So, da bin ich wieder und wünsche (wenn auch verspätet) allen Feuertanz-Lesern ein frohes neues Jahr :o)
Vielen Dank für die netten Reviews an:
AmyBlack: seufz Die arme Minerva hat es wirklich nicht ganz leicht. Und es geht ihr schon um Harry und darum, dass er überlebt. Aber nachdem Remus ihr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht hat, muss sie umdisponieren (und ich brauchte einen akzeptablen Grund, die beiden im Dunkeln in die Scheune zu stecken gg)
Deedochan: In den Büchern wussten Ron und Hermine auch immer alles, und ich kann sie nicht plötzlich ganz an den Rand stellen und ignorieren Aber keine Sorge, sie werden nicht in alles eingeweiht, was zwischen Harry und Draco so vorgeht
FirstKiss: Ist die Mail angekommen? Und natürlich soll er den Fluch nachts in der Scheune lernen gg Die bietet sich geradezu an
Zissy: gg Ich finde deine Reviews absolut witzig: kurz, knapp und immer zutreffend
BlackFiredragonDrake: Oh, wow, vielen Dank! Freut mich wirklich sehr, dass die die Story so gut gefällt :D
ooOoo
Harry hatte darauf bestanden, allein mit Malfoy zu reden. Ein hartes Stück Arbeit, wenn er jetzt daran zurückdachte. Ron war bei der Vorstellung, Harry auch nur eine Minute mit Draco allein zu lassen, beinahe wahnsinnig geworden.
„Er wird dich auslachen, Harry!"
„Das muss ich riskieren."
„Er wird dich entwaffnen, dich schnappen und dich direkt in die Arme der Todesser hexen!"
„Ich werde auf mich aufpassen, Ron."
„Verdammt, Harry…"
„Ron, das fällt mir auch schon so nicht gerade leicht, und ich kann ihn schlecht um seine Hilfe bitten, während ihr euch gegenseitig an die Kehle geht."
„Ach, und seit wann herrscht freundliches Einvernehmen zwischen euch?"
Harry antwortete nicht auf diese aufgebrachte Frage. Er sah seinen Freund nur bittend an, bis dessen angespannte Schultern ergeben herabsanken.
„Also gut, ich werd' mich nicht einmischen", sagte Ron rau. Dann verengten sich seine Augen angriffslustig. „Aber wehe, er versucht auch nur ein krummes Ding, dann hex' ich ihn nach Azkaban!"
Ein kurzer Blick in den Speisesaal genügte, um Harry zu beweisen, was er längst vermutet hatte: Draco war nicht dort. Er suchte jetzt schon den ganzen Tag nach dem Slytherin – ohne Erfolg. Es war zu offensichtlich, um nicht aufzufallen: Draco ging ihm aus dem Weg. Und darüber ärgerte Harry sich maßlos. Er hätte tausend Gründe gehabt Malfoy zu meiden – nicht umgekehrt! Mal abgesehen davon, dass überhaupt nichts passiert war.
Nichts!
Bis auf diesen letzten Blick.
Nichts!
Und Dracos Nacken hatte sich gebeugt…
Seufzend setzte Harry seine Suche fort. Den Gedanken an ihr letztes Treffen wenig erfolgreich verdrängend, verließ er das Kloster und stutzte.
Ein kleines Mädchen lief zielstrebig auf den Friedhof zu. Es war die Kleine, die sich mit Draco unterhalten hatte, da war Harry sich ziemlich sicher. In ihren Händen hielt sie ein unförmiges Paket, das sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus dem Speisesaal geschmuggelt hatte.
Mit einigem Abstand folgte Harry dem Kind, bis es hinter einem Grabstein verschwand. Vorsichtig schlich Harry näher, bis er Stimmen vernehmen konnte. Erleichterung breitete sich in ihm aus, als er eine davon als Dracos erkannte: Er hatte ihn gefunden.
ooOoo
Megan glühte geradezu vor Stolz, als sie Draco die stibitzten Lebensmittel überreichte.
„Du hast sicher Hunger."
„Nein, eigentlich nicht", antwortete Draco abweisend.
Das strahlende Lächeln Megans bröckelte, und fiel schließlich in sich zusammen.
„Oh… Dann vielleicht später", murmelte sie niedergeschlagen.
Mit überkreuzten Beinen setzte sie sich ins warme Gras und pflückte einige Gänseblümchen, die ihre kleinen Finger ungeschickt miteinander verknoteten. Auf ihrer Unterlippe kauend, vermied sie es Draco anzusehen.
„Es war aber sehr nett von dir, daran zu denken", fügte Draco hinzu. Ein Lächeln ließ seine Gesichtszüge weicher erscheinen.
„Du warst seit gestern nicht mehr im Speisesaal", erklärte Megan schniefend.
„Ich wollte ein wenig… allein sein."
„Du bist doch immer allein."
Draco sah Megan mit zusammengekniffenen Augen an und schwieg. Sie hatte ja Recht.
Die kleinen Hände Megans drehen den misslungenen Blumenkranz prüfend hin und her; plötzlich sah sie auf, richtete ihren forschenden Blick direkt auf Dracos Gesicht.
„Ich bin auch immer allein."
„Jetzt auch?"
Megans Zahnlücke wurde entblößt, als sie herzerweichend lächelnd den Kopf schüttelte.
„Nein. Und du auch nicht."
Dracos Kopf schnellte herum, seine Augen weiteten sich, und Harry glaubte für eine winzige Sekunde Panik darin aufflackern zu sehen, ehe sie ihn gewohnt spöttisch musterten.
„Lauschen muss dein neues Hobby sein, Potter."
Harry hielt vorsorglich den Mund, um nicht sofort Streit heraufzubeschwören. Er sah Draco nur an, der seinen Blick unbehaglich abwendete.
„Was willst du, Potter?"
„Ich muss mit dir reden."
Der Blick des Slytherins richtete sich wieder auf Harry, jetzt färbte eindeutiges Erschrecken Dracos Augen dunkler.
