Wie immer ein großes Dankeschön an meine lieben Reviewschreiber:

AmyBlack: Danke, für dein fettes Lob freu Mhm, ich mag Voldy, und da ich ihn sonst immer OOC schreibe, freut es mich natürlich, dass dir der böse Voldy gefällt lach

FirstKiss: Das meiste hatte ich ja schon in der Mail gesagt: Allerdings hattest du mal gefragt, wessen Augen Snape verwirren… nun, ich denke, dieses Kapitel gibt Aufschluss darüber

Lealau: Danke für dein Lob Darüber freue ich mich wirklich sehr. Draco ist übrigens kein Spion im klassischen Sinne; diesen Job beansprucht jemand anderes Aber mehr verrate ich nicht °gemein ist°

Zissy: gg Nein, ich habe nicht alle Kapitel auf einmal hochgeladen Und warm so wenige kommentieren weiß ich nicht – laut Statistik wird die Story aber wenigstens gelesen

Oh, Draco wird nicht so schnell durchblicken lassen, was er so vorhat – soll ja spannend bleiben gg

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Erkenntnisse

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Undeutliche Schatten, die ihn heimsuchten. Die tiefe Wunden schlugen. Blut, das sich wie ein Strom über die feuchte dunkle Erde ergoss. Blut, das silberne Klauen benetzte.

Harry schlug die Augen auf und presste eine Hand vor seinen weit geöffneten Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der sich Bahn brechen wollte. Nach einigen Augenblicken hatte er sich soweit gefasst, dass er in die Kissen zurücksinken konnte. Noch immer ging sein Atem schnell und stoßweise; seine zitternden Finger fühlten klebrigen Schweiß auf der Stirn.

Mit offenen Augen lag er in der undurchdringlichen Dunkelheit und lauschte Rons tiefen Atemzügen. Neid breitete sich in ihm aus. Er war neidisch auf Rons ungestörten Schlaf. Darauf, dass sein Freund nicht diese Alpträumen erdulden musste.

Harry schlüpfte lautlos aus dem Zimmer. Seine nackten Füße machten kaum ein Geräusch auf dem kühlen Steinboden, als er sich zum Brunnen schlich. Der Mond stand als Halbkugel am wolkenlosen Himmel, sein kaltes, unwirkliches Licht verströmend. Harrys Schritte gerieten ins stocken, als er eine dunkel gekleidete Gestalt auf dem Brunnenrand sitzen sah. Seinem Brunnen!

Draco blickte auf und strich sich ungeduldig einige Strähnen hinters Ohr, die der leichte Wind immer wieder in seine Stirn blies.

„Was willst du an meinem Platz!", fuhr Harry ihn aufgebracht an, und bereute seinen kindlichen Trotz sofort, als er das spöttische Aufblitzen in den grauen Augen sah.

„Ich muss die Reservierungskarte wohl übersehen haben. Wer kann denn auch ahnen, dass Sankt Potter hier mitten in der Nacht aufkreuzt?"

Draco baumelte entspannt mit den Beinen und lehnte sich an einem der Holzpfosten des Brunnens. Die rostige Kette des Eimers quietschte leise.

Innerlich seufzend verwarf Harry den Gedanken, seinen Lieblingsplatz auch in dieser Nacht für sich allein zu haben, und setzte sich ebenfalls auf den schmalen Steinrand – in gebührendem Abstand natürlich. Er hätte auch einfach gehen können, doch Harry glaubte, dass er Draco noch eine Antwort schuldig war. Er wusste nur noch nicht, welche.

„Was machst du hier eigentlich, so ‚mitten in der Nacht'?", fragte Harry schließlich, nur um überhaupt etwas zu sagen. Die Situation behagte ihm nicht so ganz – Malfoy war zu friedlich.

„Ich konnte nicht schlafen. Und ich vermute einfach mal, dass du aus dem gleichen Grund hier bist."

Harry brummte nur nichtssagend. Er würde Malfoy sicher nicht auf die Nase binden, dass er jede Nacht von Albträumen heimgesucht wurde.

„Was ist eigentlich mit deiner kleinen Freundin? Ihr klebt ja gar nicht mehr aneinander wie auf Hogwarts. Ärger im Paradies?", fragte Draco lauernd.

Harry atmete die würzige Nachtluft ein, um sich zu beruhigen. Er würde sich nicht provozieren lassen.

„Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht."

Dracos Augen verengten sich und seine Lippen verzogen sich zu einem boshaften Lächeln.

