Ein großes Dankeschön für die netten Reviews an:
FirstKiss (lach Ja, jetzt kann das Spiel beginnen Voldemort/Bella würde ich nie detailliert beschreiben. Wer würde das schon lesen wollen gg) und AmyBlack (Ich hoffe die Mail ist angekommen ;) )
Jetzt sind alle Archive auf dem gleichen Stand, deswegen wird ab jetzt ca alle 10 Tage ein Update kommen
Und jetzt viel Spaß mit:
Erinnere dich…
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Harry versuchte vergeblich, in Minervas Gesicht zu lesen, als sie Draco Malfoy abschätzend musterte. Sie hatte völlig ruhig auf Alastors Erklärung der Umstände reagiert – nur ein Straffen der Schultern hatte ihre Anspannung gezeigt. Nun lehnte Draco erschöpft an der Wand und hielt dem Blick der Professorin trotzig stand.
„Folgen Sie mir, Mr. Malfoy", sagte sie schließlich beherrscht. „Ich bin mir sicher, dass wir einiges zu bereden haben."
Mit gemischten Gefühlen sah Harry Draco hinterher, wie er McGonagall folgte, bis beide hinter einer Biegung verschwunden waren. Er fragte sich, wie er auf die Idee gekommen war, ausgerechnet Malfoy hierher zu bringen. Andererseits hatte Moody Recht gehabt; sie hätten ihn nicht dort zurücklassen können. Eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter und Harry sah zu Alastor auf.
„Alles in Ordnung, Potter? Du siehst ein wenig blass aus."
„Ja, alles klar", antwortete Harry selbstsicherer als er sich fühlte. „Ich werde noch ein wenig draußen spazieren gehen…"
In Alastors Augen glomm Mitleid und Sorge auf, als Harry sich schnell umdrehte und beinahe hinausrannte.
„War vielleicht ein bisschen viel für ihn", murmelte er.
Remus lachte bitter auf. Sein Gesicht wirkte seltsam verzerrt.
„Was du nicht sagst! Ich darf dich daran erinnern, dass ich dagegen war, ihn mitzunehmen!"
„Und du weißt genauso gut wie ich, dass es nötig war", entgegnete Moody ruhig. „Er wird darüber hinwegkommen."
„Natürlich!", höhnte Remus aufgebracht. „So wie er über alles hinwegkommt, was er bis jetzt durchmachen musste! Wusstest du, dass er kaum schläft? Nacht für Nacht treibt er sich draußen herum!"
„So wie du, Remus", unterbrach Alastor ihn sanft. „Trotzdem ist der Junge stark. Vielleicht stärker als wir alle."
Remus sah aus, als läge ihm schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge doch Tonks strich beruhigend über seinen Arm.
„Ihr solltet deswegen nicht streiten. Das macht doch keinen Sinn."
Sie lächelte Remus liebevoll an, doch ihr Blick wandelte sich in Schmerz, als er sich unwirsch losriss und ohne ein weiteres Wort hinaus eilte.
Mit geballten Fäusten stand sie da und versuchte, das Beben ihrer Lippen zu unterdrücken, ehe sie sich anschickte ihm zu folgen. Doch Alastor hielt sie fest und schüttelte stumm den Kopf. Mitgefühl lag in seinem Blick und etwas in Tonks zersprang.
„Ich verstehe ihn nicht!", flüsterte sie heiser. „Ich komme einfach nicht an ihn heran. Er kann kaum eine Berührung von mir ertragen…"
Schluchzend brach sie ab und floh in ihr Zimmer, das wie so viele Nächte davor kalt und einsam war.
Moody sah ihr mit hängenden Schultern hinterher, ehe er sich auf die Suche nach Remus machte.
Er fand ihn in der Nähe des Tores. An die bröckelige Außenmauer gelehnt betrachtete Remus den zunehmenden Mond. Der Wind zerrte an seiner zerschlissenen Robe – sein Gesicht war eine Maske der Qual.
„Du verletzt sie sehr mit deinem Verhalten, Remus", eröffnete Alastor ihm leise, als er nahe an ihn herantrat.
Remus senkte den Kopf, sodass die Haare seine Augen verdeckten. Seine Stimme zitterte aufgrund des Bemühens, seine Emotionen unter Kontrolle zu halten.
„Ich weiß. Aber ich kann nicht anders. Ich hatte sie gewarnt. Ich hatte ihr gesagt, dass ich nicht der richtige für sie bin."
