Yu Yu Hakusho Saisei Teil 6:

Jenseits des versiegelten Fensters

Eine Fanfiction-Neufassung des Animes von Yoshihiro Togashi von Mayuri Hoshigawa

Übersetzung der Geschichte "Beyond the Warded Window"


Disclaimer: Yu Yu Hakusho gehört Yoshihiro Togashi, Shonen Jump und Shueisha, nicht mir. Die Originalfassung dieser Geschichte findet ihr auf www . yyh-saisei . com (ohne die Leerzeichen)


Schlacht am gefrorenen See!

Dreihundert Kilometer entfernt schwankte ein schneebedeckter Pflaumenbaum auf dem Gelände der Meiou High etwas, als Hiei flimmernd sichtbar wurde. Er schaute durch das Fenster neben dem er aufgetaucht war und streckte seinen Hals vor, so dass er in das Klassenzimmer sehen konnte. Dies war der Ort, an dem Kurama normalerweise bei Experimenten mit seinen Pflanzen beschäftigt war, aber heute war er leer. Da er vermutete, dass der Fuchs ins Gewächshaus gegangen war um neue Musterexemplare einzusammeln, tat Hiei einen leichten Schritt vom Ast herunter, kam kurz auf dem Boden auf und zischte davon. Als er das Gewächshaus erreichte, fand er dort nur einen Jungen und ein Mädchen vor, die sich seiner Meinung nach mitten in einer Liebeserklärung befanden (jedenfalls waren beide zu sehr vor Verlegenheit rot, als dass es irgendetwas anderes sein konnte). Er neigte den Kopf und runzelte in Richtung der beiden die Stirn. Seltsam… Seit wann verlässt Kurama vor fünf Uhr die Schule?

Hiei startete los wie der Blitz, rannte durch Kamiya Kouen, wurde kurz flimmernd auf einem Strommasten im örtlichen Einkaufszentrum sichtbar und hielt dann im Kirschbaum vor Kuramas Schlafzimmerfenster an. Kein Zeichen von dem Fuchs. Verstört rannte Hiei zu Yusukes Wohnung, nur um dort von einem Gestank zurückgeschlagen zu werden, der starker war als jedes Bannsiegel. Die Nase mit seinem Arm bedeckend zog er sich von den üblen Dämpfen zurück. Zuletzt ging er zu Kuwabaras Haus. Selbst das brachte kein Ergebnis.

…Wo zur Hölle sind alle? fragte sich Hiei verwirrt.


Ein stachliger Busch raschelte, als Kuwabara hindurch sprang. Er landete elegant auf der anderen Seite und setzte seinen Weg ähnlich einer Ballerina auf Zehenspitzen fort.

"Gott – verflixt – verdammt!" fluchte Yusuke, der sich stampfend seinen Weg durch denselben Busch erkämpfte. Er schaffte es endlich, dessen Fängen zu entkommen und knurrte, "Mann, ich kann nicht glauben, dass es tatsächlich Leute gibt, die aus Spaß durch den Wald wandern. Es ist so, 'Ooh, stundenlang durch Dornbüsche wandern und uns auf Pfaden verirren, die auf halbem Weg zum Ziel enden? Wo kann ich mich einschreiben! Dieser Ort kann mich mal."

Yusuke drehte sich zu Botan um, die sich hinter ihm durchkämpfte. Endlich schob sie den letzten Ast aus dem Weg und entkam der stachligen Todesfalle. Erst als Botan den Ast zurückschwingen ließ, schrie sie kurz auf, da sich ihr langer Pferdeschwanz in den Dornen verfangen hatte. Praktisch vor Frust schreiend zog sie an ihren Haaren und riss dabei mehrere Zweige vom Ast.

"Wie soll man so das Leben genießen?" sagte Yusuke mild. (Er hätte einen spöttischeren Ton anschlagen können, aber er hatte das Gefühl, dass sich Botan schon unwohl genug fühlte.) Yusuke schob die Hände in seine Jackentaschen und sah zu, wie Botan irritiert schnaubend sich mit den Fingern durch die mit Zweigen durchsetzten Haare fuhr. "Warum führt und dieser Idiot dauern durch diese dämlichen Büsche, wenn wir einfach darum herum gehen könnten? Wo wir gerade dabei sind, warum folgen wir ihm, wenn du doch den Kompass hast?"

"Gute Frage," murmelte Botan. Sie formte mit den Händen einen Trichter um den Mund und rief, "Hey, Kuwabara! Woher weißt du, wo du lang musst? Der Youkai Kompass sollte das einzige sein, das Energie durch eine Talismanbarriere hindurch erspüren kann!"

