Ich kann gar nicht ausdrücken, wie sehr ich mich immer über eure Reviews freue! Deswegen ein herzliches Dankeschön an:

Zissy: grins Megan wird auch noch ne ganze Weile weiterleben ;o) Was Harry und Draco betrifft… da schweige ich lieber mal

MyHeartache: lach Für Risiken und Nebenwirkungen hafte ich nicht – das Lesen erfolgt auf eigene Gefahr! Da bin ich ja froh, dass ich dich bezüglich James/Sev gespoilert habe, sonst wärst du bei diesem Kapitel wohl aus allen Wolken gefallen gg Hermine sollte gar nicht als unsympathisch dargestellt werden, sie ist nur ziemlich überfordert und steht zwischen den Stühlen. Was ihre Loyalität betrifft: Dazu komme ich in späteren Kapiteln. Voldemort hat Snape ja ziemlich in die Ecke gedrängt – da blieben nicht viele Möglichkeiten ;o) Zu Megan: Ich war's nicht, das hat der Plot zu verantworten unschuldig guck Immerhin wurde sie ja gerettet ;o) Und ich liebe solch lange Reviews, also meinetwegen brauchst du dich da nicht bremsen ;o)

FirstKiss: gg Freut mich sehr, dass du Megan so magst – sie musste zwar viel durchmachen, kommt dafür jetzt aber auch noch öfter vor als bisher ;o) Plötzlich eintretende Ereignisse schützen vor Langeweile gg Snape hat selbstverständlich absichtlich verloren, allerdings so, dass es eben nicht ganz so offensichtlich ist.

Asuka: Deine Vermutung ist richtig – genau das ist es ;o) Geplant waren eigentlich so um die 25 Kapitel… da ich mich an diese Vorgabe nie und nimmer halten kann, schätze ich vorsichtig, dass es etwa 35 Kapitel werden, Tendenz steigend g Vielen Dank für das Lob an meine Beschreibungen :D

AmyBlack: Ja, so langsam kommt die Sache zwischen Harry und Draco ins Rollen und es ist schön, dass Megan anscheinend so beliebt ist, immerhin ist sie ja ein OC, die haben es sonst recht schwer ;o)

ooOoo

Tröstlich schützende Wärme umgab sie. Ein Geruch von Lehm und Wildblumen drang in ihre Nase. Sie konnte fremden Herzschlag spüren, beruhigend und gleichmäßig. Hörte Blättergeraschel. Das leise Knacken trockener Zweige. Dann eine Stimme, die wie knarrendes Holz klang:

„Pah, Ignis, was bringst du Nurai da?"

„Ein Menschenkind."

Wie Wellen drangen die Töne an Megans Ohr, durchbrachen jenen dunklen Kokon, in den ihr Geist sich zurückgezogen hatte.

„Was soll Nurai damit?", fragte die holzige Stimme ungehalten. „Und seit wann treibst du dich mit Menschen herum, hä?"

„Sie wurde von einem Werwolf angegriffen."

„Und du rettest jetzt alle Menschen, die dieses Schicksal ereilt?"

Megan versuchte zu blinzeln, aber ihre Augenlider waren schwer wie Blei. Ihr Hals, rau und trocken, schmerzte, als hätte sie Sand geschluckt. Verzweifelt versuchte sie die klebrige Schwärze zu durchbrechen, die sie umfing.

„Nein, aber…" Die Sprecherin, zögerte, ein Zittern ging durch den Körper, der Megan hielt. „Aber sie schrie. Und es berührte mich…"

Ein Lachen erklang, das Megan an ein keckerndes Eichhörnchen erinnerte.

„Wirst langsam sentimental, hä? Leg' sie ans Feuer, Nurai will sehen, was sie tun kann."

Megan spürte, wie sie auf etwas Weichem abgelegt wurde. Es schien unterschwellig zu vibrieren. Fast, als wäre die Unterlage ein Lebewesen.

Etwas benetzte ihre Lippen. Kräftige Finger, die einen betörenden Geruch nach Anis und Minze verströmten, gruben sich schmerzhaft in ihre Wangen, zwangen sie den Mund zu öffnen und die gallenbittere Flüssigkeit hustend zu schlucken.

„So ist's recht. Das wird dich wieder munter machen, Menschenkind."

Tatsächlich wich ein wenig der bleiernen Schwere von Megan. Schreiend durchbrach sie die Oberfläche der sie umgebenden Dunkelheit. Sie riss die Augen auf, doch jeglicher Laut erstarb auf ihren Lippen, als sie eine Gestalt über sich aufragen sah, die Kindermärchen entsprungen sein musste. Scharfe blaue Augen, von brennender Intensität, blickten spöttisch auf sie herab, aus einem Gesicht, das einem zu lange gegarten Bratapfel ähnelte.

„Ah, bist also wach. Und schreien kannst du immer noch." Die trockenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das einige Zahnruinen enthüllte.

Megans Unterlippe hing schlaff herab, ob der Hässlichkeit, welcher sie sich gegenübersah. Für einen Augenblick vergaß sie alles um sich herum, nahm nur die gichtigen Finger wahr, um einen knorrigen Stab geklammert; den kleinen, verwachsenen Körper, in dunkles Leinen gehüllt, das so viele Flicken aufwies, dass kaum ein Faden dem anderen glich.

Eine Bewegung am Rande ihres Sichtfeldes brach den Bann und Megan wandte jäh den Kopf. Sie schnappte nach Luft, als der Schmerz über sie hinwegspülte wie eine Welle. Sie hatte nicht geträumt... der schwere Leib, nur zur Hälfte Mensch... dunkle Haut… Haar von der Farbe fallender Blätter... Chaos. Tod. Angst. Sie hatte es nicht geträumt.

„Du...?" Megans Kehle zog sich zusammen, als die Pein sich zu einem dichten Klumpen ballte. Noch immer sah sie das verzweifelte Gesicht ihrer Mutter. So nah und doch unerreichbar.

Ignis' volle Lippen unter der markanten Nase, geformt wie der Schnabel eines Habichts, verzogen sich belustigt.

„Du solltest deine Reisebegleitung mit mehr Bedacht auswählen, Menschenkind."

„Pah! Bist ein dummes Menschenkind! Werwölfe sind schlechte Weggefährten." Die alte Frau tätschelte wohlwollend Megans Wange. „Sie sind nämlich nie wirklich stubenrein!", schloss sie und brach in meckerndes Gelächter aus.

Die aufsteigenden Tränen verwirrt fortzwinkernd, zog Megan die Nase schniefend hoch und richtete sich auf. Um sie herum ragten Eichen, Ulmen und noch andere Bäume auf, deren Namen sie nicht kannte. Das dichte Blätterdach ließ kaum einen Strahl des zunehmenden Mondes auf den Waldboden fallen. Dennoch war es recht hell, und das lag nicht an dem kleinen Feuer, in dessen Nähe Megan lag. Die Bäume selbst schienen zu leuchten – von innen heraus, in einem seltsam-grünen, unwirklichen Licht.

Aus den Augenwinkeln warf Megan einen neugierigen Blick auf den mächtigen, fuchsfarbenen Leib der Frau. Sie hatte von solchen Wesen gehört, hatte begierig Dracos Erzählungen gelauscht, von Hogwarts, doch vor allem von den Bewohnern des Verbotenen Waldes. Oh, aber es schmerzte so sehr, an Draco zu denken.

„Du bist ein Zentaur", stellte sie fest.

„Gut erkannt, Menschenkind." Milder Spott färbte die sanften Augen ein wenig heller. „Man nennt mich Ignis."

„Megan. Megan McDougal."

Megan wandte sich der alten Frau zu, die auf etwas herumkaute, das an eine grüne Eichel erinnerte. Sie hatte ihre bestrumpften Füße ausgestreckt und wackelte mit den krummen Zehen, die aus den Löchern herausragten.

„Und du bist…?", setzte Megan schüchtern an. Diese Waldhexe schien ihr suspekt. Unterschwellige Macht ging von diesem mageren Leib aus, nicht wirklich greifbar, nur zu erahnen.

„Ah! Hast dich an Nurai erinnert! War ja auch nur ich, die dich erweckt hat!" Nurai verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust und blitzte das verschreckte Kind aus zusammengekniffenen Augen böse an.