„Du hast alles darauf geschoben, dass du ein Wehrwolf bist! Den wahren Grund hast du ihr nie gesagt!"
„Wie könnte ich es ihr sagen?" Remus Stimme brach fast. „Was glaubst du, wie sehr ich sie mit der Wahrheit verletzten würde?" Verzweifelt presste er seine Handballen gegen seine Augen. „Sie wäre enttäuscht – und was würden die anderen sagen? Niemand außer dir weiß davon."
„Immer noch besser als das, was sie jetzt durchmacht. Sie versteht die Welt nicht mehr, Remus. Das hat Tonks nicht verdient."
„Ich kann es nicht, Moody", murmelte Remus gedankenverloren. „Ich kann es ihr weder sagen, noch mich ihr öffnen. Es wäre wie… wie ein Betrug."
„Du könntest mit ihr glücklich sein, Remus. Man liebt nicht nur ein Mal im Leben…"
Freudlos lachte Remus auf.
„Ich werde niemals mehr glücklich sein. Egal mit wem!"
„Sirius ist tot, Remus!", rief Moody; sich darüber bewusst, dass er die alten Wunden brutal aufriss.
Der Werwolf sah auf. Ein Meer aus Verzweiflung ließ seinen Blick flackern.
„Glaubst du wirklich, dass das eine Rolle spielt?"
Harry hörte Moodys Antwort nicht mehr. Er kauerte hinter einem der unzähligen Kreuze und das Blut rauschte ihm in den Ohren. Wie erstarrt saß er auf dem Boden und versuchte, das Chaos in seinem Inneren zu ordnen. Er kam sich vor wie ein Dieb. Ein Dieb, der eine kostbare Erinnerung gestohlen hatte. Der unerlaubt in Gefilde vorgedrungen war, die für immer unerforscht hätten bleiben sollen.
Ein gemeines Flüstern ließ ihn ertappt zusammenzucken.
„Na, Potter, bist du jetzt etwa schockiert?"
Noch ehe Draco eine weitere Boshaftigkeiten von sich geben konnte, umklammerte Harry seine Kehle mit hartem Griff und hielt ihm den Mund zu.
„Klappe, Malfoy!", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sein Blick huschte zu Remus und Moody, die sich langsam auf das Kloster zubewegten. Als sie außer Hörweite waren, atmete Harry erleichtert aus und ließ Draco los.
„Angst beim Lauschen erwischt zu werden, Potter? Passt nicht so ganz zu deinem Heldenimage, hab ich Recht?", spottete Draco, während er sich über die gerötete Haut an seinem Hals rieb.
„Ich habe nicht gelauscht, Malfoy!", entgegnete Harry eingeschnappt und stand abrupt auf. „Was willst du eigentlich hier draußen?"
„Ich wollte mir nur die Umgebung meines neuen Gefängnisses ansehen."
Draco erhob sich ebenfalls und klopfte sich imaginären Staub von der Hose.
„Das hier ist kein Gefängnis!"
„Ach nein? Das hörte sich aber ganz anders an, als McGonagall sagte, dass ich dieses Grundstück nicht verlassen darf."
Harry erinnerte sich an seinen Fluchtversuch am Tag der Ankunft und zweifelte nicht daran, dass McGonagall Draco auf die gleiche Weise hier festhalten würde.
„Immerhin bist du hier nicht in einem stinkenden Loch an die Wand gekettet", räumte Harry ein.
Draco hob spottend eine Augenbraue.
„Nein, aber ich bin hier mit dir und deinen tollen Freunden eingesperrt. Als Todesser hat man an der für Liebe und Gerechtigkeit Front wohl nicht die besten Karten."
Harry lehnte sich mit verschränkten Armen an das Kreuz und musterte Draco abfällig.
„Du bist anscheinend wieder ganz der Alte, Malfoy. Warum hat denn dein Vater nicht eingegriffen und dich gerettet? Hatte er etwa Angst vor seinem Boss?"
„Glaubst du wirklich, er hätte mich dort gelassen, wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte?", fragte Draco scheinbar gelassen. Nur ein Muskelzucken seiner Wangen ließ die Wut erahnen, welche in seinem Innern tobte.
„So wie ich ihn einschätze: Ja. Er würde wohl alles tun, um seine Haut zu retten."
Dracos Faust traf zu schnell, als dass Harry hätte reagieren können. Die Wucht warf ihn zu Boden und eher verblüfft als wütend spuckte er ein wenig Blut aus, das sich in seinem Mund gesammelt hatte. Schwer atmend ragte Draco über ihm auf. Augen wie die sturmgepeitschte See blickten Harry verachtend an.