„Lass mich raten: Du hast dich von ihr getrennt. Hast du Angst um sie, Potter? War das der Grund? Und das, nachdem die ganze Schule von euch wusste? Ist dir wirklich früh eingefallen…"

Wieder nahm Harry tiefe Atemzüge. Einmal. Zweimal. Dreimal.

„Ich werde das nicht mit dir diskutieren."

„Zu schade. Liege ich denn richtig, dass die Kleine jetzt wieder zu haben ist?"

Harry war Augenblicklich von null auf hundert. Sein Vorsatz sich zu beherrschen war vergessen.

„Wage dich auch nur in ihre Nähe, Malfoy!"

Harry konnte sich nicht entsinnen, wann er aufgesprungen war. Er wusste nicht, wann seine Hände sich in Dracos Hemdkragen gekrallt hatten. Er war Draco so nahe, dass er, trotz der schwachen Lichtverhältnisse, die dunklen Sprenkel in dessen Augen erkennen konnte. Er würde ihn in den Brunnen hinab stoßen. Er würde ihm dieses süffisante Grinsen aus dem Gesicht schlagen und…

„Keine Sorge, Potter. Ich bin nicht im Geringsten an ihr interessiert."

Harrys Finger verkrampften sich, begannen zu zittern. Dracos Augen waren so kalt wie eh und je – doch irgendetwas in seiner Stimme ließ Harry aufhorchen. Sein Mund fühlte sich an, als wäre ein Zahnarzt ein wenig zu enthusiastisch mit Betäubungsmittel zu Werke gegangen.

Noch immer krallte er sich an Draco fest. Noch immer saß Draco auf dem Brunnenrand und starrte ihn an.

Harry öffnete den Mund und schloss ihn wieder, ohne dass ein Laut über seine Lippen kam. Langsam löste Draco Harrys Finger von seinem Kragen. Jeden einzelnen. Nacheinander. Und seine Hände waren im Gegensatz zu seinen Augen warm.

Harrys Blick blieb an dem Brunnenschacht hängen, in dessen bedrohliche Dunkelheit er den Anderen hatte stoßen wollen. Er erschrak vor sich selbst und stolperte einige Schritte rückwärts. Seine Augen fixierten noch immer Draco, der den Blick scheinbar gelassen erwiderte. Eine Wolke schob sich vor den Mond und ließ das beinahe raubtierhafte Lächeln im Schatten verschwinden.

„Was für ein Spiel ist das, Malfoy?"

Draco zuckte mit den Schultern, lächelte undurchschaubar und wechselte abrupt das Thema.

„Ich hoffe doch, ihr habt euch was für den Werwolf einfallen lassen. Auf eine Begegnung mit ihm bei Vollmond kann ich verzichten. Wäre wohl nicht so romantisch, wie es klingt."

Harry ballte wütend die Fäuste, aber er zwang sich dazu, die Ruhe zu bewahren. Er setzte sich wieder auf den Rand, diesmal mit noch mehr Abstand zu Draco, als vorher.

„Wir haben uns etwas einfallen lassen", zischte Harry und Dracos Augenbraue hob sich.

Wir? Seit wann bist du ein Ordensmitglied?"

„Seit deine Leute Hogwarts angriffen haben! Einfach so, ohne Grund!"

„Es ist nicht grundlos geschehen – schließlich warst du dort. Außerdem war der Zeitpunkt gut gewählt. Wer hätte am Tag von Dumbledores Begräbnis auch mit einem Angriff gerechnet?"

Unfähig die schrecklichen Bilder zu verdrängen, die wieder in seinem Verstand Gestalt annahmen, saß Harry neben Draco in der Dunkelheit. Die bröckeligen Steine des Brunnens drückten schmerzhaft gegen seine Handflächen, die er fest auf den Untergrund neben sich presste.

„Niemand hat damit gerechnet", antwortete Harry leise. Eine unangenehme Gänsehaut ließ ihn erschauern, als er an all diejenigen dachte, die nicht schnell genug gewesen waren. Die nicht hatten entkommen können.

„Schlechtes Gewissen, Potter?", fragte Draco seidenweich. „Weil du es mal wieder geschafft hast, lebend davon zu kommen…"

„Nein", erwiderte Harry ehrlich. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil diese Menschen meinetwegen gestorben sind. Weil Voldemort meinetwegen die Schule angegriffen hat. Und weil ich noch nicht in der Lage bin, effektiv gegen ihn zu kämpfen."

