Die lange Wartezeit tut mir wirklich sehr Leid, aber dieses Kapitel hier hat mich gefühlte einhundert Jahre meines Lebens gekostet g
Ein absolut begeistertes Dankeschön an:
FirstKiss: Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat :o) Die Ginny erwischt Draco und Harry Szene war eine der ersten, die ich zu dieser Story geschrieben habe, und da ich immer aufpassen muss, dass Draco nicht zu… weich gerät, passte es ganz hervorragend g
Blub: Vielen Dank für das Lob an Draco! Vor allem, da ich immer Angst habe, dass er eben doch OOC ist und dass man es schafft, die Charaktere IC zu halten ist wahrscheinlich eh das größte Lob, das ein Autor bekommen kann :o)
Zissy: Ah, sie ist halt doch loyal, wenn es hart auf hart kommt ;o)
Anhaenger Saurons: Vielen Dank! Das freut mich natürlich sehr :D
Seelentochter: Vielen Dank für dieses Lob, es freut mich, dass dir die Story so gut gefällt :D
None: Vielen Dank rotwerd Oh, Harry macht jetzt keinen Rückzieher mehr, was das betrifft steht er zu seinem Wort ;o) Leider konnte ich nicht ganz so schnell updaten, wie ich wollte, aber ich hoffe, dieses Kapitel entschädigt :o)
Lute: Es wird erst einmal weiterhin so spannend bleiben, bevor wieder so etwas wie Ruhe einkehrt g Ich hatte gerade am Anfang ein paar Hinweise auf Filch eingebaut, allerdings nicht so deutlich, dass es vollkommen offensichtlich ist g
MyHeartache: Ja, die Szene mit Ginny wie sie die beiden erwischt, zu schreiben hat auch sehr viel Spaß gemacht g Gerade Draco konnte ich mir in einer solchen Situation nur so und nicht anders vorstellen. Oh, wenn ich weiter so langsam schreibe, dann braucht diese Story noch eine geschätzte Ewigkeit, bis sie beendet ist g
Pinkfairy: Vielen Dank, das freut mich wirklich sehr :D
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Zwiespalt
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Lucius betrat gespielt gelassen den Saal; die Genugtuung auf Voldemorts blassen Gesichtszügen ließ ihn unwillkürlich schaudern – Severus' eindringliche Warnung tat ihr Übriges.
„Du hast dir Zeit gelassen, Lucius."
„Verzeiht mir, Mylord."
Mit einem kurzen Blick registrierte Lucius die wenigen Zeugen dieser Audienz: Rodolphus stand am Fuß der Treppe, die zum Thron führte, der Ausdruck auf seinem Gesicht war unlesbar. Ganz im Gegensatz zu Wurmschwanz, dessen Augen vor unterdrückter Schadenfreude förmlich glühten. Etwas störte ihn an diesem Bild, es kam ihm so vor als würde etwas fehlen, doch Lucius konnte nicht benennen, was es war. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Voldemort, dessen blutleere Lippen sich um einen Zoll mehr verzogen.
„Ich möchte dir jemanden vorstellen."
Rabastan Lestrange trat hinter dem steinernen Thron hervor, eine Hand in den roten Haaren eines verängstigten Mädchens vergraben. Es dauerte einen Augenblick, bis Lucius in ihr das Kind erkannte, dem er einst das Tagebuch zugesteckt hatte. Eine Weasley. Potters Freundin, wenn er richtig informiert war.
War sie der neue Köder?
Bedrückende Stille breitete sich aus. Voldemorts Blick schien Lucius regelrecht durchbohren, eine Reaktion erzwingen zu wollen.
Eine Katastrophe… Wie Recht du doch hattest, alter Freund.
„Mylord, ich befürchte, ich muss ablehnen." Lucius rang sich ein überhebliches Lächeln ab. „Zu jung für meinen Geschmack, aber vielleicht hat Rodolphus Interesse."
Der kalte, höhnische Blick mit dem Rodolphus Lucius bedachte, verriet, dass die Spitze ihr Ziel verfehlt hatte. Mit einer herrischen Geste bedeutete Voldemort Rabastan, dass er Ginny fortbringen sollte. Blanke Todesangst lag in den blauen Augen des Mädchens, als es mit hartem Griff durch den Saal gezerrt wurde. Die großen Flügeltüren schlugen dröhnend zu und wieder breitete sich Stille aus.
Sie war der neue Köder, ohne Zweifel. Hatte Voldemort letztendlich die Geduld verloren? Traute er Draco nicht länger?
Die zwingenden Augen Voldemorts verengten sich zu schmalen Schlitzen, während die hagere Gestalt sich erhob und auf Lucius zuschritt.
„Du wirst sie in zwei Tagen töten, Lucius. Und Potter wird dabei zusehen."
Jedes Wort war von einem Schritt begleitet, bis der Dunkle Lord direkt vor ihm stand. Lauernd umkreiste er Lucius, in dessen Ohren der Befehl widerhallte; ein endloses Echo.
„Rabastan, Rodolphus und Wurmschwanz werden dich begleiten", fuhr der Lord fort. „Vergiss nicht, Lucius, Potter soll nur zusehen – ihn hierher zu bringen ist die Aufgabe deines Sohnes."
Heiße Wellen hilfloser Wut schossen durch Lucius' Venen. Kein Laut kam über seine tauben Lippen, als er knapp nickte. Er fragte nicht, wie sie Potter dazu bringen wollten, die Sicherheit seines Versteckes zu verlassen. Die Antwort lag auf der Hand, wurde soeben durch finstere Gänge in Richtung der Kerker gebracht.
„Hast du nichts dazu zu sagen, Lucius?"
Warmer Atem streifte Lucius' Ohr. Er konnte unnatürliche Hitze in seinem Rücken wahrnehmen, die von Voldemort ausging, obwohl sie sich nicht berührten. Mit Mühe unterdrückte er den unwiderstehlichen Drang, herumzuwirbeln und Abstand zwischen sich und dieses Monster zu bringen. Er würde sich weder von verbrennender Wut beherrschen lassen, noch von seiner Abscheu. Nicht jetzt. Nicht, wenn er all seinen Verstand so bitter benötigte.
„Ein ungewöhnlicher Befehl, Mylord, den ich selbstverständlich ausführen werde."
„Selbstverständlich…" Die zischelnde Stimme floss über vor kaum verborgenem Spott. „Und natürlich wirst du erfolgreich sein. Erfolgreicher, als bei der letzten Aufgabe, die ich dir übertrug."
Die mehr als unterschwellige Drohung begleitend, legten sich Voldemorts Hände auf Lucius' Schultern, gruben sich schmerzhaft fest in dessen Haut. Lucius unterließ es, die Fäuste zu ballen und entgegnete mit ausdrucksloser Stimme:
„Ich werde Euch nicht wieder enttäuschen, Mylord. Darf ich mir erlauben, nach dem Grund zu fragen, aus dem Potter zusehen soll?"
Die knochigen Finger glitten anzüglich über Lucius' Arme abwärts. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt Lucius seinen Blick stoisch auf einen Punkt an der Wand gerichtet, verbot es sich, diese Hände fortzuschlagen.
„´E´ Hosghaj meq moj Ramhos sang Chalhos…"
Die geflüsterten, kehligen Laute ergaben keinen Sinn, entstammten keiner Sprache, die Lucius geläufig war und für einen winzigen Augenblick konnte die Verwirrung seinen Ekel verdrängen. Doch dann war da wieder dieser widerlich erhitzte Hauch an seinem Ohr, seinem Hals.
„Es gibt noch etwas, das du wissen solltest, Lucius."