„Du weißt nichts über meinen Vater, Potter! Und deine verdammten Vermutungen kannst du für dich behalten!"
„Die Wahrheit tut wohl weh, Malfoy", brachte Harry hustend hervor wobei er sich aufrappelte. „War es die Enttäuschung darüber, dass du nicht in seine Fußstapfen als Mörder treten konntest? Immerhin hast du Dumbledore nicht getötet!"
Draco taumelte mit wächsernem Gesicht zurück. Sein Mund öffnete sich zu einer Frage, doch nur ein atemloses Krächzen kam über seine Lippen. Mit zornig funkelnden Augen ging Harry auf ihn zu.
„Schockiert, Malfoy?", höhnte er. „Ich war dabei! Auf dem Astronomieturm. Ich habe gesehen, wie deine Hände gezittert haben. Du hättest es niemals tun können! Hat er sich darüber lustig gemacht, dass du zu schwach warst? Hat dein Vater vielleicht mitgemacht bei der Folter, um seinen Leuten zu zeigen, was er von dir hält?", provozierte Harry Draco weiter.
Seine Finger griffen nach Dracos linkem Arm und enthüllten das Stigmata, das ihn als Anhänger des Dunklen Lords zeichnete. Wie erstarrt ließ Draco es geschehen und machte nicht einmal einen schwachen Versuch, sich zu wehren.
„Aber sicher war er stolz, als du dir das hier in die Haut hast brennen lassen!"
Erst jetzt reagierte Draco, indem er Harry wild von sich stieß. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, die wohl ein Grinsen darstellen sollte.
„Du solltest nicht von Dingen sprechen, von denen du keine Ahnung hast, Potter! Es war nicht mein Vater, der mich zu ihm brachte. Es war meine Tante! Mein Vater hat niemals von mir verlangt, dass ich so werde wie er!"
Harry blinzelte verwirrt und Draco brach in kaltes Gelächter aus.
„Hab ich grade etwa dein Weltbild von Gut und Böse zerstört, Potter? Ich wurde nicht von ihm gezwungen, mich dem Dunklen Lord anzuschließen! Ich tat es, weil es meine Pflicht war und damals empfand ich es als Ehre. Natürlich war es das nicht. Es war nur seine perfide Art, meinen Vater zu strafen!"
„Deine Pflicht!" Harry spuckte die Worte angewidert aus. „Wie arm bist du eigentlich, Malfoy, dass du nicht zwischen dem richtigen und dem falschen Weg unterscheiden kannst?"
Drückende Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Nur unterbrochen vom Rauschen des Windes und leisem Grillengesängen. Draco holte zitternd Luft, ehe er erklärte:
„Du hast keine Ahnung wie das ist, in meinen Kreisen aufzuwachsen, Potter. Du kennst nicht das Gefühl, ständig beobachtet zu werden. Auf jedes Wort achten zu müssen, das du sagst. Und als der Dunkle Lord seine Kraft wiedergewonnen hatte, wurde es schlimmer. Er hat seine Spione überall – vielleicht auch hier…" Ein berechnendes Leuchten schlich sich in Dracos Augen.
Harry lächelte grimmig.
„Mich würde es nicht wundern, wenn du sein Spion wärst!"
„Das würde so wunderbar passen, nicht wahr, Potter?", fragte Draco süffisant grinsend. „Vielleicht solltest du dich mal unter deinen eigenen Leuten umsehen. Spione sind einem oft näher, als man denkt."
„So wie Snape?", spuckte Harry hasserfüllt aus. „So etwas wird nie wieder passieren!"
„Du bist so naiv, Potter. Auch die so genannten Guten wollen nichts weiter als gewinnen."
„Du solltest meine Seite nicht mit deiner vergleichen."
„Im Grunde genommen gibt es keine Seiten in diesem Spiel. Nur der Sieg zählt", antwortete Draco und wandte sich ab. „Du bist auch nicht mehr als eine Figur auf diesem Schachbrett. Und sie würden dich ebenso opfern wie mich, wenn es dem großen Ganzen dient…"
Vor unterdrückter Wut zitternd, sah Harry Draco hinterher, bis dieser mit den Schatten der Nacht verschmolz. Er glaubte dem Slytherin kein Wort.
ooOoo
Severus Snape starrte gedankenverloren in die sterbenden Flammen des Kamins. Die Glut narrte seinen Verstand – gaukelte ihm haselnussbraune Augen vor, die ihn höhnisch musterten. Seine Hand krallte sich um das kleine Bündel Briefe, die in seinem Schoß lagen. Er konnte sich an diese Augen erinnern, als würden sie ihn tatsächlich ansehen.