Kuwabara hielt endlich inne und sah über seine Schulter.

"Ich brauche keinen Kompass. Ich habe den Schicksalsfaden, der mich leitet!" Kuwabara schloss seine Augen um sich zu konzentrieren und verpasste so die skeptischen Blicke, die ihm zugeworfen wurden. Er hielt seinen kleinen Finger hoch und vor seinem geistigen Auge konnte er den leuchtend roten Faden sehen, der darum gebunden war. "Davon bin ich überzeugt: Dieser Faden an meinem Finger ist der Faden, der mich an meine Liebste bindet! Ich werde ihm nach Herzenslust folgen!"

"Du willst mich auf den Arm nehmen," stöhnte Yusuke, als Kuwabara in den knietiefen Schnee und das dichte Blattwerk davon stolzierte.

"Eigentlich nicht," sagte Botan gedankenverloren. "Der Schicksalsfaden existiert wirklich. Ich verstehe nur nicht, wie er sich an… ich meine, so schnell anheften konnte. Und ich kann diesen Faden nicht sehen. Er muss sich das einbilden."

Yusuke blinzelte. "Warum geht er dann in die richtige Richtung?"

Die beiden runzelten die Stirn, während Kuwabara weiterging, ohne ihr Gespräch wahrzunehmen.


Fünfundachtzigtausend.

Neunzigtausend.

Einhunderttausend.

Tarukane sah zu, wie die Zahlen auf seinen Computerbildschirm weiter stiegen. Der Anfang einer Versteigerung war ihm immer der liebste Teil. Es war einfach etwas Aufregendes zu sehen, wie das höchste Gebot wie eine Rakete in die Höhe schoss. Die Gebote würden später langsamer eintreffen, aber er war sich sicher, dass er noch ein paar Hunderttausende erhalten würde, bevor der Stein verkauft worden war. Das sollte mir diese Schlange eine Zeitlang vom Hals halten, dachte Tarukane befriedigt. Er langte nach seinem Whiskeyglas und fuhr damit fort, die Zahlen über dessen Rand hinweg zu beobachten. Diese Zahlen reichten aus, ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen …

"Mr. Tarukane?"

Er sah hinüber und entdeckte Miyuki und Inmaki, die in der Tür standen. "Was wollt ihr?"

"Sicherheitsbericht, Sir."

"Yeah, yeah, alles ist klar und es gibt nichts zu berichten, ich weiß," sagte Tarukane ungeduldig, als die beiden Youkai auf seinen Schreibtisch zukamen. "Das ist alles, was ich je von euch höre."

"Nun, eigentlich, Sir…" Miyuki hatte den Anstand die Augen zu schließen und schwach verlegen auszusehen. Sie lehnte sich vor, um ihrem Chef ins Ohr zu flüstern, nur um sich wieder aufzurichten als er den unausweichlichen Wutanfall bekam.

"Eindringlinge! Warum habt ihr mir das nicht früher gesagt?" schrie er und versprühte überall hin Spucke. Miyuki runzelte die Stirn und wischte sich grazil ein paar Speicheltropfen von der Wange.

"Sie sind kaum erwähnenswert," sagte Miyuki scharf. "Es sind drei menschliche Kinder—"

"Von denen einer ein Geister-Detektiv ist," warf Inmaki ein.

"—von denen einer ein Geister-Detektiv ist. Wir hätten Ihnen das gleich gesagt, wenn sie etwas wären, über das man sich Sorgen machen muss. Aber sie sind es nicht, also haben wir es auch nicht."

"Wie kann ich euch vertrauen?" sagte Tarukane misstrauisch. "Ihr seid Dämonen, nicht wahr? Spitze Hörer und Mistgabeln? Lügen ist so ziemlich das Einzige, was ihr Freaks könnt, richtig?"

Diese Beleidigung ließ Miyuki leise knurren, aber Inmaki erhob die Stimme.

"Wenn Sie nicht glauben, dass wir mit allem klar kommen, das und über den Weg läuft, warum haben Sie uns dann als Sicherheitsleute angeworben?" sagte der kleine Youkai kühl. "Ich habe gesehen, wie Miyuki alleine eine ganze Schwadron von Spezialeinsatzkräften ausgeschaltet hat." Miyuki blinzelte, der Ärger auf ihrem Gesicht verwandelte sich ob des Kompliments in Überraschung und leichte Verwirrung. "Was mich selbst angeht, habe ich meinen eigenen speziellen Vorteil …wie ich Ihnen vorgeführt habe, bevor sie mich eingestellt haben. Also wenn wir sagen, dass wir mit drei menschlichen Kindern klar kommen, nehmen Sie uns beim Wort oder sie können jemand anderen anheuern."

