Ich weiß, es hat diesmal unverhältnismäßig lange mit dem Update gedauert. Ich muss zugeben, dass ich aufgrund meines momentan chaotisch-stressigen Privatlebens eine kleine Schreibblockade entwickelt und keine wirkliche Lust hatte, mich mit dem komplizierten Plot von Feuertanz auseinander zu setzen. Das ging sogar schon so weit, dass ich die Story am liebsten abgebrochen hätte. Aber ich habe dann doch noch die Kurve gekriegt (danke an dieser Stelle an Alraune, BlackPriestess und Chao die mich getreten haben g). Ich kann keine Versprechen in Sachen Schnelligkeit machen, habe mir aber vorgenommen, die Story noch dieses Jahr zu beenden.
Und jetzt dürft ihr aufhören zu lachen g
Ein herzliches Dankeschön an folgende Leute (ohne deren tollen Reviews ich evtl. wirklich einfach alles hingeschmissen hätte):
Zissy: Ins Unglück rennen gehört doch dazu ;o)
AmyBlack: Ein bisschen Schwung schadet ja nicht. Japp, ist grade die Ruhe vor dem Sturm ;o) nicht unbedingt ein gutes Zeichen g
Deedochan: Ich persönlich mag ja Ginny, auch wenn sie in einem H/D Plot schon gewaltig stört, deswegen konnte ich sie auch nicht einfach draufgehen lassen g
MyHeartache: Bei meiner Schreibschnelligkeit momentan ist es ja auch kein Wunder, dass du nicht mehr verpasst hast ;o) In Kapitel 23 ist zumeinen Wurmschwanz von uns gegangen und Ollivander musste auch dran glauben. Das mit dem Hosghaj ist schon ein wenig schwieriger zu erklären, aber ich versuch mich mal kurz zu fassen: Es gibt hier diese drei Größen (Gut, Böse, Neutral), die das Gefüge/Gleichgewicht (Hosghaj) bilden und zusammenhalten (das könnte man sich in etwa wie eine Glaskuppel vorstellen oder so). Schwanken jetzt die Machtverhältnisse, weil zb das Böse zuviel an Macht erlangt, bricht dieses Gefüge in sich zusammen. Nurai repräsentiert hier die Neutralität. Sie ist so eine art Beobachterin, die erst zum Einsatz kommen darf, wenn eigentlich schon alles den Bach heruntergegangen ist. Ignis ist nicht mehr als eine beratene Freundin.
Das war jetzt natürlich die Kurzversion. Ich hoffe nur, dass ich trotzdem etwas Licht ins Dunkel bringen konnte, aber ein zwei Sachen werden auch noch in der Story selbst geklärt :o) Kritik ist immer gut, dann weiß ich wenigstens, woran es hapert, was ich noch besser erklären muss ect. Ich bin da manchmal ein bisschen betriebsblind, schließlich kenne ich alle Zusammenhänge :o)
Btw, du hast Draco ziemlich gut durchschaut g
Lute: Vielen Dank für das Lob und das hundertste Review g Dass es so spannend ist, dass du Teile sogar übersprungen hast freut mich, mach ich auch oft beim lesen :o)
Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen und wünsche viel Vergnügen bei:
Die Ruhe vor dem Sturm
ooOoo
„Wenn das Licht sich der Dunkelheit übergibt, wird das Gefüge brechen. Warum glaubst du, sollte Potter zusehen? Der Tod des Mädchens hätte ihn einen Schritt näher an den Abgrund getrieben – der Dunkle Lord würde gewinnen…"
Wie dröhnende Glockenschläge hallten die Worte in Lucius' Geist wider, während er Rabastan durch die schwachbeleuchteten Gänge des Schlosses folgte. Die wenigen Informationen warfen nur neue Fragen auf, die Rabastan ihm nicht beantworten konnte, oder wollte, doch Lucius reimte sich einiges zusammen.
Hass schien der Schlüssel zu sein, und ob absichtlich oder nicht: Der Orden hatte dem Dunklen Lord direkt in die Hände gespielt. Was auch immer sie in Gang gesetzt hatten, jetzt war es kaum noch aufzuhalten.
„Hier trennen sich unsere Wege, Lucius. Der Dunkle Lord erwartet meinen Bericht."
Das Fackellicht tauchte Rabastans Gesicht in verschlagene Schatten und Lucius' Brust zog sich unter pulsierendem Misstrauen zusammen.
„Warum nur du allein? Was ist mit deinem Bruder? Was ist mit Wurmschwanz? Will er nicht ihre Version hören?"
„Hast du etwa wirklich geglaubt, ich würde Risiko und Nutzen nicht genau abwägen? Wenn auch nur die geringste Gefahr bestanden hätte, aufzufliegen, wäre die Göre jetzt tot und dein Gewissen mit einem weiteren Mord behaftet."
Rabastan grinste überlegen, doch Lucius erkannte das Flackern in den dunklen Augen. Mit zwei Schritten stand er vor Rabastan, drängte den Mann rücklings gegen die Wand und presste seinen Zauberstab an den ungeschützten Hals.
„Ich kenne bessere Lügner als dich", flüsterte Lucius, schmal lächelnd. „Was genau verschweigst du?"
Rabastan sog zischend die Luft ein; jegliches Grinsen war von seinen Lippen verschwunden.
„Ich sage die Wahrheit. Manchmal ist es besser, nicht zu fragen, Lucius. Manchmal befolgt man Befehle einfach, das solltest gerade du wissen. Ich habe die Chance genutzt, die er mir geboten hat."
„Und ist dir vielleicht in den Sinn gekommen, dass es ein Test sein könnte?"
Nur mühsam hielt Lucius den Zorn zurück, der in seinem Inneren tobte. Nach allem was er wusste, war es ein verlorener Kampf. Ob das Mädchen jetzt gestorben wäre oder nicht, der Dunkle Lord stand kurz vor dem Sieg. Für einen kurzen Augenblick überlegte Lucius, ob er Rabastan erzählen sollte, worauf es hinauslief. Ob er ihn über seine Befürchtungen informieren und die irrsinnige Hoffnung auf Triumph zerstören sollte.
„Ja, auch daran habe ich gedacht." Rabastan leckte sich nervös über die aufgesprungenen Lippen. „Mein Bruder wird nicht so dumm sein und zugeben, dass er heute Nacht… indisponiert gewesen ist."
„Und was ist mit Wurmschwanz?"
„Mit etwas Glück hat sich dieses Problem bereits erledigt."
Eine dunkle Ahnung stieg in Lucius auf. Eine Ahnung, die Narzissas Gesicht trug.
„Was in mir natürlich die Frage aufkommen lässt, welchen Köder du ihm zugeworfen hast, damit er sich den Befehlen des Lords widersetzt."
Lucius erlaubte sich ein knappes Lächeln, das jedoch von Rabastans ruhiger Antwort fortgewischt wurde.
„Es gibt nur einen Köder, den er schlucken würde."
Eiseskälte kroch durch Lucius' Körper. Die Luft schien sich zu verdichten, ein Vakuum zu bilden, das ihn einschloss, ihn betäubte, doch die schrecklichen Bilder, die sich ihm aufdrängten, betäubte es nicht.
Narzissa, die Augen dunkel vor Angst – und Peters Hände auf ihrer weißen Haut.
„Ich hatte keine Wahl, Lucius."
Rabastan brachte es fertig, bedauernd zu klingen, und jene fassungslose Ungläubigkeit, die Lucius' Verstand umgab, verwandelte sich in rasende Wut. Seine Faust verkrampfte sich in den samtenen Aufschlägen von Rabastans Roben. Seine Sicht verdunkelte sich; er sah nur noch Narzissa. Und Peter. Und der Wunsch, Rabastan auf der Stelle zu töten, wurde übermächtig.
„Du solltest jetzt sehr genau überlegen, was du tust, Lucius." Rabastan sprach schnell und eindringlich, als könne er die Mordlust aus Lucius' grauen Augen herauslesen. „Wie willst du dem Lord meinen Tod erklären? Was glaubst du, passiert mit dir und deiner Frau, wenn er erfährt, dass du deinen Auftrag nicht erfüllt hast?"
Tiefschwarzer Zorn brandete kalt wie Gletscherwasser durch seine Venen; die Spitze seines Zauberstabes drückte sich erbarmungslos in nachgiebiges Fleisch.
„Was, wenn ich es darauf ankommen lassen will?"
„Es gibt da noch etwas, was du wissen solltest, Lucius…" Wieder dieses überhebliche Verziehen der Gesichtszüge, das an Lucius' selbstauferlegter Ruhe zerrte. „Ich habe beobachtet, wie erst Severus und dann Narzissa auffällig oft das Schloss verlassen haben. Ich habe euch alle in seinem Auftrag bespitzelt – und ich habe geschwiegen. Ich wäre dir ein Verbündeter, der das Vertrauen des Lords genießt…"
Rabastans Augen waren zwingend auf Lucius gerichtet, während dessen Vernunft mit dem Wunsch nach blutiger Rache kämpfte und schließlich gewann. Auch wenn er dem Mann nicht im Geringsten vertraute, wäre es ein unschätzbarer Vorteil, Rabastan auf ihrer Seite zu wissen – außerdem hatte Lucius, so bitter diese Medizin auch war, keine andere Wahl. Von dem Moment an, da Rabastan ihn überrascht und Lucius das Mädchen hatte entkommen lassen, waren sie Verbündete gewesen.