Diese Augen…
Mal waren sie spöttisch. Dann wieder wütend und voller Hass. Atemberaubend dunkel vor Lust…
Beinahe glaubte er, diese heisere Stimme zu hören, die sich über Zeit und Raum hinwegsetzte und seinen Namen flüsterte.
„Severus… "
Zitternd atmete er einmal tief durch und schalt sich einen Narr, der einer Vergangenheit hinterher trauerte, die ihm nichts Gutes gebracht hatte. Dennoch: Er würde diese Zeit gegen nichts eintauschen wollen. Diese kurze magische Zeitspanne, die er hatte erleben dürfen… und die seine Seele zerrissen hatte.
Ein Klopfen riss Severus in die Wirklichkeit zurück und die wertvollen Briefe verschwanden blitzschnell in den Falten seiner dunklen Robe.
Lucius trat ein und sah sich milde interessiert in dem kärglich ausgestatteten Raum um.
„Wie ich hörte, kannst du nicht mehr in dein Haus zurück, Severus. Ich muss sagen, du hast dich verbessert."
„Ich ziehe klare Linien dem Prunk vor."
„Wie konnte ich das nur vergessen", entgegnete Lucius spottend, während er sich in den zweiten Sessel vor dem Kamin setzte. „Habe ich mich eigentlich schon dafür bedankt, dass du ein gutes Wort für mich eingelegt hast?"
Severus machte eine wegwerfende Handbewegung und reichte Lucius ein mit Wein gefülltes Glas.
„Du stellst keine Gefahr da. Der Dunkle Lord hätte dir früher oder später von allein die Freiheit geschenkt."
Lucius verschluckte sich an seinem Getränk. Die grauen Augen musterten Severus halb amüsiert halb wütend.
„Die Freiheit? Ich bin so frei wie ein Hund, dem man eine längere Kette zugestanden hat!"
„Du wärst also lieber wieder in den Kerkern?", fragte Severus lächelnd. „Wenn das so ist, kann ich das sicher arrangieren…"
„Versuche es", schlug Lucius bissig zurück. „Es ist schon lange her, dass der Lord einen Verräter hingerichtet hat. Vielleicht ist es an der Zeit, diese Erinnerung aufzufrischen."
„Ah, Lucius, anscheinend wirst du alt. Ich kann mich jedenfalls lebhaft daran erinnern; zumindest an die erste dieser Hinrichtungen, die ich erleben durfte. Aber du standest auch weiter weg als ich."
Bilder der Vergangenheit stiegen in Severus auf, als er Wein nachschenkte. Er war so jung gewesen. Und so unglaublich naiv.
Noch immer ließ ihn die Erinnerung an diese Nacht frösteln. Er war begierig den Todessern beigetreten – hatte stolz das Dunkle Mal empfangen. Hatte Severus doch gedacht, dass sie ihm helfen konnten, sich zu rächen. An einem Schlammblut, das sein Leben auf brutalste Art und Weise zerstört hatte. Sie hatte ihm alle Hoffnung genommen und dafür hatte er sie und ihresgleichen leiden lassen wollen.
Bis zu jener Nacht waren die Treffen der Todesser eher harmloser Natur gewesen. Es wurde geredet. Die Reinblütler priesen ihre Vorzüge und blickten verachtend auf Halbblutkreaturen, wie Severus es war, herab.
Doch diese Nacht war anders gewesen…
Schon als Severus auf der Waldlichtung erschien, war ihm die Atmosphäre wie elektrisch aufgeladen vorgekommen und weckte sein Misstrauen. Die Luft vibrierte beinahe vor gespannter Erwartung. Und vermummte Gestalten tuschelten aufgeregt miteinander. Immer wieder drangen Wortfetzen an sein Ohr gedrungen, die alle das gleiche Lied sangen: Verrat!
Als der Dunkle Lord in ihrer Mitte erschien, schlug die Stimmung plötzlich um. Es war totenstill auf der düsteren Lichtung geworden, die von den wenigen Fackeln nur dürftig beleuchtet wurde. Nur der Wind ließ seine traurige Sonate vernehmen. Die Äste der vom Laub befreiten Bäume zeigten wie knochige Finger anklagend in den Himmel, als sich alle Blicke Dem-der-nicht-genannt-werden-darf zuwandten.