Trocken schluckend, setzte Megan zu einer Entschuldigung an, als Ignis sich tadelnd einmischte:

„Du machst ihr Angst, Nurai. Das Menschenkind hat Schlimmes durchgemacht, lass gut sein."

Die Hexe schnappte empört nach Luft, das faltige Gesicht puterrot, überschlug sich ihre Stimme:

„Angst! Das Menschenkind treibt sich mit Werwölfen herum und hat jetzt Angst? Vor Nurai? Vor Nurai muss sich niemand fürchten!"

Megan, so gar nicht überzeugt von Nurais Harmlosigkeit, kroch auf allen Vieren zurück, bis sie zwischen Ignis' Beinen kniete und machte sich ganz klein. Die Alte deutete mit ihrem Stock auf Megans zitternden Körper.

„Jetzt versteckt es sich, das dumme Menschenkind! Pah! Sie sind doch alle gleich, diese Menschen. Wo ist der Rest ihrer Sippe? Hä? Lassen eines ihrer Kinder ganz allein im Wald. Sind bestimmt geflüchtet vor dem Wolf und haben sie zurückgelassen. So sind sie, die Menschen. Deswegen will Nurai nichts mit denen zu schaffen haben!"

Verwirrt blinzelnd sah Megan zu Ignis herauf, die bedächtig beiseite trat und lächelnd den Kopf schüttelte.

„Wir müssen das Kind trotzdem nach Hause bringen, Nurai."

Wir?", brüllte die Frau so plötzlich los, dass Megan vor Schreck stocksteif wurde. „Nicht wir! Ich! Wohin geht denn der Wald, hä? Der Wald geht dahin, wo Nurai hin will. Ignis hat damit gar nichts zu tun! Elender, eingebildeter Klepper!"

Ignis sah unbewegt zu, wie Nurai schimpfend mit ihrem Stab auf den bemoosten Boden einschlug, nur der lange, rötliche Schweif schlug nervös hin und her. Megan wich langsam zurück, wollte sich hinter dem breiten Körper verstecken und lenkte so die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Äußerst flink kam Nurai heran, grabschte nach Megans Arm und zog das sich sträubende Mädchen näher. „Dann lass sehen, Menschenkind. Lass Nurai sehen, was passiert ist."

Sich verängstigt gegen den stahlharten Griff wehrend, schüttelte Megan den Kopf, als sich gichtige Finger auf ihre Stirn legten.

„Na, na, Menschenkind, Nurai will nur sehen, woher du kommst und welchen Weg wir einschlagen müssen…"

Megan hielt den Atem an, als sie sich wieder inmitten von schreienden Menschen befand. Der Rauch kratzte in ihrer Kehle, ließ sie würgend schluchzen. Grünes tödliches Licht – auch Megans Schreie mengten sich dem unheiligen Chor bei. Ihre Mutter stieß sie vorwärts, auf die Hügel zu. Ihre Schwester rannte vor ihr, das schmutzigblonde Haar leuchtete im Schein der gelegten Feuer glutrot. Dunkle Schatten rissen mit silbrigen Krallen tiefe Wunden.

Dann die bellende, raue Stimme eines Mannes, der sie an seine Brust presste:

„Rette, wen du willst, Snape, aber sie gehört mir!"

Ein Totenkopf am Himmel, so grün wie die Funken aus den Zauberstäben, eine Schlange wand sich aus dem geöffneten Mund.

„Schlimm, schlimm… aber nicht das, was Nurai wissen wollte…"

Ein heller Schatten legte sich auf die schrecklichen Bilder. Die Angst, der schmerzhafte Verlust ihrer Familie und die Panik ebbten ab. Das alles verschwand nicht ganz, doch es wurde erträglich, nicht länger erdrückend. Als lägen die Geschehnisse schon Jahre zurück und nicht erst wenige Stunden.

Der Geruch von wildem Salbei, so beruhigend vertraut umgab Megan. Ihr Blick nahm die grünen Hügel auf, das alte verfallene Kloster, und sie lehnte sich zufrieden gegen den warmen Körper Dracos. Ein Schatten fiel über sie, mit dem wohlbekannten Gefühl der Eifersucht erkannte sie Harrys Gesicht. Er lächelte und Draco spannte sich an, schien nur noch Harry zu sehen. Ihre Finger verschränkten sich miteinander und Megan wandte mit zusammengepressten Lippen den Kopf ab…

Meckerndes Gelächter ließ Megan blinzelnd die Augen öffnen. Als sie statt Dracos spitzer Gesichtszüge das faltige Antlitz Nurais über sich aufragen sah, spürte sie trostlose Leere in sich. Für einen Augenblick hatte sie wirklich geglaubt, wieder im Kloster zu sein. Und die Realität schmeckte so bitter.

Schniefend sah sie auf und war erstaunt, einen sanften Schimmer in den fesselnden hellen Augen zu erkennen. Mit einem Zungenschnalzen deutete Nurai auf das Feuer.

„Setz dich zu Ignis. Für heute soll es genug sein."

Wie betäubt stakste Megan mit wackeligen Knien zu Ignis, die sich beim Feuer niedergelassen hatte. Der warme Körper versprach Schutz und Geborgenheit, als Megan sich in die einladend geöffneten Arme schmiegte.

Ihre Augen folgten Nurai, die mit ihrem Stock auf die alte Eiche einschlug.

„Jetzt mach schon auf, sturer Baum! Lass Nurai gefälligst hinein!"

Erstaunen ließ Megans Mund aufklappen, als die Rinde knirschend aufriss und helles Licht aus dem Inneren hervordrang. Die verblassten Erinnerungen an den Überfall kamen ihr in den Sinn; sie fragte sich abermals, ob Nurai wirklich das war, was sie vorgab zu sein.

„Was hat sie mit mir gemacht?"

Ignis beugte sich schnaubend zu ihr herab, warmer Atem strich über Megans verschwitzte Stirn.

„Nurai ist sehr mächtig, sie kann…" Ignis stockte, der schwere Körper spannte sich an und Megan war augenblicklich hellwach, als die Zentaurin aufsprang und nach ihrem Bogen griff. „Still, Menschenkind, wir sind nicht länger allein!"

Ein Mann betrat die Lichtung. Der untersetzte, in weiches Leder gehüllte Körper bewegte sich lautlos, gebückt, als sei er auf der Jagd. Megan beobachtete, wie Ignis scheinbar gelassen einen der Silberpfeile auf die gespannte Sehne legte, und suchte Schutz hinter ihr. Ihre Angst hatte nun einen Namen – Fenrir Greyback und dieser Mann mit den braunen Augen unter dunklem, ungebändigtem Haare erinnerte sie an dessen Blutdurst. Abscheu färbte den Blick des Mannes dunkler.

„Ich bin hier, um mit der Herrin des Wandernden Waldes zu sprechen, Pugh!"

Die Stimme jedoch war weich und samtig, keinesfalls Greybacks raues Bellen. Dennoch war Megan auf der Hut. Ebenso wie Ignis, die ihre Waffe keinen Zoll senkte.

Herrin? Meint er etwa…?

„Gabriel!" Der Ruf ließ den Mann herumwirbeln. Falls möglich, spannte sich sein Körper noch mehr an, schien zum Sprung bereit, als Nurai ihm entgegenhumpelte. „Was willst du von mir?"

Ignis' Bogen spannte sich ebenfalls, und Megan hielt den Atem an, während Nurai, die Fäuste in die Hüften gestemmt, vor Gabriel stehen blieb.

„Sprich schon, Nurai hat nicht ewig Zeit."

Bedächtig zog der Mann namens Gabriel einen Pfeil aus dem Ärmel seiner hellbraunen Tunika.

„Ich habe das hier gefunden... Es steckte in einer Leiche."

„Einer von Ignis' Pfeilen, und die sind meist tödlich. Was interessiert es dich?"

„Er war ein Werwolf wie ich. Aber nicht irgendeiner…"

„Einer aus deinem Rudel?", fragte Nurai gleichmütig. Ihre Augen fixierten kurz Ignis, die mit den Schultern zuckte: „Ich kannte ihn nicht."

„Nein, war er nicht", mischte sich Gabriel aufgebracht ein. „Es war ein Mann namens Greyback!"

