2. Vergangenheit und...

*Matthew*

Wir saßen inzwischen im Büro von Detective Taylor und unterhielten uns über meine kleine Schwester und die letzten Monate. Bisher hatte ich es vermieden offen gegen meinen Vater das Wort zu erheben, doch jetzt wo Arya fortgelaufen war und sich ein Irrer herumtrieb der Mädchen in ihrem Alter und von ähnlichem Aussehen tötete... Ich fühlte mich so unendlich hilflos und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Inzwischen war dieser Taylor verschwunden, irgendwie war er mir vorhin seltsam beunruhigt vorgekommen. Nun stand ein anderer Mann vor mir, einer vom NYPD ein Sowieso Detective Flack. Ich seufzte.

„Und... Ihre Stiefmutter hat wirklich nie etwas gesagt, wer der Vater war, oder... irgendetwas über ihn erzählt? Denken Sie nach, jeder kleinste Hinweis könnte helfen und..."

„Verdammt! Ich weiß aber nichts, außer das sie sich in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde kennengelernt haben."

„Okay... ähm... sie taucht sicher wieder auf, nachdem... was Sie erzählt haben scheint Janina keines der Kinder zu sein, das einfach untertaucht."

„Sie ist weg, oder?"

„Ja, schon, aber... Kinder wie sie tauchen wieder auf. Fast immer, nach wenigen Tagen und unversehrt."

Ich seufzte tief und nickte. „Die, die nicht auftauchen?"

„Leben ihr Leben, irgendwo tauchen sie wieder auf."

„Ihr Wort in Gottesohr!"

Der Polizist grinste und deutete zur Tür. „Kommen Sie fahren Sie in ihr Hotel, versuchen Sie sich abzulenken, essen sie was, versuchen Sie zu schlafen, ich gebe sie zu Fahndung raus und melde mich bei Ihnen. Wir finden Ihre Schwester."

„Danke, aber ich... kann nicht. Sie erreichen mich auf dem Handy." Ich wandte mich ruhelos ab, der Mann hielt mich auf. „Moment, was haben Sie vor?"

„Ich gehe in den Park, ich...ich brauche das Gefühl etwas zu tuen."

Der Beamte nickte und ließ mich gehen.

Mit ungutem Gefühl meldete ich mich bei Becky und bat sie nicht zu kommen. Es machte absolut keinen Sinn, wenn wir am Ende beide die Arbeit verloren. Frustriert und wütend über die Behörden verließ ich wenig später die U-Bahn am Central Park, um dort zu suchen und vielleicht auch etwas Ruhe zu finden, ich glaubte nicht wirklich daran. Ich war eben einfach kein Stadtkind und würde es niemals sein.

xXx

*Mac*

In Jos Büro angekommen schob ich die Tür hinter mir zu und lehnte mich an den kühlen Metallrahmen, dass ich von überall her zu sehen war, daran dachte ich überhaupt nicht. Meine Gedanken waren ganz woanders. Obwohl ich wusste, dass sich nach 9/11 viele Menschen in den Trauergruppen kennengelernt hatten, war mir das, was der junge Mann erzählt hatte viel zu vertraut vorgekommen, ich hatte fast sofort an mich und Nathalie gedacht. Seine Worte gingen mir nicht aus dem Sinn,

...sie hatte 9/11 zwei Familienmitglieder verloren, und... sie hat ihn Monate später in einer Selbsthilfegruppe für Trauernde gefunden. Sie...wurden Freunde und... irgendwann...ging es wohl weiter, danach ist sie weggezogen. Sie sagte einmal... irgendwie wollten wir es beide, doch es wäre falsch gewesen, wir waren noch nicht bereit...

Wie hieß Ihre Stiefmutter? Wissen Sie wo sie zur Beratung ging?"

Keine Ahnung, oh und sie heiß...hieß Nathalie Charlotte Ortega...

Gut, son..."

...Claire... die...die Frau, die er verloren hat... Claire...

Flacks Blick, der mich getroffen hatte. Claire. Ja ich wusste es gab noch mehr weibliche Opfer mit diesem Namen, doch ich war mir sicher das es nur eine Nathalie Ortega gab, die zu mir führte. Ich ging weiter zum Fenster blickte hinaus, zur nächsten Skyline, dort rechts hatten sie einmal gestanden. 9/11...Claire... Nathalie... sein letztes Gespräch mit Claire...