Mit angehaltenem Atem gab Lucius dem unwiderstehlichen Drang nach, seine Augen zu schließen; doch nur für einen Moment, nicht länger als ein Wimpernschlag.
„Solltest du aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein, das Mädchen zu töten, sollte ich auch nur den leisesten Verdacht haben, dass du mich hintergangen hast, wirst du das bitter bereuen… und deine wundervolle Frau wird meinem treuen Diener Wurmschwanz zum Geschenk gemacht."
Kaltem Wasser gleich floss die Drohung durch Lucius' Verstand. Betäubend in ihrer Grausamkeit. Er sah Peter an, konnte den Triumph in dessen Augen erkennen, die Gier – und der Wunsch, den untersetzten Mann hier und jetzt zu töten wurde übermächtig.
Voldemort trat zurück, gab den Weg zur Tür frei, die Lucius mit einem Mal so unendlich weit entfernt schien. Wogen des Hasses ließen seine Sicht verschwimmen; doch auch jetzt noch siegte sein kalkulierender Geist, ließ nicht zu, dass er die Beherrschung verlor.
„Du kannst jetzt gehen, Lucius."
Jeder einzelne Schritt entsprang der puren Willenskraft und auch nachdem er mit klammen Händen die Tür zu seinen eigenen Räumen aufgestoßen hatte, war seine Miene bar jeder Emotion. Er sah Narzissa an – und es fühlte sich an, als sähe er sie das erste Mal. Die feinen Linien, Zeichen der Zeit, taten ihrer Schönheit keinen Abbruch. Noch immer umgab sie die Anmut ihrer Jugend. In ihren Augen konnte er unausgesprochene Fragen lesen, und in Lucius wallte das Verlangen auf, sie zu küssen, zu schützen, sie um Vergebung zu bitten, dass er sie dieser Gefahr aussetzte. Das er so blind gewesen war, Voldemort zu folgen und ihm eine Waffe überreicht hatte, die tödlicher als jede Klinge war.
„Was für einen Auftrag hat er dir erteilt?"
Severus' Stimme drang nur wie durch dickflüssigen Nebel zu ihm durch. Noch immer sah er seine Frau an, für die er mit Freuden in den Tod gehen würde, könnte er sie dadurch schützen. Doch sie wäre es, die für sein Versagen zu büßen hätte.
Ich frage mich, Lucius, was du bereit bist zu tun, um deine Familie zu retten.
Es gab, noch immer, eine einzige Antwort auf diese Frage.
Alles!
„Ich soll jemanden aus dem Weg schaffen, der dem Lord ein Dorn im Auge ist." Lucius' Hände zitterten nicht, als er nach der Weinkaraffe griff. „Nichts, was ich nicht schon früher getan hätte."
Er wandte sich Severus zu, der mit abschätzendem Blick an der Tür lehnte und lächelte ihn humorlos an.
„Nichts, für das ich deine Hilfe benötigen würde, Severus. Du solltest dich auf deine eigene Aufgabe konzentrieren."
Ein knappes Nicken als Antwort und deutliches Misstrauen in dunklen Augen. Lucius hielt der Musterung stand; war doch die Drohung zugleich eine Warnung gewesen: Sollte das Mädchen entkommen, sollte auch nur der geringste Verdacht bestehen, dass Lucius oder Severus Kontakt zum Orden aufnehmen würden, wäre alles verloren.
Das Mädchen diente nicht bloß dazu, Potter in eine Falle zu locken.
Was würdest du tun…
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Minervas Augen waren brennend auf den kurzen Brief gerichtet. In ihrem Büro herrschte bedrückte Stille, seit sie ihn vorgelesen hatte.
Bring mir das Mädchen. Bring mir Potters Freundin!
Verhalte dich danach unauffällig und warte. Wenn alles vorbereitet ist, schicke ich dir eine weitere Botschaft auf dem üblichen Weg. Du wirst sie McGonagall zukommen lassen und danach deine Belohnung erhalten.
Das Wappen war so gut wie eine Unterschrift: Filch hatte mit den Lestranges in Kontakt gestanden, hatte für sie spioniert. Und nur Merlin konnte wissen, was er alles herausgefunden hatte.
Moody hatte noch weitere Briefe gefunden, die jedoch keinen Aufschluss gaben. Sie enthielten nicht mehr als leere Versprechungen, Filch zu Macht zu verhelfen. Minerva konnte es kaum fassen, dass Argus sich tatsächlich auf diesen Pakt eingelassen hatte.
Doch jetzt war Filch verschwunden und es war fraglich, ob diese zweite Botschaft jemals eintreffen würde.
Wenn alles vorbereitet ist…
Was zum Teufel mussten sie vorbereiten? Hatte Voldemort die Geduld verloren und wollte auf diesem Weg Harrys habhaft werden? Er misstraute Snape – misstraute er auch Draco?
Harry war noch nicht so weit, sich dieser Gefahr jetzt schon stellen zu können. Der Orden war nicht so weit – sie selbst war es nicht.
Noch nie hatte sie so dringend Kontakt zu Severus herstellen wollen, doch war die Gefahr zu groß, dass Voldemort genau darauf wartete, dass es nichts weiter als eine Falle war. Selbst wenn Snape wüsste, was vor sich ging, wären ihm die Hände gebunden.
Sie blickte in die Gesichter der restlichen Anwesenden und sah Schmerz, Leid, Schuld und Entschlossenheit. Minerva glaubte, durch die Verantwortung erdrückt zu werden, doch sie wagte nicht einmal daran zu denken, Ginny einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Sie konnte jedoch ebenso wenig darauf hoffen, dass Severus sie befreien würde.
Eine weitere Botschaft, auf dem üblichen Weg…
„Wir warten", entschied Minerva fest und schloss geschlagen die Augen, als Molly aufschluchzte und Ron, wüst fluchend, aus dem Raum hastete.
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Ginny stolperte und schrie gepeinigt auf, als glühender Schmerz durch ihre Kopfhaut schoss. Der Todesser lockerte seinen Griff nicht, zerrte sie an ihren Haaren hoch, brachte sie zurück in die feuchte Dunkelheit der Kerker.
Ginny biss sich die Lippen blutig, um nicht – erbärmlicherweise – in ängstliche Tränen auszubrechen. Sie war am Ende ihrer Kraft. Die vergangenen Stunden hatten sich schier endlos dahingezogen; hatten sie jegliches Zeitgefühl verlieren lassen, während sie den Geräuschen der Ratten und ihrem eigenen, schnell gehenden Atem gelauscht hatte. Dann war dieser Mann gekommen, hatte sie, ohne jede Gefühlsregung in den grauen Augen, wortlos fortgezerrt und zu ihm gebracht. Als die glühenden Augen sie angestarrt hatten, zufrieden, als wäre sie ein lang ersehntes Geschenk, hatte schiere, rasende Todesangst ihre Gedanken beherrscht.
„Lumos."
Der kehlige Befehl entzündete die Spitze des Zauberstabes und Ginny erschauerte, als die modrige Luft des Kerkers sie einhüllte, während sie die Treppen hinunterging. Sie würde nicht darum betteln, in eine andere Zelle gebracht zu werden, würde nicht so schwach sein, zuzugeben, dass sie vor Furcht und Ekel beinahe wahnsinnig wurde, wenn sie an Filchs Leichnam dachte. Doch als sie ihre Zelle sehen konnte – Filchs Körper am Boden, Bissspuren an der schmutzigen Kleidung, im wächsernen Gesicht – spülte es ihre Selbstbeherrschung und ihren Stolz davon. Sie wollte nach dem Arm des Mannes greifen, wollte ihn anflehen, wollte ihn darum bitten-
Filch verschwand aus ihrem Blickfeld, als der Todesser einfach weiterlief und sie in die Zelle neben ihrer alten stieß. Eine Mauer lag nun zwischen ihr und dem toten Ex-Hausmeister von Hogwarts und Ginny schluchzte jämmerlich auf, teils aus Erleichterung, teils weil sie eine groteske Art von Dankbarkeit verspürte. Das schwere Gitter schlug hinter ihr zu und Ginny wirbelte herum. In den tiefliegenden Augen des Todessers lag nichts von dem Mitgefühl, das sie erwartet, erhofft hatte – nur kalte Berechnung; dann wandte er sich ab und verschwand im Gang und aus ihrem Blickfeld.