Wie von einer fremden Macht gesteuert drängte Severus sich durch die gaffende Menge, um besser sehen zu können, was vor sich ging. Er schob sich an Crabbes breitem Rücken vorbei und erblickte einen am Boden kauernden Mann, den die bereits durchgemachte Folter schwer gezeichnet hatte.
Voldemorts Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern, als er sprach. Doch die Worte brannten sich tief in Severus' Geist ein.
„Du hast also versucht, unsere Gemeinschaft zu verlassen, Duncan. Und das, nachdem ich dich mit offenen Armen empfangen habe. Dein Verrat trifft mich schwer."
Der Mann namens Duncan streckte zitternd die Hände nach dem Lord aus.
„Verzeiht mein Vergehen, Herr. Ich war verwirrt – nicht recht bei Sinnen. Gebt mir eine Möglichkeit, Euch von meiner Loyalität zu überzeugen…"
Die gebrochene Stimme verklang, als die glühenden Augen unversöhnlich auf ihn nieder glühten. Er hatte erkannt, dass es keine Gnade für ihn geben würde.
„Ah, mein Duncan, wie ich sehe, hat die Züchtigung deinen Geist geklärt. Doch du musst mich verstehen…", Voldemort nahm sanft das blutverschmierte Gesicht in beide Hände und zwang Duncan, ihn anzusehen, „… dass ich deinen Verrat an mir nicht ungesühnt lassen kann. Wie schnell könnten andere dem Irrglauben erliegen, dass sie mir trotzen können…"
Duncans Körper begann unkontrolliert zu zittern, als Voldemort von ihm abließ und zwei Todessern bedeutete, näher zu kommen.
Severus' Hände waren klamm geworden, als er ihrer gewahr wurde. Die Oberkörper entblößt; die Münder unter den weißen Masken zu grotesken Grimassen verzogen, warteten sie auf das Zeichen ihres Meisters.
„So werdet Zeugen, welches Schicksal diejenigen erwartet, die sich gegen mich stellen", rief Voldemort zischend, ehe er seinen Henkersknechten erlaubte, ihr blutiges Werk zu beginnen.
Vergeblich hatte Severus versucht, die qualvollen Schreie auszublenden. Die Knochen des Mannes barsten mit einem ekelerregenden Geräusch, das Severus bittere Galle schmecken ließ.
Blutgier breitete sich in der Menge aus, die in Ekstase jeden Schlag und jeden Hieb triumphierend bejubelten.
Weder Vergnügen noch Befriedigung bewegten die roten geschlitzten Augen des Lords, der aufmerksam die Reaktion seiner Untertanen verfolgte. Nur kalte Berechnung und Gleichgültigkeit lagen in seinem Blick, der für einen Moment Severus fixierte.
Sein Körper fühlte sich eiskalt an, während seine Innereien zu kochen schienen. Alles, woran er denken konnte, war, dass er es durchstehen musste. Keine Schwäche zeigen durfte.
Nicht jetzt. Nicht in Zukunft. Niemals!
Als die erregten Schreie einem wilden Crescendo glichen und die Innereien des Mannes sich über den feuchten Waldboden verteilten, rebellierte Severus' Magen. Er wandte sich ab, um diesem Wahnsinn zu entfliehen. Vergessen waren seine Gedanken an Rache. Vergessen war sein Vorsatz, keine Schwäche zu zeigen. Das letzte, was er sah, ehe sich sein Inneres nach Außen stülpte, waren kalte graue Augen…
Eben jene Augen musterten ihn jetzt mit milder Ironie.
„Ich stand anscheinend nicht weit genug weg. Immerhin waren es meine Roben, über die du dich erbrochen hast."
„Oh ja, und du hättest mich am liebsten dafür umgebracht."
„Die Roben waren neu", erwiderte Lucius in einem Ton, als würde das alles erklären. „Aber ein Blick in dein fahles Gesicht sagte mir, dass die Mühe sich nicht lohnt. Wer hätte gedacht, dass dieses magere Kerlchen sich zu dem Severus Snape entwickeln würde, wie wir ihn heute kennen? Damals war ich mir sicher, dass du nach spätestens einem Monat in die Knie gehen würdest."
„Das wäre auch passiert, wenn du mir nicht geholfen hättest", erklärte Severus leise.
Lucius hob zweifelnd eine Augenbraue.
„Ich habe dir gezeigt, wie man sein Gewissen besiegt und möglichst kaltblütig tötet. Das ist nichts, wofür du mir dankbar sein solltest."
