Yu Yu Hakusho Saisei Teil 6:

Jenseits des versiegelten Fensters

Eine Fanfiction-Neufassung des Animes von Yoshihiro Togashi von Mayuri Hoshigawa

Übersetzung der Geschichte "Beyond the Warded Window"


Disclaimer: Yu Yu Hakusho gehört Yoshihiro Togashi, Shonen Jump und Shueisha, nicht mir. Die Originalfassung dieser Geschichte findet ihr auf www . yyh-saisei . com (ohne die Leerzeichen)


Die sich an Sorgen und Schmerz bereichern

Unter grauem und wolkigem Himmel, verborgen im Honetadare Valley, lag das Tarukane Anwesen. Ehrlich gesagt war es ein schöner Ort. Die Steinwände und Schieferdächer des Herrenhauses waren elegant, die hohen Fenster beeindruckend, der Rasen im Vorgarten gut gepflegt. Der einzige Makel war die Mauer, die den Ort umgab, die natürliche Wildnis des Waldes aussperrte und dadurch das Gelände innerhalb im Vergleich kalt und leer aussehen ließ. Die Natur selbst schien gegen diese von Menschenhand gemachte Beschränkung zu kämpfen: die Dächer lagen voll mit schwerem Schnee, die Fenster waren beschlagen und von Frost überzogen und große Spitzen aus Eis hingen von den Traufen und Fensterbrettern. Eine Anzahl Bediensteter waren draußen damit beschäftigt, die Eiszapfen abzuschlagen und mit Maschinen den Schnee weg zu blasen, ungeachtet des immer finsterer werdenden Himmels.

Ein schlanker Helikopter flog tief über den Wald, fegte über die schneebestäubten Bäume hinweg und scheuchte Vögel und andere Tiere von ihren Ruheplätzen auf. Der Heli überquerte die Mauer und landete auf einem markierten Platz auf der Westseite des Anwesens. Während der Pilot damit fortfuhr, die Maschine herunterzufahren, öffnete sich die Seitentür und zwei Youkai sprangen heraus. Sie landeten sauber auf dem Boden und fielen sofort in verteidigungsbereite Stellungen, die Frau mit einer glänzenden Strähne ihres eigenen Haares und der winzige, in einen dunklen Mantel gehüllte Mann mit einem Paar stählerner Klauen bewaffnet. Miyuki und Inmaki inspizierten das sie umgebende Gelände und richteten sich dann auf.

"Sicher!" rief Miyuki, und strick sich die lose Haarsträhne zurück in den Nacken. Sie und Inmaki traten schnell zur Seite und verbeugten sich aus der Hüfte, als eine Falttreppe aus der Seite des Helikopters herabgelassen wurde..

Sobald die Stufen heruntergelassen waren, trat ein kleiner, in echtes Leder gekleideter Fuß darauf. Es kam ein kleiner, dicklicher, kahler und hässlicher Mann heruntergetrottet – eine Kombination, die höchst unfair gewesen wäre, wäre Gonzou Tarukanes Seele nur ein wenig schöner als sein Körper gewesen. Trauriger weise war das einzige, was an seinem Aussehen täuschte die Tatsache, dass er tatsächlich eine weit weniger angenehme Person war, als er aussah. Er trug einen eleganten Anzug und Ringe, die mit seltsamen, wunderschönen Steinen übersäht waren, die nur wenige in der Menschenwelt je zu Gesicht bekommen hatten.

"Sakashita!" rief der kleine Mann mit keuchender Stimme.

"Sir!" Ein Bediensteter, dessen Mantel um seinen schmächtigen Körper flatterte, rannte über den Hubschrauberlandeplatz. Sakashitas lenkstangenförmiger Schnurrbart und sauber gescheiteltes Haar blieben unbewegt, so dick waren sie von einer Schicht Wachs umgeben. Der Diener hielt schnell einen braunen Überzieher aus Wildleder auf. "Willkommen zurück, Sir."

Tarukane glitt in den dargebotenen Überzieher und warf zeitgleich einen Blick auf sein schneebedecktes Anwesen.

"Hat Yukina all dies getan?" grunzte er.

"Nein, Sir," antwortete Sakashita. "Die Talismankarten halten ihre Kräfte in Schranken. Sie kann nichts einfrieren, das sich außerhalb ihrer Zelle befindet." Sakashita setzte seinem Herren einen Hut aus Pelz auf und sah ihn dann mit großen Augen an. "Ab und zu fällt Schnee auch von sich aus, Sir."

