Yu Yu Hakusho Saisei Teil 6:
Jenseits des versiegelten Fensters
Eine Fanfiction-Neufassung des Animes von Yoshihiro Togashi von Mayuri Hoshigawa
Übersetzung der Geschichte "Beyond the Warded Window"
Disclaimer: Yu Yu Hakusho gehört Yoshihiro Togashi, Shonen Jump und Shueisha, nicht mir. Die Originalfassung dieser Geschichte findet ihr auf www . yyh-saisei . com (ohne die Leerzeichen)
Die Farbe der Liebe ist...
Irgendwo in der Dunkelheit traf Kuwabara die Erkenntnis wie ein Blitz.
"Halt mal!" Yusuke und Botan hielten an und sahen Kuwabara Erklärung heischend an. Seine Augen flackerten etwas, als er seine spirituellen Sinne nutzte. "Irgendwas passiert. Ich denke, ich kann ihre Energie jetzt fühlen…" Nur um sicher zu gehen schloss er die Augen und tastete mit dem Geist nach der neuen Aura. Sein ganzer Körper begann zu zittern und wurde mit einer Gänsehaut überzogen. "Es ist kalt! Das muss Yukina sein, richtig? Bedeutet das, dass sie nicht mehr hinter dieser Talismanbarriere ist?"
"Vielleicht nicht," sagte Botan, hob ihr Handgelenk und drehte das Rädchen am Youkai Kompass. Ihre Ohren wurden von einem schnellen, hochfrequenten Piepsen überfallen. Botan starrte auf die sich wild drehende Nadel und die rot blitzende Oberfläche.
"Der Youkai-Kompass! Was um alles in der Welt…?! Kyahh!" Botan riss ihr Handgelenk weg, gerade als der Kompass sich kurzschloss und das Glas wie bei einer kaputten Glühlampe verkohlte. Ein dünner Rauchfaden stieg von dem kaputten Gerät auf. "Was könnte das verursacht haben?"
Yusuke sah nach unten auf den Boden und bemerkte die Vibrationen unter seinen Füßen.
"Geratet jetzt nicht in Panik, aber ich habe so das Gefühl als würden wir es gleich heraus finden," sagte er. Die Wände um sie herum fingen jetzt ebenfalls an zu zittern, und jetzt konnten sie auch Kreischen und Grummeln hinter der Ecke hören, um die sie gerade gekommen waren.
"Bewegt euch!" schrie Kuwabara und fing an zu laufen. Yusuke und Botan folgten. Sie machten sich nicht die Mühe, über die Schulter zurück zu schauen. Was würde das bringen, außer sie langsamer zu machen?
Das Ende des Flurs kam schnell näher und zwei Türen befanden sich auf den gegenüberliegenden Seiten. Yusuke und Kuwabara rannten zu unterschiedlichen Türen und öffneten sie um zu sehen, was dahinter lag. Yusuke fluchte – die Tür auf der linken Seite führte in ein Esszimmer. Kuwabara öffnete die Tür auf der Rechten und entdeckte einen winzigen schrankähnlichen Flur mit einer Feuertür, die nach draußen führte. Er rief nach Yusuke und Botan und die drei beeilten sich, auf den Rasen hinter dem Haus zu kommen. Endlich drehten sie sich endlich um, gerade rechtzeitig um zu sehen, dass Tiere an ihnen vorbei schossen. Ein großer, narbiger Affe mit großen schwarzen Augen und silber-blauem Fell trampelte an Yusuke vorbei und sprang in einen Baum. Mitten im Sprung wurde er unsichtbar. Ein ganzer Schwarm feuriger Eidechsen mit abgeschnittenen Schwänzen rannte an Kuwabara vorbei und ließ Spuren winziger Flammen hinter sich.
"Urameshi!" Kuwabara schwang seinen Arm zur Seite und gestikulierte Yusuke, aus dem Weg zu gehen. Yusuke packet Botan um die Mitte, gerade als sie sich umdrehte, um mehreren bunten Vögeln nachzusehen, die gerade an ihr vorbei geflogen waren.
Einen Augenblick später explodierte die Tür und die Halbe Wand als eine riesige, dinosaurierartige Kreatur der Herde folgte. Yusuke zog die Luft scharf ein, als er einen genaueren Blick auf das Biest werfen konnte. Über die ganzen Flanken waren die wunderschönen meergrünen Schuppen entfernt worden. Was übrig blieb, waren lange Abschnitte nässender, blau-grauer Haut mit schwarzen Flecken, wo die Wunden sich infiziert hatten. Yusuke und sein Team mochten keine persönliche Verbindung zu diesem Youkai haben, aber das spielte keine Rolle.
"Das ist sowas von falsch," krächzte Kuwabara, dessen Gesicht aschfahl geworden war.
"Hat Tarukane das getan?" fragte sich Yusuke. Botan klammerte sich kurz an Yusuke und starrte die Bestie angsterfüllt an, aber dann sah sie etwas anderes, das sich von einem mit weißer Farbe eingezeichneten Kreis auf der anderen Seite des Rasens erhob.
"Yusuke, da drüben!"
Die Jungen sahen hinüber. Sie erhaschten einen kurzen Blick auf Yukina und Tarukane, die hinten im Hubschrauber saßen, ehe eine Wache die Tür zuzog. Augenblicklich rannten Yusuke und Kuwabara auf den Landeplatz zu.
"Du Monster!"
"Wie kannst du dich selbst einen Menschen nennen?!"