„So? Muss ich den kennen?" Nurai zuckte nicht einmal mit der Wimper, als Gabriel den kleinen Abstand zwischen ihnen überbrückte und sich grollend zu ihr hinabbeugte. Ignis' Körper erzitterte und Megan verkrallte wimmernd ihre Hände in weichem Schweifhaar.

„Er diente dem Unnennbaren! Es war der Wolf, der mich zu dem machte, der ich jetzt bin."

Nurai zeigte sich unbeeindruckt. Mit einer knorrigen Hand wedelte sie ungeduldig vor Gabriels Gesicht herum. „Dann sollte es kein allzu großer Verlust für dich sein. Und jetzt halte Abstand, Wolfsführer, dein Atem stinkt!"

Für einen Moment schien Gabriel zu stocken, dann richtete er sich fauchend zur vollen Größe auf. „Bist du von Sinnen, Weib?", brüllte er. „Hast du mir nicht zugehört? Er diente dem unnennbaren Lord! Und die da", er deutete auf Megan, der kalter Schweiß ausbrach, „hat ihn hierher geführt. Sie werden nach ihm suchen und unseren Wald finden. Sie werden uns finden!"

„Pah! Es ist immer noch mein Wald, Wolf!" Nurais Finger bohrte sich in Gabriels Brust. „Lass den selbsternannten Lord doch kommen. Ihn und seine Schergen! Benutzen immer noch Zauberstäbe – elende Anfänger! Stümper. Machtbesessene Menschen! Sie können Nurai nicht das Wasser reichen!"

Gabriel ballte die Fäuste, das Gesicht wutverzerrt trotzte er der aufgebrachten Nurai: „Du, die sich Neutralität nennt, hast dich eingemischt in die Abläufe. Jetzt trage auch die Konsequenzen! Wir müssen fort von hier, ehe sie kommen und nach ihm suchen. Was willst du tun, alte Frau, wenn sie Feuer legen? Was willst du tun, wenn sie in deinen Wald eindringen und alles Leben auslöschen?"

„Dir mangelt es an Respekt, elender Köter!" Nurai stieß ihren Stab zielsicher zwischen die Beine des Mannes, der röchelnd in die Knie ging. Seinem erstickten Stöhnen grinsend lauschend, kniff Nurai in eine seiner blassen Wangen, auf denen sich hektische Flecken ausgebreitet hatten.

„Worum wolltest du mich noch mal bitten?"

„Verfluchtes altes Weib!", würgte Gabriel nach Luft schnappend hervor. Ein Zungenschnalzen, begleitet von einem ungehaltenen Heben der Augenbrauen, ließ ihn beschwichtigend eine Hand heben. „Also gut… würdest du uns von hier fortbringen? Bitte…"

„Schon besser, Gabriel. Und jetzt hör auf zu wimmern wie ein hungriger Welpe und setz dich ans Feuer."

Zufrieden ausatmend, senkte Ignis ihre Waffe und zwinkerte Megan zu, die das Geschehen sprachlos verfolgt hatte. Die Furcht vor dem Mann war Verwirrung gewichen, dass er so mit sich umspringen ließ. Er machte auf Megan eher den Eindruck, als könne er der schmächtigen, gebrechlichen Hexe mit einem einzigen Griff den Hals umdrehen. Doch Nurai schien diese Gefahr völlig gleichgültig zu sein.

Während Gabriel sich mühsam aufrappelte und zum Feuer schleppte, ging Nurai zurück ins Innere des Baumes. Sie kehrte mit hölzernen Schüsseln beladen zurück, eine davon drückte sie Megan in die Hände. Erst jetzt wurde dem Mädchen bewusst, wie hungrig sie war. Der würzige Geruch ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Der grüne klumpige Brei sah allerdings alles andere als appetitlich aus; zweifelnd sah sie Ignis an, die ihr aufmunternd zunickte.

„Es ist nicht so schlimm wie es aussieht."

Nach einem letzten Luftholen hob Megan zaudernd den Löffel an ihre Lippen und tatsächlich: Es schmeckte gut. Herb und süß zugleich, keinem Geschmack zuzuordnen, den Megan jemals zuvor gekostet hatte. Sie verschlang den Inhalt regelrecht und wurde rot, als Ignis ihr lächelnd ihren Anteil abgab.

„So, Gabriel, und jetzt erzähle mir von diesem Greyback. Er hat das Kind angegriffen, obwohl der Mond noch nicht voll war."

Nurai deutete mit einem Kopfnicken auf Megan, was Gabriels Augen schmal werden ließ.

„Greyback biss auch dann, wenn er nicht verwandelt war. Die da ist von außerhalb. Was hast du mit ihr vor? Sie werden sie suchen."

Megan erschauderte unter den wütenden Augen, unwillkürlich rutschte sie näher an Ignis heran, die Gabriel warnend anfunkelte.

Die da steht unter meinem Schutz", antwortete Nurai kichernd. „Und Ignis scheint einen Narren an ihr gefressen zu haben. Also, denke nicht einmal daran, sie angreifen zu wollen."

„Sie ist eine von außerhalb", beharrte Gabriel. „Sie ist eine Gefahr!"

Megan schluckte und machte sich ganz klein. Sie fühlte sich plötzlich ausgeliefert und schuldig, obwohl Nurai Gabriels Bedenken mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite wischte.

„Pah, du scheinst mehr ein ängstlicher Köter denn der Anführer des Rudels zu sein. Das da ist nur ein Kind, nicht mal zaubern kann sie."

Zusammenzuckend presste Megan die Lippen aufeinander. Woher wusste Nurai, dass sie eine Squib war?

„Außerdem bist du damals auch halbverhungert in meinen Wald getaumelt und ich habe dir Obdach gewährt. Wer wirklich Hilfe braucht, der findet den Wald. Manchmal haben die Bäume ihren eigenen Kopf", erklärte Nurai gelassen. Sie grinste zufrieden, als sie die beiden leeren Schüsseln vor Megan sah und erhob sich.

„Trag das Menschenkind, Ignis. Sie wird zu müde sein, um Schritt zu halten."

Die Zentaurin nickte, griff nach Megan und setzte sie sanft auf ihren breiten Rücken. Quietschend umschlang Megan den menschlichen Oberkörper.

„Du brauchst mich nicht zu erwürgen, ich werde dich nicht fallen lassen", spottete Ignis.

Gabriel stand auf und verbeugte sich halb ergeben, halb widerwillig vor Nurai, die ihn lauernd betrachtete, bevor er sich anschickte, die Lichtung zu verlassen.

„Eines noch, Gabriel… Ihr Name ist Ignis. Solltest du diesen abscheulichen Ausdruck, mit dem Vates sie belegt hat, noch einmal aussprechen, werde ich dich wirklich entmannen – und dich dann rauswerfen!"

Jegliche Farbe wich aus Gabriels Gesicht, als er sich eine Entschuldigung murmelnd Ignis zuwandte. Die Zentaurin hob stolz ihren Kopf und wartete unbewegt, bis Gabriel im dichten Unterholz verschwunden war. Dann stand sie teilnahmslos da, beobachtete Nurai, die mit ihrem Stock auf den Boden stampfte.

Einmal.

Die Tiere des Waldes verstummten.

Zweimal.

Die Bäume schienen zu seufzen.

Dreimal.

Und der Boden erzitterte.

„Nicht mal Schlaf gönnt man einer alten Frau", murmelte Nurai, als sie an Ignis und Megan vorbeiging und das Dickicht sie, wie den Werwolf zuvor, ebenfalls verschluckte.

Ihrer maulenden Stimme folgend, bewegte sich Ignis gemächlich hinter ihr her, Megan sicher tragend. Sie folgten keinem sichtbaren Pfad, doch es schien, als würden sich Äste und Farn zurückziehen, nur um sich hinter ihnen wieder zu schließen.

„Ignis?", fragte Megan, die sich noch immer am Hals der Zentaurin festklammerte. „Warum hat er dich Pugh genannt? Was bedeutet es?"

Das rote Haupt sackte gleichsam mit den Schultern herab und Megan spürte ein Zittern durch den Pferdekörper gehen. Als Ignis den Kopf wandte und sie ansah, lag purer Schmerz in ihren sonst lachenden Augen.