Die Wut über Rabastans Hinterhältigkeit schlug noch immer hohe Wellen, doch sie brachen sich an seinem kalkulierenden Geist – für alles gab es eine Zeit und einen Ort. Rabastan würde nicht auf ewig ein Gleichgesinnter sein.
Lucius konnte auf seine Rache warten.
Ruckartig entließ er Rabastan aus seinem Griff, noch immer Narzissas Gesicht vor Augen. Noch immer Peters Hände vor Augen. Noch immer Mord und Rache sehnsüchtig abwartend.
„Wenn ihr etwas geschehen ist…"
Lucius musste die Drohung nicht aussprechen; Rabastan senkte zustimmend den Kopf, in den Augen noch immer jenes falsche Bedauern, als Lucius sich abwandte.
„Lucius!"
Lucius drehte sich nicht um, verharrte mit vor Anspannung vibrierenden Nerven, bis Rabastan die dröhnende Stille brach:
„Diese wenigen Informationen, die ich Bellatrix entlocken konnte, reichen nicht aus. Vielleicht weiß deine Frau mehr vom Hosghaj. Möglicherweise wurde sie von Bellatrix eingeweiht."
Lucius lief wortlos weiter, im Herzen die nagende Furcht, dass Narzissa vielleicht nicht mehr lebte, dass er sie vielleicht nicht mehr fragen, dass er sie nie wieder etwas fragen konnte, sie nicht mehr wiedersehen würde.
Die ersten Schritte waren, als würde er sich durch zähen Schlick kämpfen. Dann rannte er, mit zusammengepressten Lippen, Blutgeschmack auf der Zunge und einem peinigendem Ziehen im Herzen, bis er mit kalten, steifen Fingern die Türklinke herunterdrückte – das Schlimmste erwartend, auf ein Wunder hoffend.
Das rote Licht des heruntergebrannten Kaminfeuers tauchte Narzissa in einen warmen Schein, warf unstet tanzende Schatten auf ihren geraden Rücken und die Erleichterung berauschte ihn mit köstlicher Hitze. Für einen Moment sah er sie nur an, sog ihren Anblick in sich auf wie trockener Boden den verzweifelt erwarteten Regen. Ihr Gesicht spiegelte sich in dem Fenster, an dem sie stand, die blauen Augen ruhig auf ihn gerichtet.
„Ich hasse es, auf dich warten zu müssen."
Lucius konnte die Nächte nicht zählen, in denen er sie so gefunden hatte, in denen sie genau diese Worte bei seiner Rückkehr von potenziell tödlichen Aufträgen ausgesprochen hatte. Er trat dicht an sie heran, sog ihren puderig-sanften Geruch in sich auf und sein Herz schmerzte vor Schuld und Liebe. Ihre weiße Haut wies keinen Makel auf, nur die verspannte Kurve ihres Nackens verriet, dass sie ein Geheimnis vor ihm hatte. Lucius berührte ihren schlanken Hals mit geöffneten Lippen;, schmeckte Salz und Kupfer. Sie lehnte sich zurück, suchte Halt und Wärme, und Lucius schlang besitzergreifend die Arme um ihren Körper.
„Es tut mir Leid", flüsterte er mit brechender Stimme. Narzissa versteifte sich unmerklich, doch sie antwortete mit gespielter Heiterkeit:
„Severus hat mir Gesellschaft geleistet."
„Severus?" Der Name schmeckte so fremd, als hätte er ihn niemals vorher ausgesprochen. „Severus war hier? Die ganze Zeit?" Er konnte die Hitze ihres Körpers an seiner Brust spüren, die Vorsicht aus jedem ihrer neckenden Worte heraushören, mit denen sie ihn ablenken wollte.
„Du wirst doch nicht etwa auf einen alten Freund der Familie eifersüchtig sein, Lucius. Ich denke nicht, dass ich seinem Geschmack…"
„Hat er Peter getötet?"
Lucius betrachtete aufmerksam ihr Spiegelbild, während er ihr die Worte zuraunte: Die sich öffnenden Lippen, die aufgerissenen blauen Augen; ein tobender Sturm des Entsetzens. Narzissa erzitterte, warf sich in seinen Armen herum, wich einen Schritt zurück, sah ihn an. Ihr Gesicht hatte alle Farbe verloren, Lucius konnte an ihrem Hals den Puls rasen sehen. Und die Lüge brach in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
„Woher…?"
„Spielt es eine Rolle? Ich weiß es."
„Lucius…" Sie wich seinem prüfenden Blick aus, grub die Zähne in die Unterlippe.
„Du wolltest es mir verschweigen", stellte Lucius ruhig fest. „Warum?"
„Severus kam rechtzeitig. Und ich wollte nicht, dass du mich so ansiehst." Sie öffnete die Augen, legte zärtlich eine Hand an seine Wange, strich über die Konturen seines Gesichtes. Obwohl kein stummer Vorwurf ihren Blick flackern ließ, konnte er für einen kurzen Moment das Grauen erkennen, das sie erlitten hatte – und er war nicht da gewesen, um sie vor der Gefahr zu schützen. „Ich wollte nicht, dass du dir Vorwürfe machst."
„Du kennst mich gut." Lucius sprach ruhig, dennoch konnte er den angespannten Ton kaum unterdrücken. „Es tut mir Leid…"
„Nicht!" Ihre Finger legten sich auf seine Lippen. „Du konntest dich dem Befehl nicht widersetzen." Sie lächelte. „Du wirst irgendwann einsehen müssen, dass es Dinge gibt, die nicht einmal du ändern kannst."
Lucius überging ihren ablenkenden Spott; die Situation war zu ernst. Er hätte sie verlieren können. Für immer, und es zerriss ihn fast bei dem Gedanken daran.
„Ich werde dich nie wieder allein lassen."
Narzissas Blick war weich und liebend. „Lügner", flüsterte sie, bevor sie ihn küsste.
Ihre Lippen waren ein süßer Kontrast zu ihren Zähnen, die sich in seine Unterlippe gruben. Begehrend. Strafend. Lucius nahm den Schmerz bereitwillig an, drängte sie zurück, gegen die steinerne Wand. Er sah sie an, die feinen Linien ihres Profils, erkannte die dunkle Erinnerung in ihren Augen und wich zurück.
„Narzissa…" Ihr Name war heiseres Stöhnen. „Nicht so…"
„Doch. Ich brauche dich, Lucius. Jetzt."
Narzissas Hände griffen nach ihm, waren fiebrig heiß auf seiner Haut, voller Ungeduld zerrten sie an seinen Kleidern. Ihre Beine, um seine Hüften geschlungen, ihre Lippen an seinem Ohr, anfeuernde Worte wispernd, ließen den Vorsatz, auf sie zu verzichten, in einem Funkenregen der Lust verglühen.
ooOoo
Minerva schloss für einen Moment die Augen und rieb sich mit den Fingerspitzen über die pochenden Schläfen, bevor sie sich erneut den Aufzeichnungen zuwandte. Die Tabellen und Schriftzeichen verschwammen im flackernden Kerzenschein, schienen sie zu verhöhnen, ergaben keine Antworten auf ihre Fragen, wo des Rätsels Lösung doch zwischen den Zeilen zu tanzen schien; so nah, und doch nicht zu erfassen. Sie kannte jedes Wort auswendig, hatte schon viele Nächte wie diese mit dem Studium der Tabellen verbracht, und doch hatte nichts davon eine klare Bedeutung. Eine Mondfinsternis im September schien ihr nicht besonders wichtig zu sein, dennoch war es der Schlüssel; jenes Ultimatum, das Voldemort Draco gestellt hatte. Der Zeitpunkt, zu dem er Harry ausliefern sollte. Und so sehr Minerva auch nach einem wirklichen Hinweis suchte, sie konnte nicht nachvollziehen, was der Dunkle Lord bezweckte.
Voller Wut starrte sie die Pergamentrollen an, deren Botschaft keinen Sinn ergab. So wie Ginnys Entführung keinen Sinn ergeben hatte. Dass es Harry hatte treffen sollen, stand ohne Frage fest. Warum also hatte der Dunkle Lord das Mädchen nicht einfach getötet? War es ein Test? Hatte er es beobachtet? Hatte er Harry beobachtet? Den Orden? Wollte er ihre Stärken analysieren? Ihre Schwächen? Und stand es mit der Mondfinsternis im direkten Zusammenhang?
