6. Der erste Morgen
*Mac*
Ich stand gerade in der Küche und machte Rührei, da öffnete sich Schlafzimmertür und Janina kam heraus. Sie hielt kurz inne, schloss die Augen und atmete tief ein. „Rührei!" Strahlend kam sie zu mir in die Küche. „Ich... liebe Rührei, kann ich bitte auch was haben?"
„Na, siehst du sonst noch wen, außer uns?"
Verwirrt schaute sie mich an und seufzte. „Okay, ich mach mir selber, ähm...darf ich?" Überrascht blickte ich in diese traurigen blau- grauen Augen, die meinen eigenen so unglaublich ähnlich waren. „Ich wollte damit sagen, das die natürlich für uns beide sind." Ich beobachtete sie genau. Janinas Augen blitzten kurz auf, ehe sie mich wieder unsicher ansah. „Du...du machst Rührei für... uns beide? Warum? Was... muss ich machen? Sauber? Das kann ich."
Ich stellte die Platte runter und kam um den Küchentresen herum, ganz offensichtlich machte es ihr wirklich Unruhe, ja sogar Angst, das schon fast alles fertig war und sie ganz normal mitessen sollte. Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter und hob mit der zweiten Hand ihr Kinn an. Da sie schon wieder hinunter sah. „Hey, hör mal du musst hier nichts tuen, um mit mir zu Frühstücken, okay? Du bist auch kein Gast, der nach allem fragen muss. Du lebst jetzt hier, du bist meine Tochter und ich möchte, dass du an die Schränke gehst und dir nimmst, wenn du Hunger hast. Dazu steht das Essen da."
„O-okay." Ihre Stimme wackelte und ich hatte den deutlichen Eindruck, ihre Augen glitzern zu sehen. Sie stürzte vor, drückte mich kurz und wirbelte schon wieder herum, ehe ich antworten konnte. Sie lief ins Bad und Momente später hörte ich das Wasser laufen. Ich nahm mir erneut die Pfanne vor und sah immer mal wieder zur Badtür, hinter der meine Tochter jetzt war. Es fühlte sich noch so unwirklich an, eine Tochter, meine Tochter.
Das Ei war fertig, ich würzte es, schnitt ein Stück Gurke und eine große Tomate, ehe ich alles auf den Tisch stellte. Janina kam in dem Moment wieder, in dem ich das Brot hinstellte. Sie kam rasch näher und sah sich schon wieder unsicher um. Ich seufzte. Oh, Nat, was hat dieser Typ euch angetan? Ich legte ihr die Hände auf die Schultern und sie sah nach hinten, zu mir. Ich küsste ihre Stirn. „Geh setz dich irgendwohin, egal wo."
„Egal?"
„Ja, egal, ich nehme dann einen der anderen freien Plätze."
Sie sah sich kurz um und wählte den Stuhl, von welchem sie aus den großen Fenstern sehen konnte. Ich lächelte ihr zu und folgte an den Tisch. „Nimm dir, was du magst, so viel du willst, es ist alles noch da." Es war als könne sie es kaum glauben und so entschied ich, just diesem Moment, dass ich sie Schulpflicht hin, oder her, vor dem Sommer nirgends wo mehr einschulen lassen würde. Zum einen war sie eh mit ihren ferade dreizehn fast fertig mit der HighSchool, zum anderen wollte ich ihr erst mal die Chance geben sie selbst zu sein, ein Kind zu sein. Weiß sie überhaupt wie das geht?
Ich würde später mit Sheldon und Sid reden, und Lindsay bitten, dass wir die nächsten Tage mal in den Park gingen, mit Lucy.
Das Frühstück verlief ruhig, während sie bei allem was sie nahm mir zunächst zweifelnde, später aufmerksame Blicke zu warf, gab ich mir Mühe einen neutralen Blick beizubehalten. Aber als ich nach dem Essen aufstand und abräumen wollte, griff sie gleich nach meinem Teller, stellte ihn auf ihren und sammelte das lose Besteck ein. Ich griff ihre Hand und schüttelte den Kopf. „He, nicht. Lass liegen, okay? Das mach ich. Wir waren noch nicht bei den Regeln erinnerst du dich?"
„Regeln?" Verständnislos schaute sie mich an. Ich lächelte nur. „Wenn wir die Regeln festlegen, dann bekommst du auch Aufgaben, aber jetzt... hast du noch keine. Mach eine Einkaufsliste, auf meinem Schreibtisch findest du Papier und Stifte."
„Ich...soll in dein Büro? Alleine? Ehrlich?"
Ich seufzte und stellte das restliche Gemüse wieder auf dem Tisch ab. „Janina, solange du nichts stiehlst oder unachtsam kaputt machst, kannst du dich hier frei bewegen und nehmen, was du brauchst, mach nur einen Zettel, wenn du irgendetwas leer machst, okay?"
„O-okay." Entgeistert sah sie mich an, nickte aber und ging langsam in mein Büro, in dem ich heute geschlafen hatte. Ich schüttelte den Kopf und fragte mich langsam wie ich ihr nur beibringen sollte sie selbst zu sein und ihre unnötige, aber ganz definitiv antrainierte Angst loszuwerden. Hab ich überhaupt eine Chance das wirklich allein...ich bin nicht allein, da ist Christine, meine Freunde auf der anderen Seite. Ich nickte und begann mit dem Tisch. Janina kam erst wieder, nachdem ich bereits fertig war und Christine geschrieben hatte.
xXx
*Janina*
Es machte wieder erwarten Spaß mit meinem Vater Shoppen zu gehen, er lief einfach neben her und wartete geduldig. Immer wieder lächelte er mir zu und langsam begann ich mich zu fragen, ob er immer so war, oder war er nur mit mir so freundlich? Und wenn es so war, wieso? Aber auch Grübeln ließ er mich nie lang. Es war als bemerke er es sofort, jedes mal wenn ich drohte in irgendwelchen Gedanken abzurutschen fragte er etwas, zeigte mir was und er schien bei allem tatsächlich Lust zu haben mit mir durch die Geschäfte zu laufen, eins nach dem anderen.