Ginny klammerte sich an die kühlen Gitterstäbe fest und rutschte langsam zu Boden, als die Finsternis sie einhüllte. Sie wusste nicht, warum sie heute noch nicht getötet worden war; diese leise Hoffnung, dass doch noch alles gut werden, dass der Orden kommen und sie retten würde fand neue Nahrung. Der Orden und Harry – oh, aber der Gedanke an Harry war so schmerzhaft wie zersplittertes Glas in ihrer Brust. Noch immer konnte sie die Bilder nicht verdrängen, noch immer sah sie ihn und Malfoy vor sich, ihre Leidenschaft und... Liebe? Noch immer spürte sie Wut und Trauer in sich.
Dennoch, mit jeder weiteren Stunde, die zäh und schwarz wie Pech verging, war sie bereitwilliger ihm alles zu verzeihen, alles zu vergessen, was vorgefallen war. Sie war sogar bereit, auf ihn zu verzichten, wenn sie nur überleben würde.
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Harry fürchtete sich ein wenig davor, Ron unter die zornsprühenden Augen zu treten. Noch immer gab er sich die Schuld daran, dass Ginny die sicheren Mauern des Klosters verlassen hatte. Doch es half niemandem weiter, wenn Harry sich jetzt versteckte. Er musste Ron wenigstens versichern, dass er alles dransetzen würde, Ginny zu retten, dass er-
„Ich weiß, dass du etwas damit zu tun hast, verdammt! Ihr steckt doch unter einer Decke! Wo ist sie?"
Rons aufgebrachte Stimme, die durch den spärlich beleuchteten Gang hallte, ließ Harrys Herz für einen Augenblick aussetzen – nur um doppelt so schnell weiter zu schlagen, als er Dracos höhnische Antwort vernahm:
„Ich hab nichts mit deinesgleichen zu schaffen, Wiesel! Was kann ich dafür, dass sie so dämlich war, das Kloster zu verlassen?"
„Ron, nicht. Lass es, bitte!" Hermine, eindeutig.
Wie durch Nebel bewegte Harry sich auf die Stimmen zu. Jeder Schritt fiel ihm schwer, so als würde er sich durch Schlamm kämpfen. Das Blut rauschte so laut in seinen Ohren, dass er nicht mehr verstehen konnte, was gesagt wurde. Dann sah er Ron, dessen Hände in Dracos Hemd gekrallt; das Gesicht rot und verzerrt, schrie er Dinge, die Harry nicht wahrnahm. Dracos Lippen bewegten sich und Ron ballte die Faust.
Für einen Augenblick schien die Zeit zu gefrieren – Dracos überhebliches Lächeln, Rons zuschlagende Faust, Hermines entsetzter Blick; das alles brannte sich förmlich in Harrys Netzhaut – dann flog Dracos Kopf zur Seite und Harrys Sicht färbte sich so grellrot, wie das dünne Rinnsal, das aus Dracos Mundwinkel lief.
Die Starre fiel jäh von Harry ab; zwei große Schritte genügten, um bei Ron anzukommen, ihn zu packen und gegen die Wand zu pressen.
„Harry! Nicht!"
Hermines erschrockene, Frieden herbeisehnende Stimme erreichte Harrys zorndunklen Geist nicht, ihre zerrenden Hände ignorierte er. Alles was er sah, waren Rons aufgerissene Augen, die Überraschung darin. Die Hände in dessen Pullover verkrallt, brachte er sein Gesicht dicht vor Rons. Kalte, ihn ganz und gar beherrschende Wut wurde nur durch die Tatsache gezügelt, dass er hier Ron vor sich hatte. Ron, seinen besten Freund.
„Tu das nie wieder", verlangte Harry tonlos.
Rons Augen weiteten sich um noch eine Nuance', ein überraschtes Keuchen kam ihm über die Lippen.
„Was? Bist du übergeschnappt? Lass mich endlich los, damit ich die Wahrheit aus Malfoy rausprügeln kann!"
Wie Wellen schlug der finstere Zorn erneut über Harry zusammen und Ron schnappte entsetzt nach Luft, als sein Rücken abermals gegen die Wand prallte.
„Er hat mit Ginnys Entführung nichts zu tun."
„Woher willst du das wissen? Er hat es geplant! Ich weiß einfach, dass er es mit Filch geplant hat! Er –"
„Ich weiß es, weil er mit mir zusammen war, als es passierte." Noch immer sprach Harry, ohne den unendlichen Zorn, den er verspürte, an die Oberfläche dringen zu lassen. „Er war mit mir zusammen. Jede freie Minute in den letzten Monaten, jeden Tag, jede Nacht."
„Harry."
Nur sein Name, ruhig über blutverschmierte Lippen gebracht und Dracos kühle Hand auf seinem Arm. Doch es genügte. Harry spürte, wie die Wut abflaute, nicht mehr brennend seinen Geist beherrschte, nur noch tief in seinem Inneren schwelte. Zurück blieb der schale Beigeschmack der vielleicht vernichtenden Wahrheit. Bedächtig löste er seine Finger, ließ Ron endgültig los und trat einen Schritt zurück. Noch immer lag Dracos Hand auf seinem Arm, beruhigend vertraut.
Ron spannte sich an, fixierte ungläubig Dracos besänftigende Finger auf Harrys Ärmel, stieß zischend die angehaltene Luft aus. Hatte zuerst noch Zweifel in seinem Blick gelegen, spiegelte sich jetzt Begreifen darin – eine Mischung aus Schmerz, Enttäuschung und Verrat.
Wortlos starrte er Harry an, atmete zu schnell, zu abgehackt; dann flackerte sein Blick zu Hermine, die, beide Hände auf den Mund gepresst, mit schreckensweiten Augen zwischen Ron, Harry und Draco hin- und hersah.
„Du wusstest es." Keine Frage, eine reine Feststellung.
Hermines Augen flehten stumm um Vergebung, als sie zögernd nickte.
„Ron, ich…"
Noch bevor Hermine aussprechen konnte, wandte Ron sich mit einem letzten verletzten Blick ab und rannte geradezu davon – wahrscheinlich damit er diesem Szenario schnellstmöglich entkam.
„Ron! Warte!" Hermine zögerte keine Sekunde, bevor sie ihm nachlief.
Mit einem Mal fiel die dumpfe Gleichgültigkeit von Harry ab und wich der beißend klaren Realität. Er hatte Ron angegriffen! Wie kaltes Eis rauschte die Erkenntnis durch seinen Körper, ließ seine Beine nachgeben. Harry stolperte einen Schritt zurück, spürte die Wand in seinem Rücken und rutschte daran herab, bis er auf dem Boden saß. Draco leistete keinerlei Widerstand, als Harry ihn zu sich herunterzerrte, seine Arme um Dracos Körper schlang und sein Gesicht an dessen Brust verbarg. Es erschreckte ihn, wie sehr es ihn nach Dracos Nähe verlangte, wie dringend er gerade jetzt diesen Halt, diese Wärme benötigte. Harry wusste, dass er eigentlich mit Ron reden müsste – stattdessen verstärkte er seinen Griff, genoss das Gefühl, Draco halten zu können, dessen schlanke Finger, die durch sein Haar und über seinen Nacken strichen.