Ein Klopfen riss sie aus den wirren Gedanken. Alastor trat ein und Minerva erschauderte, als sie sein Gesicht sah: grau und eingefallen. Wortlos ließ er etwas auf ihren Schreibtisch fallen und Kälte, beißende Kälte, breitete sich in ihrer Brust aus.
Das Licht zuckender Flammen brach sich in dem matten Gold des Medaillons, ließ das Schlangensymbol glühend aufleuchten. Die Erkenntnis, dass der Moment gekommen war, den Plan mit all seinen Konsequenzen in die Tat um zu setzten, ließ Minerva schwindelnd die Augen schließen.
Sie erinnerte sich an das ungute Gefühl, als Tonks bei ihrer Rückkehr in ihrem Büro auf sie gewartet und ihr den Zauberstab Rowenas überreicht hatte. Eine Mischung aus Erleichterung und Angst. Sie hatte gewusst, dass ihr die Zeit davon lief.
Sie hatte nicht gewusst, dass diese Zeit bereits abgelaufen war.
„Minerva…"
Alastors Hand legte sich schwer und tröstlich auf ihre kalten Finger, doch sie schüttelte ihn unwirsch ab. Minerva biss die Zähne zusammen, als brennende Tränen der Schuld in ihre Augen traten. Sie hatte gewusst, dass es sie alle Kraft kosten würde, seit sie Albus ihr Versprechen gegeben hatte, Harry auf genau diesen Tag vorzubereiten.
Sie hatte allerdings nicht gewusst, dass es so schwer sein würde, dieses Versprechen einzuhalten.
„Ich bin… mir ist nur ein wenig schwindelig."
Diesmal wehrte sie Alastor nicht ab, als er seine Hände auf ihre legte. Sie sah in verzweifelter Hilflosigkeit zu ihm auf, und das Mitgefühl in seinem Blick ließ etwas in ihr brechen, verriet er ihr doch zu deutlich, dass es keinen Ausweg gab, mochte sie es sich auch noch so sehr wünschen. Sie hatte gehofft, dass sie die Horkruxe finden würden, doch tief in ihrem Inneren hatte sich eine andere, verräterische Hoffnung eingenistet: Die Hoffnung, Harry nicht diesem Grauen aussetzten zu müssen.
Und jetzt lag der letzte Horkrux vor ihr, und der Zeitpunkt, auf den sie alle gewartet hatten, war gekommen. Ihre Finger krampften sich um das Amulett. Bis zur Mondfinsternis blieb ihr noch ein ganzer Monat. Genug Zeit, um alles vorzubereiten. Mehr Zeit, als sie sich erhofft hatten. Ein ganzer Monat, den Harry in Gefangenschaft verbringen musste.
Alastor räusperte sich, und als er sprach, klang seine Stimme ungewohnt alt und brüchig; die Stimme eines Fremden:
„Heute ist Vollmond…"
Minerva schloss geschlagen die Augen. Sie wusste, was der Vollmond bedeutete: Remus wäre nicht in der Lage, einzugreifen, sollte er einen Verdacht haben. Sollte er beobachten, dass Harry und Draco das Kloster verließen.
„Heute Abend also. Ich… ich werde Severus die Nachricht zukommen lassen."
Das Stampfen des Holzbeines begleitete jeden von Alastors Schritten, als er so stumm ging, wie er gekommen war. Alles Wichtige war bereits gesagt, alles schon vor Monaten geplant worden.
Minerva betrachtete das Zeichen Salazar Slytherins, und sah wieder Dracos blasses, wütendes Gesicht vor sich. Sie rief sich all die kleinen, unheilverkündenden Zeichen ins Gedächtnis, die sie zwischen ihm und Harry beobachtete hatte (verstohlene Blicke, brennend in ihrer Intensität; unmerkliche Berührungen im Vorbeigehen; heimliches Davonschleichen im Schutze der Nacht…) und wusste, dass es nicht Remus war, der den Plan jetzt noch in Gefahr bringen könnte.
ooOoo
Lucius strich mit den Fingerspitzen durch Narzissas Haar, über die Konturen ihrer Schulter und lauschte ihren ruhigen Atemzügen, die seine bloße Brust streiften. Ihre Haut war weich und trocken unter seinen streichelnden Händen, nicht mehr glänzend und bittersalzig vor Schweiß. Lucius dachte wieder daran, wie nah er daran gewesen war, sie zu verlieren und scharfzahniger Schmerz ließ ihn schaudern.
„Wirst du mir jetzt erzählen, was er von dir verlangt hat, Lucius?" Narzissas Stimme war rau, als würde es ihr Mühe bereiten, die Worte auszusprechen.
„Ich dachte, du schläfst", antwortete Lucius ausweichend; ihr schlanker Leib presste sich gegen seinen Körper, sandte köstliche Wärme aus.
„Offensichtlich nicht." Sie sah ihn an; Schalk in den Augen, der ihn von düsteren Gedanken abbringen sollte. Lucius spürte, wie die Zärtlichkeit für sie wie dickflüssiger, süßer Sirup durch seine Adern floss. Seine Finger glitten über ihren Nacken, stutzten, als sie nicht die vertraut schweren Goldglieder der Kette spürten.
„Hast du dein Amulett verloren?"
„Severus hat es. Er hat gesagt, er braucht es. Ist es wichtig?"
Lucius schloss die Augen, zwang seinen Körper dazu, ruhig liegen zu bleiben, kein verräterisches Zucken auszusenden.
„Nein. Es ist unwichtig."
Vielleicht ist es noch nicht zu spät… Vielleicht kann ich Severus noch dazu bringen, diesen Wahnsinn zu beenden…
„Was ist geschehen, Lucius?" Narzissas Flüstern, dicht an seinem Hals sandte angenehmes Kribbeln durch seinen Leib. Lucius küsste ihren Scheitel und beschloss, ihr nichts von seinen Sorgen zu sagen.
„Ich sollte jemanden töten."
Sie beobachtete ihn noch immer aufmerksam. Scheinbar gelassen; als ob er das nervöse Zittern ihrer Stimme nicht bemerken würde. Ihre Finger verflochten sich mit seinen.
„Und? Hast du?"
„Nein… Es war nicht nötig."
Ihr Haar teilte sich wie Wasser, als Lucius seine Nase darin vergrub. Narzissa schloss kurz die Augen, bevor sie seufzend erneut seinen Blick suchte und ihn abwartend ansah – nicht drängend, sondern voller Geduld.
„Ich sollte Potters kleine Freundin umbringen. Vor dessen Augen. Rabastan ging dazwischen. Er ist eine neue Figur im Spiel."
Sie versteifte sich, eine gespannte Feder an seiner Seite; als sie die Lippen aufeinander presste, waren die zarten Linien um ihren Mund tief und hart.
„Es geht um Bellatrix, nicht wahr?"
„Wusstest du davon?"
„Ich habe es zumindest geahnt."
„Glaubst du, dass sie ihn liebt?"
Narzissa zögerte, streichelte abwesend mit den Fingerspitzen seine Haut, glühende Spuren hinterlassend.
„Auf ihre Weise… vielleicht."
„Rabastan erwähnte etwas, das sich Hosghaj nennt."
Sie runzelte die Stirn, richtete sich halb auf, bis das helle Laken auf ihre Hüften hinabrutschte.
„Hosghaj? Er hat über das Hosghaj gesprochen?"
„Weißt du etwas darüber?" Lucius' Mund war trocken, er glaubte, Narzissas Anspannung mit Händen greifen zu können.
„Ja, ich… Es ist eine alte Legende, die uns unsere Mutter immer erzählte…" Die Stirn gekraust, legte sie den Kopf schief, als lausche sie weit entfernten Stimmen. „Eine recht grausame Kindergeschichte. Bellatrix konnte nie genug davon hören. Es geht um drei Säulen der Magie, gleich an Macht, die das Gleichgewicht des Ganzen, des Hosghaj aufrecht halten. Ramhos, das Dunkle. Chalhos, das Licht. Und Nurahos, die Neutralität. Keine der drei Instanzen darf den anderen überlegen sein, sonst bricht das Gefüge."
„Was passiert, wenn das Gefüge bricht?"
„Es gibt zwei Versionen…" Sie leckte sich nervös über die Lippen. „Die erste verspricht unbeschreibliche Macht. Die zweite erzählt von Chaos und Tod." Ihr Blick war fragend, voller namenloser Furcht. „Glaubst du, dass es wichtig ist?"
„Nein. Es ist nur ein Mythos und Rabastan ist offensichtlich verrückt." Lucius zuckte gespielt gelassen die Schultern und sah und spürte, wie Narzissa sich neben ihm entspannte, ihm jedes Wort der Lüge glaubte, als er beruhigend lächelte und nicht aussprach, was er dachte.
