44 Ein Fest im Mai
Die Tage kamen und gingen und aus Tagen wurden Wochen. Alles ging seiner gewohnten Routine nach. Hermione bemühte sich so wenig wie möglich auf Severus zu treffen. Außer im Unterricht sahen sie sich praktisch nie.
Sein Anblick brach ihr regelmäßig das Herz. Ein paar Monate, dann war es vorbei. Damit tröstete sie sich und irgendwann würde sie es auch glauben. Immer noch verfolgten sie die Bilder aus seinem Leben. Seine Kindheit, die kaum eine war, seine Zeit als Schüler hier auf Hogwarts, seine erste und einzige Liebe und dann seine dunklen Jahre als Todesser, die ihn fast das Leben gekostet haben.
Das alles schuf ein unlösbares Band zu ihm. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen und dann war da noch der Kuss. Wie besessen arbeitete sie an ihrem Schulabschluss. Jeglicher Versuch von ihren Freunden sie vom Lernen abzubringen und etwas Spaß am Leben zu haben, scheiterten kläglich. Sie wollte keinen Spaß haben. Sie wollte …
Tief sog sie die Luft in ihre Lungen. Nein! Das verbat sie sich strengstens. Den wollte sie ganz bestimmt nicht. Hastig vertiefte sie sich wieder in ihre Unterlagen. Ihr rechtes Handgelenk schmerzte sie vom vielen Schreiben und ihr Rücken protestierte gegen die strenge, vorn übergebeugte Haltung, die sie beim Lernen einnahm. Aber das alles ignorierte sie.
Es tat gut etwas anderes zu fühlen, als den Kummer, den ihr ihre dummen Gefühle für Severus eingebracht hatten.
Er beobachtete sie aus der Ferne. Er näherte sich ihr auch im Unterricht nicht. Alle Anweisungen, die er an sie hatte, gab er ihr aus sicherem Abstand. Zumeist verschanzte er sich hinter seinem wuchtigen Lehrertisch.
Er war groß genug, um zu verhindern, dass er die Hand nach ihr ausstreckte und sie an sich zog. Sie war fabelhaft, einzigartig und sie hatte bestimmt eine große Zukunft vor sich. Seine Welt sah ganz anders aus. Er würde, wenn das Schuljahr endlich zu Ende war … Wie lange konnte ein Schuljahr dauern?
Noch nie war ihm die Zeit so ewig erschienen. Jeder Tag bereitete ihm unendliche Qualen. Der Kuss. Er drehte sich zur Tafel um und schloss kurz die Augen. Wenn man nie geküsst, nie geliebt wurde, konnte aus einem so kleinen Ereignis wie ein Kuss etwas Großes, Unbegreifliches werden.
Er konnte Sehnsüchte wecken, für die es schon lange viel zu spät war. Streng hielt er seinen Unterricht. Er achtete sorgsam darauf noch unnahbarer zu wirken, als er es früher schon bereits getan hatte. Harry hatte ihn einmal angesprochen und eine schroffe Abfuhr von ihm erhalten.
Es war kein Platz für James Potters Sohn in seiner Welt und er wollte ganz bestimmt nicht mit ihm befreundet sein. Nur eine Kleinigkeit hatte sich unwiederbringlich geändert. Er schaffte es nicht Harry mit der gleichen Härte zu behandeln wie früher. Der Hass, den er so viele Jahre sorgsam gehegt und gepflegt hatte, hatte sich in Rauch aufgelöst. Er empfand einfach nicht mehr so für ihn.
Zum ersten Mal schaffte er es ihn gerecht zu benoten. Harry war vielleicht nicht der Beste in seinem Unterrichtsfach, aber er gab sich große Mühe und er hatte zweifellos Talent im Finden von unorthodoxen Lösungswegen. Fachwissen war unbezahlbar und wertvoll, aber genauso kostbar war die Fähigkeit zu improvisieren und die besaß Harry. Deshalb konnte er Voldemort besiegen. Deshalb hatte er überlebt.
Müde schloss er sich all abendlich in seinen Räumen ein. Er hatte einiges verändert. Gab dem Raum ein völlig neues Gesicht. Wärme und Licht fehlten hier. Also schuf er mit Magie bodenhohe Fenster. Bedeckte die kahlen Steinwände mit bunt gemusterten Wandvorhängen. Sie zeigten die große Schlacht um Hogwarts.
Den Tod von Dumbledore und den Sieg von Harry. Er wollte sich daran erinnern. Eines der wenigen Dinge in seinem Leben die erinnernswert waren. Es gab natürlich noch mehr, aber das war privat.
Der Winter kam und ging und schon bald sprossen die ersten Pflanzen. Die Gärten rund um Hogwarts erwachten wieder zum Leben und begannen zu blühen. Minerva beschloss im Mai ein großes Fest zu veranstalten. Alles ging fast wieder seinen gewohnten Gang und sie hegte die Hoffnung, dass ein Fest allen gut tun würde.