„Du hast mir einen Weg gezeigt, um in dieser Gruppe zu überleben, Lucius."
„Was das betrifft habe ich ganze Arbeit geleistet. Doch du hast dich zu einem Meister der Täuschung aufgeschwungen. Der Grad, auf dem du balancierst, ist schmal, Severus…"
„Es gibt dem Leben die gewisse Würze. Obwohl auch diese ständige Todesangst mit der Zeit ermüdend ist", erklärte Severus nonchalant lächelnd. „Wie ich hörte hat der Dunkle Lord dich ins Kreuzverhör genommen. Das sollte dir einen kurzen Einblick in mein Leben gewährt haben. Bellatrix lässt, was mich betrifft, nicht locker."
„Bellatrix arbeitet mit unlauteren Mitteln." Lucius fixierte Severus mit lauernden Augen. „Immerhin hat niemand sonst die Möglichkeit, ihm das süße Lied der Verschwörung zuzuflüstern, wenn er dermaßen abgelenkt ist…"
Severus spuckte hustend seinen Wein auf den kahlen Steinboden.
„Danke, aber auf diese Chance ihn zu manipulieren kann ich sehr gut verzichten!"
Ekel schüttelte ihn beim Gedanken daran, diese knochigen Klauen auf sich zu spüren.
Lucius grinste heimtückisch. „Du bist noch immer zu empfindlich, Severus. Zumindest sichert sie so ihre Position."
„Zu teuer erkauft, wenn du mich fragst. Ich verlasse mich lieber auf meine flinke Zunge."
„Sie doch auch, Severus…"
Lucius warf lachend den Kopf in den Nacken, als er Severus' entgeisterten Blick sah und hob beschwichtigend die Hände.
„Es war ein Scherz. Du brauchst mich nicht so empört anzusehen." Lucius' Miene wurde plötzlich ernst. „Wir bewegen uns beide auf einem mehr als schmalen Grad. Ich hoffe nur, du hast alles gut bedacht. Ich würde nur ungern in den Abgrund fallen."
Nachdenklich starrte Severus in die Glut des Kamins.
„Der Abgrund ist näher als du denkst, mein Freund. Immerhin liegt unsere Zukunft in den Händen eines Jungen, der seine Seele offen zur Schau stellt. Er kann seinen Geist nicht verschließen."
Lucius schauderte und stand abrupt auf.
„Wollen wir hoffen, dass er es noch rechtzeitig lernt."
Auch als die Tür sich hinter Lucius schloss blickte Severus nicht auf. Seine Augen blickten ins Leere, als er schließlich leise flüsterte:
„Ich denke nicht, dass er es lernt. Er ist seinem Vater zu ähnlich…"
ooOoo
Ron versuchte schon den ganzen Morgen, Harry über die vergangene Nacht auszuhorchen – ohne Erfolg. Harry schwieg sich beharrlich darüber aus, was er erlebt hatte und Hermine wollte Ron schon mahnend zum Schweigen bringen, als sie etwas erblickte, das sie erbleichen ließ. Schlagartig verstummten alle Gespräche, nur Ron redete noch.
„Komm schon, Harry. Das ist echt nicht fair, dass du mich hier so im Dunkeln sitzen lässt. Sag mal, Hermine, hast du einen Geist gesehen?", fragte Ron irritiert, als er Hermines aufgerissene Augen sah. Als sie nicht reagierte, folgte er ihrer Blickrichtung und ließ vor Schreck seine Tasse fallen.
„Scheiße! Entweder habe ich einen wirklich schlimmen Alptraum, oder die mischen hier was ins Essen! Da steht Malfoy!", keuchte Ron entsetzt.
Seufzend sah Harry auf und beobachtete, wie Draco mit hocherhobenem Haupt zu einem freien Tisch stolzierte und den starrenden Leuten naserümpfend den Rücken kehrte. An den übrigen Tischen setzte eifriges Getuschel ein. Vor allem die ehemaligen Hogwartsschüler konnten es kaum fassen, dass ausgerechnet Draco Malfoy sich im momentanen Hauptquartier des Ordens aufhielt.
„Mit dem Essen ist alles in Ordnung, Ron", murmelte Harry bedrückt. „Wir haben ihn gestern hierher gebracht."
Ron antwortete nicht. Er starrte Harry nur an und schnappte nach Luft.
„Vielleicht solltest du uns doch erzählen, was gestern geschehen ist, Harry."
Hermine sah beinahe so geschockt aus wie Ron, der noch immer kein Wort hervorbrachte.
