Tada! Mich gibt es noch ^_~ Und ich freue mich sehr, euch ein neues Kapitel mitbringen zu können. Aber zuerst möchte ich mich bei folgenden Leuten für ihre wundervollen, aufbauenden und motivierenden Reviews bedanken:
Ni, Zissy, MyHeartache, Seelentochter, DjEngelchen, Anheanger Saurons
Vielen Dank!
Eins möchte ich noch ganz kurz loswerden: Ich wurde in der Zwischenzeit oft gefragt, ob die Story beendet wird und meine Antwort lautet immer noch: Ja, sie wird, auch wenn es teilweise lange dauert, bis ich das nächste Kapitel bringe ^^
Und jetzt viel Spaß mit:
Puppenspieler
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Bellatrix stand regungslos wie eine Statue, verfolgte bloß aus dem Augenwinkel das Aufbauschen des schwarzen Umhangs, spürte den stechenden, roten Blick, ohne ihn sehen zu müssen.
„Behalte sie im Auge", befahl der Dunkle Lord, kaum dass die Tür sich hinter Lucius und Narzissa geschlossen hatte. „Die Liebe zu ihrem Sohn macht sie unberechenbar." Jenes Wort war nur ein angewidertes Fauchen.
Bellatrix senkte den Kopf, als Zeichen, dass sie verstanden hatte und glitt aus dem Raum. Wie ein dunkler Schatten folgte sie Lucius, der die bewusstlose Narzissa trug.
Ihre wunderschöne, starke Schwester.
Und jetzt sieh dich an… So schwach, nur weil du liebst.
Sie passte ihre Schritte Lucius' Eile an und war nicht einmal überrascht, dass er gradewegs auf Severus' Räume zusteuerte. Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem ungesehenen Lächeln.
Was ihr auch plant, es wird keinen von euch retten. Jetzt nicht mehr.
Ein einziges gezischtes Wort und nur einen Wimpernschlag später öffnete sich die Tür, tauchte den dunklen Flur in warmes Licht. Lucius verschwand im Inneren und Bellatrix wandte sich noch immer lächelnd ab, überließ Lucius und Severus ihren nutzlosen Intrigen.
„Bellatrix."
Sie drehte sich nicht um, als die dunkle Stimme sie rief, schloss die Augen, hielt den Atem an. Wartete. Angespannt. Sie wusste, er würde zu ihr kommen. Er tat es immer.
Und sie wurde nicht enttäuscht. Vertraute Hände legten sich auf ihre Schultern, strichen schweres Haar beiseite, damit weiche Lippen ihren Nacken küssen konnten. Das bekannte Gefühl unerklärlicher Wärme floss durch ihren Körper, ausgehend von diesen Lippen, die sie noch immer, auch nach all den Jahren, vergessen lassen konnten, wer sie war.
Was sie tat.
Was sie geopfert hatte.
„Ihr hattet Erfolg", flüsterte Rabastan.
Eine Feststellung, keine Frage und Bellatrix verzichtete auf eine Antwort, lehnte sich unmerklich gegen seine Brust; eine stumme Aufforderung, die Rabastan befolgte; fest schlangen sich seine Arme um ihren Leib.
„Du hättest ihn sehen sollen", teilte sie den Triumph mit ihm. „Halb wahnsinnig vor Schmerz, verraten worden zu sein und doch noch kampfbereit!"
„Höre ich da etwa Bewunderung für ein halbes Kind?"
Der Spott ließ sie leise lachen, sich in seinen Armen drehen, bis sie sein Gesicht in die Hände nehmen konnte; in der Dunkelheit verborgen, doch sie kannte jede Linie, wusste, dass er ebenfalls lächelte.
„Nein", flüsterte sie; allein die Erinnerung an die namenlosen Qualen in Dracos und Potters Augen ließ ihr Blut schneller durch ihre Venen fließen. „Er hätte nicht für sich gekämpft. Er stellte sich zwischen Draco und den Dunklen Lord. Nach allem was geschehen ist, schützt er ihn noch immer."
„Und damit habt ihr erreicht, was ihr wolltet."
Er drängte sie zurück, bis sie die kalte Wand im Rücken spürte.
„Viel mehr, Rabastan, sehr viel mehr…"
Die Arme um seinen Nacken legend, keuchte sie auf, als er in fliegender Hast die Verschnürung ihres Kleides öffnete, das Gesicht zwischen ihren Brüsten vergrub.
„Wird Draco sterben?"
Es klang unbeteiligt, doch sie kannte ihn zu gut, konnte ihn spielen wie ein vertrautes Instrument. Konnte ihm beruhigt ein winziges Häppchen Wissen hinwerfen, seine Neugierde mit Andeutungen locken. Ihn so nur noch fester an sich binden.
„Wenn die Zeit gekommen ist, wird es sein Tod sein, der Potter in die Dunkelheit reißt…"
Sein Atem glühte auf ihrer Haut, als er leise lachte, ihr Spiel durchschaute.
„Das sollten Narzissa und Lucius besser nicht erfahren."
„Nein, sollten sie nicht", keuchte Bellatrix, drückte den heißen Mund näher an sich heran, der sie neckte. Siedehitze breitete sich in ihr aus; doch ihr Stolz zwang sie, ihre Gier nach dieser Wärme, die er zu schenken vermochte, zu vertuschen. Versuchte, wider besseren Wissens, ihm ihre Regeln aufzudrängen.
„Nicht… er erwartet mich bald zurück…"
Ihr Protest war eine Farce und sie beide wussten es; ihre zitternden Finger in seinem Haar verkrallt, verrieten sie.
„Wann hat dich das jemals davon abgehalten?"
