Mein Dank für die tollen Kommentare gehört: Zissy, mimaja, Ilina und chipo!
Viel Spaß mit:
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Zwischen den Zeilen
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Remus starrte blicklos in tanzende Flammen, den Geschmack von Erde und Laub im Mund und den von bittersaurer Galle. Trotz des nahen Feuers fröstelte er, schlang die Arme um sich und spuckte aus.
Er war angewidert von dem Gefühl, benutzt worden zu sein. Die alte Hexe hatte seine Erinnerungen seziert und er hatte ihrem Willen nichts entgegensetzen können, hatte nichts vor ihr verbergen können.
Schlimmer noch, er hatte die Illusion genossen, Sirius wieder bei sich zu haben. Für einen Moment hatte er sich in diesen Trugbildern verloren, die nagende Einsamkeit vergessen, die ihn seit Sirius' Tod umklammert hielt, die durch nichts zu vertreiben war, außer durch seine Erinnerungen.
Und auch das wusste sie.
Zorn mischte sich in die Verzweiflung. Sie hatte auch noch andere Dinge gesehen. Ordensgeheimnisse. Das Gespräch mit Minerva. Die Pläne von Dumbledore. Remus' Rachepläne. Sie hatte alles gesehen. Einfach alles.
Remus richtete sich auf, zitternd vor hilfloser Wut, kaum in der Lage, die Worte zu begreifen, die sie zu ihm sagte, leise und gelassen und doch klangen sie in seinen Ohren wie Hohn:
„Rache ist eine undankbare Geliebte, Wolf. Sie lockt mit süßen Versprechen und wenn man sie genossen hat, hinterlässt sie einem nichts als Leere."
Remus fixierte die gebrechliche Gestalt jenseits des Feuers, die eingefallen und alt aussah. Nichts zeugte jetzt noch von der Macht, die er zu spüren geglaubt hatte. Jetzt war da nur eine alte Frau, die müde lächelte.
„Es bringt dir deinen Gefährten nicht mehr zurück, wenn du diese Bellatrix tötest."
„Das geht Euch nichts an", sagte Remus kalt, bemühte sich um Beherrschung und verlor den Kampf. „So wie Euch auch alles andere nichts angeht, was in meinem Leben passiert ist! Tut das also nie wieder!"
Nurai blinzelte und Remus knirschte mit den Zähnen, weil sie nur den Kopf schüttelte und verächtlich in die rote Glut spuckte.
„Sonst was, Wolf? Willst du Nurai mit deinem Stöckchen angreifen?" Sie deutete verächtlich schnaubend auf den Zauberstab, den Remus umklammerte, ohne sich dessen bewusst zu sein. „Lass dir gesagt sein, dass es deiner Gesundheit zuträglicher wäre, es nicht einmal zu versuchen."
„Von meiner Mission ganz zu schweigen, nicht wahr?", fauchte Remus, der sich nicht mehr um Diplomatie scherte. Sie hatte die schmerzhafteste aller Wunden aufgerissen und Remus schlug blind und taub um sich, um dem zu entkommen.
„Nurai würde ihre Hilfe nicht davon abhängig machen, ob du ein braver Köter bist", schnaubte die Hexe. „Aber sie würde sich auch nicht von dir angreifen lassen. Du verschwendest Zeit, Wolf. Und unsere Zeit ist kostbar, wir können sie nicht mit Lügen verschwenden. Du hättest diese Dinge niemals freiwillig offenbart, darum hat Nurai nachgeholfen. Also, willst du es auf einen Kampf ankommen lassen, oder willst du lieber zuhören?"
Remus' Finger waren taub, so fest umklammerte er noch immer seinen Zauberstab. Die Vernunft sagte ihm, dass die Alte Recht hatte, dass er ihr zuhören musste, dass sie mitten im Krieg waren, dass er an Harry denken musste.
Und sein blutendes Herz schrie nach Vergeltung.
„Sagt, was immer Ihr zu sagen habt", knirschte er und es fühlte sich an, als müsse er an den Worten ersticken. „Und nehmt Euren eigenen Rat an – verschwendet keine Zeit, die wir brauchen, diesen Krieg zu gewinnen."
Nurais meckerndes Lachen zerrte an Remus' dünnen Nerven. Er schloss die Augen, tief atmend, um dieser brennenden Wut Herr zu werden, die seinen Körper vibrieren ließ. Als Remus wieder aufsah, war die Alte gerade dabei aufzustehen, schwer auf ihren Stock gestützt.
„So, gewinnen wollt ihr also? Das zeigt, dass ihr keinen Schimmer habt, welcher Macht ihr hineingepfuscht habt. Ihr alle. Nicht nur der, dessen Namen ihr nicht zu nennen wagt." Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ihr habt alle dazu beigetragen, dass es dazu kommen konnte, dass das Gefüge beinahe bricht."
Remus öffnete den Mund zu einer scharfen Erwiderung, als die Hexe Blätter und Kräuter ins Feuer warf, die beißenden Gestank verbreiteten. Instinktiv wich er zurück. Noch einmal würde die Frau nicht in seinem Kopf herumspuken. Sie lächelte wissend, zeigte mehr Lücken als Zähne, warf mehr Kräuter ins Feuer.
„Beruhige dich, diesmal sind es Nurais Erinnerungen, die du dir ansehen sollst. Du musst verstehen, was ihr bekämpfen wollt."
Remus zauderte, wieder näher an das Feuer zu rücken, das sich veränderte, Formen annahm, Gestalten schienen sich in den Flammen zu spiegeln. Der Rauch biss ihn in Nase und Augen und Remus blinzelte dagegen an.
„Sieh hin, Wolf."
Es war ein Befehl, dem Remus sich nicht entziehen konnte. Wie hypnotisiert rutschte er näher heran; starrte in Flammen, die keine Hitze ausstrahlten, als er sich vorbeugte. Der Geruch war jetzt kaum mehr beißend, sondern betörend süß und er riss überrascht die Augen auf.
Im Feuer waren Schatten, die keine waren, eine Leere, so unendlich, dass sie sich zu krümmen schien, nicht sichtbar, nur vorhanden, hineinzublicken und nichts zu sehen, war wie erblinden.
„Am Anfang war nichts, außer Ramhos und Chalhos…"
Remus versuchte zu blinzeln, bis er begriff, dass es nicht länger seine Augen waren, die sahen, dass sein Herz, seine Seele beobachteten. Er war in der Erinnerung der Hexe, die zu ihm sprach, während sie ihm eine fremde Welt zeigte, die nur aus Licht und Dunkelheit zu bestehen schien. Wann immer dieses Licht und die Dunkelheit sich berührten, blitzte gleißende Helligkeit auf, oder finstere Nacht hüllte alles ein. Es war Chaos, ohne Zweck und Ziel, ein destruktiver Krieg, bei dem es keine Sieger gab.
„Gut und Böse, die sich bekämpften, wann immer sie aufeinander trafen. Bis Nurahos auftauchte, die Neutralität, die den Ausgleich brachte…"
Weiches Grau schimmerte zwischen den Explosionen, schob sich zwischen die Schnittstellen wie ein Puffer, dämpfte die reine Zerstörungskraft der zwei anderen Mächte, ohne sie zu schwächen.
„Drei Instanzen, drei Mächte, deren Gleichgewicht das Hosghaj, das Gefüge, hervorbrachte, das alles umschließt, das alles ist…"
Remus schnappte nach Luft, die an jenem Ort nicht existierte, noch nicht, als er mit ansah, wie aus Licht und Schatten und Dunkelheit Erde und Himmel und Wind wurden, Gras, Stein und Wasser. Remus begriff, staunend wie ein Kind, dass er die Entstehung der Welt betrachten durfte.
„Doch Chalhos und Ramhos haben den Kampf niemals aufgegeben. Immer sind sie auf der Suche, nach einem Gefäß, das in ihrem Sinne für sie kämpft. Und haben sie eines gefunden, erleidet das Gefüge Risse…"
Remus starrte angestrengt, als sich Menschen in den Flammen abzeichneten. Menschen, ein Mann und eine Frau, wie Licht und Schatten, so verschieden und sich so ähnlich wie Zwillinge. Sie waren im gnadenlosen Krieg miteinander, der schier unzählige Opfer forderte.
„Und wenn es bricht, reißt es alles mit sich."
Die Hexe hatte kaum ausgesprochen, da zogen dunkle Wolken über einen blutroten Himmel, verbargen die Sonne und verbargen gnädigerweise die Erde, die wie von Krallen aufgerissen war…
Remus glaubte, selbst durch die vergangenen Zeitalter hindurch, das Beben dieser untergehenden Welt spüren zu können, glaubte, die Schreie der sterbenden Menschen hören zu können. Dann waren die Flammen erneut schwarz und leer, bis grelles Weiß und weiches Grau hinzukamen und alles von vorn begann.