„Es bedeutet Abschaum. Ich bin eine Verbannte meiner Herde. Und nur Nurai ist es zu verdanken, dass sie mich nicht getötet haben."

Megan schmiegte sich tröstend an Ignis' warmen Rücken, wie sie es so oft bei Draco getan hatte, wenn dieser traurig gewesen war.

„Warum?"

Ignis setzte ihren zielstrebigen Weg schweigend fort; Megan nahm an, dass sie keine Antwort mehr erhalten würde. Doch dann brach Ignis die Stille und in ihrer Stimme lag eine solch verzweifelte Melancholie, dass es Megans Brust zuschnürte.

„Weil ich begehrte, was verboten war…"

ooOoo

Severus lehnte seine Stirn gegen das kühle Fensterglas und schloss die Augen. Die letzte Nacht und der darauf folgende Tag hatten an seiner Substanz gezehrt.

Sie hatten Greybacks erstarrten Leib auf offenem Feld gefunden, von jenem Mädchen, mit dem er disappariert war, hatte jedoch jede Spur gefehlt. Bellatrix hatte den Kadi-Bagh, der die Leiche aufgespürt hatte, kaum im Zaum halten können, als dieser das geronnene Blut des Werwolfs gewittert hatte. Die Kehle war sauber durchbohrt; Severus hatte einen Pfeil vermutet. Grimmige Genugtuung hatte sich in ihm ausgebreitet, während er das bleiche Gesicht und die stumpfen Iriden Greybacks betrachtet hatte.

Der Lord war nicht erfreut gewesen, als Severus ihm Bericht erstattet hatte. Nicht, weil er Greyback so geschätzt hatte, sondern vielmehr, weil unter den Werwölfen augenblicklich blutige Kämpfe um die Rangordnung ausgebrochen waren. Der Dunkle Lord hatte ihn mit schmalen Augen verhört und schließlich mit zischenden Worten entlassen. Mehr brauchte es nicht, um Severus den Unmut zu verraten, mit dem Voldemort den Verlust Greybacks aufgenommen hatte.

Nun stand Severus erschöpft am Fenster und lauschte dem Wind, der um die Festung heulte. Das Ministerium war, wie einer der Spione zu berichten wusste, in heller Aufregung. Sie standen diesem plötzlichen Überfall hilflos gegenüber – so hilflos wie die Menschen, die ihr Leben hatten lassen müssen. Severus atmete zitternd aus, glaubte noch immer die Schreie der Sterbenden zu hören. Namenlose Opfer in diesem Krieg. Wie das kleine Mädchen, an dem Greyback wohl zum letzten Mal sein ekelerregendes Lechzen nach Blut hatte stillen können.

Gewaltsam verdrängte Severus die Geschehnisse der letzten Nacht, mit der jahrelangen Übung, die seinen Verstand vor dem drohenden Wahnsinn schützte. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Heulen des Windes, auf dunkle Wolken, die den Sommertag grau und trist erscheinen ließen. Der Sturm würde bald über dem regengepeitschten Land ausbrechen.

Wie in jener Nacht...

Severus erschauerte, als die Erinnerung überhand gewann, und sich dieses Mal nicht beiseite schieben ließ. Damals war es ebenso stürmisch gewesen, nur hatte der Vollmond die düsteren Wolken durchbrochen, ihre Ränder in fahles Licht getaucht.

Etwas zog sich in Severus' Brust zusammen.

Der Wind fegte über die für diese Tageszeit unüblich düstere Ebene, bog das lange, bleifarben schimmernde Gras.

Wie in jener Nacht... in der es begonnen hatte. Dieses schmutzige kleine Geheimnis, das James und ihn manchmal zu ersticken gedroht hatte…

Der dürre Ast reichte gerade bis zu jenem knotigen Wurzelfortsatz, von dem Sirius Black ihm höhnisch flüsternd erzählt hatte. Severus hatte mit sich gekämpft, hatte dem großspurigen Gryffindor nicht glauben wollen.

Nun stand er dennoch hier, vor der Peitschenden Weide, und tatsächlich: Die wirbelnden Äste erstarben mit einem Ächzen, kaum dass er den Knoten berührt hatte. Einen Augenblick zögerte Severus noch, in den von Sirius erwähnten Tunnel hinabzusteigen – der wider Erwarten doch existierte. Widerlich kalter Schweiß breitete sich zwischen seinen Schultern aus, lief sein Rückgrat entlang. Sirius' Blick war lauernd gewesen, nicht ungeduldig, wie sein Ton Severus hatte weismachen wollen.

Du willst anscheinend wirklich unser Geheimnis herausfinden, Schniefelus." Mit diesen Worten hatte er Severus vor wenigen Stunden abgefangen, als dieser versucht hatte Remus zu folgen. „Nur zu – wenn's hart auf hart kommt, wirst du dich eh nicht trauen, ganz allein in der Dunkelheit nach uns zu suchen..."

Severus ahnte, dass Black entweder log, oder ihm eine Falle stellen wollte, ihn nicht gerade subtil herausforderte, damit er auch wirklich erschien. Ja, wahrscheinlich würden er und die anderen drei lachend zuschauen, wie Severus unter die Weide zu kommen versuchte und diese ihn zu Brei schlug. Sicherlich hatten sie einen ganz anderen geheimen Treffpunkt, den sie aufsuchen würden, wenn Severus ihre Spur verlor.

Doch die Gier nach Rache hatte seinen einst besonnenen Verstand zersetzt wie Säure, bis er alle Vorsicht hatte fahren lassen; der Wunsch, es den Rumtreibern heimzuzahlen war größer. Er wollte ihnen jede Demütigung, jede Beleidigung, jeden einzelnen Streich dreifach vergelten. Und mit Remus Lupin würde er beginnen.

Severus erzitterte. Doch es lag an erwartungsvoller Freude, nicht an dem schneidend kalten Wind, der durch das Geäst rauschte. Wenn es ihm gelang, den Rumtreibern einen groben Regelverstoß nachzuweisen, konnte nicht einmal Dumbledore seine schützende Hand über sie halten, so wie er es immer tat. Vor allem über Potter... dem unfehlbaren Potter... während Severus mit einem gutmütigen Handwedeln und Nichtigkeiten abgespeist wurde, wenn er Hilfe bei dem alten Schulleiter suchte...

Verbitterung breitete sich in Severus aus, wenn er an James Potter dachte. Ja, er beneidete ihn. Ja, er war perfekt, er stellte alles dar, was Severus niemals sein könnte. Doch das genügte Potter nicht. Severus konnte lediglich vage erahnen, warum der Gryffindor ausgerechnet ihn so sehr verabscheute und es ihm jeden Tag auf Neue und genüsslich demonstrieren musste.

In den ersten Jahren hatte die Furcht Severus dazu getrieben, ihm aus dem Weg zu gehen. In den darauffolgenden hatte Hass die Furcht abgelöst. Das, und das erlernte Wissen um die Dunklen Künste, welches er sich nun nicht mehr scheute, auch einzusetzen... Inzwischen war Severus überzeugt, dass er gegen James Potter bestehen konnte – zumindest, wenn er diesen allein erwischte.

Dann war der Hass etwas anderem gewichen. Etwas, was Severus schweißgebadet aus verwirrenden Träumen aufschrecken ließ. Etwas, das Severus sich wünschen ließ, nicht länger James' Feind zu sein... dass er sich damals so verhalten hätte, wie es James gefallen hätte, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren...

Ein trockenes Knacken riss Severus aus seinen Gedanken – mit Entsetzen stellte er fest, dass die Weide wieder zum Leben erwachte. Keinen Gedanken mehr an die möglichen Gefahren verschwendend, rannte er auf jenes dunkle Loch zu, das sich inmitten der Wurzeln aufgetan hatte. Seine Füße rutschten ab, und er stürzte in die undurchdringliche Dunkelheit.

Der Aufprall presste alle Luft aus seinen Lungen; betäubt blieb Severus einige Minuten liegen. Sein schneller, rasselnder Atem klang in seinen Ohren sehr laut, als er sich aufrichtete. Wachsam seinen Zauberstab ziehend, verzichtete Severus darauf, einen Lumos anzuwenden; die Angst vor Entdeckung war zu groß.