Kundige Hände schoben sich unter ihren Rock und Bellatrix unterdrückte ein Stöhnen an seiner Schulter, als Rabastan sie mit einer einzigen fließenden Bewegung hoch und gegen die Mauer drückte. Wie von selbst, schlangen sich ihre Beine um seine Hüften. Sie ließ sich fallen, wissend, dass er sie auffangen würde, gehörte für diesen Augenblick nur ihm und seinem Willen.
Und ließ sich nur zu gern von diesem Strudel des Vergessens mitreißen.
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Es schienen Stunden vergangen zu sein, seit Harry heiser schluchzend über Dracos Körper zusammengebrochen war. Und noch immer rührte er sich nicht, rettete sich in die tröstliche Illusion, dass nichts von alledem passiert war. Dass er gleich aufwachen würde, Dracos beruhigende Stimme im Ohr, die ihm sagen würde, es sei nur ein böser Traum. Doch die fragile Seifenblase, mit der er sich selbst belog zerplatzte, als Draco ihm die falschen Worte zuflüsterte:
„Ich schätze, das habe ich verdient."
Noch einen Herzschlag lang gab er sich der törichten Lüge hin, bevor er sich schwerfällig aufrichtete, Geist und Körper taub vor Enttäuschung und Schmerz. So weit wie möglich stolperte er fort von der schmalen Gestalt Dracos, der sich nicht rührte und in dessen Gesicht zu sehen, er sich nicht wagte. Erst die kühle Steinwand in seinem Rücken beendete seine Flucht, gab ihm und seinen zitternden Beinen Halt.
Harry schloss die Augen, um das bittere Brennen zurückzuhalten, als die Realität mit grausamer Klarheit über ihm zusammenschlug.
Draco hatte ihn verraten.
Er stand wieder im Klostergarten, vor Ginny und ihren ungeheuerlichen Vorwürfen. Hörte sich selbst, wie er Draco verteidigte.
Draco würde mich nicht verraten! Niemals!
So sicher… Er war sich so verdammt sicher gewesen.
Er konnte hören, wie Draco würgend ausspuckte und wartete seltsam distanziert darauf, dass der Slytherin etwas sagte. Irgendetwas, das diesen Wahnsinn erträglicher machen würde. Irgendetwas, das es weniger schlimm erscheinen ließ. Irgendetwas, das diese bittere Kälte aus seinem Inneren vertreiben würde.
Doch Draco schwieg.
Noch immer wie betäubt, weil seine kleine, halbwegs heile Welt in tausend Stücke zerschlagen worden war, öffnete Harry den Mund, hatte zischende Vorwürfe und jämmerliche Bitten auf der Zunge – und heraus kam bloß eine heisere Frage:
„Warum?"
„Ich hatte einfach keine andere Wahl. Hätte ich es nicht getan, wären meine Eltern jetzt schon tot."
Harry ignorierte das Flehen, das in Dracos Stimme mitschwang, mit zusammengebissenen Zähnen. Ignorierte das Verstehen. Die Tatsache, dass er vielleicht das Gleiche getan hätte, wenn er dazu gezwungen gewesen wäre; zu bitter war die Erkenntnis, von Draco die ganze Zeit über nur belogen worden zu sein.
„Nein. Warum bist du… so weit gegangen?"
Harry biss sich auf die Lippen und presste die Lider noch fester zusammen. Doch die Stille, die seiner Frage folgte, zwang seinen Blick regelrecht, sich an Dracos Gesicht zu heften, das geronnene Blut zu betrachten, das an dessen Mund und Nase klebte. In Dracos Augen zu sehen, in denen alle Antworten standen, die er sich so sehr gewünscht hatte. Harrys Hände begannen unkontrolliert zu zittern, als er begriff, dass er Draco noch immer mit einer Intensität liebte, die an Besessenheit grenzte.
„Ich… ich konnte nicht anders…"
„Warum? Weil es so leichter war, mein Vertrauen zu erschleichen? Weil ich dir sonst niemals den Rücken zugedreht hätte?", brach es harsch aus Harry heraus. Seine Hände ballten sich erneut zu Fäusten. Und er wollte sich seine Niederlage nicht eingestehen, dass er erschreckend knapp davor stand, Draco verzeihen zu wollen.
Und er hatte Angst davor, es nicht zu können.
Nach einem einzigen Blick in dessen verdammte Augen; weich und…
„Nein!"
… liebend.
„So war es nicht, Harry!" Dracos Körper zitterte, als müsse der Slytherin sich gewaltsam davon abhalten, die Distanz zwischen ihnen nicht zu überwinden. „Ich habe ja versucht, mich von dir fernzuhalten, aber du –"
„Gibst du jetzt etwa mir die Schuld?" Purer Unglauben verdrängte für einen Augenblick den reißenden Zorn, der sich dann in bitterem Sarkasmus Bahn brach: „Entschuldige bitte, dass ich dir zu nahe getreten bin!"
„Nein! Harry, jetzt hör mir doch mal zu, ich…"
Doch Harry wollte nicht zuhören. In seinem Kopf spielten sich einzelne Szenen wie aus einem Film ab. Wie er zu Draco gegangen war und ihn um Hilfe gebeten hatte. Wie er ihm nachgerannt war, bevor sie sich das erste Mal geküsst hatten. Wie sehr er nach Dracos schierer Anwesenheit gegiert hatte. Wie er sich zum Narren gemacht hatte.
So oft…
Und er erinnerte sich an Voldemorts Worte.
Verraten wie Dumbledore, von einem Slytherin, dem du dummerweise vertraut hast…
„Wie lautete dein Auftrag?", fragte er schneidend. „Gehörte mein Vertrauen dazu?"
Schmale Schultern sackten herab, kapitulierend und Harrys Beine gaben nach, als Draco zaghaft nickte.
