47 Unbezahlter Urlaub
Atemlos stand Hermione da, unfähig sich zu bewegen. Ein Teil von ihr wollte ihn fest in die Arme schließen, ihn trösten, wärmen. Ihm sagen er war schon lange nicht mehr alleine. Aber ein anderer Teil scheute sich genau davor das zu tun. Sie schaffte es nicht sich zu überwinden die kurze Distanz, die wenigen Schritte die zwischen ihnen lagen, zu überwinden, um bei ihm sein zu können, obwohl sie sich genau danach sehnte. Nein.
Sie sehnte sich danach, dass er es tat. Dass er zu ihr kam und sie in die Arme schloss. Er war nicht der Einzige der Trost brauchte. Der die Nähe und die Wärme eines anderen spüren wollte. Stille hatte sich über den Raum gelegt, nach seinen Worten. Er schien zu warten. Auf eine Antwort von ihr. Aber kannte er die nicht längst? Sie liebte ihn, dummer, unverständlicherweise.
Sie liebte den Mann, der er war, als er nicht wusste, wer er war. Sie seinen wachen Geist, seinen scharfen Verstand und auch die Unsicherheit, die manchmal seit er wieder wusste, wer er war, aufblitze. Niemand außer ihr bemerkte es. Langsam drehte er sich zu ihr um und blickte sie an. In seinen Augen entdeckte sie das, was sie suchte. In ihnen spiegelte sich das wieder, was auch sie fühlte. Überrascht sog sie die Luft in ihre Lungen und automatisch machte sie einen Schritt auf ihn zu. Seine Arme öffneten sich so als wollte er sie in seiner Umarmung willkommen heißen.
In diesem Moment sprang die Tür auf und Minerva stand gleich einem Rachedämon in der Tür.
„Was geht hier vor?" Ihre Stimme war scharf und riss die beiden auseinander.
Sie hatte sich auf dem Weg hier her, bereits so ihre Gedanken gemacht. Gedanken, die sie für absurd hielt. Die sie nicht wahrhaben wollte. Severus war Lehrer und soviel älter und Hermione … Wie lange war es her, das sie noch ein Kind war? Sie war im Herbst gerade mal 18 Jahre alt geworden.
„Ich …", begann Hermione, sie fühlte sich gezwungen etwas zu sagen. So wütend hatte sie Minerva schon lange nicht mehr gesehen. Es war mehr als offensichtlich, das sie mit Severus und ihrem Verhalten nicht einverstanden war.
„Bitte lass uns alleine!", unterbrach sie Hermione schroff und hielt ihr dabei die Tür auf. Mit ihr wollte sie sich später befassen. Alles in Hermione sträubte sich dagegen den Raum und somit Severus zu verlassen. Sie blieb, wo sie war, und rührte sich nicht. Gerade öffnete sie den Mund, um zu protestieren, doch Severus kam ihr zuvor.
„Minerva hat recht, du solltest gehen", stieß er resigniert hervor. Was er getan hatte, war Wahnsinn gewesen und dafür bezahlte er nun den Preis. Heftig schwang sie zu ihm herum. Schmerzerfüllt sah sie ihn an. Nach allem was er gesagt, was sie sich erhofft hatte, schickte er sie einfach fort? Sie verstand ihn nicht. Verzweifelt wartete sie auf eine Geste von ihm. Ein leichtes Nicken, ein Wort, auf irgendein Zeichen, das sie sich später treffen würden und ihre Unterhaltung dort fortsetzten, wo sie von Minerva so schändlich unterbrochen worden waren. Sie wartete vergebens.
Ohne es zu wollen, füllten sie sich ihre Augen mit Tränen. Schnell drehte sie sich fort von ihm und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend rannte sie nach oben und durch das Portal hinaus in die Nacht. Sie wollte nur weg. Nicht mehr zurückblicken, nichts mehr sehen und nichts mehr fühlen. Sie lief, bis sie nicht mehr konnte und Seitenstechen bekam. Keuchend lehnte sie sich an einen Baum.
Nun erst richtete sie den Blick auf ihre Umgebung. Sie stand mitten im verbotenen Wald. Um sie herrschte tiefste Dunkelheit und dafür war sie dankbar. Ungehindert liefen ihr die Tränen über die Wangen. Sie so gehofft er … Was? Das er ihr sagte er liebte sie? Sie wischte sich mit der Hand die Tränen fort, aber neue folgten bereits.