Als Severus' Augen sich an die Finsternis gewöhnt hatten, konnte er flackernden Lichtschein in der Ferne ausmachen. Die Wände des Ganges waren feucht und glitschig, und Severus stolperte mehr als einmal, während er sich vorsichtig an den rauen Wänden entlang tastete. Der Weg schien endlos zu sein und langsam aber sicher glaubte Severus, dass Black ihn doch genarrt hatte – der Tunnel mochte zwar da sein, aber wahrscheinlich würde er in den See führen. Oh, welch einen Spaß würden Black und Potter haben, Severus beim Ertrinken zuzusehen...

Ein merkwürdiger Laut, halb Knurren, halb Schrei ließ ihn verschreckt innehalten. Severus' Herz schlug so stark in seinem Hals, dass er kaum noch Luft holen konnte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er kratzende Geräusche vernahm. Wie Krallen auf Stein...

Und sie näherten sich ihm!

Gelähmt vor Angst vermochte Severus keinen Muskel zu rühren; nun war auch hechelnder Atem zu hören. Seine Beine zitterten unkontrolliert. Der Schall schien von überallher gleichzeitig zu kommen, und Severus vermochte nicht zu sagen, wie nah ihm dieses Tier (Wesen?) bereits war.

Warme Finger an seinem Handgelenk lösten den Bann – Severus fuhr erstickt schreiend herum. Er erkannte die flüsternde Stimme augenblicklich und schloss erleichtert die Augen.

Schnauze, Schniefelus!"

Der zischend ausgestoßene Befehl wurde durch den qualvoll festen Griff an seinem Unterarm zusätzlich unterstrichen. Unter normalen Umständen hätte Severus keine Sekunde gezögert, James Potter die schlimmsten Flüche auf den Hals zu hetzen, die er kannte. Jetzt jedoch war er durchaus bereit, sich seinem Feind unterzuordnen.

Die Geräusche vor ihnen wurden lauter und James fluchte verbissen, während er Severus grob mit sich zog.

Lauf, du neugieriger Idiot! Lauf, wenn du nicht hier unten sterben willst!"

Und Severus gehorchte widerstandslos. Rutschend und stolpernd rannte er neben James Potter her, dessen Gesicht in dem Lumos-Schein seines Zauberstabes verzerrt und ängstlich wirkte.

Ein erneutes Knurren dicht hinter ihnen treib Severus an, schien seinen Füßen Flügel zu verleihen. Die ziehende Pein in seiner Brust allerdings machte ihm auf erschreckende Weise klar, dass er dieses Tempo nicht mehr lange durchhalten würde.

In seiner Panik war er sicher, heißen, stinkenden Atem dicht in seinem Nacken zu spüren, als James ihn erneut vorwärts stieß. Ein kleiner Kreis ließ Mondlicht ein, ließ den Ausgang des Tunnels in greifbare Nähe rücken, und entlockte Severus ein erleichtertes Aufstöhnen.

James schoss blind einen roten Funkelstrahl über die Schulter, woraufhin sofort ein Jaulen erklang. Wieder besseren Wissens wandte Severus den Kopf und erstarrte. Im fahlen Schein des Lumos rappelte sich eine massige, hundeähnliche Gestalt knurrend auf.

Das Wort "Werwolf" schoss durch Severus' Kopf. Und fast glaubte er, ein leises Klicken zu hören, als das letzte Puzzleteil an seinen Platz rutschte.

Lupin, der blass und kränklich aussah... vor allem, wenn der Mond sich rundete... Lupin, der entstellende Narben im Gesicht trug... Lupin, der vor ihm im geheimen Gang verschwunden war…

Hoch mit dir, verdammt!" James' Stimme kippte, als er Severus durch die schmale Öffnung drängte. Dieses angstvolle Schrillen trieb ihn mehr an, als jenes bedrohliche Knurren, das in seinem Rücken erklang.

Sie halfen sich gegenseitig an die Oberfläche. James zerrte geradezu verzweifelt an Severus' Robe, bis der fadenscheinige Stoff mit einem hässlichen Reißen nachgab. In der gleichen Bewegung berührte James den Knoten, der die Äste der Weide zu beruhigen vermochte. Sie waren fast in Sicherheit. Fort von der tödlichen Gefahr, in die Lupin sich verwandelt hatte.

Knapp außer Reichweite der Weide, versiegelte James mit jenem Ast den Eingang, den auch schon Severus verwendet hatte, bevor er zitternd zusammenbrach. James umklammerte noch immer Severus' Roben und riss ihn mit sich, ließ sich schwer auf den mageren Slytherin fallen.

In den sternenlosen Himmel starrend, ließ Severus zu, dass sein Rivale sein schweißnasses Gesicht an seiner Schulter vergrub. Er hörte kaum die phantasievollen Beleidigungen, mit denen James ihn flüsternd bedachte. Severus atmete die würzige, kühle Nachtluft gierig ein, die ihm nie köstlicher erschienen war. Sie roch nach Leben, Gras und Seife...

Und Severus wurde plötzlich bewusst, dass James sich mit einer Kraft an ihn presste, die seine Rippen schmerzen ließ. Dass James ihn nun ebenso verzweifelt umklammerte, wie zuvor seine Roben, als wolle er sich vergewissern, dass Severus da war. Und ganz. Dass Severus' Herz mit einer Vehemenz schlug, als wolle es sich aus seinem schützenden Gefängnis befreien. Dass es James' Geruch war, den er in sich aufnahm, als wäre er eine süchtig machende Droge.

Wie von selbst legten sich seine Hände auf breite, noch immer bebende Schultern, spürten das lebhafte Muskelspiel unter Roben und Haut. Wirres, seltsam weiches Haar bedeckte Severus' Gesicht, und er hob den Kopf, um seine Nase tiefer darin zu vergraben.

Die boshaft wispernde Stimme an seinem Hals sandte warmen Atem über Severus' blasse verschwitzte Haut, jagte heiße Wellen durch seinen Körper und weckte in Severus ein verbotenes Verlangen nach mehr. Mehr von diesem Duft. Mehr von dieser Nähe. Mehr von dieser schwindelerregenden Lust.

Wie kann man nur so dämlich sein?", stieß James zischend hervor und Severus' Unterleib zog sich zusammen.

Ich hätte dich einfach krepieren lassen sollen!"

Ein winziger Teil von Severus' Verstand, der sich Rationalität und Stolz bewahrt hatte schrie auf, als sein Körper Verrat beging und auf James Potter in einer Art und Weise reagierte, die Severus sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können.

Seit wann, zum Teufel, hörst du auf Sirius? Neugieriger geht's doch nicht mehr, du Idiot!"

Der Slytherin focht einen verlorenen Kampf. Es hatte einmal eine Zeit gegeben (und die war erst Stunden her), in der Severus die Beleidigungen souverän zurückgeschleudert hätte. Doch nun waren seine Wangen glühend heiß, während er sich fragte, wann James dieses untrügliche Zeichen an seinem Oberschenkel wohl bemerken würde. Dennoch brachte er es nicht über sich, Potter fortzustoßen und zu fliehen.

Vor sich selbst zu fliehen.

Was glaubst du eigentlich, was sie mit Remus gemacht hätten, wenn er dich erwischt hätte?"

Seine Finger fuhren von selbst durch seidiges Haar. Sein verräterischer Leib drängte sich James entgegen.

Sie hätten ihn von der Schule geworfen, und auch noch für immer weggesperrt, du mieser, kleiner..."

James stockte, hob zögernd, mit ungläubigem Blick den Kopf. Severus schloss schicksalsergeben die Augen, wollte den Ekel, die Abscheu nicht sehen.

Er spürte wie James ganz starr wurde. Anscheinend bemerkte dieser erst jetzt Severus' Hände auf seinem Körper, doch Severus vermochte sich noch immer nicht zu lösen. Im Gegenteil: Er musste dem Drang widerstehen, sich noch fester an James fest zu krallen, damit er nicht flüchten konnte.

Damit er ihn nicht allein ließ.