„Ja… Es war die Bedingung, die ich erfüllen sollte. Aber dann… "
In Harrys Ohren rauschte es jäh so laut, dass er nicht mehr hörte, was Draco ihm noch für Ausreden auftischen wollte. Den Blick leer auf die schmerzlich vertraute Silhouette Dracos gerichtet, ließ Harry sich einfach an der Wand hinabgleiten. Es war etwas anderes, zu ahnen, dass Draco ihn von Anfang an belogen hatte, als es zu wissen.
„… wie oft ich kurz davor gestanden habe…"
Dieses Wissen verbrannte jeden weiteren Vorwurf zu Asche, vertrieb selbst die Wut und ließ nur lähmende Pein zurück. Harry hätte nur zu gern geschrien, hätte sich diesen nutzlosen Klumpen Fleisch am liebsten aus der Brust gerissen, der ihm solche Folterqualen bereitete.
„Halt einfach die Klappe", befahl er tonlos. „Ich hab mir deine ganzen Märchen jetzt lange genug angehört."
„Nichts hast du gehört!" Dracos Augen waren vor unterdrücktem Zorn ganz schmal und Harry blinzelte irritiert, als Draco jäh vor ihm stand, als sich schlanke Finger schmerzhaft fest in seine Schultern gruben. Harry zuckte unwillkürlich zusammen, als er das Werk seiner Wut auf der hellen Haut aus nächster Nähe begutachten konnte. „Du hast mir nie zugehört! Genau das ist ja das Problem – aber jetzt wirst du zuhören…"
Mit einer einzigen schnellen Bewegung wischte Harry Dracos Hände fort und stieß den Slytherin rücklings zu Boden.
„Du hast nie etwas gesagt, Malfoy! Nicht mal die kleinste Andeutung!"
„Doch. Du hast es nur nicht verstanden, und deutlicher dufte ich nicht werden…" Draco rappelte sich auf und fuhr sich seufzend durch das schmutzige Haar. „Es hätte ihren wunderbaren Plan in Gefahr gebracht." In seiner Stimme schwang so viel Gift und Galle mit, dass es selbst Harrys verletzten Geist erreichte.
„Wir hätten eine Lösung gefunden, wenn du nur deinen verdammten Mund aufgemacht hättest!"
Draco schwieg, die Lippen ein schmaler Strich im leichenblassen Gesicht, das Harry nur zu gern verzeihend geküsst hätte. Das er noch immer mit bloßen Fäusten zerschmettern wollte. Doch er bezwang sich, hielt Abstand, bevor Herz und Körper die Kontrolle übernahmen und taten, wonach es ihnen verlangte.
„Nichts hätte das hier verhindern können, Harry."
Das dünne Flüstern schnitt in Harrys Herz wie echte, körperliche Pein.
„Doch, McGonagall hätte einen anderen Weg gefunden, ich weiß es."
Draco riss die Augen auf, starrte ihn sekundenlang an und dann lachte er; laut und verzweifelt.
„Ich befürchte, der Weg wäre der gleiche gewesen, er passte ihr einfach zu gut in den Kram!"
Harrys Blut verwandelte sich jäh in Eis, als jener tödliche Zorn erneut von ihm Besitz ergriff. Bevor er auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, war er auf den Beinen und über Draco gebeugt.
„Was meinst du damit? Rede!", verlangte er kalt, eine Hand in Dracos Hemd krallend.
Wieder schwieg Draco, schien die Vor und Nachteile abzuwägen und seufzte schließlich besiegt. Seine Finger legten sich auf Harrys Wange, brannten auf seiner kalten Haut.
„Du bist so blind", wisperte er. „Du hast keines der Zeichen gesehen, nicht einmal, wenn ich dich dazu zwingen wollte…"
„Du hast nie…", begann Harry wütend. Doch der Zorn verflog, als die Erinnerung über ihm hereinbrach, ihn gequält aufstöhnen ließ.
Und irgendwann wirst du dich auch abwenden…
Du verurteilst mich also schon jetzt? Ohne mir die Chance zu geben, dir das Gegenteil zu beweisen?
Warten wir es ab, wer wen verurteilen wird.
Du wirst es eines Tages bereuen, dich auf mich eingelassen zu haben.
Draco hatte ihn gewarnt, hatte ihn so oft angesehen, mit schmerzhaftem Selbsthass in den grauen Augen.
Im Grunde genommen gibt es keine Seiten in diesem Spiel. Nur der Sieg zählt. Du bist auch nicht mehr als eine Figur auf diesem Schachbrett. Und sie würden dich ebenso opfern wie mich, wenn es dem großen Ganzen dient…
Es schien ein Leben her zu sein, seit Draco ihm diese Worte ins Gesicht geschleudert hatte, damals, als er grade befreit worden war… nachdem Minerva mit Draco gesprochen hatte… allein.
Die Erkenntnis krallte eine eisige Klaue um sein Herz und doch verleugnete Harry das schreckliche Puzzle, das sich in seinem Geist zusammensetzte. Stück für Stück. Grausam in seiner Klarheit.
„Nein!", schrie er Draco an, wischte dessen Hand von seiner Wange, stolperte zurück, konnte diese Nähe nicht länger ertragen, die sein Herz vor Sehnsucht bluten ließ. „Das würde der Orden niemals tun! McGonagall würde niemals so weit gehen… Moody würde mich nicht betrügen, Remus würde nicht… sie sind nicht wie du!"
„Nein, sie sind schlimmer", presste Draco hasserfüllt hervor. „Der Orden hat also rein zufällig ausgerechnet den Ort ausfindig gemacht, an dem sie mich gefangen hielten? Sie hatten rein zufällig das Pergament des Geheimniswahrers dabei, obwohl sie alle anderen dem Ministerium überlassen haben? McGonagall hat dich also rein zufällig zu meinem Aufpasser ernannt? Hat dich rein zufällig zu mir geschickt, damit ich dir den Todesfluch beibringen soll? Weil wir so ganz zufällig Zeit zusammen verbringen mussten?"