Und wenn Potter auch nur Freundschaft für Draco empfindet, wird unser Sohn das nächste Ziel sein…
ooOoo
Severus mied die mondbeschienene Lichtung; wartete im Schatten, obwohl der Wald totenstill war, als hielte er abwartend den Atem an, bis dieser Eindringling endlich verschwand. Kein Luftzug, kein noch so leises Flüstern der Bäume, brach die drückende Ruhe, die Severus wie dichter Dunst einhüllte; ihn abkapselte von der Welt; ihn allein ließ, mit Peters Schreien und der Erkenntnis, dass Rache nur eine flüchtige Geliebte war, die mit Hochgenüssen lockte und nichts weiter als fade Schuld zurückließ.
Und trotz allem hätte er es wieder getan, wenn es ihm möglich gewesen wäre.
Er hätte alles getan, um James zu rächen.
Die Augen schließend lehnte er sich zurück, an den knotigen Stamm einer Eiche, sog den Geruch von Moos, Laub, Harz und Holz in sich ein und dachte an James. An James' braune Augen, in einem Moment voller Wärme und im nächsten voller Zorn auf ihn gerichtet, wenn er dessen treue Freunde mit Hohn und Bosheit überschüttet hatte. Severus konnte sich nur zu gut vorstellen, welcher Hass James' hübsche Züge hässlich verzerren würde, wüsste er, dass Severus seinen Sohn als Mittel zum Zweck benutzte.
Severus erinnerte sich sehr genau an den Tag, als er Harry das erste Mal gesehen hatte. Und er hatte noch immer den Geschmack der Nervosität auf der Zunge, als er nach James' Sohn gesucht hatte, als er ihn dann in der Menge entdeckt hatte…
... war es, als würde er einen elektrischen Schlag erhalten. Die feinen Härchen seiner Unterarme stellten sich auf, eine Gänsehaut überzog seinen Körper und er hatte das seltsame Gefühl, als sei die Zeit für einen Augenblick stehengelieben.
„Harry James Potter!"
Das gleiche wirre Haar, die gleichen kantigen Gesichtzüge, noch recht weich und kindlich, die gleiche drahtig-linkische Gestalt...
„GRYFFINDOR!"
... dasselbe Haus.
Severus biss sich auf die Innenseite seiner Wangen, um ein Lächeln zu unterdrücken, hörte kaum zu, was Quirell ihm stotternd und stammelnd erzählte. Er hatte nur Augen für James' Sohn, der seinem Vater so verblüffend ähnlich war, dass es beinahe schmerzte. Dann blickte Harry auf – und Severus' Blut gefror in seinen Adern zu Eis. Dieser Junge, der James' Gesicht trug, sah ihn mit ihren, mit Lilys Augen an. Hochmütig, weil Severus nie gut genug gewesen war. Überlegen, weil er nie hatte gewinnen können. Mitleidig, weil er Herz und Seele geopfert hatte, und doch verraten worden war. Triumphierend, weil das alles nicht ausgereicht hatte, das Geschenk einer Familie aufzuwiegen.
Und jeden Tag, wenn sie ihn durch die Augen ihres Sohnes angesehen hatte, wurde er daran erinnert, wie wenig Wert seine Liebe hatte.
Doch manchmal, im dämmrigen Kerkerlicht, wenn Severus nur Harrys Profil betrachtet, ein bestimmtes Neigen des Kopfes beobachtet hatte… in solchen Augenblicken hatte er James in ihm gesehen, hatte sich einreden können, dass es James war, den er vor sich hatte…
Ein Ast, der unter heranschleichenden Füßen brach, weckte seine Instinkte. Von einer Sekunde auf die andere hatte er seinen Zauberstab in der Rechten, den Körper angespannt, war er bereit zum Angriff.
„Ich hoffe, ich habe dich nicht zu lange warten lassen, Severus."
Die Stimme schien aus dem Nichts zu kommen, dennoch ließ Severus angesichts des vertrauten Klangs den Zauberstab sinken. Er rang sich ein Lächeln ab, als eine Gestalt aus dem Schatten der Bäume trat und ihre Kapuze zurückstreifte.
„Ich hatte dich nicht erwartet. Eine Entschuldigung ist demnach unnötig, Minerva."
Er betrachtete ihre hochaufgerichtete Gestalt im schwarzen Umhang, den Blick voller Vorsicht und stummer Vorwürfe auf ihn gerichtet. Er wusste, dass sie ihm trotz allem die Schuld an Dumbledores Tod gab.
Wie ich mir selbst die Schuld daran gebe.
„Warum bist du gekommen?", fragte er ruhig.
Ihre Augen fixierten einen Punkt hinter ihm, als könne sie ihm bei der Lüge nicht ins Gesicht sehen. „Ich habe keinen Grund, dich zu meiden, Severus, warum also sollte ich nicht kommen?"
Er hätte viele Gründe nennen können, doch es zählte nur ein einziger…
Weil ich Albus getötet habe.
… doch Severus sprach es nicht aus, wollte ihre Augen nicht dunkel vor Hass auf sich gerichtet sehen.
„Hätte eine Nachricht nicht ausgereicht?"
„Nein." Minerva atmete ein und schloss für einen Moment die Augen, als müsse sie Kraft sammeln, bevor sie ihn entschlossen ansah. „Es gibt da einige Dinge, die ich nicht verstehe. Hast du etwas mehr über die Mondfinsternis und ihre Bedeutung herausfinden können?"
„Nein. Ich weiß nicht mehr als damals. Ich weiß nur, dass Potter bis dahin mehr oder weniger sicher sein soll, was auch immer das an einem solchen Ort wie diesem auch heißen mag."
Minervas Schultern sackten herab, als sie nickte; Severus gab ihr mit ungeduldiger Geste zu verstehen, dass sie fortfahren solle und traute kaum seinen Ohren, als sie fragte:
„Aus welchem Grund wurde Ginny Weasley entführt?"
Das Puzzle setzte sich so plötzlich zusammen, dass Severus im übertragenen Sinne förmlich mitverfolgen konnte, wie die Einzelteile ein Bild formten: Lucius' offensichtliche Lüge. Severus' eigener Auftrag, so passend zum richtigen Zeitpunkt.
„Ich soll jemanden aus dem Weg schaffen, der dem Lord ein Dorn im Auge ist."
Severus hörte Lucius so klar und deutlich, als stünde er direkt neben ihm. Und nun ergab die Lüge einen Sinn: Hätte Severus eingegriffen, wüsste der Lord, dass er ein Verräter war.
Severus zögerte kurz, bevor er fragte: „Ist das Mädchen tot?"
„Nein, und genau das verstehe ich nicht." Minerva ballte die Fäuste. „Ich verstehe nicht, was Du-weißt-schon-wer damit bezwecken wollte. Harry sollte zusehen. Er wollte ihn treffen, das weiß ich. Warum also sollte er Ginny einfach so entkommen lassen?"
„Es war anscheinend eine Falle", antwortete Severus leise. „Und sie galt nicht nur Potter: Sie galt Lucius Malfoy und mir."
Minerva hielt abrupt inne, fixierte ihn mit undeutbarem Blick.
„Du wusstest nichts davon?"
„Nein."
„Und wenn du es gewusst hättest?"
Minervas Augen waren hart wie geschliffene Edelsteine und ebenso kalt. Severus wandte den Blick ab, war nicht länger in der Lage, sie anzusehen.
„Ich hätte den Plan nicht gefährdet."
Er konnte hören, wie Minerva scharf Luft holte. Severus schalt sich selbst einen Feigling und sah doch noch auf. Ein Fehler. In ihren Augen stand solch lodernde Wut, dass sie sein Innerstes zu verbrennen drohte.
„Du hättest sie sterben lassen."
Keine Frage, die eine Antwort benötigte, dennoch erwiderte Severus: „Sie wäre nur ein weiteres Opfer des Krieges gewesen, den wir führen, Minerva." Er erwähnte Ollivander nicht, auch wenn er sich nur zu genau an dessen flehentliche Bitten erinnerte, die der Mann vor seinem Tod ausgestoßen hatte.
„Nur ein weiteres Opfer!" Minervas Hände vergruben sich so fest in ihren Umhang, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Als ob es davon nicht schon genug gäbe!"
„Glaubst du, ich hätte das vergessen?", fauchte Severus, seine mühsam erkämpfte Selbstbeherrschung aufgebend. „Glaubst du etwa, ich hätte vergessen, wer durch meine Hände gestorben ist, nur damit ich nicht auffliege?"
Jedes Wort war schieres Gift. Minerva starrte ihn aus aufgerissenen Augen an, rang nach Luft und Worten und schüttelte letztendlich ratlos den Kopf.
„Ich… nein, ich habe es nicht vergessen, Severus", antwortete sie und ihre Stimme war brüchig wie dünnes Papier. „Ich habe nichts vergessen…" Sie brach ab, rang die Hände und blickte schließlich zu Boden, ihr Gesicht verlor alle Farbe.