"...oh, Mac!...Ich...ich gehe rein, ich...""Nein! Claire Bleib draußen, dort ist es sicher, du...Claire? CLAIRE!..."

Sein letztes Gespräch mit Nathalie, so anders und doch...

"Geh nicht.""Ich muss Mac, du...weißt es ist nicht...vielleicht, womöglich später einmal.""Ally..""Es...ist gut Mac. Leb wohl." Ein Kuss auf die Wange und sie war fort.

Ich bemerkte erst, das ich an ihrem Schreibtisch saß, als sich die Tür öffnete und Jo hereinkam.

xXx

*Janina*

Ich trat aus der U-Bahn, vorbei an zwei Streifenpolizisten, die jeder einen Hotdog hielten und grinste. So ein Klischee aber auch, wie im Film, fehlte nur noch das einer von beiden gleich etwas bemerkte und sie beide los rannten, während ihr Essen zu Boden fiel. Ich schmunzelte weiter, blieb an der Ecke an einem Schaufenster stehen und sah in die Auslage. Die Brötchen sahen gut aus, dufteten lecker. Gerade als ich mein Portemonnaie raus holen wollte passierte es...

HEY! Hey, bleib stehen!" Ertönte eine Stimme. Schon im nächsten Moment jagte jemand an mir vorbei, hinter mir hörte ich schwere Schritte und das Plomp, von etwas das im Müll landete. Oh, verdammt!"rief eine andere Stimme. Ich wirbelte herum, hinter mir kamen die Polizisten von eben angerannt. Instinktiv wich ich an die Scheibe zurück. WOW, das war ja echt wie im Film, und hier hatte Mum gelebt? Der erste Cop war schon an mir vorbei, und wie die New Yorker wandte auch ich mich ab und wollte mein Brötchen kaufen, als mich jemand packte und zu sich zog.

„He loslassen!" Schrie ich und trat nach meinem vermeintlichen Angreifer. „Lassen..." Ich verstummte auf schlag, als ich herumgezogen wurde und erkannte wer mein Angreifer war, der Polizist. Überrascht und besorgt musterte ich den braunhaarigen mit seinem Schnauzer. Er grinste mir zu. „Frank, ich hatte Recht, das ist die Kleine, das Mädchen das Flack heute zur Fahndung rausgab."

Ich sah hinter mich und direkt auf zu Frank, einem blonden Schönling. Wer hat denn den in Uniform gesteckt? Gab's den im Sonderangebot auf dem Laufsteg? Ich verschränkte die Arme und stemmte die Füße gegen den Boden, als der erste, ein Magnum Verschnitt mich mitnehmen wollte. „Lasst das! Meine Mum zeigt euch an! Ich hab doch gar nichts ge..."

„Officer, nu lassen Sie doch das Arme Kind los. Die Kleine hat meine Handtasche nicht versucht..."

„Nein Mam, aber diese hier ist ausgerissen und auf unserer Suchmeldung. Wenn Sie Anzeige erstatten wollen melden Sie sich bitte auf dem nächsten Revier Mam."

„Dieses Mädchen!?" Entrüstete sich die Frau, sah meine beiden Wachhunde an und schüttelte anklagend den Kopf. „Die ist doch nicht ausgerissen! Ranzen, Geldbörse, gute Klamotten und..."

„Guten Tag Mam!" Sagte Magnum- Cop entschieden und zog mich mit sich. „He!" Protestierte ich. Doch alle Gegenwehr und aller Protest nutzten nichts. Die beiden führten mich zu ihrem Wagen, stopften mich hinein und fuhren los. Missmutig verschränkte ich die Arme und starrte auf meine Schuhe. Was zum Teufel hatte ich nur falsch gemacht, mein Stiefvater hatte mich wirklich für vermisst gemeldet? Nein, nie im Leben! Aber wer...Matthew! Verdammt!

„Sag mal Kleine, warum bist du denn..."