Es war schon nach elf und wir waren in einem dutzend Geschäfte gewesen, ich hatte neue Schuhe, Sandalen, Unterwäsche, T-shirts, Pullover, Hosen, zwei Röcke und Tops. Langsam bekam ich Hunger, und doch fehlte noch so viel, würden wir denn je fertig? Wenn nicht heute, würde er einen solchen Einkauf mit mir wiederholen?
Ich blieb stehen, atmete tief durch und seufzte. Irgendwie konnte ich mir immer weniger vorstellen, dass er es nur mir zur Liebe tat, er lachte mit mir, machte Spaß und trug die ganzen Taschen. Es waren fünf, sie waren groß und nicht leicht, eine mittelgroße trug ich selbst. Mir gegenüber war eine Pizzeria und ich schaute kurz zu dem Plakat. Heute morgen hatte es Rührei und Gemüse gegeben, mit Vollkornbrot, doch im Moment wagte ich noch nicht wirklich zu hoffen, dass er wirklich viel kochte, oder aufs Essen achtete. Er war Cop, sicher war er mehr im Büro und auf der Straße, denn zu Hause. Ich seufzte.
Sicher ist er mich bald über, und vermisst seine Arbeit und dann...
„Janina? Alles in Ordnung? Stimmt etwas nicht?"
„Was...nein, alles...klar," antwortete ich rasch und wollte weiter, aber er vertrat mir den Weg, ich sah zu ihm auf. Mir war augenblicklich klar, dass er wusste, das es nicht so war wie ich ihm vorgegeben hatte und ihm war definitiv rasch klar, dass ich es wusste. Ich seufzte wieder. „Komm schon, was ist los?" Fragte er leise.
„Wie...wie lange wird es wohl dauern, dass du mich überdrüssig bist und zu deiner Arbeit willst?"
„Was?" Er starrte mich an, ließ die Taschen los und ich war mir sicher Schrecken in seinen Zügen zu sehen, traurige Gewissheit machte sich in mir breit.
„Du bist erst seit gestern da, aber du bist meine Tochter und viel wichtiger als jede Arbeit. Ich werde dir jetzt nicht versprechen, das ich immer pünktlich und bei jeder Schulveranstaltung bin, denn... das kann ich nicht. Aber ich bin erreichbar wenn du mich brauchst und wichtiger als das, du bist das wichtigste für mich."
„Warum...sagst du das?" Ich war total verwirrt. Wieso sollte gerade ich für meinen Vater, der mich kaum vierundzwanzig Stunden wirklich kannte das wichtigste sein? Das war doch absurd, für meine Mum war ich einfach ein Teil von ihr gewesen, irgendwie hatte sie mich gebraucht, aber gleichzeitig hatte es mir wenig gebracht. Und mein Stiefvater...
„Weil es so ist," antwortete er ruhig und schaute mich einfach an. „Ich bin dein Vater und ab jetzt ist eine meiner Aufgaben, für dich da zu sein und ein andere: dafür zu sorgen das es dir gut geht. Das ist es, wozu Eltern da sind." Er strich mir durchs Haar und nickte mir zu.
Ich atmete tief ein, wischte mir über die Augen und nickte ruhig. Es war merkwürdig zu wissen, dass ein Erwachsener sich wirklich um mich kümmern wollte. Verstehen konnte ich es immer noch nicht. War das wirklich normal? War das was er tat, wie er mit mir umging, das, was Eltern machen sollten? So war es bei mir nie gewesen, nicht im Heim, nicht in den Pflegefamilien, nicht bei Mum.
„Hast du Hunger? Ich schon."
Ich sah wieder zu ihm auf und nickte. „Zu Hause?"
„Nein, in der Stadt, nicht weit von meiner Arbeit ist ein kleines Restaurant."
„Was für ein Restaurant? Warum dort?"
„Du wolltest doch jemanden kennenlernen?"
„Christine?" Ja, er hatte es wieder geschafft, jetzt drehten sich all meine Gedanken um sie, selbst wenn ich meinen vorherigen Gedanken weiterführen wollte. Ich nickte und nahm noch eine zweite Tasche an mich.
„He, ich dachte der Packesel bin ich, der Alte Mann!"
„Du bist nicht alt!" Ich sah ihn verwirrt an und schüttelte den Kopf, da er lachte, kam mir die Idee, das es wohl ein Joke gewesen war und ich grinste. „Ich dachte nur es sieht seltsam aus, wenn du alles trägst, du bist ja nicht irgendwer, der mir alles trägt und nachläuft."
*Mac*
„...du bist ja nicht irgendwer..."
Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit. Mir war sehr wohl aufgefallen, dass sie es vermied mich direkt anzureden, war es unumgänglich nahm sie das du. Nicht das es mich störte, wir kannten uns nicht, was machten da schon DNA und Blut? Sie war völlig verunsichert, um so näher und freundlicher ich war, desto mehr Normalität ich schaffte, um so unsicherer, oder auch vorsichtiger wurde sie. Es würde ein schwerer Weg werden, ihr Vertrauen wirklich zu gewinnen und nicht erschüttern zu lassen.
Ich bedeutete ihr nach rechts zu gehen und folgte ihr dann zur nächsten U-Bahn, um einige Blocks Uptown zu fahren.
