11. Geständnis
Zwei Tage später
*Janina*
Es war später Abend als ich nochmal aus dem Zimmer kam. Ich hatte schon den ganzen Tag immer wieder mit ihm reden gewollt doch jedes mal hatte ich einen Rückzieher gemacht, noch ehe ich bei ihm gewesen, oder angefangen war. Auch jetzt war ich nicht sicher. Wirklich nicht, ich war mir sicher, er würde mir glauben, doch was würde er dann tuen? Er war so unglaublich nett und immer freundlich, er war immer da, wenn ich ihn brauchte und irgendwie beschützend mir gegenüber, in Sorge, war ich zu spät. Ich seufzte und ging an die Balkontür, er stand draußen. Langsam und schon wieder kurz davor umzudrehen drückte ich die Tür auf.
„Mac?"
Er drehte sich um, fragend, verwundert. Ich schaute an ihm vorbei, seufzte und öffnete den Mund...Nein, ich... Ich schüttelte rasch den Kopf und machte kehrt, ich wollte nur noch weg. „Gute Nacht!" Rief ich rasch und lief frustriert zurück in Richtung meines Zimmers.
„Janina!"
Ich seufzte, blieb stehen und drehte den Kopf herum. Abwartend blickte ich ihn an. Er kam in den Wohnraum zurück. „Warte." Bat er, kam zugleich noch näher, er sah mir ruhig entgegen, gerade so... als wüsste er etwas. „Ich..." begann ich und brach wieder zweifelnd ab, sah zu Boden und schloss die Augen. Verdammt! Ich...
„Du willst doch den ganzen Tag schon etwas loswerden, was ist es Janina?"
Ich ruckte zurück und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß, das es da etwas gibt, wann immer du bereit bist, hab keine Angst und komm zu mir, okay?"
Ich wollte schweigen, doch ahnte ich, das es keine gute Idee sein würde, mit jedem der letzten paar Tage stieg dieser Drang es loszuwerden, der Wunsch zu erklären, warum er mich immer mal wieder erschreckte. Doch ich konnte nicht. „Bitte, ich.. kann nicht." ich drehte mich herum und ging zu meiner Tür. „Ist okay, gute Nacht." Antwortete er ruhig und blieb wo er war.
„Nacht." sagte ich, und schloss rasch die Tür, lehnte mich dagegen. Weinend sank ich jetzt auf den Boden, schüttelte den Kopf und vergrub ihn verzweifelt auf meinen Knien. Warum...warum geht es nicht einfach? Einfach reden und...warum...
Nach einer Weile stand ich auf. Noch immer frustriert, wie wütend setzte ich mich an den Schreibtisch. Das Gesicht, in den Händen verborgen rollten die Tränen weiter über mein Gesicht. Ich schloss die Augen, im verzweifelten Versuch meine Tränen und das Schluchtzen endlich zu unterdrücken, fast sofort sah ich ihn vor mir: Greg!
Ich riss die Augen wieder auf starrte an die Wand vor mich, ich spürte, wie ich zitterte. Mein Hass auf diesen Mann, der drei anderen Menschen seinen Willen aufgezwungen hatte wuchs an. Ich hatte immer gewusst, das da etwas falsch war, aber erst jetzt wusste ich es in Worte zu fassen. Er hatte uns beherrscht, ich fürchtete ihn, noch jetzt.
Ruckartig kam ich zum stehen und streckte die Hand aus, mit Kraft und Schwung fegte ich die Schreibtischlampe herunter und riss dabei noch einige Dinge mehr mit zu Boden. Erschrocken starrte ich Sekunden später auf das Chaos vor mir, das war so unheimlich laut gewesen. Ich ging in die Knie, zog den Stecker der Lampe und begann die Scherben meines kaputten Trinkglases aufzuheben. Als hinter mir die Tür aufgerissen wurde zuckte ich automatisch zusammen und sah auf. Die Scherben rutschten aus meiner Hand und ich versuchte sie, ohne nachzudenken aufzufangen. „Autsch!" Fuck, bin ich auch bescheuert! Das gibt jetzt aber doch Ärger!