Draco holte zitternd Luft und Harry stand auf, schnell, bevor er dem nach Vergeltung für diese, wie er noch immer verzweifelt hoffte, Lügen schreienden Dämon nachgab.
„Ich glaube dir kein Wort, Malfoy!"
Draco fuhr zusammen, als hätte Harry ihn erneut geschlagen und seine Augen leuchteten vor unhaltbarem Zorn, als er sich aufrappelte.
„Der Dunkle Lord gab mir den Auftrag, dein Vertrauen zu erlangen und dich hierher zu bringen. Der Orden wusste davon. Der Orden billigte und unterstützte es. Sie taten alles, um dich in meine Nähe zu treiben. Sie verlangten von mir, dass du nichts erfährst, dass du unwissend vor den Dunklen Lord trittst, damit dein ungeschützter Geist nichts von ihren Plänen verrät."
Am liebsten hätte Harry sich wie ein kleines Kind die Ohren zugehalten, während Draco alles, woran Harry je geglaubt hatte, unerbittlich in kleine Scherben schlug.
„Und warum sagst du mir das jetzt?", schrie Harry außer sich. „Warum bringst du ausgerechnet jetzt diesen angeblichen Plan in Gefahr?"
Wieder schwieg Draco nervenzerreißend lange. Dann sackten knochige Schultern ergeben herab und Draco sah auf, die Augen eine dunkelgraue, stürmische See und bitter lächelnde Lippen formten ein kaum hörbares Wispern, das Harrys Herz qualvoll schneller schlagen ließ.
„Weil ich es doch nicht ertragen kann, dass du mich hasst…"
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Ohne ein Wort der Erklärung, trug Lucius seine Frau an Severus vorbei auf das Bett zu.
„Hast du etwas da, das sie beruhigt, wenn sie aufwacht?", fragte er, ohne den Blick von Narzissas Gesicht zu nehmen. Die Panik hielt sie scheinbar auch jetzt noch gefangen; grub, trotz der Ohnmacht, tiefe Linien um ihren Mund.
„Es ist also geschehen", flüsterte Severus, ihm eine kleine Flasche reichend. „Draco hat es tatsächlich getan."
„Und jetzt ist er ein Gefangener", bestätigte Lucius bitter. „Der Lord wird ihn töten, Severus. Ihn und Potter." Seine zitternden Hände strichen sanft blondes Haar aus Narzissas verschwitzter Stirn und für einen Augenblick wallte Stolz in ihm hoch.
Sie war so wunderschön gewesen, als sie sich dem Dunklen Lord entgegengestellt, ihm getrotzt hatte. Für ihren Sohn hatte kämpfen wollen.
Mit den falschen Mitteln.
„Sie stand gefährlich kurz davor, ihn mit bloßen Händen anzugreifen, Severus", berichtete Lucius leise. „Und ich fürchte den Augenblick, wenn sie tatsächlich die Beherrschung verliert, aus Angst um Draco."
„Und was ist mit dir und deiner Beherrschung?"
Lucius biss die Zähne zusammen. „Ich habe mich im Griff, wenn es das ist, was dir Sorgen bereitet."
Und noch war es keine Lüge. Noch überließ er sich seinem kühl kalkulierenden Verstand, der ihn schon so oft gerettet hatte. Der jetzt seinen Sohn retten musste.
„Lucius, ich… es tut mir Leid. Wenn ich gewusst hätte, worauf es hinausläuft, hätte ich nie…"
Die schlanken Finger unwirsch von seinem Arm schlagend, fuhr Lucius herum, sah Severus an, der überrascht einen Schritt zurückwich, ließ dem Zorn freien Lauf, der bis jetzt tief in seinem Inneren geschwelt hatte.
„Spar dir dein Mitleid, Snape! Und vergiss nicht, wen du hier anlügst!"
Severus schüttelte ernst den Kopf, holte zitternd Luft und Lucius ging auf ihn zu. In diesem Moment sah er nicht mehr seinen alten Freund vor sich, sondern einen verbitterten Mann, der die Vergangenheit nicht loslassen wollte, sich verzweifelt daran festhielt. Dem kein Opfer zu groß war, um sein Ziel zu erreichen.
Und diesen Mann hasste er aus tiefstem Herzen.
„Du hättest Draco trotz allem geopfert, genau wie du Potter nur zu bereitwillig hast ins Messer laufen lassen! Für die winzige Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Um deine verfluchte Rache zu bekommen, von der du so besessen bist!"
„Ja."
Die ungeschminkte Ehrlichkeit tauchte Lucius' Sicht in blutiges Rot, ließ ihn sich wie ein verletztes, gefährliches Tier verteidigen, mit der Absicht, selbst tiefe Wunden zu schlagen.
„Und das alles nur, weil du damals zu feige warst, James Potter zu warnen. Zu egoistisch, auch seine Familie zu retten. Stattdessen benutzt du jetzt seinen Sohn für einen flüchtigen Moment der Genugtuung! Wenn du ihn wirklich so sehr geliebt hättest, wärst du für ihn in den Tod gegangen – oder mit ihm!"
Nur ein zischendes Luftholen, geblähte Nasenflügel und flackernder Schmerz in dunklen Augen verrieten Lucius, dass seine Worte ihr Ziel mit tödlicher Präzision getroffen hatten.
„Du gehst zu weit, Lucius", antwortete Severus tonlos.
„Ich habe nicht einmal angefangen, Snape!"
„Lucius."