Die Flammen waren wieder Flammen und Remus wich zurück, ob der plötzlichen Hitze, die ihm die Brauen versengte. Noch immer war ihm, als würde er träumen, er konnte noch nicht ganz einordnen, was Nurai ihm gezeigt hatte. Aber er begriff, was wirklich auf dem Spiel stand. Wie nahe sie dran waren, nicht nur den Krieg zu verlieren.
„Also ist Harry… dieses Chalhos?", fragte er, unsicher, ob er richtig verstanden hatte.
„Er ist nur das Gefäß", berichtigte ihn Nurai. „Er besitzt nicht diese Art von Macht." Die blauen Augen verengten sich, als die Alte grinste. „Die wahre Macht des Chalhos würde seinen kleinen Menschenkörper zerreißen und zu Staub zerfallen lassen. Das gleiche gilt für diesen dunklen Zauberer, den ihr so fürchtet. Allerdings hat er sich dem Ramhos freiwillig ergeben, seine Taten waren nur auf dieses eine Ziel ausgerichtet – Unsterblichkeit, um eine zerstörte Welt zu beherrschen. Doch den Jungen habt ihr zu dem gemacht, was er jetzt ist. Ihr Zauberer wart es, die sein Schicksal besiegelt habt."
Remus schüttelte den Kopf, nicht nur, um ihn frei zu bekommen von wirren Gedankenfetzen, sondern um zu leugnen.
„Wir haben niemals… es war Der, dessen Name nicht genannt werden darf… Harry hat seinen Todesfluch überlebt und…"
„Und ihr habt aus der Liebe seiner Mutter eine Legende gemacht. Ihr habt aus ihm den Helden gemacht. Das einzige Licht in der Dunkelheit, das ihr so sehr brauchtet. Ihr alle." Ein gichtiger Finger zeigte anklagend auf Remus. „Ihr habt den Jungen dem Chalhos übergeben, mit eurer Hoffnung, die ihr in ihn gesetzt habt. Mit eurer Feigheit, den dunklen Zauberer selbst zu bekämpfen. Und als er diese Aufgabe, die ihr ihm gestellt hat, annahm, gab es kein Zurück mehr."
„Nein." Remus wich zurück vor diesen Verleumdungen, vor der Anklage, vor dem Zorn der Hexe, der ihn wie ein eisiger Windhauch streifte. „Wir haben nichts getan…"
Sie unterbrach ihn mit einer herrischen Geste.
„Ihr habt geglaubt. Ihr habt an Harry Potter geglaubt, daran, dass er der Einzige ist, der den dunklen Zauberer besiegen kann, wie er ihn auch damals besiegt hat, solange, bis auch der Junge es als Tatsache angesehen hat. Und damit habt ihr es zur Realität werden lassen."
„Aber genau so ist es!", schrie Remus, sich verzweifelt an das klammernd, was er einfach glauben musste, um nicht den Verstand zu verlieren. „Harry ist der Einzige, der ihn besiegen kann!"
Nurai spuckte verächtlich auf den Boden vor Remus und wandte sich ab, schwer auf ihren Stock gestützt.
„Ja, jetzt ist er der Einzige. Dank euch Menschen."
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Hermine schluckte gegen das Gefühl einer zu engen Kehle an, grub ihre Fingernägel tief in Rons Arm, verzweifelt darum bemüht, nicht den Halt zu verlieren, während sie langsam begriff, was Moody ihnen für Wahrheiten enthüllte.
„… jetzt kennt ihr den Plan…"
Sie spürte, wie Ron zitterte, den Kopf schüttelte und mit schneeweißem Gesicht zwischen den Anhängern des Ordens hin- und herblickte.
„Minerva befindet sich derzeit im Ministerium, um…"
Molly klammerte sich an Arthur wie Hermine an Ron. Oder vielleicht war es auch umgekehrt und Arthur versuchte, seine Frau von einer Dummheit abzuhalten. Wie etwa Moody anzugreifen. In ihren Augen blitzte Mordlust.
„Ihr habt Harry an du weißt schon wen verkauft", stellte sie fest, ihre Stimme klang wie rasselnder Kies. „Und jetzt verlangt ihr tatsächlich, dass wir euch helfen."
Alastor lehnte am Schreibtisch, die Arme verschränkt und schüttelte langsam den Kopf. Er sah müde aus. Müde und verbraucht.
„Wir verlangen gar nichts. Wir müssen allerdings diesen Krieg gewinnen, wenn wir Harry helfen wollen."
Molly trat einen Schritt vor, die rechte Hand lag an ihrem Zauberstab und Alastor seufzte, bevor er beschwichtigend die Hände hob.
„Ich weiß, was du sagen willst und du hast Recht. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Dumbledore selbst–"
„Albus Dumbledore hätte niemals zugelassen, dass Harry etwas passiert!" Mit einem Grollen stieß Hagrid sich von der Wand ab, an der er schwankend gelehnt hatte. Die Augen blutunterlaufen im teigigen Gesicht, machte er einen Schritt auf Alastor zu, noch einen und der ehemalige Auror hatte seinen Zauberstab gezogen, auch wenn ein Zauber gegen Hagrid nicht viel nutzen würde.
„Du solltest stehen bleiben, Hagrid."
„Warum? Willst du ihn sonst angreifen?" Auch Molly hatte ihren Zauberstab zwischen den Fingern, rote Funken stoben aus der Spitze, wie um die unausgesprochene Drohung zu unterstreichen. Arthur stellte sich vermittelnd zwischen die Kontrahenten und redete schnell und eindringlich auf sie ein.
Hermine hörte noch immer nur Wortfetzen. Es war ihr zu suspekt, was sie erfahren hatte, um es vorbehaltlos zu glauben. Der Orden sollte Harry verraten haben? Ihn mit Malfoys Hilfe an Voldemort ausgeliefert und genau das schon von langer Hand geplant haben?
Es musste ein Scherz sein. Ein schlechter Scherz, der einfach nicht wahr sein durfte.
Denn, wenn nicht an das Gute, das der Orden des Phönix für sie immer verkörpert hatte, woran sollte sie sonst glauben?
Es war, als wäre die Welt ins Schwanken geraten, als würde ihre kleine Realität tiefe Risse bekommen, durch die Schatten eindrangen, die klare Konturen verschwimmen ließen, an die sie bis jetzt immer festgehalten hatte.
Sie sah Alastor an und wünschte, er würde jedes einzelne Wort rückgängig und ungeschehen machen. Doch er tat natürlich nichts davon. Er schob nur den Zauberstab zurück in seinen Robenärmel und Hermine bemerkte trotz der nagenden Mischung aus Wut und Furcht, die ihre Knie schwach und zittrig werden ließ, das Beben knotiger Finger. Sein gesundes Auge lag in einer tiefen Höhle und blickte auf eine tobende Molly, die sich kaum artikulieren konnte, nur fauchte und spuckte wie eine wütende Katze. Arthur versuchte noch immer vergeblich, seine Frau zu beruhigen und Hagrid schien zu erwägen, Alastor mit bloßen Händen anzugreifen.
Sie musste sich korrigieren. Ihre Welt schwankte nicht, sie brach auseinander. Stück für Stück.
Hermine schluckte gegen das Brennen an, das ihre Sicht trübte. Sie hatte geahnt, wo Harry war. Sie hatte es schon geahnt, als Ron ihr von Remus' Auftritt im Morgengrauen erzählt hatte. Remus Lupin war niemand, der leicht in Panik geriet und Ron hatte gesagt, dass Remus außer sich gewesen war. Und als sie auch Malfoy vergebens gesucht hatten…
Ron hatte sofort einen Verrat von Malfoy gewittert und Hermine hatte es zwar geahnt, aber es jetzt zu wissen, es aus Moodys Mund zu hören, war etwas vollkommen anderes. Zu wissen, dass der Orden, dass Dumbledore all das geplant hatte, war wirklich etwas vollkommen anderes.
Dieses Wissen brach etwas in ihr entzwei.
„Lass uns gehen, es hat keinen Sinn, solange sie streiten."
Hermine erschrak. Ihre Stimme war so klar wie Glas, als sie Ron mit sich zog. Da war kein Zittern, das verriet, wie es in ihr aussah. Dabei hatte sie nicht einmal gedacht, die Worte herausbringen zu können, bis sie ihr über die Lippen kamen.
Ron blinzelte sie an, nickte, schien wie paralysiert zu sein, als er neben ihr zur Tür stolperte. Das schwere Holz fiel hinter ihnen ins Schloss und dämpfte Mollys schrille Stimme und Arthurs hektische Beschwichtigungen ebenso wie Hagrids Brummen, oder Alastors Seufzen.
Hermine ließ Ron keine Zeit, zerrte ihn weiter durch das Halbdunkel des Ganges.
„Wir müssen Ginny finden und Neville und die Zwillinge, einfach jeden, der uns helfen kann."
„Helfen?" Ron hörte sich an, als hätte sie ihn eben aus dem Schlaf geschüttelt. „Wobei helfen?"