Albus' Tod stand wie eine undurchdringliche Mauer zwischen ihnen und fast wäre es Severus lieber gewesen, sie hätte ihn beschimpft, ihn angegriffen, ihrer hilflosen Wut Luft gemacht – alles war besser als dieses beklemmende Schweigen. Severus unterdrückte den Impuls, einfach zu fliehen; vor dieser Konfrontation, die sie beide so lange Zeit hinausgezögert hatten und die doch unvermeidlich war.
Durch Minervas Körper ging ein Zittern, bevor sie die Schultern straffte und ihn durchdringend ansah. Doch Severus konnte hinter der Fassade der Entschlossenheit den Rückzug sehen: Heute war nicht der Tag für weitere Schuldzuweisungen.
„Ich habe nichts vergessen, Severus." Jede Silbe war wie ein Peitschenhieb. „Heute nach Sonnenuntergang ist es soweit."
Es überraschte ihn nicht, dass sie keine Zeit verloren hatte, alles in die Wege zu leiten. Severus hatte mehr als bloß geahnt, dass Minerva den Umstand des Vollmondes ausnutzen würde, Harry aus Lupins Reichweite zu schaffen. Sie kannte ihre Pflicht, so wie er die seine kannte.
„Ich werde vorbereitet sein."
Minerva nickte; ihre starre Miene verriet, dass sie die Zähne mit aller Macht zusammenbiss und Severus wandte sich ab, bereit, ohne Abschied zu gehen. Er blinzelte überrascht, als ihre Finger seinen Arm umklammerten. Ihre Augen flackerten unruhig über sein Gesicht.
„Severus, ich muss dich um etwas bitten." Ihre Finger verkrampften sich, kniffen schmerzhaft in seinen Arm, als sie mit drängender Stimme, die Severus durch und durch ging, fortfuhr: „Ich weiß, dass du deine… Schwierigkeiten mit Harry hast, aber ich bitte dich, nein, ich flehe dich an: Pass auf ihn auf." Sie ließ ihn abrupt los und stolperte mehr rückwärts, als dass sie ging. „Und Severus… pass auch auf Draco auf. Ich mache mir Sorgen. Um beide."
Einer Antwort unfähig, nickte Severus nur. In seinem Magen breitete sich nervöse Unruhe aus, als Minerva ohne ein weiteres Wort disapparierte. Albus' Stimme echote in seinen Ohren:
„Glaubst du, dass Blut dicker als Wasser ist, Severus?"
Jäh erschauernd wandte er sich ab und verließ hastig den Wald. Er kannte die Antwort auf diese Frage immer noch nicht. Hatte sie niemals gewusst. Und er hoffte, dass Dracos Loyalität nicht die Seiten gewechselt hatte.
Dass sich Wasser nicht in Blut verwandelt hatte.
ooOoo
Harry blinzelte gegen grelle Sonnenstrahlen an. Dabei wollte er noch gar nicht aufwachen, wollte die angenehm schwere Trägheit noch ein wenig länger genießen, ebenso wie er Draco genießen wollte, der sich an seinen Rücken schmiegte, warm gegen seinen Nacken atmete. Ein glückliches Lächeln verzog Harrys Lippen – dann kam die Erinnerung und das Lächeln verschwand.
Draco schnappte zischend nach Luft, die Augen aufgerissen in stummem Grauen, stand er einfach nur da. Draco starrte ihn an, als könne er nicht glauben, was Harry voller Überzeugung von sich gegeben hatte. Diese Stille war schrecklicher als jedes abweisende Wort. Sie wütete in Harrys hoffendem Herzen wie ein Berserker, ließ ihn wund und leer zurück.
Dennoch hatte er nicht einfach gehen können.
Er rückte ab und zuckte zusammen, als sich kühle Finger auf seinen bloßen Bauch legten. Dracos Stimme war heiser; war viel zu dicht an seinem Ohr, schien glühende Funken durch seine Venen stieben zu lassen:
„Wohin willst du?"
Harry wandte sich nicht um, er konnte, wollte Draco nicht in die Augen sehen, die vielleicht so kalt und abweisend wie gestern waren.
Zu Boden blickend, damit er Draco nicht länger ansehen musste, damit er diese verdammten, ablehnenden Augen nicht länger ansehen musste, ballte Harry die Fäuste – aber er konnte nicht einfach gehen. Nicht so.
„Willst du die ganze Nacht hier draußen rumstehen, Draco?" Er konnte Dracos Blick in seinem Rücken spüren und zog schützend die Schultern hoch. Noch immer kein Wort von Draco. Und zum ersten Mal zweifelte Harry an dem, was sie verband.
Jetzt war es Harry der schwieg, der Draco eine Antwort verwehrte, indem er die dünne Decke zurückwarf und sich die Innenseiten seiner Wange zerbiss, bis er Salz und Kupfer schmecken konnte. Die Finger auf seiner Haut verkrampften sich, hielten ihn im Bett und Dracos Flüstern war voller Hass.
„Du willst zu ihr gehen."
Dann war da warmer Atem in seinem Nacken und eisige Finger umklammerten seine Hand. Harry schloss die Augen, verachtete sich selbst für seine Schwäche, doch er folgte Draco widerstandslos durch verlassene Gänge. Sie gingen dicht beieinander, waren zwei schmale Schatten, die zu einem verschmolzen und doch fühlte Harry sich trotz Dracos Nähe verlassen.
„Ich schulde Ginny eine Erklärung, okay!" Harry fühlte hilflosen Zorn in sich aufsteigen, der seinen Geist vergiftete. Zorn auf Draco, dessen Eifersucht die ganze Sache nicht besser machte. Zorn auf sich selbst, weil er sich so brennend eine Antwort wünschte. „Ich schulde allen meinen Freunden eine Erklärung, auch wenn du das vielleicht nicht verstehst!" Mit einem Ruck riss er sich los, brutaler als nötig, da Draco seine Hand so schnell zurückgezogen hatte, als hätte er sich an Harry verbrannt.
Harry mied Dracos Blick, als sich die Zimmertür hinter ihm schloss. Er sah ihn nicht einmal an, als er eine sanfte Berührung an seiner Wange spürte. Die Finsternis tauchte sie in schützende Schatten, nur eine Ahnung jener Realität, in der Draco schwieg und Harrys Herz schmerzte. Doch die Dunkelheit machte es einfacher. Er konnte sich den ungeschickt fahrigen Zärtlichkeiten Dracos hingeben, ohne diesen Augen begegnen zu müssen.
Harry saß auf der Bettkante, zögerte, sich Dracos Blicken auszusetzen – er war sich seiner Nacktheit nur zu bewusst; und doch wäre er am liebsten einfach aufgesprungen und vor dieser dumpfen Stille geflüchtet, die sie beide umgab. Vor Draco geflüchtet, der ihn mit einem einzigen Blick bis ins Innerste verletzen konnte. Vor den unausgesprochenen Anklagen. Vor dem Wunsch, Draco zu einer Antwort zu zwingen.
Harry gab sich kaum Zeit, drängte sich Draco entgegen, wollte sich selbst für die ausgesprochene Wahrheit strafen. Worte, die ihm in jenem Moment so leicht über die Lippen gekommen waren, die sich richtig angefühlt hatten. So wie Draco sich richtig anfühlte. Seine Finger, die sich in Harrys Hüften gruben. Seine Zähne, die sich in Harrys Schulter verbissen, schmerzhaft fest. Harry hielt ob des reißenden Schmerzes die Luft an, verkrampfte sich und machte es nur noch schlimmer. Draco war es, der ihm die Zeit gab; beruhigende Worte flüsternd verharrte er, bis Harry kurzatmig nach Luft schnappte und ihn unwirsch aufforderte, weiter zu machen.
„Harry, ich… ich…"
Dracos Flüstern war schon wieder viel zu nah, seine nackte Brust schmiegte sich an Harrys Rücken, als gehöre sie dorthin. Den Atem anhaltend versuchte er sich nicht anmerken zu lassen, dass die Hoffnung wie kühlende Gischt durch seine Venen schäumte.
„Ich…" Wieder brach Draco ab. Harry schluckte krampfhaft gegen die Dürre in seinem Mund an und sein Herz quittierte erwartungsvoll und feige zugleich den Dienst, nur um gleich darauf schmerzhaft schnell bis zum Hals zu schlagen. „Harry, es gibt da Dinge, die du nicht weißt, und ich… ich…"
Harry konnte Draco schlucken hören und schüttelte geschlagen den Kopf. Er wollte es nicht mehr hören. Nicht, wenn Draco die Antwort regelrecht hervorwürgen musste. Das enttäuschte Ziepen in seiner Brust ignorierend, betrachtete Harry die tanzenden Staubpartikel im hereinfallenden Sonnenlicht.
„Lass es, Draco. Es ist… okay."
Draco lehnte sich schwer gegen Harry und verteilte trockene Küsse auf seinem Hals.
„Nein, das ist es nicht."
Draco hatte recht: Es war nicht okay, rein gar nichts war okay. Es war nur ein fauler Kompromiss, der Preis für Dracos Nähe. Und Harry war bereit zu zahlen. Ohne hinzusehen griff er nach Dracos Hand und verflocht ihre Finger miteinander.