„Das war so nicht geplant", murmelte Harry ohne aufzusehen. „Ich schätze, ich sollte besser sofort mit ihm reden."
Keine Antwort, nur weiche Lippen, die federleicht über Harrys Stirn glitten. Harry lehnte sich dieser Zärtlichkeit nur zu bereitwillig entgegen, wollte vergessen, aber dank der feuchten Spur, von diesen Lippen auf seiner Haut hinterlassen – Blut – konnte er die bittere Realität nicht länger ignorieren.
„Warum hast du das getan?"
Augenblicklich versteifte sich Harry, obwohl in der Frage nur leichte Neugierde mitgeschwungen hatte statt des üblichen Spottes. Sollte er Draco tatsächlich gestehen, dass er buchstäblich rot gesehen hatte? Dass sein Blut gekocht hatte? Allein die Vorstellung, dass Draco verletzt worden war, ließ seinen Körper vor Wut vibrieren. Harry wusste nicht, was geschehen wäre, wenn es nicht gerade Ron gewesen wäre. Wie weit er dann vielleicht gegangen wäre.
„Du kannst es einfach nicht lassen, den Helden zu spielen, oder? Und wahrscheinlich erwartest du jetzt auch noch, dass ich dir dafür danke."
Da war er wieder, dieser allzu bekannte Spott, der mit der Präzision eines Skalpells tiefe Wunden schlug. Schließlich hatte er eben seinen besten Freund angegriffen, sich ganz klar auf Dracos Seite gestellt – und das war alles, was Draco dazu zu sagen hatte? Ruckartig hob Harry den Kopf und sah Draco fassungslos an. Doch obwohl die blutigen Lippen zum erwartet höhnischen Lächeln verzogen waren, flackerte in den grauen Augen noch etwas anderes auf. Etwas, das Harry entspannt lächelnd ließ. Draco musste es nicht aussprechen –Harry verstand es auch so.
„Nein. Schließlich sollst du dir ja keinen Zacken aus der Krone brechen", erklärte Harry grinsend. Er vergrub eine Hand in weichem Blondhaar, presste seine Lippen kurz auf Dracos und flüsterte: „Trotzdem gern geschehen."
Für einen winzigen Augenblick krallte Draco sich an Harry fest, drängte sich ihm mit aller Kraft entgegen und erwiderte den Kuss, dann löste er sich und stand kopfschüttelnd auf.
„Du solltest gehen, bevor das Wiesel durchdreht."
Widerstrebend kam Harry ebenfalls auf die Beine; er war nicht sonderlicht erpicht darauf, sich Ron jetzt zu stellen – jetzt hatte er bereits zwei Gründe, sich ihm gegenüber schuldig zu fühlen – er wusste aber, dass jede vergeudete Minute es höchstens noch schlimmer machen würde. Innerlich seufzend sah er Draco an, der ihn mit hochgezogenen Brauen betrachtete, sich schließlich lächelnd abwandte und schon nach wenigen Sekunden hinter der nächsten Biegung außer Sicht war. Harry atmete tief durch und machte sich auf die Suche nach Ron, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was er sagen sollte.
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Megan stolperte, fing sich mit rudernden Armbewegungen und unterdrückte mühsam ein Gähnen. Die Sonne ging bereits unter; sie waren seit dem Morgengrauen gewandert und inzwischen wollte Megan nur noch die vertraute Lichtung erreichen und endlich schlafen. Sie warf Nurai einen fragenden Blick zu, doch die Hexe schien es nicht zu bemerken; ihre Augen waren starr nach vorn gerichtet, die faltigen Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Schon den ganzen Tag über war sie seltsam still gewesen, hatte nur mit einem melancholischen Lächeln auf die unbeholfenen Scherze des Mädchens reagiert.
Und mit jeder vergangenen Stunde wuchs in Megan die Angst, dass vielleicht etwas passierte. Etwas, das nicht mehr aufzuhalten war…
Da half es auch nicht, dass Ignis beruhigend über Megans Kopf strich – in ihren Augen lag eine Art Schwermut, die Megans Angst nur noch anfachte. Sie setzte zu der Frage an, was das alles zu bedeuten hätte, als Nurai mit zittriger Stimme die Stille brach:
„Wir sind da."
Blinzelnd sah Megan nach vorn und schnappte nach Luft: Sie hatten den Waldrand erreicht! Nach so langer Zeit bestand die Aussicht nun aus etwas anderem als Bäume und noch mehr Bäume; Megan konnte die schattenhaften Umrisse der Hügel am dunklen Horizont erkennen, der wohlbekannte Geruch des wilden Salbeis vermischte sich mit dem des Waldes – und nicht weit entfernt waren die beleuchteten Fenster des Klosters auszumachen.
Ihre Kehle war jäh wie zugeschnürt und ihre Augen brannten. Zum einen vor Freude, endlich wieder zuhause zu sein, zum anderen bedeutete dieser Anblick auch einen schmerzhaften Abschied.
„Hier trennen sich unsere Wege, Megan Menschenkind." Nurais gichtige Finger strichen leicht über Megans Wangen, wischten Tränen fort, die sie nicht bemerkt hatte. „Kein Grund, so ein Gesicht zu ziehen –"
Heiser aufschluchzend warf Megan sich in Nurais Arme und die Hexe verstummte. Sanft glitten die Finger durch Megans Haar, beruhigende Worte wurden geflüstert. Das Versprechen, dass sie sich wieder sehen würden, konnte den Schmerz nicht gänzlich verschwinden lassen – dennoch fühlte Megan sich seltsam erleichtert.
Mit fahrigen Bewegungen wischte sie sich über die Augen und zog die Nase hoch, bevor sie sich in Ignis' einladend ausgebreitete Arme stürzte. Auch hier fand sie Trost und den Zuspruch, dass es kein Abschied für immer sein würde.
„Wir werden uns wieder sehen, kleine Megan. Der Wald wird dich jederzeit finden, wenn du Hilfe brauchst."
Megans wässrige Augen fixierten erst Ignis und dann Nurai bittend, ihre Stimme überschlug sich vor lauter Eifer, ihre Freunde dazu zu bewegen, sie zu begleiten:
„Warum könnt ihr nicht einfach mitkommen? Ihr könntet Draco kennen lernen und Harry und –"
„Weil Nurai diesen Wald nicht verlassen kann. Sie ist Herrin und Gefangene zugleich, das ist der Preis der Macht." Nurai zerzauste Megans Haar und zwinkerte verschwörerisch. „Das ist uralte Magie, Menschenkind, das ist wahre Magie – kein albernes Zauberstabgefuchtel, keine Abhängigkeit von irgendwelchen Ästen, das ihr Zaubern nennt."
Kraftlos sackten Megans Schultern herab. Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, Draco wieder zu sehen und der Angst, Nurai und Ignis zu verlieren, für immer vielleicht, trotz aller Versprechen, war sie unfähig etwas zu erwidern. Die Zähne in ihre Unterlippe gegraben, blickte sie zu Boden, grub auch die Zehen in stummem Trotz tief in das weiche Moos und blickte erst auf, als sie Nurais Finger an ihrem Kinn spürte.
„Es wird Zeit – und vergiss nicht, was du Harry Potter ausrichten sollst."
Nickend schniefte Megan geräuschvoll und erst ein sanfter Stoß Nurais brachte sie dazu, zögerlich den Wald zu verlassen. Immer wieder sah sie sich um, betrachtete voller Trauer die gebückte Gestalt der Hexe und die hoch aufgerichtete der Zentaurin, bis der Wald scheinbar zu flimmern begann, sich langsam auflöste wie ein Schatten und schließlich gänzlich verschwand.
