Hallo Mortiana´s Morgana, schön von dir zu lesen. Ich hoffe bei deinen Prüfungen ist alles gut gelaufen? Wie du siehst habe ich mich mit dem Schreiben nicht wirklich beeilt und es geht eher langsam weiter. Na allzu viel fehlt jetzt eh nicht mehr. ;-)

Ich wünsch dir und all meinen anderen Lesern frohe Weihnachten!

lg Gaby

49 Manchmal müssen wir hören um zu verstehen

Unentschlossen stand sie da und starrte auf das Haus. Nur wenige Schritte trennten sie von der Tür, aber es schien ihr unmöglich sich zu überwinden diese zu gehen. Was würde sie jenseits der Tür erwarten? Ein Mann? Eine Liebe? Nichts? Müde wischte sie sich mit der Hand über das Gesicht.

Die vergangenen Wochen forderten ihren Tribut. Hermione hatte, um die Leere nicht spüren zu müssen, zu viel gelernt, kaum geschlafen und sich nur wenige Pausen gegönnt, aus Furcht ins Grübeln zu kommen. Seit heute Morgen war sie hochoffiziell keine Schülerin von Hogwarts mehr. Wie erwartet war ihr Abschluss mit Auszeichnung ausgefallen. Zu einer anderen Zeit würde sie mit Harry, Ron und all ihren anderen Freunden jetzt zusammensitzen und feiern. Sie wäre unheimlich stolz auf sich selbst und könnte es kaum erwarten das Zeugnis ihren Eltern zu zeigen.

Leise seufzte sie. Ihre Noten waren ihr im Moment vollkommen egal. Deswegen war sie nicht hergekommen. „Wenn deine Gefühle dieselben sind, dann besuche mich!" Das waren seine Worte gewesen. Nun war sie hier und schaffte es nicht die letzten paar Meter zu überwinden und an diese verdammte Tür zu klopfen. Spinners End – bisher kannte sie es nur aus seinen Erinnerungen. Komisch, da war es ihr viel größer erschienen. Von außen wirkte das Haus verwahrlost.

Severus war vermutlich, nachdem er nach Hogwarts kam, nie mehr hier her zurückgekommen. Seine Kindheit hatte viele Schattenseiten gehabt und eine davon war sein Vater gewesen. Plötzlich sog sie heftig die Luft in ihre Lungen. Die Erinnerung wie sein Vater ihn bedroht hatte, durchflutete sie mit einer Lebendigkeit, so als hätte sie diese erst gestern gesehen, oder selbst erlebt.

Er wusste schon, seit sie hier her appariert hatte, dass sie da war. Sie war tatsächlich gekommen. Am liebsten wäre er nach unten gestürzt, hätte die Tür aufgerissen und sie ins Innere des Hauses gezogen um sie nie mehr fortzulassen. Aber das wollte er nicht. Wenn sie kam, dann sollte es aus freiem Willen geschehen. Hermine sollte von sich aus hier bei ihm sein wollen. Tief holte er Luft.

Sie stand schon ziemlich lange da unten vor seiner Tür. Eigentlich wartete er darauf, dass sie sich umdrehte und sie so schnell wie möglich davon lief. Er würde es tun. In den letzten Wochen hatte er seine Zeit nur damit vergeudet an sie zu denken. Jeder wache Moment gehörte ihr und selbst in seine Träume schlich sie sich ein. Ob er es wahrhaben wollte oder nicht, aber sie beide verband etwas Mächtiges, Starkes. Mochte es mit seiner Krankheit zusammenhängen, oder was viel wahrscheinlicher war mit seinen schrecklichen Erinnerungen, nur eines war sicher, sie hatte seine Welt für immer verändert.

Mit vielen Dingen aus seinem Leben konnte er, dank ihr, endlich abschließen. Lily und seiner Schuld ihr und ihrer Familie gegenüber. Der lang gehegte Hass gegen Harry war verschwunden und auch seine Bitterkeit gegen die Welt, aber vor allem gegen sich selbst war weniger geworden. Er brauchte sie so sehr wie die Luft zum Atmen. Bisher hatte er das gar nicht wirklich verstanden, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er zugeben, dass die vergangenen Wochen die Hölle waren und das lag nicht nur an diesem schrecklichen Haus, das er so sehr hasste.