Sekunden vergingen, in denen James keinen Laut von sich gab. Von seiner ewigen Neugierde getrieben öffnete Severus nun doch die Augen. Die Fassungslosigkeit, gepaart mit aufflackernder Erkenntnis in James' Blick trieb scharfen Schmerz durch seine Seele. Doch er konnte keinen Ekel sehen, die Abscheu blieb aus. Stattdessen glaubte Severus etwas anderes zu erkennen. Verstehen.

Und ihm wurde heiß vor Angst. James Potter verstand anscheinend, und er würde nicht eine Sekunde zögern, dieses Wissen über Severus Snape der ganzen Schule preiszugeben...

Du...", setzte James heiser an, wurde jedoch von einer schrillen Stimme unterbrochen, die Severus eindeutig dem unwichtigen, kleinen Mitläufer der Rumtreiber, Pettigrew, zuordnete.

James! Was machst du denn da? Wir müssen hier verschwinden!"

So schnell als hätte er sich verbrannt, sprang James auf. Seine Augen glitten ein letztes Mal abschätzend über Severus' Gesicht, bevor er den atemlos näher kommenden Peter am Arm fasste und hinter sich herzog.

Regungslos blieb Severus auf dem Rücken liege, und fühlte sich so verlassen wie selten zuvor. Seine Gedanken schienen still zu stehen, als die Wolkendecke abermals aufbrach und den Vollmond enthüllte. Er konnte nur an eines denken: James Potter würde ihm spätestens morgen der absoluten Lächerlichkeit preisgeben. Und dennoch genoss er dieses sehnsuchtsvolle Ziehen, das durch dessen Nähe ausgelöst worden war.

ooOoo

Am nächsten Morgen musste Severus seine Füße regelrecht zwingen, ihn zur Großen Halle zu tragen. Die Flügeltüren gaben unter seinen bebenden Händen kaum nach und wäre seine Robe nicht schwarz gewesen, hätte sicher jeder den Angstschweiß erkennen können, der sich unter seinen Achseln ausbreitete. Die ersten Schritte ins Verderben brachte Severus mit zu Boden gesenkten Augen hinter sich. Doch dann hob er den Kopf; entschlossen, dieser Schmach nicht wie ein verurteilter Verbrecher entgegen zu treten.

Sein Mund öffnete sich vor Verblüffung, als niemand ihm auch nur mehr als einen flüchtigen Blick schenkte. Mit Erstaunen stellte er fest, dass Potter sein liederliches Geheimnis nicht enthüllt hatte. Noch nicht.

Severus wagte es, seinen Kopf verstohlen zu drehen und sah wie James ihn beobachtete. Noch immer abschätzend, wie gestern Nacht. Aus lauernd verengten Augen hinter den glitzernden Brillengläsern.

Severus fing an zu zittern, als sich glühende Hitze in seinem Körper ausbreitete. Sein Blut schien sich zu entflammen durch James' durchdringenden Blick. Er drehte sich auf den Fersen um und floh.

Die Erkenntnis seiner Feigheit trieb ihm bittere Tränen in die Augen, als er endlich in einem entlegenen Winkel der Schule Halt machte. Den Kopf an kalten Stein gelehnt, schluckte Severus seine Verbitterung mit geballten Fäusten herunter. Potter war sein Untergang. Gerade jetzt, nachdem er die köstliche Süße seiner Nähe gekostet hatte, war es eine körperliche Qual darauf zu verzichten.

Warmer Atem in seinem Nacken ließ Severus erstarren. Die fauchend hervorgebrachten Worte verwandelten seine Knie in eine weiche unbrauchbare Masse.

Du kannst nicht vor mir weglaufen, Snape. Und jetzt erzähl mir, was da gestern Nacht passiert ist!"

Herumwirbelnd verbiss Severus sich ein höhnisches Lachen. James stand so dicht vor ihm, dass er einen Schritt zurückweichen musste, damit seine große Nase nicht mit James' Kinn zusammenstieß. Wie sollte er Potter das erklären? War es etwa nicht offensichtlich genug gewesen, was in Severus vorgegangen war? Was wollte der verfluchte Gryffindor hören? War das nur eine neue Art, ihn zu erniedrigen?

Die Wand im Rücken gab es keine Flucht, als James sich gegen ihn drängte. Severus riss die Augen auf, als sich ein Bein zwischen seine schob, starke Finger gruben sich in seine Oberarme. So fesselnd wie der Blick, mit dem James ihn bedachte.

Ich warte, Snape!"

Jetzt entrang sich doch ein heiseres Lachen Severus' Kehle, als er aus den haselnussbraunen Tiefen mühsam auftauchte. Doch es galt nicht James – spöttisch und hoffnungslos zugleich galt es ihm selbst. Er hatte seinem Feind einen kostbaren Trumpf in die Hände gespielt, und er würde dafür bezahlen müssen. Warum also sollte er leugnen?

Hast du das Denken verlernt, Potter? Nicht mal dich habe ich für so dumm gehalten, als dass du nicht eins und eins zusammenzählen kannst..."

James sog scharf die Luft durch zusammengebissene Zähne. Die Stirn gerunzelt, brachte er sein Gesicht so nahe an Severus', dass dieser für einen winzigen (irrsinnigen) Augenblick glaubte, er wolle ihn küssen.

Du versuchst nicht einmal, es abzustreiten?"

Severus schnaubte nur abwertend und schwieg. Sollte doch Potter den nächsten Schritt tun. Die Stille zwischen ihnen war erdrückend und Severus dachte vor Anspannung zerspringen zu müssen, als James endlich flüsterte:

Also gut, Snape, ich werde niemanden von letzter Nacht erzählen..."

Die Überraschung ließ Severus' Kiefer kraftlos aufklappen. Er wollte seinen Ohren kaum trauen und noch weniger allen anderen Sinnen, als James Bein sich enger an seinen Unterleib presste.

Und du wirst niemanden erzählen, was du über Remus herausgefunden hast", fuhr James boshaft lächelnd fort.

Severus schloss sich auf die Lippen beißend die Augen, als sich James' Bein bewegte. Aufreizend langsam und doch eindeutig. Sein Körper reagierte, ehe er es verhindern konnte. Nur James zählte. Sein Geruch, seine betörende Präsenz. Das alles verdrängte jede Scham, jeden Funken Selbstachtung, der jemals in Severus existiert hatte.

Ich denke, damit sind wir dann quitt", schloss James rau und schwer atmend, bevor er sich aus Severus' Griff löste (wann genau hatte er seine Arme um ihn geschlungen?) und sich beinahe fluchtartig entfernte.

Nur noch ein zitterndes Bündel aufgeriebener Nerven, rutschte Severus schluchzend an der Wand zu Boden. Und er hatte sich niemals schmutziger gefühlt, als in dem Moment, als er mit schweißnassen Händen unter seine Roben griff und sich die Erleichterung verschaffte, die James ihm verwehrt hatte.

ooOoo

Noch immer verspürte Severus Verbitterung angesichts dieser Erinnerung. Schmal lächelnd, ließ er seinen Blick über die triste Landschaft gleiten.

Damals hatte Severus die nächsten Tage in der ständigen Angst verbracht, dass James gelogen hatte und sein Wissen doch noch ausplaudern würde. Zudem hatte James ihm mit erschreckender Regelmäßigkeit aufgelauert. Hatte ihn in dunklen verlassenen Fluren abgepasst, ihn in einsame Ecken gedrängt, verhöhnt, bedroht und erregt, bis Severus' Verstand in Fetzen gehangen hatte. Und immer wieder war es um Lupin gegangen.

Wenn du es verrätst, dann...

Nur ein Sterbenswörtchen, Schniefelus, und...

Ich warne dich, Snape, solltest du auch nur daran denken...

Er war aus dem Gryffindor nicht mehr schlau geworden. Die Unterrichtsstunden, die Slytherin mit Gryffindor hatte absolvieren müssen, waren zu einem Spießrutenlauf für Severus geworden: James' Blicke hatten sich regelrecht in seine Haut gebrannt. Es hatte fast so ausgesehen, als suche James Severus' Nähe. Und er hatte sich selbst dabei erwischt, wie er jene verlassenen Gänge aufgesucht hatte. Dass er es geradezu darauf anlegt hatte, James diese Gelegenheiten zu verschaffen.