„Harry zu finden, natürlich."
Hermine spürte, wie Ron stockte, grub ihre Finger tief in seinen Arm und zog ihn hinter sich her in den Speisesaal. Sie ahnte, dass er sie ansah, als hätte sie den Verstand verloren. Vielleicht hatte sie das auch. Fest stand jedoch, dass sie nicht tatenlos herumsitzen und warten würde, bis der Orden sich entweder gegenseitig zerfleischt hatte, oder sich doch dazu entscheiden würde, Harry zu retten.
Sie hörte Ron schlucken, bevor er sich sanft aus ihrem Griff befreite, um seine Finger mit ihren zu verschränken. Erst jetzt wagte sie es, ihn anzusehen und die Erleichterung schaffte beinahe, was der Schock nicht vermocht hatte – ihr die Beine wegsacken zu lassen.
Ron lächelte, als er sie stützend an sich zog, ein vertrautes Blitzen in den blauen Augen, seine Hand drückte ihre.
„Neville müsste im Garten sein. Hol du Ginny."
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Wäre nicht das stetige Tropfen von Wasser gewesen und der muffige Kellergeruch, der es schaffte in Harrys Nase zu dringen, obwohl er sie in Dracos Haaren vergraben hatte – Harry hätte vergessen können, wo sie waren.
Es war beinahe wie im Kloster, das schmale Bett, Draco, der neben ihm lag, weich und warm, der leise und gleichmäßig atmete, das Gefühl von Frieden, der Wunsch, niemals aufstehen zu wollen… nur war es hier kalt, es war feucht und es war lebensgefährlich.
Die letzte Nacht war noch frisch in seinen Erinnerungen und Harry wusste, dass er ziemlich dümmlich lächeln musste. Nie hätte er gedacht, dass Draco… und dann hatte er es doch getan… gut, wahrscheinlich nur, weil er ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, aber das hatte nichts daran geändert, dass Harry es großartig gefunden hatte.
Auch wenn es sein Hochgefühl dämpfte, aus eigener Erfahrung zu wissen, dass es Draco nicht nur Vergnügen bereitet hatte…
Harry rührte sich nicht, um Draco nicht zu wecken, obwohl ihm jeder Muskel vom reglosen Liegen schmerzte. Er hätte gern einen Anhaltspunkt gehabt, wie lange er geschlafen hatte, ob es ein neuer Tag war, oder noch immer der alte. Aber das ewig gleiche Dämmerlicht der Fackeln war unverändert. Die Schatten wurden weder mehr noch weniger, kein Lichtstrahl von draußen, der ihm sagen konnte, dass die Zeit überhaupt verstrich.
Zwar wusste Harry, dass es keinen Sinn hatte, sich deswegen den Kopf zu zerbrechen, aber dieses Warten auf… irgendetwas machte ihn schier wahnsinnig. Auch wenn es half, Dracos Profil im Fackelschein zu betrachten. Harry war froh, dass er noch schlief, dass er nicht bemerkte, wie er ihm vorsichtig ein paar blonde Strähnen beiseite strich. Harry genoss den Frieden und versuchte nicht daran zu denken, dass im Grunde genommen nichts wirklich zwischen ihnen geklärt war.
Auch das war wie im Kloster.
Schritte unterbrachen das Einerlei des tropfenden Wassers und Harry schreckte auf, schlang instinktiv einen Arm fester um Draco, sich ihrer verletzlichen Nacktheit unter der zerschlissenen Decke nur zu bewusst, als der blaue Schein von Lumos näher kam.
Auch Draco versteifte sich, presste sich mit dem Rücken an Harry, hörbar schluckend, weil es nicht wie erwartet einer von Voldemorts Folterknechten war.
Sondern Lucius und Narzissa Malfoy.
Harry spürte Hitze, die sich unaufhaltsam auf seinem Gesicht ausbreitete. Dennoch ließ er Draco nicht los, der sich anscheinend durch pure Willenskraft in Luft auflösen wollte, als Lucius' Augen schmal wurden und Narzissa den Blick abwandte.
Nur Rabastan grinste breit, als er mit einem Zauberstabschlenker die Zellentür öffnete.
„Scheint, als hättet ihr euch wieder vertragen." Er grinste noch immer, als er sich spöttisch vor Dracos Eltern verbeugte. „Ihr habt zehn Minuten."
„M-mutter…" Draco stotterte (und Harry hatte ihn niemals so verunsichert erlebt, wie in diesem Augenblick), als Narzissa mit ausholenden Schritten die kleine Zelle durchquerte, es irgendwie schaffte, nur Draco anzusehen und nicht Harry, der halb über ihm kauerte, um ihn zu beschützen und ein unförmiges Paket auf ihre Decke warf.
„Zieht euch an. Ihr habt gehört, dass wir nicht viel Zeit haben."
Sie drehte sich um und zu Harrys unendlicher Erleichterung (und gleichzeitiger Wut auf sich selbst, weil er erleichtert war), drehte auch Lucius Malfoy sich um. Allerdings nicht, ohne ihm noch einen Blick zuzuwerfen, der tausend Tode versprach.
„In dem Beutel ist auch noch etwas zu Essen, es wird bis morgen reichen."
Harry beeilte sich, die alte Robe überzuziehen, die zwar zerschlissen, aber immerhin warm und trocken war, genauso wie die Hosen, die er sich hastig über die Hüften zerrte. Draco kleidete sich schweigend an, lächelte ihn an, was eher einer Grimasse glich und griff nach seiner Hand, drückte sie flüchtig, bevor er aufstand.
„Danke, Mutter."
Narzissa zuckte zusammen, als wäre Dracos Stimme eine Peitschenschnur auf ihrem Rücken und straffte die Schultern, als sie sich zu ihm herumdrehte. Harry blieb auf dem Bett sitzen, er wollte die Familie nicht stören, nicht mehr als nötig – zumal er die Peinlichkeit der ersten Minuten nicht vergessen hatte.
Also blieb er außer Hörweite, während Draco leise mit seinen Eltern redete. So konnte er beobachten, in den Schatten der Zelle halb verborgen und mit Sicherheit vergessen, dass Draco Lucius mit Blicken nur streifte, ihn nie direkt ansah und mehrmals schluckte, bevor er das Wort an ihn richtete.
Harry runzelte die Stirn; Draco hatte ihm nicht detailliert erzählt, wie die Begegnung mit seinen Eltern abgelaufen war, er hatte es sich nur zusammengereimt und jetzt musste er gegen den Wunsch ankämpfen, sich einfach zwischen Draco und dessen Vater zu stellen.
Harrys Fuß berührte schon den kalten Boden, als Lucius eine Hand auf Dracos Schulter legte und gequält lächelte. Der Mann sah mitgenommen aus und für einen Moment hatte Harry Mitleid mit ihm – immerhin wäre es für Harry Vater wohl auch… nein, vermutlich wäre es kein allzu großer Schock gewesen.
Harry verdrängte den unangenehmen Gedanken, und sah erleichtert, dass Draco lächelte, scheu über die Schulter zu ihm blickte und nickte, als Lucius weiter auf ihn einsprach.
Und rot wurde, während Narzissa erst hinter vorgehaltener Hand hüstelte und dann leise lachte, ein seltsam melodischer Laut in dieser tristen Umgebung.
Harry brannte jetzt doch vor Neugierde, worüber sie sprachen (vermutlich über ihn, so wie sie ihn immer wieder ansahen) und Harry spürte einen winzigen Stich Eifersucht. So vertraut und entspannt hatte er Draco noch nie gesehen. Harry glaubte, die Kluft zu erkennen, die sich schloss, mit jedem Lachen Narzissas und jedem kurzen Zerzausen blonder Haare von Lucius ein Stück mehr.
Draco nickte und flüsterte und schien glücklich. Und Harry wurmte es, dass er es kaum jemals geschafft hatte, Draco so lächeln zu lassen.
Seufzend wandte er den Blick von der kleinen Familie ab und schalt sich einen Idioten. Vor einigen Stunden noch hatte er Draco verflucht und auf ihn eingeprügelt und jetzt gönnte er ihm nicht einmal die wenigen Minuten mit seinen Eltern, ohne sich vernachlässigt zu fühlen.
Harry barg das Gesicht zwischen den Knien und atmete tief durch, als Lucius' Stimme laut das Flüstern unterbrach.
„Du hast was getan?"
Harry blickte hoch und war einen Herzschlag später auf den Beinen und neben Draco. Lucius war weiß vor Zorn, selbst das flackernde Fackellicht konnte es nicht verbergen und Draco wich einen Schritt zurück, den Kopf erhoben.
„Ich habe es Harry erzählt. Alles."
„Bist du wahnsinnig? Dann war alles umsonst! Alles, was wir getan haben, was du getan hast! Warum hast du…"
„Lucius, bitte. Es spielt keine Rolle, was Potter weiß. Der Plan ist ohnehin gescheitert."