Sie konnte nicht gehen und sie konnte nicht bleiben. Warum kam er nicht und machte ihr die Entscheidung leichter. Seine verschlossene Tür hieß sie nicht gerade willkommen. Er musste doch wissen, dass sie hier auf ihn wartete. Konnte er nicht sehen, wie sehr sie litt? Vermutlich konnte er das. Bestimmt stand er irgendwo da oben hinter einem der Fenster und beobachtete sie. So wie sie ihn einschätzte, wollte er ihr die Entscheidung wie es zwischen ihnen weiterging überlassen.

Oder er gab ihr so zu verstehen, dass sie ihm so wenig bedeutete, das er es nicht einmal für nötig erachtete ihr die Tür zu öffnen. Eine Eule schwirrte über ihren Kopf an ihr vorbei und landete an einem der oberen Fenster. Heftig hieb sie mit ihrem Schnabel gegen die Glasscheibe und begehrte so einlass. Nun würde sich zeigen, ob er zu Hause war, oder sie ihm unrecht tat. Sie beobachtete das Tier, es war ein sehr schöner Vogel und wohlgenährt. Bestimmt kam er von Hogwarts.

Was wollte Minerva schon wieder von ihm? Reichte es ihr nicht ihn von der Schule und aus ihrer Nähe vertrieben zu haben? Ganz würde sie ihr wohl nie verzeihen. Sie hatte sich ihrem Glück in den Weg gestellt. So was konnte Hermione nicht so leicht vergessen, geschweige den vergeben.

Zornig funkelte er den Vogel an, aber der schien davon nur wenig beeindruckt zu sein. Er versuchte ihn mit der Hand fortzuscheuchen, auch damit ließ sich dieser nicht von seinem Vorhaben abbringen. Er wollte, koste es, was es wollte, seine Nachricht an den Mann, besser gesagt an ihn, bringen. Natürlich konnte er so tun als würde er sein penetrantes Klopfen an die Glasscheibe gar nicht hören und darauf hoffen ihn so zum Aufgeben zu bewegen. Nur allzu gut wusste er, dass eine ziemlich blöde Idee war.

Der Vogel würde so lange gegen seine Scheibe hämmern, bis er das Fenster öffnete und ihm das Pergament, das festgebunden an seinem Fuß hing, abnahm. Kurz schloss er die Augen, wappnet sich für die nun folgenden Minuten und riss das Fenster auf. Bevor er noch seinen Kopf aus dem Fenster stecken geschweige denn Hermione etwas zurufen konnte, drängte der Vogel bereits ins Innere und hielt ihm seinen Fuß unter die Nase.

Unwirsch knüpfte er die Schnur die die Nachricht hielt los, gab den Vogel widerwillig eine Belohnung um ihn endlich wieder loszuwerden, damit er sich um die wirklich bedeutenden Dinge des Lebens kümmern zu können. Der Vogel war gerade fort und schon wieder vergessen. Zögernd bewegte er sich auf das noch offen stehende Fenster zu und blickte nach unten. Da stand sie und sah ihn an.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Er war also doch zu Hause. Mühsam schluckte sie und sah abwartend hoch zu ihm mitten in sein Gesicht. Was würde er jetzt tun? Sie weiterhin ignorieren und sie wie eine Bettlerin vor seiner Tür stehen lassen, oder kam er vielleicht doch noch herab und öffnete ihr? Er hatte bisher nie wirklich gesagt, was er fühlte. Die alte Unsicherheit kehrte mit aller Macht in ihr Herz zurück. Nein, das durfte sie nicht zulassen!

Er hätte sie nicht eingeladen, wenn er sie nicht hier haben wollte. Noch machte er keine Anstalt sie einzulassen. Wie fest gezaubert stand er da und betrachtete sie. An seinem Gesicht konnte sie nicht ablesen, was er dachte. Für ihn war es überlebenswichtig gewesen, sich nicht anmerken zu lassen, was er wirklich dachte und fühlte. Nur der Hauch einer Schwäche hätte für ihn im Kreise rund um Voldemort den sicheren Tod bedeutet. Beinahe hätte Voldemort es auch geschafft. Zum Schluss war Severus ihm lästig gewesen und außerdem besaß er etwas, was der dunkle Lord unbedingt haben wollte – Dumbeldores Zauberstab.

Es hatte lange gedauert bis Voldemort dahinter kam, wie er von den Beiden hintergangen worden war, aber er kam dahinter und hetzte Nangini auf Severus. Schreckliche Narben auf seinem Hals würden für immer stumme Zeugen davon bleiben. Es gab so vieles, was sie von seiner Welt gesehen hatte. Was sie beide untrennbar verband. Warum hatte er ihr nicht die Erinnerung genommen? Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen und sie hätte es nicht einmal bemerkt.