Narzissas ruhige Stimme war wie kühles Wasser für seinen erhitzten Geist. Das und die Tatsache, dass sie endlich wieder da war. Ohne den erstarrten Severus auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, war er an ihrer Seite, die Flasche mit öliger Flüssigkeit an ihre Lippen haltend.
„Trink das, Narzissa, du wirst dich besser fühlen."
„Nein." Sie drückte seine Hand sanft aber bestimmt hinunter. „Ich brauche jeden klaren Gedanken, den ich fassen kann." Sie sah an ihm vorbei und ihre Lippen wurden schmal, als sie aufstand, kaum merklich schwankte und einen Schritt auf Severus zuging.
„Ich kenne die Legende, auf die der Dunkle Lord sich verlässt und alles läuft darauf hinaus, dass Potter vom Hass geblendet ist." Sie holte tief Luft, starrte Severus noch immer unerbittlich an, mit Augen kalt wie ein Gletscherbach, sprach nun so erschreckend unbeteiligt, ein heftiger Kontrast zu der flackernden Angst zuvor, dem heißen Zorn. „Draco hat ihn verraten und er wird es ihm nicht so schnell verzeihen… und wenn Draco in der Wunde rührt, wenn er ihn provoziert… dann wird Potter sich in seinem Hass verlieren. Genau wie der Dunkle Lord es geplant hat. Wir haben vier Wochen bis zu dieser Mondfinsternis, um genau dies zu erreichen – vorher."
„Du willst den Hass in Potter schüren?" Severus blinzelte, schüttelte den Kopf. „Aber das würde bedeuteten…"
„Das bedeutet, dass Draco nicht sterben muss. Dass nicht Draco der Schlüssel sein muss. Nicht auf die Weise, wie der Lord es will."
„Und was ist, wenn an dieser Legende doch etwas dran ist?", fragte Severus leise.
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Harry biss sich Zunge und Lippen blutig, um Draco nicht erneut zu schlagen, das blutverschmierte Gesicht nicht mit Küssen zu bedecken. Konnte diesen unerklärlichen, widersprüchlichen Impulsen nach wie vor kaum widerstehen.
Weil ich es doch nicht ertragen kann, dass du mich hasst.
Dracos Worte waren nicht genau das, was er hatte hören wollen. Und doch weckten sie Hoffnung. Die unsinnige Hoffnung, dass er Draco nicht egal war. Gleichzeitig stachelten sie den zornigen Dämon in ihm nur an. Jenen Dämon, der ihm höhnisch zuflüsterte, dass es nur ein Trick war. Dass die Worte um ein paar Stunden zu spät kamen. Dass er sich selbst belog, wenn er mehr hineininterpretierte.
„Nur Lügen, Malfoy, wie immer", spie Harry verächtlich aus, ignorierte das Zusammenzucken der in Düsternis getauchten Gestalt vor sich. „Was auch immer ihr geplant habt, ist anscheinend mächtig nach hinten losgegangen, sonst wärst du jetzt nicht mit mir in dieser Zelle. Wahrscheinlich weiß Voldemort schon längst, was ihr vorhabt. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob du mir alles erzählst oder nicht."
„Nein! Er kann es nicht wissen! Wenn er es weiß, dann –", begann Draco, trat einen Schritt auf Harry zu, der eilig zurückwich. Draco nicht traute, sich selbst nicht traute und keine Nähe mehr zulassen wollte.
„Dann werden wir beide sterben", vollendete Harry bitter Dracos Satz. „Und er weiß auch von… uns… was macht dich so sicher, dass Filch ihm nicht noch alles andere verraten hat?"
„McGonagall wäre dieses Risiko niemals eingegangen, wenn sie nicht genau wüsste, dass wir noch genug Zeit haben."
„Wozu?", schrie Harry. „Zeit, in diesem dreckigen Loch zu verrecken? Um darauf zu warten, dass dieser Verrückte sich endlich bequemt, mich zu töten?"
„Ich bat dich, mir zu vertrauen", antwortete Draco, mit einer Ruhe, die Harrys blanke Nerven unerträglich reizte. „Ich… bitte dich noch einmal darum…"
Harry blinzelte ungläubig und lachte hohl auf, deutete mit ausladender Geste auf die feuchte, kalte Zelle.
„Oh, klar, nichts leichter als das. Hat mir bis jetzt ja nur Vorteile gebracht, dir zu vertrauen!"
„Ich kann dir jetzt nicht alles sagen, verdammt!" Draco ballte die Fäuste, trat einen weiteren Schritt vor. „Wenn er sich doch noch entschließt, in deinen Geist einzudringen, wäre selbst das, was ich schon gesagt habe zu viel!"
„Und was ist mit deinem Geist? Was, wenn er da mal einen Blick riskiert? Dürfte wahrscheinlich eine ziemlich interessante Story sein, die er da findet!", fauchte Harry, halbblind vor Zorn, die Wahrheit nur häppchenweise vorgesetzt zu bekommen. Dennoch war der Zorn besser als jener Schmerz, der wie glühende Eisen um seine Brust lag.
Draco schwieg, Augen aufgerissen, schüttelte nur den Kopf, als wolle er Harrys Logik leugnen. Und es tat schrecklich weh, ihn so hilflos zu sehen, die Distanz nicht einfach überbrücken zu können, um den bitter benötigten Trost einzufordern und selbst spenden zu können. Jenes verräterische Brennen in Harrys Augen, das sich nicht mehr lange fortblinzeln ließ, trieb ihn noch weiter fort, auf die schmale Liege zu, die unter seinem Gewicht protestierend knarrte.
Keines der versöhnlichen Worte, die auf seiner Zunge brannten, kam ihm über die Lippen, als er Draco den Rücken zudrehte und die Knie an die Brust zog. Als er versuchte, möglichst ruhig und tief zu atmen, Draco nicht wissen zu lassen, dass er den Kampf gegen sich selbst aufgegeben hatte. Als er lautlos weinte und seine Qual nicht herausschrie, bis seine Kehle wund und heiser war.