"Yeah, nun, ich will mit der hier kein Risiko eingehen," sagte Tarukane gereizt. "Ich habe bereits eine Menge Geld in sie investiert. Ich rechne mit ein paar Erträgen."

"Selbstverständlich…"

"Wo wir gerade davon reden, habt ihr die Test schon durchgeführt?"

Sakashita zuckte leicht zusammen. "Ah… ja, was das angeht, Sir…"


Der Keller des Anwesens wurde von einem Labor eingenommen. Innerhalb eines Glaskäfigs befand sich ein Youkai, der den Namen Hellen erhalten hatte. Warum sie einen solch harmlosen Namen erhalten hatte, konnte niemand genau sagen – vielleicht sollte er sie weniger furchterregend erscheinen lassen. Sie war riesig und hatte grüne Schuppen, mit Dornen auf dem Rücken wie ein Stegosaurier und einem grimmigen, hässlichen Kopf, der von einer silbernen Löwenmähne umgeben war. Mehrere uniformierte Pfleger waren in dem Käfig, einige zielten mit Elektroden auf sie, andere mit langen Stangen mit Zangen an einem Ende. Hellen stieß ein monströses Brüllen aus, als die Stäbe näher kamen, deren elektrische Entladungen sich in ihren großen, schlangenartigen blauen Augen spiegelten.

Tarukane ignorierte Hellens Brüllen als er durch das Labor ging und geradewegs auf einen Arbeitstisch zusteuerte, der mit kleinen, weißen Ausstellungskästchen übersäht war. Sakashita ging langsamer, da er die Reaktion seines Herrn nicht sehen wollte, während Tarukane eifrig auf eine Trittstufe stieg und eifrig einen Blick auf die Früchte seiner Arbeit warf.

"Was zum— Was soll das sein?" spie Tarukane aus, als er entgeistert auf den Inhalt des Kästchens starrte. Das Ding darin sah aus wie die Skulptur einer verschrumpelten Erbse, die aus einem Block gefrorener Limonade geschnitzt worden war.

"Das ist der Hiruiseki, den Yukina produziert hat, als wir sie Xylyl Bromid ausgesetzt haben," erklärte Sakashita.

"Er ist wertlos! Er sieht noch nicht einmal wie ein Hiruiseki aus!"

"Hmm, ja…" Sakashita deutete mit einer Hand auf die Reihe von mit Tuch ausgeschlagenen Kästchen, von denen jedes einen gelblichen, erbsenförmigen Stein enthielt. Auf den Deckeln der Schachteln klebten Streifen Malerkrepp, auf die Bezeichnungen wie OLEORESIN CAPSICUM und SYN-PROPANETHIAL-S-OXIDE geschrieben waren. "Wir haben jedes andere tränenfördernde Mittel ausprobiert, aber alle brachten gleiche oder ähnliche Ergebnisse. Es scheint als würden die Chemikalien den Prozess der Kristallisation beeinträchtigen und einen deutlichen Rückstand hinterlassen… das wäre dann die gelbliche Verfärbung."

Tarukanes Gesicht war ausdruckslos.

"Also sagen Sie, dass Tränengas nicht funktioniert."

"Nein, Sir," sagte Sakashita mit beschämtem Gesichtsausdruck.

Tarukane stieß einen heiseren, missvergnügten Seufzer aus. Drüben in Hellens Käfig schrie ein Tierbetreuer auf, als ihn ein langer, kräftiger Schwanz voll auf den Bauch traf und ihn durch die Luft fliegen ließ. Männer kamen aus dem Labor zusammengelaufen, ergriffen Elektroden und stellten sie auf volle Leistung. Tarukane und Sakashita beachteten den Aufruhr um sie herum nicht.

"Wenn ich das sagen darf, Sir," Sakashita warf seinem Arbeitgeber einen schnellen Seitenblick zu, ehe er den Blick wieder auf die eigenen Füße richtete, "die Perlenkultivationstechnik hat viel bessere Ergebnisse gebracht. Sie hat einen sehr überzeugenden Stein produziert—"

"Aber im Gegensatz zu Perlen," grunzte Tarukane, "sind Hiruiseki klar, nicht undurchsichtig. Nur eine winzige Verunreinigung und der Stein ist ungefähr so wertvoll wie Modeschmuck."