„Janina!"
Mac war fast sofort bei mir. Er ging neben mir in die Knie und griff meine linke Hand, zog sie zu sich. „Lass sehen. Das müssen wir ausspülen. Komm mit ins Bad." Er fasste meine zweite Hand und zog mich rauf. Noch immer selbst überrascht über meinem Wutausbruch ließ ich mich mitnehmen und verzog schmerzerfüllt das Gesicht, als er mir erst Wasser über die Hand laufen ließ, um sie dann mit Jod zu spülen. „Uuuh, mmh, also...ich denke...das muss genäht werden."
„Nein," ich entzog ihm meine Hand und hielt sie fest, „Ich..."
„Manchmal... hilft es zu reden, statt alles klein zu machen," sagte er leise und strich mir über den Rücken. „Bin gleich zurück, warte hier."
Ich nickte und schloss die Augen, während seine Schritte sich entfernten, ich war fast sicher, dass er im Wohnraum mit jemandem sprach, auch wenn ich keinen antworten hörte. Ich wusste aber ich wollte auf keinen Fall in ein Krankenhaus.
Wieder zurück drückte er mir eine Kompresse auf die Hand und legte einen lockeren Verband an. Ich packte ihn am Unterarm, trotz der Schmerzen nahm ich beide Hände. „Bitte, ich...ich will nicht in die nächste Klinik."
„Ich weiß," er packte mich und zog mich zur Badewanne, auf dessen Rand er mich drückte, er setzte sich daneben und schaute mich an. „Hast du Angst, das jemand dich fragt, was dieses mal passiert ist?" Fragte er leise und schaute zum Boden, er sah mich nicht an, dennoch entdeckte ich etwas neues an ihm. Er war definitiv angespannt.
„Was...Nein! Ich..."
„Janina..."
„Wie...wie kommst du darauf? Und... zu welchem Arzt fahren wir dann?" Fragte ich, statt ihn ausreden zu lassen, oder ihm gar eine Antwort zu geben.
„Gar nicht," erwiderte er und strich mir über den linken Unterarm, ehe er seine Hand über meine Verletzte Linke legte, damit ich sie nicht wiederholt zur Faust ballen konnte. „Sheldon Hawkes, ein Kollege, er ist... Chirurg."
Erleichterung machte sich in mir breit und ich atmete tief durch. „Danke."
Er nickte, musterte mich noch kurz und stand ruhig auf. „Geh ins Wohnzimmer," sagte er leise und trat zur Tür. Ich schaute ihm nach, stand auf und beobachtete, wo er hinging, er ging in mein Zimmer und durch die Tür sah ich, wie er um den Schreibtisch herum Ordnung machte.
Zehn Minuten später klingelte es, ich wollte aufstehen, doch Mac machte auf und er blieb auch hinter mir stehen, während Hawkes meine Hand versorgte. Mit dem Abfall des ersten Verbandes den er selbst angelegt hatte, ging er weg und holte auch etwas Wasser für mich, mit dem ich die Tabletten einnehmen konnte.
Als mein Vater bei der Küchenzeile war, beugte sich Hawkes mit einem mal vor. „Rede mit ihm, Mac ist ein guter Zuhörer und... wir sind Ermittler Janina, glaubst du wirklich er weiß nicht, warum du nicht ins Krankenhaus willst? Mach dir keine Sorgen, um deinen Vater, niemand wird glauben, dass Mac dir was getan hat, okay?" Sheldon lächelte und legte eine Packung Schmerzmittel auf den Tisch. „Maximal drei Stück. Kommt morgen ins Labor, ich seh mir die Wunde dann an, okay?"
Ich war noch immer viel zu perplex und erschrocken um zu antworten. Ich starrte ihn einfach an. Er lächelte und klopfte mir auf die Schulter. „Du... kannst auch mit jemand anderem reden, Lindsay, Danny, oder mir." Er nahm seine Tasche, warf Mac einen Gruß zu und verschwand. Mac kam unterdessen zu mir zurück.