Tarukane hätte die Anschuldigungen nicht hören können. Selbst wenn, wie hätte er sie beantwortet? Was für eine Erklärung hätte er anbieten können? Es ging hier nicht um ein paar bedauernswerte Aktionen, die nur um des Überlebens willen getan wurden. Es gab einfach nichts, womit sich dieser Mann rechtfertigen konnte.
Yusuke fühlte sich, als ob Ameisen über seinen gesamten Körper krabbeln würden, was ihm überall Juckreiz verursachte. Er hatte noch nicht einmal über die Verbrechen, die hier verübt wurden, nachgedacht. Er hatte nur gewusst, dass Yukina zum Weinen gebracht wurde, und selbst das war zu distanziert, zu abstrakt gewesen. Jetzt sah er die Zeichen der Folter an diesen Wesen und wusste, wie weit Tarukane gehen würde, nur um Profit zu machen. Hier ging es nicht ums Überleben; hier wurden Gier und Selbstsucht an ihre Grenzen getrieben. Yusukes Haut kribbelte und juckte, als ob seine Seele es nicht ertragen könnte, in dieselbe Art Körper eingesperrt zu sein wie dieses Ding. Er brauchte einen Augenblick um zu erkennen, dass es seine eigene Energie war, die knisternd durch ihn lief.
Der Hubschrauber stieg hoch und Yusuke sprang aus vollem Lauf, lehnte sich vorwärts, benutzte Kuwabaras Schulter als Sprungbrett und streckte die Hand aus. Er kam so dicht heran, dass seine Energie tatsächlich auf die Landekufe übersprang, ein blauer Schock, der sich ans Aluminium heftete. Aber es war nicht genug; seine Fingerspitzen streiften kaum die Kufe und dann fiel er zu Boden, wo seine Faust und sein Kinn schmerzhaft über den Teerboden schrammten.
"Nein!" heulte Kuwabara, der zusehen musste, wie der Hubschrauber wegflog.
Yusuke zischte ein Schimpfwort, als er sich in die Hocke hochstemmte. Sie flogen tief, aber immer noch außerhalb seiner Reichweite. Yusuke schloss seine blutige Hand zur Faust und wollte Energie für eine Shottogan-Attacke (1) sammeln, aber das würde mehr schaden als nutzen. Er wäre nie in der Lage, das Ding vom Himmel zu holen, ohne alle Insassen umzubringen. Yusuke knurrte bei sich und fragte sich, was zur Hölle er tun sollte, als er am Rand seines Blickfelds einen verschwommenen schwarzen Fleck sah.
"H-Hiei?!" rief Yusuke ungläubig. Wann war er hier angekommen?
Hiei hörte nicht, dass Yusuke nach ihm rief. Er war vollkommen auf die Aura konzentriert, die er aus dem Inneren dieser seltsamen metallenen Vorrichtung spüren konnte. Er stemmte sich aufwärts und nach vorne, landete kurz auf der Grundstücksmauer, ehe er mit einem weiteren Sprung in einem nahe stehenden Baum landete. Zwei weitere Riesensätze brachten ihn in Reichweite. Er sprang ein weiteres Mal und zog gleichzeitig sein Schwert.
Der Hubschrauber schlingerte mit einem Rumms und es war ein Kreischen zu hören, als Metall durch Karbonfaser gestoßen wurde.
"Was zur Hölle war das?" wollte Tarukane von seinem hinteren Sitz aus wissen. Er sah sich um und sah ein Stück Metall aus der Tür in der Nähe des Türgriffs ragen. Der Griff bewegte sich und die Tür glitt zur Seite. Einen Augenblick später schwang sich ein kleiner schwarzgekleideter Mann seitwärts in das Abteil. "Warte—"
Tarukane hatte noch nicht einmal dieses eine Wort ausgesprochen, als der Eindringling Sakashita und die beiden Wachen schon mit einem Handkantenschlag am Hals getroffen hatte. Alle drei Körper sanken innerhalb von Millisekunden zu Boden. Als der Eindringling endlich seine Aufmerksamkeit langsam den beiden übrigen Passagieren zuwandte, drängte sich Tarukane tiefer in seinen Sitz. Yukina quietsche und bedeckte den Mund mit beiden gefesselten Händen.
"Tu mir nicht weh!" flennte Tarukane. "Wenn du Geld willst, können wir darüber reden!" Nichts davon drang zu ihm durch. Der dunkle Youkai starrte von Ehrfurcht ergriffen in Yukinas weit aufgerissene Augen und nahm nichts anderes wahr.
"Du bist es," sagte er leise. "Nach all der Zeit… habe ich dich gefunden."
Yukina zuckte zurück, als der Fremde näher kam, aber er ergriff die Fesseln um ihre Handgelenke und zog sie zu sich heran. Er griff die Kette, die alles zusammen hielt und zwang seine Energie in die Glieder aus Metall, was sie kurz grün aufleuchten und sich dann in bröcklige Kohle verwandeln ließ. Yukina blinzelte auf ihre zerbrochenen Fesseln herab und sah dann wieder zu dem Fremden auf. Er schien beinahe verzaubert, als er seine Hand ausstreckte. Yukina schluckte ihre Angst hinunter, nahm seine Hand und ließ zu, dass er sie hoch zog.
