5. Erster Abend

*Janina*

„Arya."

Ich drehte mich herum und sah mich meinem Bruder gegenüber. „Matt!" Er kam näher und ich flog ihm in die Arme. Er drückte mich kurz, schob mich dann etwas zur Seite. „Hey, wie geht es dir?" fragte er mich und strich mir das Haar aus dem Gesicht. „Willst du... hier bleiben? Wenn...wenn nicht, dann... darf ich dich mitnehmen, sie.. haben es versprochen, aber du.. musst dann tagsüber in die Schule gehen und.."

„Ich will hier bleiben, denke ich."

„Bist du sicher?"

Ich schaute hinüber zu meinem richtigen Vater und legte skeptisch den Kopf auf die Seite. Ich atmete tief durch und nickte. Ich sah, wie Taylor eben von der Haustür zurück in den Wohnraum kam. Ich wollte ihn wirklich näher kennenlernen, war mir auch sehr sicher, dass er mich kennenlernen und hier haben wollte. Genau das erzählte ich jetzt meinem Stiefbruder und er nickte mir am Ende zu. „Ich besuche dich und du meldest dich."

„Jeden Tag wenn ich will?"

„Mehrfach, wenn du magst, klar?"

„Du...du bist mir nicht böse?"

„Nein."

Wir standen noch eine Weile auf der kleinen Dachterrasse und unterhielten uns ungezwungen, ehe Matt ernst wurde und mich fragte, ob mir während meiner „vogelfreien" Zeit irgendetwas geklaut worden war, oder ich mit zu jemand fremden gegangen war. Als ich ihn verständnislos und entgeistert anstarrte strich er mir über den rechten Arm. Ich seufzte, sah an ihm vorbei, durch das Fenster zu Taylor. Es war schon merkwürdig, dort drüben saß mein Vater, den ich erst seit wenigen Stunden kannte, der sich seither alle Mühe gab mir mit Ruhe und Geduld zu begegnen. Aber ganz sicher hatte er diese Fragen doch auch stellen wollen, stellen müssen.

Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich vorhin sehr ungerecht gewesen war und das er vermutlich schon eine ganze Weile mit sich haderte, mir dir gleichen Fragen zu stellen. Er war nicht nur mein Vater, er war auch Cop,...plötzlich kam mir ein Gedanke der mich frösteln ließ...

Matthew hat mich vermisst gemeldet... ich wurde gesucht... diese...diese Mädchen sahen mir ähnlich und...und er... Taylor war gar nicht überrascht! Er... wusste schon wer ich bin! Warum, ist mir das erst jetzt... Mein Kopf fuhr wieder zu Matt herum, als ich mich an die erste Nacht in New York erinnerte. „Sie...sie haben meine Sachen gefunden und gedacht, dass ich..."

Ich brach ab, Matt nickte, ich fühlte mich plötzlich hundeelend und eilte in die Wohnung zurück. Mir war eben klar geworden, das der Mann dort, der mir so freundlich und ruhig begegnet war, von mir erfahren hatte und mich zugleich vermutlich schon tot vor sich gesehen hatte.

Sein Kopf ruckte hoch, als ich herein kam, sein Blick war merkwürdig, einer jener Gefühlseindrücke die mir nichts sagten, nur das etwas nicht stimmte, ich seufzte.

*Mac*

Meine Balkontür wurde aufgestoßen und sie kam herein, kurz vor mir blieb sie stehen und kam langsam zu mir. Ich wusste, ich hätte es einfach erklären und sie fragen sollen, aber ich hatte nicht gekonnt. Es war einfach alles so...

….. ich hatte von ihr erfahren und gleich fürchten müssen, sie als drittes Opfer erst wieder zu finden...dann stand sie plötzlich da... wie hätte ich mit ihr über den Fall sprechen können, ich war viel zu überwältigt von dem, was sie in mir ausgelöst hatte, es immer noch tat. Verdammt! Diese dreizehnjährige ist meine Tochter!

