Und weiter geht es ;)
Ich möchte mich bei folgenden Lesern aufs Herzlichste für ihre wirklich tollen Reviews bedanken:
Deedochan, schneestaub und zissy :o)
Edit und danke an Zissy für den Hinweis, ich hab das glatt vergessen ;o)
Bevor es los geht, noch ein wenig Werbung in eigener Sache: Sammy-chan und ich haben ein kleines Forum eröffnet. Wir organisieren gerade ein FF-Wichteln und würden uns über rege Teilnahme freuen. Den Link zu den Regeln und dem Wunschzettel findet ihr in meinem Profil.
Und wer sich einfach nur so zum Quatschen anmelden möchte, ist selbstverständlich auch herzlich Willkommen ;)
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Nachtgeflüster
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Minervas Schritte hallten unnatürlich laut zwischen den schäbigen Mauern wider, während sie an abrissreifen Bürogebäuden und einem geschlossenen Pub vorbeiging; direkt auf die rote Telefonzelle zu, der nicht nur alle Scheiben fehlten, sondern auch noch die Tür windschief in den Angeln hing. Alles in allem ein erbärmlicher Anblick in einer erbärmlichen Gegend.
Sie trat auf die Scherben, die unter ihren Füßen knirschend brachen und nahm den Hörer von der Gabel, lauschte erleichtert dem leisen Freizeichen. Anscheinend hatte das Ministerium den Zutritt für Besucher noch nicht untersagt.
Minerva hob die Hand und stutzte; ihre Finger zitterten unkontrolliert. So sehr, dass sie froh war, sie in die Einbuchtungen der Wählscheibe legen und sich an etwas festhalten zu können.
„Willkommen im Zaubereiministerium. Bitte nennen Sie Ihren Namen und Ihr Anliegen."
Die kühle Frauenstimme schien direkt neben ihr zu erklingen, kam von überall her, erinnerte Minerva daran, dass sie sich keinen Fehler erlauben durfte, keine Schwäche, so kurz vor dem Ziel. Also straffte sie die Schultern und reckte das Kinn gen Decke.
„Minerva McGonagall, ehemalige, stellvertretende Direktorin von Hogwarts. Ich muss den Zaubereiminister Rufus Scrimgeour sprechen."
„Vielen Dank. Bitte entnehmen Sie die Plakette und befestigen Sie sie an Ihrem Umhang. Sie werden sich einer Untersuchung unterziehen müssen und Ihren Zauberstab zu diesem Zweck abgeben."
Minerva stützte sich mit einer Hand am leeren Fensterrahmen ab, als es leise ratterte und sie mit tauben Fingern die Metallplakette aus dem Münzschacht klaubte. Ihr war schwindelig und ein wenig übel, ob vor Erleichterung oder Furcht wusste sie nicht zu sagen. So leicht konnte es doch nicht sein. So dumm konnte nicht einmal das Ministerium sein. Nicht unter Rufus Scrimgeour… nicht einmal Fudge hätte-
Die Telefonzelle vibrierte sacht, bevor sie in der Erde versank und Minervas Umgebung in völlige Dunkelheit tauchte. Sie wusste, dass es nicht einmal eine Minute dauern würde, bis sie das Atrium erreicht haben würde.
Doch die Sekunden waren unendlich lang, bis es soweit war, dass Minerva den Saum ihres Reiseumhangs erkennen konnte. Bis sie etwas anderes vernahm, als das Knirschen von Stein und Erde auf rostigem Metall.
„Das Zaubereiministerium wünscht Ihnen einen angenehmen Tag."
Die Stimme klang noch immer beruhigend emotionslos, so als wäre es wirklich ein Tag wie jeder andere. Minerva jedoch war wachsam, als sie aus der Telefonzelle trat.
Ihre Absätze klackten auf dem polierten Boden, auch hier überlaut, was sie sich nicht einbildete, weil das gesamte Atrium bei ihrem Anblick zu erstarren schien. Minerva reckte das Kinn noch höher und weigerte sich einfach, zu blinzeln, um nur ja keine Schwäche zu zeigen. Oder auch nur vages Interesse, weil es in den Kaminen zu Staus kam, so irritiert gafften die Angestellten des Ministeriums. Sie alle wussten anscheinend, wer sie war.
Kein Wunder, dachte Minerva grimmig, und betrachtete im Vorbeigehen die Steckbriefe, die an fast jeder Wand angebracht waren und ihr Gesicht und das der anderen Mitglieder des Phönixordens zeigten.
Immerhin konnte sie ungehindert die Halle durchqueren, dank des Überraschungseffektes. Keine Auroren, die sich auf sie stürzten und erst verfluchten und dann befragten.
Und auch keine Todesser, die genau das Gleiche taten.
Der schmuddelige, kleine Zauberer hinter dem Sicherheitsschalter sperrte Mund und Augen auf, als Minerva vor ihm zum Stehen kam, ihren Zauberstab auf die Theke legte und sich vorstellte:
„Minerva McGonagall. Ich möchte Rufus Scrimgeour sprechen."
„H-haben Sie denn einen Termin?", stammelte der Zauberer, der nur schlecht rasiert war und dessen Wangen ganz fahl unter den rötlichblonden Bartstoppeln waren.
„Nein. Aber ich denke, er wird es einrichten."
Fast tat der Mann ihr Leid, der mit bebenden Händen ihren Zauberstab umklammerte und ihn dezent in einer Schublade verschwinden ließ, anstatt ihn nur zu prüfen. Doch dass sie dem Minister nicht bewaffnet gegenübertreten würde, war Minerva von vorneherein klar gewesen, also unterließ sie jeden sinnlosen Protest.
Der Trick war jetzt nur, zu Rufus Scrimgeour vorgelassen zu werden und nicht direkt in Askaban zu landen.
„Folge mir bitte, Minerva."
Minerva musste sich einen Herzschlag lang an dem langen Tresen festklammern, hinter dem der Sicherheitsbeamte sie noch immer aus großen, runden Augen anstarrte; die ruhige Stimme von Kingsley Shacklebolt nahm ihr fast die Kraft, die sie noch so dringend brauchte.
Sie spürte kräftige Hände an ihrem Arm und lehnte unmerklich an dem großen Körper, blickte in dunkelbraune Augen, in denen die gleiche Schuld stand, die sie selbst verspürte. Dabei wusste er nicht einmal, was sie im Namen des Ordens getan hatten. Wie würde er sie erst ansehen, wenn er es erfuhr?