Manchmal musste man das Leben einfach feiern. Auch Dumbledore befürwortete ihre Idee und unterstützte sie dabei. Auf ihre beständige Frage nach Severus und seinem Wunsch Hogwarts zu verlassen, reagierte er schweigsam. Bat nur Minerva ein bisschen Vertrauen in den Jungen zu haben.
Er würde schon noch zur Vernunft kommen, aber das brauchte eben Zeit. Minerva warf ihm dann jedes Mal einen verschnupften Blick zu. Sie glaubte nicht daran, dass sich Severus anders besinnen könnte.
„Heute Morgen hat er Sibyll beleidigt!", erzählte sie dem Porträt, doch dieses lächelte nur milde.
„Das hat er früher auch schon getan. Die Beiden sind eben von unterschiedlichem Temperament.", versuchte Dumbledore Minerva zu beschwichtigen.
„Er hat zu ihr gesagt sie sei dumm!"
So leicht ließ sich eine Minerva McGonagall nicht beruhigen. Dumbledore runzelte die Stirn.
„Das hat er gesagt?"
„Nun natürlich nicht direkt. Er meinte nur er könnte den Grad ihrer Intelligenz am Satz in ihrer Teetasse abzählen."
Dumbledore musste sich ein Schmunzeln verbeißen. Er liebte Severus bissigen Humor, der fast immer mit einer spitzen Treffsicherheit mitten ins Schwarze traf.
„Aber das ist noch nicht alles. Er …"
Sie wollte gerade weitere Sünden von Severus aufzählen, doch Dumbledore fiel ihr ins Wort.
„Wie benimmt er sich gegenüber Harry?", verlangte er zu wissen.
Minerva trat vor ihren Schreibtisch und faltete die Hände vor ihrem Körper.
„Anders. Ich würde sagen auf eine Art besser", antwortete sie zögernd.
„Auf eine Art besser?", fragte Dumbledore nach.
„Auf seine Art. Er ist nicht mehr so hart und ungerecht zu ihm. Es ist als hätte er seinen alten Groll gegenüber Harry überwunden."
Zufrieden seufzte Dumbledore.
„Das ist natürlich für dich Beweis genug, dass er sich verändert hat. Es kommt für dich nicht in Frage, dass ihm Harry schlicht gleichgültig ist."
Ernst sah Dumbledore sie an.
„Ich meine nur er ist ein erwachsener Mann und durchaus fähig auch so zu handeln."
Abwehrend hob Minerva die Hände.
„Wir reden von Harry. In seiner Gegenwart war Severus noch nie fähig rational zu denken."
Er hätte noch mehr sagen können, aber hielt sich zurück. Was damals passiert war zwischen Severus, Lily und James ging keinem was an. Severus hatte genug deswegen gelitten.
„Ein Frühlingsfest!"
Aufgeregt hüpfte Ginny auf und ab, was ihr einen genervten Blick von Ron eintrug.
„Ist sicher genauso blöd wie ein Ball. Wir werden uns in Festkleidung zwängen müssen und vermutlich erwarten die Mädchen, dass man sie zum Tanzen holt."
Nur ungern erinnerte er sich an den Ball in ihrem vierten Jahr. Er hatte ausgesehen als würde er ein Kleid tragen.
„Ich weiß nicht …", begann auch Harry widerstrebend, was ihm einen bösen Blick von Ginny eintrug.
„Also wenn die alle nicht wollen – ich gehe gern mit dir zum Fest", kam es begeistert von Neville.
Tanzen war eine von Nevilles großen Leidenschaften. Er mochte in dem Fach Zaubertränke nicht der Beste sein, aber was das Tanzen betraf, das konnte er.
„Danke Neville und Hermione kommt bestimmt auch mit!", rief Ginny glücklich aus.
Diese schrak aus ihren Büchern hoch. Verwirrt blickte sie in die Runde.
„Du kommst doch mit auf das Fest?", fragte Ginny vorsichtig nach.
Hermione runzelte die Stirn. Ein Fest war unter anderem eines der Dinge, die sie bestimmt nicht tun würde.
„Ich habe noch so viel zu lernen und die Abschlussprüfungen beginnen bald", sagte sie lahm.
„Hermione!", rief Ginny alarmiert.
Sie befürchtete zu Recht, dass Hermione nicht zum Fest gehen wollte. Mit dem Beginn des neuen Schuljahres hatte sich Hermione immer mehr verändert. Sie sprach nicht darüber, außer mit Harry, aber in letzter Zeit auch nicht mehr mit ihm. Sie hatte sich vollkommen in ihre Welt zurückgezogen.
„Komm schon! Das wird lustig und wir werden Spaß haben. Vielleicht verliebst du dich auch?", sprudelte es, ohne groß nachzudenken, aus Ginny heraus, doch traf sie damit Hermione bis tief in die Seele.
Sie würde sich nie wieder verlieben. Verlieben war so ziemlich das Letzte, was sie in ihrem Leben gebrauchen konnte.
„Nein ich kann nicht. Ich muss lernen. Ich will im Leben viel erreichen", erwiderte Hermione ausweichend.