„Ich muss gehen, Draco."
„Lass dich nicht aufhalten."
Dracos Lippen bewegten sich träge über Harrys Nacken, glitten über seine Wirbelsäule und brachten den ohnehin schon schwachen Entschluss ins Wanken. Das letzte Bisschen Selbstbeherrschung zusammenkratzend, stand Harry mit butterweichen Knien auf und griff fahrig nach Hose und Hemd.
„Ich warte in der Scheune auf dich."
Harry, schon im Begriff die Tür zu öffnen, warf Draco über die Schulter einen letzten Blick zu, betrachtete die schmale Gestalt, die noch immer auf dem Bett kniete. Das blonde Haar fiel Draco wirr in die vor Eifersucht glühenden Augen. Harry floh, bevor er nicht mehr gehen konnte, bevor er Ginny vergaß, wie er Pflicht und Aufgabe vergessen hatte.
ooOoo
Es kam Draco so vor, als wäre kaum ein Wimpernschlag an Zeit vergangen, als es an seine Tür klopfte und die unverkennbare, strenge Stimme Minerva McGonagalls erklang.
„Mr. Malfoy, ich möchte Sie bitten, mich unverzüglich in mein Büro zu begleiten."
Klirrende Kälte breitete sich in Draco aus. Mit langsamen, erzwungenen Bewegungen zog er sich an, knöpfte das Hemd falsch, während die Fragen und Befürchtungen in seinem Kopf wie ein Schneesturm tobten. Es konnte, durfte einfach noch nicht soweit sein! Er wollte nur noch einen winzigen Aufschub, ein wenig mehr Zeit, die er mit Harry in trügerischem Frieden verbringen dufte. Draco atmete tief ein, bevor er die Tür öffnete; die Klinke rutschte ihm aus den schweißnassen Händen – und dann sah er Minerva, ihr müdes, verzweifeltes Gesicht, und alle Hoffnung verbrannte zu Rauch und Asche.
„Folgen Sie mir."
Es war, als würde Draco durch dichten Nebel gehen. Er konnte Minerva vor sich kaum erkennen, zu stark war das Brennen in seinen Augen, ein milchiger Schleier, der ihm die Sicht raubte. Er brauchte keine Antworten mehr, hatte sie in den harten Falten um Minervas Mund herauslesen können. Es gab keinen Aufschub, und die Erkenntnis lastete wie ein tonnenschweres Gewicht auf Dracos Brust; er glaubte, zu ersticken, als sie McGonagalls Büro endlich erreichten.
„Setzten Sie sich." Ihre Stimme war so brüchig wie altes Pergament, das zerfiel, sobald man es anrührte, als sie mit zitternden Händen auf einen Stuhl deutete.
Draco biss die Zähne zusammen und gehorchte; es war wie ein Déjá-vu, es war wie damals, nach seiner Rettung durch den Orden. Minerva hatte ihn mit dem gleichen Blick bedacht, hatte jene kühle Distanz ausgestrahlt, die fast an Berechnung grenzte.
„Es ist soweit, Mr. Malfoy." Die Schatten unter McGonagalls Augen waren tief und dunkel, sie wirkte, als sei sie in der letzten Nacht um Jahre gealtert. „Wenn die Sonne untergeht, haben Sie die Möglichkeit, zu tun, weshalb man Sie hergebracht hat."
Draco schwieg, seine Zunge war nur ein unnützer klebriger Klumpen in seinem Mund. Das Damoklesschwert, das die ganze Zeit bedrohlich über seinem Kopf gehangen hatte, war endgültig auf ihn herabgefahren. Wie betäubt beobachtete er, wie Minerva eine Schublade ihres Schreibtisches öffnete und einen Zauberstab zutage förderte. Sie hielt ihn Draco hin, den Blick voll unausgesprochener Warnungen.
„Ich bin mir sicher, dass Sie das Vertrauen nicht enttäuschen werden, das in Sie gesetzt wird, Mr. Malfoy."
Draco rührte keinen Muskel und doch schien sein Körper zu vibrieren. Minerva forderte ihn nicht auf, den Zauberstab zu nehmen, sie sah ihn nur weiter zwingend an, ein stummes Duell, das gefühlte Ewigkeiten zu dauern schien und das Draco verlor.
„Natürlich werde ich niemanden enttäuschen." Draco schmeckte Galle, als er den Zauberstab ergriff und die Faust so fest darum schloss, dass seine Fingerknöchel weiß schimmernd hervortraten. „Niemanden."
Niemanden außer Harry.
Draco wartete nicht darauf, dass Minerva ihn entließ. Die Übelkeit war dringend und seine Augen brannten und er wusste nicht, wie lange er sich noch beherrschen konnte.
„Mr. Malfoy!"
Draco blieb stehen, rang nach Luft und Fassung, bevor er sich umdrehte und unter Minervas abschätzendem Blick taumelte.
„Was auch immer zwischen Ihnen und Harry vorgeht, darf unseren Plan nicht gefährden. Ich hoffe, das ist Ihnen bewusst."
In diesem Moment hasste er die Frau; hasste sie aus tiefstem Herzen und musste den Wunsch bezähmen, den Zauberstab auf sie zu richten, tödliche Worte zu flüstern, die dieses Mal ihre Wirkung nicht verfehlen würden. Seine Finger zuckten, krampften sich um kühles Holz. Mit jedem Pulsschlag wurde das zerstörerische Verlangen größer.
„Mr. Malfoy?"
Ihre Stimme war so unerbittlich wie ihre Augen, so unerbittlich wie seine Pflicht.
„Ja, es ist mir bewusst", presste Draco hervor, bevor er die Tür aufriss und vor ihr und dem Wunsch sie zu töten floh.
Sonnenuntergang.
Noch immer hallte dieses eine Wort in seinem Geist wider, wie ein einziger dröhnender Glockenschlag hatte es auch seinen Untergang verkündet. Hatte ihm jede Hoffung auf Aufschub verwehrt, dumme romantische Phantasien zerschmettert, in denen er Harry nicht verraten musste, nicht wählen musste zwischen Liebe und Familie. Wie betäubt lief er zu dem Ort, an dem es angefangen hatte, wo er Herz und Seele verloren hatte.
Die Scheune war in staubiges Zwielicht getaucht, in dessen Schatten Erinnerungen lauerten, die Draco bei jedem Atemzug, jedem Herzschlag traktierten. Eine verwaiste Teetasse lag vergessen auf dem Boden und Draco hob sie auf; betrachtete das filigrane Muster auf hellem Porzellan. Er konnte sich noch gut an jene Nacht erinnern, als er sich hier das erste Mal mit Harry getroffen hatte, um ihm den Avada Kedavra beizubringen.
„Verrat mir eines, Potter. Wer ist so unglaublich scharf darauf, dich zum Mörder auszubilden, ohne sich selbst die Finger dabei schmutzig zu machen?"
„McGonagall."
Es hatte Draco nicht überrascht, dass Minerva Remus hinterging, wie sie auch Harry von vorneherein hinterging. Für Draco war dieser Unterricht immer ein zweischneidiges Schwert gewesen: Er hatte Harry nahe sein können, sein Vertrauen erlangen können – doch gleichzeitig war ausgerechnet diese Nähe schmerzhaft wie ein Dolchstoß.
Einen der Stützbalken im Rücken, ließ Draco sich zu Boden gleiten, noch immer die Tasse umklammernd, als gäbe sie jenen tröstlichen Halt, den ihm seine Beine verwehrten. Es hatte Augenblicke gegeben, in denen Draco versucht hatte, Harry zu warnen.
„Im Grunde genommen gibt es keine Seiten in diesem Spiel. Nur der Sieg zählt. Du bist auch nicht mehr als eine Figur auf diesem Schachbrett. Und sie würden dich ebenso opfern wie mich, wenn es dem größeren Wohl dient…"
Vergeblich.
Ein Stechen im rechten Oberschenkel riss ihn aus den Gedanken und Draco zerrte den nachlässig in die Hosentasche geschobenen Zauberstab hervor. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie sehr er dieses Gefühl vermisst hatte. Das Gefühl kühlen Holzes zwischen seinen Fingern. Das Gefühl der Macht. Der Magie.
Draco betrachtete die Maserung und lächelte bitter. So wie sein alter Stab, war dieser hier ebenfalls aus Weißdorn herausgeschnitten worden. Weißdorn. Wenn er den Geschichten seiner Mutter Glauben schenkte, war dieser Baum so voller Widersprüche wie er selbst: Er schützte sich durch die Dornen und verletzte doch auch jene, die sich ihm in Freundschaft näherten.
„Eines Tages wirst du dich von mir abwenden. Du wirst es bereuen."
„Woher willst du wissen, was ich tun werde?"
„Ich weiß es eben."
„Du verurteilst mich schon jetzt?"