Narzissas Hände waren klein und schmal und sehr hell, wie sie auf Lucius' dunkler Robe lagen. Sie sah ihren Mann an, als wolle sie ihn hypnotisieren und Harry war überrascht, wie weich Lucius' graue Augen werden konnten, wenigstens kurz, bevor sich seine Willenskraft wie ein Schatten über seine Gefühle legte.
„Und wenn der Dunkle Lord ihn sich vornimmt?" Lucius spie die Worte in Harrys Richtung. „Jetzt ahnt er vielleicht, dass wir Verräter sind, aber dann weiß er es und unser Leben ist keinen krummen Knut mehr wert."
„Als ob es jetzt mehr wert wäre." Narzissa klang wie ein scharfer Dolch. „Wir waren uns des Risikos bewusst. Und er hätte auch in Draco alle Wahrheiten finden können, die er sucht. Es ist gleichgültig, was Potter weiß. Wichtig ist nur, dass wir jetzt warten und nicht die Nerven verlieren."
Harry runzelte die Stirn, blickte Draco an, der so ratlos aussah, wie Harry sich fühlte. Sprachen sie von der Mondfinsternis? Von den Plänen des Ordens? Oder einem neuen Plan? Harry öffnete den Mund, um zu fragen, als Rabastan zurückkehrte und die Malfoys herrisch aus der Zelle winkte.
„Schnell. Ihr seid schon viel zu lange hier unten. Und ich muss gleich auf eine Zusammenkunft."
Es entging Harry nicht, dass die Malfoys einen langen Blick austauschten. Und dass sie anscheinend nicht zu dieser Zusammenkunft geladen waren.
Draco küsste seine Mutter, umarmte seinen Vater und stand still neben Harry, als die Zellentür mit vernichtender Endgültigkeit hinter seinen Eltern zugeschlagen wurde. Ihre Schritte hallten hohl von den Wänden wider, bis Lucius inne hielt und sich umdrehte, Harry mit kalten, abschätzenden Augen fixierte.
„Und Potter…"
Harry hob kampflustig das Kinn, er ahnte, was kommen würde und war bereit dafür einzustehen, dass er sich vor Draco gestellt hatte, dafür, dass er es immer wieder tun würde.
„Wenn wir uns das nächste Mal sehen, hast du besser Hosen an!"
Die Schritte waren schon lange verklungen, als Harry nicht mehr das Gefühl hatte, sein Gesicht zu nahe an kochende Lava gehalten zu haben. Draco griff nach seiner Hand, und drückte sie tröstend.
„Tja, ich schätze, den guten ersten Eindruck hast du versaut."
Harry blinzelte perplex und boxte dem breit grinsenden Draco dann spielerisch in die Rippen.
„Ich schätze, den habe ich schon in meinem zweiten Jahr versaut."
Draco boxte ihn zurück, lachend.
„Ja, du warst Schuld, dass wir unseren besten Hauselfen verloren haben."
Harry schubste Draco – rein zufällig in Richtung Bett.
„Ihr hattet doch sicher ganze Horden und habt den Verlust gar nicht gemerkt!"
Draco umklammerte Harrys Handgelenk, zog mit sich, als er rücklings fiel und lächelte, weil Harry sich bemühte, nicht so hart auf ihn zu fallen – ihm vielleicht weh zu tun.
„Nein, die haben wir verloren, als ich ihnen mit sechs Kleidung geschenkt habe, damit sie nicht so frieren."
Harry lachte glucksend, bis Draco ihn küsste und vergaß alles andere um sich herum. Den Kerker. Voldemort. All das Unausgesprochene zwischen ihnen. Wie er immer alles vergaß, wenn er mit Draco zusammen war.
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Hermine eilte durch die dämmrigen Gänge nach draußen, ohne sich zu vergewissern, dass Ginny und Blaise mithalten konnten. Sie wollte zu Ron zurück, schnell, damit sie in ihrem Entschluss nicht schwankte. Auch in dem, Blaise mitzubringen. Ron würde begeistert sein, doch Ginny hatte darauf bestanden und Hermine musste zugeben, dass sie nicht wählerisch sein durften, wer ihnen half.
Der Morgen war noch jung genug, dass ihnen nicht allzu viele Menschen begegneten und Hermine war froh darum. Sie ahnte, dass man ihr die flackernde, nur schwer zu bezwingende Panik an der Nasenspitze ansehen konnte.
Ron dagegen sah sie den Unmut schon von Weitem an, als sie den Klostergarten erreichten. Er stand neben Neville, dessen Hände voller Erde waren und runzelte die Stirn, als er Blaise erblickte.
„Was will der hier?", fragte er statt einer Begrüßung und wies unwirsch mit einem Kopfrucken in Blaises Richtung. „Als hätten wir mit verdammten Slytherins nicht schon genug Ärger gehabt."
Blaises Augen wurden schmal, als er Ron abfällig musterte.
„Ich bin hier, um zu helfen. Granger hat angedeutet, dass es dringend wäre."
„Klar, deine Hilfe kann ich mir vorstellen", schnaubte Ron, die Augen voller Drohungen. „Wir brauchen dich nicht. Malfoy hat schon genug geholfen."
„Blaise ist nicht wie Malfoy!", spuckte Ginny, heiser vor Wut. „Er –"
„Ich bin nicht wegen Potter oder Malfoy hier. Oder wegen dir", unterbrach Blaise nach Ginnys Hand greifend.
„Genug." Hermine trat dazwischen, als Ron Luft holte. „Wir haben keine Zeit für solche Spielchen, Harry hat keine Zeit!" Sie sah Ginny an, bis das Mädchen sich auf die Unterlippe biss und zu Boden blickte, das Kinn trotzig vorgeschoben. „Ron, bitte… du darfst später so lange und soviel du willst den großen Bruder spielen…"
„Geschenkt, Hermine."
Ron unterbrach sie mit einer wegwerfenden Handbewegung und verzog sich zu der kleinen Mauer des Hochbeetes, das Neville liebevoll angelegt hatte. Hermine sah ihm unglücklich nach und hätte Blaise am liebsten fortgeschickt, aber dann wäre Ginny wohl mit ihm gegangen und alles wäre noch schwieriger, als es ohnehin schon war.
„Wenn wir dann soweit wären… was ist eigentlich passiert?" Nevilles Stimme war wunderbar ruhig und Hermine lächelte ihn dankbar an, bevor sie erzählte. Alles erzählte. Auch von Harry und Draco, was Neville zu überraschen schien, Blaise dafür weniger. Sie erzählte von dem Verrat des Ordens und dass sie vorhatten, Harry zu suchen.
Sie unterbrach sich, als Blaise lachte, heiser und ganz ohne Humor.
„Viel Spaß dabei."
„Wir wissen, dass es nicht einfach wird", erklärte Hermine steif. Blaises hochmütiges Lächeln reizte ihre blank liegenden Nerven nur noch mehr. „Wir wissen, dass wir uns Gefahr begeben müssen."
„Ihr wisst gar nichts", sagte Blaise verächtlich. „Was glaubt ihr, wo ihr hinwollt? Ihr wollt ins Schloss des Dunklen Lords eindringen – und was dann? Nett nach dem Weg in die Kerker fragen, um Potter zu retten? Ihr wärt tot, bevor ihr auch nur den Wald verlassen habt. Was denkst du? Dass das hier ein Kinderbuch ist, in dem die Guten aus Prinzip gewinnen? Wach auf, Granger, das hier ist ein verdammter Krieg und den gewinnt man nicht mit Glück und Zufällen!"
„Jetzt hör mir mal zu, du…"
Hermine hatte Ron gar nicht kommen gehört, sie bemerkte erst, dass er neben ihr stand, als er seine Hände auch schon an Blaises Kragen hatte. Sie hörte auch nicht, was Ron sonst noch alles zu sagen hatte, oder dass Ginny Ron wütend und hysterisch anschrie, oder dass Neville ruhig zu vermitteln versuchte.
Ihr wärt tot, bevor ihr auch nur den Wald verlassen habt.
Wenn Blaise wusste, dass es dort einen Wald gab, dann wusste er vielleicht auch, wo der Unterschlupf lag… war vielleicht selbst einmal dort gewesen. Die Erkenntnis durchpulste sie so heiß und schmerzhaft, als hätte sie an eine heiße Herdplatte gefasst. Hermine keuchte, und schob sich ohne nachzudenken zwischen Ron und Blaise, dem sie dadurch so nahe kam, dass sich ihre Nasenspitzen berührten.
„Sag mir, wo das Schloss ist."
Blaises braune Augen wurden schmal und berechnend.
„Nein."
Und Hermines Zauberstab bohrte sich in eine weiche, ungeschützte Kehle. Sie war jetzt ganz ruhig, so konzentriert, als müsse sie einen besonders komplizierten Zauber sprechen.
„Doch, ich denke schon, dass du das tun wirst."