Ich schloss die Augen und senkte den Kopf noch tiefer, der Schönling schwieg und seufzte. Er sagte irgendwas von wegen zu ordentlich und welchen Boss meine Familie wohl kannte dass ich gesucht wurde, ehe ich nach Straße aussah. Ich schnaubte verärgert und dachte mit Sarkasmus daran, dass wir hier definitiv niemanden kannten und es meinen Stiefvater wohl kaum interessierte in welcher Gasse ich endete.

xXx

*Mac*

„Hey, was ist denn los? Flack meinte du bist einfach raus."

„Schon gut, ich brauchte nur einfach einen Moment. Erinnerungen." Ich stand bereits neben ihr und wollte an ihr vorbei, als Jo meinen Arm fasste. „He, Mac, ich bin's, Jo. Was ist los? Du hast doch was? Was stimmt nicht, eine junge Ausreißerin nimmt dich doch sonst nicht so mit. Was...ist anders."

„Dieses Mädchen passt ins Profil, heute Abend wird er wieder zugreifen und... sie ist... meine Tochter." Ich seufzte und hob den Blick, ich hatte es getan. Ich hatte es in Worte gepackt. Meiner Vermutung Raum gegeben. „Was? Wiederhole das Mac!" Sie starrte mich an.

Ich nickte nur, ich hatte es einfach aussprechen müssen. Jo nickte, sie hatte sich wieder gefangen und öffnete die Akte, die unweigerlich alles über Janina enthalten musste, was Flack und sie bisher wussten, war es mehr als ich mitbekommen hatte?

Sie schaute hinein. „Sicher?" Fragte sie prüfend ich nickte. „Mac, wann genau wart ihr zusammen?" Fragte sie, ich wusste was sie vorhatte, gleich als sie fragte und doch zögerte ich. Warum hab ich nicht nachgerechnet, warum... Nein, ich kannte den Grund es waren zu viele Gefühle wieder hochgekommen, ein Grund, warum Angehörige nicht ermitteln sollten.

„Zwischen Ende November und mitte Januar haben wir uns oft gesehen, aber... wir sind nur einmal über die Grenze...," ich schüttelte den Kopf. „Der 25. Dezember."

Ich sah wie sie nachrechnete, wir kannten uns einfach zu gut. „September," sagte sie und öffnete wieder die Mappe.

„14. September 2002," gab ich ihr die Antwort und nickte dann. „Ich bin mir sicher das ich der einzige war."

„Mac, wir finden Sie. Denk dran, sie ist hier, um ihren Vater zu finden, dich. Sie lebt nicht auf der Straße, wie die anderen zwei."

Ich nickte stumm und wandte mich ab. Sie mochte Recht haben, aber nach allem was uns Matthew gesagt hatte, lag die Vermutung nahe, das die Kleine sich jetzt genau dort aufhalten würde. Die Straßen von New York. Meine Tochter, die hier niemanden und nichts kannte. „Jo, übernehm du den Fall, ich..."

„Mac, was hast du vor?"

„Ich kann nicht einfach tatenlos herum sitzen. Ich gehe suchen."

„Aber, wo willst du anfangen?"

„Ground Zero. Und dann... die Kameras beim Kondolenzbuch. Sie hat nichts außer meinem Namen und den 9/11. Wo sollte sie anfangen, wenn nicht dort?"

„Okay, aber... meld dich."

Ich nickte und ließ sie zurück. Ich musste jetzt allein sein, einen klaren Kopf bekommen und etwas unternehmen. Ich seufzte und ging rasch auf die Fahrstühle zu.

xXx

*Janina*

Seit einer halben Stunde starrte ich nun eine weiße Wand an, den unaufgeräumten Schreibtisch von Magnum- Cop und eine Bürostellwand an der Fahndungsfotos hingen. Ich hatte keine Ahnung wo Magnum- Cop und Schönling waren, oder die meisten anderen aus diesem Büro. Gleich nach unserer Ankunft war eine Art Zahlencode gerufen worden und fast alle sofort aufgebrochen, Magnum- Cop hatte mich auf diesen Stuhl gesetzt, Schönling eine Tüte Chips, eine Packung Reiscracker und eine Cola, alles aus dem Automaten, vor mir abgestellt, dann waren sie weg. Seither beobachteten mich eine Polizistin die fast neben mir saß, der Chief, aus seinem Büro, ein Polizei- Urgestein, einige Tische weiter und dann war da noch der Wachmann am Eingang, neben dem Metalldetektor.

