10. Zusammen
Eine Woche später
*Janina*
Es war schon sechzehn Uhr als ich anders, als geplant samt Lucy wieder vor unserer Wohnung war. Etwas später als geplant, aber ich hatte ihm eine Sms geschickt und er geantwortet. Ich öffnete schwungvoll die Tür, deaktivierte die Alarmanlage und hängte meine Jacke auf. „Ich bin wieder da!"
„Hi, du...oh..."
„Onkel MAC!" kreischte Lucy, riss sich los und umschlang einen Moment später die Beine meines Vaters, welcher sich zu ihr bückte. „Hey, wen haben wir denn da? Sag mal...kenne ich dich kleine Dame?"
„Aber...ich bin doch LUCY!"
„Ach Lucy, ja, natürlich," er hob sie hoch und sah mich fragend an. Ich ging grinsend auf ihn zu.
„Der kleine Messer, hat es scheinbar sehr eilig, sie hatte plötzlich Wehen. Danny möchte das wir sie später ins Krankenhaus, zu ihnen bringen, oder...morgen?"
Mac sah erst die Kleine und dann mich an. „Ich gehe dann also davon aus, dass dir der Job gefällt?" Fragte er mich und ich nickte grinsend. „Das... und...ich mag ihre Mum. Sie sagt, das dir das sicher klar gewesen sein dürfte?"
Er nickte langsam und ging mit der gähnenden Lucy hinüber zu seinem Raum. „Und du junge Dame, was denkst du, leistest du mir heute Nacht Gesellschaft?"
„Onkel Mac! Ich muss schlafen! Bin nicht groß, wie du." Ernst und kopfschüttelnd schaute das Kind ihn an. Ich schmunzelte und er grinste noch breiter. „Richtig, schläfst du dann also bei mir?"
„Oh...ja!"
Mac verschwand mit ihr und ich huschte ins Bad, um mich dort fertig zu machen. Als ich wieder zurück kam, erwartete er mich in der Sitzecke, bedeutete mir zu ihm zu kommen. Fragend schaute ich ihn an. „Ist etwas?"
„Ja," antwortete er und nahm einen Brief vom Tisch hoch. „Hier, der ist vom Schulamt."
„Oh..." ich ging zu ihm und setzte mich ihm gegenüber. In meinem Kopf rasten die Gedanken, alles mögliche malte ich mir aus, aber fast immer endete es damit, dass ich doch direkt zurück zur High School, oder auf das College gehen musste. Beides keine Alternative, die mir wirklich gefiel. Das die Behörde sich bis jetzt, weit nach den Sommerferien Zeit gelassen hatte mit dem Antworten, machte es nicht unbedingt besser. „Okay...sag schon, was...was sagen sie?"
Ich schloss nervös die Augen und senkte meinen Blick, einen Moment später nahm er meine Hand. „Es...ist okay."
„Was? Nein...nein, dass..." ich sah auf und direkt in seine zustimmenden Augen, er lächelte mir zu. „Ehrlich? Ich...darf aussetzten? Wie...wie lange?"
„Ein Jahr, dann sollst du erst mal zu einem Leistungstest, aber... wenn du das wirklich willst, dann musst du zumindest einen Vorbereitungskurs nach dem Sommer belegen und danach je Semester auf dem College oder der Universität einen Kurs besuchen, ohne Prüfung, sie wollen das du zumindest irgendetwas lernst. Sie wollen schriftliche Zusammenfassungen der wichtigsten Kursinhalte, um..."
Ich hörte gar nicht mehr zu, ich stand einfach auf, ging zu ihm und umarmte ihn. „Cool, danke Mac!"
„Gern. Hör mal, willst du mit, wenn ich sie in die Klinik bringe?"
„Aber ja, klar!"
X
Wir saßen am nächsten Tag bereits beim Frühstück, bis Danny sich meldete, das Samiel Messer endlich da sei. Mac gratulierte dem Freund und danach machten wir uns und Lucy rasch fertig, um loszufahren. Auf dem Tisch ließen wir alles bis auf die Lebensmittel einfach stehen.
An der Tür, als ich meine Jacke nahm, bemerkte ich, das Mac seltsam angespannt war und als er sich unbeobachtet fühlte sein privates Tablet einsteckte. Ich behielt es erst mal für mich dass ich es gesehen hatte und nahm Lucy stattdessen in den Arm.