„Warten wir ab, wer wen verurteilen wird."
Und heute, bei Sonnenuntergang, würde es genau so kommen, wie Draco es vorausgesagt hatte. Harry würde sich von ihm abwenden, ihn nicht mehr, nie mehr, mit diesem innigen Ausdruck in den grünen Augen ansehen. Nicht wie damals, nicht wie letzte Nacht, ehrlich und so sehr hoffend, dass sich Dracos Innereien auch jetzt noch qualvoll zusammenzogen.
„Ich liebe dich."
Und die Welt hatte an Kontur verloren, während seine Brust unter einem sorgsam ausgeführten Hammerschlag zertrümmert worden war. Sein Blut hatte sich in pures Feuer verwandelt, hatte ein Brennen entfacht, tief in seinem Inneren, das jeden Laut in seiner Kehle erstickt hatte.
Draco hatte geschwiegen, da die Wahrheit seine Zunge wie Gift betäubt hatte: Es gab keine Hoffnung für sie. Keine Zukunft. Niemals. Und es würde keine Rolle spielen, dass Draco Harrys Gefühle mit schmerzhafter Intensität erwiderte, wenn Harry erst herausgefunden hatte, welche Rolle Draco in diesem perfiden Stück zugedacht war. Er war hilflos, angesichts der Falle, in die er sich selbst manövriert hatte und aus der es kein Entkommen mehr gab.
Er hatte geschwiegen, doch er war Harry nur zu willig gefolgt, hatte Gewissen und Schuld vergessen können, während Harry ihn in eine stille Umarmung gezogen hatte. Während er sich Draco hingegeben hatte, Strafe und Absolution zugleich.
„Draco?"
Megans fragende Stimme ließ ihn aufblicken und er brachte sogar etwas zustande, das man viel gutem Willen als Lächeln bezeichnen konnte.
„Bist du mir wieder nachgelaufen?"
Schuldbewusst blinzelnd nickte das Mädchen, bevor sie Draco ein entwaffnendes Lächeln voller Zähne schenkte.
„Harry ist zum Friedhof gegangen und ich wollte nicht, dass du allein bist."
Ich bin immer allein.
Draco sprach die Worte nicht aus. Er wollte Megan nicht verletzen, die es immer wieder durch liebenswerte Aufdringlichkeit schaffte, sein Herz zu erweichen. Nicht Megan, die er heute Nacht ebenfalls verlieren würde.
„Das ist nett von dir." Einladend klopfte er neben sich auf den Boden und Megan drückte sich glücklich grinsend an seine Seite. Ihre Augen wurden groß und rund, als sie den Zauberstab entdeckte, der auf Dracos Schoß ruhte.
„Du hast ja einen Zauberstab!" Sie bedachte ihn mit einem solch strafenden Blick, als hätte Draco ihr diese Tatsache absichtlich vorenthalten, bevor sie ihn aufforderte: „Zauber mir was." Sie wurde rot und setzte ein spätes „Bitte" hintendrein.
Draco zögerte. Es war lange her und doch war das Verlangen groß, wieder diese knisternde Magie zu spüren, die durch seinen Körper fließen würde – elektrisierendes Feuer – bevor sie sich an der Holzspitze sammeln und in einem Funkenregen entladen würde. Schon jetzt schoss nervöse Vorfreude durch seinen Verstand, berauschte ihn, als er nach der letzten verschonten Tasse griff und sich daran zurückerinnerte, was er einmal zu Harry gesagt hatte.
„Du machst Fortschritte, Potter. Allerdings plädiere ich für eine Katze als nächstes Übungsobjekt. Die Ratten nehmen langsam überhand."
Die Erinnerung ließ ihn lächeln. Megans Augen verfolgten jede Bewegung, leuchteten vor Begeisterung, als die Tasse ihre Form veränderte. Einen Wimpernschlag später rollte sich ein kleiner, flauschiger Ball auf Dracos Handfläche zusammen und Megan klatschte quietschend vor Entzücken in die Hände.
„Ein Kätzchen!"
„Ich schenk sie dir."
Draco überreichte ihr das Tier mit einer halben spöttischen Verbeugung und machte sich nicht die Mühe, den Stolz auf sich selbst zu verbergen. Wenn Harry einen schlechten Tag hatte und unkonzentriert war, wiesen seine Übungsratten manchmal jenes Blümchenmuster der Tassen auf – Dracos Katze jedoch war vollkommen.
Megan steckte ihre Nase tief in dichtes, weißes Fell und blinzelte Draco dankbar an, der wieder daran dachte, dass dieser gemeinsame Nachmittag ihr letzter war.
„Ich nenne sie Draco!", stellte Megan mit soviel Überzeugung und Inbrunst fest, dass Draco es nicht übers Herz brachte, sie darüber zu belehren, dass die Katze ein Weibchen und somit alles andere als eine schmeichelhafte Namensvetterin war. Draco hoffte nur, dass es Megan den Abschied erleichtern würde, der ihm selbst so unendlich schwer fiel.
Er lehnte sich zurück, die Lider halb geschlossen und lauschte Megans Geplapper, ohne ihr wirklich zuzuhören. Durch die schadhaften Schindeln des Daches konnte er die Sonne beobachten, die unaufhaltsam gen Westen wanderte.
ooOoo
Schon vom Weiten leuchteten Rons Haare in der Sonne wie ein Signalfeuer. Harrys Kehle wurde eng und seine Schritte verlangsamten sich unwillkürlich; Ron sah nicht unbedingt glücklich aus, wie er heftig gestikulierend auf Hermine einredete.
Hermine sah auf, hob grüßend die Hand und Rons Kopf ruckte herum, sein Mund schnappte zu wie eine Mausefalle und die blauen Augen verengten sich zu wütenden Schlitzen. Der Druck in Harrys Hals verstärkte sich.
„Hi", krächzte er, als er vor seinen Freunden stehen blieb. Die zitternden Hände tief in den Taschen seiner Hose vergrabend, sah er schnell abwechselnd von Hermine und Ron und schließlich wieder zu Hermine, die ihn nervös anlächelte.
„Setz dich doch, Harry." Hermine deutete neben sich und er nahm ihr Friedensangebot nur zu gern an.
Ron fixierte mit zusammengepressten Lippen seine Schuhspitzen und schien Harrys vorsichtig fragenden Blick ganz absichtlich zu meiden. Harry öffnete den Mund, um etwas zu sagen, irgendetwas, doch sein trockener Rachen entließ keinen Laut, keine Erklärung, keine Bitte oder Entschuldigung. Es war Hermine, die seufzend Stille und Spannung brach:
„Also schön, Harry, erzähl es uns. Erzähl uns alles von Anfang an."
Harry schluckte, betrachtete noch immer Ron, der mürrisch die Zähne in die Unterlippe schlug und versuchte sich zu erinnern, wie es tatsächlich angefangen hatte, wann es angefangen hatte.
„Ich… glaube, da war schon etwas, bevor ich Draco gebeten habe, mir den Avada Kedavra beizubringen...", begann er; zögernd zuerst, als müsse er sich auf glitschig-nassen Steinen über einen reißenden Fluss vorwärts tasten – doch dann gewann seine Stimme an Sicherheit. Er erzählte ihnen von der Begegnung mit Draco am Brunnen, an der Scheune, davon, wie er eingeschlafen war und sie sich beinahe geküsst hatten. Er erzählte ihnen, wie er begonnen hatte, Draco zu beobachten, seine Nähe zu genießen, zu brauchen. Er ignorierte Rons abfälliges Schnauben, mit dem dieser ab und an die Geschichte quittierte. Die Worte wollten heraus, mit aller Macht und Harry spürte mit jeder Silbe, wie sich der Druck verringerte, das schlechte Gewissen immer weiter zurückwich.
Seine Freunde traten in den Hintergrund, wurden überlagert von einem blassen, spitzen Gesicht, von Augen, die an geschmolzenes Metall erinnerten, von geflüstertem Hohn und gehauchten Zärtlichkeiten, von Blicken, die jedes abweisende Wort Lügen straften, von schlanken, weißen Händen, die im gierigen Ungeschick über Harrys Körper glitten. Und wieder spürte er jenes zäh süße Glück in seinem Inneren, das jeden Zweifel an Dracos Gefühlen fortwischte. Jetzt kam er sich dumm und kindisch vor, weil er so sehr eine Bestätigung gewollt hatte, weil er beinahe alles aufs Spiel gesetzt hatte. Und er schwor sich, Draco niemals wieder deswegen unter Druck zu setzten.
Harrys Hals war rau und schmerzte, als er zu einem Ende kam und abwartend zu Ron und Hermine sah. Ron war so blass, dass seine Sommersprossen dunkel von der Haut abstachen. Hermine hingegen sah seltsam zufrieden aus, als hätte Harry lang gehegte Vermutungen bestätigt. Sie starrte Ron auffordernd an, der sich gehetzt die Haare aus der Stirn pustete und auf seltsam trotzige Art die Nase hochzog.