Harry war über seine eigenen Worte verblüfft. Er wusste nicht genau, warum er Draco dies erzählte. Allein die Tatsache, dass sie hier nebeneinander saßen und sich noch nicht mit allen Flüchen belegt hatten, die sie kannten, war surreal. Er glaubte, sich getäuscht zu haben, als kurz so etwas wie Anerkennung in Dracos Blick aufflackerte. Und er war sich sicher, dass er sich getäuscht hatte, als er Dracos nächste Worte hörte:

„Typisch Gryffindor. Du bedauerst es, dass du ihn nicht bekämpfen kannst! Hast du schon bedacht, dass du es nicht fertig bringen könntest, ihn zu töten? Was tust du, Potter, wenn du vor ihm stehst? Schleuderst du ihm ganz lässig einen Avada Kedavra entgegen oder wirst du versagen?"

Dracos Stimme klang hart und verachtend und Harry hatte das undeutliche Gefühl, dass er eigentlich gar nicht gemeint war. Draco sprach über sich selbst – über sein eigenes Versagen.

„So wie du?", fragte Harry sanft und betrachtete aufmerksam das blasse spitze Gesicht Dracos, das noch ein wenig mehr an Farbe verlor.

„Du hast keine Vorstellung davon, wie es ist, jemanden zu töten!", würgte Draco zitternd hervor.

„Du hast Recht", gab Harry zu. „Ich weiß nicht, wie es ist. Aber es ist in meinem Fall anders als in deinem."

„Ach ja? Und warum?"

„Du hast Dumbledore nicht gehasst."

Draco sah Harry abschätzend an und glitt von der Umrandung. Lautlos landete er im hohen, würzig duftenden Gras.

„Ich wusste gar nicht, dass du zu so einem Gefühl fähig bist, Potter. Kann ein Vorzeige-Gryffindor, wie du einer bist, wirklich in der Lage sein zu hassen?"

Starr und ohne zu blinzeln erwiderte Harry Dracos kühlen Blick.

„Du hast ja keine Ahnung, Malfoy", flüsterte er. „Du hast keine Ahnung, wie sehr ich hassen kann."

„Ist es ein gutes Gefühl, Potter?" Lauernd wie ein wildes Tier trat Draco näher und beugte sich ein wenig vor. „Du klammerst dich an diesen Hass, um nicht verrückt zu werden vor Angst, oder?"

Harrys Atem stockte, und das Herz stolperte einige Male in seiner Brust, ehe es anfing zu flattern, wie ein eingesperrter Vogel – er war nicht fähig seinen Blick abzuwenden.

„Ja…"

Nur ein Hauch in der nächtlichen Stille – so laut wie ein Schrei.

Dracos Stimme an seinem Ohr – warmer Atem an seiner Wange.

„Dieser Hass wird dich mit in die Tiefe reißen, wenn du dich noch länger daran klammerst, Potter…"

Dracos Schritte waren schon lange verklungen. Der Mond warf sein verblassendes Licht über die Hügel Irlands, die eine Freiheit versprachen, welche Harry niemals vergönnt gewesen war – und noch immer bewegte Harry sich nicht. Noch immer spiegelten sich Dracos Augen in seinem Geist wieder. Harry war sich nicht sicher, was er in ihnen erkannt zu haben glaubte. Und er war sich nicht sicher, ob er es wissen wollte.

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Bellatrix wusste nicht mehr, wie oft sie das Wasser schon gewechselt hatte. Stoisch wartete sie darauf, dass die großzügig geschnittene Badewanne sich erneut füllte, ehe sie hinein stieg und ihren Körper mit einem rauen Schwamm bearbeitete. Die helle Haut wies rote Striemen auf, die nicht nur von dem groben Material des Schwammes stammten. Ein sich wiederholendes Ritual. Der Zwang, die Berührungen abzuwaschen. Bellatrix hatte noch immer das Gefühl, dass Schmutz an ihrem Leib haftete wie Teer. Sie glaubte noch immer, diese dürren Finger zu spüren…

Schaudernd verdrängte sie jede Erinnerung an ihn. Ihre Gedanken schweiften in angenehmere Gefilde ab, als sie sich an die letzte Nachricht erinnerte, die sie von ihrer Kreatur überbracht bekommen hatte. Draco war im Unterschlupf des Ordens untergebracht worden, und der Dunkle Lord war mehr als zufrieden gewesen. Doch Bellatrix traute Draco ebenso wenig wie Lucius oder Snape – sie verließ sich lieber auf ihren Untergeben und die Macht, die sie über ihn hatte.

Macht…

Darauf lief alles hinaus. Sie zu haben – sie zu benutzen, um andere zu manipulieren – das war es, wonach sie strebte.

Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte Bellatrix sich zurück, und begann das warme Wasser, das sie umgab, zu genießen. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn geködert hatte, wie lächerlich einfach es gewesen war, ihn zum Verräter zu machen…

Die heruntergekommene Schänke in den Slums von London war so gut wie verlassen. Einige verlorene Existenzen hatten sich an diesem schmutzigen Ort versammelt – allesamt Muggel, wie Bellatrix angewidert feststellte. Dennoch hatte sie diesen Ort ausgewählt. Er versprach die Sicherheit, dass sie ihre Geschäfte unentdeckt abwickeln konnte. Sie spürte sehr wohl die begehrlichen Blicke, die ihr folgten – und sie genoss das Wissen, dass sie diese armseligen Kreaturen binnen eines Wimpernschlages töten konnte.

In einer schattigen Ecke entdeckte sie ihren Geschäftspartner und steuerte hoch erhobenen Hauptes auf ihn zu. Ihre schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als sie die fahrigen Bewegungen bemerkte, mit denen er sein Bierglas hin und her drehte.

Es freut mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind", hauchte Bellatrix, als sie dicht hinter ihm stand.

Wie vom Blitz getroffen sprang er auf, starrte sie mit großen Augen an, und Bellatrix sonnte sich in seiner Angst.

Madam…"

Zu mehr war der Mann anscheinend nicht fähig. Nervös huschten die kleinen Augen durch den Raum, als Bellatrix sich setzte, die Bedienung mit herrischer Geste an den Tisch befehlend.

Bier", verlangte sie kurz angebunden. „In einem sauberen Glas!"

Die Kellnerin verzog ihr müdes Gesicht zu einem Grinsen und brachte das Gewünschte. Bellatrix betrachtete angewidert den Schmutzrand, der sich schmierig am Glas ausmachte. Sie schob es gedankenlos beiseite.

Der Mann, der ihr gegenübersaß, hatte noch kein einziges Wort gesagt, weswegen Bellatrix sich genötigt sah, das Gespräch noch einmal zu beginnen.

Wie gesagt, ich freue mich, Sie hier zu sehen."

Madam, was wollen Sie von mir?" Die Stimme zitterte im Gleichklang seines Körpers, und Bellatrix weidete sich an diesem Anblick.

Sie wissen, wem ich diene, nicht wahr?" Bellatrix sah ihrem Opfer tief in die Augen und verlieh ihrer Stimme einen rauchigen Klang, als der Mann schwer schluckend nickte.

Ja…"

Mein Herr hat eine Aufgabe für Sie. Und er ist bereit, Sie fürstlicher zu entlohnen, als Sie es sich in Ihren kühnsten Träumen ausmalen könnten."

Die Augen des Mannes weiteten sich und Gier leuchtete in ihnen auf.

Was wird er mir geben?"

Macht", hauchte Bellatrix, während ihre schmalen, gepflegten Finger über den Ärmel des abgetragenen Mantels glitten, den der Mann trug. „Und Rache…"

Welche Art von Macht?"

Anscheinend wollte er sichergehen. Bellatrix amüsierte sich über diesen Geschäftssinn, den er trotz seiner Angst an den Tag legte.

Die Art, die Ihr euch schon immer gewünscht habt…"

Hektisch schüttete der Mann das restliche Bier seine Kehle hinunter.

Was muss ich dafür tun?", fragte er heiser.

Bellatrix hätte am liebsten laut gelacht. Er hatte angebissen, noch ehe sie ihren eigentlichen Trumpf ausspielen musste: Sich selbst.

Mein Herr wünscht sich Informationen."

Mehr nicht?"

Nein, mehr nicht. Noch nicht…"

Augenscheinlich genügte ihm dies als Antwort. Seine Hände krallten sich um sein Glas. Bellatrix bemerkte die dunklen Ränder unter den gelblichen Nägeln.

Wie kann ich mit Ihnen in Kontakt treten? Wie kann ich Sie finden?"

Oh, ich werde Sie finden", schnurrte Bellatrix, und ihre Finger strichen spielerisch über die von Bartstoppeln bewachsene Wange. „Und ich werde Ihnen eine Möglichkeit bieten, jederzeit mit mir zu kommunizieren."

Wie?", sichtlich angestrengt kamen ihm die Worte über die rissigen Lippen. Bellatrix lächelte in sich hinein; sie wusste um ihre Wirkung.

Das erfahren Sie, wenn es soweit ist. Und jetzt gehen Sie! Ich habe noch etwas zu erledigen."