"J-ja, Sir. Ich bitte um Entschuldigung…"

Hellens Brüllen wurde zu einem hohen Kreischen und löste sich dann in ein leises, klagendes Stöhnen auf. Augenblicke später kam ein Pfleger mit einem Tablett aus Metall vorbei, auf dem glänzende, blau-grüne Schuppen lagen, die wie Austernschalen geformt und alle mit einer purpurnen Flüssigkeit bedeckt waren.

"Wascht das Blut von denen ab, bevor es antrocknet," sagte einer der Pfleger. Tarukane sah gedankenverloren zu, seine Lider senkten sich über seine dunklen, gemeinen kleinen Augen.

"Also sind normale Tränen der einzige Weg, huh? Na gut. Dann schätze ich werden wir auf die altmodischen Methoden zurückgreifen."


Hoch oben im Turm gab es eine dunkle Zelle. Sie war von Eisenstäben, dicken Wänden und einem mit Siegeln versehenen Fenstern umschlossen. Obwohl sie nichts als ein kleines Bett, einen Stuhl und eine Bettpfanne enthielt, war es der bei weitem einladendste Raum im ganzen Anwesen. Auf dem langen Fensterbrett ruhte ein Tablett mit den Resten des Mittagessens der Gefangenen, die Krumen eines halb aufgegessenen Brotes waren auf dem gesamten Fenstersims verstreut. Eine Anzahl kleiner Wintervögel zwitscherten, braun und grau gefiederte Tiere pickten fröhlich das Angebotene auf. Unter die einfacher aussehenden Vögel hatte sich allerdings ein paar saphirblauer Singvögel mit gelben Bäuchen und blasseren Flügelspitzen gemischt. Sie waren ungewöhnlich still, saßen auf dem Sims und hatten ihre dunklen Augen auf das Mädchen gerichtet, dem das Mittagessen gehörte.

"Hallo," sagte das Mädchen. "Mein Name ist Yukina. Ich weiß nicht genau wo ich bin, aber ich bin in einem Turm eingeschlossen. Ich kann Berge und Wald von meinem Fenster aus sehen… Ich denke, ich muss in der Menschenwelt sein, in… Japan? Die Leute, die mich hier festhalten, sind keine Youkai, aber sie sprechen meine Sprache." Sie biss sich auf die Lippe und wünschte sich, sie hätte mehr Informationen, die sie demjenigen übermitteln konnte, der möglicherweise ihre Botschaften erhielt. "Ich bin mir nicht sicher wie lange ich schon hier bin. Es fühlt sich an, als wären es Jahre. Ich… Ich kann mich nicht erinnern, wo ich hiervor gewesen bin."

Sie dachte einen Moment nach und versuchte sich zu erinnern. Andre Käfige, andre Wärter, Brandverletzungen, Fesseln, Chemikalien, die ihr in die Augen getropft wurden. Yukina hielt eine Hand vor den Mund und bedeckte ihre Lippen mit der glatten Rückseite. Die Vergangenheit war ein Pfad, dem sie nicht folgen konnte, nicht mit diesen alptraumhaften Erinnerungen, die ihr den Weg versperrten.

"Ich schätze es spielt nicht wirklich eine Rolle wo ich vorher war," sagte sie leise. "Alles was zählt ist, dass ich von dem Ort an dem ich jetzt bin entkomme. Also wenn Sie diese Nachricht erhalten, bitte – bitte helfen Sie mir."

Die Vögel tschilpten und legten die Köpfe zur Seite. Yukina schnüffelte und wischte sich die Augen.

"Mir geht es gut," versicherte sie ihren Freunden. "Mir wird es bald gut gehen. Das kann ich fühlen. Bringt die Botschaft nur jemandem, der helfen kann. Könnt ihr das für mich tun?"

Die Vögel tschilpten zuversichtlich und versprachen es. Yukina lächelte, und ihr lächeln war so sanft und strahlend wie von Schnee reflektiertes Licht. Sie konnte den Käfig ertragen, solange ihr ihre Freunde Gesellschaft leisteten. Solange sie nur ein winziges bisschen Hoffnung hatte…

Das Geräusch einer sich quietschend öffnenden Tür ließ ihr Lächeln verschwinden. Yukina kam auf die Beine und machte hastige, scheuchende Gesten in Richtung der Vögel.