"Warte!" ächzte Tarukane, als der Eindringling Yukina auf die Arme nahm. Ohne einen Blick zurück zu werfen, hüpfte der dunkelhaarige Youkai aus dem Hubschrauber. Tarukane machte einen Satz auf die Tür zu und sah, wie der fremde Youkai auf einem Ast landete, Yukina sicher im Arm haltend. "Gib sie zurück!" schrie Tarukane. Er schaute mit wildem Blick nach links und rief dem Piloten zu "Bringen Sie uns runter! Wir müssen sie zurückholen! Ich brauche sie!"
"Wir können nicht noch tiefer gehen, Sir!" warnte der Pilot.
"Und ob wir können!" Tarukane hechtete ins Cockpit, schubste die Hände des Piloten weg und zog verzweifelt am Steuerknüppel. Der Hubschrauber fing an sich zu drehen und zu zucken, als sie um die Steuerung kämpften.
Hiei beobachtete kühl, wie der Hubschrauber in einer Spirale auf den Wald auf den Wald niederging. Yukina sah ebenfalls einen Augenblick lang zu, vergrub aber bald ihr Gesicht an Hieis Brust. Er gab ein Schnaube von sich und drückte Yukina dichter an sich heran, während er sich auf die Festung zubewegte.
Zurück auf Tarukanes Anwesen hatten die Youkai, denen es nicht gelungen war, über die Mauer zu kommen, zu rennen aufgehört. Viele liefen nun über den Rasen, schnoberten durch den Schnee um an das Gras zu kommen, leckten an tropfenden Eiszapfen und rissen Rindenstreifen von den Zierbäumen. Yusuke fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
"Ich glaube wir hätten keinen größeren Mist bauen können, wenn wir's drauf angelegt hätten," sagte Yusuke zu sich selbst. Botan seufzte zustimmend. Kuwabara war der Einzige, der versuchte ein gutes Ergebnis aus dem Durcheinander zu finden. Er stand zehn Meter von dem größten Youkai entfernt, den er mit demselben widerstreitenden Gesichtsausdruck ansah, den er immer bekam, wenn er ein Tier in Not sah. Die Bestie mit den grünen Schuppen trampelte im Kreis herum, peitschte mit dem dornenbewehrten Schwanz und gab ein seltsames, stöhnendes Brüllen von sich.
Botan ergriff plötzlich Yusukes Arm. "Sie sind zurück!"
Yusuke drehte sich um und sah, wie Hiei flimmernd erschien und leichtfüßig gerade innerhalb der Grundstücksmauer aufsetzte. Hiei stellte Yukina sanft auf die Füße und Yusuke fühlte, wie das schwere Gewicht in seinem Inneren sich wie Luftblasen auflöste.
"Hey, Hiei!" schrie er begeistert, während er auf sie zulief.
Hiei blinzelte, als er Yusuke zu Gesicht bekam. Er wartete darauf, dass der Geister-Detektiv ihn erreichte und fühlte sich seltsam ruhig. Es fühlte sich noch nicht einmal wirklich an. Er hätte möglicherweise gedacht, dass er träumte, aber er wusste, dass sein eigener Verstand sich nicht so etwas Seltsames und Wunderbares ausdenken konnte.
"Hiei?" wiederholte Yukina das Wort nachdenklich. Sie hielt eine Hand über ihr Herz und sah zu Hiei auf, gerade als Yusuke vor ihnen anhielt. "Wer… Wer in aller Welt seid ihr?"
Yusukes Augen weiteten sich. Er warf Hiei einen Blick zu, der mit an den Seiten geballten Fäusten und komplett unter seinen Ponyfransen verborgenen Augen zu Boden starrte. Yusuke hatte ihn nicht mehr so erschüttert gesehen, seit… nun, seit er von einem verfluchten Schwert besessen gewesen war und versucht hatte, Kurama zu töten. Endlich stieß Hiei ein leises Schnauben aus und verbarg seine Hände in den Hosentaschen.
"Wir sind Geister-Detektive," sagte Hiei einfach. Er hob den Kopf und starrte geradeaus, so dass er Yukina nicht in die Augen sehen musste. Im Gegensatz zu anderen Youkai hatte Hiei nie die Kunst erlernt, andere direkt anzulügen. Er musste sich immer weg drehen. "Mach dir keine Sorgen, wir passen auf dich auf. Das ist schließlich unser Job." Er warf Yusuke einen schnellen Seitenblick zu. "Ruf Koenma an und sag ihm, dass die Mission vorbei ist. Ich gehe wieder rein und kümmere mich um alles, das wir vielleicht übersehen haben."
"Warte mal!" wollte Yusuke protestieren, aber Hiei war bereits mit einem Flattern seines Mantels und einem schwarzen Flimmern verschwunden. Er bezweifelte sowieso, dass Hiei sich überhaupt etwas, das er gesagt hätte, angehört hätte. Yusuke sah zu Yukina hinüber, die nun neugierig zu ihm hoch sah. Er schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. "Ist schon okay. Hiei ist scheu, das ist alles. Er kommt schon wieder."
"Oh." Vielleicht spürte Yukina, dass an dieser Erklärung etwas nicht stimmte, aber sie beschwerte sich nicht.
Während sie den Blick über das zerstörte Grundstück schweifen ließ, fiel Yukinas Blick auf Kuwabara, der sich sehr langsam auf den schuppigen blau-grünen Youkai zubewegte. Das Biest brüllte und fegte mit dem Schwanz, aber Kuwabara zog sich nicht zurück. Er schob einen Fuß vorwärts. Als das Biest ihn nicht sofort angriff, machte er noch einen Schritt vorwärts. Seine silberne Mähne sträubte sich und es stieß ein Knurren aus, aber das Geräusch klang eher schmerzerfüllt. Kuwabara blinzelte und nahm all seinen Mut zusammen.