Jetzt war Tarukane der, der knurrte, aber Inmaki war bereits herumgewirbelt und in Richtung Tür aufgebrochen. Miyuki machte eine schnelle kurze Verbeugung und folgte ihrem Partner nach draußen.


Die Wanderung zu Tarukanes Festung wurde nicht lustiger. Sie waren zu einem eiskalten grünen Teich mitten im Wald gekommen und sie hatten eine Weile damit verbracht darüber zu diskutieren, wie sie daran vorbei kommen könnten. Kuwabara hatte versucht, Yusuke und Botan davon zu überzeugen, dass sie einfach geradeaus weiter gehen sollten, da er der Meinung war, dass "die Macht der Liebe" ihm die Fähigkeit verleihen würde, über das Wasser zu laufen. Yusuke sagte kichernd, dass er gerne sehen würde, wie Kuwabara diese Theorie beweisen würde, aber als Kuwabara darauf bestand, war Yusuke dazu gezwungen gewesen, seinem Freund zu sagen, dass diese Fähigkeit nur Verliebten zur Verfügung stand, so dass selbst wenn Kuwabara über das Wasser gehen könnte, könnten seine Teamkameraden es nicht. Kuwabara überlegte, dass Botan Yusuke mit Hilfe ihres Ruders auf die andere Seite bringen könnte, aber Botan erklärte hochmütig, dass ihr Ruder nicht dafür ausgestattet war, zwei physische menschliche Körper zu transportieren (selbst mit einem wurde es schwierig). Also verbrachten sie fünfzehn Minuten damit, sich darüber zu zanken, wie sie auf die andere Seite des Teiches kommen könnten.

Zufälligerweise war das genau die Zeitspanne, die sie benötigt hätten, wie ganz normale Menschen um den Teich herum zu gehen.

Die Gruppe war auf der Uferlinie unterwegs und fühlte sich ein bisschen dämlich bei der ganzen Tortur, als Kuwabara unvermittelt stehen blieb.

"Was ist los, Kuwabara?" rief Yusuke.

"…Da kommt was," murmelte Kuwabara. Eine Vision von sich bewegenden Schatten huschte durch seinen Geist. Zunächst dachte er, es wäre eine größere Zahl von Wesen – die dunklen Umrisse erschienen ihm als dicke Ranken, die sich wie riesige Schlangen umeinander wanden – aber dann zogen sie sich alle zu einem einzigen, menschenförmigen Schattenriss zusammen. "Etwas Übles."

Der Kompass um Botans Handgelenk fing an, sich wie verrückt zu drehen. Sie hielt ihn dicht an ihr Ohr und tippte mit ihrem Finger darauf.

"Yusuke, wir bekommen eine Art Störung …"

Yusuke machte einen Schritt vorwärts und ging geschmeidig halb in die Hocke.

"Mensch, ich frage mich, was das wohl verursacht," sagte er finster. Er bewegte vor Aufregung die Finger, ballte die Fäuste während sein Kraftniveau stieg. Etwas bewegte sich vor ihnen durch die Bäume und Yusuke senkte das Kinn. "Botan, du bleibst besser zurück. Das hier wird wahrscheinlich ziemlich haarig."

Ein Knacken im Unterholz und ein gleichmäßiges Knirschen von Schnee klang von irgendwo weiter vorne den Pfad entlang. Botan schrie vor Furcht auf und rannte schnell ein paar Schritte zurück, wo sie Schutz hinter einem Baum suchte. Das Knirschen im Schnee wurde immer lauter und Yusuke und Kuwabara verengten die Augen, als der Youkai endlich ans Teichufer trat. Er sah menschlich genug aus, bis auf sein zottiges schwarzes Haar und grünlichen Hautton. Er trug einen Anzug, der von seinem schlaksigen Körper hing und seine Augen waren hinter einer Sonnenbrille mit runden Gläsern verborgen.

"Ihr befindet euch auf Privatgrund, Kids," sagte der Youkai anstelle einer Begrüßung. "Ich muss euch darum bitten, das Grundstück zu verlassen."

"Wir sind wegen Yukina hier!" rief Kuwabara, bevor Yusuke überhaupt den Mund öffnen konnte. "Gebt sie sofort heraus!"

"Nun, so viel zu Raffinesse," sagte Yusuke und rollte die Augen. "Ah nun, auf diese Art macht's sowieso mehr Spaß." Er hob die Stimme. "Hey, Hackfresse! Wir haben was mit deinem Chef zu erledigen. Irgendwie wichtig und definitive über deiner Gehaltsklasse, also wenn du uns einfach aus dem Weg gehen könntest, wär das großartig. Hölle, wir könnten sogar dein Leben verschonen."