Minerva schluckte, lauschte dem leisen Rauschen, das aufgeregtes Flüstern war und von den steinernen Wänden widerhallte, während sie neben Kingsley auf die großen Fahrstuhltüren zuging. Natürlich flankiert von weiteren Auroren, auch wenn sie sich diskret im Hintergrund hielten.
Auroren… an jedem Kamin sah Minerva sie jetzt stehen und die Neuankömmlinge untersuchen. Niemand betrat das Atrium, solange er einen Zauberstab bei sich hatte. Also war auch der Zugang über den Besuchereingang nur eine Falle. Minerva bezweifelte nicht, dass man nur darauf gewartet hatte, dass sie eine falsche Bewegung tat, um sie unschädlich machen zu können.
Der Gedanke, dass Scrimgeour jetzt über ihre Kooperation womöglich enttäuscht war, amüsierte Minerva genug, um ihre zitternden Knie wieder in den Griff zu bekommen und die benötigte Ruhe auszustrahlen, als sie sich von Kingsley in den Fahrstuhl führen ließ.
„Bin ich verhaftet, Kingsley?"
„Nein."
Kingsley hatte nur einen Moment gezögert und im Grunde war es gleich – sie musste schließlich nicht ihn überzeugen, ihr zu helfen, sondern den Minister.
„Du meinst: noch nicht", spottete Minerva, mit einem Nicken auf die beiden Auroren deutend, die immerhin verlegen den Blick zu Boden richteten. Sie kannte sie beide und war entsetzt wie jung sie noch waren, keine zwei Jahre seit ihrem Abschluss auf Hogwarts vergangen. Scheinbar war die Verlustrate des Ministeriums so hoch, dass sie die Ausbildungszeit der Auroren stark verkürzten.
Wieder einmal machte es ihr bewusst, welchen Krieg sie gewinnen wollten, warum sie ihn gewinnen mussten, mit allen Mitteln und zu jedem Preis.
Weil die Alternative einfach zu grauenerregend war.
„Mir liegt kein Haftbefehl vor, Minerva."
Was keine Rolle spielte. Wenn er jenen Befehl bekam, würde Kingsley sie kaum vor Askaban retten können. Minerva wusste das – und Kingsleys Blick verriet, dass er es auch wusste.
„Du hättest dennoch nicht kommen sollen."
„Ich musste", sagte Minerva kurz angebunden, als sie die Ministeriumsebene erreichten und die Türen sanft schnurrend aufglitten. „Es wird Zeit, diesen Krieg zu beenden."
Der Teppich dämpfte ihre Schritte zu Scrimgeours Tür und sie verabschiedete Kingsley mit einem Nicken, das so förmlich erwidert wurde, wie sie es von dem Auror kannte.
„Ich werde hier warten."
Minerva unterrückte ein bitteres Lächeln, weil Kingsley ihr trotz allem misstraute. Sie kannte die Symptome, diese Blicke, prüfend und argwöhnisch… es war genau wie damals. Man vertraute besser niemanden, wenn einem das eigene Leben lieb war. Oder das derer, die man liebte.
Sie klopfte, wartete das Herein kaum ab und ging hocherhobenen Hauptes in die sprichwörtliche Höhle des Löwen.
„Minerva, welch angenehme Überraschung." Scrimgeour lächelte falsch und erinnerte tatsächlich an einen Löwen, mit der blonden, buschigen Mähne, die kantige Züge umgab. „Setzen Sie sich doch!"
Einen Löwen, der seine Beute endlich eingekreist hatte.
Minerva lächelte so falsch wie der Minister, als sie sich in das weiche Polster des Besuchersessels sinken ließ.
„Tee?"
„Natürlich."
Es war im Grunde keine Frage und Minerva seufzte still in sich hinein. Sie hatte einfach zu wenig Zeit für solche Spielchen und war sich dennoch nur zu bewusst, dass sie nicht drumherum kommen würde, als sie sich setzte, und den Tee trank, ohne Scrimgeour aus den Augen zu lassen.
„Hervorragend. Man schmeckt das Veritaserum kaum heraus", bemerkte sie; die Teetasse klapperte leise, als sie auf die Untertasse abgestellt wurde und Minerva sich einen Augenblick an Scrimgeours verlegen geröteten Wangen weiden konnte. Er musste nicht wissen, dass sie sich auch auf solch eine Situation vorbereitet hatte.
Sie selbst hätte in seiner Situation nicht anders gehandelt.
„Sie werden verstehen, dass ich kein Risiko eingehen kann, jetzt, wo… Sie einmal hier sind."
„Hätte ich nicht vor, die Wahrheit zu sagen, wäre ich gar nicht erst gekommen."
Minervas Lippen kräuselten sich spöttisch, weil sich die Röte auf dem markant geschnittenen Gesicht vertiefte: Scrimgeour tat ja gerade so, als wäre es sein Verdienst, dass er ihrer habhaft geworden war. Da konnte sie sich einen kleinen Seitenhieb kaum versagen.
„Nun, Minerva, reden wir nicht lange um den heißen Brei herum." Scrimgeour verschränkte die Finger miteinander und betrachtete sie aus verengten, goldenen Augen. „Wo ist Potter?"
Minerva kostete den Moment aus, lehnte sich entspannt im Sessel zurück und lächelte geziert.
„Soweit ich weiß, befindet Harry sich in den Kerkern von Dem, der nicht genannt werden darf."
Nun, vermutlich war das nicht besonders diplomatisch. Aber Scrimgeours Gesicht war es wert.
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Remus wollte sich nur ungern eingestehen, dass er versagt hatte. Seine Finger schlossen sich unwillkürlich fester um seinen Zauberstab; gleichzeitig verschwand der Spott aus den Augen der Zentaurin, wich einer offenen Drohung.
„Hätte ich dich töten wollen, wäre es bereits geschehen. Strapaziere dein Glück nicht, Wolf."
Es behagte Remus keineswegs, zu gehorchen, seine verkrampften Finger zu lockern. Dennoch tat er es. Zähneknirschend. Er wollte die Hilfe der Waldbewohner erbitten, keinen Krieg mit ihnen anfangen.
„Du musst Ignis sein", stellte Remus fest, ein gezwungenes Lächeln auf den trockenen Lippen.
Ein überraschter Ausdruck huschte über die scharfen Gesichtszüge, dann senkte die Zentaurin Pfeil und Bogen, sehr zu Remus' Erleichterung, und deutete auf Megan, die noch immer friedlich im Heu lag und schlief.
„Sie hat dir von uns erzählt."