Das Ding leuchtete mir noch immer nicht ein. Ich meine, wir waren hier auf einer Polizeiwache. Polizisten haben Waffen, Waffen lösen den Detektor aus, ergo...machte das Ding hier wirklich viel Sinn? Ich zuckte die Achseln und stand auf, langsam wurde ich meine Aussicht überdrüssig.

„Wohin, junge Dame?"

„Zum Fenster? Keine Sorge, ich springe schon nicht, wobei...vielleicht doch, dann wird man hier bestimmt beachtet," erklärte ich ruhig und nickte ernsthaft, rasch trat ich an das rechte geöffnete Fenster und stellte mich auf die niedrige Fensterbank. Ich hatte es wirklich sarkastisch gemeint und wollte nur hinaus sehen, aber die kräftigen Hände die mich zurückzogen sahen das wohl irgendwie anders.

„Halt junge Dame!"

„Mein Gott! Ich hänge an meinem Leben," ich stöhnte und ließ mich wegziehen. „Ernsthaft, wenn ihr Leute hier, eure Arbeit machen tätent dann wüsstet ihr, dass ich nicht mal ernsthaft ausgerissen bin. Naja, nicht wirklich jedenfalls."

„Ach man reißt also unwirklich und nicht ernsthaft aus?" fragte mich ein mir unbekannter Cop mit kurzem schwarzen Haar, ich hatte angenommen der Chief habe mich geschnappt, war wohl falsch. Ich musterte den neuen Mann vor mir und verschränkte meine Arme. „Klar. Zum Beispiel... in dem man vor jemanden flieht der einen nicht will? Um seinen Vater zu finden?"

„Du bist kaum dreizehn junge Dame!"

Skeptisch musterte er mich, er schüttelte den Kopf und seufzte. „Dein zu Hause wird überprüft, dafür haben die Anzeigen deines Bruders und einer Nachbarin gesorgt."

„Matt? Wo ist er?" Ist er hier? Dann sucht Matt mich?"

„Sieh mal einer an," er hatte mich losgelassen und verschränkte nun ebenfalls die Arme, „sie redet ja doch anders als sarkastisch."

Ich starrte ihn an und wusste zugleich auch das ich mich verraten hatte, jetzt konnte ich nicht mehr so tuen als sei mir alles egal. So wie er mich angrinste wusste er es auch. Ich seufzte und schüttelte den Kopf. „Bring mich zurück, oder zur Fürsorge und ich verschwinde wieder. Hab beides durch, ist scheiße und ich..."

„Na, na, na, immer mal hübsch langsam mit den jungen Pferden. Warren! Furner! Sie bringen unseren Gast zu CSI Mac Taylor, oder CSI Danville, aber zu niemand anderen verstanden?"

Noch zwei neue Gesichter und bei mir volle Verwirrung, warum sollten Dick und Jung mich denn jetzt in ein Kriminallabor bringen? Oder stand hier in Big Apple das CSI noch für was anderes? Nein wohl kaum. „Nein!" Ich wich zurück, sah von der brünetten jugendlichen Frau, zu ihrem rundlichen Kollegen und hinüber zu dem schwarzhaarigen. „Ich hab nichts verbrochen, da..."

„Stimmt, hast du nicht, aber der Typ den wir vor fünfzehn Minuten verhaftet haben, hat dich offenbar beobachtet, die letzten Tage, wir wollen wissen, welche der Dinge bei ihm von dir stammen. Außerdem hatte er einen Komplizen und der ist noch frei, hier kann er leicht rein spazieren, aber dort nicht."

Jetzt bekam ich zum ersten mal seit ich fortgelaufen war Angst und blickte den schwarzhaarigen skeptisch an. Mir waren tatsächlich in der ersten Nacht einige Dinge entwendet worden. Mein zweifelnder Blick traf Momente später die beiden neuen Bewacher. Der große junge nickte und klopfte meine Schulter. „Wird schon. So jetzt fort mit euch! Und ja, es ist dein Bruder der dich sucht, ich werde ihn gleich anrufen. Und du...nicht weglaufen, mmh?"

Widerstrebend nickte ich. Nicht das ich mir bei seiner Kollegin ausgerechnet hatte das überhaupt zu schaffen, wenn die nicht sportlich war, dann sicher niemand.