"Ganz ruhig, Mädchen…" Kuwabara hob langsam seine Hand. Hellena stürzte auf ihn zu und eine Sekunde lang sah es so aus, als würde sie ihm den Arm abbeißen. Aber dann hielt sie an und starrte ihn mit ihren großen blauen Augen an, die an eine Schlange erinnerten. Einen Augenblick später schnupperte sie an Kuwabaras Hand, eine lange blaue Zunge schnellte hervor und leckte das Salz von seiner Haut. Kuwabaras nervöser Gesichtsausdruck entspannte sich noch mehr. Er lächelte jetzt beinahe. "Hey… Du bist gar nicht so schlimm, oder? Du siehst nur ein bisschen angsteinflößend aus, das ist alles."
"Sie hat Schmerzen."
Kuwabara zuckte zurück und bemerkte dann die kleine Eis-Youkai, die sich von hinten näherte.
"Y-Yukina!" stammelte Kuwabara. Yukina ging auf das Monster zu und Kuwabara verfiel in Panik. "Vielleicht solltest du nicht so dicht ran gehen!"
Yukina streckte eine weiß leuchtende Hand aus und berührte Hellenas Nase. Sie schloss die Augen.
"Sie will, dass du ihr hilfst." Yukina streichelte mit der Hand aufwärts, tastete sich an Hellenas Schnauze hoch und über die Augenbrauenwulst. "Sie last dich nahe an sich heran, weil sie die Sanftheit in deinem Geist spurt. Sie fühlt sich… bei dir sicher." Yukina öffnete halb die Augen. "Kannst du sie heilen?"
"Y-Yeah…" krächzte Kuwabara. Er joggte zu Hellenas Flanke hinüber, wo sie die meisten Schuppen verloren hatte. Yukina schlich sich neben ihn und beide fingen zu arbeiten an. Ihre Hände bewegten sich über misshandeltes Fleisch und badeten es in glühende, goldene und weiße Energie. Kuwabara konzentrierte sich eine Minute lang auf die Aufgabe, aber bald sah er Yukina aus den Augenwinkeln an. "Also, ehm… Yukina… Du kümmerst dich auch gerne um Tiere?"
Sie nickte. "Ja, sehr. Die meisten Tiere kann man sehr leicht gerne haben. Sie denken nicht an grausame Dinge. Sie wollen einfach nur leben."
"Yeah, ich weiß was du meinst! Das ist genau der Grund, warum ich sie mag!" sprudelte es aus Kuwabara heraus. Yukina wandte ihm den Kopf zu, ihre Augen wirkten wie warme, flüssige Rubine. Sie sahen irgendwie vertraut aus, als ob er genau dieselben Augen schon einmal gesehen hätte. Sicherlich war das ein Zeichen, dass sie füreinander bestimmt waren. Der Gedanke ließ Kuwabara erröten, seine Wangen wurden komplett rot. Sie lächelt mich an…! Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen und seine Energie leuchtete als Reaktion auf seine gehobene Stimmung noch heller. Vielleicht wird es doch nicht so schwer, mit ihr ins Gespräch zu kommen…
Botan lächelte, als Yusuke sich neben sie stellte.
"Sieht so aus, als ob alles gut gegangen wäre, eh, Yusuke?" sagte sie gut gelaunt.
"Yeah…" sagte Yusuke, der etwas mürrisch klang. "Yeah, so ziemlich."
Auf einem der Berge, die das Honetadare Valley umgaben, kennzeichneten lange Rauchfahnen den Ort, an dem der Hubschrauber seine letzte Landung hingelegt hatte. Vier blutende Körper lagen immer noch in dem brennenden Heli. Flammen krochen langsam den Ärmel von Sakashitas Mantel hoch. Innerhalb kurzer Zeit würde nichts mehr von ihnen übrig sein.
Ächzend und keuchend Kroch Tarukane aus dem Wrack. Aus der Platzwunde an seinem Kopf rann Blut und die komplette rechte Seite seines Jacketts war mit roten Flecken übersäht.
"Yukina," gurgelte er. "Wo ist das Monster hin?" Er begann fort zu stolpern, aber nach ein paar Schritten erkannte er, wie sinnlos es sein würde, nach ihr zu suchen. Sie war fort. Das, was ihn zum reichsten Mann der Welt machen sollte… Das einzige, was ihn hätte von seinen Schulden befreien können… Der Wald verschwamm vor Tarukanes Augen und wurde durch eine Vision einer dunklen Gasse hinter einem Grand Hotel ersetzt. Er konnte sich bereits vorstellen, wie Sakyou über ihm stand, hinter sich das Licht irgendeiner goldenen Party, bei der Tarukane es nicht einmal wert wäre, die Toiletten zu schrubben.
"Keine Möglichkeit, mich auszuzahlen? Es tut mir leid das zu hören," würde Sakyou ruhig sagen. Während er Mitgefühl heuchelte, würden seine Killer ihre Messer und Brecheisen hervor holen. "Aber sehen Sie es einmal positiv, Mr. Tarukane. Tote haben keine Schulden…"
Tarukane fasste sich an den Kopf.
"Tote…" Er fiel auf die Knie und brach in ein Lachen aus, das mehrere wilde Vögel verscheuchte. "Ich bin ein toter Mann!"