Es war eine Festestellung, keine Frage, auch wenn ein Hauch Neugierde mitschwang. Remus betrachtete die Zentaurin aufmerksam, bemerkte das warme Leuchten in ihren braunen Augen, wann immer sie Megan ansah und das sich merklich abkühlte, wenn sie ihn betrachtete.
„Ja.
Ignis nickte ernst. „Dieser blonde Junge bedeutet ihr alles…" Dann ein scharfer Blick, der Remus durch und durch ging. „Und du und deinesgleichen habt genau das ausgenutzt, damit sie dich zu uns führt, nicht wahr?"
Remus spürte, wie die Hitze über sein Gesicht kroch, aber er nickte, hart schluckend.
„Es war die einzige Möglichkeit, um –"
„I-ignis?"
„Ah, du bist also erwacht, Megan Menschenkind. Willkommen zurück."
Remus verstummte, als das Mädchen sich aufrichtete, die Augen rieb und die Zentaurin anstarrte, deren Lächeln, warm und herzlich, Remus überraschte. Ebenso die Tatsache, dass sie die Arme einladend ausbreitete und um Megan schloss, als das Kind sich aufschluchzend hineinstürzte.
Remus wandte den Blick ab, kam sich wie ein Eindringling vor, als Megan stockend zu flüstern begann – bis Ignis sie sanft unterbrach:
„Nurai wird deine Geschichte auch hören wollen, warte damit, bis wir auf der Lichtung sind."
Und nun geschah etwas, das Remus kaum möglich gehalten hatte – Megan nickte und schwieg; schmiegte sich an den mächtigen Pferdekörper, bis Ignis sie auf ihren Rücken hob und gemächlich tiefer in den Wald schritt, ohne Remus auch nur noch eines Blickes zu würdigen.
So offensichtlich unerwünscht zu sein, versetzte Remus trotz allem einen Stich, als er sich aufrappelte und folgte. Immerhin konnte er sich damit ablenken, die seltsamsten Bäume zu betrachten, die er jemals gesehen hatte. Sie schienen von innen heraus zu leuchten, ein kühles blau, das einen schmalen Pfad erhellte.
Der verschwunden war, als Remus sich umdrehte – hinter ihm war nichts außer Farn und Unterholz und noch mehr Bäume. Unwillkürlich kroch ihm ein Schauder über den Rücken und er beschleunigte seine Schritte, um Ignis nicht zu verlieren, die langsam vorantrottete, sich leise mit Megan unterhielt.
Die gerade kein gutes Haar am Orden ließ.
„… haben Harry und Draco hereingelegt, ich weiß es! Und jetzt sind sie bei diesem bösen Zauberer und wir müssen die beiden da wieder rausholen!"
„Wir werden es Nurai erzählen."
Remus entging nicht, dass die Antwort mehr als ausweichend war und er fragte sich, ob er hier nicht nur Zeit verschwendete. Zeit, die sie nutzen sollten, um Harry zu retten. Noch wagte Remus nicht, über den Verrat nachzudenken, den Minerva begangen hatte. Wenn seine Gedanken doch einmal auf dieses gefährliche Terrain zusteuerten, spürte er den Zorn wie ein glühendes Eisen, das sich in seine Brust bohrte.
Er fragte sich, wie er so dumm und blind hatte sein können, obwohl er die Antwort kannte. Der Hass hatte ihn blind gemacht für alles andere, was um ihn herum vor sich ging. Die Gedanken an Rache hatten ihn mehr beschäftigt, als die Angelegenheiten des Ordens. Oder als Harry…
Und jetzt war es zu spät, diesen Fehler zu revidieren. Zu spät, auf Harry Acht zu geben, für ihn da zu sein. Minerva hatte alle Brücken hinter ihnen zerstört und nur noch den einen Weg gelassen, den sie begehen konnten.
Wie dieser verfluchte Wald, der ihn vorwärts trieb, bis er eine Lichtung erreichte und wie vom Donner gerührt stehen blieb.
Stumm zusah, wie Megan von Ignis' Rücken rutschte, strahlend auf jemanden zurannte, der eher an einen uralten Gnom, als an einen Menschen erinnerte. Arme, dünn und knorrig wie die Äste eines Baumes, schlangen sich um das Mädchen, während sich in dem faltigen Gesicht, das an einen Schrumpfkopf erinnerte, der Mund zu einem zahnlosen Lächeln verzog.
Das also war Nurai. Das also sollte die große Hexe sein, die ihnen helfen würde.
Remus schluckte an der Bitterkeit, die seinen Mund füllte. Diese Frau sah aus, als könnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten und der Stab, auf den sie sich so schwer stützte, unterstrich den Eindruck noch. Es war absolut sinnlos gewesen, hierher zu kommen. Vermutlich gab es nicht einmal Werwölfe hier. Geschweige denn, dass die ihnen zu Hilfe eilen würden.
„Wie Nurai sieht, hast du jetzt ein Hündchen."
Remus blinzelte, errötete unwillkürlich unter dem stechenden Blick aus blauen Augen, erstaunlich scharf und klar, für solch eine greise Frau und er fragte sich, ob er sie richtig verstanden hatte.
„Wenn du stubenrein bist, Wolf, darfst du bleiben."
Kein Zweifel, er wurde verspottet. So dreist, dass Remus sich nur vage fragte, woher die Alte wusste, dass er ein Werwolf war. Immerhin erinnerte ihn der Hohn daran, dass er unhöflich war, die Frau so anzustarren, ohne sich vorzustellen und zwang ein Lächeln auf seine Lippen, während er steif die Hand ausstreckte und sich ebenso steif vorstellte:
„Mein Name ist Remus Lupin. Erfreut, Sie kennen zu lernen."
Die Alte betrachtete seine Hand und zögerte so lange, sie zu nehmen, dass es schon eine Beleidigung war.
„Nurai heißt dich in ihrem Wald willkommen", sagte sie schließlich und trotz seiner Wut verspürte Remus Erleichterung darüber, nicht schon jetzt abgewiesen worden zu sein.
Remus ergriff zerbrechliche Finger, die erstaunlich fest zupackten und erschauerte, als er die Macht spürte, die in Wellen von der Frau auszugehen schien. Hatte er eben noch gedacht, sie könne unmöglich eine Hilfe sein? Remus schluckte, verkniff sich eine Verbeugung, wie es ihm sein Instinkt befahl und beobachtete, wie sich das runzlige Gesicht mit einem Lächeln erhellte – als wüsste die Hexe, was ihm für verwirrende Gedanken durch den Kopf gingen.