„Ich wüsste nicht, worüber", presste er hervor und stand auf.
Harry spannte sich unwillkürlich an. Er hatte geahnt, dass es nicht leicht werden würde. Und er hatte gewusst, dass die vergangenen Geschehnisse die ganze Sache nicht einfacher machen würden.
Greife an, ehe du angegriffen wirst.
Seinen eigenen Stolz bezwingend sah er Draco entgegen.
„Ich brauche deine Hilfe", begann Harry leise. „Der Orden hat versucht, mir den Avada Kedavra Fluch beizubringen und ich… ich konnte es nicht. Ich habe es nicht fertig gebracht, zu töten."
„Und da kommst du ausgerechnet zu mir?", fragte Draco kalt. „Ich bin da wohl die falsche Adresse. Ansonsten wäre ich jetzt nicht hier!"
„Aber du hast ihn geübt", beharrte Harry. „Du hast ihn trainiert und ich…"
Die Bewegung Dracos kam zu schnell, als dass Harry hätte reagieren können. Die schmalen Finger krallten sich in Harrys Hemd fest, gaben ihm einen groben Stoß, der Harry rückwärts taumeln ließ.
„Und du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt!" Draco Stimme überschlug sich, eiskalte Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Vergiss es einfach, Potter! Nimm den Ausweg an, den sie dir bieten. Ich hatte im Gegensatz zu dir keine andere Wahl!"
„Die habe ich ebenfalls nicht!" Auch Harry hob jetzt seine Stimme, er konnte und wollte sein Temperament nicht länger zügeln. „Und du bist der Einzige, den ich fragen kann!"
Dracos Miene war plötzlich bar jeden Ausdrucks. Er wich langsam zurück und musterte Harry ruhig.
„Nein!"
Mit weit aufgerissenen Augen, unfähig etwas auf diese schlichte Absage zu erwidern, sah Harry wie gelähmt dabei zu, wie Draco sich abwandte und den Friedhof verließ. Megan folgte ihm wie ein Schatten. Doch nicht, ohne zuvor noch einen verängstigten Blick auf Harry zu werfen, der sofort schlechtes Gewissen und Mitleid mit dem Kind in ihm aufsteigen ließ.
Die Enttäuschung lag wie ein schwerer Klumpen in Harrys Magen. Sie ließ seine Hände zittern. Entrüstung und Zorn spülten in eisigen Wellen über ihn hinweg.
Im ersten Moment wollte er Malfoy hinterher stürmen, wollte ihn herumreißen und anschreien, wollte eine Zusage erzwingen. Doch er unterdrückte dieses Verlangen.
Stattdessen beschloss er einfach, hartnäckig zu sein.
Ein leichtes Grinsen hob seine Mundwinkel. Er würde Malfoy einfach solange auf den Fersen bleiben, bis dieser ja sagte!
ooOoo
Er hatte vor langer Zeit damit aufgehört, sie nur heimlich zu betrachten. Ihre weiße Haut zu bewundern, so samtig weich in seiner Vorstellung. Die Art, in der sie ihren Kopf neigte, in der ihr das silbrige Haar über die Schultern floss, ließ sein Blut kochen. Heute noch genauso wie damals.
Seine Lippen wurden schmal, als Lucius nach ihrer filigranen Hand griff, und sie ihn daraufhin anlächelte. Dieses Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ – und mit dem sie ihn noch niemals bedacht hatte. Lucius' Blick traf ihn, und er bemerkte mit Genugtuung dessen Stirnrunzeln, das kurze Zusammenballen der Fäuste. Peter lächelte.
Lucius hatte es geschafft, ihn in die Enge zu drängen. Hatte es geschafft, ein Messer an seine Kehle zu setzten, als Peter zu langsam reagiert hatte. Doch hier, in Gegenwart des Dunklen Lords, umgeben von treuen Todessern, war Lucius dazu verdammt, Peter zu dulden. Die Blicke zu ertragen, die er seiner Frau zuwarf. Er konnte höchstens auf eine weitere Gelegenheit hoffen, bei der er seiner habhaft werden konnte.
Das Lächeln um Peters Mundwinkel vertiefte sich. Er ging Lucius aus dem Weg. Kroch durch die Abflussrohre und durch hohle Wände, wenn er die Festung durchqueren musste. Er zeigte sich nur in Gesellschaft in seiner menschlichen Gestalt; also waren Lucius die Hände gebunden.
Er richtete sein Augenmerk wieder auf Narzissa, ließ sich von ihrer anmutigen Schönheit nur zu gern gefangen nehmen, sich an den Tag erinnernd, an dem er sie das erste Mal gesehen hatte.
Sie ging an ihm auf dem Flur vorbei, ohne seine Anwesenheit zu bemerken. Peter war wie erstarrt. Der Rock ihrer Schuluniform schwang um ihre grazilen Beine; ein Anblick, der Peters Herz für einen Takt aussetzen ließ.
Sirius' spöttische Stimme rückte in den Hintergrund. Bis eben noch hatte Peter ihm mit glänzenden Augen zugehört, wie er James von seinem letzten Attentat auf Schniefelus berichtete. Doch jetzt konnte er den Blick nicht abwenden, von diesem Wesen, dessen schimmerndes Haar in weichen Wellen über den schmalen Rücken fiel. Es erinnerte ihn an mondbeschienenes Wasser, kühl und seidenweich.
Ein Ruck durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag. Die feinen Härchen an seinen Armen stellten sich auf, und sein Herz schlug schmerzhaft hart gegen seine Rippen. Gefühle nie gekannter Natur ließen ihn schaudern. Ehrfurcht und Entzücken vermischten sich... was blieb, war Sehnsucht nach etwas, was er selbst nicht benennen konnte.
Peter war erst elf Jahre alt, und sein Geist konnte die Zeichen, die ihm sein noch unreifer Körper sandte, nicht entschlüsseln.