Zitternd nahm ich ihm das Glas ab und nahm eine Tablette. So rasch ich konnte, würgte ich diese herunter und stellte das Glas wieder ab. „Gute...Nacht."
Ich wirbelte herum und eilte zurück in mein Zimmer meine Gedanken rasten, seinen Nachtgruß bekam ich nicht mehr mit.
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*Mac*
Ich schaute ihr nach als sie fluchtartig in ihr Zimmer zurück stürzte. Ich hatte keine Ahnung, was genau der Auslöser gewesen war, das sie heute seit dem Mittag in alte Verhaltensmuster zurückgefallen war. Heute Morgen in der Klinik war noch alles gut gewesen, doch kaum zu Hause war sie nachdenklich, übervorsichtig und schreckhaft geworden, wie zu Anfang. Sie war jetzt fast zwei Monate hier und hatte eigentlich gute Fortschritte gemacht, so gut, das ich wirklich gehofft hatte, sie würde anfangen zu reden. Ich seufzte und trat ans Fenster.
Ich wusste, ich musste langsam handeln, ich hatte schon zu lange gewartet, wenn sie sich jetzt nicht öffnete, dann musste ich das Gespräch suchen. Ich wusste das ich es besser nicht alleine tat. Evan hatte mir auch schon jemanden genannt, seine Schwiegertochter, sie war Psycholgin, es wurde wohl Zeit sie anzurufen, gleich morgen früh.
Einige Stunden blieb ich noch wach, sah fern, tippte Berichte, dann zog auch ich mich ins eigene Zimmer zurück. Doch ich lehnte meine Tür heute nur an, dieses drängende Gefühl sie heute nicht allein zu lassen war noch nicht verflogen.
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*Janina*
Es war nach Mitternacht als ich erwachte und aus der Ferne ein Donnern hörte. Ich zog mir die Decke über den Kopf, und drehte mich herum, um weiterzuschlafen. Doch als das Unwetter rasch näher kam, gab ich diesen Versuch auf, ich hasste Gewitter. Im Grunde wusste ich wie irrational meine Angst vor diesem gewöhnlichen Wetterphänomen war, aber mit Rationalität und Wissen, war eben nicht jede absurde Angst zu bekämpfen.
Leise stand ich schließlich auf. Ich ging in den Wohnraum, wo ich mich an den Esstisch setzte. Zum ersten mal verfluchte ich diese riesigen fast bodentiefen Fenster. Es war viel zu viel von diesem elenden Wetterleuchten zu sehen.
Ich versuchte mich erfolglos abzulenken, wann immer es mir kurz gelang kehrten meine Gedanken zu meinem Albtraum zurück: Greg der mir nachsetzte, Greg der mich einsperrte, riesig und drohend vor mir stand, besoffen die Flasche nach mir warf und die Treppe, welche ich fiel und fiel... Oder meine Gedanken kreisten um die Ereignisse des Nachmittages, ...ein Mann, groß, muskulös und das kleine Mädchen, das sich losriss, eingefangen wurde und welches er grob mit sich nahm, ehe er sie in der Seitenstraße gegen die Wand stieß und schlug...ihre Tränen, ehe sie meinem Blick entschwand... Ich sprang auf und warf dabei beinahe meinen Stuhl um. Eilig lief ich in die Küche, schob diese Gedanken beiseite, nichts davon konnte hier und mir passieren, ich wollte nicht mehr daran denken. Ich holte mir ein Glas und füllte es mit Wasser. Schon wieder tief in Gedanken starrte ich ins leere und trank...
„Hast du Schmerzen?"
Ich fuhr herum, dass mir das Glas entglitten war, bemerkte ich erst als es auf die kühlen Fliesen knallte und zersprang. Ich hörte ihn kommen, meine Nackenhaare richteten sich auf und rasch sah ich zu ihm. „Es... es tut mir Leid, ich...ich mach das schon, ich... bezahl das, ich..." zitternd beugte ich mich vor, um die Scherben aufzusammeln, als mich zwei starke Hände packten und hoch zogen. Ich schloss zitternd die Augen. Jetzt kam es! Jetzt würde es passieren. Das zweite Glas, gleich würde seine Hand heiß auf meiner Haut brennen und...