Warum fiel es ihm so schwer zu ihr zu stehen? Er machte sich etwas aus ihr, das hatte er bewusst oder unbewusst mit seinem Wunsch zu leben zugegeben, da war sie sich ganz sicher. Sie spürte aber auch den Konflikt in ihm. Sie war, wenn auch volljährig, immer noch eine Schülerin und er. Alle die er jemals geliebt hatte, hatten ihn im Stich gelassen oder verlassen. Sie konnte sich vermutlich nicht einmal ansatzweise vorstellen wie schwer es ihm fallen musste wieder Vertrauen zu fassen.
Sie hatte Glück gehabt in ihrem Leben. Sie war geliebt worden. Er nicht.
„Wie erklärst Du mir das?" Minerva hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Severus ernst an. Am liebsten hätte sie ihn für seine Dummheit, für seine grobe Verletzung des Anstandes, der in dieser Schule galt, geschüttelt. Wie konnte er einfach vor aller Augen eine Schülerin aus dem Ballsaal zehren?
Severus senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Er konnte Minerva keine plausible, zufrieden stellende Erklärung bieten, ohne dafür lügen zu müssen. Wie sollte er ihr nur zu begreiflich machen, was in ihm vorging, oder wie wichtig Hermione für ihn war, ohne, wie außer Kontrolle geratener Wüstling dazustehen? Sie würde doch nur denken er habe endgültig den Verstand verloren und vielleicht hatte sie sogar recht damit.
„Nun Du wirst doch etwas dazu sagen können?" Wie ein Peitschenhieb trafen ihn ihre Worte. Seine Atmung ging unregelmäßig und er hörte jedes Geräusch überdeutlich laut.
„Ich brauche sie", erwiderte er schlicht.
„Aber sie …", stieß Minerva hervor. Seine schlichte Antwort nahm ihr jeglichen Wind aus den Segeln. Er hatte endlich jemanden gefunden den er brauchte. Wie sehr hatte sie sich das gewünscht? Er war ohne Albus so verloren gewesen und auch schon mit ihm. Und nun gab es da jemanden und sie musste ihm diesen jemanden wieder wegnehmen. Das war nicht richtig, auch wenn sie im Recht war. Tief holte sie Luft. Ihr taten ihre folgenden Worte genauso weh, wie sie es ihm tun mussten.
„Ich müsste dich eigentlich suspendieren, aber diese Schule hat schon genug mitgemacht und würde so einen Schaden nicht mehr überstehen, also wirst du dir bis zum Ende des Schuljahres unbezahlten Urlaub nehmen. Du hast zwei Tage Zeit Hogwarts zu verlassen. Ich kann so ein Benehmen nicht dulden"
Ergeben nickte er mit dem Kopf. Minerva McGonagall tat das einzig Richtige. „Ich werde morgen das Schloss verlassen", versprach er ihr ruhig.
„Severus ich …" Sie wollte es ihm erklären. Jeder andere, aber warum ausgerechnet er? Er wollte zwar von sich aus am Ende des Schuljahres die Schule verlassen, aber sie hatte die wage Hoffnung gehabt, dass er es sich bis dahin anders überlegen würde. Das hier war sein Zuhause und nun war sie gezwungen ihn fortzuschicken. Versteinert blickte er sie an.
„Ich denke es ist bereits alles gesagt und nun würde ich mich gerne ans Packen machen, wenn Du erlaubst" Der Klang seiner Stimme lag jenseits des Gefrierpunkts und machte Minerva so deutlich, dass egal, was sie sagte, es ihn nicht mehr erreichen konnte. Sie kehrte ihm den Rücken zu und öffnete die Tür.
„Es tut mir leid", flüsterte sie und verließ den Raum. In ihren Augen standen Tränen. Dumbeldore hatte sich geirrt, sie war keine gute Schulleiterin. Sie hatte auf ganzer Linie versagt. Müde stieg sie die Stufen hoch, vorbei am Festsaal. Ihr war die Lust zu feiern vergangen.
Er zog seinen Koffer aus seinem Schrank. Damals vor so unendlich vielen Jahren war er mit genau diesem Koffer hier angekommen. Sorgsam wischte er die feine Staubschicht, die sich auf der Oberfläche gebildet hatte, ab und legte ihn auf das Bett. Jegliche Gedanken an Hermione, an Minerva oder seine Gefühle schob er von sich. Er wollte nicht darüber nachdenken. Noch nicht.