"Beeilt euch, fliegt weg!" zischte sie. Der Schwarm sterblicher Vögel flog sofort weg, aber die saphirfarbenen Juwelen warteten ein paar Sekunden länger, unwillig das Mädchen alleine zu lassen. Endlich flatterten auch sie aus dem Fenster. Yukina sah ihnen nach und setzte sich wieder langsam auf ihren Stuhl. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und atmete dann schnell ein.

Energie barst aus ihrem Körper hervor, blasser Dunst strömte von ihrem Körper weg wie von Trockeneis und sandte eine Welle von Schneeflocken aus. Die Energie war so kalt, dass die Feuchtigkeit in der Luft prompt zu Eis erstarrte. Das Zimmer war eiskalt, Reif bildete sich auf den Wänden, Eiszapfen erschienen plötzlich entlang des Fensterrahmens und den mit Siegeln bedeckten Eisenstangen.

Tarukane, begleitet von Sakashita und zwei Wachen, fluchte leise als er den kleinen Flur zu Yukinas Zelle entlang ging. Er hielt außerhalb der Eisenstangen an und grinste das Mädchen im Inneren höhnisch an.

"Ja, ja, mach schon und frier den Raum ein," spottete Tarukane, dessen Atem sich in weiße Nebelwolken verwandelte während einer der Wachen schnell die Tür aufschloss und sie aufstieß. "Ich hab's satt mit dir. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und mir einen fetten Gewinn versprochen, aber siehst du, jemand spielt nicht mit und das passt mir gar nicht."

Die beiden Wachen rannten in den Raum, ergriffen Yukinas Arme und zwangen sie auf die Füße. Der Mann zu ihrer Rechten zog den Ärmel ihres Kimonos bis zu ihrem Oberarm hoch, wodurch er verblassende Brandnarben auf der weißen Haut entblößte.

"Nun, lass mich dir sagen, Fräulein," schnaufte Tarukane. Er langte in seine Manteltasche und zog einen Satz Karten aus Papier hervor, auf die Zauber geschrieben waren. Yukinas Augen weiteten sich kurz vor Schreck, aber dann verengten sie sich kalt. "Auf die eine oder andere Weise wirst du mir geben was ich haben will."

Der Talisman kam näher und Yukina fühlte, wie ihr Mut im Angesicht der bevorstehenden Schmerzen schwankte. Sie war schon vorher verbrannt worden, sie sollte inzwischen gegenüber solcher Folter taub sein, aber egal wie oft sie dies taten, es tat immer noch weh. Yukina stieß ein Kreischen aus, als das Siegel sie berührte, den verblassenden Narben eine frische, rote Verbrennung hinzufügte und ihre Nerven überreagieren ließ, deren elektrische Schocks sich wie Nadelstiche unter ihrer Haut anfühlten. Sie schnappte nach Luft in dem Versuch es auszuhalten—

'Was habe ich dir gesagt? Du weinst nicht! Was ist, wenn jemand deine Tränen sieht, wie soll ich das erklären!'

—und eine überraschende, halb aus der Erinnerung auftauchende Stimme in ihrem Kopf schimpfte scharf mit ihr, aber die Tränen bildeten sich bereits in ihren Augen. Sie konnte sie nicht zurückhalten, sie konnte einfach nicht…

Yukina registrierte das Rascheln von Flügeln, die durch den Fensterrahmen rauschten und eine weiche, saphirblaue Feder, die über ihre Wange streifte. Plötzlich war sie frei, und sie fühlte sich seltsam von ihrem Körper losgelöst, als sie weggestoßen wurde. Die Männer, die sie festgehalten hatten, fingen an mit den Armen zu wedeln und zu schreien. Sie versuchten sich von einem Ansturm winziger Klauen und scharfer Schnäbel zu schützen. Yukina machte einen zitternden Schritt rückwärts, ihre Hand kroch langsam nach oben und ballte sich in Höhe ihres Herzens, als die beiden blauen Vögel, die normalerweise so sanft waren, kreischend und wie vor rasendem Hunger krallend eine surreale Vision der Gewalt darstellten.

Einer der Vögel wurde beiseite gewischt und knallte mit einem Übelkeit erregenden Knacken gegen eine Wand. Er fiel auf den Boden und bewegte sich schwach mit einem durch den Aufprall verletzten Flügel.