"Ha! Ihr, mich verschonen?" spottete der Youkai. "Ihr habt keine Ahnung, worauf ihr euch einlasst. Ich gebe euch eine letzte Chance, mit dem Leben davon zu kommen."

"Danke aber nein danke," antwortete Yusuke locker.

"Yeah," grinste Kuwabara. "Weglaufen ist nicht wirklich unser Stil."

Der Youkai knurrte leise und schnaubte dann. "Fein. Wenn ihr nicht gehen wollt, dann habe ich keine Wahl."

Dann stieß er einen lauten, kratzenden Atemzug aus. Botan bedeckte ihren Mund mit einer Hand, als die Hosenbeine des Anzugs und ließen Beine erkennen, die grün wurden, sich teilten und sich in eine Anzahl von Gliedmaßen ähnlich denen eines Oktopus verwandelten. Die obere Hälfte des Youkai wuchs in die Breite und zog dabei Hemd und Jackett auf, so dass sie locker von seiner grünen Brust hingen. Das Gesicht veränderte sich zuletzt von einigermaßen menschlich zu etwas Abscheulichem: die Sonnenbrille fiel herunter und entblößte gelbe Augen, die Nase wurde länger bis sie wie die eines Ameisenbären herunterhing, das zottige Haar richtete sich auf und stand in alle Richtungen ab.

"Whoa, du bist ja noch hässlicher als ich dachte!" sagte Yusuke beinahe beeindruckt.

Der Youkai lachte. "Jaaaa… Zu schade, dass mich kein Mensch je in dieser Gestalt gesehen und es überlebt hat, damit er davon erzählen konnte!"

"Oh yeah? Nun, wir werden ja sehen!" schrie Kuwabara. Goldene Energie schoss aus seiner Handfläche hervor, aber bis er sein Schwert geformt hatte, hatte der Youkai bereits seine langen Tentakel dazu benutzt, sich selbst in die Bäume zu hieven. Eine Sekunde später verschwand er zwischen den dichten Kiefernnadeln. Kuwabara kreischte empört auf. "Hey, nicht fair! Wir sind nicht weggelaufen, du solltest das auch nicht dürfen!"

Yusuke schaute angestrengt umher und versuchte durch die Bäume zu sehen.

"Verdammt! Wie kann sich ein Typ ohne Beine so schnell bewegen?" murmelte Yusuke bei sich.

Botan spähte weiterhin um ihren sicheren Baum herum, ihre großen purpurfarbenen Augen blickten über die Lichtung vor ihr. Sie bemerkte den Tentakel, der sich um ihren Knöchel wickelte nicht, bis er fest zugriff. Vor Schrecken kreischend stellte Botan fest, dass sie kräftig an ihrem Knöchel weggezogen wurde. Yusuke und Kuwabara schnellten in Richtung des Schreis herum und hatten nur noch genug Zeit zu sehen, wie der Youkai in den Teich plumpste und Botan mit sich zog.

"YUSUKE!" schrie sie, während sie im verzweifelten Versuch an der Oberfläche zu bleiben, nach dem Wasser krallte. "KUWAB—"

Aber alles was sie dann hörten war ein Platschen und ein Gurgeln.

"Botan!" Die Jungs rannten auf den Teich zu und zögerten einen Augenblick am Ufer.

"Können Schnitter unter Wasser atmen?" fragte sich Kuwabara.

"Sie steckt in einem menschlichen Körper, also sag' ich mal nein!" Yusuke machte ein finsteres und ungeduldiges Gesicht. Er fing an, Geisterenergie in seinem Finger zu sammeln. "Kannst du feststellen, wo sie hin sind?"

Kuwabara verengte seine Augen, als ob er so durch die unruhige Oberfläche und in die trüben Tiefen des Teiches sehen könnte. Er brauchte einen Augenblick um das zu finden, wonach er gesucht hatte: Botans Energie, die wie eine kleine, von schattenhaften Tentakeln gefangene Sonne leuchtete.

"Da! Genau da, unter dem großen Baumstamm!"

Yusuke deutete mit dem Finger auf die Stelle und feuerte. Blau-weiße Geisterenergie barst aus seiner Fingerspitze, schoss auf den Teich zu und ließ Wasser im hohen Bogen zu beiden Seiten weg spritzen. Sie versengte die Unterseite des Stammes; Botans erschreckter Schrei erzeugte eine einzige große Blase, als die Entladung sie knapp verfehlte. Die Energie walzte unaufhaltsam unter Wasser weiter, bis sie mit dem Teichufer auf der anderen Seite kollidierte und eine Wolke Schlick unter der Oberfläche aufwirbelte.