Stolpernd und schluchzend lief Megan weiter auf das Kloster zu, nicht einmal die Aussicht, Draco endlich wieder zu sehen, konnte sie in diesem Augenblick aufmuntern. Halb blind vor Tränen erkannte sie kaum die Tore, sah weder die Gestalten, die sich aus den Schatten lösten, noch, dass ein Zauberstab auf sie gerichtet wurde. Erst die aufgeschreckte Stimme eines Mannes riss sie aus ihren Gedanken.
„Alastor! Nicht! Es ist ein Kind!"
Zu spät für die Warnung, zu spät, als dass sie hätte flüchten können.
„Stupor!"
Megan wurde von rotem Licht eingehüllt, und stürzte in tiefste Dunkelheit.
ooOoo
Harry fand Ron schließlich auf dem Friedhof. Die Abendluft war drückend und trug nicht dazu bei, dass Harry das Atmen erleichtert wurde. Zumal Ron mit vor der Brust verschränkten Armen vor Hermine stand, die eindringlich auf ihn einredete.
„Ihr habt es beide nicht für nötig gehalten, mir das zu erzählen!"
„Ron, das ist nicht so einfach. Harry ist…" Hermine erblickte Harry und brach ab. „Ich werde jetzt gehen, damit ihr reden könnt. Reden, Ron!" Sie warf Ron noch einen bittenden Blick zu und ließ sie allein.
Der großgewachsene Junge sah demonstrativ in eine andere Richtung und Harry lehnte sich unbehaglich an einen der Grabsteine, ohne zu wissen, wie er anfangen sollte. Scheinbar wollte Ron es ihm nicht leicht machen und die Stille lastete unangenehm auf ihnen. Ein wenig vertrocknetes Moos von grauem Stein kratzend, holte Harry tief Luft.
„Es tut mir Leid", begann er, ohne zu wissen, was genau ihm Leid tat: Dass er Ron vorhin am liebsten verprügelt hätte, oder dass er ihn die ganze Zeit über angelogen hatte.
Das unangenehme Schweigen hielt an; Rons Körper schien vor Wut zu vibrieren und Harry glaubte zu hören, wie Rons Zähne knirschten. Harry wandte seinen Blick ab und betrachtete das Farbspektakel der Dämmerung am Himmel. Er kämpfte minutenlang mit den Worten, bevor er sie endlich zögernd herausbrachte:
„Ist es weil… naja, weil es ein Junge ist?"
Jetzt wirbelte Ron herum und Harry sah ihn wieder an; in den blauen Augen lag eine Mischung aus Verwirrung und Zorn.
„Das ist nicht irgendein Junge! Das ist Malfoy!" Mit einer Geste, die pure Frustration ausdrückte, fuhr Ron sich durch die Haare. „Du weißt schon, der Kerl, der uns seit Jahren nur Schwierigkeiten macht. Dem du bis vor kurzem noch die Pest an den dürren Hals gewünscht hast. Der Todesser nach Hogwarts geschleust hat!"
„Voldemort hat Dracos Eltern bedroht. Was hättest du in dieser Situation getan?", unterbrach Harry bemüht ruhig den Wortschwall.
Ron schnappte blinzelnd nach Luft, dann riss er den linken Ärmel seines Pullovers hoch.
„Siehst du hier irgendwo das Dunkle Mal? Sind meine Eltern etwa Todesser?"
„Und wenn sie es wären? Was, wenn du keine andere Wahl gehabt hättest?"
„Das… darum geht es hier doch gar nicht! Hat er dich mit einem verdammten Imperius belegt, oder was?", verlangte Ron mit sich überschlagener Stimme zu wissen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, seine hell auflodernden Augen fixierten Harry, der den Blick bemüht gelassen erwiderte.
„Nein. Aber ich habe mit ihm geredet, Ron." Harry lächelte, als er sich an seine eigene Ungläubigkeit erinnerte, wenn Draco von seiner Familie erzählt hatte. „Ich habe meine Meinung über Draco eben geändert."
„Deine Meinung geändert? Über Malfoy?", echote Ron fassungslos. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie sich das anhört?"
Harry wand sich innerlich unter den durchdringenden Blicken Rons. Er konnte sich nur zu gut vorstellen, wie verraten sich dieser vorkommen musste. Dennoch hatte er keine plausible Erklärung, keine, die Ron verstehen würde.
„Ron, es ist… eben einfach passiert…"
„Das passiert doch nicht einfach! Nicht mit Malfoy!" Aufgebracht ging Ron vor Harry auf und ab. „Man geht nicht einfach so hin und fängt was mit dem Feind an! Wie lange schon, Harry?"
„Anfang Juli", flüsterte Harry tonlos. Ron hielt inne und starrte ihn einen Moment lang entgeistert an.
„Wir haben Ende August… Zwei Monate, Harry? Zwei verdammte Monate, und du hattest nie die Gelegenheit, es mir zu sagen? Merlin, es ist ja nicht so, als hätte ich dich nie gefragt, wo du die ganzen Nächte über bleibst!"
„Es ist nicht so einfach gewesen, Ron. Was hätte ich denn sagen sollen? Wie hätte ich dir das erklären sollen?"
„Stattdessen lügst du mich lieber jeden Tag an?!"
Harry sah Ron nur hilflos an, ohne einen Laut über die tauben Lippen zu bringen. Vielleicht gab es keine Entschuldigung für sein Verhalten, dennoch konnte er es jetzt nicht mehr rückgängig machen; wollte es gar nicht.
„Und das vorhin…" Ron brach ab, schien mit den Worten zu ringen, bevor er fortfuhr, „da habe ich dich kaum wieder erkannt! Du hast mich wirklich angegriffen. Wegen Malfoy!"
Dracos Name wurde mit aller Verachtung ausgespieen, zu der Ron fähig war und in Harry kochte die altbekannte Wut hoch. Mit geballten Fäusten, sich nur mit Mühe beherrschend, ging er einen Schritt auf Ron zu.
„Hätte ich etwa daneben stehen und zusehen sollen? Ja, du hast Recht: Ich hätte euch die Wahrheit sagen müssen. Und ich hätte vielleicht nie den Mut gehabt, dir das mit Malfoy zu erzählen, wenn ich heute nicht einfach die Nerven verloren hätte! Ich bereue es, dass ich dich angelogen habe – das ist aber auch das einzige, was ich bereue!"
Als er Rons blasses Gesicht bemerkte, biss Harry sich auf die Zunge. Wieder hatte er zuviel gesagt, hatte sich hinreißen lassen.
„Es tut mir Leid."
„Du wiederholst dich", entgegnete Ron kühl. „Ich schätze, es dir tatsächlich ernst damit, oder?"
Mit einem knappen Nicken zerstörte Harry auch den letzten schwachen Hoffungsschimmer in Rons Augen. Mit zusammengepressten Lippen wandte er sich von Harry ab.
„Ich krieg das nicht in meinen Kopf, Harry."
Hilflosigkeit, lähmend in ihrer Intensität, breitete sich in Harry aus. Er war nicht in der Lage, Ron zu erklären, wie sehr er all dies bedauerte. Wie groß die Schuldgefühle waren, die in ihm wüteten. Dass er nicht wählen wollte – zwischen seinem besten Freund und Draco. Dass diese Wahl schon längst getroffen war.
„Ich… ich muss darüber erst noch nachdenken, Harry", fuhr Ron leise fort, als Harry beharrlich schwieg. „Aber ich muss eines wissen: Bist du dir sicher, dass er nichts mit Ginnys Entführung zu tun hat? Wirklich sicher?"