"Nein!" Yukina fiel neben dem Vogel auf die Knie und sie konnte die plötzliche Tränenflut nicht stoppen, die mit lautem Klappern auf den Boden trafen. Der drahtige Mann mit den plastikartigen Haaren hatte den anderen Vogel in seinem Mantel gefangen und die Wachen zerrten Yukina von ihrem verwundeten Freund weg.

Tarukane grinste und nahm den Vogel mit seinen behandschuhten Händen auf.

"Oh, haben wir deinem kleinen Liebling weh getan?" fragte er schadenfroh, während er den verletzten Flügel des Vogels zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und ihn zu einem wunderschönen Fächer ausbreitete. "Hier, lass mich dir damit helfen." Und er drehte den Flügel scharf herum, brach ihn und ließ den Vogel vor Schmerz aufschreien.

"Bitte—" Yukina konnte nicht sprechen, konnte kaum atmen. Sie wusste, dass sie Luft holen musste, aber sie konnte sich nicht dazu bringen, es zu tun, Ihre Brust fühlte sich an als würde sie gleich platzen, selbst ohne dass Luft ihre Lungen füllte. Sie erstickte … "Bitte, tut ihm nicht weh… Ich tue was ihr wollt, nur bitte …"

Tarukane grinste sie verächtlich an.

"Nach dem ganzen Theater das du veranstaltet hast? Ich habe gutes Geld für dich bezahlt und ich mag —" Er drehte den Flügel des Vogels noch weiter herum. "— es nicht—" Der Flügel wurde übel zugerichtet. "—Geld zu—" Der Flügel riss ab. "—verschwenden."

Und endlich nahm er den Körper des Vogels in beide Hände und drückte mit aller Kraft, die seine teigigen Arme aufbringen konnten, zu. Yukinas Kopf schwamm vor Sauerstoffmangel.

"Stopp…" flüsterte sie. Ihre Stimme brach. "Stopp…"

Tarukane hörte auf, aber der Schaden war bereits angerichtet. Er warf ihr den übel zugerichteten Körper des Vogels vor die Füße. Yukinas Augen flackerten benommen. Der kleine Mann Kroch auf allen Vieren herum und Yukina war zu verwirrt um zu verstehen warum. Was tat er? Nichts anderes wollte in ihrem Blickfeld bleiben, alles was sie sehen konnte war der Vogel, der sterbend auf dem Boden lag. Tarukane sah sie nur verschwommen, genau wie die winzigen, glänzenden Dinge, die er sammelte. Wie konnten diese kleinen, hellen Kugeln ihm wichtiger sein als ein lebendes Wesen?

"Wir behalten den anderen. Wer weiß, vielleicht leistet dir dein Freund heute beim Abendessen Gesellschaft… gefüllt und gebraten." Tarukane lachte, als die Wachen Yukina auf den Boden fallen ließen. Er drehte sich zum Gehen, die Wachen und Sakashita folgten ihm auf dem Fuß. "Und Sakashita, lass hier eine verdammte Heizung anstellen! Ich werde in meinem eigenen Haus nicht im Parka herumlaufen!"

Die eiserne Tür schloss sich wieder kreischend und die Schritte der drei Männer verklangen. Yukina kroch vorwärts, nahm den abgetrennten Flügel des Vogels auf und schob ihn dicht an den Körper heran. Ihre Hände glühten in linderndem, heilenden Licht, während sie versuchte, es in den Körper des Boten, ihres kleinen, engelhaften Freundes, fließen zu lassen. Aber ihre Energie heftete sich nicht an die des Vogels und heilte ihn. Sie floss einfach durch den winzigen Körper – der nicht länger ein warmer, einladender Raum, sondern nur noch eine dunkle, leere Zelle war.

Es gab kein Leben mehr, das gerettet werden konnte.

Und als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass ihr Freund gestorben war als er versucht hatte sie zu beschützen, erlosch auch das Licht in Yukinas Augen.


Botan hüpfte aus dem Bus und auf die feucht-dunkle Straße.

"Wow! Schaut euch all den Schnee an! Das ist so hübsch!" sprudelte es fröhlich aus ihr heraus, während sie die Arme seitlich ausstreckte, als ob sie die Landschaft hinter der Busstation umarmen wollte. Die Berge bestanden anscheinend aus dunkelgrünen, mit glitzerndem Schnee bedeckten Tannen, funkelnden Eiszapfen und niedlichen kleinen Tieren. Es sah aus, als wäre der ganze Wald in Weihnachtsstimmung. Wer würde das nicht mögen?