Wann immer er die Gelegenheit bekam, sog Peter ihren Anblick in sich auf. Ihre Anmut berauschte ihn wie eine Droge, auch wenn er sich dadurch noch linkischer, unansehnlicher und unvollkommener fühlte. Sie war fünf Jahre älter, sie war eine Slytherin, sie war wunderschön – sie war so unerreichbar wie der Mond.
Er schlich ihr nach, beobachtete sie aus dunklen Ecken, lauschte verzückt ihrer Stimme, ihrem Lachen. Er war glücklich.
Peter war sprachlos, als er erfuhr, dass sie eine Black war. Dass sie sogar eine der schrecklichen Cousinen von Sirius sein sollte. Wie konnte etwas dermaßen Bezauberndes angeblich so abscheulich sein?
Er flüsterte mit heißen Wangen ihren Namen, wenn der Schlafsaal von gleichmäßigen Atemzügen erfüllt war. Gluthitze breitete sich in ihm aus, wenn er sich die Silben auf der Zunge zergehe ließ.
Narzissa.
Ihr Name war Narzissa.
Als er sein zweites Jahr antrat, sah er sie das erste Mal lächeln. Er hatte sie natürlich schon oft lächeln sehen, doch noch nie auf diese Art. Es kam ihm vor, als hätte jemand in einer dunklen Sturmnacht eine Kerze angezündet, die warmes, reines Licht verbreitete. Ihm wurde heiß und kalt zugleich, in seinem Kopf wirbelten die Gedanken wie sturmgepeitschte Blätter umher, ließen seinen Blick verschwimmen, bis er sich über die brennenden Augen wischte.
Narzissa neigte lächelnd den Kopf, ihm die Sicht auf ihre warmen, blauen Augen verweigernd. Und Peters Blut gefror zu Eis, als Lucius Malfoy eine Hand hob und die glatte, marmorweiße Haut ihrer Wange berührte.
Er fühlte sich eingeschlossen, gefangen, in einem Kokon, der aus purem Hass und Verzweiflung bestand. Er beobachtete Narzissa weiter, wann auch immer er die Möglichkeit dazu hatte – und mit jedem Blick, den er erhaschen konnte, glaubte er zu sterben.
Im Geiste stellte er sich vor, dass sie gezwungen wurde, sich mit Malfoy abzugeben. Dass er sie retten würde vor diesem Ungeheuer mit spitzer Nase und fahler Haut. Wie sie ihm für diese Rettung danken würde. Er stellte sich vor, wie ihre feingliedrigen Hände sein Gesicht umfassen würden. In seiner Vorstellung war ihr Atem warm und süß, wenn sie sich vorbeugte und ihn anlächelte. Dieses Lächeln, das sie sonst nur Malfoy schenkte.
So unschuldig diese Phantasien am Anfang noch waren, so düster wurden sie, als sich das Schuljahr seinem Ende zuneigte. Der Anblick Narzissas zerrte an Peters Geist. Sie hörte nicht auf, Malfoy anzulächeln. Und die Vorstellung darüber, dass er sie retten und beschützen würde wich dem dunklen Wunsch, sie zu zwingen, ihn ebenfalls so anzusehen.
In seinem dritten Jahr nahm seine Obsession für Narzissa erschreckende Ausmaße an. Lucius hatte seinen Abschluss gemacht und jetzt konnte er beobachten, wie Narzissa Tag für Tag lange Briefe schrieb – dabei immerzu lächelnd.
Drei Jahre und sie hatte seine Existenz nicht einmal am Rande bemerkt. Diese Erkenntnis floss durch seinen Verstand wie Gift. Er wollte sie besitzen, wollte sie berühren können wann immer er wollte, wollte ihre Aufmerksamkeit, ihre Bewunderung, ihre Liebe, ihr Lächeln!
Das alles sollte ihm gehören, und wenn er es mit Gewalt holen müsste!
Sie sah ihn nur ein einziges Mal an. Sie überbrachte Sirius einen Brief seiner Mutter und ließ ihren Blick gleichgültig über die Freunde ihres Cousins streifen. Peters Herz klopfte so laut und hart, dass er glaubte, es müsse jeden Moment zerspringen. Dann wandte sie sich ab und ging davon, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Sie hatte die Sehnsucht nicht bemerkt, die er verspürte.
Die Jahreszeiten vergingen und um Peter wurde es finster. Er würde ihren Anblick nur noch wenige Wochen genießen können. Sie war in ihrem siebten Jahr. Sie würde bald ihren Abschluss machen. Sie würde Lucius Malfoy heiraten.
Verzweifelt klammerte er sich an jeden einzelnen Tag, der ihm noch blieb, im festen Glauben, die Welt würde aufhören, sich um die eigene Achse zu drehen, wenn er sie nicht tagtäglich beobachten könnte.
Er prägte sich die schlanke Linie ihres Halses ein. Versuchte, die flinken Bewegungen ihrer Hände in sein Gedächtnis zu brennen. Versprach ihr still, sie niemals zu vergessen – und er hielt sein Wort.
Narzissa blieb ein Teil von ihm in den kommenden Jahren. In den Jahren, als dunkle Gerüchte die Runde machten. Gerüchte, die besagten, dass es jemanden gab, der Wünsche in Erfüllung gehen lassen konnte. Der neue Hoffnung für die Hoffnungslosen bereithielt. Der einen neuen Weg gehen wollte.
Es schien, als sei dieser Jemand die Antwort auf Peters Gebete…
Sein Blick verdüsterte sich, als Lucius Narzissas Hand ergriff, und ihr dabei etwas ins Ohr flüsterte. Ihre Augen glänzten, und ihre Wangen färbten sich leicht, nickend stand sie auf. Peter trotzte dem Wunsch, ihr in die dunklen Flure zu folgen, in die sie verschwand. Er spürte die lauernden Augen Lucius' auf sich gerichtet... Peter war nicht dumm. Schweigend sah er zu, wie auch Lucius sich erhob, um seiner Frau zu folgen. Das altbekannte Gefühl der Eifersucht ergriff Besitz von ihm. Doch er konnte warten. Seine Zeit würde kommen.