In der Wohnung der Urameshis war es ruhig, als Yusuke die Tür aufschloss. Schuhe und Jacke wurden im Foyer ausgezogen und das erste, das Yusuke danach tat, war ins Badezimmer zu gehen und sich Wasser über die Hände laufen zu lassen. Er spritzte etwas hoch und rieb sich das Gesicht ab, dann sah er sich selber im Spiegel an.
Es war keine schlechte Mission gewesen. Andererseits gab ihm der Abschluss nicht dasselbe Gefühl, etwas erreicht zu haben, wie von den ersten paar. Er ließ immer wieder den Moment zwischen Hiei und Yukina Revue passieren. Der Ausdruck auf Hieis Gesicht als er die Wahrheit verborgen hatte… und wie Yukina es ohne Beschwerde hingenommen hatte, obwohl sie besseres verdiente… Wie konnte Hiei das nur tun? Wie konnte er so etwas Wichtiges vor jemandem verbergen, der ihm am Herzen lag?
Yusuke griff sich ein kleines Handtuch aus dem Regal und trocknete sein Gesicht ab, als er das Badezimmer verließ. Er hatte seit gestern Morgen keine richtige Mahlzeit zu sich genommen, also ging er als nächstes in die Küche um nach etwas Essbarem zu suchen. Er streckte gerade die Hand nach der Kühlschranktür aus, als er die Notiz auf der weißen Oberfläche sah. Als er noch einmal das las, was er da geschrieben hatte, kam er sich plötzlich wie ein Arschloch vor. Er verurteilte Hiei, weil er Geheimnisse vor seinen Lieben hatte, aber war er überhaupt besser? Diese Nachricht war so vage, dass er genauso gut gar nichts hätte schreiben können.
"…du musst mir versprechen, dass du mir davon erzählst…"
Yusuke schloss die Augen, holte tief Luft und nickte bei sich.
Am folgenden Samstag hatte der Himmel eine blassblaue Farbe angenommen und der Schnee war geschmolzen. Yusuke hängte seine Winterjacke hinten in den Schrank und entschied sich stattdessen für ein Sweatshirt. Er tauchte an der Bushaltestelle auf und stellte fest, dass Keiko auf ihn wartete. Sie sah ein wenig schlecht gelaunt aus, was nur natürlich war, da Yusuke ihr immer noch nicht erklärt hatte, wo er am Dienstag gewesen war oder warum er sie gebeten hatte, hierher zu kommen. Als er Keikos hübsches korallenrotes Kleid und weiße Bluse sah, gestand er sich ein, dass er ihr wenigstens hätte sagen können, wo sie heute hin fahren würden. Sie war für ein Date gekleidet, nicht für eine Wanderung durch die Berge. Na ja.
Während sie dort standen und warteten, bemerkte Yusuke einen fruchtig-blumigen Geruch in der Luft um sie herum. Er schnüffelte und blickte sich um, aber er wusste nicht, wo er her kommen könnte.
Der Bus kam und Yusuke und Keiko stiegen ein und setzten sich auf nebeneinander liegende Plätze. Während das Land außerhalb des Fensters sich von Stadt zu Land veränderte, schnüffelte Yusuke noch ein paar Mal und erkannte, dass der Geruch, den er vorher bemerkt hatte, ihnen in den Bus gefolgt war. Da ist dieser süße Geruch wieder… Es war etwas Leichtes und Frisches, wie Äpfel und Tulpen. Ist sie das? Er warf Keiko einen Seitenblick zu, betrachtete das Profil ihres Gesichts und fragte sich, wann sie angefangen hatte, Parfüm zu tragen. Einen Augenblick später warf sie ihm einen Blick zu. Als ihre Blicke sich trafen, blinzelte sie und drehte sich zu ihm um.
"Warum starrst du mich an?" fragte sie.
"Kein bestimmter Grund," murmelte Yusuke, verschränkte Arme und Beine und drehte sich um, so dass er aus dem Fenster starrte. Selbst sein Spiegelbild im Glas hatte rote Flecken auf den Wangen.
Fast zwei Stunden später ließ der Bus sie endlich neben einer vertrauten Steintreppe aussteigen. Yusuke fing an hochzusteigen. Keiko folgte ihm, jedoch nicht ohne Fragen zu stellen.
"Also was machen wir hier draußen eigentlich? Ich dachte du wolltest mir zeigen, was du als Detektiv so tust," erinnerte ihn Keiko.
"Das werde ich," antwortete Yusuke. "Es gibt da'n paar Leute, die ich dir vorstellen möchte."
"Und ihr habt euch entschieden, euch hier zu treffen, statt in der Innenstadt?"
"Nun, für sie ist's bequemer."
Keiko zog verwirrt eine Schippe. Was für eine Art Detektivagentur befand sich dort, wo sie niemand erreichen konnte? Es schien seltsam. Die Landschaft war allerdings schön. Während sie die Treppe hochstiegen, konnte Keiko nicht umhin sich umzusehen und die Bäume um sie herum zu bewundern.
Endlich erreichten sie das obere Ende der Treppe und betraten den vorderen Hof des Tempels. Genkai beendete die letzten Bewegungen ihrer Kata und richtete sich auf.
"Ah, Dussel. Gerade rechtzeitig für deine Arbeiten. Und damit meine ich, dass du zwei Wochen zu spät bist," Genkai zog missbilligend die Stirn kraus.