"Urameshi, du hast fast Botan getroffen!" starrte Kuwabara.

"Mensch entschuldige mich zur Hölle mal! Vielleicht könntest du das nächste Mal dann etwas genauer sein als 'unter dem großen Baumstamm'…!"

Ein Kopf hob sich aus dem Wasser, dunkelgrünes Haar so schwer, dass es wie dicke Algen wirkte. Zwischen den Algen waren gelbe Augen zu sehen, die sich in einem bösen Lächeln zusammenzogen.

"Habe ich je erwähnt, dass ich 'Der Schrecken vom Amazonas' (1) hasse?" bemerkte Yusuke aus heiterem Himmel.

Mehrere Tentakel schossen aus dem Wasser und bewegten sich auf die Jungen zu. Yusuke konzentrierte seine Geisterenergie in seinen Fäusten während Kuwabara sein Schwert wie einen Schild vor sich in die Höhe hielt. Die mit Saugnäpfen versehenen Gliedmaßen, die auf Yusuke zugeflogen waren, wurden jeder von einem harten Schlag getroffen, der sie in einen Regen aus purpurfarbenem Blut verwandelte. Der Tentakel, der auf Kuwabara zukam, war nicht ganz so schnell, und als seine Geschwister zerstört wurden, drehte er sich schnell von Kuwabaras Schwert weg und zog sich ins Wasser zurück.

"Verdammt! Was sollen wir nur tun?" rief Yusuke zornig.

Kuwabara knurrte frustriert. Urameshi kann nicht sehen, worauf er zielen soll und mein Schwert kann nicht schnell genug wachsen, dass ich ihr treffen kann, bevor er es kommen sieht! Die Hand, die sein Schwert festhielt, verkrampfte sich. Wenn ich ihn nur davon abhalten könnte, sich zu bewegen… Er blinzelte. "Hey… Das ist es!"

"Was ist was?" fragte Yusuke. Kuwabara drückte seine Hände zusammen, so dass sein Schwert zu einer kleinen Kugel konzentrierter Energie wurde.

"Schwert, werd' lang!" befahl Kuwabara, während er seine Handflächen wie den Kelch einer Lilie öffnete. Die Geisterenergie schoss gerade wie ein Stab aus seinen Händen und ins Wasser.

Im schlammigen Grün unter ihnen verengten sich die Augen des Youkai in einem amüsierten Grinsen, als der Strahl goldener Energie auf ihn zukam. Sie war langsamer als die blaue Geisterenergie von vorher und nicht annähernd so mächtig. Armselig, dachte der Youkai, als er dem Stab aus Licht mit Leichtigkeit auswich. Er drehte sich herum, so dass er das Vergnügen haben würde zu sehen, wie der Angriff das Ufer des Teichs traf.

Was? Die Geisterenergie fing an, sich von ihrem Kurs zu entfernen, sie schlug zuerst eine kaum erkennbare Kurve und kringelte sich dann wie wild. Der Youkai schwamm hastig aus dem Weg, als die Energie auf ihn zugeschossen kam, nur um festzustellen, dass sie wieder und wieder und wieder die Richtung änderte. Der Youkai wich jedes Mal aus – es war immer noch ein sich langsam bewegender Angriff, selbst wenn er die Richtung ändern konnte. Erst beim zehnten Ausweichen bemerkte der Youkai, wie sich das Schwert um ihn herum gebogen hatte und nun einen kugelförmigen Käfig bildete. Das kann nicht sein! dachte der Youkai, und starrte, als der Käfig um ihn herum zu schrumpfen begann und enge Fesseln um seine Glieder und seinen Oberkörper bildete.

"Ich hab' ihn, Urameshi!" keuchte Kuwabara. Schweißtropfen liefen ihm von der Anstrengung, seine Energie so genau unter Kontrolle zu halten, über das Gesicht. Er biss die Zähne zusammen. "Ich kann ihn allerdings nicht lange festhalten …"

"Richtig. Ich übernehme," sagte Yusuke, und lud seine Rei Gan auf. Er mochte den beschissensten sechsten Sinn der Welt haben, aber selbst er konnte das goldene Glühen unter dem Wasser sehen.

Yusukes zweite Entladung traf mit einem enormen Platschen ins Wasser und schoss wie ein Torpedo auf den goldenen Käfig zu. Der Youkai heulte vor Wut auf und versuchte sich bis zur letzten Sekunde zu befreien. Yusukes Rei Gan schlug in den gebundenen Youkai ein und löschte ihn in einer wirbelnden Explosion aus Schatten und blauem und goldenem Licht aus.