„Sonst was?" Blaise schnaubte abwertend. „Ich kenn dich, Granger, du würdest mir niemals etwas antun. Dafür bist du viel zu anständig. Eine Gryffindor durch und durch."
„Ja, aber ich bin auch Harrys Freundin." Hermine rang sich ein Lächeln ab, es würde ihr Leid tun, wenn sie Blaise wirklich verhexen müsste – was nicht hieß, dass sie es nicht täte. „Du hast die Wahl, Zabini, freiwillig oder gezwungen, aber du wirst mir sagen, wo dieses Schloss ist."
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Remus schlug die Augen auf, als kleine Kinderhände ihn ungeduldig schüttelten. Megan klang so aufgekratzt, als wäre das alles hier wirklich ein ganz großes Abenteuer:
„Nurai hat gesagt, du sollst aufstehen. Sie sagt, dass die anderen gleich hier sein werden. Schnell, beeil dich."
Dabei war es doch nur ein großer Albtraum.
Zumindest für Remus, der sich mühsam aufrappelte; der harte Boden und der unruhige Schlaf der kurzen Nacht ließen ihn jetzt jeden Muskel spüren.
„Wer ist gleich hier?"
Das Mädchen zuckte nur die Schultern und wirbelte auf dem Absatz herum, dass ihre Haare flogen, bevor sie zu der gebeugten Gestalt der Hexe rannte, die am Feuer hantierte. Remus straffte sich, als die Alte sich zu ihm herumdrehte und ihn taxierte. Ihre anklagenden Worte hallten noch immer in Remus' Ohren wider und die Demütigung, weil sie in seinen persönlichsten Erinnerungen gewühlt hatte, war schmerzhaft wie ein Stachel in seinem Fleisch.
Sie nickte ihm zu und reichte Megan eine Schale, mit der sie das Mädchen zu ihm schickte – nachdrücklich, mit einem kleinen Schubs, weil das Kind nur widerwillig reagierte. Megan stolperte und blickte böse über die Schulter zurück, bevor sie vor Remus stehen blieb.
„Da. Du sollst essen, sagt Nurai."
Remus bedankte sich, nahm den grünbraunen Brei, den er schon gestern verschmäht hatte und fragte sich, was er dem Kind getan hatte, dass es ihn so sehr ablehnte. Und was Malfoy getan hatte, dass sie ihn so vergötterte. Es war müßig, sich ausgerechnet über solche Nichtigkeiten den Kopf zu zerbrechen, während er den (überraschend gut schmeckenden) Pamps aß, doch über die wesentlich wichtigeren Fragen wollte er nicht nachdenken.
Zum Beispiel, wann die Hexe ihn auffordern würde, ihren Wald zu verlassen.
Oder wie er den anderen sein Versagen erklären sollte.
Oder wie sie Harry befreien könnten.
Oder ob sie ihm wirklich die Wahrheit gesagt hatte, dass sie schuld an allem waren.
Oder…
„Du denkst zuviel, Wolf. Dein Kopf muss schon ganz wund sein von der ganzen Denkerei. Aber das habt ihr Wölfe anscheinend an euch. Entweder, ihr denkt zuviel, oder gar nicht."
Remus antwortete nicht, sondern wartete lieber ab, was die Hexe von ihm wollte, als sie sich neben ihn auf einem Baumstumpf niederließ, der vorher sicher nicht da gewesen war. Nurai sah ihn nicht an, sondern beobachtete Megan, die sich von Ignis den Bogen zeigen ließ, den die Zentaurin über der Schulter trug. Das Gesicht des Mädchens war voller Eifer und Wissbegierde.
„Sie ist ein gutes Kind, obwohl sie ein Mensch ist. Sie stellt die richtigen Fragen. Das musst du noch lernen."
Remus schluckte den letzten Rest Brei und eine scharfe Antwort. Er betrachtete das faltige Profil der Alten, die zerbrechlich anmutende Gestalt unter der bunt zusammengewürfelten Kleidung. Sie wirkte wie eine normale, alte Frau, ein wenig verschroben, aber nicht halb so mächtig, wie Remus letzte Nacht zu spüren geglaubt hatte.
„Wirst du uns helfen?"
Sie lachte. Ein leises, meckerndes Lachen, das den krummen Rücken beben ließ.
„Wieder stellst du die falsche Frage. Es geht nicht darum, was Nurai tun wird. Es geht darum, was Nurai tun kann."
Remus zuckte zusammen, als sie ihn ansah, aus der Nähe und bei Tageslicht waren ihre blauen Augen erschreckend intensiv, trotz der tiefen Höhlen, in denen sie lagen, oder vielleicht auch genau deswegen.
„Nurais Macht ist begrenzt. Nurai ist Herrin und Gefangene zugleich und sie ist nicht allein." Die knotige Hand deutete zum anderen Ende der Lichtung, wo sich Eibensträucher teilten.
Remus schnappte nach Luft, als er den Mann sah, der die Lichtung betrat. Er war in Felle und Leder gekleidet und sein dunkles Haar fiel in wild blickende Augen. Remus witterte den Wolf, wie er selbst gewittert wurde. Der Mann verengte die Augen und Remus konnte die Abwehr förmlich spüren, die jäh von ihm ausging.
„Gabriel. Der Rudelführer", sagte Nurai leise, ohne sich zu rühren. „Ihn zur Hilfe zu überreden wird eine harte Nuss für dich werden."
Wieder raschelte es im Unterholz und der mächtige Leib eines Zentauren schob sich ins Sonnenlicht, leuchtete wie Gold und Silber.
„Aber Vates zu überreden wird fast unmöglich sein."
OoOoo
Narzissa bemühte sich, nicht ganz so erleichtert auszusehen wie sie sich fühlte, während sie Lucius folgte, dessen schnelle Schritte wieder einmal seinen Unmut verrieten. Sie ahnte, was es ihn gekostet hatte, Potter nicht den dürren Hals umzudrehen und ihm nur unterschwellig zu drohen. Allerdings war Narzissa sich ziemlich sicher, dass jede Drohung vergebens war.
Es war tatsächlich befremdlich, zu wissen, dass Draco und Potter Dinge miteinander taten… über die sie nicht näher nachdenken wollte. Draco war in ihren Augen noch immer ihr Kind, der kleine Junge, den sie mit Liebe überschütten konnte. Sie wollte nicht darüber nachdenken, dass er nicht die Finger von Potter lassen konnte.
Genauso wenig würde sich wohl Potter von ihm fern halten, gleich, welche Drohungen Lucius von sich gab.
Es hatte sie überrascht und sogar ein wenig… beruhigt, wie schnell er sich vor Draco geschoben hatte – noch etwas, was Lucius wahnsinnig machen musste – als er dachte, er wäre in Gefahr. Und die trotzige Entschlossenheit in den grünen Augen hatte sie ebenso überrascht, wie die Blicke, die er Draco vorher zugeworfen hatte. Sie kannte diese Blicke selbst nur zu gut, genoss es immer wieder, wenn Lucius sie auf diese Weise ansah.
Und sie hatte Dracos Blicke bemerkt, das warme Leuchten in seinen Augen, neu und unbekannt und ein wenig schmerzhaft…
Narzissa schloss die Tür zu ihrem Zimmer, gerade in dem Augenblick, als Kristall mit sprödem Klang an der Wand zerschellte. Bücher folgten. Ein Kerzenständer. Als Lucius nach der Karaffe griff, trat sie ihm in den Weg.
„Ich hätte zuerst gern ein Glas, wenn es dir nichts ausmacht."
Lucius starrte sie an, als würde er sie im ersten Moment gar nicht erkennen, dann lockerte sich sein Griff und er wischte sich das wirre Haar aus der Stirn.
„Du trinkst doch sonst nicht so früh am Morgen."
Narzissa machte noch einen Schritt auf ihn zu, legte den Kopf in den Nacken, um ihn ansehen zu können und eine Hand auf seine Brust. Sein Herz schlug schnell, so als wäre er gerannt.
„Nun, später wird wahrscheinlich nicht mehr viel vom Wein übrig sein."
Er lächelte und es zerriss ihr die Seele, weil dieses Lächeln voller Qual war, als er nach ihrer Hand griff und zu seinen Lippen führte. Wie immer war eine Berührung von ihm so kostbar wie Gold.
„Ist gut. Ich werde versuchen, mich nicht mehr aufzuregen."
„Hast du Draco jemals so glücklich gesehen?", fragte Narzissa, wissend, dass dieses Thema ebenso gefährlich wie notwendig war.
Lucius zuckte zusammen, küsste ihre Fingerspitzen mit einem Seufzen und schüttelte geschlagen den Kopf.
„Du bist hartnäckig, Frau. Gib mir ein paar Tage mehr, mich an den Gedanken zu gewöhnen. Ich habe Draco doch versichert, dass es keinen Unterschied macht. Nicht einmal, wenn es denn unbedingt Potter sein muss."
