4. Geisel der Vergangenheit
Er öffnete die Tür, wartete und schloss hinter uns wieder ab, ich sah zurück, als ein Alarm losging. Er war gerade dabei einen Zahlencode einzugeben. Ich ging weiter in die Wohnung hinein. Sie hatte einen großen offenen Wohnbereich, die Küche war durch eine Wand mit fenstergroßer Durchreiche und einem Tresen vom Rest abgetrennt, es gingen drei Türen aus dem Hauptraum ab, die einzig offene gab einen Blick frei auf ein Arbeitszimmer. Alles war modern, aber eher schlicht eingerichtet und und ohne viel Deko. Es war definitiv zu trist. Fragend drehte ich mich um.
„Gefällt dir was nicht?"
„Hier... sind kaum Farben.
„Das überlasse ich gerne dir."
Erstaunt sah ich ihn an. Meinte der das wirklich so? „Ich?" Ungläubig schaute ich ihn an. Er kam näher, setzte sich und reichte mir eine Hand: „Komm her!"
Ich setzte mich neben ihn und beobachtete ihn, er schaute mir einfach ruhig entgegen. Irgendwie war es merkwürdig ich kannte ihn ja gar nicht, doch er hatte eine Art an sich... seltsam...
Dann machte ich unerwartet eine Feststellung: seine Augen haben die Farben meiner Augen, etwas dunkler vielleicht. Ein warmes Leuchten lag in ihnen. Seine ganze Art, sein Lächeln, alles war warm und einnehmend, sicher hatte dieser Mann, der mein Vater war Familie. Es musste einfach so sein, es konnte unmöglich sein, dass er nur Zeit für mich haben würde. Nur...wo war sie? War er geschieden? Waren sie erwachsen? „Wie...wie viele Kinder hast du?"
„Einen... Stiefsohn, seine Mutter starb, ehe ich ihn traf. Und...dich."
Wow! So einer hat keine Familie?
„Überrascht?" Fragte er.
Ich starrte ihn einfach ungläubig an, nein, dass konnte doch nicht... „Du...bist nett, Polizist, jede Wette das Kinder dich mögen, aber... du bist ganz allein?"
„Ich hab meine Freunde."
„Freunde?" Ich schüttelte den Kopf, das war doch nicht das Gleiche! Konnte man Freunde wirklich auch als Familie sehen? Ich hatte keine Ahnung, wie auch ich hatte nie richtige Freunde gehabt. Die Jungs in meinem Alter waren doof und sahen den älteren nach, die Mädchen einfach nur albern. Früher waren beide einfach nur kindisch gewesen. Ich seufzte und schaute mit aufeinander gepressten Lippen zum Fenster.
„Hey, hast du Hunger?"
Ich nickte ohne zu ihm zu sehen. Ich wollte jetzt nicht in dieses freundliche Gesicht sehen, ich meine... was machte ich hier eigentlich? Ich saß bei einem wildfremden in der Wohnung, der mir als Mac Taylor entgegen getreten war. Okay die Polizisten hatten ihn scheinbar gekannt, er hatte anderen noch Anweisungen gegeben, er schien also wirklich dort zu arbeiten, im CSI- Büro. Doch woher sollte ich wissen, das er, so sanft war, wie er wirkte? In den Psychologiebüchern die ich gelesen hatte, da stand oft etwas von Tätern jeder Art, die unerkannt und unscheinbar, oder freundlich- zuvorkommend lebten und... dann war da mein Stiefvater, der war am Anfang auch gut gewesen, gut und freundlich.
„Magst du lieber Chinesisch, oder etwas anderes?"
Ich drehte mich zu ihm um, er stand am Küchentresen und hielt ein Telefon in der Hand. „Klingt gut." Ich schaute zurück auf den Tisch, dort lag sein offenes Portemonnaie, wann hatte er das liegen gelassen?
Ich hörte ihn etwas bestellen und sah wie er das Telefon weglegte und mich ansah. „Da im schwarzen Schrank in der unteren Schublade, nimm das kleine blaue Buch. Sie hinein."
Während ich aufstand, um zu holen worum er mich gebeten hatte, fing er an den Tisch zu decken, ich hatte den deutlichen Eindruck, dass er sich beabsichtigt, viel Zeit ließ. Ich nahm das Buch, es war dünn und es standen nur zwei Jahreszahlen auf dem Einband. 2001/ 2002.
Ich schaute noch mal zu ihm und setzte mich dann auf die Banktruhe, welche in der Fensternische stand. Jetzt war ich umrahmt von drei Seiten Glas und hatte einen gigantischen Ausblick auf die Skyline und die Straße tief unter mir. Ich lehnte mich gegen die Scheibe und musterte die Glastür zur Terrasse, dort stand viel grün. Ich öffnete das Buch und öffnete es. Es enthielt zwei Fotos, beide hatten einen anderen Blick auf die New Yorker Skyline. Das eine zeigte die Zwillingstürme in der Ferne. Das andere eine Skyline mit viel kleineren Gebäuden, keines davon sagte ihr etwas. Sie blätterte weiter.
Eine Frau, blond- rotes Haar, helle grüne Augen, sie strahlte lächelnd in die Kamera. In der rechten unteren Bildecke stand ein Datum. Ein Datum, dass immer wie eine Art Schwert über mir geschwungen hatte. Ich hasste es und ich hasste es wie die Leute darüber sprachen, sie nutzten es für alles, den begonnenen Krieg, für ihre Probleme, das Schreckensereignis. Die Helfer wurden heroisch verehrt, immer neue Wege gesucht, der Opfer zu gedenken, sie zu identifizieren und...
Wütend schlug ich das Buch so, holte aus...