Harry nickte und erzählte möglichst knapp, was sich in der vergangenen Nacht zugetragen hatte. Das Gespräch, welches er belauscht hatte, und den darauf folgenden Streit mit Draco verschwieg er allerdings. Seine Finger spielten nervös mit dem Besteck, als er auf die Reaktion seiner Freunde wartete. Hermine holte schon Luft, doch es war Ron, der als erster sprach.
„Helfersyndrom gut und schön", schnaubte er, „aber meinst du nicht, dass du übertreibst?"
„Du warst nicht da, Ron. Du hast keine Ahnung, wie es gewesen ist. Und du hättest ihn auch nicht dort gelassen", verteidigte Harry sich aufgebracht.
„Ihr hättet ihn den Auroren überlassen können. Oder ihn irgendwo aussetzen können."
„Ron! Malfoy ist doch kein Haustier, das man an einer Raststätte einfach zurücklässt", mischte Hermine sich ein. „Ich finde ihn ja auch schrecklich, aber das gibt uns nicht das Recht, so zu handeln wie Todesser."
Harry warf ihr einen dankbaren Blick zu und versuchte erneut, Ron die Situation zu erklären.
„Die Auroren hätten das Dunkle Mal gesehen und ihn postwendend nach Askaban geschickt. Außerdem kann er uns Insiderinformationen über die Todesser liefern."
Ron verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Miene drückte pure Frustration aus, als er bissig bemerkte:
„Vor allem kann er den Todessern Informationen über uns beschaffen! Der wartet doch nur darauf, uns alle ans Messer zu liefern!"
Harry betrachtete nachdenklich Dracos Rücken. Der Junge hielt sich kerzengrade. Ignorierte das Geflüster, in dem immer wieder sein Name fiel, und griff mechanisch zu seiner Tasse, um einen Schluck zu trinken.
„McGonagall hat ihm verboten, das Gelände zu verlassen", sagte Harry. „Er kann uns gar nicht verraten."
„Ach nein? Na, dann hoffe ich aber, dass sie ihm vergiftete Halsbänder und Weinflaschen ebenso verboten hat!"
Rons Gesicht war puterrot, als er zwischen Draco und Harry hin und her sah. Sein Minenspiel wechselte von wütend zu resigniert, als er missmutig seinen Toast zerkrümelte.
„Irgendwann wird dir dein gutes Herz mal das Genick brechen, Kumpel."
Harry zuckte nur grinsend die Schultern und verzichtete darauf zu erwähnen, dass Draco beinahe das Gleiche gesagt hatte. Ron wäre am Boden zerstört.
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Minerva sah zufrieden aus, als Harry es schaffte, seine Magie zu kontrollieren und das Glas nur zur Hälfte zu füllen.
„Das war sehr gut, Mr. Potter. Sie machen Fortschritte. Versuchen Sie es jetzt ungesagt."
Harry sah auf und biss sich nickend auf die Lippen. Er konzentrierte sich. Dachte die Worte – und es klappte tadellos. Selbstzufrieden sah Harry in das skeptische Gesicht Minervas und das Lächeln auf seinen Lippen erstarb.
„Habe ich irgendetwas nicht richtig gemacht, Professor?"
„Das nicht, Mr. Potter. Ich frage mich nur gerade, ob Sie diese Technik auch im Kampf anwenden können. Wenn Sie abgelenkt und bedroht sind."
„Das werde ich wohl früh genug herausfinden", entgegnete Harry bissig. Er hatte wenigstens ein kleines Lob erwartet.
„Dann kann es bereits zu spät sein, Mr. Potter. Ich habe mit Alastor gesprochen. Er ist bereit, Sie in dieser Disziplin zu unterrichten."
Harry nickte nur mit zusammengepressten Lippen. Wütend verschränkte er die Arme vor der Brust und ein wissendes Lächeln umspielte Minervas Mundwinkel.
„Sind Sie unzufrieden mit der Art und Weise, wie ich Sie ausbilde?"
„Ja. Nein. Ich meine…", stammelte Harry aufgebracht. „Ich meine, Sie tun so, als würde ich die Gefahr nicht kennen. Ich weiß, was mich erwartet. Ich weiß, was alle von mir wollen! Ich soll Voldemort umbringen! Und glauben Sie mir, ich werde es auch tun! Aber ein wenig mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten wäre angebracht."