Nur zu deutlich war er sich Dracos Anwesenheit bewusst. Der glühenden Blicke in seinem Rücken, der leisen Schritte, die ihn jeden Muskel anspannen ließen, des leisen Geräusches, als Draco sich an einer Wand hinabgleiten ließ, nicht zu ihm kam, wie er vermutet (gehofft) hatte.
„Es tut mir Leid…"
Die Zähne zusammengebissen, zwang Harry sich, nicht zu reagieren, als er das jämmerliche Flüstern vernahm, zwang sich, still liegen zu bleiben, nicht die Hand auszustrecken, wie es sein blutendes Herz befahl. Lag nur still und verkrampft da, starrte moosbedeckte Steine an und wünschte sich, noch immer, dass er nur schlecht träumte.
Dass er gleich schon aufwachen würde; Dracos Stimme im Ohr, die ihm zuflüstern würde, dass alles gut war, dass das alles nicht passiert sei.
Doch Draco schwieg.
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Scharfer Schmerz weckte Remus. Ein Schmerz, der seine Muskeln kreischen ließ, als er sich stöhnend aufrichtete. Dies und das dumpfe Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Desorientiert blinzelnd sah er zur weit geöffneten Zellentür, betrachtete die ordentlich gefaltete Kleidung neben sich.
Und erinnerte sich.
Aufspringen und blind Hose und Hemd überstreifen war eins. Remus erkannte den klagenden Laut, der von den steinernen Wänden widerhallte, nicht als seinen eigenen, als er auf die Tür zustürzte, von der leugnerischen Hoffnung erfüllt, dass er sich irrte.
Dass ihm sein Verstand einen Streich gespielt hatte. Dass Minerva ihn nicht belogen, Harry nicht in die diese tödliche Falle geschickt hatte.
Wie Eis war sein Blut, jeder Atemzug pure Qual, während er durch die leeren Gänge des Klosters hetzte; als wäre er noch immer ein Tier und seiner Beute auf der Spur. Schnell und hart schlug ihm das Herz gegen die Rippen. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der Gewissheit, von der Erleichterung…
Oder dem vernichtenden Schlag.
Harrys Bett war gemacht und ordentlich. Und Rons Augen waren groß und blau, starr auf ihn gerichtet, als er aufschrie, schmale Schultern packte und schüttelte.
„Wo ist Harry? Wann hast du ihn zuletzt gesehen?"
„G-gestern…"
Panik ließ seine Sicht blank werden, machte ihn blind für Rons Blässe, von der sich die Sommersprossen dunkel abhoben. Ließ ihn taub sein, nur noch das Rauschen seines kochenden Blutes wahrnehmen, und nicht die geflüsterte Frage des Jungen.
Ließ ihn sein eigenes, verzweifeltes Schluchzen nicht hören, mit dem er erneut durch die dunklen Gänge stürzte, mit kalten Fingern die nächste Tür öffnete.
Und Minerva ansah.
Die hochaufgerichtete Gestalt hinter dem Schreibtisch betrachtete, als sähe er sie das erste Mal. Die schlanken, ineinander gekrampften Finger. Die Augen, in denen bittere Schuld stand.
Und wilde Entschlossenheit.
Er durchquerte den Raum wie in Trance, war sich der donnernden Wucht nicht bewusst, mit der seine Fäuste auf die Schreibtischplatte krachten. Erkannte seine eigene Stimme nicht wieder; rau und bellend, als wäre er noch der Wolf und nicht der Mann:
„Warum?"
Die simple Frage ließ Minerva zusammenzucken wie unter einem Schlag. Doch sie wich seinem Blick nicht aus.
„Weil wir keine andere Möglichkeit hatten. Und du weißt das."
„Du hast mir dein Wort gegeben, verdammt!"
Es befriedigte ihn nicht, die Pergamente mit einem zornigen Handschlag zu Boden zu fegen – das Flackern in Minervas Augen schon. Und er erschrak vor sich selbst, trat einen Schritt zurück, noch immer mehr Tier als Mensch.
„Remus, reiß dich zusammen. Ich würde dich nur ungern verletzen."
Alastors bestimmte Stimme hinter sich zu hören, überraschte Remus nicht – die Spitze des Zauberstabes, die sich zwischen seine Wirbel drückte, tat es allerdings.
„Du würdest mich tatsächlich angreifen?" Remus wagte nicht, sich umzudrehen, sah unverwandt in Minervas Augen; nicht länger besiegt und voller Schuld.
Eher von stillem Triumph erfüllt.
„Nur, wenn es nötig ist." Noch immer klang der alte Auror ruhig; fast so, als wäre alles normal und Harry nicht Voldemorts Geisel.
Oder Schlimmeres.
„Setz dich, höre uns zu und entscheide dann, ob du weiterhin auf unserer Seite stehst."
Der einfache Befehl ließ die schwelende Wut erneut hochkochen. Remus wirbelte herum, die Hände trotz der Gefahr in Alastors Kragen gekrallt.
„Und auf welcher Seite steht ihr?", fauchte er, war blind für das grau anmutende Gesicht, für die tiefen Furchen um schmale Lippen, die dunklen Schatten unter Alastors intaktem Auge – das dennoch so seltsam triumphierend wie Minervas war. „Harry hat euch vertraut! Ich habe euch vertraut! Und ihr habt uns beide verraten! Harry ist noch ein Kind, er könnte jetzt schon tot sein, er–"
„Ihm wird nichts geschehen, bis zum nächsten Vollmond", unterbrach Minerva und Remus ließ von Alastor ab, der seinen Anklagen scheinbar ungerührt gelauscht hatte, wandte sich der Frau zu, für die er einst seine Hand ins Feuer gelegt hätte.