Tatsächlich hatte kein Sterbenswörtchen seine Lippen verlassen – darüber, dass er gar nichts hätte verraten können, selbst wenn er es gewollt hätte.

Mr. Snape, jetzt beruhigen Sie sich doch... dank Mr. Potter ist Ihnen ja nichts geschehen!

Denn wie immer hatte James als strahlender Held dagestanden, während Severus' Zorn, Einwände, oder die Vorstellung, für irgendjemanden von Bedeutung zu sein, einfach zerschlagen worden waren. Dumbledore hatte nicht einmal in Erwägung gezogen Sirius für seine Tat zu bestrafen…

Ich will Ihr Wort, Mr. Snape!

Natürlich hatte er es James nicht erzählt, nicht vergebens war er nach Slytherin gesteckt worden. Jedoch bewies er sich damit selbst, wie er diese Begegnungen herbeisehnte, die sicher aufgehört hätten, wäre Potter beruhigt. Es hatte fast einem Tanz geglichen. Sie hatten einander belauert. Eingekreist. Hatten auf einen winzigen Fehler des jeweils anderen gewartet und die Luft schien zwischen ihnen zu brennen, sobald sich ihre Blicke getroffen hatten. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, wann dieses schwelende Pulverfass, diese neue Spannung zwischen ihnen, explodieren würde...

Severus ließ sich nach der Kräuterkundestunde absichtlich Zeit, ehe er das Gewächshaus in bebender Erwartung verließ. Er konnte diesen Ausdruck auf James' Gesicht gar nicht falsch gedeutet haben – zu gut kannte er ihn inzwischen.

In den dunkelsten Stunden der Nacht hasste er sich dafür, dass er James so vehement begehrte. Dafür, dass sein Herz allein schon bei dem verfluchten (schönen) Anblick Potters schneller schlug. Der letzte Rest Rationalität in ihm versuchte ihm klar zu machen, dass es niemals sein könnte. Dass es nicht funktionieren würde. Dass James Potter nur irgendein perfides Spiel spielte, mit der Absicht, Severus so tief zu demütigen, bis dieser sich am Boden wand.

War der Werwolf wirklich der einzige Grund dieser erzwungenen Nähe?

Doch der andere, größere Teil von ihm, lechzte nach der nächsten Begegnung, nach jedem einzelnen Wort, das James ihm zuflüsterte. Und Severus war bereit, alles auf eine Karte zu setzen. Dazu kam noch das Gefühl der Schuld...

Er stand in James' Schuld. Auch, wenn er es nicht wahrhaben wollte. Auch, wenn James Severus' Leben nur aus einem Grund gerettet hatte: Weil er Lupin schützen wollte.

Der inzwischen vertraute Körper presste sich an ihn, als Severus den Weg zum Schloss einschlagen wollte. Lächelnd ließ er zu, dass James ihn in eines der abgelegeneren Gewächshäuser drängte. Oh nein, heute würde er nicht als zitterndes Bündel unerfüllter Lust zurückbleiben.

James wispernde Stimme an seinem Ohr jagte heißkalte Schauer durch Severus' Körper:

Du hast dein Versprechen doch hoffentlich nicht vergessen, Schniefelus..."

Den letzten kläglichen Rest Verstand und Mut zusammennehmend, drängte sich Severus James entgegen, verstärkte den Druck, den James Knie zwischen seinen Beinen ausübte – ließ sich das Ganze nicht mehr passiv und unterwürfig gefallen. Und er genoss das erschrockene Keuchen.

Wie oft willst du mich das noch fragen, Potter? Wie oft willst du mir noch auflauern?"

Severus berührte mit seinen Lippen bewusst die gespannte Haut an James' Hals. Erhielt geschlossene Augen und ein leises Stöhnen als Lohn.

Wann hörst du endlich auf dich selbst zu belügen und gibst zu, dass du von mir so fasziniert bist wie ich von dir...?"

Ich verabscheue dich!", leugnete James heiser. Doch sein erregter Körper entlarvte die Lüge und entlockte Severus ein Lachen.

Natürlich..." Das glühendheiße Gefühl der Macht – Macht über James Potter – gab Severus die Courage, seine Hand über James' Hose streifen zu lassen. Dass James seine Hand nicht sofort fort schlug, dass er Severus nicht entrüstet ins Gesicht schlug, sondern nur ein wenig hilflos zusammenzuckte, ließ den Slytherin noch dreister werden – den Gürtel öffnen, um dann mit zitternden Fingern über samtige Härte zu gleiten, die zuckend nach mehr Aufmerksamkeit lechzte. „Redest du dir das auch ein, wenn du nachts meinen Namen keuchst?" Und dann gab Severus sich eine für seine Verhältnisse unübliche Blöße, als er zaudernd hinzufügte: „ So wie ich deinen."

Severus wusste, dass er hoch pokerte. Und er wusste, dass er gewonnen hatte, als James sich aufschluchzend an ihn lehnte. Als sich dessen Zähne schmerzhaft in seine Schulter gruben. Als James' warme Hand ihm den gleichen Dienst erwies. Als James abermals trocken schluchzte, Severus so verzweifelt umklammernd wie einige Nächte zuvor, Hände und Gesicht in Severus' langem Haar verbarg. Als James, so wie Severus, seinen Stolz opferte um zu gestehen, dass er um ihn tatsächlich Angst gehabt hatte, noch immer Angst vor dem hatte, was er gerade noch hatte verhindern können, als er zusammenhanglos stammelte:

Er hätte dich töten können... oh Merlin, er hätte dich töten können..."

Severus wusste aber auch, dass er verloren war. Dass er in dem Moment Herz und Seele verlor, in dem er sich vorbeugte und James küsste. Dass es keine Zukunft gab, obwohl James seinen Lippen mit derselben Leidenschaft begegnete, obwohl er unter Severus' ungeschickten, unerfahrenen Händen kam, obwohl Severus' Name als lauter Schrei die vollen, feuchten Lippen verließ.

Die Zukunft war in diesen Augenblicken, als sie sich bebend in den Armen lagen, als Severus ein verschämtes, kaum hörbares, schwer abgerungenes „Danke" an James' Brust erstickte, so unendlich weit entfernt. Und doch waren die dunklen Schatten beinahe greifbar...

Jene Schatten, die sie letztendlich verschluckt hatten. Ebenso unumkehrbar zerstört wie ihre einstige Liebe...

ooOoo

Draco erkannte Blaise, der sich ihm grinsend in den Weg stellte zu spät, als dass er einen anderen Gang hätte wählen können. Frustriert die Fäuste ballend, blieb Draco abrupt vor ihm stehen. Er hätte auf eine Konfrontation mit Zabini gut verzichten können.

„Was willst du?"

Blaises Lächeln vertiefte sich, als er abschätzend eine Augenbraue hob.

„Mit dir reden", antwortete er und seine Gelassenheit fachte Dracos Verärgerung nur noch mehr an.

„Ich wollte dich wissen lassen, dass du mir was schuldest", fuhr Blaise grinsend fort, als Draco beharrlich schwieg. „Ich habe dich mit Potter im Seitengang verschwinden sehen. Damals an seinem Geburtstag. Wenn ich Ginny nicht abgelenkt hätte, wäre sie garantiert über euch gestolpert."

Für einen winzigen Augenblick verlor Draco seine Selbstkontrolle. Offenen Mundes starrte er Blaise fassungslos an, ohnmächtig gegenüber der Hitze, die in seine Wangen schoss. Wie lange hatte Zabini sie beobachtet? Was hatte er im Halbdunklen erkennen können? Draco erschrak. Wahrscheinlich hatte Blaise genug sehen können. Dann fing er sich wieder; betrachtete abwartend Blaises spöttische Miene.

„Sprachlos, Draco?", fragte Blaise mit weicher Stimme. Er schien es zu genießen, dermaßen im Vorteil zu sein. „Was würde wohl dein Vater davon halten, dass du mit Potter…" Blaise ließ den Satz unvollendet; seine Zähne wirkten im Halbdunkel des Ganges sehr hell, als er lauernd lächelte.

Draco versuchte abzuwägen, was Zabini bezwecken wollte. Der unausgesprochenen Drohung zum Trotz arbeitete sein Verstand rational. Er bezweifelte, dass Blaise seine Beobachtungen jemanden erzählen würde. Blaise war auf seinen Nutzen bedacht – er würde dieses Druckmittel nicht einfach aus der Hand geben. Draco ignorierte den kleinen Seitenhieb auf seinen Vater.