Eine halbe Stunde später waren wir bei Lindsay und dem Baby im Zimmer, während der neugeborene Junge friedlich schlief, sah seine Mutter einfach nur fertig aus und Danny, der Vater war irgendwo zwischen Aufregung und Müdigkeit. Lucy hingegen hatte einfach nur Augen für das Baby, bis ihr Vater sie nahm und mit zum Babybett ging. Sie war völlig begeistert.
Ich grinste. „Herzlichen Glückwunsch!" Ich reichte Lindsay die Hand, sie lächelte müde und nahm sie entgegen, doch sie zog mich zu sich und umarmte mich. „Danke. Auch fürs sehr kurzfristige aufpassen."
„Gern, Lucy ist so lieb."
Mac beglückwünschte die beiden ebenfalls, betrachtete kurz das Baby und versprach die nächsten Tage noch mal wiederzukommen. Wir verabschiedeten uns und ließen die vier dann wieder alleine.
Am Fahrstuhl war ich mir sicher, das Mac irgendetwas bedrückte und sah ihn ernst an. „Was ist?"
„Ich...ich muss noch zum Arzt. Du kannst schon heimfahren?"
„Zu welchem Arzt, warum?"
Er sah mich nicht an, seufzte und wandte den Blick ab. „Es... wird nur etwas geprüft, keine Sorge."
„Dein...Gedächtnis?" Fragte ich leise und schob mich zwischen ihn und den Fahrstuhl. Er nickte und bedachte mich mit einem seltsamen Lächeln, das ich nicht einordnen konnte. Er strich mir über das Haar. „Du kannst auch unten in der Lobby warten."
„Ja, oder ich gehe einfach mit?"
„Das dauert nicht sehr lange, warte unten, draußen, oder fahre heim."
Langsam ahnte ich, das er den Termin deshalb nicht erwähnt hatte, weil er nicht gerne über dieses Problem sprach. Denn obwohl ich es selbst entdeckt hatte und nun alles wusste, machte er die Übungen nur, wenn er alleine war. „Bitte, lass mich mitgehen." Bat ich und nahm seine Hand.
„In Ordnung." Er nickte und ich lächelte ihm zu. „Danke." geht das so einfach? Ich frage, bitte und er lenkt ein?
Langsam folgte ich ihm einige Etagen höher durch den langen Korridor, vorbei an einem dutzend Büroräumen und einigen Miniaturpraxen. Schließlich fast am Ende des Korridors blieb er stehen und klopfte. Ich sah rasch auf das Schild neben der Tür.
Dr. Evan Lorrn
Mehr konnte ich nicht lesen, ehe jemand von drinnen rief und er die Tür öffnete damit ich eintrat, er folgte direkt.
x
*Mac*
Evan musterte Janina überrascht, bis er mich nachkommen sah. Er lächelte und stand auf. „Hi, Mac. So pünktlich heute? Habe ich das etwa deiner jungen Begleitung zu verdanken?"
Ich nickte, kam jedoch nicht dazu zu antworten. „Ich nehme mal an, sie ist die junge Dame, warum du letztes mal abgesagt hast?"
„Ja," ich legte ihr eine Hand in den Rücken, zog sie zu mir, aufmerksam musterte sie ihn. „Evan, dass ist Janina, meine...meine..." Ich seufzte, das war doch wohl nicht wahr! Ich bin der Vater, sie ist meine?
„Seine Tochter," sagte sie leise neben mir und gleichzeitig spürte ich ihre Hand in meiner. Ich drehte mich zu ihr und nickte, sie lächelte, während Evan mich genau im Auge behielt.
Nach dem wir saßen begann Evan den üblichen Smalltalk mit dem wir in der Regel begannen und kein Wort das ich wollte, entschied sich vor dem Gebrauch aus meinem Kopf zu flüchten. Ich war einerseits erleichtert, anderseits aber, war das ja eigentlich fast immer so. Ich atmete lautlos ein und versuchte mich zu entspannen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es mir gründlich misslang. Wiedereinmal, wie fast immer hier.
„Das Janina hier ist heißt dann wohl, dass sie alles weiß?" Fragte Evan plötzlich. Ich sah zu ihr und nickte. „Unfreiwillig, allerdings," gab ich zu. Evan grinste und warf Janina einen vielsagenden Blick zu, bei dem ich mich unwillkürlich fragte, ob sie den verstand.