Ihr entging nicht, dass er Harrys Namen aussprach, als wäre er etwas besonders Übelschmeckendes, doch sie schwieg. Schon allein, weil seine Augen, die sie festhielten und seine Lippen auf ihren Fingerspitzen ihr den Atem nahmen.
„Ich will, dass Draco glücklich ist, mit wem auch immer. Aber um glücklich zu sein, muss er leben und wenn ich auch nur den leisesten Zweifel habe, dass Potter eine Gefahr für ihn oder dich darstellt, werde ich den Jungen töten, gleichgültig, ob Draco mich dafür hasst."
Narzissa biss sich auf die Zunge und schlug die Augen nieder, damit Lucius nicht sehen konnte, was ihr durch den Kopf ging – dass sie genau das mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Erst der Druck seiner Finger um ihre, ließ sie wieder zu ihm aufsehen; hoffend, dass er nicht in ihren Augen lesen konnte.
„Ich weiß, dass du das nicht zulassen willst, und ich lasse mich auf den Kompromiss ein, zu warten, wie sich das Ganze entwickelt. Ich warte auf die Mondfinsternis, ich warte auf den Orden, aber ich warte nicht, bis meine Familie Schaden davongetragen hat."
Narzissa schluckte, fühlte sich ertappt und den Tränen schrecklich nahe, während Lucius wieder ihre Hand küsste, ihr schlechtes Gewissen mit den Zärtlichkeiten nur noch mehr anfachte.
Und auch das sah er ihr an.
„Glaubst du wirklich, ich habe nicht daran gedacht, dass die Legenden wahr sein könnten? Potter zu töten wäre die einfachste Möglichkeit, wenn wir sicherstellen könnten, vorher aus der Reichweite des Lords zu kommen." Lucius lächelte auf sie herab und Narzissa barg das Gesicht an seiner Brust, spürte das Flüstern mehr, als dass sie es hörte: „Wir hatten niemals Geheimnisse voreinander. Wir sollten jetzt nicht damit anfangen."
„Es tut…"
Zwei Finger unter ihrem Kinn und ein Kuss unterbrachen Narzissa, die fest ihre Augen schloss, um dem Brennen hinter ihren Lidern nicht nachzugeben. Sie hatte Tränen immer für eine schäbige Waffe gehalten, die sie niemals eingesetzt hatte.
„Ich weiß."
Er drängte sie zurück, fest umschlungen, damit Narzissa nicht über die langen Röcke stolperte, die den Boden wischten.
„Du musst dich nicht für den Versuch entschuldigen, Draco Kummer ersparen zu wollen."
Etwas an seinem Ton machte sie misstrauisch und sie blickte auf, wissend, dass das Bett in ihrem Rücken war.
„Wofür dann?"
Lucius' Hände waren schnell und sie waren geschickt, wie sie die Schleife in ihrem Rücken lösten, die das Korsett hielt.
„Dafür, dass du mich angelogen hast und bei Snape warst. Ich schätze, um dir seine Hilfe zuzusichern, sollte ich durchdrehen und Potter trotz allem töten wollen. Berichtige mich ruhig, wenn ich falsch liege."
Lucius grinste sardonisch und Narzissa schnappte nach Luft, als die Korsage nach einem letzten Ruck einfach herunterfiel und kühle Luft ihre bloßen Brüste streifte. Sie wagte kaum mehr, ihn anzusehen – ihre Täuschung musste ihm nicht nur billig, sondern geradezu stümperhaft vorkommen. Und Narzissa wusste selbst nicht mehr, was jetzt in ihr vorherrschte: Das schlechte Gewissen oder die Scham.
Oder doch die Lust, weil das Glitzern in seinen Augen unmissverständlich war.
„Dein Schweigen sagt mir, dass ich Recht habe. Und ich schätze, Snape hat ziemlich überrumpelt zugestimmt, wenn du ihm denn dafür genug Zeit gelassen hast – du warst ja nicht einmal fünf Minuten bei ihm."
„D-du hast mich verfolgt?" Narzissa schnappte nach Luft, empört darüber, dass Lucius ihr (zu Recht) nicht vertraut hatte und wand sich in seinem Griff. „Wie konntest du nur?"
„Dachtest du etwa, ich lasse dich noch länger allein in diesem verdammten Schloss umherstreifen und Bellatrix beschatten, nach allem was geschehen ist?" Lucius fing ihre Hände ein, die sich gegen seine Brust drückten und zog sie an sich. „Du kannst dir meine Überraschung gar nicht vorstellen, dass meine Frau, die ich eigentlich immer für sehr klug gehalten habe, Bellatrix bei Snape gesucht hat."
„Ich sagte bereits, dass es mir leid tut", gab Narzissa zu, jetzt wieder kleinlaut, ob des beißenden Spottes und weil ihr Vergehen wohl schlimmer war, als seines.
„Ja, das sagtest du, jetzt ist es an der Zeit, es auch zu zeigen."
Sein Kuss ließ sie atemlos zurück, wie von selbst schlangen sich ihre Arme um seinen Nacken, eine stumme Aufforderung, der Lucius wohl nachgekommen wäre, hätte sie nicht ein spöttisches Hüsteln unterbrochen.
„Ich hoffe, ich störe nicht."
Narzissa war erneut atemlos – diesmal allerdings, weil Lucius sie so fest an sich presste, dass es schmerzte, während er Rabastan über ihren Kopf hinweg giftig anstarrte und darauf achtete, dass ihr Haar ihren nackten Rücken verbarg.
„Du hoffst vergebens, Lestrange. Fass dich kurz."
„So unhöflich." Rabastan schnaubte, gespielt beleidigt und Narzissa wandte den Kopf, bis sie ihn ansehen konnte; er lächelte breit und selbstzufrieden. „Der Dunkle Lord wünscht heute Nacht deine Anwesenheit bei einem Auftrag in London."
„Wozu?"
Rabastan unterließ das spöttische Grinsen und zuckte gelangweilt die Schultern.
„Was denkst du, Lucius? Die Zeit bis zur Mondfinsternis ist lang und die Truppen müssen ebenso beschäftigt werden, wie die Muggel und die Zauberer. Wir apparieren um Mitternacht.
Narzissa spürte, wie ein Zittern durch Lucius angespannten Körper ging. Sie selbst erzitterte ebenfalls. Sie wusste, dass Lucius das Töten nicht leicht fiel, auch wenn er es niemals zugeben würde, nicht einmal vor ihr. Aber es gab keine Möglichkeit, sich diesem Befehl zu verweigern, mochte Lucius es wollen oder auch nicht.
„Ich werde bereit sein. Und jetzt verschwinde."
Sie schwieg, als Rabastan nach einem letzten höhnischen Blick den Raum verließ und Lucius seinen Zauberstab zückte, um ihn auf die Tür zu richten.
„Colloportus."
Die Tür glühte kurz auf und würde keinen unwillkommenen Besucher mehr einlassen, der sie stören konnte.
„Du wolltest dich entschuldigen", erinnerte Lucius sie, als hätte Rabastan sie niemals unterbrochen.
ooOoo
„Wie lange willst du mich noch bedrohen?", spottete Blaise, als die Sekunden verrannen und nichts geschah.
Solange, bis sich schmale Finger um Hermines Handgelenk schlossen und es unbarmherzig herunter drückten.
„Er weiß nichts, also lass ihn in Ruhe", befahl Ginny kalt. „Nicht er war dort, sondern ich."
Hermine blinzelte und ließ in ihrer Überraschung tatsächlich den Zauberstab sinken. Sie hatte vollkommen vergessen, dass Ginny einmal eine Gefangene am gleichen Ort gewesen war, an dem Harry jetzt festsaß.
„Dann sag mir wo…" Sie unterbrach sich, als es in Ginnys Augen ärgerlich blitzte. „Sag mir, woran du dich erinnerst. Bitte."
„Es war kalt, es war dunkel, und ich habe Rauschen gehört, als wäre eine Küste ganz in der Nähe. Allerdings war mein Verstand nicht ganz auf dem Damm, die Todesangst, wenn du verstehst." Ginny klang noch immer so entsetzlich kalt und Hermine begriff (voller Scham), dass sie selbst wohl nicht anders reagiert hätte, wäre Ron bedroht worden. „Ich weiß, dass da ein Wald war, ein paar Yards vom Schloss entfernt, ich konnte ihn sehen, als dieser Lestrange mich nach draußen gebracht hat, dann sind wir appariert und den Rest kennst du."