„Ein Dankeschön wirst du wohl nicht erwarten, also wiederhole ich meine Frage: Was willst du?"

Plötzlich schien Blaise nervös zu werden. Sich flüchtig umsehend, stellte er sich dicht vor Draco und sah ernst auf ihn herab.

„Glaubst du, dass Potter gewinnen wird?"

„Ja." Draco antwortete, ohne eine Sekunde zu zögern. Doch er war sich bewusst, dass es Hoffnung und keine Überzeugung war.

In Blaises Augen weiteten sich überrascht. Anscheinend hatte er etwas anderes erwartet. Dann nickte er müde lächelnd.

„Ich hoffe du hast Recht, ansonsten haben wir uns wohl beide für die falsche Seite entschieden."

„Habe ich dir nicht erklärt, dass es keine Seiten mehr gibt? Warum bist du überhaupt noch hier im Kloster? "

Das Echo von Schritten, die sich ihnen näherten, ließ Blaise den Rückzug antreten. Er warf Draco einen letzten gehetzten Blick zu.

„Weil ich überleben will, Malfoy. Und weil mir, würde ich von hier fort gehen, nur noch eine andere Alternative bleiben würde." Blaises Finger, die sich plötzlich um Dracos Handgelenk schlossen, waren klamm, der Blick mit dem er ihn ansah, gehetzt. „Falls Potter gewinnt verlange ich, dass du dich für mich verbürgst, dass du beteuerst, mich nie auch nur in der Nähe der Todesser gesehen zu haben."

Draco spürte unpassendes Gelächter in sich aufsteigen, als er Blaise nachsah, der flink in einen Seitengang lief. Er sollte sich für Zabini verbürgen? Ein gutes Wort einlegen? Ausgerechnet er? Frustriert setzte Draco seinen Weg fort; nicht wissend ob er wegen Zabinis alberner Forderung wütend oder amüsiert sein sollte.

Blaise wollte anscheinend unter keinen Umständen in die Reihen der Todesser eintreten. Anscheinend wollte er sich sogar über jeglichen Verdacht erheben, dass er einer der ihren sein könnte. Er lächelte voll hämischer Genugtuung – Draco konnte sich noch gut an die ungläubige Herablassung erinnern, mit der Blaise ihn bedacht hatte, als er Andeutungen über seine Aufnahme gemacht hatte. Doch sein Lächeln gefror, als er sich mit vernichtender Endgültigkeit bewusst wurde, dass diese, wie auch immer geartete Beziehung zwischen Harry und ihm aufgeflogen war.

Gegen das grelle Sonnenlicht anblinzelnd, trat Draco ins Freie und schlug ohne weiter darüber nachzudenken den Weg zur Scheune ein. Blaises höhnische Bemerkung, was sein Vater von dieser Sache halten würde, hatte einen wunden Punkt in Draco berührt. Er wollte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen, was sein Vater darüber denken könnte – dass er es überhaupt jemals erfahren könnte.

Trotz der drückenden Wärme in der Scheune fröstelte Draco, als er an seinen Vater dachte: Es war der Ausdruck der Abscheu auf dem Gesicht seines Vaters, den er sich unwillkürlich vorstellte. Die Enttäuschung. Darüber, dass Draco nicht so geartet war wie gewünscht – in kaum einer Hinsicht. Auch wenn Lucius niemals etwas in dieser Art hatte verlauten lassen, war es Draco schon immer wie ein Kampf erschienen, die Anerkennung seines Vaters zu erlangen.

Kein Wort der Kritik, dass ein Schlammblut ihn in jedem Fach übertroffen hatte. Nicht einmal ein unwilliges Verziehen des Mundes, weil er Potter beim Quidditch niemals hatte besiegen können. Kein Zwang, kein Druck wie von beinahe jedem vermutet, der Lucius Malfoy begegnet war. Und dennoch hatte Draco immer das Gefühl gehabt, ein Versager zu sein.

Beim Quidditch versagt. In der Schule versagt. Der Versuch, die Ehre seiner Familie wiederherzustellen – ein Desaster, das noch immer an ihm nagte. Draco biss sich frustriert und strafend hart auf die Innenseite seiner Wange; jetzt war er drauf und dran diesen simplen Auftrag, besagte Ehre doch noch zu retten, zu vermasseln. Und nicht nur das stand auf dem Spiel.

Ich bin nicht hier, um dich zum Schafott zu führen. Und doch bin ich im Auftrag unseres Meisters zu dir gekommen. Er hat eine neue Aufgabe für dich. Und nicht nur du wirst dein Leben verlieren, wenn du scheiterst."

Draco erinnerte sich noch gut an die Angst, die er empfunden hatte, als Snape ihn damals aufgesucht hatte.

Was soll ich tun?"

Er hatte mit einem ähnlichen Auftrag wie der Ermordung Dumbledores gerechnet. Doch nichts hätte ihn auf Snapes folgende Worte vorbereiten können.

Um frei zu sein

Die staubige Luft brannte in seiner Kehle; Draco schluckte schwer. All diese Dinge… Harrys Hände in seinem Haar, scheue Küsse, brennende Blicke, wenn sie sich nur vom Weiten beobachten konnten.

... um deine Eltern, dich selbst, retten zu können...

Flüsternde Gespräche in der Dunkelheit, engumschlungen, begleitet von unschuldigem Streicheln über weiche Haut. Eine Lüge…

... musst du Potters Vertrauen erlangen

Eine Lüge, die Draco vergessen konnte, wenn Harry bei ihm war. Das Chaos lichtete. Und doch zerriss es Draco in jeder Sekunde. Es tat lediglich, je nach Situation, mal mehr, mal weniger weh.

... ihn vor den Lord bringen...

Er betrachtete das Dunkle Mal auf seinem Unterarm, welches Harry so penibel zu berühren vermied und das Brennen in seiner Brust wurde unerträglich, ließ ihn nach Atem ringen.

... und keiner von beiden darf Verdacht schöpfen...

Draco begann zu zittern, seine Hände waren kalt und klamm. Die Sehnsucht nach Harry wurde übermächtig, zwingend. Die einzige Möglichkeit, eine Art trügerische Ruhe zu finden. Eine Droge.

Die Welt schien zu verschwimmen, als er sich fahrig über die Augen wischte und Harry erblickte, der die Tür hinter sich schloss. Harrys Finger an seinen Wangen, warm und tröstlich. Und der erstickende Knoten in seiner Brust löste sich.

Ein simpler Auftrag und Draco glaubte, daran zugrunde zu gehen. An seinen Gefühlen – unerwünscht doch zweifelsohne vorhanden. Der Zerrissenheit. Dem Hass.

Hass auf all jene, die von ihm verlangten, dass er Harry verriet. Auf jene Menschen, die es inszeniert hatten, dass er hier war. Sich selbst. Schmerzhaft klar durchzuckte ihn die Erinnerung, als er Harry verzweifelt hatte warnen wollen, ohne sich selbst zu verraten…

Du bist so naiv, Potter. Auch die so genannten Guten wollen nichts weiter als gewinnen."

„Du solltest meine Seite nicht mit deiner vergleichen."

„Im Grunde genommen gibt es keine Seiten in diesem Spiel. Nur der Sieg zählt. Du bist auch nicht mehr als eine Figur auf diesem Schachbrett. Und sie würden dich ebenso opfern wie mich, wenn es dem großen Ganzen dient…"

Und er klammerte sich vehement an diesem zerbrechlichen Etwas fest, das sie zwischen sich aufgebaut hatten. Als er seine Arme um Harry schlang, sein Gesicht in dessen Halsbeuge vergraben, den vertrauten Geruch durch aufgeblähte Nasenflügel verlangend einsaugen konnte, brachte ihm das zwar die erwünschte Ruhe, dennoch hallte in seinem Kopf noch immer Snapes Stimme nach – ein fernes Echo, das fast vollständig verschwand, während er Harry küsste.

... wenn wir nicht alle sterben sollen, muss der Lord glauben, du handelst auf seinen Befehl.

Tbc…