"Wir haben ihn erwischt!" jubelte Kuwabara, sprang in die Luft und schwang die Faust. Dann fingen an angekokelte Stücke grüner Gliedmaßen an die Oberfläche zu treiben. "Oh, igitt. Das ist der ekligste Calamari, den ich je gesehen habe."

Das Siegesgefühl dauerte nicht lange an, da Botans Körper mit dem Gesicht nach unten an die Oberfläche kam, im Wasser trieb und sich eindeutig nicht bewegte.

"Botan!" Yusuke riss sich die Jacke, Sweatshirt und Schuhe herunter und rannte dann in das eiskalte Wasser. Als es zu tief wurde, schwamm er den Rest der Strecke. Er ergriff Botan mit einem Arm und schwamm dann ungeschickt ans Ufer zurück, wo es ihm endlich gelang sie herauszuziehen und auf festen Boden zu legen.

"Ist sie tot?" fragte Kuwabara besorgt. Yusuke würdigte das nicht einmal einer Antwort. Er legte ihren Kopf zurück, legte seine Hände über ihr Herz und fing mit einer Herzmassage an.

"Ist—ja—klar—dass—das—Fähr—mädchen—in—unserem—Team—er—trinkt," sagte Yusuke zwischen jeder Bewegung. Er hielt inne, zog ein paar durchnässte blaue Strähnen von Botans Gesicht und beugte sich hinunter, damit er ihr Luft einpusten konnte. Letztendlich wurde ihm Wasser ins Gesicht gespuckt, bevor seine Lippen ihre berühren konnten. Yusuke runzelte die Stirn und lehnte sich zurück, während er sich Wasser vom Mund wischte. "Ach, vergiss es, sie lebt."

Botan setzte sich hustend und spuckend auf.

"Du… musst nicht unbedingt so… enttäuscht klingen… weißt du," keuchte sie atemlos. Sie hustete den letzten Rest Wasser aus und ließ sich dann auf den Rücken fallen. "Ugh, Ich bin vollkommen durchnässt."

"Yeah, ich auch. Wir sollten uns aufwärmen, bevor wir uns eine Erkältung einfangen," sagte Yusuke.

Kuwabara sah leicht unbehaglich aus. "Also… uh… bedeutet das, dass wir heute nicht weitergehen?" Yusuke und Botan warfen ihm beide böse Blicke zu, und Kuwabara zwang sich zu einem nicht sehr überzeugenden Lachen. "Yeah, natürlich nicht, ich meine, das wäre ja geradezu dämlich! Ich schätze, wir schlagen dann hier unser Lager auf!"


Koenma starrte weiterhin auf seinen Fernsehschirm und beobachtete seinen Geisterdetektiv. Yusuke legte Äste auf ein kleines Lagerfeuer, das sie zustande gebracht hatten; Kuwabara aß einen Power-Riegel, den Botan in ihrem Rucksack gehabt hatte; Botan selber hatte sich in Kuwabaras riesigem Mantel zusammengerollt, während ihre Kleidung trocknete. Es war keine besonders aufregende Szene, aber Koenma blinzelte nicht einmal, als er hörte, wie die Tür zu seinem Büro aufglitt. Er sah auch nicht hoch, als Kurama durch den Raum getappt kam.

"Wie läuft es?" fragte Kurama.

Koenma seufzte laut und sank in seinem Stuhl zusammen.

"Die ganze Arbeit, die sie tun, macht mich müde," witzelte er matt.

"Es wird dunkel," machte ihn Kurama aufmerksam. "Vielleicht ist es an der Zeit für Euch, zu Bett zu gehen."

"Hmm. Ich schätze du hast recht," gab der Gott zu. "Du darfst gehen."

"Ja, Sir." Kurama schaffte es gerade noch, ein erleichtertes Seufzen zurückzuhalten. Es war ein langer und schwieriger Tag gewesen – Koenma war nicht leicht zufrieden zu stellen – aber er hatte ihn hinter sich gebracht. Alles in allem war es für ihn schwerer, den Diener zu spielen als einen Diebstahl zu begehen.


Kurama war erschöpft, als er zu seinem Zuhause in der Menschenwelt zurückkehrte. Er ging durch den Flur zu seinem Schlafzimmer, gähnte und fuhr mit einer Hand durch sein hoffnungslos durcheinander geratenes Haar. Vielleicht sollte er ein einziges Mal seine Hausaufgaben nicht erledigen und die beiden frei werdenden Stunden schlafen… Er erreichte endlich seine Tür und stieß sie auf, nur um sich mit geweiteten Augen aufzurichten.