Hermine vermutete, dass Blaise die wesentlich ausführlichere Version der Geschichte kannte, so schmal wie seine Lippen waren. Sie wusste nicht, was sie mehr überraschte – die Sorge in seinen braunen Augen, oder die Zärtlichkeit, mit der er Ginny betrachtete. Hermine wandte den Blick ab und murmelte eine Entschuldigung. Sie ahnte, was es ihn kostete, hier zu stehen, allein, wo (fast) alle gegen ihn waren. Zu planen, wie man Harry retten konnte. Ausgerechnet Harry…
Zudem war ihr dringenderes Problem, dass sie noch immer keine Ahnung hatten, wo sie Harry suchen sollten. Küsten und Wälder gab es in Britannien viele…
„Willst du einen Rat annehmen, Granger?" Blaise klang widerwillig, stand hinter Ginny, eine Hand auf ihrer Schulter, ohne auf Rons Knurren zu achten. „Überlass die Sache dem Orden. Das hier ist zu groß für euch."
Für einen Moment dachte Hermine tatsächlich daran, es zu lassen. Einfach zu warten und sich hinter der hübschen Lüge zu verstecken, die der Orden war. Blaise hatte Recht, diese Sache war zu groß für sie. Sie alle konnten sterben – wie in ihrem ersten Jahr in Hogwarts, unten in den Katakomben. Oder bei der Rettung von Sirius. Oder im Ministerium.
Ron trat neben sie, gelassen und ruhig, lächelnd und griff nach ihrer Hand.
„Ja, mag sein", sagte er gedehnt. „Aber wir sind Todesgefahr inzwischen echt gewöhnt und wir werden Harry nicht hängen lassen."
Hermine drückte Rons Finger, die beruhigend warm waren und lehnte sich an ihn, froh, nicht allein zu sein.
Auch wenn es schmerzte, auf Ginny bei diesem Abenteuer verzichten zu müssen, aber sie würde sie nicht zwingen, sich gegen Blaise zu stellen.
„Wie ihr meint. Mir ist es im Grunde egal. Ich werde dort sein, wo Ginny ist."
Der zu überraschen wusste.
„Hermine, ich glaub' mir ist nicht gut", stichelte Ron, auch wenn er Gefahr lief, von Ginny mit Blicken getötet zu werden. „Soviel Selbstlosigkeit von einem Slytherin ist gruselig."
Ginny öffnete schon den Mund, vermutlich, um einen schön lauten Streit vom Zaun zu brechen, als Neville dazwischen trat, beide Hände erhoben, das runde Gesicht ernst und nachdenklich.
„Ich würde vorschlagen, dass wir Harry wissen lassen, dass wir ihm zu helfen versuchen. Wenn er verraten wurde, wird er… sich allein fühlen."
Hermine wollte sich nicht vorstellen, wie Harry sich fühlen mochte. Von allen verraten – vor allem von Malfoy verraten. Sie hatte schließlich sehen können, wie Harry den Jungen angeblickt hatte. Für ihn hatte er alles aufs Spiel gesetzt. Jetzt von ihm hintergangen zu werden, musste für Harry der Weltuntergang sein.
„Klar, schickt ihm doch eine Postkarte", höhnte Blaise, den Kopf schüttelnd, als könne er so viel Dummheit nicht einmal bei Gryffindors verstehen.
Neville grinste überlegen und kratzte sich gespielt nachdenklich am Kinn.
„Ich persönlich hätte eher einen Patronus vorgeschlagen, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass es dafür keine Abwehrzauber gibt."
„Ach ja, woher willst du das wissen?", fragte Blaise trotzig, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Bei Alastor nicht aufgepasst, huh? Todesser haben keinen Patronus, sie haben anscheinend nicht genug glückliche Erinnerungen oder Gefühle, zudem wird, du weißt schon wer, auch kaum Schutzwälle gegen absolut weiße Magie aufstellen. Er wird gar nicht damit rechnen, dass jemand einen Patronus schicken könnte."
Neville lächelte breit und verbeugte sich knapp vor einem sprachlosen Blaise.
Und Hermine hätte ihn am liebsten geküsst, als sie sich der Genialität seines Planes bewusst wurde. Sie könnten Harry wissen lassen, dass er nicht allein war, dass sie ihm helfen würden. Natürlich würde er nicht antworten können. Jetzt brauchten sie nur einen starken, gestaltlichen Patronus…
Hermine sah in die erwartungsvollen Gesichter um sich herum und schluckte gegen den plötzlichen Widerstand in ihrem Hals an.
„Versuch es", sagte Ron, aufmunternd lächelnd. „Wenn du es nicht schaffst, dann keiner von uns."
Das machte Hermine jetzt doch so nervös, dass ihr der Zauberstab aus den feuchten Händen zu gleiten drohte. Sie hasste diese Art von Druck, wenn der Erfolg auf ihren Schultern lastete wie ein schweres Gewicht, wenn sie sich fragen musste, was passieren würde, wenn sie es nicht schaffte. Oder wenn Neville sich irrte. Was, wenn doch jemand ihren Patronus bemerkte – immer vorausgesetzt, dass sie einen erschaffen würde. Was wäre dann mit Harry?
Blaise kniff die Lippen zusammen, als müsse er böse Worte zurückhalten und Hermine selbst war ebensowenig optimistisch, als sie sich eine Erinnerung an ihre Kindheit ins Gedächtnis rief.
Ein besonders harmonisches Weihnachtsfest. Sie saß mit ihren Eltern vor dem Kamin und fühlte sich geborgen und warm.
Leider wohl nicht glücklich genug, dem kläglichen weißen Schatten nach zu urteilen, der aus ihrer Zauberstabspitze quoll.
Der erste Tag in Hogwarts. So viel zu sehen, so viel zu lernen. Sie war nervös und aufgeregt, so sehr, dass sie kaum atmen konnte. Aber nicht glücklich genug, einen Patronus zu beschwören.
Das erste Jahr. In den ersten Monaten erinnerte sie sich daran, wie oft sie allein in der Bibliothek gesessen hatte. Und ab und an war sie glücklich über den puren Luxus an Wissen.
Doch das erste Mal richtig glücklich war sie erst später gewesen, zusammen mit Ron und Harry. Vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum. Im Speisesaal. In Hagrids Hütte. Beim gemeinsamen Lernen, auch wenn die beiden das damals wohl weniger glücklich gemacht hatte…
Wärme stieg in ihrem Bauch auf, aber sie wusste schon, dass es nicht reichte, als sie die Worte noch gar nicht ausgesprochen hatte. Damals hatte es sie glücklich gemacht, nur mit Ron und Harry beisammen zu sein. Mit ihnen Abenteuer zu bestehen. Doch jetzt…
Hermine schloss die Augen, tief durchatmend, spürte Ron, der noch dichter an sie herantrat, spürte weiche Lippen auf ihrer Wange und sie spürte dieses pure Glück, das er ihr durch seine bloße Nähe schenkte. Sie lehnte sich lächelnd in die Umarmung, und ließ dieses warme Gefühl die Führung übernehmen.
„Expecto Patronum!"
ooOoo
Remus schlich hinter Nurai her, schon jetzt entmutigt durch ihre Worte. Der Zentaur sah wirklich wenig versöhnlich aus, so wie er Ignis anstarrte, an deren Hinterhand sich Megan lehnte, die wie erstarrt schien.
„Hast du das Menschenkind immer noch bei dir, Pugh. Lässt du sie auf dir reiten, als wärst du ein gezähmter Esel?"
Er grinste über den eigenen Scherz und er grinste nur noch breiter, weil Ignis schwieg, nicht mehr tat, ihre Ehre zu verteidigen, als den Kopf eine Handbreit zu heben und die Lippen zusammenzupressen. Remus fragte sich, warum – immerhin schien sie niemand zu sein, der Beleidigungen tolerierte.
Der Zentaur wandte sich ab, schnaubte dem anderen Werwolf verächtlich ein „Du stinkst nach Blut, Gabriel" entgegen und Remus konnte sehen, wie Megan sich hinter Ignis' Körper hervortraute und dem Zentaur die Zunge herausstreckte.
Auch Nurai hatte es gesehen, und drohte spielerisch mit dem Finger, als sie, zur Feuerstelle humpelte. Remus folgte ihr und konnte hören, wie Ignis dem Kind befahl, sich ruhig zu verhalten, bevor die Kleine neben ihm abgestellt wurde.
Sie selbst stellte sich auf Nurais freie Seite, Arme vor der Brust verschränkt wie Vates, der Abstand zu allen hielt und dem Werwolf, der Gabriel hieß, ebenso hasserfüllte Blicke zuwarf, wie er es bei Ignis tat. Es war offensichtlich, dass er nicht hier sein wollte und doch war er es… was Remus allein auf Nurai schob, die ihren langen, knorrigen Stock einmal auf den Boden schlug und damit Baumstümpfe aus der dunklen, feuchten Erde zauberte.
Nicht, dass ihn hier noch irgendetwas hätte überraschen sollen… doch diese offensichtliche Macht über den Wald, die über bloßes Zaubern hinausging, faszinierte ihn doch mehr, als er zugeben wollte.
„Setzt euch", befahl Nurai. „Wir haben Gäste und es gibt Neuigkeiten in der Welt da draußen, die auch uns betreffen."
