16. Novembermorgen

*Janina*

Ich stellte meine Tasche an ihren Platz, unter dem Tresen, begrüßte Tara und band meine Schürze um, bewaffnet mit Papier und Stift trat ich an den ersten Tisch. „Hallo, Guten Abend, ich bin Janina und für heute Abend ihre Bedienung, was darf es sein?"

„Ein wenig, jung, mmh?"

„Bitte?"

„Du. Du bist etwas jung zum arbeiten, wo ist der Besitzer, ich..."

„Ich bin vierzehn, vierzehn. Meiner zukünftigen Stiefmutter gehört dieses Restaurant. Ich helfe hier freiwillig und meine Aufsichtsperson ist anwesend. Also...darf ich Ihnen jetzt etwas bringen?"

„Ich...habe schon viele Ausreden gehört, das überprüfe ich doch lieber..."

Er stand auf, ich sah ihm entgeistert hinterher. Ist der übergeschnappt?

„Gibt es hier ein Problem?"

„Nichts für ungut Sir, ich..."

„Ja. Er meint ich darf hier nicht arbeiten und will zu Christine."

„Sir, darf ich fragen was Sie das angehen sollte?" Fragte mein Vater den Mann, der schaute verärgert zu meinem Vater. Ich seufzte. „Das geht Sie nichts an!" Fuhr der Kerl, Dad an, ich musste unwillkürlich grinsen, ich wusste das Dad sich vieles gefallen ließ, das aber sicher nicht.

„Ich denke schon, sie ist meine Tochter. Also, wer sind Sie?"

„Andrew Grump von der Fürsorge und ich..."

„Detectiv Mac Taylor, Supervisor des CSI und Leitender CSI des hiesigen Labors. Ich kenne die Gesetzte also. Janina macht was sie machen darf und ihre Kollegin Prienna Sorren, war erst gestern hier. Ich schlage vor, sie reden erst mal mit ihr, ehe Sie hier Maßnahmen ergreifen wollen. Möchten Sie nun etwas bestellen? Oder nicht?"

„Wir bekommen zwei Kaffee und zweimal das Tagesmenü," erklärte die Frau am Tisch und zog den Mann wieder zu sich herunter. „Ich sags dir immer wieder, du bringst dich noch mal in Schwierigkeiten."

Dad nahm mich an der Schulter und führte mich zurück zum Tresen, wo Christine besorgt auf uns wartete. Er beruhigte sie und eine halbe Stunde später saßen wir gemeinsam an einem der Tische und aßen zusammen.

„Ich...habe einen Termin." Durchbrach mein Vater mitten beim Essen die Stille. Abwartend schaute ich von einem zum anderen. Christine sah ihn erwartungsvoll an.

„Samstag, diesen Samstag."

„Wirklich?"

Er nickte und sah zu mir. „Aber nur, wenn ich von Janina nicht wieder höre, dass du keine Pause machst. Oder mich Tara anruft, weil du am freien Tag hier herum läufst. Tara und Vicky haben mir nachdrücklich erklärt, dass sie auch einige Tage sehr gut alleine zurecht kommen."

Ich nahm meinen Teller und stand auf, das klang nach einem Gespräch, dessen Zeuge ich nicht unbedingt werden musste. Ich setzte mich an den Tresen.

„He, was ist los, Kleines?"

„Ehekrach?"

Tara grinste breit. „Vor der Hochzeit?"

Ich zuckte die Achseln, schob mir eine neue Gabel Nudeln in den Mund und antwortete erst wieder nach dem Schlucken. „Nicht mehr lange davor und er sagt ihr gerade, dass sie sich an ihr Frei und ihre Arbeitszeiten, also auch Pausen zu halten hat."

„Ouh." Tara kassierte einen Gast rasch ab, verabschiedete ihn und sah wieder zu mir. „Und? Findest du deine Familie immer noch harmonisch?"

Ich kicherte. „Irgendwie schon, nach Streit folgt Frieden, da! Siehst du." Ich schob ihr meinen leeren Teller zu und wir beobachteten beide wie Dad und Christine sich küssten.

„Die sind so süß zusammen, so vertraut und liebevoll. So was will ich auch mal haben."

Ich stand auf, ging zu ihr hinter die Theke und umarmte sie kurz. „Warte ab, die Liebe kommt, wenn du sie nicht erwartest," sagte ich ihr und schnappte mir wieder meine Arbeitsausrüstung.

„Von wem hast du Küken, denn das? Nie und nimmer von deinem Dad."

„Stimmt, aber von meinem Stiefbruder."

Tara kicherte und ich ging wieder an die Arbeit.

*Mac*

„Die beiden verstehen sich wirklich gut."