„Ja."
Ohne das geringste Zaudern hatte Harry geantwortet und Ron warf ihm über die Schulter einen langen abwägenden Blick zu, bevor er nickte und wieder die Hügel jenseits des Klosters betrachtete. Die Stille zwischen ihnen wog mehr als jedes abweisende Wort. Harry kämpfte mit sich, wollte Ron noch so viel mehr sagen, noch so vieles erklären, doch die ablehnend, steife Haltung seines Freundes ließ jede Silbe auf seinen Lippen ersterben.
Ein letztes Mal setzte Harry zum Sprechen an, hob unschlüssig die Hand; nur wenige Zoll waren seine Fingerspitzen von Rons Schulter entfernt – dann wandte er sich schließlich wortlos ab; gab der stummen Bitte seines Freundes um Distanz nach. Der Weg zum Kloster erschien endlos, dabei waren es doch nur wenige Yards, die er zurücklegen musste, bis die kühlen Schatten ihn umfingen.
Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die veränderten Lichtverhältnisse und so schien es, als würde Dracos schmale, an der Wand lehnende Gestalt, aus dem Nichts auftauchen. Harrys bekümmertes Herz schlug augenblicklich schneller, als er in Dracos Augen sah. Es lag keine Frage darin, nur Verstehen und Harry ließ sich nur zu gern in einladend ausgebreitete Arme ziehen. Er genoss das Gefühl, nichts erklären zu müssen, sich einfach in diesen sicheren Halt fallen lassen zu können. Dennoch wollte er erklären, wollte Draco in das einweihen, was eben geschehen war. Seufzend richtete Harry sich auf und keuchte überrascht auf, als Draco ihn grob hinter sich her in eine Nische zerrte. Erst jetzt hörte er die aufgebrachten Stimmen, die sich ihnen näherten und flüchtig bewunderte er Dracos Geistesgegenwart.
Dann blickte Harry auf und seine Brust zog sich nervös zusammen. Lupin und Alastor hasteten auf sie zu; im Fackellicht konnte Harry Remus' besorgtes Gesicht erkennen, seine bernsteinfarbenen Augen, auf das kleine Bündel Mensch gerichtet, an seine Brust gepresst. Dracos Finger gruben sich schmerzhaft fest in Harrys Arm, ein Zischen durch zusammengepresste Lippen war zu hören und Harrys Herz setzte einen Schlag aus:
Es war Megan, die leblos in Remus' Armen lag.
ooOoo
Die Spitze des Zauberstabes war direkt auf seine Brust gerichtet, dennoch entging Rabastan das leichte Zittern der großen Hand nicht. Durch die Sehschlitze seiner weißen Maske musterte er die angespannte Miene des Aurors, dessen hasserfüllt verengte Augen. Es war fast schon zu einfach, Kingsley zu benutzen. Eine simple Drohung hatte gereicht, ihn an diesen Ort zu locken.
Gelassen zeigte er dem Auror seine leeren Handflächen, als Beweis dafür, dass er unbewaffnet war; gleichzeitig spielte er seinen Trumpf lächelnd aus:
„Sie werden wohl keine Dummheiten begehen, Kingsley. Nicht, wenn das Leben Ihrer entzückenden Frau auf dem Spiel steht – von dem Ihrer Tochter ganz zu schweigen."
Der Zauberstab beschrieb eine hektische Kurve und senkte sich um wenige Zoll – Rabastan hatte gewonnen.
„Was wollen Sie?"
Kingsley war nicht käuflich, wie so viele andere, dennoch war seine Achillesferse offensichtlich.
Liebe…
Sie machte aus einem Menschen eine schwache, erbärmliche Kreatur.
Und Rabastan glaubte noch immer, dass qualvolle Schreie in seinem Geist widerhallten.
„Sie sollen Kontakt zum Orden aufnehmen. Ich habe eine Botschaft für das neue Oberhaupt." Rabastan trat dicht an Kingsley heran, konnte die Abscheu förmlich spüren, die von dem Mann ausging. „Sie sollten sich nicht zuviel Zeit lassen. McGonagall muss den Brief noch vor Sonnenaufgang erhalten und sie hat viel vorzubereiten..."
Ebenso wie ich.
Das Pergament raschelte leise, als es den Besitzer wechselte. Kingsleys Stirn war schweißbedeckt, als er den Brief mit zusammengepressten Lippen betrachtete. Erinnerte er sich vielleicht an den anonymen Hinweis, der einen versteckten Ort voller Gefangner offenbart hatte? Erinnerte er sich daran, dass dieser Hinweis Draco dem Orden in die Hände gespielt hatte?
Kingsley blickte auf und Rabastan konnte Wut und Ratlosigkeit in den dunklen Augen erkennen. Selbst wenn Kingsley den Zusammenhang erkannte, würde er nichts unternehmen. Nicht, solange dieses tödliche Damoklesschwert über dem Kopf seiner Familie schwebte.
Schwach… schwach und erbärmlich…
Wieder glaubte Rabastan das ferne Echo eines Schreis zu hören, eine bekannte (geliebte) Stimme, grausam verzerrt, für ein Versagen bestraft, das nicht das ihre war – und kalter Hass flutete seinen Verstand.
... und dennoch…
Ohne ein weiteres Wort, ohne eine Antwort abzuwarten, wandte Rabastan sich ab und verschwand in den dunklen Schatten der Nacht.
… liebe auch ich.
ooOoo
Für einen Augenblick glaubte Harry, seinen Augen nicht trauen zu können, doch das schmale, blasse Gesicht gehörte eindeutig zu Megan. Dracos Atem ging keuchend, streifte heiß Harrys Nacken und seine Fingernägel gruben sich haltsuchend in dessen Haut.
„Ich bin mir sicher, die Todesser haben sie geschickt!", knurrte Moody in diesem Moment und die absurden Worte ließen Harry nach Luft schnappen. Megan, eine Botin Voldemorts? Diese Idee war grotesk! Doch dann erinnerte er sich, dass Megan von einem Todesser entführt worden war. Hatten sie ihr wirklich eine Nachricht mitgegeben? Hatte sie deswegen überlebt?
„Die Todesser würden kein Kind schicken!", erklärte Remus mit schneidender Stimme und blickte Alastor über die Schulter hinweg wütend an. „Es gab keinen Grund, sie zu schocken!"
„Vielleicht ist das gar kein Kind, sondern ein mit Vielsafttrank getarnter Untertan von Du-weißt-schon-wem! Aber das werden wir so oder so bald herausfinden!"
„Sie ist direkt auf das Kloster zugelaufen, also muss sie das Pergament des Geheimniswahrers gelesen haben, Alastor", widersprach Remus, dessen Stimme sich durch die Entfernung beinahe verlor.
Eiskaltes Entsetzen zog Harrys Magen schmerzhaft zusammen; diese Möglichkeit war ihm nicht in den Sinn gekommen. Er konnte spüren, wie Dracos Körper sich anspannte, als wolle er vorstürmen und sich selbst davon überzeugen, dass es wirklich Megan war. Harry wirbelte herum, ergriff Dracos Schultern und sah fest in dessen aufgerissene Augen.
„Ich gehe und finde heraus, was da passiert ist."
Der unfokussierte Blick klärte sich nicht, als Draco sich unter Harrys Händen wand, um frei zu kommen.
„Nein! Ich will selbst…"
„Sie würden dir kein Wort sagen! Mir aber schon – du vergisst, dass sie dir nicht trauen."
Harry hasste sich dafür, Draco diese Tatsache so brutal ins Gesicht zu schleudern und die stürmische Wut, die ihm plötzlich aus verengten Augen entgegenschlug, nahm ihm fast den Atem.