So hatte er es ihm einst zugesichert…
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Harry war wild entschlossen Malfoy zu finden, noch einmal mit ihm zu sprechen – nur schien Draco ebenso entschlossen, genau dies zu verhindern.
Er suchte beinahe das ganze Kloster ab. Vergeblich. Die Scheune war ebenso verlassen wie der Brunnen und der Friedhof. Entschlossen, nichts unversucht zu lassen, lief Harry durch die verwinkelten, schwach beleuchteten Gänge des Klosters, um Dracos Zimmer aufzusuchen. Er stutzte, als er flüsternde Stimmen vernahm, eine davon sehr ängstlich. Sein Instinkt übernahm die Kontrolle, ließ ihn vorsichtig heranschleichen, den Zauberstab zum Angriff erhoben.
Keine fünf Schritte entfernt stand Neville, sah zitternd zu einem hochgewachsenen, dunkelhäutigen Jungen auf, mechanisch den Kopf schüttelnd.
„Ich weiß gar nicht was du meinst." Nevilles Stimme klang hoch, kippte beinahe, und strafte seine Worte Lügen. „Lass mich in Ruhe. Ich habe keine Angst vor dir!"
„Solltest du aber, Longbottom."
„Suchst du Ärger, Zabini?", fragte Harry ruhig.
Blaise fuhr herum, stieß mit wutverzerrtem Gesicht zischend einen leisen Fluch aus, und sah Harry kalt entgegen.
„Verschwinde, Potter! Das hier geht dich nichts an!"
„Ich mische mich halt gern in fremde Angelegenheiten ein", entgegnete Harry grinsend. Wie beiläufig ließ er seinen Zauberstab durch die Finger gleiten, dabei aufmerksam Blaises Gesicht betrachtend. „Meinst du wirklich, es mit Neville und mir gleichzeitig aufnehmen zu können?"
Blaises Augen huschten zwischen Harry, der scheinbar völlig gelassen an die Wand lehnte, und dem bebenden Neville hin und her. Sein breiter Mund verzog sich höhnisch.
„Mal abgesehen davon, dass Longbottom dir keine große Hilfe wäre, habe ich nicht vor, dir auch nur ein Haar zu krümmen." Das Grinsen vertiefte sich, als er mit glitzernden Augen fortfuhr: „Ich will mir schließlich nicht den Unmut gewisser Leute zuziehen…"
Mit einem letzten verächtlichen Blick auf Neville, wandte Blaise sich ab und verschwand um die nächste Biegung, einen mehr als verwirrten Harry zurücklassend.
„Was zum Teufel war das eben? Was wollte er von dir?"
An seiner Unterlippe nagend, sah Neville schulterzuckend zu Boden.
„Nichts", murmelte er, förmlich unter Harrys eindringlichen Blicken schrumpfend. „Du hattest Recht, Zabini wollte nur Ärger machen."
Hektische rote Flecken breiteten sich auf Nevilles Wangen aus, als er sich ohne aufzusehen an Harry vorbeidrückte, ihm für seine Hilfe dankte und davoneilte.
Verblüfft starrte Harry ihm nach. Er kannte Neville jetzt lange genug, um zu wissen, dass der Junge ihn angelogen hatte. Doch auch ohne ihn zu kennen, hätte er diese fadenscheinige Lüge durchschaut. Der Gryffindor unterdrückte den Impuls, Neville zu folgen, ermahnte sich, dass er selbst genug Probleme hatte, die erst einmal gelöst werden mussten, und setzte seinen Weg fort. Jedoch beschloss er, Neville zumindest im Auge zu behalten. Nur für den Fall, dass dieser wieder in Bedrängnis geriet, oder doch bereit war, sich ihm anzuvertrauen.
Seine Schritte gerieten ins Stocken, als er sich der schlichten Tür näherte, hinter der er Draco vermutete. Seine Finger waren seltsam klamm, als er zögernd die Hand hob, um zu klopfen. Keine Reaktion. Frustriert schnaubend, fuhr er sich kurz durch die Haare, drückte entschieden, aber alles andere als hoffnungsvoll, die Klinke herunter, und stolperte in den dahinter liegenden Raum.
„Eines muss man dir lassen, Potter, du bist wirklich stur."
Nach einem letzten Rest Würde suchend, richtete Harry sich verlegen auf, strich sich die wirren Haare aus der verschwitzten Stirn, um Draco anzuschauen.
„Entschlossen", antwortete er. „Ich bin entschlossen."
Draco lag mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf dem schmalen Bett; er wirkte völlig entspannt.
„Nenn es wie du willst, ich werde dir trotzdem nicht helfen", entgegnete er ruhig, ohne seinen Blick von der Zimmerdecke zu lösen.
Die altbekannte Wut stieg in Harry auf, ließ Hände und Stimme gleichermaßen zittern, als er bemüht bedächtig antwortete:
„Warum nicht?"
Endlich wandte Draco den Kopf, die blassen Lippen zuckten ein wenig. Harry fragte sich unwillkürlich, ob aus Nervosität oder Amüsement.
„Du bist doch so entschlossen, Potter, warum machst du es nicht einfach allein? Oder frag deine Freunde."
„Du weißt, dass ich jemanden brauche, der den Fluch schon beherrscht."
Mit einem Ruck setzte Draco sich auf, sein durchdringender Blick ließ Harry unwillkürlich einen Schritt zurücktreten.
„Ich kenne nur die Lehrmethode meiner Tante. Sie würde dir nicht gefallen."
„Mir sind die Methoden egal!"
„Kannst oder willst du es nicht verstehen, Potter? Ich hab nein gesagt und jetzt verschwinde!"
„Nein."
„Gut, dann gehe ich."
