über ihren Mund und küsste sie in einer Weise, die sie ihm nie zugetraut hätte. Plötzlich stieß er sie von sich und schritt in großen Schritten auf das Schloss zu.
Benommen blickte sie hinter ihm her. War es wirklich passiert? Hat er sie geküsst? Sie tastete mit den Fingern über ihren Mund. Da hatte er sie mit seinem Mund berührt, hat Gefühle und Sehnsüchte in ihr geweckt. Der richtige Mann zur richtigen Zeit, genau so ein Moment war es gewesen.
Vollkommen in sich, bis zu dem Augenblick, wo er sich losgerissen hatte und davon gestürmt war. Er war ein so schwieriger Mensch, so verschlossen, so verletzt von dieser Welt. Nicht ihre Erinnerungen sollte man löschen, sondern seine. Es tat ihm nicht gut, sich an alles zu erinnern. Sie hatte das Gefühl er würde ihr immer mehr entgleiten.
Einen Schritt kam sie ihm näher, um dann gleich wieder drei zurückgeworfen zu werden. Eine Träne rollte ihr unbemerkt über die Wange und dann noch eine. Sie war verliebt in ihn und hatte es bis jetzt gar nicht bemerkt. Sie horchte in sich. Lauschte auf ihr Herz. Es schlug für ihn und sagte ihr zugleich sie war eine Närrin. Niemand konnte sich in Severus Snape verlieben und dabei glauben er würde die Gefühle jemals erwidern.
Er hatte Lily geliebt und all seine Liebe war in jener Nacht mit ihr gestorben. Sie hatte es gesehen. Er wollte sterben, weil sie nicht mehr war. Erneut fühlte sie den Schmerz, der sie bei dieser Erinnerung durchflutet hatte. Sie war nicht wie Lily Potter.
Ihr gegenüber war er immer so anders, so weich und freundlich gewesen. Er war vermutlich gar nicht mehr fähig dazu zu lieben und sie sollte gleich damit aufhören sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Das Beste wäre vermutlich sie würde sich von ihm fernhalten und versuchen zu vergessen.
Heftig schlug er die Tür hinter sich zu. Er hatte seine sicheren Räume erreicht. Unruhig lief er auf und ab. Der Kuss hatte ihn vollkommen überrascht und aus der Bann geworfen. Er war noch nie so geküsst worden. Noch nie. Selbst Lily, die er aufrichtig mit jeder Faser seines Herzens geliebt hatte, selbst sie hatte ihn nie so geküsst, wie Hermione es getan hatte. So als würde sie ihn tatsächlich lieben.
Severus schloss die Augen und rief jede Sekunde dieses Kusses in sein Gedächtnis. Er wollte sich an jede noch so kleine Nuance erinnern. An den Geschmack ihrer Lippen, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte und an die Süße ihres Kusses. Einmal noch wollte er sich daran erinnern, bevor er sich zwang zu vergessen.
Es durfte einfach nicht sein. Er war kein Mensch, den man lieben sollte. Er konnte nicht lieben. Nicht mehr. Für ihn war es dafür einfach schon zu spät.
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