„Eine Vermutung!", zischte er. „Eine Vermutung von Snape, der Harry hasst!"
„Dumbledore hat Severus immer vertraut – und ich vertraue ihm ebenfalls. Wir haben Zeit bis zu dieser Mondfinsternis, unsere nächsten Schritte zu planen." Minerva klang völlig überzeugt, schien nicht einen Herzschlag lang an Snape zu zweifeln. Wie sie nicht einen Herzschlag lang an diesem verdammten Plan gezweifelt hatte.
Und Remus, vor Angst ganz krank, wünschte sich, dass sie recht behielt, dass Snape sich nicht zu kleinlichen Racheakten hinreißen ließ.
„Wirst du uns nun zuhören, oder nicht?"
Minerva wies mit einer einladenden Handbewegung auf einen Stuhl, kein Zeichen der Ungeduld auf den blassen Zügen. Remus verschränkte nur die Arme vor der Brust und nickte knapp, ohne auf das Friedensangebot einzugehen.
„Ich höre."
Das Zucken um Minervas Lippen reizte Remus erneut, doch sie schaffte es, nicht zu lächeln, als sie sich wieder setzte, ihn über zusammengelegte Fingerspitzen nachdenklich betrachtete.
„Du erinnerst dich, was dieses kleine Mädchen erzählt hat? Megan war ihr Name. Megan McDougal."
Erneut nickte Remus nur knapp. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was das Kind mit dieser Katastrophe zu tun haben könnte – oder wie ihnen ein wirres Märchen von einer alten Hexe weiterhelfen könnte.
„Sie berichtete etwas von einer freien Werwolfskolonie", fuhr Minerva fort, beugte sich vor, erwartungsvolles Glitzern in den Augen. „Und diese Hexe scheint über große Macht zu verfügen. Wenn wir sie auf unsere Seite ziehen könnten, dann hätten wir ein Ass im Ärmel, mit dem der Dunkle Lord nicht rechnet."
„Und wenn sich diese mächtige Hexe bloß als alte, verwirrte Frau herausstellt? Und der Rest als die zu lebhafte Phantasie eines völlig verängstigten Kindes?", schnappte Remus. „Das Mädchen musste mit ansehen, wie ihr Dorf zerstört wurde, sie wurde von Fenrir bedroht, sie muss außer sich gewesen sein vor Furcht!"
„Ich bin mir sicher, dass sie nicht gelogen hat und selbst wenn sich ihre Erzählung als… übertrieben herausstellt, können wir doch jede Hilfe gebrauchen, die wir bekommen können."
„Und ich soll jetzt losziehen und einen Wald suchen, den man angeblich nicht finden kann?", fragte Remus, voll von brodelndem Zorn über diese absurde Idee.
„Ganz genau." Minerva lächelte jetzt doch, schien geradezu amüsiert über Remus' Wut. „Und das Mädchen wird dich begleiten. Sie könnte sich als hilfreich erweisen."
Remus' Arme fielen schlaff herab, sein Mund klappte auf, ob des puren Schocks. Nicht nur, dass er einem Märchen hinterherjagen sollte! Er musste auch noch ein kleines Kind durch ein Land eskortieren, das sich im Krieg befand. Minerva hatte anscheinend den Verstand verloren. Und Alastor ebenfalls. Der alte Auror lehnte vollkommen gelassen an der Wand, kratzte sich das stoppelige Kinn und lächelte, als Remus ihn ansah.
„Ich hole das Kind. Überleg dir deine Antwort gut, Remus. Wir brauchen dich. Harry braucht dich."
Remus konnte ihm nur fassungslos hinterher starren, als Alastor das Büro humpelnd durchquerte und verließ. Alle Vorwürfe erstarben auf seiner Zunge, bevor er sie aussprechen konnte: Dass Harry ihre Hilfe gar nicht bräuchte, hätten sie ihn nicht dieser Gefahr ausgeliefert. Dass dieser absolut verrückte Plan nicht funktionieren konnte. Wie im Traum wandte er sich wieder Minerva zu, öffnete den Mund, ohne einen Laut hervorzubringen.
Und sie sah ihn noch immer einfach nur an. So siegessicher, als hätten sie schon gewonnen.
„Du bist vollkommen wahnsinnig!", brachte er schließlich mühsam heraus und dann, mit allem verfügbaren Sarkasmus: „Und was tust du in der Zwischenzeit? Das Ministerium überreden, uns eine Armee zusammenzustellen?"
Minervas Lächeln enthüllte zwei Reihen weißer Zähne.
„Genau das werde ich tun."
Und Remus vergaß seinen Stolz, ließ sich doch noch auf dem Stuhl nieder, als seine Beine einfach nachgaben.
ooOoo
Schweigen als einzige Antwort auf Severus' Frage. Schweigen und kalte abweisende Blicke, die seine Logik nicht akzeptieren wollten. Schweigen, das durch hasserfülltes Zischen gebrochen wurde, das Severus kaum als Lucius' Stimme erkannte:
„Willst du damit andeuten, dass wir wieder einmal einfach nur abwarten sollen?"
Es kostete Kraft diesen kalten Augen zu begegnen, ohne den Blick abzuwenden. Es kostete Kraft, dieser geballten Wut ausgesetzt zu sein. Angesehen zu werden wie ein Feind, den es zu vernichten galt.
Wo war es, das überwältigende Gefühl, den sicheren Sieg schon vor Augen zu haben? Nur noch wenige Wochen, doch unendlich viele Variablen trennten ihn von seiner Rache…
„Ich bin der Meinung, dass wir uns an den Plan halten sollten, ja."
… und der süße Geschmack des Triumphes blieb aus.