Zittrig vor Zorn und Machtlosigkeit sah Harry zu, wie Draco aufstand, und an ihm vorbei auf die Tür zuging. Seine Hand schnellte vor, griff nach dem hellen Unterarm, auf dem sich das Dunkle Mal grotesk abzeichnete.
„Bitte, Draco…"
Der fremde, zum ersten Mal ausgesprochene Name, der Vorname des Slytherin, schmeckte seltsam auf Harrys Zunge. Das Fehlen jeglicher Verachtung, mit der er ihn sonst immer ausgesprochen hatte, ebenfalls. Harry spürte den Ruck, der durch den Körper des anderen Jungen ging, als wäre er geschlagen worden. Schnell ließ er Draco wieder los, und wartete mit rasendem Puls auf die Antwort.
Diese bestand aus einem gesenkten, verneinend geschüttelten Kopf, einer zitternden Unterlippe, und jäh so hilflos und kindlich erscheinenden Gesichtszügen, die schnell von hellblonden Strähnen verborgen wurden.
Harry stand wie angewurzelt da. Dracos Anblick ging ihm so eigenartig... nahe. Für einen Moment traten seine Absichten und seine Entschlossenheit in den Hintergrund – aber nur für einen Moment.
„Bitte, Draco."
Noch immer wurde Harrys Blick nicht erwidert, die herabsackenden Schultern verrieten jedoch die Kapitulation.
„Mitternacht, an der alten Scheune", murmelte Draco kaum hörbar. „Und komm allein!"
Erleichtert schloss Harry für einen Moment die Augen, seine Fäuste im Triumph ballend.
„Ich werde da sein."
Als er Dracos Zimmer verlassen hatte, lehnte er sich mit bebenden Knien gegen die Tür. Er hatte es geschafft. Und es hatte ihn nichts weiter gekostet, als seinen Stolz.
ooOoo
Anscheinend hatte Ron gehofft, dass Draco einfach kategorisch ablehnen würde, womit die ganze Sache dann vom Tisch wäre. Doch jetzt war er einer heillosen Panik so nahe, wie man nur sein konnte. Die Sonne war vor Stunden untergegangen, Mitternacht rückte unaufhaltsam näher. Harry machte sich für das Treffen mit Draco bereit, doch da gab es ein Problem: Ron wollte ihn partout nicht allein gehen lassen.
„Er wird dich auf dem Friedhof verscharren!"
„Ron, das hatten wir doch alles schon", entgegnete Harry seufzend. Er sah Hermine hilfesuchend an, die auf seinem Bett saß und den Kopf schüttelte, als Zeichen, dass sie sich nicht einmischen würde. In ihrem Blick lag etwas Abwartendes, beinahe Wissendes, seit Harry seinen Freunden von dem Gespräch mit Malfoy erzählt hatte. Etwas, das fast an Resignation grenzte.
„Ich kann mich ja irgendwo in der Nähe verstecken und…"
Rons Gesicht hatte beinahe die Farbe seiner Haare angenommen, und Harry legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
„Ich werde auf mich aufpassen", sagte er ernst. „Ich brauche diesen Unterricht und du weißt das. Malfoy hat verlangt, dass ich allein komme. Wenn er dich entdeckt, habe ich nicht mehr die geringste Chance, diesen Fluch zu lernen."
„Dann lernst du ihn eben nicht! Remus hat gesagt, dass es andere Wege gibt!"
„Und welche sollen das sein?", fragte Harry müde. „Glaubst du, mir macht es Spaß, mit Malfoy zusammenarbeiten zu müssen? Ihn um etwas bitten zu müssen?"
„Nein, aber…"
„Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, Ron, aber ich werde allein gehen."
Harry bemerkte den Blick, den Ron Hermine zuwarf, und konnte ihr Kopfschütteln erahnen. Sie würde sich auch nicht auf Rons Seite schlagen. Die Fäuste geballt sah Ron wieder zu Harry, langsam nickend.
„Okay, ganz wie du willst. Du weißt genauso gut wie ich, dass man ihm nicht trauen kann, also sei wirklich vorsichtig. Lass ihn nicht in die Nähe deines Zauberstabes!"
„Natürlich nicht...", begann Harry, unterbrach sich aber und biss sich auf die Lippe, um das unangebrachte Auflachen aufgrund Rons ungewollt zweideutiger Forderung zu unterdrücken. Gleichzeitig bereitete ihm der Gedanke daran, dass er es überhaupt als etwas Zweideutiges interpretierte, Magenschmerzen. „Natürlich nicht", wiederholte er fest.
Ron erschien etwas besänftigter, wenn auch nicht viel, also atmete Harry erleichtert aus und öffnete die Tür.
„Ich bin bald wieder da."
Rons verbissenen Gesichtsaudruck und Hermines wehmütiges Lächeln mit sich nehmend, machte Harry sich auf den Weg zur Scheune. Seine Nerven lagen beinahe blank, auch wenn er seinen Freunden absolute Gelassenheit vorgespielt hatte. Er konnte das Bild Dracos, wie er mit bebenden Lippen den Kopf gesenkt hatte, nicht vergessen.
Der beinahe volle Mond erleuchtete das verfallene Gemäuer, vor dessen Tür eine schmale Gestalt auf ihn wartete. Draco hielt eine Laterne in der Hand deren flackerndes Licht sein Gesicht in bizarre Schatten hüllte.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du deine Wachhunde wirklich abschütteln kannst", bemerkte Draco spöttisch, sobald Harry vor ihm stand. „Muss harte Arbeit gewesen sein."
„Das nennt man Freundschaft! Sie trauen dir eben nicht."
„Du doch auch nicht, trotzdem bist du hier."
„Du weißt genau, dass ich deine Hilfe brauche. Ich bin nur deswegen hier."
Mit einem höhnischen Lächeln öffnete Draco das Scheunentor.
„Ja, warum auch sonst."