"Auch schön, dich zu sehen," antwortete Yusuke. "Keiko, das ist Genkai. Sie ist meine Sklaventreiberin."
"Meisterin, vergiss das bloß nicht," sagte Genkai streng. "Ich will, dass heute die Terrasse geschrubbt und diese Statue poliert wird. Oh, und du ziehst in den Schlafraum ganz hinten. Die Bodenmatten müssen gestärkt werden und es sind ein paar Löcher in der Tür, die du besser flicken solltest."
"Blah, blah. Sie ist schlimmer als meine Mom," murmelte Yusuke bei sich.
Auf der anderen Seite des Hofes, die Stufen hinauf, waren weitere Stimmen zu hören. Die Tür glitt auf und Yusuke trat ein. Keiko blieb auf der Veranda zurück, steckte nur den Kopf hinein und sah sich neugierig um.
"Und schau, dieses hier bedeutet 'Auge', " erklärte Kuwabara während er die Linien fertig zeichnete. "Na ja, ich hab's ziemlich eckig gezeichnet, aber wenn du es richtig schnell zeichnest -" Er kritzelte schnell ein paar geschwungene Linien, "ist es rund und dann kannst du sehen, dass es wie ein Auge aussieht, richtig?"
"Ah, jetzt verstehe ich," murmelte Yukina. Sie hob grazil ihre Hand und legte einen Finger an die Lippen. "Also dann, dieses hier ist ein Auge mit Beinen… Ich frage mich, was das heißen könnte?"
"Es bedeutet 'sehen'. Aber du must einen Abschluss hinzufügen, so…"
"Hey, es ist nicht nett, Leute zu ignorieren, wenn sie dich besuchen kommen," hob Yusuke an. Kuwabara und Yukina blickten über ihre Schultern in seine Richtung.
"Oh! Yusuke, es ist so schön dich zu sehen!" strahlte Yukina, als Yusuke auf sie zuging. Ihre Augen weiteten sich bei einem Gedankenblitz und sie beugte sich schnell herunter und schrieb Ich sehe Yusuke in leicht unförmigen Schriftzeichen. "Schau was Kazuma mir beibringt!"
"Hey, nicht schlecht! Wenn das so weiter geht schreibst du im Nullkommanichts besser als ich," grinste Yusuke und stütze die Hände stolz in die Hüften, während er den Kopf beugte um einen Blick auf die Zeichen zu werfen. Er drehte sich halb um und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen Kuwabara und Yukina auf seiner Linken und Keiko auf seiner Rechten auf. Er hob einen Arm und winkte Keiko, näher zu kommen. "Keiko, komm rein und lass mich dich vorstellen. Kuwabara kennst du schon. Er ist einer der Leute, die mit mir zusammenarbeiten. Und dieses Mädchen ist Yukina."
Yukina stand auf und verbeugte sich, als das andere Mädchen näher kam. "Es ist schön Sie kennenzulernen, Miss Keiko."
Keiko blinzelte und erwiderte die Geste höflich. Während sie sich noch verbeugte sagte Yusuke, "Als ich Anfang der Woche weg war, war das weil wir auf die Suche nach ihr geschickt worden sind." Keiko drehte den Kopf um Yusuke anzusehen, dann richtete sie sich auf, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen.
"Auf die Suche nach ihr?" fragte Keiko.
"Sie haben mich gerettet," erklärte Yukina. "Ich bin ihnen allen so dankbar – Yusuke und seinen Freunden, dass sie mich gerettet haben, Meisterin Genkai, dass sie mir ihr Haus geöffnet hat. Ohne ihre Hilfe wäre ich immer noch…" Yukina sah unglücklich aus und fing an, ihre Hand an den Mund zu heben, aber auf halber Strecke hielt sie ihr Handgelenk mit ihrer anderen Hand fest. Sie schloss die Augen und legte stattdessen beide Hände über ihr Herz und schüttelte den Kopf, um so diese beunruhigenden Gedanken zu verbannen. Dann öffnete sie die Augen und warf Keiko einen ernsten Blick zu. "Wegen ihnen bin ich in Sicherheit."
Keiko schaute zwischen den dreien hin und her. Yusuke zögerte und drehte sich vollständig zu ihr um.
"Das ist die Wahrheit, Keiko. Diese Geister-Detektiv Sache ist ein bisschen anders, und es ist gefährlich, aber es ist etwas, das ich tun muss. Nicht weil mich jemand dazu zwingt, sondern weil ich es tun muss. Ich muss fühlen, dass ich etwas Gutes tue." Das stimmte auch. Yusuke tat was Koenma ihm auftrug, aber er betrachtete es nicht länger als Bezahlung für seine Wiedererweckung. Er nahm weiterhin Befehle entgegen, weil ein Teil von ihm Gutes tun wollte und Koenma ihm Gelegenheiten dafür bot. "Dies ist jetzt ein Teil von dem, was ich bin und es ist mir wichtig. Also bitte versuch es zu verstehen."
Yusuke starrte Keiko eine weitere Minute an, sein Herz klopfte heftig in seiner Brust und seine Hände begannen zu schwitzen. Endlich wurde ihr ganzer Gesichtsausdruck weich. Yusuke fühlte, wie die komplette Spannung aus seinem Körper floss, obwohl seine Haut noch ein bisschen feucht war, als Keikos Fingerspitzen über seinen Handrücken strichen.