„Setz dich ans Feuer, Wolf und verhalte dich still, bis das Menschenkind berichtet hat."
Remus wusste nicht woher dieses Gefühl der Erlösung kam, als er sich setzte, der Zentaurin gegenüber, die Megan an ihre Seite zog und ihr einen Arm schützend um die Schultern legte. Ignis sah zwar noch immer nicht besonders freundlich aus, als ihre und Remus' Blicke sich begegneten, doch die offensichtliche Feindseligkeit war aus den braunen Augen verschwunden. Vermutlich der Verdienst der alten Hexe, die sich behände neben Remus niederließ, Beine gekreuzt. In den Händen zwei Schalen mit Brei, von denen sie eine Megan reichte, die den Inhalt hungrig verschlang.
Remus widmete der Schüssel kaum mehr als einen Blick, in ihm brannte die Neugierde, mehr über diese Hexe zu erfahren, die nicht das zu sein schien, was der äußere Schein einem sagte. Doch kaum, dass er den Mund öffnete, um eine der zahllosen Fragen zu stellen, die ihm im Kopf herumschwirrten, hob Nurai eine altersfleckige Hand.
„Später, Wolf, ich sagte doch, dass erst das Menschenkind erzählen soll."
Remus schluckte und wusste nicht, warum sein Mund jäh so trocken war. Nurai hatte ruhig gesprochen und doch klang es wie eine Drohung. Als wüsste sie von seinem Versagen.
Nurai nickte Megan zu, die sich nicht lange bitten ließ, ihr alles zu berichten, was sie wusste – und einige Dinge, die sie sich selbst zusammengereimt hatte. Wieder einmal bewies sie Remus damit, dass sie für ihr Alter äußerst scharfsinnig war – vielleicht mehr, als gut für sie war.
Remus biss die Zähne zusammen, als die Sprache auf den Orden und Minerva kam; doch Nurai kaute nur auf grünen Eicheln herum und nickte bedächtig, als wäre es keine große Neuigkeit, dass der Orden Harry an Voldemort ausgeliefert hatte.
„Und jetzt seid ihr hier, damit Nurai euch aus der Grube hilft, die ihr euch selbst gegraben habt."
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und es war jetzt wohl an ihm, Remus, zu Kreuze zu kriechen. Immerhin tat er es für Harry – und nicht, um diesen verlorenen Krieg noch zu gewinnen.
„Megan erzählte, dass Ihr sehr mächtig seid und dass es hier eine Kolonie freier Werwölfe gäbe…"
Remus brach ab, weil die Hexe meckernd lachte, ihn aus zu Schlitzen verengten Augen betrachtete.
„Nurai ist mächtig, solange sie beobachtet und die Wölfe hier sind frei, solange der Mond nicht voll ist. Wir alle müssen uns den Gesetzen unserer Natur unterwerfen. Und wir alle müssen einen Preis zahlen, wenn wir uns dem widersetzen."
„Heißt das, Ihr werdet uns nicht helfen?", fragte Remus, dem es eiskalt wurde vor hilfloser Wut.
Nurai spuckte gemächlich braunen Speichel und Eichelbrei ins Feuer, betrachtete Megan, deren Augen immer kleiner wurden, auch wenn sie sich bemühte, sie krampfhaft offen zu halten.
„Ich will wissen, was dich wirklich antreibt, Wolf. Warum bist du hier?"
Das war es nicht, was Remus gewollt hatte. Er hatte Antworten erwartet, im besten Fall einen Plan, aber nicht dieses wirre Gerede einer alten Frau.
„Ich… wir erbitten Hilfe, damit Harry nicht sterben muss", knirschte er, nur mühsam beherrscht. Megan hatte die Situation doch klar und deutlich geschildert… Was verlangte diese Frau noch? Sollte Remus seine eigene Schuld eingestehen? Sollte er zugeben, dass er so sehr mit der eigenen Rache beschäftigt gewesen war, dass er Harry vollkommen aus den Augen verloren hatte?
„Pah, Unsinn. Du redest nur und sagst nichts!"
Remus öffnete den Mund und holte tief Luft zum Protest… und atmete den feinen Staub ein, den Nurai ihm ins Gesicht blies und der wie Nebel war.
Und der sich wie Nebel in seinem Kopf festsetzte, seine Sinne verwirrte und narrte, mit Bildern, die nicht sein konnten und einer Stimme, alt und bitter wie die Zeit.
„Und jetzt zeig Nurai die Wahrheit. Zahle deinen Preis, wie Nurai den ihren zahlen wird…"
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Harry kaute auf seinem Kürbiskuchen herum, ohne ihn zu schmecken. Er hätte genauso gut jenen unappetitlichen Brei hinunterzwingen können, der sie unterbrochen hatte, kurz bevor-
Bevor er Draco fast geküsst hätte.
Er konnte ruhig daran denken, es zugeben, wenigstens vor sich selbst… leugnen nutzte ja doch nichts. Und jetzt diesen peniblen Abstand zu halten nutzte ebenfalls nichts mehr. Draco hatte es sicher gemerkt, auch wenn Harry sich noch so gern etwas anderes einreden wollte.
Und jetzt? Jetzt schalt er sich einen Idioten, weil er Pappe kaute und den Boden anstarrte und nicht wusste, wie es weiter gehen sollte…
Nicht nur, weil er Draco küssen wollte. Sondern, weil er ihm verzeihen wollte.
Weil alles andere einfach nicht zu ertragen war. Er wollte Draco, selbst wenn er ihn belog. Selbst wenn die Chance, dass er die Wahrheit sagte, auch noch so gering war. Weil die Lügen, dieses süße Gift, besser als kaltes Schweigen waren.
Und nicht zuletzt wollte er mit diesem Berg an Sorgen nicht allein sein, gleichgültig, wie egoistisch es war. Er wollte mit Draco über diese Sache mit seinem Vater und Snape reden, weil schon der Gedanke daran absolut surreal war. Er wollte von ihm mehr Informationen über den Orden erfahren. Er wollte fragen, wie er gegen dieses Dunkle in sich ankämpfen sollte.
Dennoch und trotz allem konnte er Draco nicht einfach so verzeihen. Er konnte nicht so tun, als wäre rein gar nichts geschehen. So stark der Drang nach Nähe auch war – der Schmerz saß noch zu tief, um ihn einfach zu vergessen.
Harry würgte den letzten Bissen Kuchen hinunter und starrte noch immer stumpf den Boden an. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzudenken, was er eben noch hatte tun wollen. Die Chance war vorbei und er brachte es jetzt nicht mehr über sich, daran anzuknüpfen.