Harry schüttelte den Kopf, als wolle er den bitteren Unterton verscheuchen, der sich in Dracos Stimme gemischt hatte, und sah sich in dem halbdunklen Raum um. Ein Geruch nach altem Stroh, Holz und Lehm stieg ihm in die Nase. Zentimeterdicker Staub lag auf alten Weinfässern, welche die Wände säumten. Neugierig umrundete er die gewaltigen Stützbalken und blieb verblüfft stehen, als er den Spiegel in der Mitte der Scheune sah, den Minerva für seinen gescheiterten Unterricht benutzt hatte.
„Anscheinend sind nicht alle vom Orden der Ansicht, dass du den Fluch nicht lernen solltest."
„Sieht so aus…"
Nachdenklich betrachtete Harry den Spiegel, bemerkte die daneben stehenden Teetassen, was ihm ein bitteres Lächeln entlockte – McGonagall hatte an alles gedacht.
„Verrat mir eines, Potter. Wer ist so unglaublich scharf darauf, dich zum Mörder auszubilden, ohne sich selbst die Finger dabei schmutzig zu machen?", fragte Draco ohne den geringsten Spott, während er eine der filigranen Tassen aufhob.
„McGonagall."
„Das hab ich mir gedacht", murmelte Draco und warf Harry die Tasse zu. „Lass uns anfangen!"
Übelkeitserregende Panik schwappte über Harry hinweg, einen sauren Geschmack auf seiner Zunge hinterlassend; dennoch nickte er entschlossen. Seine Hände zitterten leicht, als er seinen Zauberstab hob und ihn auf die Tasse richtete. Das hübsche blassblaue Rankenmuster verschwamm vor seinen Augen, als er den Spruch flüsterte, der sie in eine Ratte verwandelte. Mit steifen Fingern setzte er das Tier vor dem Spiegel auf den Boden, es sogleich mit einem Ganzkörperklammerfluch bannend.
Abwartend sah er Draco an, der auf einem der Fässer saß, und den Blick ohne zu blinzeln durch einige aberwitzig in die Stirn hängenden, hellen Strähnen erwiderte. Das Beben seiner Hände verstärkte sich, als er daran dachte, wie weich eben diese silbrigen Haarsträhnen waren. Der Drang, sie wieder zu berühren, war beinahe übermächtig.
Es ist nichts passiert!
Nur dieser letzte Blick, dieser gehetzte Blick…
Da war nichts!
… und jetzt fixierten dieselben Augen ihn ruhig und gelassen, gelangweilt beinahe.
Harrys Mund wurde trocken, sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Die Luft schien zu vibrieren – Harry erkannte, dass er kurz davor war, etwas sehr Dummes zu tun. Wut breitete sich in ihm aus, pulsierte zähflüssig in seinen Venen und ließ seinen Blick undeutlich werden, Draco hinter einem roten Schleier verschwinden, und Harry die Absurdität seiner Empfindungen vergessen.
„Du wolltest mir die Methoden deiner Tante zeigen", brach Harry heiser das Schweigen.
„Ich hatte dir doch gesagt, dass sie dir nicht gefallen würden."
„Aber sie sind bestimmt effektiv!"
Die Lippen zu einem zynischen Lächeln verzogen, schwang Draco sich von dem Holzfass und schlenderte auf einen Harry zu, der das Atmen vergaß.
„Schaue deinem Opfer in die Augen und genieße die Sekunden, in denen die Erkenntnis darin aufflackert, dass du das Letzte bist, was sie sehen. Schwelge im Triumph, wenn du einen ebenbürtigen Gegner vor dir hast, doch wende dich im Ekel ab, wenn es ein kreischender Muggel ist, der um sein Leben fleht. Zögere den Moment hinaus, gib ihnen einen letzten Funken Hoffnung, ehe du die Worte sprichst. Sieh genau hin, Draco! Lerne! Versagen wird bestraft und es gäbe nichts, was dich vor des Lords Strafe retten könnte!"
Harry konnte Dracos warmen Atem auf seiner Wange spüren, sah das unruhige Flackern in den grauen Iriden, während der Slytherin sich an seinen eigenen Unterricht erinnerte. Kälte, scharf und beißend, breitete sich in Harry aus, als sein Gegenüber weiter sprach:
„Sie brachte mich zu einem Denkarium, und ich durfte einer solchen Strafe zusehen. Der Junge war kaum älter als ich – er hatte es nicht geschafft, die Aufnahmeprüfung zu bestehen… er hatte es nicht geschafft, einen Muggel umzubringen."
Draco stockte, atmete zitternd aus, die Fäuste ballend.
„Wusstest du, dass der Dunkle Lord sich nicht dazu herablässt, diese Strafen selbst durchzuführen? Er kennt seine Anhänger, nutzt deren Naturell für seine Zwecke, und gibt ihnen gleichzeitig das, was sie brauchen, um unter Kontrolle gehalten zu werden. Ich weiß nicht mehr, wie lange sie mich hat zusehen lassen. Die Bilder, die Schreie traten irgendwann in den Hintergrund, aber sie hatte erreicht, was sie wollte: Ich war entschlossen Dumbledore zu töten – weil ich nicht selbst so enden wollte!"
Sauerer Speichel füllte Harrys Mund. Er musste hart schlucken.
„Stimmt, die Methoden deiner Tante gefallen mir nicht…"
„Warum nimmst du den Ausweg nicht an, den sie dir bieten? Irgendwann gibt es kein Zurück mehr."
„Weil es schon zu spät ist."
Dracos Schultern sackten herab, auch sein Blick wurde seltsam weich, als er auf die erstarte Ratte deutete.
„Dann tu es einfach. Wenn es für dich keinen anderen Weg mehr gibt, dann musst du es einfach tun."
Mit jedem Wort wich Draco Schritt für Schritt zurück, ohne den Augenkontakt zu brechen.