Die Antwort darauf stieg hinter Botan aus dem Bus.

"Oh, wie hübsch!" sagte Yusuke mit einer hohen Falsettstimme, seine Augen wurden wässrig vor Emotionen und er faltete seine Hände wie im Gebet. Dann ließ er die übertrieben rührselige Mine fallen und murmelte angewidert, "Und kalt, und nass und das last die Wanderung zu dem Ort ungefähr fünfmal länger werden, als es eigentlich dauern sollte."

Botan verschränkte die Arme und schmollte, "Yusuke, hast du nie davon gehört mal inne zu halten und die schönen Dinge des Lebens zu genießen?"

"Was für schöne Dinge? Alles was ich sehe ist Schnee."

"Oh jetzt stellst du dich einfach nur dumm … Eh?"

Kuwabara war als letzter aus dem Bus gestiegen, aber er tat dies mit mehr Enthusiasmus als seine beiden Teamkameraden zusammengenommen. Er blickte mit halb geschlossenen Augen auf den gefrorenen Wald, die gefalteten Hände in einer ähnlichen Geste wie Yusukes zu einer Seite seines Gesichts erhoben – allerdings tat Kuwabara das nicht, um sarkastisch zu sein. Der Teenager mit den orangefarbenen Haaren sog die kalte Luft so tief ein, so dass es fast klang als würde er schniefen. Dann seufzte er verträumt, in einer Zeichentrickserie hätte sich die Luft um ihn herum in weiße Wolkenherzchen verwandelt.

"Yu-ki-na," summte Kuwabara schmachtend. Er tänzelte in Richtung Wald davon. Buchstäblich.

"Hey, sei vorsichtig, dein Gesicht könnte so einfrieren!" sagte Botan fröhlich, als sie Yusukes empörten Gesichtsausdruck sah.

"Lass uns einfach losgehen," grummelte Yusuke, nahm den Youkai Kompass aus seiner Tasche und warf ihn Botan zu. Sie lächelte, band ihn um ihr Handgelenk und schaltete ihn ein. Der Energie suchende Kompass blitzte rot auf und drehte sich kurz, bevor er direkt in den Wald zeigte.

Das Paar schulterte ihre Rucksäcke und ging Kuwabara nach. Auf dem Dach der Busstation drehte sich eine Kamera und beobachtete, wie sie fort gingen.


Tarukane saß an einem enormen Schreibtisch in seinem riesigen, in stahlgrauen Farbtönen gehaltenen Büro und spähte durch eine kleine Juwelierslupe. In seiner Hand hielt er ein Tuch, auf dem ein einzelner Hiruiseki-Stein lag. So sollten Hiruiseki aussehen – vollkommen rund, klar, und wie eine Seifenblase in allen Farben des Regenbogens schimmernd. Makellos.

"Gut zu wissen, dass gute, altmodische Gewalt immer noch zum gewünschten Ergebnis führt," kicherte Tarukane bei sich.

Beim Summen eines Telefons auf Vibrationsalarm ließ Tarukane den wertvollen Kristall sinken. Er legte den Stein zurück in seine Ausstellungsbox und angelte das Telefon aus seiner Tasche. Das muss die Auktion sein, dachte Tarukane, während er das Telefon aufschob.

"Hallo."

"Ah, Tarukane, mein guter Freund."

Tarukane ließ beinahe das Telefon fallen. Die glatte Stimme am anderen Ende der Leitung hätte er am liebsten nie wieder gehört.

"S-Sakyou!" Er stieß ein heiseres kleines Lachen aus und hoffte, dass der Geldverleiher sein erschrecktes Stottern nicht bemerkt hatte. "Es ist so gut von Ihnen zu hören! Ich wollte Sie gerade anrufen!"

"Das sollte ich hoffen," sagte der Mann am anderen Ende. "Ich weiß nicht, ob Sie sich dessen bewusst sind, aber Ihre letzten drei Zahlungen haben mein Konto nie erreicht. Ich gehe davon aus, dass Sie nicht in finanziellen Schwierigkeiten sind?"