„War irgendwie leichter, als du Malfoy noch an die Kehle wolltest und nicht an… du weißt schon."
Ron grinste schief über seinen unbeholfenen Scherz und Harry wäre ihm vor Erleichterung am liebsten lachend um den Hals gefallen. Plötzlich verstand er selbst nicht, warum er sich so sehr davor gefürchtet hatte, seinen Freunden die Wahrheit zu gestehen, dass er an ihrer Gemeinschaft gezweifelt hatte, dass er lieber das beißend schlechte Gewissen in Kauf genommen hatte, als sich ihnen anzuvertrauen und auf sie zu zählen.
„Ich bin froh, dass ich diese Version kenne. Ich bezweifle, dass du sie mir genau so erzählt hättest."
Ein Kübel eiskalten Wassers hätte keine stärkere Wirkung auf Harry haben können als Ginnys Stimme, die hinter ihnen erklang. Harry wandte den Kopf, konnte die Sehnen in seinem Nacken knacken hören und blinzelte gegen das Licht an, um Ginnys Gesicht erkennen zu können.
„Ginny…" Seine Zunge fühlte sich taub und pelzig an, kaum fähig, mehr zu formulieren, als ihren Namen. „Ginny, ich…"
„Ich denke, wir sollten reden, Harry." Es hätte beinahe fröhlich klingen können, wenn da nicht zu deutlich dieses Zittern zu vernehmen gewesen wäre. „Sollen wir ein Stück zusammen gehen?"
Hilfesuchend sah Harry zu Hermine, die aufmunternd nickte und Ron, dessen Gesichtsausdruck ganz ohne Worte sagte: „Da kommst du jetzt nicht drum herum, Kumpel", bevor er langsam aufstand. Er wollte es nicht zugeben, doch seine Knie zitternd erbärmlich und sein Magen verkrampfte sich, war wie ein kleiner, heißer Stein in seinem Bauch. Es tat ihm Leid, was er Ginny antat – angetan hatte – und es tat ihm Leid, dass er ihr den Schmerz nicht ersparen konnte, dass er keine Entschuldigung für sein Verhalten ihr gegenüber hatte, dass er sie tatsächlich belogen, ihr eine abgemilderte Darstellung aufgetischt hätte.
„Harry?"
Ginny war ein paar Schritte vorausgegangen und wartete auf ihn. Harry schloss schweren Herzens zu ihr auf, begleitete sie über den Friedhof, bis sie unter jener Weide stehen blieb, von welcher Harry vor Monaten heimlich Draco und Megan beobachtet hatte. Wo er sich zitternd versichert hatte, dass diese seltsamen Gefühle für Draco irgendwann vergehen müssten. Dieser Tag schien eine Ewigkeit her zu sein.
Ginny sah ihn an, lächelte, und Harry war überrascht, dass kein einziger Vorwurf in ihrem Blick lag. Er konnte nicht anders, als sie für diese Stärke bewundern, sie zu lieben – wenn auch nicht auf die Art, wie sie es sich vielleicht wünschte.
„Also schön, sag es."
„Was?" Harry blinzelte, völlig perplex, sowohl über ihren Befehl als auch über dieses wissende Lächeln, mit dem sie ihn bedachte.
„Keine Ahnung." Sie zuckte die Schultern. „Dass es dir Leid tut, dass du es bereust, mich verletzt zu haben – das übliche Geschwätz eben, damit wir anfangen können, über die wirklichen Probleme zu reden. Wir können die Beteuerungen natürlich auch überspringen, die ich dir nicht abkaufen würde, und direkt zum Wesentlichen kommen."
Völlig überfahren schwieg Harry. Er hatte mit Tränen gerechnet, aber nicht damit, nicht mit gutmütiger Resignation und Gleichgültigkeit. Ginny seufzte, ging die zwei Schritte auf ihn zu, die sie trennten und legte eine Hand auf seine Wange.
„Was? Hast du geglaubt, ich würde dich bitten, Malfoy zu vergessen und zu mir zurück zu kommen? Ich habe euch gesehen, Harry. Zusammen. Und ich… ich habe meinen Stolz, selbst wenn es um dich geht." Wieder dieses Lächeln voll schmerzhafter Melancholie und Harrys Herz krampfte sich zusammen. „Ich hatte Angst, Harry, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Angst ich davor hatte zu sterben, oder völlig den Verstand zu verlieren. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass du kommst und mich rettest – wie ein kleines Mädchen, das auf seinen Ritter in strahlender Rüstung wartet, damit er sie aus dem Turm befreit. Und du bist gekommen, Harry. Trotz allem bist du gekommen und nur das ist wichtig."
„Ginny, es…"
„Nein." Ihre Hand rutschte von seiner Wange, ließ seltsame Kühle zurück. „Es tut dir nicht Leid, dass du dich mit Malfoy eingelassen hast. Ich weiß das und ich möchte keine wiedergutmachenden Lügen hören. Das macht es nicht besser, oder einfacher."
Sie trat einen Schritt zurück, noch immer unverwandt lächelnd. Ihr Gesicht wirkte wie zu einer Maske erstarrt und Harry schämte sich so entsetzlich, dass er ihr das antat und es doch nicht ändern konnte und wollte.
„Es…" Harry schluckte hart. „Es wäre keine Lüge. Es tut mir wirklich Leid, dass ich… dass ich…"
„Dass du mich nicht lieben kannst? Nicht so?"
Unfähig zu antworten nickte Harry nur. Ginny schloss die Augen, sah aus, als müsse sie sich sammeln, das letzte Bisschen Gefasstheit aufbringen, das noch in ihr war, bevor sie ihn wieder ansah, als hätte sie einen Entschluss gefasst.
„Sie wissen es, Harry. Sie wissen, was zwischen dir und Malfoy vorgeht."
Harry taumelte zurück, schwindelig vor Entsetzen.
„Was?"
„Filch hat Bellatrix Lestrange erzählt, dass du dich…" Sie stockte, biss sich auf die Unterlippe und würgte die nächsten Worte regelrecht hervor: „Dass du dich jede Nacht in sein Zimmer schleichst. Sie wissen es und sie werden versuchen, über ihn an dich heranzukommen. Wie es mit mir versucht haben." Ginny griff nach Harrys Hand; ihre Finger waren warm auf seiner eiskalten Haut. „Harry, ich traue ihm nicht über den Weg. Das hat nichts damit zu tun, dass ich eifersüchtig bin. Du weißt ganz genau, welchen Einfluss sein Vater auf ihn hat. Was, wenn das alles geplant ist? Was, wenn er irgendwie an dich herankommen sollte, um dich dann…"
„Draco würde mich nicht verraten!" Harrys Stimme schnitt wie ein scharfes Schwert durch die Luft. „Er hätte mehr als eine Gelegenheit gehabt, wenn er das wirklich vorhätte." Harry ballte die Fäuste und bezähmte sich und den haltlosen Zorn über Ginnys Verdächtigung. „Er würde mich nicht verraten, Ginny", erklärte Harry fest.
„Blaise vertraut ihm ebenfalls nicht. Du solltest dich nicht einfach blind auf ihn verlassen!"
„Blaise?", echote Harry, als würde er den Namen zum ersten Mal hören. „Blaise Zabini?"
„Kennst du noch einen anderen Blaise, der hier lebt?", fragte Ginny. Auch in ihren Augen funkelte jetzt Zorn. „Er hat Malfoy beobachtet. Er…"
„Er schleicht herum, als wäre er es, der etwas zu verbergen hat! Und was hast du überhaupt mit Zabini zu schaffen?" Harry erinnerte sich noch gut an seinen Geburtstag, an die bangen Minuten, in denen er gedacht hatte, dass Ginny Draco und ihn erwischen würde, und daran, wie Blaise das Mädchen in die Ecke gedrängt, bedrängt, hatte.
„Spar dir das Beschützergehabe, Harry", schnaubte Ginny, halb belustigt, halb wütend. „Ich war einsam und er hat… einfach Zeit mit mir verbracht."
„So einsam kann man doch gar nicht sein, seine Zeit mit einem Slytherin zu verbringen!", schnappte Harry, wobei ihm ein bestimmter wichtiger Aspekt in der Hitze des Moments völlig entfiel.
„Sprichst du da aus Erfahrung?", fragte Ginny lauernd und Harry schoss Schamesröte in die Wangen. „Ich habe nie gesagt, dass Malfoy dich verraten wird. Ich habe mir nur Gedanken gemacht und bitte dich, ihm nicht einfach blind zu vertrauen."
„Draco würde mich nicht verraten", wiederholte Harry stur.
Ginny sah ihn nur an, lange Zeit. Dann wandte sie sich ab. „Ich hoffe, du behältst Recht, Harry."
Harry sah ihr nach, in seinem Kopf wiederholte er die Worte wie ein Mantra, einen Schwur:
Draco würde mich nicht verraten. Niemals!
Tbc…