Ihr Ton duldete keinerlei Widerspruch; der Mann verabschiedete sich hastig. Er verließ die Schänke, als wäre er auf der Flucht – und vielleicht war er das auch. Auf der Flucht vor sich selbst.

Bellatrix sah sich gelangweilt um, nach ihrem Zauberstab greifend. Sie hatte das schmutzige Glas ebenso wenig vergessen wie die schmierigen Blicke.

Wäre in diesem Moment jemand am Fenster vorbeigegangen, hätte er sich vielleicht über das grüne Licht gewundert, das in kurzen Abständen aufflackerte. Doch es kam niemand – und die Besucher der Schänke hauchten unbeachtet ihr Leben aus…

Noch ganz in der Erinnerung gefangen, wechselte Bellatrix das Wasser erneut. Seine Berührungen ließen sich nicht so einfach abspülen wie die lüsternen Blicke von heruntergekommenen Muggeln…

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Minervas Schritte hallten laut auf dem Steinboden wieder, bis ihr etwas ins Auge stach, das sie innehalten ließ.

Draco wurde fast vollständig vom wild wachsenden Efeu verdeckt. Er saß auf der niedrigen Mauer, die den Kreuzgang einschloss, und beobachtete Harry, der mit Remus Lupin sprach.

Er spannte sich unwillkürlich an, als Minervas Schatten lautlos neben ihm auftauchte. Purer Überdruss spiegelte sich in seinen Augen, als Minerva ihn über dir Gläser ihrer Brille hinweg musterte.

„Sie scheinen sich zu langweilen. Dem werden wir abhelfen. Folgen Sie mir, Mr. Malfoy."

Innerlich seufzend rutschte Draco von der Mauer. Er folgte der Lehrerin durch die Gänge, bis sie das Herzstück des Klosters erreicht hatten. Er hatte mit einer weiteren Predigt gerechnet. Mit Fragen. Allem – aber nicht mit dem, was dann geschah.

Minerva drückte eine Tür auf und bedeutete Draco ungeduldig einzutreten. Der Raum war dunstverhangen. Der Geruch nach gekochtem Gemüse hing in der Luft, vermische sich mit dem nach gebratenem Fleisch.

Ginny ließ vor Schreck das Messer fallen, mit dem sie Kartoffeln schälte. Wortlos sah sie zu, wie Minerva gefolgt von Draco die Küche durchquerte, und vor einer überraschten Molly Halt machte.

„Mr. Malfoy hat sich freundlicherweise bereit erklärt, in der Küche zu helfen", verkündete Minerva lächelnd. „Du wirst sicher etwas finden, das seinen Talenten entspricht."

Draco schnappte entsetzt nach Luft. Er hatte sich bestimmt verhört. Er musste sich verhört haben!

Molly wischte sich die feuchten Hände an der geblümten Schürze ab und nickte verblüfft.

„Sicher. Er kann zusammen mit Ginny die Kartoffeln schälen", erklärte sie schmunzelnd.

Minerva lächelte zufrieden, warf Draco noch einen letzten spöttischen Blick zu, und verließ mit schnellen Schritten den Raum.

Geschockt blickte er ihr hinterher, bis sich die Tür knirschend schloss. Dann erinnerte er sich daran, dass er nicht allein war. Draco setzte eine selbstsichere Miene auf und betrachtete aus den Augenwinkeln die monströsen Töpfe. Er argwöhnte, dass einer dieser Töpfe mit Kartoffeln gefüllt werden sollte. Handgeschält. Von ihm…

Kartoffeln!

Ganz sicher nicht! Er würde sich ganz elegant aus der der Affäre ziehen und…

Molly drückte Draco ohne viele Worte ein Schälmesser in die Hand, und schob ihn neben Ginny auf die hölzerne Bank.

„Der Sack steht neben dir", verkündete Molly gezwungen fröhlich, ehe sie sich wieder dem Herd zuwandte.

Ginny grinste schadenfroh, dabei warf sie Draco eine schmutzigbraune Knolle zu.

„Dann fang mal an!"

Einen Augenblick lang zögerte Draco noch, ehe er sich widerwillig an die Arbeit machte. Das hier war auch nicht schwerer, als Zaubertrankzutaten zubereiten – dementsprechend geschickt stellte Draco sich an. Er hatte nicht umsonst Spitzennoten in diesem Fach. Und das lag nicht daran, dass er angeblich Snapes kleiner Liebling war!

Ginny verbarg ihre Enttäuschung darüber, dass Draco sich nicht sämtliche Finger absäbelte, hinter einem betont gleichgültigen Schulterzucken.