"Ich wünschte nur, du hättest einfach mit mir darüber geredet," sagte Keiko. "In letzter Zeit scheint es so, als wolltest du mir gar nichts mehr erzählen. Warum bist du so nervös?"
Rot fing an sich über Yusukes Nase auszubreiten, als er schnell von ihr löste. Er strich sich mit einer Hand durch das Haar und schaute zu Boden, zur Decke, überall hin außer zu ihr. "Nun, es ist nur so, dass du zuvor immer akzeptiert hast, was ich bin, und jetzt fühle ich mich so anders als früher und ich weiß nicht, ob du akzeptieren kannst was ich jetzt bin. Es ist schwer, so eine Veränderung durchzumachen, weißt du? Ich meine, was ist, wenn du nicht magst, was ich jetzt bin? Ich wollte das nicht riskieren, also wollte ich es dir nicht sagen. Ich weiß nicht! Ergibt was ich sage irgendeinen Sinn?"
"Nicht wirklich, Urameshi," sagte Kuwabara verschlagen.
"Halt die Klappe! Dich hat keiner gefragt!" knurrte Yusuke. Keiko und Yukina kicherten, als Yusuke Kuwabara in den Schwitzkasten nahm. Kuwabara brach aus und Yusuke fing an ihn zu jagen, und bald lachten auch die Jungen. In diesem Augenblick sahen sie nicht aus wie Leute mit Geheimnissen und Problemen und Unsicherheiten. Sie sahen einfach aus wie eine Gruppe von Freunden, die zusammen Spaß hatten und in dem reinen weißen Licht das durch die offene Tür schien spielten.
Eine japanische Nachtigall flog draußen an der Tür vorbei und landete auf einem freien Ast, der gerade anfing, Knospen auszubilden. Der kleine Vogel stieß ein langsames Pfeifen und dann ein schnelles Tschilpen aus. Sein Lied wurde bald von einem zweiten Vogel beantwortet, der aufgeregt herumhüpfte und herunter geflattert kam, um seinen Partner zu begrüßen.
Im Garten, halb hinter einer steinernen Laterne verborgen, beobachtete Hiei die Menschen mit einem skeptischen Gesichtsausdruck. Er lauschte dem Geplapper seiner Teamkameraden, das sich mit dem Zwitschern der Vögel vermischte. Normalerweise waren ihm die Geräusche des Frühlings egal, sie nervten ihn sogar. Aber er war im Moment in einer eigenartigen Verfassung und es schien gar nicht so schlimm zu sein. Ein winziger, unterdrückter Teil von ihm wollte sogar mitmachen. Allerdings wusste er, dass er nicht dazu passen würde. Seine Teamkameraden lächelten als hätten sie keine Sorgen oder Verantwortung. Selbst als Kind war Hiei nie so gewesen.
"Ah, Hiei! Da bist du!" sagte eine warme Stimme. Hiei blinzelte matt.
"Warum klingst du immer so, als wärst du froh mich zu sehen?" fragte er und machte sich nicht die Mühe, sich umzudrehen, als Kurama von hinten näher kam.
"Warum sollte ich nicht froh sein, dich zu sehen? Du bist ein ziemlich netter Anblick," sagte Kurama süß. Hiei schnaubte zur Antwort als er erkannte, dass der Fuchs wieder mit ihm spielte. Na ja. Er war nicht in Stimmung, zornig zu werden. Er war zu… melancholisch dafür. Während er weiterhin das Mädchen anstarrte, das er so lange Zeit für tot gehalten hatte, stellte Hiei überrascht fest, dass Kurama neben ihn getreten war, viel näher als gewöhnlich. Hiei sah den Fuchsyoukai aus den Augenwinkeln an, aber Kurama war auf die Szene im inneren des Tempels konzentriert. "Hmm! Yukina scheint sich hier richtig wohl zu fühlen, huh? Ich bin froh."
"Sie hat vergessen," sagte Hiei. "Es ist ihr zu viel passiert. Sie erinnert sich an nichts. Woher sie kam… wer sie ist…"
"Aber das bedeutet nicht, dass du ihr nicht sagen kannst, wer du bist. Es wäre gut für sie zu wissen, dass sie eine Familie hat. Du kannst neu anfangen, mit ihr neue Erinnerungen schaffen." Hiei schüttelte den Kopf und Kurama warf ihm einen besorgten Blick zu. "Bist du dir sicher?"
"Ja. Es ist gut so, wie es ist. Wenn ich ihr sage, dass ich ihr Bruder bin, würde sie sich nur verpflichtet fühlen, etwas für mich zu empfinden. Ich hätte es lieber, wenn sie darüber eine freie Entscheidung treffen kann. Außerdem ist sie sicher und glücklich. Was könnte ich mehr wollen?" Hiei hielt inne. "Eine Sache stört mich allerdings. Neulich nachts, als ich bei dir zu Hause war, habe ich das erste Mal seit Jahren von ihr geträumt. Und am nächsten Tag schickt Koenma mal eben Yusuke los, um sie zu retten. Ein ziemlicher Zufall." Kurama war still geworden und hatte dann angefangen, nervös zu Zucken, was Hieis Frage so ziemlich beantwortete, bevor er sie überhaupt gestellt hatte. "Aber es war gar kein Zufall, oder etwa doch?"