„Ein Werwolf", spuckte Vates verächtlich aus. „Noch mehr von dem Pack, das durch den Wald streift und das Wild wahllos tötet."
„Wir töten nicht wahllos", fauchte Gabriel, die dunklen Augen wild blitzend. „Wir brauchen Nahrung!"
„Ihr habt Mitglieder meiner Herde gejagt!"
„Sie waren jung und sie haben offensichtlich dafür bezahlt! Ich fand sie im Morgengrauen und sie waren von euren Pfeilen so schwer verletzt, dass wir immer noch um ihr Leben bangen!"
„Ich hätte deine Brut einfach töten sollen!"
„Du…"
Remus blinzelte, er hatte zwar gespürt, dass Zentaur und Werwolf sich nicht wohlgesonnen waren, doch dieser offensichtliche Hass zwischen ihnen war schon fast greifbar. Er sah Nurai an, die gelassen die Schultern zuckte und eine reife Eichel mit den letzten noch intakten Zähnen knackte.
„Den jungen Wölfen geht es gut, Ignis hat nach ihnen gesehen."
Remus konnte Ignis ansehen, dass sie es auf Befehl der Hexe getan hatte und fragte sich dunkel, warum Nurai ständig behauptete, nicht eingreifen zu dürfen, wenn sie es doch ständig tat.
„Seid ihr bald fertig?", fragte Nurai gereizt, als Gabriel aufgesprungen war, die Hand an dem Jagdmesser an seinem Bein. Vates, der sich natürlich nicht hingesetzt hatte, hielt seinen Bogen schon zwischen den Fingern. „Nurai würde jetzt wirklich gern den kommenden Weltuntergang besprechen, wenn es euch beiden Sturköpfen nichts ausmacht!"
Nun, es war wohl nicht besonders zartfühlend, aber viel Takt hatte Remus der Hexe auch nicht zugemutet. Zudem wirkte es.
Vates ließ den Bogen sinken, die hellen Augen schmal im blassen Gesicht.
„Was meinst du damit?"
„Hast schon länger nicht mehr in die Sterne geguckt, was, Vates?", spottete Nurai. „Solltest du beizeiten mal wieder tun, anstatt dem Füllen hinterher zu starren, das dich nicht will."
Remus verstand zwar nicht, was genau Nurai meinte, doch Vates Wangen, die grellrot anliefen, zeigten deutlich, dass die Hexe mit dieser Spitze ihr Ziel getroffen hatte.
„Wenn du es getan hättest", fuhr Nurai fort, ungerührt, obwohl Vates' Hände ebenso an seinem Bogen lagen wie die von Ignis. „Dann hättest du gesehen, dass das Hosghaj im Begriff ist zu zerbrechen…"
Sie lächelte, als die feuerroten Wangen alle Farbe verloren und auch Gabriel nach Luft schnappte. Nurai schien sehr zufrieden und spuckte braunen Eichelbrei in sterbende Glut.
„Hat Nurai jetzt also eure volle Aufmerksamkeit, ja? Dann hört gut zu."
ooOoo
„Quatsch, er hat bestimmt nicht nur gesagt, dass er sich nicht einmischt."
„Eben doch. Das, und dass ich einen wirklich miesen Geschmack habe."
Harry schnaubte und zog Draco, der breit grinsend über ihm kniete, zu sich herunter.
„Das passt schon eher."
Dracos leises Lachen erfüllte den Kerker mit einer seltsamen Leichtigkeit. Solch ein Laut schien nicht hierher zu passen. Ebenso wenig, wie die halblauten Neckereien zwischen den beiden Jungen auf der Pritsche, die ihre Umgebung völlig vergessen hatten.
Snape war gegen seinen Willen fasziniert von der Vertrautheit, die er zwischen Harry und Draco beobachten konnte. Er lehnte an der Wand, von Schatten verborgen und fragte sich, wann der Dunkle Lord darauf kommen würde, die Zuneigung der beiden gegen sie zu verwenden. Es wäre ein Leichtes und es war nur eine Frage der Zeit…
Und Snape wollte sich nicht vorstellen, wie dieses Etwas in Harry Potter darauf reagieren würde, sollte Draco ein Leid geschehen.
Jetzt bemerkte er nichts mehr davon. Harrys Augen leuchteten, während er sich mit Draco kabbelte, als wären sie hier auf der grünen Butterblumenwiese. Snape wandte den Blick ab, um nicht weiter zuzusehen, wie sie sich küssten und wäre am liebsten gegangen – aber er hatte Narzissa versprochen, auf Draco Acht zu geben, sooft er konnte.
Also fühlte er sich weiter wie ein Eindringling, lungerte in den Schatten herum und verschloss so gut es ging seine Ohren, um nicht mehr alles zu verstehen, was geflüstert wurde. Dennoch, jedes leise Lachen, jeder kleine Kuss erfüllte ihn mit einer Mischung aus Wehmut und Eifersucht.
Potter war in jeder Hinsicht wie sein Vater. Bis auf die Tatsache, dass er sich seiner Gefühle zu Draco nicht schämte und sie nicht verheimlichte. Trotz allem, was geschehen war.
Und das weckte Severus' Neid.
So oft hatte er sich vorgestellt, dass James so mit ihm turteln würde; damals, als er noch träumen konnte. Er hatte sich so sehr gewünscht, dass James sich vor ihn stellen würde, wenn Sirius ihn wieder triezte. Doch mehr als entschuldigende, heimliche Küsse hatte er nicht bekommen. James war nie soweit, dass er zu ihm stehen wollte und Severus hatte gewusst, dass James auch niemals soweit sein würde, als das mit Lily begonnen hatte.
Lily war perfekt gewesen. Sie hatte zu James gepasst. Sie war all das, was Severus nicht war und niemals hätte sein können.
Und jetzt stand er hier in einem feuchten Kellergewölbe und beobachtete Lilys Sohn, der die Welt retten sollte und sich stattdessen lieber Dinge mit Draco anstellte, für die Lucius ihn sicherlich schon vor Voldemort töten würde.
Dinge, die auch Snape von seinem Beobachtungsposten vertrieben. Er war kein Voyeur und er konnte einer besorgten Mutter guten Gewissens berichten, dass Potter dem jungen Malfoy kein Haar krümmte.
Nicht böswillig.
Allerdings…
Snape kräuselte die Lippen zu einem Lächeln, als er lautlos aus dem Halbdunkel trat und dicht neben die Gitter einen kleinen Behälter abstellte, der beiden von Nutzen sein würde. Und dessen plötzliches Auftauchen sie hoffentlich genug ins Grübeln brachte, damit sie ein klein wenig mehr Vorsicht walten ließen, Hormone hin oder her.
Er ging und bedauerte es ein wenig, nicht bleiben zu können, um die Gesichter zu sehen, wenn sie begriffen, dass man sie beobachtet hatte, aber er war es gewöhnt, Abstriche machen zu müssen. Jetzt blieb nur noch, Narzissa wissen zu lassen, dass es ihrem Sohn auch mit Potter allein gut ging, und…
„Was bei Merlins Bart –"
„Harry… weiß nicht ob das klappt… wir holen dich da raus… keine Angst haben…!"
Snape, mitten in der Bewegung erstarrt, blinzelte im Zwielicht des Kerkers und traute seinen Ohren nicht.
„Das ist Hermine!"
„… soll dir von Ron sagen… alles klar… und Malfoy bezahlt…"
Severus ging wie betäubt die wenigen Schritte zurück. Um Harry und Draco wirbelte eine kleine Lichtgestalt und Grangers Stimme erklärte bruchstückhaft, dass sie sich auf den Weg machen wollten, Potter zu retten.
Severus schnappte nach Luft, die ihm in der engen Kehle knapp wurde und lehnte sich schwer gegen die Wand, weil seine Knie plötzlich nachgaben. Für einen Augenblick wollte er leugnen, was er sah und hörte. So viel Pech konnte er einfach nicht haben.
Der merlinverdammte Patronus von Granger in Voldemorts Kerkern hatte ihm gerade noch gefehlt. Und diese Kinder, die sich in alles einmischten, hatten ihm sogar noch mehr gefehlt!
Wieder passierte etwas, das alles ins Wanken bringen konnte.
Severus unterdrückte einen Fluch, atmete tief durch und schüttelte die schockierte Lähmung ab.
Jetzt kümmerte es ihn nicht, ob sie seine Schritte hörten, als er die dunklen Gänge entlanghastete, die nur hier und da von Fackeln dürftig beleuchtet waren. Grimmig stieß er die Tür auf, die ihn noch tiefer in den Kerker und schließlich hinaus führen würde. Grangers und Weasleys wegen musste er das Risiko eingehen, am helllichten Tag seinen Patronus zu Alastor zu schicken, damit er diesen halsbrecherischen Plan vereitelte.
Noch immer glaubte er Grangers Stimme zu hören wie ein spöttisches Echo.
„…wir retten dich, Harry!"
Tbc