„Und was geschieht, wenn der Dunkle Lord doch die Geduld verliert?", fauchte Narzissa mühsam beherrscht, mit sich überschlagender Stimme. „Was, wenn es ihm schon reicht, Potter einfach nur zu töten? Und meinen Sohn dazu?"
War es Lucius' Worte wegen? War es, weil er nur noch James vor sich sah? Weil er dessen Sohn benutzte? Wie er Lucius' Sohn benutzte? Für eine Rache, so schal wie erkalteter Tee? Weil er dafür alles verriet, das ihm etwas bedeutete? Und bedeutet hatte?
„Er hat zu lange darauf gewartet, um jetzt gedankenlos zu handeln. Er will den perfekten Sieg. Deswegen wird er warten, bis zur Mondfinsternis. Und wir werden zuschlagen."
„Eine Handvoll gejagter Zauberer und Hexen! Das ist eure Armee!", spie Lucius voller Frustration. „Euer hübscher Plan, das Ministerium auf eure Seite zu ziehen, wird genauso katastrophal enden wie der davor, dass Draco Potter hierherbringt!"
War es, weil Severus das Gefühl hatte, die Welt begänne jetzt schon zu bröckeln? Als würde sie sich Stück für Stück aufzulösen?
„Ich…" Severus stockte, bezwang den Wunsch, den Blick abzuwenden, seine Schuld stumm zuzugeben, die doch so offensichtlich war. „Wir haben keine andere Wahl, als diesen Weg bis zum Ende – "
„Natürlich haben wir die Wahl!" Jede aufgesetzte Gelassenheit fiel von Lucius ab, als er einen Schritt vortrat, die Fäuste geballt. „Wir können fliehen! Heute noch! Wir sind bewaffnet und – "
„Und der Dunkle Lord hätte seine wahre Freude daran, euch über diese gesamte Insel zu scheuchen wie Tiere. Er verfügt im Gegensatz zu euch nämlich sehr wohl über eine Armee, die das ganz gut zustande bringen kann."
Severus erbleichte unter der spöttischen Stimme und wirbelte zur Tür herum, an der Rabastan aufreizend lässig lehnte.
„Ihr solltet abschließen, wenn ihr den Fall des Dunklen Lords plant – man weiß schließlich nie, wer sich sonst noch einschleicht."
Laut rauschte das Blut in Severus' Ohren, übertönte die höhnischen Worte. Ihm wurde kalt, jeder Knochen schien zu gefrieren und dann kochte sein Blut, ließ jedes Glied unter Schock erschlaffen, seine Hände zittern.
Rabastan schien das fassungslose Schweigen zu genießen, schlenderte durch den Raum, als sei er auf einer Teeparty und bediente sich unaufgefordert des Whiskeys, der in einer bauchigen Karaffe auf dem Tisch stand.
„Irischer, hoffe ich?"
Noch immer durch Erleichterung und ungläubigen Zorn über die eigene Dummheit zum Schweigen verurteilt, nickte Severus nur und krallte die Finger in seine Roben, um das erbärmliche Zittern zu verbergen.
Rabastan nippte an bersteinfarbener Flüssigkeit, seufzte zufrieden und sah Lucius und Narzissa an, die sich an den Händen hielten wie ertappte Kinder.
„Wo war ich stehengeblieben? Ach ja… ihr solltet einen kühlen Kopf bewahren und nichts überstürzen. Draco wird nichts geschehen, bis zu dieser Mondfinsternis, da hat Severus vollkommen recht. Und Potter beschützt ihn anscheinend trotz allem, was geschehen ist. Romantisch, nicht wahr?"
Severus schluckte hart und fragte sich, wie lange Rabastan ihnen unbemerkt zugehört hatte. Wie leicht hätten sie doch auffliegen können…
Und er wagte es nicht, Lucius anzusehen. Zu sehen, wie er die Nachricht aufnahm, dass Draco seinen Gefühlen wohl doch erlegen war.
„Außerdem habe ich die Erlaubnis, euch morgen zu ihm zu führen. Ich hoffe, ihr erkennt den unschätzbaren Vorteil, euch völlig ungestört mit eurem Sohn unterhalten zu können. Natürlich unbewaffnet – schließlich wollen wir ja nicht, dass sinnlose Fluchtpläne doch noch in die Tat umgesetzt werden."
Rabastans Augen waren plötzlich sehr schmal, während er Narzissa und Lucius warnend ansah.
„Wie hast du dieses Kunststück vollbracht?", fragte Severus, um eine Leichtigkeit bemüht, die ihm nicht so recht gelingen wollte.
„Ich spiele schon zu lange mit Bella, um nicht zu wissen, wie ich sie führen muss, damit ich bekomme, was ich wünsche." Rabastan leerte das Glas in einem Zug und das leise Klirren, als er es auf den Tisch stellte, klang unnatürlich laut. „Und ihr alle spielt schon zu lange, um nicht zu wissen, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt."
Fäuste geballt beobachtete Severus still, wie Rabastan sich anschickte, den Raum zu verlassen, sah die gleiche Hilflosigkeit in Lucius' und Narzissas Zügen, die ihn selbst lähmte. Und auch wenn er froh hätte sein müssen, dass Rabastan ihm half, den Plan durchzusetzen, hätte Severus sich nicht schlechter fühlen können.
„Glaubst du wirklich, dass Bellatrix dir danken wird, wenn du hilfst, den Dunklen Lord zu stürzen?" Narzissa klang gelassen, ihre Miene drückte nichts weiter als vage Neugierde aus – und ein wenig Spott.
Ebenso wie Rabastans Augen, als er die Tür öffnete und einen letzten Blick zurückwarf.
„Wer sagt, dass sie es je erfahren wird?"
Tbc…