Das Schweigen und die erzwungene Nähe zerrten an Harrys Nerven, die dieser Tage ohnehin nicht die stärksten waren und er sprang auf, tigerte unruhig in der viel zu kleinen Zelle hin und her, die seinen Bewegungsdrang ganz und gar nicht befriedigen konnte.
Ein stundenlanger Flug an frischer Luft wäre jetzt vermutlich das Beste, seinen Kopf von schwirrenden Gedanken zu klären.
Leider waren frische Luft und Besen momentan so weit entfernt wie der Mond.
Oder so weit entfernt wie Draco, der noch immer auf dem Bett hockte. Regungslos wie eine Statue, scheinbar unberührt von dem, was passiert war.
Was beinahe passiert war.
Harry fluchte, lautlos, dafür umso heftiger und lief stur weiter.
Vier Schritte, stocken, auf dem Absatz umdrehen, vier Schritte, stocken, auf dem Absatz umdrehen…
„Wir sollten darüber reden, Harry."
Stolpern und mit rasendem Herzen stehen bleiben.
Wenn er es jetzt richtig anstellte-
„Ich wüsste nicht, worüber."
Und nicht seinen verfluchten Stolz übernehmen ließ-
„Über alles… Harry, ich weiß, dass ich einen schrecklichen Fehler gemacht habe, der mir mehr als nur Leid tut... Ich… ich weiß aber nicht, wie ich es wieder gut machen soll…"
Dann bestünde eine winzig kleine Chance, dass sie sich versöhnen würden, bevor Voldemort sie beide tötete.
Harry schloss die Augen, Zähne so fest zusammengebissen, dass es knirschte und wünschte sich wirklich, dass er Draco verzeihen könnte, dass er es vergessen könnte, nur für einen Moment, für den Rest der Zeit, die ihnen blieb, für immer. Dass er seinen Stolz vergessen könnte, damit er diese Chance jetzt nutzte.
Die zitternden Hände zu Fäusten geballt wagte Harry es, sich umzudrehen und Draco anzusehen. Ihn wirklich anzusehen. Sich nicht nur vor Augen zu halten, wie bösartig er ihm in den Rücken gefallen war.
Sondern den Jungen zu sehen, in den er sich so rettungslos verliebt hatte.
Die grauen Augen wirkten groß und dunkel in dem schmalen, weißen Gesicht, von strähnigem Blondhaar umrahmt. Harry fragte sich, ob in den seinen auch so viel Angst zu lesen war, ob er selbst auch so jung und hilflos wirkte wie Draco. Ob er wirklich noch wie das Kind aussah, das er nicht sein durfte.
Und das er nicht sein wollte, als er sich auf die schmale Pritsche zutaumelte, wie magnetisch angezogen, von Draco, den er so sehr wollte. Erst jetzt bekam er eine Ahnung davon, was es Draco gekostet haben mochte, ihm zu widerstehen und warum er letztendlich genauso nachgegeben hatte wie Harry es jetzt tat.
Wie er es schon früher wieder und wieder getan hatte. Weil alles andere sinnlos war, nur ein nutzloses Aufbäumen vor dem Schicksal.
Verloren, dachte Harry, als er sich auf die Pritsche kniete, ich war von Anfang an verloren.
„Ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann, aber ich will es versuchen", gab Harry zu, seinen Stolz vergessend, wenigstens für diesen Moment. Wie er seinen Stolz schon früher vergessen hatte. Immer wieder.
Für Draco.
„Das genügt mir…"
Harry wusste nicht, ob Draco es wirklich gesagt hatte, er war zu gefangen von dem flüchtigen Lächeln auf schmalen Lippen, das sein Herz schneller schlagen ließ. Von schmalen Fingern, die seine Wange berührten, seine Stirn, zögernd und scheu, wie am Anfang, als sie sich noch nicht so vertraut gewesen waren.
Harry hatte das Gefühl, sich auf brechendem Eis zu bewegen und dennoch wollte er keinen einzigen Schritt zurück machen. Konnte es gar nicht; jetzt, da Dracos Nähe ihn berauschte wie Opium, ihn vergessen ließ. Ihn begreifen ließ, dass er Draco nicht länger hassen konnte, gleichgültig wie sehr er es wollte.
Weil er Draco mehr als alles andere wollte, weiche Haut unter seinen Fingern, und noch weichere Lippen unter seinen, so süß und gut, dass er überwältigt die Augen schloss, sich einfach fallen und halten ließ. So wie er selbst Draco hielt, sich an ihm festklammerte, Dunkelheit und Angst vergessend, als er Draco tiefer küsste.
Und genauso verzweifelt geküsst wurde.
Harry gab den zerrenden Händen genauso nach wie dem Drängen seines Herzens und es fühlte sich verdammt gut an, sich so eng an Draco zu schmiegen, zu spüren, dass er gewollt wurde.
Dass Draco ebenso verloren war, wie er selbst.
Verloren, aber nicht allein.
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„… vollkommen wahnsinnig! Ich hätte es wissen müssen und Potter schon im letzten Jahr –"
„Was? Ihn entführen?", unterbrach Minerva kühl die minutenlange Ansprache Scrimgeours, bei der er sich nicht um Höflichkeit bemüht hatte. „Machen Sie sich nicht lächerlich, Minister. Das hätte niemandem genutzt. Wir wissen genau, was wir tun und vor allem, warum wir es tun."
„Potter diesem Monster in die Hände zu spielen nennen Sie zu wissen, was Sie tun?"
Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, hätte Minerva gelacht. Es war immerhin das erste Mal, dass sie erleben durfte, dass Scrimgeour derart die Contenance verlor.
„Es gab keine andere Möglichkeit, auch wenn ich bei Merlin wünschte, es wäre anders. Harrys Gedanken sind für Den, der nicht genannt werden darf wie ein offenes Buch und würde Harry von unserem Plan wissen, könnte das alles verderben."
„Schön, da man jetzt nichts mehr an der Katastrophe ändern kann…" Scrimgeour fuhr sich mit zitternden Händen über das Gesicht und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. „Erzählen Sie mir von diesem Plan. Erzählen Sie mir alles."
Minerva lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen, war wieder in Dumbledores Büro und lauschte der ruhigen Stimme, deren Worte ihr eiskalte Schauder über den Rücken gejagt hatte.