„Du scheinst Übung zu haben…"

„Sicher nicht soviel wie du. Immerhin kann sich meine Familie Hauselfen halten. Deine hat ja für so eine Drecksarbeit genug Kinder in die Welt gesetzt", entgegnete Draco, ohne sich die Mühe zu machen aufzublicken.

Ginny knirschte wütend mit den Zähnen, mühsam ihr Temperament bezwingend.

„Im Moment nützt euch euer verdammtes Geld gar nichts!"

„Aber es ist beruhigend zu wissen, dass man es hat. Bist du eigentlich deshalb so scharf auf Potter? Weil er reich ist?"

Die Klinge glitt Ginny aus den Händen. Ihre Wangen glühten vor Wut, als sie unter den Tisch tauchte, um das Messer aufzuheben. Ohne zu antworten schälte sie weiter die braune Haut von der Kartoffel.

Draco grinste – er wusste, er hatte einen wunden Punkt getroffen.

„War bestimmt nicht leicht für dich, als er Schluss gemacht hat, oder? Aber ich bin mir sicher, Potter hat dich nett abserviert."

Diesmal richtete das Messer mehr Schaden an. Ginny Hand zitterte, als sie sich den verletzten Finger in den Mund steckte und das salzige Blut schmeckte. Enttäuschung breitete sich in ihr aus wie Gift. Harry hatte mit Malfoy über sie gesprochen. Ausgerechnet mit ihm!

„Er hat mich nicht abserviert!" Ginnys hatte Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Vor allem, als sie dieses widerlich wissende Grinsen auf Dracos Lippen sah.

„Das hörte sich letzte Nacht aber ganz anders an", entgegnete Draco, warf die letzte Kartoffel in die bereitstehende Schüssel und verließ die Küche.

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Lucius war mehr als beunruhigt zu Snape geeilt, nachdem Narzissa ihm von ihrem Gespräch mit dem Dunklen Lord berichtet hatte. Er wartete nicht ab, ob auf sein Klopfen geantwortet wurde, sondern stürmte gleich in die Räumlichkeiten seines Freundes. Sie waren verlassen.

Anscheinend hatte Severus es eilig gehabt. Eine noch dampfende Teetasse stand auf dem antiken Beistelltisch in der Nähe des Kamins. Pergamentrollen türmten sich auf dem Sessel, der daneben stand. Interessiert nahm Lucius eine davon zur Hand – komplizierte Formeln und Zutatenlisten. Nichts von Bedeutung. Er beschloss trotz seiner Ungeduld auf Severus zu warten, und setzte sich in einen der Sessel. Das Gebräu in der Tasse entpuppte sich als würziger Schwarztee. Chinesischer, wenn Lucius seinem Gaumen Glauben schenken wollte.

Sein Blick glitt immer wieder nervös zur Tür, in der Hoffnung, dass Severus bald zurückkehren würde. Lucius braucht seinen Rat. Dringend.

Unter seinem Fuß raschelte es leise und Lucius hob ein brüchiges Stück Pergament auf. Es sah alt aus – und die Botschaft war eine andere, als die der restlichen Schriften. Eine ganz andere.

11. Januar 1980

Severus,

Ich sollte dies nicht schreiben. Und ein Teil von mir will es auch nicht. Aber ein anderer Teil meines Selbst verlangt nach dir. Ich weiß, dass wir uns nicht sehen sollten. Ich weiß, dass es nicht richtig ist. Es ist Betrug. Das war es immer. An meinen Freunden. Meiner Frau. Meinem ungeborenen Kind. Dennoch, ich kann mich dir nicht entziehen. Diese Zerrissenheit bringt mich um den Verstand. Ebenso wie du. Wie alles, was mit dir zusammenhängt…

Ich werde in zwei Tagen an der alten Eiche auf dich warten und hoffen, dass du kommst.

James

„Hast du gefunden, was du gesucht hast?"

Lucius sah auf, direkt in das bleiche Gesicht von Severus. Die dunklen Augen blickten kalt auf ihn herab; die schmalen Lippen waren nur noch zu erahnen, so fest wurden sie zusammengepresst.

Lucius schüttelte den Kopf und reichte Severus den Brief, der auf das verblichene Schriftstück starrte, als sähe er es zum ersten Mal.

„Ich bin nicht gekommen, um in deinem Privatleben zu schnüffeln. Es war Zufall und es tut mir Leid."