„Janina...Janina, sieh mich an. Sieh mich an!"
Das...das ist nicht Greg! Aber wo...was...ich blinzelte verwirrt durch die Tränen.
„...Janina, ich bin es, Mac."
Mac? Mac! Natürlich ich war bei meinem Vater! „Mac!" Ich warf mich gegen ihn und er schloss mich fest in seine Arme. Ganz leise sprach er mit mir, streichelte mich und ich atmete tief ein, klammerte meine zitternde Hand fest in sein T-shirt, ich musste einfach sicher sein, das ich nicht träumte und gleich erwachte. Ich atmete tief ein und sein Geruch kroch mir in die Nase. Langsam wurde ich wieder ruhiger. Ich seufzte.
„Hey, hey, ganz ruhig. Ist gut." Ich spürte wie er mein Haar küsste, dann schob er einen Arm unter meinen und nahm mich einfach mit zum Sofa.
Er schob mich auf das Polstermöbel, folgte mir und drückte meine Hand, während er mir zugleich das Haar aus dem Gesicht strich und meine Tränen trocknete. „Rede mit mir, es... wird besser, versprochen."
Ich schüttelte den Kopf und wollte aufstehen, er ließ mich aber nicht. „Janina," bat er leise, „er kann dir nichts..."
„Wenn... wenn ich was sage, du...du hast ja keine Ahnung! Meinen...meinen Erzieher aus dem Camp, er...Greg hat ihn verprügelt, er..."
„Janina, schau mich an."
Ich wollte, ich wollte wirklich, aber wie sollte ich, Greg würde sich rächen, Mum würde ihn nicht mehr damit drohen können ihn zu verlassen, sie war tot, nichts würde ihn also mehr bremsen und Mac, ich wollte nicht, dass er Mac...
*Mac*
Es war unschwer zu erkennen, dass sie wirklich große Angst hatte und nach ihrer Enthüllung jetzt, ahnte ich langsam, dass sie weniger Angst um sich hatte, als um mich. Sie sah weiterhin weg, völlig verzweifelt und ängstlich. Ich hob ihren Kopf an. „Janina, he, ich bin Polizist, ich trage eine Waffe und habe andere Möglichkeiten mich zu verteidigen. Er wird uns nichts tuen, okay? Ich lasse nicht zu, dass er an dich ran kommt."
„Ich... dachte eben... ich... wäre dort und...und er... das Glas..."
„Was hätte er gemacht?" Fragte ich leise und hielt meine eigenen Emotionen mit Mühe im Zaum. „Er... er hat mich geschlagen, wieder und wieder, bis...bis ich still war, bis...er sich abreagiert hatte. Er... schlug fester, wenn... ich mich wehrte, schützen wollte, oder... ich schrie...oder... weinte...er..." Sie verstummte, senkte den Blick und schüttelte den Kopf. Ich wollte am liebsten los fahren und den Mistkerl selbst verprügeln, allein ihr verlorener Anblick hielt mich auf. Ich hatte es geahnt, geahnt, das da mehr gewesen war, als dass, was ihr Stiefbruder mitbekommen hatte. Schon früh und doch machte es mich jetzt fassungslos, dass meine eigene Tochter, Opfer solcher Gewalt gewesen war. Noch unvorstellbarer war mir jedoch, das Nathalie das alles nicht mitbekommen haben sollte, oder schlimmer es wissentlich nicht verhindert hatte.
„Janina, wenn er... so wütend gewesen ist, wo war da deine Mum?"
„Nicht da, er...es kam kaum noch was vor, vor.. Mums Tot, ich... weil...ich wusste, wann ich abtauche oder... gehorche."
Sie schluckte, schloss die Augen und setzte sich auf, im nächsten Moment lehnte sie sich bei mir an. Ich legte die Arme um sie. Ich konnte nicht fassen, dass Nathalie es gewusst haben musste. Die Nathalie die ich gekannt hatte, hätte alles für ihr Kind getan.