Worte, die sie jetzt wiederholte, die ihr wie Gift auf der Zunge lagen:
„Harry weiß nicht, warum er in diesen Kerkern ist. Er denkt, dass er in eine Falle Draco Malfoys getappt ist. Er weiß nicht, dass er gegen Den, der nicht genannt werden darf beim nächsten Vollmond kämpfen soll…"
Minerva schluckte, als das Schweigen andauerte und blickte in Scrimgeours Augen, die dunkel waren vor Abscheu.
„Madam, auch ich will diesen Krieg gewinnen, aber anscheinend habe ich den Orden an Kaltblütigkeit weit unterschätzt."
Minerva straffte die Schultern, auch wenn die Schuld sie gnadenlos niederdrückte. Ihr Stolz ließ nicht zu, dass sie sich vor dem Minister eine Blöße gab.
„Wir… Ich tat, was nötig war. Und das tue ich auch jetzt noch. Harry wird kämpfen und er wird gewinnen, aber er wird Hilfe brauchen. Alle Hilfe, die er bekommen kann."
„Und was schlagen Sie vor? Sollen wir eine Armee aufstellen und das Hauptquartier dieses Monsters angreifen?", spottete Scrimgeour schnaubend. Seine Finger klopften ungehalten einen Trommelwirbel auf den Schreibtisch und Minerva verspürte jähen Zorn.
Darüber, dass er es wagte, sie zu verurteilen und doch selbst halbe Kinder hinaus in den Kampf schickte.
Sie reckte das Kinn, Lippen zu einem falschen Lächeln gekräuselt, das ihre Augen nicht erreichte.
„Genau das schlage ich vor. Eine Armee, so viele vertrauenswürdige Hexen und Zauberer wie wir nur rekrutieren können, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten, ein für alle Mal."
Minerva wartete nicht, bis der Minister sich von seinem kleinen, sichtbaren Schock erholt hatte, sondern berichtete direkt von dem Versuch, Werwölfe für ihre Sache zu gewinnen – allerdings verschwieg sie, dass sie kaum mit einem Erfolg rechnete und stockte erst, als Scrimgeour schwach eine Hand hob, die Augen groß und dunkel im wachsweißen Gesicht.
„Erwähnte ich, dass Sie vollkommen wahnsinnig sind? Eine Armee, die Den, dessen Name nicht genannt werden darf in seinem Versteck angreift? Von dem wir nicht einmal wissen, wo es liegt?"
„Selbstverständlich wissen wir es." Minerva konnte einen Hauch Arroganz nicht unterdrücken, als sie lächelte. „Auch wir haben Spione, Scrimgeour, und sie warten nur darauf, zuzuschlagen."
„Dann bedenken Sie, dass er es erfahren wird! Sie können doch nicht so verrückt sein und glauben, dass er hier keine Spione hat, dass diese verdammte Armee, die sie verlangen, nicht zur Hälfte aus seinen Leuten bestehen wird!"
„Zügeln Sie sich ein wenig, Minister", verlangte Minerva gereizt, der es allmählich gegen den Strich ging, ständig als verrückt bezeichnet zu werden. „Das alles haben wir bedacht und beschlossen, dass wir es trotzdem versuchen müssen. Weihen Sie zunächst nur die absolut vertrauenswürdigsten-"
„Da gibt es dieser Tage niemanden mehr!"
Scrimgeour machte eine wegwerfende Handbewegung und Minerva vergaß, dass sie eigentlich hatte ruhig bleiben wollen. Die Fäuste geballt sprang sie auf die Füße, beugte sich über den Schreibtisch, Scrimgeour fixierend, der beunruhigt die Brauen zusammenzog. Zu viel stand auf dem Spiel, als dass sie sich jetzt noch von diesem Mann aufhalten lassen konnte.
„… absolut vertrauenswürdigsten Menschen ein. Ich weiß aus sicheren Quellen, dass Der, dessen Name nicht genannt werden darf am nächsten Vollmond… abgelenkt genug sein wird. Zumal er inzwischen so größenwahnsinnig sein dürfte, dass ihm selbst unsere Armee nicht bedrohlich vorkommt. Wir müssen genau diese Arroganz ausnutzen, um ihn dann zu treffen, wenn er verwundbar ist."
Sie durfte jetzt nicht scheitern, sonst war Harry verloren…
Und mit ihm die Welt.
„Jetzt ist nicht länger die Zeit, um nur zu reden, jetzt müssen wir handeln! Noch einmal werden wir nicht das unverschämte Glück haben, wie vor sechzehn Jahren! Wenn wir nichts tun, wird Harry sterben und dieser Abschaum wird herrschen!"
Die sandfarbenen Brauen zogen sich noch weiter zusammen, bildeten eine Linie über misstrauisch verengte Augen.
„Ich bleibe dabei, dass dieser Plan der pure Wahnsinn ist und wir vermutlich alle Potter in den Tod folgen werden."
Minerva schluckte, jäh ganz kraftlos von der Kälte, die in ihre Glieder kroch, ihre Eingeweide in nutzloses Eis verwandelte. Scrimgeour klang so endgültig, dass sie nicht wusste, was sie noch tun sollte, ihn zu überreden.
Das Lächeln in dem zerfurchten Gesicht des Ministers war so schmal, dass sie es nur erahnen konnte, die kleinliche Rache aber dennoch erkannte, als er langsam aufstand und ihr die Hand reichte.
„Ich bin trotz allem immer noch ein Auror, Minerva und wenn ich sterben muss, dann lieber im Kampf um den Sieg, als hier drin, zwischen staubigen Pergamenten und elenden Verrätern."
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Ein Teil von Remus weiß, dass nicht sein kann, dass er nicht sehen kann, was er sieht, doch ein anderer Teil will davon nichts hören, will einfach weiter Sirius ansehen, der mit James und Peter über einem alten Pergament hockt und den neuen Geheimgang einzeichnet, den sie hinter dem Buckel der einäugigen Hexe gefunden haben.
Weil Sirius ansehen das Schönste ist, was Remus sich zu tun vorstellen kann und weil ein schrecklicher Teil von ihm weiß, dass Sirius schon lange tot ist und er nur eine Erinnerung betrachtet.
„Remus, komm her, den Zauberspruch müssen wir gemeinsam eintragen."
Sirius' Stimme ist wie ein Magnet und Remus legt seine Bücher beiseite, der Aufforderung ohne Einwand folgend – weil er sich so dicht neben Sirius setzen kann, halb an ihn lehnend, den Spruch aufsagen und mit ihm gemeinsam lachen kann.
Eine Erinnerung nur, aber trotzdem so süß wie Siruptorte. Ein kleines Stück heiler Welt.