Dafür hatte er Später noch genug Zeit. Ordentlich legte er seinen Hemden, Mäntel, Socken und Unterwäsche hinein und schloss ihn sorgsam. Seine Bücher packte er in eine große Truhe. Den Rest konnten sie ihm irgendwann nachschicken. Nach Spinner´s End. Bitter presste er die Lippen aufeinander. Er hasste diesen Ort und hatte sich schon vor einer Ewigkeit geschworen niemals dorthin zurückzukehren, aber er wusste nicht, wohin er sonst gehen sollte.
Er war so viele Jahre dort nicht glücklich gewesen, also standen die Chancen ganz gut das er es auch jetzt nicht wurde. Gefasst nahm er auf einen der Stühle Platz und wartete. Er würde diese Nacht nicht mit schlafen vergeuden, sondern auf den Morgen warten. Auf keinen Fall wollte er noch hier sein, wenn die Ersten erwachten. Diese Demütigung von den Schülern und Lehren dabei gesehen zu werden wie er Hogwarts mit nichts als einen schäbigen Koffer verließ, wollte er sich ersparen.
Was sie wohl tat? Ob sie damit schon begonnen hatte ihn zu hassen? Er hatte nichts getan um sie zurückzuhalten. Gab ihr mit keinem Wort zu verstehen, wie er sich fühlte. Sie würde nie erfahren wie dicht er davor gestanden war sie zu bitten zu bleiben. Bei ihm zu bleiben. Aber das konnte er ihr nicht antun. Dabei war er sich fast sicher gewesen, dass ihre Antwort ja gewesen wäre. Sie wäre mit ihm gekommen. Nur wie lange würde es dauern, bis sie ihre Entscheidung bereute?
Einen Tag, eine Woche, vielleicht einen Monat? Bestimmt nicht länger. Sie würde all zu schnell merken, das sie der einzige Grund für ihn war Leben zu wollen, aber in was für eine Lage drängte er sie mit diesem Wissen? Hermione war ein gütiger, liebenswerter Mensch und würde selbst dann bei ihm bleiben, wenn ihre Liebe zu ihm längst erloschen war. Nein. So ein Leben wollte er nicht für sie.
Wenn er ging, würde sie vergessen. Langsam erhob er sich, packte seinen Koffer so fest, sodass seine Fingerknöchel weiß hervortraten und verließ seine Räume. Es hatte keinen Sinn bis zum Morgen zu warten.
Müde sank sie auf einen Baumstumpf und es war ihr egal das sie dabei vermutlich ihr Kleid ruinierte. Vermutlich machten sich ihre Freunde schon Sorgen um sie, aber sie wollte im Moment niemanden sehen. Zorn schoss in ihr hoch. Zorn auf Minerva. Warum nur musste sie sich einmischen?
Vor ein paar Minuten war sie noch beinahe im Himmel gewesen, doch durch ihr Erscheinen war sie ins Bodenlose gestürzt. Sie hatte auch Angst davor zu erfahren, was sie zu Severus sagte. Würde es ihn wieder dazu bringen sie von sich zu stoßen? Er war ein Mensch, der seinen Gefühlen nicht traute. Sie würde am liebsten gleich zu Minerva gehen und sie bitten sich nicht einzumischen, aber es war mitten in der Nacht und diese hatte bereits schlechte Laune.
Es war bestimmt besser bis zum Morgen zu warten und dann mit der Schulleiterin zu sprechen. Sie musste verstehen, dass sie volljährig war und somit tun und lassen konnte, was sie wollte. Auch wenn das hieß, dass sie bei Severus sein wollte. Ihn würde sie als Nächstes zur Rede stellen. Plötzlich unsicher nagte sie mit den Zähnen an ihrer Unterlippe und richtete den Blick nach oben zu den Sternen.
Sie konnte nicht einfach zu ihm gehen und Antworten verlangen. Er war nicht wie Harry oder Ron. Er war Severus Snape und würde bestimmt nur die Antworten geben, die er für nötig hielt zu geben. Außerdem wusste er bereist, wie es um ihr Herz stand. Es war an ihm zu ihr zu kommen und mit ihr zu reden. Was er vermutlich in tausend Jahren nicht tun würde. Müde lehnte sie sich mit dem Rücken an einen Baum und wünschte sich das diese Nacht endlich vorbei wäre.