Misstrauen schlich sich in Severus' Augen, vertrieb den Zorn fast vollständig daraus. Bebende Fingerspitzen ließen das Papier in einer verborgen Tasche seiner Roben verschwinden. Es kostete Severus sichtlich Mühe, seine Fassung wiederzugewinnen.

„Warum bist du hier?"

„Der Dunkle Lord hat Narzissa mehr oder weniger deutlich gemacht, dass er mir immer noch nicht traut. Und er hat ihr gedroht, dass sie es sein wird, die bezahlen muss, sollte ich mich als nicht loyal erweisen."

„Warum sollte er so etwas andeuten?"

„Woher soll ich das wissen?" Lucius ließ seine Selbstbeherrschung fahren und sprang auf. Unruhig im Zimmer auf und ab laufend, sprach er weiter:

„Er sagte etwas davon, dass er, falls ich mich als Verräter erweisen sollte, anders entscheiden würde. Narzissa hatte vorher eine Auseinandersetzung mit der Ratte. Er wird mich testen, Severus, und es macht mich verrückt, nicht zu wissen, wie dieser Test aussehen könnte!"

Äußerlich noch immer vollkommen ruhig, lehnte Severus am kalten Kamin, und beobachtete seinen aufgebrachten Freund.

„Er testet uns ständig. Vielleicht ist auch diese Andeutung nur eine Prüfung", entgegnete Severus gelassen. „Er will sehen, wie du darauf reagierst. Du wirst eben noch vorsichtiger sein müssen als bisher."

„Einen besseren Ratschlag hast du nicht?" Lucius' Stimme klang gallenbitter. Er hatte sich mehr erhofft.

„Du selbst hast ihm diese Waffe in die Hände gelegt, die dich jetzt in Schach hält. Spiele deine Rolle weiter und versuche einen kühlen Kopf zu bewahren."

Lucius musste trotz allem lächeln. Es war schon lange her, seit er dies zu Severus gesagt hatte. In einer anderen Zeit. In einem anderen Leben. Doch er musste Severus zugestehen, dass er Recht hatte: Er musste weiterspielen in diesem Spiel, dessen Regeln er nicht kontrollieren konnte.

„Werden wir es schaffen?"

„Das Schicksal ist eine unsichere Angelegenheit, Lucius. Ein kleiner Fehltritt nur, und wir stürzen ab."

Lucius ging auf die Tür zu, spürte schon die kühle Klinke unter seinen Fingern, als er sich noch einmal zu Severus umdrehte.

„Bist du hingegangen?"

Severus' Augen flackerten kurz, ehe er nickte.

„Ja."

„Wie ähnlich ist Potter seinem Vater wirklich?"

Severus' Hand krampfte sich um die Briefe, überlegte kurz, ob er Lucius belügen sollte und entschied schließlich, dass Lucius das Recht hatte es zu erfahren.

„Die Frage sollte eher lauten: Wie viel Ähnlichkeit dein Sohn mit mir hat…"

Zischend sog Lucius die Luft ein. Er hatte es geahnt und bis jetzt erfolgreich verdrängt. Und es war eine bittere Erfahrung für ihn, dass Severus wusste, was er bis jetzt nur vermutet hatte. Lucius begegnete Severus' berechnendem Blick mit eisiger Kälte.

„Du solltest vielleicht am besten wissen, dass eine derartige Beziehung keine Zukunft hat! Mach Draco dies klar – oder ich tue es!"

Die Tür glitt lautlos hinter Lucius ins Schloss. Gedankenverloren starrte Severus auf das gemaserte Holz, während er blind in eine Tasche griff und einen weiteren Brief hervorholte. Er kannte die Worte auswendig. Diese wenigen Worte, die sein Schicksal besiegelten. Und nicht nur das seine.

31. Oktober 1981

Ich werde nicht kommen können. Nicht heute. Ich weiß, dass es dir wichtig war, mich heute zu treffen, auch wenn ich den Grund nicht kenne. Es tut mir Leid.

Ich warte morgen auf dich an der Heulenden Hütte.

James

Es war zu spät gewesen. Zu spät für eine deutlichere Warnung. Severus hatte gewusst, dass die Eulen der Todgeweihten abgefangen und kontrolliert wurden. Dennoch hätte er es versuchen müssen. Er hätte diesem Versteckspiel ein Ende bereiten müssen. Keine anonymen Andeutungen mehr, die nicht genug aussagten, um James eindringlich vor der Gefahr zu warnen, die sich über ihm zusammenbraute. Severus war bereit gewesen, sich selbst zu verraten und zu verdammen, als er in verzweifelter Absicht nach Godrics Hollow apparierte.