„Mum... Mum brauchte ihn, er... war da, sie hat mich wieder holen dürfen, nach... der Hochzeit und vielen... Besuchen, am Anfang... war es ganz okay."
„Was hat sich verändert?" Fragte ich. Sie drückte meine Arme weg, setzte sich und beugte sich auf dem Sofa vor, sie schloss die Augen, „Der Unfall...Mum...konnte nicht mehr arbeiten, ich...musste aus der Privatschule, war...viel zu Hause, Mum... konnte nicht ohne Arbeit und wollte das ich... weiterkomme, sie...war unglücklich und... wurde Depressiv. Sie... kam in die Klinik, ich...war fast zwei Jahre bei ihnen...Greg... Greg mochte es nicht, wenn ich... mehr wusste, er... er sagte, dass er... es sei unnatürlich...er habe Recht..."
Sie hielt inne, rang nach Atem, ich legte ihr eine Hand auf den Rücken.
„Es... ist okay, wir können morgen reden."
Sie schüttelte den Kopf, tastete nach mir, bis ihre Hand mein Knie fand, sie zitterte. Meine Hand legte sich über ihre, meine Finger umschlossen ihre. Sie seufzte, kniff die Augen zusammen und lehnte sich zurück, gegen meinen Oberarm, sie weinte wieder. „Sch Shsht. Okay," ich strich ihr das Haar zurück und küsste ihre Stirn, „...was hat er gesagt?"
„Das...das er mir die Worte... rausprügeln wird, bis ich... bis ich weiß,... wann... ein Kind still ist." Sie drückte sich enger an mich und umfasste nun mit beiden Händen meinen rechten Arm. „Lass...lass mich nicht allein."
„Niemals."
„Mac, glaubst du... glaubst du Mum hatte Angst, dass...das ich fort muss, wenn... wenn sie Greg verlässt?"
Ich seufzte, ich hatte keine Ahnung, wenn ich ehrlich war, konnte ich es noch immer nicht begreifen, dass sie es gewusst hatte. Und mir fiel beim besten Willen nicht ein, warum sie mit ihrer Tochter bei Greg geblieben war. Mühsam schluckte ich die eigene Wut hinunter und schaute, als sie aufsah ruhig zu ihr. „Hat er es in die Tat umgesetzt?" Fragte ich, obgleich ich die Antwort ja kannte. Sie nickte. „Mehr...mehrmals... einmal... nein mehrmals waren wir in der Klinik, beim ersten mal sei ich vom Baum gefallen, der Arm war gebrochen, das zweite mal... sagte er ich...ich habe mich verletzt, als ich versucht habe wegzulaufen, aus... dem Hausarrest, das stimmte sogar, nur das...das ich nicht gestürzt war, sondern er es getan hatte."
„Wo warst du verletzt?" Fragte ich mühsam beherrscht.
„Mehrere geprellte und eine gebrochene Rippe, ich glaube... ich hatte Kopfweh, einen geprellten Arm, die Schulter, blaue Flecken. Ich... musste dort bleiben. Er...er sagte mir, wenn ich ihn verriete, dann... müsste ich fort, sie würden mich ihm und Mum wegnehmen, dass...dass wollte ich doch nicht...ich...ich wollte bei Mum bleiben. Sie...brauchte mich doch..."
Wie immer, wenn mir ein Kind von so etwas berichtete zerriss es mich innerlich, dieses mal war es noch schlimmer wie sonst. Denn dieses mal war es eben anders, es... ging um meine eigene Tochter. Mein kleines Mädchen, dass damals niemanden außer ihrer Mutter gehabt hatte, weil ich nicht um sie gewusst hatte. Ich schloss gepeinigt die Augen, sie bekam es nicht mit, kämpfte zu sehr mit sich selber. „Wie lange war Nathalie weg?"
„Ungefähr... drei Monate war sie gar nicht, oder kaum da. Da-danach war es... besser. Bis..."
Sie verstummte wieder und schüttelte den Kopf. „Bis..."