Da kann es doch noch nicht angefangen haben… so viel Liebe… und jetzt? Woher kommt dieser Hass, Wolf?
Die Stimme gehört nicht hierher, das weiß Remus. Und der weiße Nebel, der Sirius' Lächeln verhüllt, gehört auch nicht hierher.
Remus streckt die Hand aus, einen Klagelaut auf den Lippen, als ihm der Verlust wie ein Dolch ins Herz fährt.
Und pures Glück ihn durchzuckt, weil er schon wieder in Sirius' graue Augen blickt, instinktiv weiß, dass es jetzt anders zwischen ihnen ist, dass ihre Balgerei im leeren Schlafsaal nur Mittel zum Zweck ist; ein Spiel um jenes andere Spiel hinauszuzögern.
Remus fragt auch nicht mehr nach dem Grund für alle das – diese Erinnerung ist besser, ist realer, als alles, was er sich bisher ins Gedächtnis hat zurückrufen können.
Und er will es genießen, dieses Glück und den Frieden.
Die Küsse von Sirius, die warm und gut und elektrisierend sind. Remus fühlt sich wie in der Stunde vor Mondaufgang, als Sirius seine bloße Haut berührt – nur besser. Er erschaudert unter warmen Atem auf seinem Gesicht, seinen Lippen, vergisst sogar das schlechte Gewissen, weil sie ihre Freunde belügen. Vergisst die Gefahr, riskiert es, erwischt zu werden.
Alles gibt er für diesen Rausch, für Sirius' Geschmack auf seiner Zunge, für seine Nähe – weil er ihn mehr liebt, als alles andere.
Sirius… der wieder im Nebel der Zeit verschwindet.
Der ein Verräter ist, der Lilly und James verraten hat.
Der ihn, Remus, verraten hat, und damit alles, was sie hatten, alles, was sie sind.
Der Schmerz sitzt so tief, dass Remus ihn kaum spürt. Zu frisch ist die Wunde, die es hinterlassen hat, was die ganze Welt flüstert. Dass Sirius dem Dunklen Lord ergeben war, dass er der Geheimniswahrer der Potters war, dass er sie seinem Meister überreicht und Peter getötet habe…
Und schlimmer als die Wahrheit ist, dass Remus ihn noch immer liebt, ihn nicht hassen kann, trotz allem. Dass er dafür sich selbst hasst und verachtet. So wie er sich für den Wunsch verachtet, ihn noch ein letztes Mal zu sehen und es doch nicht fertig bringt, nach Askaban zu gehen.
Zu groß ist die Gefahr, auch jenen letzten Funken Hoffnung zu verlieren.
Lieber bleibt er allein, mit sich selbst und seinem Schicksal hadernd und seinen Freund und Geliebten verfluchend, weil er ihre kleine Welt zerschlagen hat.
Was er ihm nur zu schnell, nur zu leicht verzeiht, kaum, dass er die Möglichkeit dazu hat.
Diesmal ist Remus erleichtert, als die schmerzhafte Erinnerung im Nebel verschwindet…
Weil es so gut anfühlt, Sirius wieder bei sich zu haben. Einen vollkommen unschuldigen Sirius. Es ist nicht nur die Lust, nicht nur die Liebe, oder das Ende der Einsamkeit, die so dunkel wie eine lange Nacht gewesen ist.
Es ist das Gefühl, endlich wieder zu leben, wieder zu atmen, wieder die Sonne auf der Haut zu spüren, wenn Sirius ihn ansieht, wenn Remus Sirius nur ansehen kann. Gemeinsam lachen, gemeinsam schweigen, gemeinsam sein.
Wenigstens für diese wenigen, glücklichen Monate, bevor das alles erneut vor Remus' Augen zu Scherben zerbricht. Ihre kleine Welt in einem grünen Blitz vergeht.
Endgültig.
Und Remus wieder in dieser nie enden wollenden Nacht allein zurückgelassen wird, ohne Hoffnung und in der es nur noch ein Licht gibt, das ihn führt.
Die Rache an Sirius' Mörderin.
ooOoo
Severus trank den scharfen Whiskey, ohne ihn wirklich zu schmecken, sah der aufgehenden Sonne zu, ohne sie wirklich zu sehen. Zu tief in den eigenen Sorgen und Ängsten verstrickt, um an etwas anderes zu denken, als daran, wie Potter bei seinem nächsten kleinen Wutanfall die Welt aus Versehen dem Untergang weihen könnte.
Und Narzissa… Severus schloss seufzend die Augen und wünschte sich, dass sie im Unrecht wäre, dass sie diese verdammte Legende niemals erwähnt hätte. Dass sie nicht so verflucht ängstlich aussehen würde, als könne sie das Unheil schon längst sehen.
Das in Potter lauerte und von dem Snape nicht wusste, ob es kontrollierbar war, oder ob der Junge deswegen sterben musste.
Vor der Mondfinsternis.
Schon allein der Gedanke daran bereitete ihm Übelkeit – doch durchdenken musste er es, mochte es ihm noch so schwer fallen.
Potter mochte ihrer aller Retter sein, aber er konnte auch ihren Untergang bedeuten und Snape brauchte nun alles an kühler Kalkulation, was er als Slytherin aufbringen konnte.
Wenn er nur wüsste, dass Potter sich im Griff haben würde… doch die Vergangenheit hatte gezeigt, dass eher das Gegenteil der Fall war. Wie oft war das Temperament mit dem Jungen durchgegangen, das er mit seinem Vater gemeinsam hatte? Wie oft hatte Snape unverhohlene Wut und (in seinem persönlichen Fall) Hass in den grünen Augen aufblitzen sehen?
Minerva hatte erwähnt, dass Potter den Avada Kedavra zwar nicht zustande brachte – dafür aber in einem Anfall von Zorn ihr halbes Büro zerlegt hatte.
Wie hoch standen also die Chancen, dass Potter sich selbst bezwang?
Ein trotziger Teil in Severus sagte, dass die Chancen mehr als schlecht standen, aber ein anderer, objektiver Teil von ihm rechnete zumindest mit einer fünfzig-fünfzig Chance… vor allem da Potter Draco tatsächlich liebte.
Snape war sich sicher, hatte es mehr als deutlich gespürt, neben dieser Dunkelheit war Licht gewesen, warm und vertraut.