Tarukane zuckte zurück. "Nein, nein, natürlich nicht. Es tut mir Leid wegen der verspäteten Zahlungen, Sakyou, alter Knabe. Aber ich habe hier eine frische Ladung Hiruiseki-Steine, die heute zur Versteigerung kommen, also werden Sie die ausstehenden Zahlungen erhalten—"

"Mit zusätzlichen Zinsen von 15%."

"…mit Zinsen," gab Tarukane unwillig nach, "sehr bald schon."

"Ausgezeichnet," schnurrte Sakyou.


In einem prunkvollen, sonnendurchfluteten Badezimmer, das mit Elfenbein und Gold verziert war, huschten schöne Frauen in Uniformen französischer Dienstmädchen mit Handtüchern und Toilettenartikeln umher. Zwei der Dienstmädchen beugten sich herunter um kleine goldfarbene Fläschchen in eine Badewanne von der Größe eines Schwimmbeckens zu gießen, und der Dampf, der vom Wasser aufstieg, fing an die Luft nach Clive Christian No. 1 riechen zu lassen. Der Herr des Hauses schloss seine Augen und zog gelassen seine langen schwarzen Haare aus dem Kragen seines Bademantels.

"Wissen Sie, Sie haben sich als sehr angenehme Überraschung erwiesen," sagte Sakyou, dessen Stimme durch den Lautsprecher des Telefons klang. "Als Sie eine solch riesige Summe geliehen haben, waren meine Partner besorgt, dass Sie nicht in der Lage sein würden, das Geld zurückzuzahlen, aber ich bin das Risiko eingegangen und habe Ihnen das Geld trotzdem gegeben. Ich habe sehr viel in Sie investiert, Tarukane. Ich bin erleichtert zu hören, dass es keine Verschwendung war."

Sakyou grinste selbstgefällig als er Tarukanes lautes, nervöses Schlucken über den Lautsprecher hörte.

"N-natürlich nicht," krächzte der kleine Mann.

"Gut. Ich bleibe in Kontakt."

Ein hübsches, kaum volljähriges Mädchen mit einem eiskalten Champagnerkühler in einer Hand kam näher. Sakyou lächelte wie ein Raubtier und schnappte sie sich mit einem Arm um die Taille, was sie erröten und niedlich aufquietschen ließ.


"Ah, Mr. Sakyou, bitte!" keuchte die Stimme eines Mädchens in dem Moment als die Telefonverbindung beendet wurde.

Tarukane atmete erleichtert auf.

Phew! Von allen Leuten, von denen ich mir Geld leihen konnte, musste es ein Hai wie er sein! dachte Tarukane und öffnete eine Schreibtischschublade, der er ein Becherglas und eine Flasche mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit entnahm. Er goss sich zitternd einen Drink ein.

Wirklich, es war alles Yukinas Schuld. Als Tarukane zuerst von dem Mädchen gehört hatte, dessen Tränen sich in unbezahlbare Juwelen verwandelten, hatte er gedacht, dass er sie dazu benutzen könnte, sein kleines Vermögen in ein viel Größeres zu verwandeln. Aber Yukina hatte sogar außerhalb seiner Preisspanne gelegen, also war er gezwungen gewesen, sich Geld zu leihen. Er wusste, dass mit Sakyou nicht gut Kirschen essen war, aber der Schwarzmarktmilliardär war zu dieser Zeit Tarukanes einzige Option gewesen. Außerdem hatte Tarukane argumentiert, würden Yukinas Tränen den Kredit im Nullkommanichts zurückzahlen. Er hatte die Tatsache außer Acht gelassen, dass das Mädchen nicht menschlich war. Sie war eine Eisyoukai, vollkommen kalt, und es war verdammt nochmal nahezu unmöglich, Hiruiseki aus ihr herauszuquetschen.

Aber ich werde diese Steine bekommen, versprach sich Tarukane selber, während er einen Schluck Alkohol nahm. Es ist mir egal was ich tun muss, um sie zu kriegen.


Im Sicherheitsbüro saß einer der Wachleute und starrte angespannt auf den leuchtenden Bildschirm, der sich direkt vor ihm befand.

"Wo liegt hier das Problem?" sagte Miyuki ungeduldig, eine Hand auf ihre Hüfte gestützt. "Du weißt, dass ich keine Zeit mit der Auswertung von Überwachungsaufnahmen zur verschwenden habe. Dafür seid ihr da."

"Ja, Ma'am," erwiderte der Wachmann, "aber ich glaube, Sie sollten sich das hier ansehen. Es sollte jetzt jeden Augenblick auf dem Bildschirm auftauchen."