„Bitte, Draco, lass es mich versuchen. Sobald ich etwas weiß –"
Voll ungeduldigem Zorn zerrte Draco an Harrys Hemd, zog ihn dicht an sich heran und in seinem Blick lag purer Schmerz.
„So schnell wie möglich, verstanden? Ich werde… warten."
Flüchtig berührten Harrys Lippen Dracos schweißnasse Stirn, dann nickte er und eilte Remus und Alastor hinterher. Den Kopf voller wirbelnder Fragen stürmte er in Minervas Büro und sah sich augenblicklich mit drei erhobenen Zauberstäben konfrontiert. Doch Harrys Aufmerksamkeit galt allein dem Kind, das noch immer bewusstlos auf Minervas Schreibtisch lag.
„Du solltest dir das nächste Mal gut überlegen, wen du überraschst, Potter", murrte Moody und senkte kopfschüttelnd seinen Stab.
„Was ist mit ihr? Wie ist sie hierher gekommen?", fragte Harry, ohne auf die Bemerkung einzugehen.
Minervas Stirn kräuselte sich leicht. „Das wissen wir noch nicht, Mr. Potter, aber vielleicht wäre es besser, wenn Sie…"
„Nein!", rief Harry schnell, der die Absicht erkannte. „Ich kenne Megan. Ich muss…" Er brach ab und sah die Anwesenden bittend an. „Ich muss wissen, wo sie gewesen ist. Megan ist… meine Freundin." Nur eine kleine Lüge, und Minervas Blick enthüllte, dass sie ihm nicht glaubte. Dennoch hob sie nickend ihren Zauberstab.
„Also schön: Enervate!"
ooOoo
Prickelnde Wärme breitete sich in Megans Körper aus und sie schlug blinzend die Augen auf. Sie wandte ihren schmerzenden Kopf und erschrak furchtbar, als sie der erhobenen Zauberstäbe gewahr wurde, die auf sie gerichtet waren. Dann erkannte sie Harry, der neben einem vernarbten Mann stand und sie stürzte ohne zu Zögern auf diese vertraute Gestalt zu. Mit aller Kraft klammerte sie sich an ihm fest, nicht auf die bestürzt warnenden Laute achtend, die jäh den Raum erfüllten.
Harry ging vor ihr in die Knie, schlang schützend seine Arme um ihren zitternden Körper und sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge: „Ich will zu Draco!" Kurz zauderte sie, dann presste sie ein „Bitte!" hervor.
Aus welchem Grund auch immer: Ihre Worte ließen Harry laut und erlöst auflachen, kurz verstärkte er den Druck, bevor er den restlichen Erwachsenen mitteilte:
„Das hier ist Megan und ganz sicher kein Todesser."
„Nicht so schnell, Potter", entgenete einer der Männer. „Noch ist nichts bewiesen. Wir wissen nur, dass sie von Todessern entführt wurde und jetzt hier ist, obwohl sie gar nicht mehr am Leben sein dürfte!"
„Ignis…", murmelte Megan an Harrys Schulter. „Ignis hat mir geholfen."
„Wer ist Ignis?" Harry strich beruhigend über den Rücken des Kindes, löste sanft Kletten aus schmutzstarren Haar.
„Nurai hat sie geschickt…"
„Und wer ist Nurai?"
„Könnte eine Todesserin sein", warf die knurrende Stimme von eben ein und Megan wirbelte mit einem Ruck herum. Alle Furcht vergessend, funkelte sie den alten, zernarbten Mann, der gesprochen hatte, wütend an.
„Nein! Nurai ist meine Freundin! Sie hat mich nach Hause gebracht!"
„Und hat dir deine Freundin zufällig eine Nachricht für Harry Potter mitgegeben?"
„Alastor…" Minerva McGonagalls Stimme klang warnend.
Megan zuckte schuldbewusst zusammen. Nurai hatte ihr tatsächlich aufgetragen, Harry vom Hosghaj zu erzählen – doch nun kam ihr kein Wort davon über die Lippen. Nicht, so lange der Orden sie misstrauisch anstarrte. Sie erinnerte sich daran, wie Nurai Gabriel und Vates in ihre Schranken gewiesen hatte und der Gedanke daran ließ ein Lächeln über Megans Gesicht huschen. Sie wünschte, die alte Hexe wäre jetzt hier und würde diesem unheimlichen Mann eine Lektion erteilen.
„Nein, hat sie nicht", log Megan. „Sie hat mich gerettet und nach Hause gebracht."
Minerva ging vor Megan, die sich noch immer an Harry festkrallte, ebenfalls in die Knie und lächelte sie beruhigend an.
„Erzähl uns bitte von Anfang an, was passiert ist."
ooOoo
Rabastan zeigte seinen Widerwillen nicht, als er in Wurmschwanz' unpassend triumphierende Augen blickte. Dieses Spiel konnte er nur mit höchstem Einsatz gewinnen – auch wenn der Preis unendlich hoch ausfallen könnte.
„Und du glaubst tatsächlich, dass Lucius so dumm sein wird, erneut zu versagen?" Die blassblauen Augen begannen nervös zu flackern, als Unsicherheit von Peter Besitz ergriff. Rabastan gestattete sich ein abschätzendes Lächeln. „Ich denke nicht, dass Lucius irgendwelche Skrupel hegen wird, solange seine Frau bedroht wird."
Peters Finger verkrampfen sich um den Weinkelch, dessen Inhalt er schon reichlich zugesprochen hatte. Rabastan schenkte noch immer lächelnd nach und wartete darauf, dass sein Köder geschluckt wurde.
„Der Dunkle Lord hat es mir versprochen!"
„Nur wenn Lucius dumm genug ist, einen Fehler zu begehen. Er wird sie töten, Peter."
Der Rotwein lief an Peters Mundwinkeln herab, als er wütend den Kelch an die Lippen setzte und gierig trank. Den Blick abwendend, zuckte Rabastan scheinbar desinteressiert die Schultern und stand auf.
„Aber vielleicht hast du ja Glück und er entdeckt, dass er ein Gewissen hat…"
Peters Finger an seinem Arm ließen Rabastan innehalten. Der untersetzte Mann starrte ihn mit blutunterlaufenden Augen verzweifelt an.
„Und was soll ich dagegen unternehmen?"
Der weinerliche Tonfall entlockte Rabastan ein ungeduldiges Schnauben, dennoch gab er dem bittenden Druck nach und setzte sich Peter erneut gegenüber.
„Ich, an deiner Stelle, würde die Gelegenheit nutzen, mir zu nehmen, was ich will, solange Lucius… beschäftigt ist."
Der Kelch entglitt Peters zitternden Händen und der wie Blut anmutende Rotwein breitete sich auf dem stumpfen Holz des Tisches aus. Nervös leckte Wurmschwanz sich über die gesprungenen Lippen, doch er wandte den Blick nicht ab, schien durch dieses verlockende Angebot hypnotisiert zu sein.
„Und was wenn… der Dunkle Lord…"
„Er muss es nicht erfahren, wenn du uns morgen Nacht nicht begleitest. Lucius wird keinen zweiten Gedanken an dich verschwenden, wenn ich ihm sage, dass du in Ungnade gefallen bist und du uns nicht begleiten wirst."
„Und Narzissa…"
„Wird dir gehören. Selbst wenn Lucius erfolgreich ist, wird sie nicht so dumm sein, es ihrem Mann zu erzählen."
Mit angehaltenem Atem wartete Rabastan auf weitere Einwände, auf Bedenken – doch Peter schluckte den Köder mit der erhofften Gier.