Seine Hand packte mein Handgelenk. Ich schaute überrascht auf, wie hatte er das gemacht? Er nahm mir das Buch ab.
*Mac*
Es war offensichtlich, das sie wütend war. Doch den Grund kannte ich nicht, sie war erst beim dritten Bild gewesen. Ich hatte keine Ahnung was sie da so wütend machte. Mit dem Buch in der Hand setzte ich mich zu ihr. Das gerade gekommene Essen war erst mal vergessen. „Janina, was hast du?"
„Bist du einer von diesen... diesen... Gedenke- der- Opfer- und- nieder- mit- den- Feinden- Freaks?"
Überrascht musterte ich sie, ihr Sarkasmus traf mich hart. Sie wusste doch, dass ihre Mutter auch jemanden verloren hatte, was um alles in der Welt... „Ich... habe an dem Tag meine Frau verloren, ich...habe lange gebraucht um wirklich Abschied zu nehmen, ohne...irgendetwas... das du... beerdigen kannst, ist das schwer," ich atmete tief durch und blickte sie sehr ernst an. „Du bist ein Jahr später geboren, aber... wie wäre es gewesen, wenn du sechs, sieben, oder zehn gewesen wärest?
Sie sprang auf starrte mich böse an. „Dieser bescheuerte Tag! Der beherrscht mein ganzes Leben!" Schrie sie mich laut an und ihre Augen funkelten als sie aufsprang. In weit ausholender Bewegung gestikulierte sie. „Wegen... wegen diesen scheiß Türmen und Flugzeugen! Oder Bomben! Scheiß was... hat meine Mum niemanden gehabt, sie... hat mich WEGgegeben! Wegen diesem einen Tag ist Greg so ein Arsch! Kann nicht mehr arbeiten! Wegen diesem beschissenen Tag ist Mum nicht hier geblieben und..."
„Ist es das? Du bist wütend, weil du glaubst das du sie dich abgab aufgrund des 11. September?" Fragte ich. Sie starrte mich an, ich öffnete das Buch und hielt ihr die vierte Seite hin, es zeigte ein Bild von Ground Zero, auf dem neben einer Gedenktafel ihre Mutter stand. Nathalie. „Die Trauer um Opfer dieses Tages hat uns zusammengebracht. Wir haben uns gegenseitig geholfen und ich habe versucht sie hier zu halten. Doch als wir uns im Januar wieder dort trafen, ging sie fort. Sie fürchtete das unsere Bindung nicht halten würde, wäre unsere Trauer erst einmal vorüber. Ein Teil von mir wollte sie halten, ein anderer hatte Angst sie könnte Recht haben und dieser Teil war größer, ich wusste wir waren beide nicht bereit, am Ende doch wieder jemanden zu verlieren. Hier." Ich gab ihr das Buch zurück.
„Ich...weiß wie... es ist jemanden zu verlieren" Rief sie und weinte nun, das Buch in der Hand. „Meine Mum ist Tot!" Sie starrte mich an und kurz das Buch. „Das ändert aber nichts!" Rief sie laut und warf das Buch zu Boden, dabei fiel ein Brief heraus, den hatte ich ganz vergessen.
„Lies ihn, der ist von deiner Mum." Sagte ich, stand auf und ging ins Nebenzimmer. Ich bezog das Bett neu und machte mir das Gästebett im Büro fertig. Ich brauchte einen Moment und sie definitiv auch.
Als ich zurückkam bekam ich zuerst einen Schrecken, sie war nirgends zu sehen, dann aber sah ich ihren Rucksack auf dem Sofa und die geöffnete Terrassentür. Sie stand draußen und sah in den langsam dunkler werdenden Himmel.
Ich wusste was in dem Brief stand, den ich ihr gegeben hatte und ich hatte gehofft, es würde sie besänftigen und sie verstehen, warum ihre Mum sie wohl wirklich abgegeben hatte. Nathalie war damals abgerutscht, nachdem sie New York verlassen hatte und knapp eineinhalb Jahre später, als ich den Brief bekommen hatte, war sie in der Entziehungskur gewesen. Ich seufzte, ich hatte sie gesucht, gefunden und als sie erneut abgerutscht war, da hatte sie mich angeschrien, ich solle nie mehr kommen, ich hatte mich daran gehalten. Ich seufzte.
Als ich ihr jetzt folgen wollte, bemerkte ich mein Buch und ein neues Foto, es zeigte ein Neugeborenes, mit Krankenhausband am Arm und sie hatte ihr Geburtsdatum darauf geschrieben. Auf der Gegenüberliegenden Seite stand das heutige Datum auf dem Umschlag fürs nächste Foto. Ich hielt vor meinem Schrank an, zog etwas heraus und trat zu ihr hinaus. „Hier, ich dachte, das könntest du gebrauchen."
Neugierig schaute sie mich an und nahm mir den Umschlag ab. Sie öffnete und zog die Bilder heraus. Im nächsten Moment lächelte sie mich an. Sie öffnete den Mund, kam jedoch nicht dazu etwas zu sagen, da es klingelte. Ich ging und öffnete, es war Flack mit ihrem Bruder. „Kommt rein, sie ist auf der Terrasse."
„Hast du schon mit ihr geredet?" Fragte Flack. Ich schüttelte den Kopf. „Sie... ist noch nicht soweit, ich..."
„Ich mach das, Detective." Ihr Stiefbruder trat an mir vorbei und ging zu meiner Terrasse, ich sah zu meinem Freund. „Weiß er..."
„Ja, er hofft das sie hier bleiben kann und ihn... besuchen darf."
Ich nickte und wir verabschiedeten uns.