Ich nickte, ja es war unbestreitbar, das die neunzehnjährige Tara und meine Tochter sich gut leiden konnten, nur hatte ich noch nicht so ganz durchschaut, ob es wirklich eine Freundschaft war, oder eher freundschaftliche Sympathie unter Kollegen. „Scheint so."

„Keine Sorge Mac."

„Ich mach mir keine."

„Du grübelst."

Ich nickte, sie hatte Recht. „Stimmt. Ich frage mich, was Tara von dieser Freundschaft hat. Sie ist gute fünf Jahre älter."

Christine seufzte und sah mich plötzlich sehr ernst an. „Ich habe dir nie gesagt, wie ich Tamara gefunden habe, oder?"

Ich schüttelte den Kopf, plötzlich sehr hellhörig geworden. Nein, das hatte sie wirklich nicht, was gab es da wohl zu wissen? „Wie?" Fragte ich schlicht. Sie nickte, deutete aber nach hinten und ich folgte ihr in den kleinen Hinterhof. „Tamara hockte eines Abends hier zwischen den Müllcontainern und hat Essen aus dem Müll gesucht. Als ich kam, ist sie geflüchtet. Am nächsten Tag habe ich ihr eine Tüte mit nicht verwendeten Resten gegeben und einen Zettel reingelegt."

„Was stand da drauf?"

„Das sie jeden Abend eine Tüte bei mir abholen kann, aber das sie den Eingang benutzen soll. Sie kam eine Woche lang und war immer pünktlich. Dann kam sie zwei Tage nicht und hatte beim nächsten mal einen jüngeren Jungen dabei, ich hatte hier einen Wasserrohrbruch und gar nicht auf. Sie hat den Jungen, ihren achtjährigen Bruder an einen der Tische gesetzt und er hat Hausaufgaben gemacht, während sie mit geholfen hat Wischen und Spülen. Der Kleine hat geschlafen, als wir fertig waren. Ich habe ihr einige Lebensmittel mitgegeben und sie gebeten am nächsten Tag zu kommen, wenn er Schule hat."

„Sie kam," folgerte ich und nickte. Christine nickte auch. „Sie kam und ich erfuhr, das die Mutter trank, der Vater im Gefängnis saß und sie sich damit alleine um Joshua kümmerte. Ich habe sie dann angestellt, unter der Voraussetzung, dass sie ihre Schule macht und dann hier ihre Ausbildung. Seither macht Josh hier jeden Tag seine Hausaufgaben und sie bekommen die Lebensmittel zum Einkaufspreis."

„Und inzwischen geht sie aufs Abendcollege." Ich nickte. Nein das hatte ich nicht gewusst und ich ahnte, das noch etwas kam, als ich Christine ansah. Sie seufzte. „Am Anfang hat auch ihre Schwester, Beth hier ihre Aufgaben gemacht, dann kam sie immer seltener und Tara hat sie zweimal von der Wache abholen müssen. Beim dritten mal gab es keinen Anruf, sondern es kamen zwei Beamte, Tara war gerade siebzehn. Die Polizisten hatten ihre Mum nur volltrunken gefunden und so kamen sie her. Bethany... sie war im Drogenrausch mit anderen am Strand gewesen und...sie ist ertrunken."

„Wie alt, war die Kleine?"

„Fast fünfzehn und Janina nicht unähnlich."

„Verstehe. Und... Josh?" Fragte ich. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Fürsorge den Jungen bei einer siebzehnjährigen und der volltrunkenen Mutter gelassen hatte.

„Lebt inzwischen als Pflegekind bei Tara. Dazwischen war er ein Jahr lang in einer Pflegefamilie, dort ist er jetzt am Abend, solange wie Tara arbeitet und über Nacht, wenn sie die Nachtschicht hat."

„Was hab ich nur für eine Samariterin als Frau?" Fragte ich und zog Christine an mich, sie schmunzelte. „Und was ist mit dir?"

„Bei mir ist es mein Job."

Sie lachte und ich fiel mit ein, ehe wir in einem langen Kuss versanken.

xXx

Vier Tage später, Samstag Abend

*Janina*

Alle Freunde von Mac und Christine waren da und niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, Dad hatte nichts gesagt, das wusste ich. Vielstimmig wurde ich begrüßt als ich jetzt hereinkam und ein kleiner blonder Wirbelwind raste auf mich zu und knallte gegen meine Knie. Lachend beugte ich mich hinunter. „Hey, Lucy!"

Ich hob das Mädchen hoch, in die Arme und ging mit ihr um die Theke herum, ging zu den anderen an den Tisch. „Hey, Leute!"