Jetzt stand sie vor mir und ich sah sie einfach entschuldigend und hoffend an, die Art wie sie eben hereingestürmt war, ihr gehetzter Blick verhießen sicher nichts gutes. „Hey."

„Du... du hast gedacht, dass...dass sie mich haben," sagte sie tonlos und schaute mich aus großen, feuchten Augen an. „Es... es tut mir Leid, ich...ich war so unfair...so..."

Ich stand auf, war mit einem einzigen Schritt bei ihr und tat das erste was mir einfiel, ich legte die Arme um sie. „Nicht doch. Es ist okay, dir geht es gut."

Sie atmete tief durch, sah mich an und nickte. „In...in meiner ersten Nacht hier, da...da habe ich mit anderen Jugendlichen im Park verbracht, die sagten, sie sind immer dort, am...Abend kam ein Kleinbus, die Sozialarbeiter haben Essen und an mich den Schlafsack ausgeteilt. Als ich aufwachte, waren nur noch die großen da. Die...hatten getrunken und... meine kleine Tasche war weg."

„Was war alles in der Tasche," fragte ich, ich musste wissen, ob dieser Mistkerl nur diese eine Tasche genommen hatte, oder vielleicht noch etwas. Wenn, so war sie möglicherweise in Gefahr, wir hatten nur einen Täter und meine Tochter passte ins Profil. Der Alptraum jeden Vaters und dieser... ist meiner!

„Ein... Spiegel, der Griff ist kaputt, ich schneide mich oft, aber... der gehörte Mum. Mein Pyjama, graue Hose und blaues T-shirt, mit einem Snoopy, mein Handy."

Ich strich ihr über das Haar und nickte. „Danke."

„Musst du jetzt zur Arbeit und..."

„Nein, ich werde dich nicht einfach allein lassen," ich schüttelte den Kopf und zog mein Handy aus der Tasche. „Ich rufe meine Leute an, dann komme ich wieder. Setzt euch doch schon und esst." Ich sah an ihr vorbei zu ihrem Bruder, welcher inzwischen auch wieder drinnen war. „Beide," fügte ich hinzu und zog mich für einen Moment ins Büro zurück.

Als ich zurück kam saßen Bruder und Schwester einvernehmlich beisammen und am Essen. Sie hatten auch noch ein drittes Gedeck aufgestellt und unterhielten sich leise. Er bemerkte mich als erstes und ihr Blick folgte seinem. Sie waren unheimlich vertraut miteinander und ich geriet in Zweifel. Ist es richtig? Soll ich an meinem ersten, raschen Entschluss festhalten und sie zu mir nehmen? Oder sollte ich ihnen stattdessen besser helfen, dass er sie aufnehmen darf?

„Janina, bist du... wirklich sicher, dass du hier bleiben willst? Mit mir? Was... was wenn ich dir sage, ich helfe euch, damit du bei deinem Bruder sein könntest?"

Sie schaute kurz zu Matthew, dann nachdenklich zu mir, ehe sie den Kopf schüttelte und mich unsicher musterte. „Willst du nicht, dass... ich hier... bin?"

„Ich... würde mich sogar freuen. Doch... ist es wirklich was du willst?"

„Ich kann Matt doch immer besuchen, oder?"

„Natürlich, er ist dein Bruder."

„Dann bleibt es dabei. Ich möchte dich kennenlernen. Ich will bleiben."

„In Ordnung, aber bei mir gibt es Regeln," ich sah sie ernst an, sie nickte und grinste. „Ich bin keine zwei, Regeln gibt es überall."

Ich setzte mich zu den beiden und nahm mir Nudeln, so wie Rindfleisch mit Satè- Soße, nach dem ersten Bissen, wollte sie gleich wissen, welche Regeln, außer um 21 Uhr zu Hause sein es denn gab. Ich grinste und schüttelte den Kopf. „Das hat Zeit bis später, bis morgen, vielleicht übermorgen."