Schmerzhaft vertraut, da es sich anfühlt hatte wie James…
Der nur ein einziges Mal zugelassen hatte, dass Severus auf diese Art in ihn drang. Der nur ein einziges Mal hatte beweisen wollen, dass er ihn tatsächlich liebte. Und Severus hatte es genossen, jenes Licht in James… auch, wenn er gespürt hatte, nicht der Einzige zu sein, dem diese Liebe zuteil wurde. James liebte auch seinen ungeborenen Sohn und auf gewisse Weise auch Lily…
In Potters Herzen hatte Severus nur Draco gefunden und den Neid unterdrücken müssen über diese bedingungslose Hingabe, die selbst nach diesem Verrat noch so stark war, mochte Potter es auch noch so gern leugnen.
Doch keiner dieser Gedanken brachte Severus weiter und die Sonne stand schon hoch.
Minerva müsste inzwischen beim Ministerium sein… vielleicht schon in Askaban… Sie kann ich nicht um Rat bitten… ebenso wenig Lucius und Narzissa, die ihren Sohn retten wollen…
Severus lehnte seine pochende Stirn an das kühle Glas des Fensters und wünschte sich, der Whiskey würde ihm wenigstens ein wenig Schlaf schenken – doch er brachte ihm nur Kopfschmerzen ein und ein pelziges Gefühl auf der Zunge.
Aber keinen einzigen klaren Gedanken, wie er ihr Problem lösen sollte – oder ob sie einfach warteten, ob sie sich einfach auf das bisschen an Glück verlassen sollten, das ihnen eigentlich zustand.
Das kaum hörbare Klack der sich schließenden Tür schreckte Severus auf; das Glas entglitt seinen steifen Fingern, als er zur Tür herumwirbelte und Narzissa entgegensah.
Die so blass und abgespannt aussah, wie er sich fühlte – mehr noch: die grauen Schatten unter ihren Augen waren neu, zeugten von einer schlaflosen Nacht, wie der fiebrige Blick, mit dem sie auf ihn zueilte.
„Ich habe nicht viel Zeit, Lucius glaubt, ich spioniere Bellatrix hinterher", begann sie ohne Umschweife, auch wenn ihr gepresster Ton gereicht hätte, Severus zum Schweigen zu bringen. „Ich bin hier, weil ich noch einmal deine Hilfe brauche, Severus. Du hast einmal einen unbrechbaren Schwur geleistet, dass du Draco beschützen wirst – dieser Schwur ist noch gültig und ich werde dich nicht davon entbinden. Im Gegenteil: Potter darf nichts geschehen, solange er Draco so viel bedeutet."
Severus verschlug es tatsächlich die Sprache und er bemerkte kaum, dass ihre kleinen, weißen Hände energisch seinen Arm umklammerten, als sie ihn mit schmalen Augen musterte.
„Ich weiß, woran du gedacht hast, Severus, es war auch mein erster Gedanke, dass der Junge sterben muss – aber es würde Draco vernichten, sollte Potter etwas geschehen."
„Und wenn es die einzige Möglichkeit ist?", fragte Severus heiser, nicht wissend, ob er lachen sollte, oder zornig werden.
„Dann müssen wir eine Alternative finden. Nur darf Lucius gar nicht erst auf den Gedanken kommen, dass Potter eine Gefahr für Draco darstellt."
Narzissas Lippen waren schmal und so weiß wie ihr Gesicht, so weiß wie die wenigen sehr hellen Strähnen in ihrem blonden Haar, die Severus erst jetzt bemerkte. Sie trat einen Schritt zurück; scheinbar dachte sie, dass damit alles gesagt war, weil sie bereits auf dem Absatz kehrtmachte.
„Du hast gesagt, dass Potter keine Gefahr mehr für Draco bedeutet, also bedeutet er vielleicht auch keine Gefahr mehr für die Welt, solange Draco bei ihm ist."
Sie drehte sich um und Severus war gegen seinen Willen fasziniert, wie viel sie instinktiv begriff.
„Sag mir, liebt er Draco auch?"
Severus nickte bedächtig, doch sie wartete noch immer, wirkte seltsam geschlagen, wie sie sich am Türknauf festklammerte, als wäre er der einzige Halt für sie.
„Mehr als sich selbst."
ooOoo
Harry stöhnte an Dracos Lippen, überwältigt von dem Gefühl Draco wieder zu spüren, ihn so zu spüren und zu schmecken. Das letzte Mal, dass sie sich so nahe gewesen waren, schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Doch es war genauso durchsetzt gewesen von Misstrauen und verletzten Gefühlen wie jetzt. Und doch war es ganz anders gewesen…
Bitte… Ich will es wieder gut machen…
Aber doch nicht so!
Harry wollte aber jetzt nicht daran denken, wollte nur spüren, wie gut sich Dracos kühle, zitternde Hände auf seiner bloßen Haut anfühlten. Wie süß Dracos Küsse und das leise Stöhnen waren, die er von rissigen Lippen trank. Wie begehrlich sich schlanke Beine um seine Hüften schlangen…
Hast du etwa Angst, Harry?
Träum weiter, verdammt!
Die traurige Wahrheit war, dass Harry diesem Angebot Dracos nicht hatte widerstehen können. Dass es nur ein höfliches Aufbegehren gewesen war, als er auch nur bei der Vorstellung davon vor Verlangen gezittert hatte.
Vor Verlangen, Draco zu besitzen, ganz und gar, auch wenn Harry es niemals verlangt hätte. Es auch jetzt kaum annehmen konnte, vor Furcht, Draco weh zu tun, zu versagen, nicht… gut genug zu sein, dafür.
Furcht, die er vergaß, als er in grauen Augen ertrank, kaum zu erkennen in den flackernden Schatten, die sie umgaben. Doch es reichte, um Harry für einen Moment vergessen zu lassen, sich für einen Moment zu erlauben, einfach nur zu genießen… Draco zu genießen. Ungeachtet von Zeit und Ort und dem, was geschehen war.
Ihn zu küssen, zu halten, zu lächeln, wie früher, wie vorher.
Einfach glücklich zu sein, dem Rausch entgegenzufiebern, in den Draco, und nur Draco allein, ihn versetzen konnte.
Hände miteinander verschränkt, klammerten sie sich aneinander fest und Harry ließ sich noch einmal und wieder fallen, vergaß Zeit und Ort, vergaß die Gefahr, vergaß sogar den schmerzenden Stachel, der bis jetzt in seiner Brust gesessen hatte…
Vergaß alles bis auf das pure Glück, das durch seinen Körper schoss, in seinem Herzen explodierte und pures Licht in den kleinsten Winkel auszusenden schien.
Vergaß alles bis auf Draco.
Dem er nur zu schnell, zu gerne verzieh – weil alles andere einfach zu schrecklich war.