Harrys Augen funkelten zornentbrannt hinter den Gläsern seiner Brille und Minerva unterdrückte ein Seufzen. Da war noch immer zuviel Wut in ihm. Zuviel Hass, der kaum noch zu kontrollieren war. Nachdenklich betrachtete sie den sechzehnjährigen Jungen, der ihrer aller Schicksal in Händen hielt.
„Sie erkennen die Gefahr anscheinend nicht", erwiderte Minerva nach einer kurzen Zeitspanne des Schweigens. „Und Sie erkennen nicht, was ich bezwecke. Ihre Aufgabe ist es, den Dunklen Lord zu töten. Meine ist es zu verhindern, dass Sie sterben. Das schaffe ich nicht, indem ich Ihre so genannten Fähigkeiten in den Himmel lobe. Und ich werde einen Teufel tun und Ihr Ego aufbauen! Hochmut kommt vor dem Fall, Mr. Potter, und Sie würden sehr tief fallen…"
Kochend vor Wut sprang Harry auf und starrte seine Lehrerin an.
„Hören Sie endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln!"
„Dann benehmen Sie sich nicht wie ein Kind!"
Minerva hatte die Worte ruhig ausgesprochen, doch es lag eine solche Schärfe in ihrer Stimme, dass Harry zusammenzuckte.
„Ich habe es satt, ständig mit Ihnen zu kämpfen. Sie vergeuden nur Zeit und Energie. Sie müssen lernen sich zu beherrschen, Mr. Potter."
„Ich habe mich im Griff!", rief Harry. Seine Finger umklammerten den Rand des Schreibtisches.
„So?" Minerva hob zweifelnd eine Augenbraue. „Füllen Sie zur Hälfte dieses Glas, Mr. Potter!"
Harry blinzelte und glaubte, sich verhört zu haben. Minerva deutete ungeduldig auf das Glas.
„Worauf warten Sie noch? Sie verschwenden meine Zeit!"
„Farcio Aquis", brüllte Harry beinahe blind vor lauter Zorn.
Eine Wasserfontäne schoss bis zur Decke, flutete den Schreibtisch und das Glas zerbrach unter der Wucht der so plötzlich freigesetzten Magie. Schwer atmend starrte Harry auf das von ihm angerichtete Chaos. Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren.
„Sehen Sie, was ich meine, Mr. Potter?", fragte Minerva sanft. „Sie können wütend sein. Sie dürfen hassen. Aber lassen Sie nicht zu, dass diese Gefühle Sie kontrollieren – es wäre Ihr Untergang."
Erschüttert und zu keiner Antwort fähig stand Harry da und sah auf den inzwischen nassen Boden. Seine Gedanken rasten. Die Wut war verraucht und nur ein bitterer Nachgeschmack war zurück geblieben. Minerva ließ ihm etwas Zeit sich zu fangen, ehe sie ihn erneut ansprach.
„Ich habe eine neue Aufgabe für Sie."
„Welche?", murmelte Harry ohne aufzublicken.
„Ich möchte, dass Sie in Zukunft Zeit mit Mr. Malfoy verbringen. Sorgen Sie dafür, dass er keinen Unsinn anstellt."
Harrys Augen weiteten sich ungläubig und sein Kopf flog hoch.
„Ich soll was?"
Minervas Lippen kräuselten sich leicht, als sie Harrys fassungsloses Gesicht sah.
„Es wird eine gute Übung für Sie sein, Ihre Emotionen ein wenig zu zügeln. Mr. Malfoy ist ein rotes Tuch für Sie und wenn ich mich recht erinnere, schaffte er es immer, Sie zu provozieren."
„Das… das kann doch nicht Ihr Ernst sein!"
„Natürlich ist das mein Ernst. Ich scherze in dieser Angelegenheit nicht", entgegnete Minerva spitz. „Sie können jetzt gehen, Mr. Potter."
Wie betäubt ging Harry auf die Tür zu, als Minerva ihn noch einmal ansprach.
„Ach, was ich noch sagen wollte, Mr. Potter…"
Harry drehte sich mit zusammengebissenen Zähnen herum und sah seine Lehrerin ausdruckslos an. Minerva McGonagall musterte ihn spöttisch und verbiss sich ein Lachen, als sie den Trotz in seinen Augen sah.
„Dies soll eine Übung sein, bei der Sie lernen, sich zu beherrschen. Wenn es nicht zu viele Umstände macht, wäre ich dankbar, wenn Mr. Malfoy am Ende der Woche noch lebt!"
Es verschaffte Harry eine gewisse Befriedigung, die Tür hinter sich mit voller Wucht zuzuschlagen.
Tbc…