Miyuki gab einen nachdenkliches „Hmm" von sich und beugte sich in Richtung Bildschirm, was lose Locken von leuchtendem, purpur-blauem Haar über ihre Schultern wallen ließ. Der Mann der im Stuhl saß wurde rot und grinste anzüglich, als die hinreißende Youkai näher kam und ihre volle Brust nahe genug kam, dass er ihre Körperwärme an seiner linken Wange fühlen konnte. Ah, aber es gab gewisse Vorteile, wenn man unter einer so kräftigen Sicherheitschefin arbeitete… Der Wachmann kicherte bei sich und richtete die Augen ebenfalls auf den Bildschirm. Es waren Aufnahmen von einer der Videokameras im Wald und sie zeigten drei Teenager, die frech wie sonst was auf dem Hauptweg entlang spazierten.

"Was machen die hier? Das sind nur Kinder," Miyuki rümpfte abfällig die Nase. Dann zoomte die Kamera näher heran. Miyuki verengte leicht ihre mit Wimperntusche umrandeten Augen, deren Blick sich an dem kleineren, schwarzhaarigen Jungen festsaugte. "Warte mal … Dieser Junge …"

Die Augen der Youkai weiteten sich.

"Wo ist diese Kamera?" fragte sie.

"Ungefähr eine Meile den Weg herunter, von der Busstation aus gesehen."

"Idiot! Warum hast du nichts gesagt, sobald du sie gesehen hast?"

"Aber ich – ich wusste nicht, dass sie – es tut mir leid?" faselte der Mensch mitleiderregend.

Miyuki schnaubte frustriert. "Halt einfach weiter Ausschau und gib mir Bescheid, wenn du sie wieder siehst."

"Ja, Ma'am."

Die Youkai verließ das kleine Büro und schloss die Tür hinter sich. Sie fuhr mit einer Hand durch ihr langes Haar und vermied dabei sorgfältig das einzelne Horn, das aus ihrer Stirn ragte, während sie die Strähnen aus ihrem Gesicht schob. Ugh, Männer können so nervig sein, dachte sie.

"Probleme, Miyuki?"

Sie blinzelte träge, als blau-violette Energie Inmakis unsichtbaren Körper in einer Silhouette umgab. Das glitzernde Licht zerstreute sich bald und Miyuki stützte lässig eine Hand auf die Hüfte, während sie zusah, wie der kleine Youkai seinen Umhang mit großer Geste über seine Schulter warf.

"Es scheint, als hätte die Geisterwelt Wind von diesem Ort bekommen," sagte Miyuki ihrem Partner. "Der Geister-Detektiv, Yusuke Urameshi und sein Team sind im Wald aufgetaucht und sind in diesem Augenblick auf dem Weg hierher. "

"Das klingt tatsächlich nach einem Problem," bemerkte Inmaki. "Alle vier?"

"Nein. Er hat nur den Großen und irgendein Mädchen mitgebracht."

"Wenn es nur Urameshi und Kuwabara sind, können wir uns um sie kümmern. Ich schicke Hirue, damit er sie abfängt."

Miyuki dachte über den Lageplan des Berges nach und schätzte, dass das Urameshi-Team wahrscheinlich dem freiesten Weg von der Bushaltestelle aus folgen würde. "Wenn sie den Hauptweg nehmen, müssen sie zwangsläufig auch mit Kashiko zusammentreffen. Aber werden sie ausreichen?"

"Oh nein, Hirue und Kashiko werden in Stücke gerissen. Aber sie werden den Geister-Detektiv dazu bringen, seine Energiereserven zu entladen und uns etwas Zeit verschaffen." Inmakis scharfe schwarze Augen wurden von Lachfältchen umgeben. "Wie dem auch sei, es sieht aus als würde sich uns endlich eine Herausforderung bieten. Wie aufregend!"

Miyuki war bereits dabei wegzugehen.

"Versteh das nicht falsch Inmaki, aber ich denke, du solltest dir ein Hobby suchen," sagte sie. "Wie dem auch sein, ich versetze die anderen in Bereitschaft und sehe zu, ob wir Gokumonki aus dem Labor ausleihen können. Wenn der Geister-Detektiv so schlimm ist wie wir gehört haben, müssen wir uns so viele Vorteile wie möglich verschaffen."