"Hiei!" rief Kurama aus. Der Feueryoukai saß auf dem Fensterbrett und drehte den Kopf, um Kurama einen leeren Blick zuzuwerfen. "Guten Abend. Ich hatte dich nicht erw—"

"Wo sind alle hin?" unterbrach ihn Hiei.

Ah. Also war es ihm aufgefallen. "Könntest du das näher erklären?" fragte Kurama, nur um Zeit zu schinden.

"Der Detektiv. Sein idiotischer Handlanger." Hiei glitt vom Fensterbrett und auf die Beine. "Du warst auch die meiste Zeit des Tages fort. Also? Wo warst du?"

Kurama drehte sich zum Frisiertisch um, damit er seinen Freund nicht ansehen musste. Es war viel zu einfach zu lügen, aber er konnte sich nicht dazu bringen, das zu tun. Er hatte schon einmal Hieis Vertrauen ausgenutzt, und es war nicht gut ausgegangen. Hiei nahm es ihm immer noch übel, dass er ihn dazu gebracht hatte, die Schätze zu stehlen. Er verstand und akzeptierte Kuramas Erklärung, ja, aber das bedeutete nicht, dass er ihm den Verrat vergeben hatte. Kurama wollte ihn nicht noch einmal anlügen und damit ihre Freundschaft noch weiter beschädigen.

"Ich war in der Geisterwelt," sagte Kurama. "Koenma hatte eine Aufgabe, die ich für ihn erledigen sollte. Was Yusuke und Kuwabara angeht, so weiß ich nicht, wo sie sich gerade aufhalten." Es war die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit. Die effektivste Art der Lüge, und die am einfachsten zu leugnende, falls er erwischt wurde. "Wie dem auch sei, es ist kalt draußen. Warum bleibst du nicht über Nacht?"

"Es gibt eine neue Mission, nicht wahr? Warum wurde ich nicht einbezogen?"

Kurama schluckte und warf einen Blick in Hieis Richtung. Der kleine Youkai starrte zu ihm hoch, das Kinn gesenkt, so dass seine Augen sogar noch größer als gewöhnlich wirkten. Er schmollte faktisch und es zerriss Kurama das Herz wie nichts sonst auf der Welt.

"Hiei…" Kurama seufzte und drehte sich endlich zu seinem Freund um. Es ist zu deinem eigenen Schutz, dachte er. "Ich kann es wirklich nicht sagen. Es tut mir leid."

Hiei starrte ihn einen langen Augenblick weiter an und sah dabei viel zu ernst aus. Dann…

"Na gut."

Kurama blinzelte, etwas außer Fassung. "Huh?"

"Ich sagte na gut. Es ist ja nicht so, als on das irgendwas mit mir zu tun hätte," sagte Hiei, während er die Augen schloss und mit den Schultern zuckte. Wenn man in Betracht zog, wie viel Interesse Hiei eben noch für die Mission gezeigt hatte, erschien Kurama seine Sorglosigkeit nun als sehr unwahrscheinlich. Würde er Kurama einfach beim Wort nehmen? Einfach so? "Du hast gesagt, dass ich heute Nacht hier bleiben könnte, richtig?"

"Oh! Ja! Ich mache nur eben dein Bett fertig, okay?"

Kurama verließ schnell den Raum, ging zum Wäscheschrank und hoffte, dass er sich etwas mehr gesammelt hätte, wenn er Hiei wieder gegenüber trat. Er war sich ziemlich sicher, dass Hiei die Nacht damit verbringen würde, zu versuchen ihm Informationen zu entlocken, und er musste darauf vorbereitet sein.

Aber Hiei schien sich tatsächlich nicht für Yusukes neuen Fall zu interessieren. Während des Abendessens war er entspannt – sogar umgänglich. Im Anschluss saß Hiei auf dem Fensterbrett und reinigte sein Schwert, während Kurama an seinen Schulaufgaben arbeitete. Er stellte keine Fragen zur Mission, deutete sie noch nicht einmal an. Als es zehn Uhr wurde, war Kurama voll und ganz erschöpft, ermüdet von dem Tag Arbeit für Koenma und dem wachsam verbrachten Abend. Hiei, der seltsam rücksichtsvoll war, bemerkte dass Kurama zu gähnen begann und empfahl dass es Zeit sei, schlafen zu gehen. Kurama nickte und machte sich fürs Bett fertig. Er war immer noch wachsam, immer noch argwöhnisch, aber Hiei legte sich auf seinen Futon und streckte sich zufrieden. Vielleicht plante Hiei letztendlich doch nichts… Kurama stieß ein winziges, erschöpftes Ächzen aus, drehte sich auf die Seite und fiel in einen tiefen Schlaf.