„Hi, Janina," Danny stand auf und wollte sich sein Mädchen zurückholen, doch Lucy schien überhaupt nicht einzusehen, wieso. Sie schüttelte den Kopf und klammerte ihre Arme um meinen Hals. „Ich will bei Jai-ina bleiben!"

Als Danny einen neuen Versuch startete sich seine kleine Tochter zu holen sah sie ihn überaus missmutig an und schlug nach seiner Hand, ehe sie sich gleich wieder bei mir festklammerte. „Nein! Weg! Lass mich!"

Danny senkte die Arme und starrte seine kleine Tochter fassungslos an. Während hinter ihm seine Frau kam. Lindsay legte ihrem Mann einen Arm um, die anderen in seinem Rücken grinsten inzwischen breit. Seine Tochter aber sah zufrieden zu mir. Unschuldig schaute ich von der Kleinen zu Danny.

„Komm schon, Danny du kannst deinen Sohn nehmen."

„Hast...hast du das eben gehört?" Fragte er Lindsay perplex.

Sie grinste breit und amüsiert. „Sei doch froh, vor kurzem hast du dich noch beschwert, dass sie dir, oder mir zu sehr am Rockzipfel hängt." Danny schaute uns protestierend an, die anderen lachten und Lindsay zog ihn mit sich zurück zu ihrem Platz, während ich mich neben Dad setzte und die anderen einen Stuhl auf rutschten, damit Lucy neben uns passte. Es wurde wieder ruhig und einen Moment später stand Dad auf. Alle Blicke wandten sich ihm zu.

„Also, Freunde...wir...sind heute hier, weil wir gleich zwei Gründe zum feiern haben. Christine und ich..."

„Ihr heiratet endlich?" Sheldon grinste sehr breit und warf Mac einen provozierenden Blick zu. Doch der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Typisch Dad. Er grinste und nickte dann. „Wann?" Rief Danny und war dabei sichtlich begeistert. Die anderen waren nicht weniger Erwartungsvoll. „Wo?" Fragte Jo.

„Ehrlich? Wann?"

„Wurde auch Zeit," grinste Adam. Mac grinste und Christine streckte ihm eine Hand entgegen, er nahm sie und die beiden schauten sich kurz an.

„Samstag," antwortete Dad, „In vier Tagen."

Alle starrten ihn an und gleich redeten wieder alle durcheinander.

„Nächsten..."

„Wow, ihr habt es aber plötzlich eilig!"

„Samstag!"

„Wow!"

Ich grinste amüsiert und da sollte man meinen, Erwachsene wüssten miteinander zu kommunizieren. Lucy rutschte jetzt unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Was ist los? Was ist?" Fragte sie, doch ich war zu sehr gefangen von den Emotionen am Tisch. Das Kind rutschte vom Stuhl und lief zu seiner Mutter.

„Warum plötzlich die Eile Mac?" Fragte Jo, als die anderen verstummten. Er grinste und schaute kurz zu mir und Christine, ehe er zu Jo sah. „Wir wollten ohnehin die nächsten Wochen heiraten und die Eile, nun... wir hatten unsere Gründe. Janina geht jetzt aufs College und im nächsten Monat für drei Monate nach Irland." Mac machte eine Pause und ich sah genau, die Skepsis in Jo Danvilles Gesicht. Er fuhr fort: „Und zum anderen, Christine.. und ich... wir werden Eltern."

„Was?!"

„Nein, dass..."

„WOW! Glückwunsch Mac! Christine!"

„Wahnsinn! Gratuliere!"

Mein Vater strahlte jetzt wieder übers ganze Gesicht und ich grinste breit. Jo stand im nächsten Moment hinter mir, umarmte erst ihn, dann Christine. „Ich freue mich ja so für euch. Das sind super Nachrichten."

„Danke, Jo," bedankte er sich. „Danke dir," sagte auch Christine, dann kamen die anderen. Die Messers blieben erst bei mir stehen. Danny strich mir durch das Haar. „Na, große Schwester also, mmh? Und...Irland also?" Ich lächelte und nickte ihm zu. Er grinste. „Viel Spaß, junge Lady!"

Seine Frau Lindsay kam ganz nah und drückte mich an sich. „Ich gratuliere dir auch, und viel Spaß in Irland."

„Danke."

Eine viertel Stunde später bediente sich jeder am aufgebauten Buffet und es wurde ein fröhliches, munteres Abendessen. Wir alle redeten munter durcheinander und es war spät in der Nacht, ehe wir den Laden schlossen, um nach Hause zu fahren. Unser zu Hause, mein zu Hause. Und jetzt bekam ich auch noch einen kleinen Bruder, oder eine Schwester. Könnte ich glücklicher sein? Nein.