„Dann werdet ihr morgen auf mich verzichten müssen…"
Unwillkürlich schaudernd, brachte Rabastan ein letztes Lächeln zustande und wandte sich ab. Er hoffte inständig, dass er sich nicht irrte, dass er den Preis nicht zu hoch angesetzt hatte – dass Narzissa noch immer ihren Dolch trug.
ooOoo
Severus wusste, dass er seine Abreise nicht länger hinauszögern konnte. Er hatte geglaubt, die Lüge in Lucius' Augen deutlich zu sehen, und er hoffte inständig, dass er sich irrte. Wenn Lucius einen Fehler beging… Doch was, wenn er genau das Richtige tat? Was, wenn Lucius eine Falle erkannt hatte? Severus blieb nichts weiter, als ihm zu trauen. Trotz der Lüge.
Er hatte nie vergessen, wie die Augen eines Lügners flackerten, dieses unbewusste Zusammenziehen der Schultern, das kaum merkliche Verkrampfen der Hände. Und er hatte diese Gesten oft gesehen – zu oft.
„Es wäre auffällig, wenn ich ausgerechnet jetzt aufhören würde, Lily um eine Verabredung zu bitten…"
„Was wäre daran verdächtig? Du könntest auch einfach das Interesse verloren haben!"
Noch immer klangen diese flehentlich hervorgebrachten Worte erbärmlich in Severus' Ohren. Und James hatte den Blick abgewandt.
„Was soll das heißen, es ist einfach passiert?"
„Ich habe nicht damit gerechnet, dass…"
„Dass was? Dass sie auf einmal doch ja sagt? Dass sie plötzlich mit dir ausgeht? Verdammt, James, du…"
„Es ändert nichts zwischen uns, Severus."
Eine weitere Lüge: Alles hatte sich geändert. Doch Severus hatte sich durch James' Zärtlichkeiten einlullen lassen, hatte sich den streichelnden Fingern entgegengebogen, hatte das verräterische Zittern der Hände ignoriert.
„Heiraten? Merlin, Severus, du solltest weniger auf diese Klatschgeschichten hören! Sie zu heiraten stand niemals zur Debatte."
„Tatsächlich? Black schien mehr als nur überzeugt, als er es Lupin erzählte…"
„Glaubst du wirklich, ich würde dich anlügen?"
Wieder hatte Severus ihm geglaubt. Hatte ihm blind vertraut. Hatte sich erneut von diesem Lächeln betören lassen. Hatte die Zeichen ignoriert – und James hatte Lily Evans geheiratet.
Ein letztes Mal blickte Severus zurück; betrachtete die beleuchtete Festung, in der Lucius darauf wartete, seinen Auftrag zu erfüllen…
„Ich hoffe, du weißt, was du tust, alter Freund."
Das Flüstern ging im knisternden Geräusch seiner Disapparation unter.
ooOoo
Harry rieb sich müde über die brennenden Augen, während er Megan betrachtete, deren Geschichte die Anwesenden in erstauntes Schweigen versetzt hatte.
„Kindermärchen", murmelte Alastor halblaut und stierte das Kind missmutig an. Er schien noch immer nicht überzeugt.
Ebenso Remus, der zweifelnd nachgefragt hatte, als Megan von Werwölfen erzählt hatte, die in diesem ominösen Wald leben sollten. Einzig Minerva lächelte das Kind aufmunternd an.
„Ich denke, du bist müde und du wirst sicher deine Mutter und Schwester wieder sehen wollen. Remus, wenn du sie vielleicht herholen –"
Ein weißer Schatten brach durch die Wand und noch während Minerva mit aufgerissenen Augen nach Luft schnappte, begann der Patronus mit Kingsleys gehetzt wirkender Stimme zu sprechen:
„Wurde von Todessern gezwungen, euch zu kontaktieren. Die Nachricht lautet: Sonnenuntergang, Epping Forest, Essex. Sollte Harry Potter dort nicht erscheinen, stirbt das Mädchen eine Stunde nach Einbruch der Nacht…"
Der Patronus verschwand und hinterließ angespannte Stille. In Harry breitete sich eine seltsame Ruhe aus, als würde er die Szenerie durch die Augen eines Fremden betrachten: Minervas Blick voller Furcht und Panik, die zitternden Finger ineinander gekrallt. Alastor, der den Kopf resigniert auf die Brust sinken ließ. Remus, der mit blutleerem Gesicht fahrig am Schreibtisch Halt suchte.
Harry blickte auf Megan herab, die ihn ängstlich fragend aus zu alt erscheinenden Augen ansah, und lächelte beruhigend, bevor er den Blick wieder auf Minerva richtete.
„Sonnenuntergang also…" Selbst seine Stimme klang wie die eines Anderen; weit entfernt, körperlos. Harry räusperte sich und schüttelte den Kopf, als er den Protest in Minervas eingesunkenen Augen bemerkte. „Spielt es eine Rolle, ob ich ihm früher oder später gegenüberstehe?"
Minerva öffnete den Mund und schloss ihn, presste die Lippen zusammen, während sie Alastor einen undeutbaren Blick zuwarf.
„Noch ist nichts entschieden, Potter", mischte Moody sich ein, als wäre der kurze Augenkontakt ein geheimes Signal gewesen. „Außerdem ist es nicht so, als würden wir dich allein gehen lassen."
„Ich werde gehen!"
„Harry…" Remus' Stimme war spröde wie brechendes Holz. „Ich bin mir sicher, dass wir einen Weg finden…"
„Nein! Ich habe keine Wahl und Ginnys Leben steht auf dem Spiel. Ich werde mich hier nicht verstecken!"
Die seltsame Ruhe fiel von ihm ab und Harry fühlte sich nur noch unendlich müde. Zu müde, um mit Remus erneut über Dinge zu diskutieren, die unvermeidbar waren. Er ging in die Knie, drückte Megan kurz an sich und flüsterte ihr das Versprechen ins Ohr, dass sie Draco morgen in der Scheune treffen würde; dann verließ er ohne ein weiteres Wort den Raum. Alles in ihm schrie nach Dracos Nähe, nach dem Frieden, den er in dessen Gegenwart verspürte.
Vielleicht zum letzten Mal.
Dracos Blick flackerte gehetzt in seine Richtung, als Harry die Tür erleichtert hinter sich schloss.
„Es geht ihr gut. Sie wird morgen in der Scheune sein."
Die kantige Anspannung in Dracos Kiefer wich und ließ ihn plötzlich so viel jünger aussehen, als er war, klein und verloren. Heiser flüsternd wiederholte Harry Megans Geschichte, während er ungeduldig an Dracos Hemd zerrte und ihn zum Bett dirigierte.
Vielleicht zum letzten Mal…
Er berichtete von der alten Hexe, der Zentaurin und dem Wald; gleichzeitig sog er den Anblick blasser Haut in sich auf, wollte sich jeden Zoll einprägen und ignorierte den überraschten Blick aus grauen Augen.
Für einen kurzen Moment überlegte Harry, Draco wirklich alles zu erzählen – doch dann verwarf er den Gedanken: Dieser Augenblick gehörte ihnen.
Draco erwiderte die fahrigen Zärtlichkeiten Harrys jedoch, ohne Fragen zu stellen. Die Finger in weißblondem Haar vergraben, presste Harry seine Lippen auf Dracos, drängte sich dessen Körper vehement entgegen, den scharfen Schmerz missachtend, der durch seinen Leib schoss. Hinter seinen Lidern brannte es verräterisch und Harry vergrub seinen Kopf keuchend in Dracos Halsbeuge.
Mit keinem Wort erwähnte er die Botschaft Voldemorts.
Tbc…