Harrys Finger waren klamm, als er den Zauberstab hob. Er wusste, wie mühelos die Worte über seine Lippen kommen konnten. Wusste, dass sie die kalten Knopfaugen der Ratte erlöschen lassen würden. Wusste, wie viel von ihnen abhing, was es bedeuteten würde, diesen Fluch zu beherrschen; diesen Vorteil zu haben. Und er wusste auch, dass Draco ihn beobachtete.
Er verbannte die Ratte aus seinem Geist, ließ an ihrer Stelle die Gestalt Voldemorts entstehen. Stellte sich die glühenden Augen, die schneidende Stimme vor, die Tod und Verderben befahl.
Harry atmete zitternd ein, vertrieb die Stimmen von Dumbledore, Cedric und seiner Mutter aus seinen Gedanken.
„Avada Kedavra!"
Glühendes, grünes Licht traf den erstarrten Körper der Ratte, hüllte sie ein, spiegelte sich funkelnd in deren Augen... Harry brach würgend in die Knie.
Mit geschlossenen Augen rang er nach Atem, spuckte dickflüssigen, nach Galle schmeckenden Speichel aus und lehnte sich dankbar gegen die kühle Handfläche, die sich gegen seine Stirn presste, seine Haare zurückhaltend. Hustend richtete Harry sich auf, und Draco zog schnell seine schlanken Finger zurück.
„Immerhin hast du es schon mal geschafft, den Fluch loszuschicken, während du das Vieh ansiehst", stellte er gepresst fest.
Harry rückte beschämt ein wenig von ihm ab. Seine Zunge kämpfte mit den Silben.
„Was meinst du damit? Ich habe die Ratte doch getötet."
„Einen Scheiß hast du, Potter. Sie lebt noch."
Harrys Kopf ruckte hoch, die geröteten Augen ungläubig geweitet.
„Aber…"
Skeptisch betrachtete Harry die erstarrte Ratte, löste den Klammerfluch und sah fassungslos zu, wie der graue Körper in den Schatten verschwand. Enttäuschung wühlte in seinen Eingeweiden. Die Stirn in tiefe Falten gelegt, blickte er Draco an.
„Was hab ich falsch gemacht?"
„Du musst es wollen, Potter. Nur die Worte reichen da nicht."
Dracos Augenmerk richtete sich auf den Boden und seine Lippen verzogen sich angewidert.
„Würde es dir was ausmachen, diese Sauerei verschwinden zu lassen?"
Mit blutroten Wangen zog Harry den Zauberstab, reinigte den Boden, und rutschte dann zu einem Balken, mit geschlossenen Augen dagegen lehnend.
„Hast du genug?", fragte Draco spöttisch. „Willst du endlich aufgeben?"
Verärgert beobachtete Harry Dracos Gesicht, als er sich neben ihm niederließ. So nah, dass sich ihre Schultern berührten. Und keiner von beiden rückte ab.
„Für heute, ja. Wir können morgen weitermachen", antwortete Harry vermeintlich entspannt. „Es sei denn, du zierst dich wieder."
Nonchalant zuckte Draco die Schultern, die Lippen noch immer hämisch verzogen.
„Ich halte mein Wort, Potter. Das tun Malfoys immer."
„Natürlich…" Harrys halb geschnaubte Antwort triefte vor Sarkasmus.
„Ich habe dir schon mal gesagt, dass du deine verqueren Ansichten für dich behalten kannst. Du weißt nichts über mich oder meine Familie!"
Der ärgerliche Unterton schwang zu deutlich mit, als dass Harry ihn hätte ignorieren können. Seine Zunge, schneller als seine Gedanken, formulierte die Antwort, ehe er überlegen konnte.
„Bis jetzt kannte ich deinen Vater nur als versnobten Rassisten, der einem durchgeknallten Irren die Stiefel leckt. Pardon, aber ich kann ihn mir schlecht als liebevollen Daddy vorstellen, der dich auf den Knien schaukelt."
Er spürte wie sich der Körper neben ihm versteifte, und bedauerte die unbedacht gesprochenen Worte.
„Warum glaubst du, gibt er sich distanziert in der Öffentlichkeit, Potter?", fragte Draco leise. „Weil er gefühlskalt und arrogant ist, oder weil er mich und meine Mutter schützen will?"
Harry sog scharf die Luft durch seine Nase ein, als ihm bewusst wurde, was Draco ihm offenbarte.
„Er wollte euch schützen? Aber warum? Wovor?"
Draco blickte auf. Seine Augen wirkten müde und seltsam erwachsen, als hätten sie schon zuviel gesehen für die wenigen Jahre, die ihr Besitzer gelebt hatte.
„Wenn du dem Dunklen Lord dienen willst, kannst du dir keine Schwäche leisten. Du darfst ihm keine Angriffsfläche bieten. Tust du es doch, bist du seinen Launen ausgeliefert."
Draco stand auf, und unerklärlicherweise vermisste Harry sie Wärme, die von seinem Körper ausgegangen war.
„Wir tragen alle unsere Masken, Potter. Eine für jede Gelegenheit."
Erst als Draco schon beinahe am Scheunentor angelangt war, antwortete Harry. Wieder einmal ohne darüber erst nachzudenken, verlange er zu wissen:
„Und welche Maske hast du gestern Nacht getragen?"
Er biss sich auf die Lippen. Fest. Nicht glaubend, dass er diese Frage wirklich gestellt hatte. Aber er konnte den Blick nicht von Draco abwenden, der wie versteinert stehen geblieben war und sich zittrig lachend durch die Haare fuhr.
„Ich weiß nicht, was genau du geträumt hast, aber ich bin wach geworden, als du an meinen Haaren gezerrt hast", antwortete Draco heiser. „Was auch immer du glaubst gesehen zu haben, Potter, du hast es dir eingebildet. Da war keine Maske. Da war gar nichts!"
Da war nichts!
Kalte Nachtluft drang in die Scheune ein, als Draco, ohne Harry noch einmal anzusehen, in der Finsternis verschwand, die Laterne mit sich nehmend.