Sie schob ihre Bücher zusammen, erhob sich und packte ihre Bücher.
„Ich werde in die Bibliothek gehen. Ich muss dort noch einiges nachschlagen."
Hastig entfernte sie sich. Sie war kein Feigling, aber sie hatte Angst doch noch ja zu sagen, wenn Ginny sie weiter bedrängte.
Auf den Treppen und in den Fluren war keine Seele zu sehen und so erreichte sie unbehelligt die Bibliothek. Still war es auch dort. Sie war ganz alleine und außer ihrer Kerze gab es kein Licht im Raum.
Lange Schatten vermischten sich mit der Schwärze des Raums und ließ diesen beinahe unheimlich wirken. Aber nur beinahe. Nichts in diesem Raum könnte ihr jemals Angst machen. Sie liebte Bücher und den Geruch von Büchern.
Ein einsames Licht leuchtete nach draußen und erhellte sanft den Kiesweg vor seinen Füßen. Scheinbar hielt sich noch jemand in der Bibliothek auf. Severus hob den Kopf und sah nach oben. Noch eine verlorene Seele, die alleine sein wollte oder ein Bücherwurm, der seine Nase selbst zu dieser späten Stunde in ein Buch stecken musste.
Plötzlich begann sein Herz schneller zu schlagen und eine vage Ahnung begann in seinem Kopf herumzuspuken. Es gab nur eine Person, die Bücher beinahe mehr liebte als er – Hermione.
Unwillkürlich blieb er stehen und gab sich dem Bild von ihr, wie sie vorn übergebeugt eines der alten Bücher studierte und sich dabei unentwegt Notizen machte. Ihre widerspenstigen Locken würden ihr bestimmt immer wieder ins Gesicht fallen und unbewusst würde sie sie zurückstreichen.
Ihre braunen Augen würden bestimmt sanft leuchten im Schein der Kerze und sie würde bestimmt die Stirn in tiefe Falten gelegt haben. Sie wäre wunderschön. Dieses Bild brannte sich wie von selbst unlöschbar in sein Herz. Er würde sich daran erinnern, wenn er Hogwarts weit hinter sich gelassen hatte.
Langsam ging er weiter, in Gedanken verweilte er noch einen Augenblick unter dem Fenster der Bibliothek.
Die Vorbereitungen für das geplante Fest liefen auf Hochtouren. Alle Fenster wurden geöffnet und die Bilder und Statuen sorgfältig entstaubt. Man hätte manches mit Magie schneller und einfacher lösen können, aber Minerva wollte es lieber auf die altmodische Art machen.
Außerdem machte es den Schülern Spaß die große Halle selbst nach eigenen Vorstellungen zu dekorieren. Natürlich waren die Papierlampions viel zu schrill und bunt und hingen hoffnungslos schief an der extra für diesen Zweck gespannten Leine, aber Minerva fand, wie fast alle, es sah einfach toll aus.
Von der Decke hingen bunt gedrehte Girlanden, Papiersterne und ein großer Mond. Einzig die Bänke und Tische hatte Minerva vorsorglich vor der großen Dekorieraktion mit Magie entfernt. Diese waren zu groß und sperrig um sie einfach in einen anderen Raum stellen zu können.
Ganz vorne schufen die Schüler eine Tanzfläche und ein erhöhtes Podest für die Band mit dem wenig originellen Namen „Magic Five". Bei einigen kamen aufgrund des Namens Zweifel über ihr Können auf, aber niemand wagte sich zu beklagen, zu sehr freuten sie sich auf das Ereignis. Nur einer schlich unruhig zwischen den Vorbereitungen herum und ließ sich dabei kaum blicken.
Severus wollte von dem Fest nichts wissen. Keine zehn Pferde würden ihn dort hinbringen. Er würde sich gemütlich auf seine Couch setzen. Vielleicht einen guten Schluck Wein trinken und an nichts denken.
Vorsichtig blickte er gerade um die Ecke und sah in den Saal. Verächtlich rümpfte er die Nase über all den bunten Papierkram, der von der Decke hing. Viel zu überladen und geschmacklos fand er den Raum.
„Ah Severus! Ich hoffe dich auf dem Fest zu sehen. Vielleicht willst du später tanzen? Es werden bestimmt genug junge Damen anwesend sein."
Minerva war beinahe lautlos an seine Seite getreten und hatte ihn, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, furchtbar erschreckt. So sehr hatte er sich auf anderes konzentriert. Er trat einen Schritt zurück und verschränkte abweisend die Arme vor der Brust.
„Ich werde auf keinen Fall auf diese alberne Veranstaltung gehen!", lehnte er strikt ab.
„Severus du …", begann sie in der Hoffnung ihn umstimmen zu können, aber er fiel ihr schroff ins Wort.
„Nein! Vergiss es!", blaffte er sie schroff an und ließ sie stehen.
Traurig blickte sie hinter ihm her. Sie hatte gehofft, wenn er all das sah, dass er vielleicht doch daran teilnehmen würde. Dass er seine Meinung über sehr viele Dinge ändern würde.