„Gut, dann...bereit?"
Ich nickte, fühlte mich allerdings keineswegs danach. Evan wartete noch einen Moment dann nickte er. „Dann fangen wir an."
Die ersten zwei Seiten funktionierten reibungslos, erst sechs Farben, dann drei Gegenstände, so wie ein Fahrzeug und zwei Küchenmaschinen. Dann aber die Formen, mal wieder und auch noch farblich. Dieses blöde dritte Ding an dem ich jetzt hing, ich kannte diese Form und irgendetwas, dass wusste ich verband ich auch mit ihr. Ich runzelte die Stirn. Christine? Janina? Ich presste unwillkürlich die Lippen zusammen, atmete tief ein. Verdammt, was...zum...
Etwas warmes berührte meine Hand, schmale Finger umfassten meine und drückten zu. Ich hielt inne, sah auf unsere Hände. Ich drehte die meine und umschloss ihre Finger mit meinen, dann schaute ich sie an. Sie sah ruhig zurück, ein aufmunterndes Lächeln im Gesicht. „Das kannst du," flüsterte sie, nickte mir zu und drückte erneut meine Hand. Ich schloss kurz die Augen und blickte wieder auf den Bildschirm, in Gedanken lief mir Lucy über den Weg und ich hörte Danny neben mir Da glaubst du, du bringst ihnen etwas bei und in Wirklichkeit ist es eben umgekehrt, da bringen die Kids dir etwas bei.
Natürlich...Janina der Urlaub...Das ist gelb, ein... gelbes Rechteck.
„Ein... gelbes Rechteck," sagte ich und schaute nicht zu Evan, sondern Janina, sie lächelte und nickte mir zu. Ich schaute wieder auf das Display. „Blauer Stern, rotes... rotes Drei...nein, Trapez."
Evan grinste und hob die Brauen, in dem Moment, indem er zu Janina sah. „Du solltest ihn immer begleiten, deine Präsens hat eine erstaunliche Wirkung."
„Evan..."
„Was, sie es dir an, keinen Fehler."
„Aber Hänger, dass war nicht..."
„Woran es lag ist zweitrangig Mac, es klappt, das ist wichtig. Woran immer dich die Form erinnert, weswegen auch immer du dich an die Bezeichnung erinnerst ist egal. Fakt ist, durch das Training auch an verschiedenen Orten, bekommst du neue Impulse, verknüpfte Erinnerungen, die dir helfen zu behalten."
„Okay, ich... denke ich habe begriffen."
Evan grinste und stand auf, langsam kam er um seinen Schreibtisch herum, im Gesicht ein sehr breites Grinsen. Ich kannte dieses Gesicht, er war zufrieden und wollte das ich weniger negativ dachte, wobei er es nicht sagte „In dem Fall, sehen wir uns hier erst in sechs Monaten wieder. Und du junge Dame, willkommen in New York."
„Danke." Janina lächelte unsicher und blickte mich, eine Sekunde später fragend an. Ich bedachte sie mit einem warmen Blick und reichte meinem Freund die Hand.
„Machs gut, Evan, grüß mir Anita."
„Richte du meine an Christine."
„Werde ich."
x
*Janina*
Kaum allein im Korridor fasste er mein Handgelenk und hielt mich zurück. „Hey, danke."
Irritiert musterte ich ihn, ich hatte mit so ziemlich allem gerechnet, mit dem Verbot über diesen Besuch zu sprechen, mit Verärgerung und vielleicht auch Wut, wobei ich meinen Vater noch nie wütend erlebt hatte. Aber mit einem Danke. Seine Hand löste sich von meinem Gelenk und ergriff meine Hand. Seine zweite Hand griff leicht um meine Schulter, er drückte sie. „Danke, dass du mitgekommen bist. Ich...hätte nie gefragt, aber... es war gut. Ich... will dich nicht mehr missen, hörst du?"
Ich fühlte ein seltsames Kribbeln, fast wie als wäre ich freudig aufgeregt. Ich sah ihn wachsam an, doch er schien ehrlich nur dankbar und zufrieden mit mir. Irgendwie völlig seltsam. Aber es war schön, dieses Gefühl sicher zu sein. Als er mich jetzt umarmte kribbelte es noch mehr und ich wollte ewig so stehen bleiben, diese warme Gefühl gefiel mir.