Harry atmete dankbar die würzige Kühle ein, und starrte lange unfokussiert an die Decke, ließ den gestrigen Abend noch einmal Revue passieren.
Dunkle Schatten hatten ihn gejagt…
Potter?
… hatten an seinem Geist, seiner Kraft gezerrt…
Potter!
… es war entsetzlich kalt gewesen und dann war da Wärme…
Potter, verdammt!
… tröstliche, köstliche Wärme…
Wach endlich auf!
… und Weichheit, die ihn vor dem Fall bewahrte…
Ich bin wach geworden, als du an meinen Haaren gezerrt hast.
Harrys Mundwinkel hoben sich zu einem gallebitteren Lächeln.
„Einen Scheiß hast du, Malfoy", flüsterte er der Dunkelheit zu. „Du warst schon vorher wach!"
ooOoo
Dracos Atem ging schnell und keuchend, obwohl er sich um einen langsamen Gang bemühte. Er wollte nicht wirken, als sei er auf der Flucht. Er war auch es nicht. Potter hatte die Lüge, dieses verräterische Zittern, nicht aus seiner Stimme herausgehört. Er durfte es nicht bemerkt haben!
Seine Finger, steif und kalt, schlossen die Tür auf. Erleichterung darüber endlich allein zu sein, unbeobachtet zu sein, durchflutete Draco. Er sah sich um, wohl wissend, was er sehen würde: Ein erschreckend kleines Zimmer, einen alten Tisch, den Schrank, dessen Holz schon splitterte, und ein marodes Bett. Er besaß nichts, mit dem er seinem neuen Zuhause so etwas wie eine private Note hätte verleihen können.
Seufzend setzte er sich auf die dünne Matratze, sich wohl zum hundertsten Mal fragend, wie es ihm ergangen wäre, wenn er in der Lage gewesen wäre, seinen Auftrag auszuführen. Sich zu einer Kugel zusammenrollend, schloss Draco seine brennenden Augen.
Es war müßig darüber nachzudenken, was passiert wäre. Er hatte versagt – und sein Leben war nur noch ein einziges Chaos.
Es gab nur eine einzige Konstante: Potter.
Dracos Finger umklammerten seine Knie, zogen die schlanken Beine noch ein wenig dichter an den zitternden Leib.
Wann genau hatte sein Körper sich gegen ihn gewandt? Wann genau hatte er angefangen, Potter mit anderen Augen zu sehen? Wann war ihm die Kontrolle über sich selbst abhanden gekommen? Draco wusste es nicht mehr. Es spielte auch keine Rolle. Wichtig war nur, dass es so war – und dass es jeden Augenblick in Potters Gesellschaft zur Qual machte.
Dennoch genoss er diese Qual. Suchte die Nähe des Anderen und sei es nur darum, einmal mehr dieses zornige Aufblitzen in den grünen Tiefen zu sehen. Ihn einmal zu berühren, ohne dass sie beide vor Wut bebeten. So wie gestern Nacht…
Draco konnte den Blick nicht abwenden, als Harrys Atem ruhig und gleichmäßig über halbgeöffnete Lippen floss. Die harten Konturen seiner Gesichtszüge waren fort. Schlaf ließ Harry jünger erscheinen, beinahe… verletzlich.
Zögernd streckte Draco eine Hand aus, berührte sacht den dunklen, abstehenden Haarschopf, der sich wider Erwarten erstaunlich weich unter seinen Fingerkuppen ausmachte. Mit angehaltenem Atem strich er über Harrys Wange, zuckte zurück wie verbrannt, als ein gepeinigtes Stöhnen erklang. Und er verbarg sein Gesicht in den Händen, als er bemerkte, dass er es war, der diesen Laut hervorgebracht hatte.
Der Körper neben ihm bewegte sich unruhig, und Draco sah starr vor Entsetzen auf. Die Panik darüber, ob Harry die unmerkliche Berührung gespürt haben könnte, legte sich, als er die noch immer geschlossenen Augen sah. Unruhe beschlich ihn, als Harry begann, sich hin und her zu wälzen. Die Augen zuckten nervös unter den Lidern, auch Harrys Atmung beschleunigte sich zusehends.
Fragend rief Draco seinen Namen, versuchte ihn schüttelnd zu wecken – und spürte plötzlich kräftige Finger in seinem Haar. Verzweifelt danach greifend, als wäre er der letzte Anker zur Realität. Und jeglicher Verstand trat in den Hintergrund.
Da war nur noch Harry gewesen, der sich ihm entgegendrängte. Sein warmer Atem, der Dracos Gesicht streifte. Der über geöffnete Lippen glitt…
Was dann geschehen war... beinahe geschehen war...
Draco vergrub sein Gesicht in der Armbeuge und atmete zitternd aus. Er musste den Gedanken daran verdrängen, musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Alles andere würde die Situation nur noch komplizierter machen, als sie ohnehin schon war.
Es war schon Schlimm genug, dass er ihm seine Hilfe zugesichert hatte. Dass er sich von dem Klang seines Namens, von Harrys Flehen, von dem Flehen seines Feindes hatte betören lassen. Dass er so verdammt schwach war!
Er erinnerte sich an das Gespräch mit Snape in den dunklen Kerkern des Lords. An die Eiseskälte, die ihn ergriffen hatte, als er sich der Tragweite des Besprochenen bewusst geworden war.
An diesen letzten Satz, den Snape gesagt hatte:
„Ich weiß, was ich von dir verlange."
An das taube Gefühl seiner Zunge, als er geantwortet hatte:
„Ich denke nicht, dass Sie das wissen, Sir…"
Und an diesen letzten Blick aus dunklen Augen, in denen der Wahnsinn aufgeblitzt hatte.
„Doch, das tue ich."
Wahnsinn. Wissen. Mitleid.
Vielleicht wusste er es wirklich. Und diese Erkenntnis ließ Draco würgen.
Dies, und die Tragweite ihres Tuns.
Verrat.
Auf beiden Seiten…
Tbc…