Sobald sich Kuramas Augen schlossen, setzte sich Hiei auf und spähte durch den dunklen Raum im Rücken seines Partners. Er kam leise auf die Füße und näherte sich Kuramas Bett, wo er einen Moment über den Fuchs gebeugt stand. Ein blaues Glühen leuchtete schwach hinter seinem Stirnband, als er Kuramas Aura las. Stabil. Er würde also nicht vor dem Morgen erwachen.

Genug Zeit für Hiei, um Yusuke einzuholen.

Wirklich, dachte Hiei, als er den Raum durchquerte und das Fenster öffnete, Kurama hatte alles falsch verstanden. Hiei hatte nicht die geringste Absicht, zu versuchen ihn auszuquetschen. Kurama wollte ihm nichts sagen, also warum sich die Mühe machen? Außerdem musste er nur Yusukes Energiesignatur folgen und diese würde ihn direkt zum Ort der Mission führen. Hiei musste nur sicherstellen, dass Kurama nicht in der Nähe war um ihn aufzuhalten …

Hiei huschte vom Fensterbrett zum Baum davor. Indem er seine beiden normalen Augen schloss, nutzte er nur die Sicht seines Jagan. Hiei fand die Spur von Yusukes Restenergie, die als Wirbel aus blassblauem Licht und weißglühenden Funken Elektrizität erschien, mit Leichtigkeit. Die blauweiße Energie führte eine Straße entlang, dann in einen Wald und endete endlich am Ufer eines Teiches wo Yusuke, Kuwabara und dieses Fährmädchen schlafend um ein Lagerfeuer lagen. Hab ich euch. Hieis Augen öffneten sich schlagartig und ein Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Er warf einen Blick zurück über seine Schulter auf das verdunkelte Fenster hinter ihm.

Schlaf gut, Fuchs, dachte Hiei. Ich sehe dich wieder, wenn die Mission vorbei ist.


Hiei brauchte weniger als zwei Stunden um das Ufer zu erreichen, an dem die Menschen ihr Lager aufgeschlagen hatten. Als er endlich in einem Baum hoch über ihnen erschien, schnaubte er. Yusukes Team schlief friedlich, während von ihnen völlig unbemerkt eine menschengroße Spinne ein Netz um sie webte.

Unglaublich. Sie hatten nicht einen einzigen Talisman aufgehängt. Es ist so, als ob sie versuchten, sich umbringen zu lassen. Hiei griff an seine Schwertscheide und zog mit einer schnellen Bewegung des Handgelenks seine Klinge. Er warf die schwere Klinge wie ein Wurfmesser und traf die Jorugumo genau zwischen den Augen. Sie war tot, bevor ihr bewusst wurde, dass ein Angriff erfolgt war. Die Spinnenyoukai rollte zur Seite und zog die Beine an den Körper. Hiei schnaubte verächtlich und flimmerte hinunter auf den Boden um sein Schwert aus dem Kopf der Spinne zu holen.

"Danke," sagte Yusuke. Hiei zuckte zusammen, aber der Geisterdetektiv rollte im Schlaf herum und schnalzte mit der Zunge. "Mm, is' lecker…"

Hieis überraschter Gesichtsausdruck legte sich. Er wischte seine Klinge am blaubepelzten Körper der Jorugumo ab, erschien dann wieder in seinem Baum und steckte sein Schwert weg.

Ein langer Augenblick verstrich während Hiei auf seine menschlichen Gefährten hinunter starrte. Endlich seufzte er. Es hat keinen Zweck sie zu retteten, wenn sie doch nur wieder angegriffen werden, dachte Hiei und verdrehte die Augen. Er streckte die Hand aus und sandte eine kleine Menge Energie hindurch. Jeder Baum, der dem Lager am nächsten stand, wurde von einem Rechteck aus grünem Feuer erleuchtet. Hiei ließ sie ein paar Sekunden lang brennen und machte dann eine Geste, als wenn er eine Fliege erschlagen würde. Das grüne Feuer erlosch flackernd und enthüllte Youkai abwehrende Siegel, die in die Rinde eingebrannt waren.

Mit dem Gefühl, dass er für heute genug gute Taten vollbracht hatte, ließ sich Hiei auf seinem Ast nieder, den Rücken an den Stamm und das Schwert an seine Schulter gelehnt. Morgen würde er Yusuke auf die Mission folgen, zu der er ausgeschickt worden war. Heute Nacht gab es nichts weiter für ihn zu tun als zu schlafen.


Anmerkung:

(1) Horrorfilm aus den 50er Jahren, Originaltitel: Creature from the Black Lagoon