Sie sah mich staunend an, Matthew ungläubig, er legte seine Gabel weg und sah seine Schwester bestimmend an. „Okay, er ist neu. Aber, ich verlange, dass du jeden Abend vor der Dunkelheit zu Hause bist, solange der Irre noch frei ist und das du auf Detective Taylor hörst und..."

„Warten Sie Matthew. Janina, ich denke wir sind uns einig, das ich weiß, wann du wo bist und mit wem. Ich möchte das du dich vernünftig verhältst und nicht lügst. Aber ich will nicht, das du einfach gehorchst und funktionierst. Du darfst Fehler machen und musst nicht die beste sein, ich will sehen das du deinen Vorstellungen folgst, dass du... widersprichst, hinterfragst. Ich bin nicht Matthews Vater, verstanden?"

„Ja, schon, aber..." Sie sah sofort wieder zu Boden und sagte nichts mehr. Ich streckte eine Hand aus, berührte ihren Arm. „He, keine Angst, wenn ich für jedes Aber und jeden Widerspruch gegen meinen Vater eine Strafe bekommen hätte... mich gäbe es sicher nicht mehr," ich grinste breit, „Also? Was aber?"

„Ich... habe keine Sachen hier, wir...ich muss einkaufen."

„Morgen und zusammen, okay? Du brauchst Möbel, Matthew hat dir Sachen für morgen gebracht und, ich habe immer eine Ersatzzahnbürste da."

„Echt Möbel? Aber... wohin? Ich meine... dein Zimmer, das Bad, Wohnraum, Büro. Wo... soll ich da hin?"

„In mein Zimmer. Ich nehme das Büro, wird ohnehin Zeit, dass ich... ein paar Möbel und... Sachen loswerde."

„Musst du nicht, das... mir reicht das kleine Zimmer, wirklich, mir..."

„In diesem Punkt spiele ich die Vaterkarte aus, ich arbeite fast nie zu Hause, aber du sollst dich in deinem Zimmer wohl fühlen, du... brauchst einen Platz zum Leben und lernen, nicht nur zum schlafen. Du nimmst das größere Zimmer."

X

Zwei Stunden später verabschiedete sich Matthew und Janina verschwand im Bad. Kurz darauf war sie zurück, in der Hand einen kleinen Flakon sie grinste übers ganze Gesicht. „Eine Frau, die nur einmal hier war, die... hat doch kein Parfüm hier, noch lässt sie ein so teures einfach stehen!" Ihr Grinsen wurde breiter als sie sich mit Schwung auf das Sofa neben ihm setzte. „Wer ist sie? Wie ist sie? Wie heißt sie? Und wo..."

Ich schmunzelte und nahm ihr den Flakon ab, brachte ihn zurück ins Bad an seinen Platz, offenbar hatte ich den vorhin übersehen. Langsam ging ich zurück, mir war völlig klar dass es sich nun erübrigt hatte, erst einmal nichts zu sagen. Ich seufzte stumm und setzte mich wieder neben sie. Sie sah mich wissend an und setzte sich in den Schneidersitz, mit dem Rücken zur Seitenlehne. Ich drehte mich zu ihr. „Sie... ist meine Freundin und heißt Christine."

„Und sie..."

„Stopp! Genug," entschieden stand ich auf, und sah auf sie hinunter. „Für heute ist genug, du gehörst ins Bett."

Ooohh, unfair!"

„Jap, ich weiß, aber... das ist meine Aufgabe. Los, ins Bett."

„Mmmh," sie stand auf und ging in Richtung Schlafzimmer, an der Tür drehte sie sich nochmal triumphierend zu ihm herum: „Ich frage weiter!" Sie grinste und verschwand hinter der Tür.

Ich verharrte einen Moment und ging dann zur Fensterfront sah hinaus. Einen Moment später hielt ich bereits mein Handy am Ohr. „Hi, Christine. Nein...ähm...wir...müssen reden, sie..."