Unbewusst runzelte sie die Stirn. Im Gegensatz zu ihm, konnte man an ihrem Gesicht jeden Gedanken, dem sie folgte, ablesen. Ein Mienenspiel, das die Kunst der Legilimentik beinahe unnötig machte.

Mit großer Mühe gelang es ihm sich von ihrem Anblick loszureißen. Er sollte endlich nach unten gehen und ihr die Tür öffnen. Langsam schritt er nach unten. Wenn er die Tür öffnete, dann gab es kein zurück mehr. Er hatte sich, wie es ihm schien, schon vor langer Zeit entschieden, also warum zögerte er noch? Wenige Schritte vor der Tür blieb er stehen und starrte diese an, als sähe er sie zum ersten Mal.

Mit plötzlicher Erkenntnis wurde ihm klar, warum es ihm nicht leicht fiel, diese Tür aufzureißen und Hermione einzulassen. Es würde alles verändern. Er müsste Gefühle zulassen, von denen er dachte, sie bereits vor Jahren verloren zu haben. Liebe war einer der mächtigsten Zauber, die es auf der Welt gab, jedenfalls wenn man Dumbeldores Worten glauben schenken konnte. Jahr für Jahr predigte er ihm, wie wichtig Lilys Liebe für Harry war.

Einer Liebe, die er sich gewünscht hätte und die diesem unwürdigen Knaben zu teil wurde. Dumbeldore versuchte ihm klarzumachen, dass Liebe die stärkste Waffe im Kampf gegen Voldemort war und nicht wie er, Severus, ihm entgegenhielt, dass diese alleine mit Intelligenz, oder dem Mut es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen zu tun hatte. „Wichtige Waffen, Severus! Aber du wirst sehen, es ist die Liebe, die am Ende siegt!" Weise Worte und der alte Narr hatte tatsächlich recht behalten. Harry war es nur durch die Liebe gelungen den Sieg davon zu tragen. Konnte bei ihm die Liebe die gleichen Wunder bewirken?

Hermione hatte sich bis dicht vor die Tür gewagt und nun musste sie schwer an sich halten, um nicht ihr Ohr an diese zu pressen, um zu hören, ob er endlich kam und sie einließ. Was hielt ihn auf? Gerade hob sie die Hand um die Tür aufzustoßen, als das beinahe unerwartete eintrat. Wie von Zauberhand öffnete sie sich und Severus stand direkt vor ihr.

Einige Sekunden lang sahen sie einander an, dann machte er einen Schritt zur Seite und ließ sie ein. Unbemerkt stahl sich eine Träne aus ihrem Auge und lief über ihre Wange. Verstollen wischte sie sie fort. Schweigend brachte er sie an der Treppe vorbei in einen kahlen Raum, der vermutlich als Wohnzimmer genutzt wurde, oder auch nicht, wenn sie an seine Eltern dachte. Sie drehte sich um und sah ihn an. „Die Schule ist vorbei!"

Langsam kam er näher. Vorsichtig hob er die Hand und strich mit den Fingern federleicht über ihre Wange. Um sie zu spüren, musste er sie berühren. Hermione blieb ganz stillstehen, wagte nicht einmal zu atmen und wartete nur ab.

„Warum bist du gekommen?", fragte er leise.

„Ist dir mein hier sein nicht Antwort genug?", antwortete sie mit einer Gegenfrage.

„Manchmal müssen wir hören, um zu verstehen. Es reicht nicht alleine nur zu wissen"

Sie legte ihre Hand auf seine. Offen sah sie ihm in die Augen.

„Dann blick in mein Herz", schlug sie vor und gab ihm so die Erlaubnis in ihrem Geist zu lesen.

Wenn er das Wissen um die Aufrichtigkeit ihrer Gefühle brauchte, dann sollte er sie bekommen. Minutenlang herrschte Schweigen zwischen ihnen und doch fühlte er sich von all den Gefühlen, die ihn durch sie durchfluteten fast erschlagen. Er glaubte es nicht ertragen zu können. Wie war es möglich, dass sie so viele Empfindungen in sich trug, ohne verrückt zu werden und dann plötzlich, verstand er es. Er zog sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Nie wieder würde er sie loslassen. Nie wieder.