Doch es war zu spät.

Das Haus der Potters lag schon in Trümmern. Und Severus verfluchte sich noch heute dafür.

„Nur ein einziger Fehltritt…"

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„Was könnte er bloß angestellt haben?", überlegte Ron laut, während er nach den Kartoffeln griff.

Er saß Hermine gegenüber und starrte Draco an, als wäre er ein besonders widerliches Insekt. Harry ließ sich schwer auf die Bank neben ihm fallen; der Unterricht bei Remus war zwar nicht ganz so anstrengend wie bei Moody gewesen, aber seit diesem belauschten Gespräch, verspürte er eine gewisse Befangenheit in der Gesellschaft des Werwolfs. Diese Befangenheit machte ihn wütend auf sich selbst; dennoch konnte er sie nicht gänzlich ablegen.

„Ron, du bist schon beinahe so besessen von Malfoy wie Harry", erklärte Hermine gerade ernst.

Die Schüssel landete mit einem leisen Klirren auf dem Tisch und schwankte bedrohlich.

„Ich bin nicht besessen!"

„Ich war nie besessen!"

Hermine lächelte, als sie die entrüsteten Gesichter ihrer Freunde sah. Rons Teint hatte nun große Ähnlichkeit mit seinen Haaren. Harry hingegen war merkwürdig blass geworden.

„Wie kommst du darauf?", verlangte Harry zu wissen, und Hermine hob verwundert beide Augenbrauen, angesichts des harschen Tonfalls.

„Im letzten Schuljahr hast du ihn beschatten lassen. Hast beinahe ein wichtiges Spiel sausen lassen, weil du ihn beobachten wolltest. Und du hast von nichts anderem mehr geredet, als von Malfoy", zählte Ron an Hermines Stelle auf. „Ich dagegen habe nur überlegt, was er in den letzten Stunden angestellt haben könnte!"

„Er hat Kartoffeln geschält", antwortete Ginny, die plötzlich hinter ihnen auftauchte. Ihre Augen waren nur schmale Schlitze und sie fixierten Harry, der schwer schluckte. Er kannte diesen Blick, der nichts Gutes verhieß.

„Du hast also mit Malfoy über mich gesprochen?", fragte sie scharf.

Ron schnappte entsetzt nach Luft. Synchron mit Harry, wenn auch aus einem anderen Grund. Hermines Händen entglitt das Besteck bei dieser Neuigkeit.

„Du redest mit ihm, Harry? Über meine Schwester?"

„Ich...", setzte Harry an. Er warf Draco einen irritierten Blick zu. Das Grinsen auf dem Gesicht des Slytherins vertiefte sich noch.

„Was hast du letzte Nacht mit ihm zu schaffen gehabt?", bohrte Ginny weiter.

„Wir haben uns getroffen und..."

„Du triffst dich mit ihm? Nachts?"

Ron sah aus, als wäre sein Weltbild auf immer zerstört.

„Nein, das war Zufall", versuchte Harry zu erklären.

„Und ganz zufällig hast du dich mit ihm über uns unterhalten!"

Ginny sah nicht so aus, als wolle sie Harry zu Wort kommen lassen. Harry wünschte sich mit einem Mal, er hätte Draco wirklich in den Brunnen gestoßen.

„Professor McGonagall hat Harry gebeten, Malfoy im Auge zu behalten. Sie will nicht, dass er irgendetwas anstellt", mischte sich plötzlich ein hochroter Neville nuschelnd ein.

Harrys Unterkiefer schien aller Muskeln beraubt und klappte auf.

„Woher weißt du das denn?", brachte er anstrengend heraus.

Nevilles Rotschattierung vertiefte sich um einige Nuancen, als er zugab:

„Ich habe deinen Unterricht bei ihr belauscht. Mit den Langzieherohren…"

„Aber warum?", fragte Harry, dem die Situation langsam über den Kopf wuchs.

Neville stand langsam auf und lächelte bitter.

„Ich wollte lernen. So wie du. Damit ich das bekommen kann, was ich am meisten will: Rache!"

Mit hängenden Schultern entfernte Neville sich vom Tisch. Er ließ vier vollkommen perplexe Jugendliche zurück, die ihm fassungslos hinterher starrten.

„An wem will er sich rächen?", fragte Ginny. Nevilles Aussage hatte ihre Wut verdrängt.

„An Bellatrix Lestrange", antwortete Harry tonlos.

Sein Blick traf sich mit Dracos, und er fragte sich unwillkürlich, was es noch alles gab von dem er nichts wusste.

Tbc…