Ich wartete ließ ihr Zeit, sie brauchte ein wenig länger dieses mal und ich ließ sie los, legte einen Arm um sie. Sie atmete tief ein, ein Frösteln überkam sie. „Bis er... seinen Job verlor, dann... wurde es...genau so und... schlimmer, er...er trank, er...ließ sich gehen, Mum putzte inzwischen und machte Einkäufe für andere, mich... mich ließ er nicht zur Schule, schlich ich mich raus...dann...zeigte er mir, wie man mit ungezogenen Kindern umgehe. Er...er hat mindestens einmal Mum geschlagen, als... als sie nicht konnte und weniger Geld bekam, Matt...Matt wohnte auf dem Campus, Yale. Noch schlimmer... wurde es, als... als Mum starb. Er... er hat mich oft angeschrien, er hasse mich, ich sähe aus wie sie und... ich sei zu nichts nutze und brauche keine Schule, ich... wisse ja alles, er...er hat mich geschlagen, ließ mich kaum raus und sperrte mich ins Zimmer, ins Bad, auf die Feuertreppe, oder in den Keller. Darum... ich...ich musste weglaufen. Ich...ich habe Mums Tagebuch gefunden, deinen...Namen und...bin weg."
„Warum...hast du mit niemandem gesprochen? Einem Lehrer, dem Schulpsychologen, oder..."
„Ein...nur... einmal habe ich etwas gesagt. Das Amt kam, er machte nicht auf, hielt mir ein Messer vor. Zweimal ging das so, dann gab es einen Termin, alles...war sauber, ich musste putzen und...in Ordnung...ich...mir hat er gesagt, er...zieht mit mir um...lässt Matt nicht kommen...und zwei Tage später war... mein Lehrer krank und... danach zog er seine Anzeige, aufgrund eines Missverständnisses zurück, kurz….kurz darauf hat er gekündigt und...und war wieder im krank. Greg...er...er hat ihn verprügelt. Bitte, bitte Mac, zeig ihn nicht an, ich... will nicht, dass..."
„Janina, ruhig, sie mich an!" Ich wartete, bis sie der Aufforderung nachkam und blickte sie ernst an.
„Keine Angst, er wird es nicht wagen her zu kommen, nicht solange du bei mir bist. Ich bin Polizist, er weiß es. Ich verspreche dir, er kommt zu dir."
„Ich...kenne ihn,... ich...Mac ich... hab Angst."
„Die brauchst du nicht zu haben." Ich schloss sie wieder fest in die Arme. Sie nickte und legte mir die Rückseite ihrer linken Hand auf die Brust. „Ich...ich mag keine Gewitter, ich...habe Angst und... das ist völlig irrational."
Ich grinste und fuhr ihr durch das Haar. „Viele mögen kein Gewitter. Nichts besonderes."
Sie nickte und suchte meinen Blick. „Bleibst du... bleibst du da, bis ich... eingeschlafen bin?"
Ich nickte und lächelte ihr zu, währen ich über ihre Wange strich. „Natürlich und danach nur eine Tür und einen Ruf entfernt."
Ich brachte sie zurück in ihr Zimmer und hielt mein Wort, erst eine ganze Weile, nachdem sie eingeschlafen war, stand ich auf und ging in mein Zimmer zurück. Aber ins Bett ging ich noch nicht, ich schrieb zunächst alles genau auf, was sie mir erzählt hatte und legte das längst ausgeschaltete Aufnahmegerät aus meiner Hosentasche auf den Bogen Papier. Ich wusste sie würde nicht begeistert sein, wenn ich ihr verriet, das Gespräch aufgenommen zu haben, doch ich wollte mit allen Mitteln vermeiden, dass sie vor Gericht diesem Mistkerl gegenüber treten musste. Mit diesen Aufnahmen und der Dokumentation, über ihr jüngstes Verhalten, wie das zu Anfang hatte ich gute Karten. Ich seufzte, schloss beides in meinen Scheibtisch und sah auf die Uhr.
03:05
Es wurde Zeit das ich mich noch etwas hinlegte, ich stand auf und ging zu meinem Bett.