"Erm, nun…" Kurama beschäftigte seine Hände, indem er sie fest hinter seinem Rücken verschränkte. Er zappelte jetzt nicht mehr so offensichtlich, aber sein Gesicht hatte eine zarte rosige Färbung angenommen und sein Blick war fest auf den Boden vor ihm gerichtet. Hätte Hiei nicht gewusst, dass Kurama genauso welterfahren war wie er selbst, hätte er ihn für einen dieser menschlichen Teenager halten können. "Ich könnte gehört haben, wie du im Schlaf geredet hast."
"Eine schlechte Angewohnheit, die ich als Kind erworben habe," sagte Hiei einfach. Eher ein Ventil, das sein Unterbewusstsein entwickelt hatte, um mit den langen Tagen voller Stille fertig zu werden. "Und?"
"Und ich konnte es nicht mehr ertragen!" Kurama drehte sich vollständig zu ihm um, seine Augen leuchteten vor so viel Gefühl, dass Hieis erster Impuls war, in die entgegengesetzte Richtung fortzulaufen. "Hiei, ich fühle mich schlecht damit, wie die Dinge zwischen uns stehen. Ich weiß, dass ich daran Schuld bin – ein ganzes Jahr lang warst du nichts als freundlich zu mir, und ein ganzes Jahr lang habe ich dich belogen und dich für selbstverständlich genommen. Und jetzt hasst du mich. Ich weiß, dass ich das verdiene, aber ich ertrage den Gedanken nicht, dass die Dinge von jetzt an so zwischen uns sein sollen." Kurama biss sich auf die Lippe. "Ich wollte nur… Ich wollte dich glücklich machen. Als ich gehört habe, wie du nach Yukina gerufen hast, dachte ich, ich hätte einen Weg gefunden." Endlich neigte er sich in einer demütigen Verbeugung vor, die Youko Kurama um keinen Preis der Welt vor einem anderen Youkai vollführt hätte. "Es tut mir leid, Hiei. Bitte hasse mich nicht mehr. Vergib mir. Bitte…"
Hieis Gesicht blieb ausdruckslos. Kurama stand dort unbeholfen, die Hände an den Seiten, seine Finger krümmten und streckten sich. Ihm war furchtbar unbehaglich. Er hatte gerade in dieser kleinen Rede sein Herz ausgeschüttet und Hiei schien völlig unberührt zu sein. Das ließ sich Kurama wie ein Narr fühlen. Dennoch konnte er sich nicht zurückziehen, bis er Gewissheit hatte.
"Also… Also, vergibst du mir?" fragte Kurama und hielt den Kopf gesenkt.
"Idiot," sagte Hiei. Kurama spannte sich und schloss die Augen, als wäre er geschlagen worden. Also das war seine Antwort.
"Ich verstehe," sagte er, während er sich aufrichtete und versuchte so zu tun als wäre es ihm egal. "Ich—"
"Es wird spät," unterbrach ihn Hiei laut, drehte sich um und fing an, mit leicht in den Nacken gelegtem Kopf fortzugehen. Er hielt inne, so dass er nicht zu weit vorweg ging, stemmte beide Hände in die Hüften und sagte sehr betont, "Es wird kalt heute Nacht."
Kurama blinzelte und hob den Kopf, die Augenbrauen verzogen sich vor Verwirrung. Dann weiteten sich seine Augen und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er beeilte sich, Hiei einzuholen.
"Sag mal, Hiei, würdest du gerne vor dem Abendessen etwas unternehmen? Vielleicht einen Film ansehen?"
"Ich weiß nicht, was ein 'Film' ist."
"Wirklich nicht? Nun, das werden wir richtigstellen müssen, wenn wir nach Hause kommen."
Nach Hause… Hiei warf dem Rotschopf einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Kurama sah mit leuchtenden Augen und einem eifrigen Lächeln nach vorne. Er ging völlig in seinen Plänen auf. Hiei schnaubte leise bei sich. Dieser Ort, den du Zuhause nennst… Er unterscheidet sich von dem, was ich bisher kannte. Ein Ort, an den man nach all dem Schmerz zurückkehren kann, anstelle eines Ortes, der selber Schmerzen verursacht. Hiei konnte Gelächter aus dem Tempel hinter ihm hören. Als er an die Art dachte, in der Yusuke, Kuwabara und Keiko Yukina in ihrer Gruppe Willkommen geheißen hatten, wurde sein harter Gesichtsausdruck etwas weicher. Er ging etwas näher an Kurama heran, nur so dicht, dass er ihn mit dem Ellbogen anstoßen konnte. Nun… Wenn das die Art Zuhause ist, die du mir geben willst, kann ich glaube ich damit leben.
Die beiden Youkai gingen gemeinsam den Pfad entlang, Kuramas fröhliche Unterhaltung wurde begleitet von Hieis ruhigen Kommentaren und sogar ein paar zögerlichen Glucksern. Als sie unter den Ästen eines schützenden Baumes hindurch kamen, öffneten sich mehrere Knospen um die Wärme und das Licht um sie herum aufzusaugen. Es war eine Veränderung, die von der Welt im Großen und Ganzen nicht bemerkt wurde. Andererseits waren es nur die ersten Blüten des Frühlings. Wer konnte schon sagen, wie viele noch folgen würden?
Anmerkung:
(1) Shottogan-Attacke: Yusuke sammelt seine Energie statt in einer Fingerspitze in der gesamten Faust. Die Entladung besteht aus mehreren Projektilen, die schwächer als die Rei Gan sind, aber einen wesentlich größeren Bereich abdecken. Der Angriff ist nützlich gegen sehr schnelle, mehrere schwächere oder unsichtbare Gegner.
